nr. 266 Erstes Blatt
181. Jahrgang
Freitag, 15. November 1951
ErIcheinl täglich.oußei Sonntags und Feiertags Beilagen:
Die Illustrierte (Bie^ener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle Monats-Bezugspreis:
2.20 Reichsmark und 30 Reichspsennig für Trägerlohn, auch bei Nichterscheinen einzelnerNummern infolge höherer Gewalt.
Zernsyrechanschlüsse anterSammelnummer2251. Anschrift für Drahtnach. richten: Anzeiger Eietzen.
Postscheckkonto:
Sranffiirtam Main 11686.
Giehener Anzeiger
General-Anzeiger sm Oberhessen
Drnck und Verlag: vrützl'sche Unlverfilalr-Vuch- und Zteindruckerei R. Lange in Gießen. Zchristleitung und GeschiftsNelle: S-Wtra^e 7.
Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher.
Preis für 1 mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspsennig; für Reklameanzeigen von 70 mm Breite 35 Reichspfennig, Platzvorfchrist 20" , mehr.
Chefredakteur.
Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Gange; für Feuilleton Dr H.THyriot, für den übrigen Teil Ernst Blumfchein und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in Bietzen.
Die deutsch-französischen Verhandlungen.
Roch alles in der Schwebe. - Die Möglichkeit einer Einigung auf zwei parallelausschuffe zur Prüfung der deutschen Zahlungsfähigkeit.
Berlin, 12. Rov. (TU.) Der französische Botschafter Francois Poncet ist heute vormittag wieder in Berlin eingetroffen. Entgegen der Behauptung der „B. Z", die unter den großen Überschriften „Europakonferenz ist beschlossen" — „Verständigung in Paris" behauptete, daß die „Pariser Mission" des Botschafters beendet fei, und die deutsch-französischen Verhandlungen praktisch als abgeschlossen anzusehen seien, kann auf Grund von Erkundigungen an zuständiger Stelle gesagt werden, daß alles noch in der Schwebe ist. lieber die Frage der Zuständigkeiten des BIZ.- Ausschusses ist eine Einigung bisher noch nicht erzielt worden. Heberhaupt dürfte es leicht übertrieben sein, von einer „Pariser Mission" Poncets zu sprechen, der nach Paris gefahren war, um seine Gattin nach Berlin zu holen und bei dieser Gelegenheit selbstverständlich auch mit der französischen Regierung Besprechungen gehabt hat. Die Derhandlungssührung auf deutscher Seite liegt dagegen selbstverständlich in der Hand des deutschen Botschafters von Hoesch, dem Ministerialdirektor Ritter vom Auswärtigen Amt neue Weisungen der Reichsregierung übermitteln wird. Ministerialdirektor Ritter begibt sich bekanntlich als deutscher Generalsekretär-des deutsch-französischen Wirtschaftsausschusses heute nach Paris zu der am Freitag beginnenden ersten Sitzung.
In Berliner politischen Kreisen rechnet man nunmehr damit, daß die Entscheidung "bereits in allernächster Zeit fallen wird, vielleicht schon in den nächsten Besprechungen, die der Botschafter von Hoesch mit Laval haben wird. Diese Besprechung dürfte wohl bereits am Freitag stattfinden. Unter der Voraussetzung, daß sie eine Einigung bringt, würden dann die entsprechenden Beschlüsse der Reichsregierung sehr bald zu erwarten fein. Man kann wohl annehmen, daß dann gleichzeitig zwei Ausschüsse einberufen werden, also sowohl dec beratende Sonderausschuß bei der BIZ., wie auch ein Stillhalteausschuß. Beide Ausschüsse würden dann zwar nebeneinander tagen, cs liegt aber auf der Hand, daß die Ergebnisse ihrer Beratungen nur einheitlich bewertet werden könnten. Wie wir erfahren, entspricht die Ankündigung, daß Botschafter Francois Poncet nach seiner Rückkehr aus Paris noch heute eine Unterredung mit dem Reichskanzler haben werde, nicht den Tatsachen. Er hat sich bis zum Abend nicht bei Dr. Brüning angemeldet, und da dieser morgen nach Mainz fährt, um dort am Abend eine Rede zu halten, liegt es auf der Hand, daß der Botschafter wohl zunächst den Staatssekretär von Bülow über seine Pariser Eindrücke unterrichtet.
3m allgemeinen beurteilen politische Kreise den Stand der diplomatischen Fühlungnahme über Oie weitere Entwickelung der Reparationsfrage recht zuversichtlich. So sehen die Dinge nun allerdings nicht aus, wie sie heute in einem französischen Blatt, dem „Cxcelsior", dargestellt werden. Er behauptet, daß der Standpunkt der französischen Regierung sich in vier Punkte zusammenfassen lasse. Danach soll erstens der Sonderausschuß genau begrenzte Vollmachten haben. Demgegenüber muß man seststellen, daß die ganze Prüfung keinen Zweck hat, wenn sie sich nicht auf den gesamten Komplex der einschlägigen Fragen beziehen würde. Es hört sich ja auch merkwürdig an, wenn das Blatt — das ist der zweite Punkt — behauptet, _ es handele sich darum, die deutsche Lage zu prüfen und nicht, die deutsche Zahlungsfähigkeit noch einmal zu kalkulieren. Das ist ein Wider- sprach in sich, der auch nicht gerade dadurch an Logik gewinnt, daß das Blatt uns vorwirft, wir seien ein reiches Volk, das nur durch schlechte Verwaltung seinen Kredit zerstört habe. Ein so sachverständiges und maßgebliches Gremium wie der Wiggins-Ausschuh hat ausdrücklich festgestellt, daß Deutschland alles nur Mögliche getan hat, um seine Finanzen in Ordnung zu halten. Rach dem dritten Punkt des „Excelsior" will Frankreich sich dagegen wehren, daß die Reparationen den kurzfristigenKre- diten geopfert werden sollen. Riemand hat ein solches Verlangen gestellt. Aber Deutschland hat gefordert und muß diesen Standpunkt selbstverständlich weiter vertreten, daß die Gesamtlage berücksichtigt wird und sie wird von der Frage der kurzfristigen Kredite natürlich sehr stark beeinflußt.
Schließlich wird rn dem vierten Punkt die Regelung der Reparationen von einer parallelen Schuldenherabsetzung durch die Vereinigten Staaten. abhängig gemacht, das ist schon nach dem ganzen Gang der bisherigen Reparationsbesprechungen eine Unmöglichkeit. Sie stehen eben doch so, daß Präsident Hoover den Prozeß gewissermaßen an die erste Instanz zurückverwiesen hat, indem er Deutschland und Frankreich sich zunächst einmal untereinander auseinandersetzen läßt. In diesem Stadium kann aber keine Rede von den Schulden bei Amerika sein, auf deren Gestaltung Deutschland nicht den geringsten Em- sluß hat. Aus allen diesen rein sachlichen Unmöglichkeiten kann man eigentlich nur schließen, daß es sich mehr um vier Punkte des „Excelsior" als der französischen Regierung handelt. Ilm so not
wendiger erscheint es, ihnen sofort die Wirklichkeit entgegenzustellen.
Laval berichtet den Kammerausschüssen.
Tie Regierung hat sich alles bobcliftUen.
Paris, 12. Rov. (WTD.) Ministerpräsident Laval erstattete in den vereinigten Karnineraus- chüssen für Auswärtige Angelegenheiten und Finanzen ein eingehendes Expose über die internationalen Verhandlungen, die auf Hoovers Vorschlag vorn Juni d. I. folgten. Er gab bekannt, daß nach Prüfung der Lage in Europa und insonderheit in Deutschland Präsident Hoover und
er darüber einig gewesen seien, daß die Initiative für die Einberufung des im Poungplan vorgesehenen beratenden Sonderausschusses ergriffen werde. Erst nach Einbringung des Berichtes der Sachverständigen würden die Regierungen die Bestimmungen der neuen Regelung, die für die Depressionsperiode in Kraft treten soll, ins Auge zu fassen haben. Auf eine Frage des Abgeordneten Guernut erwiderte der Ministerpräsident, daß innerhalb der Reparationen und Kriegsschulden er die Freiheit der französischen Regierung Vorbehalten habe, genau wie Präsident Hoover diejenige seiner Regierung. Die Rechte des Parlaments seien von jeder Seite gewahrt worden. Eine Regelung
Deutschland von außen gesehen.
Ein optimistischer Bericht der Times.
London, 12.Rov. (WTD.) Heber die Rotlage Deutschlands und Oesterreichs sagt „Times" in einem Leitartikel u. a., Deutschland sei so schwer verschuldet, daß es seine jetzigenBerpflich- tungenwedervollkommennochpünkt- l i ch erfüllen könne. Ob es überhaupt jemals zur vollständigen Erfüllung imstande sein werde, werde wahrscheinlich bald offiziell untersucht werden. Die Zahl der Arbeitslosen betrage mehr als 4,5 Millionen und steige noch immer. Löhne und Gehälter seien wiederholt herabgesetzt worden und der Lebens st andardsei soniedrig, daß Tausende von verzweifelten Leuten Revolution oder Anarchie als Ausweg predigten. Aber die Verzweiflung sei gegenwärtig nicht die vorherrschende Rote. In der Finsternis zeige sich ein Sjoff° nungsschimmer, ein intuitiver Glaube, daß bessere Tage bevor stünden. Gerade die Riederdrückung des Lebensstandards der Arbeiter habe Deutschland zum größten Exportland der Weltgemacht. Es habe den Vorteil, einen wirklichen Führer zu besitzen oder vielmehr ein Triumvirat von Führern, und bisher habe es jedem Aufruf, den Dr. Brüning habe ergehen lassen, mit Disziplin und Geduld Folge geleistet. Der Zweck der jetzigen verbissenen Entschlossenheit des deutschen Volkes sei, größere Freiheit von den Lasten eines verlorenen Krieges zu erlangen. In Deutschland wie in Oesterreich ist das normale politische, wirtschaftliche und finanziell^ Leben einer so schweren Belastung ausgesetzt, wie sie g e - r a d e noch erträglich ist. Es ist von größter Wichtigkeit für die gesunde Entwicklung Europas zu verhindern, daß die Belastung derartig wächst, daß ein Zusammenbruch erfolgt, und jede Anstrengung zu unternehmen, um die Last zu erleichtern.
In einem zwei Spalten langen Aufsatz des Berliner „Times"-Korrespondenten über die Lage Deutschlands heißt es u. a.: Die ilmstände haben nach Ansicht vieler Deutscher dem Lande bei den
kommenden internationalen Verhandlungen eine Überlegenheit gegeben. Man hoffe, daß Deutschland nur sehr wenig Reparationen zu bezahlen haben werde und den größten Teil davon in Sachlieferungen, während die T i l- gung s einer privaten Schulden in erträglichen Jahresraten erfolgen werde, so daß die vormaligen politischen Gläubiger direkt ein Interesse daran haben dürsten, sich Deutschland gegenüber gut zu benehmen. Die Aussichten darauf, daß die deutschen Verbindlichkeiten vielleicht eine erhebliche Herabsetzung erfahren werden, haben die Führer der deutschen Oeffentlich- keit veranlaßt, die Ration aufzufordern, d i e jetzigen Opfer als den Preis einer besseren Zukunft zu tragen. Die ganze Lage hat sich zweifellos vorwärts entwickelt, unbedingt zum Besten Deutschlands und vielleicht auch zum Besten der Welt. Bezeichnend ist, daß ein Rationalist kürzlich seine Anhänger aufforderte, energisch j.eht nach der Macht zu streben, weil alles reif für d i e Lösung unserer auswärtigen Probleme ist. Wenn sich bei der Rechten eine zunehmende Bereitschaft zur Zusammenarbeit zeigt, mag diese Bereitschaft sehr wohl auf den Wunsch zurückzuführen sein, mitzuhelfen, die Früchte des Erfolges einzusammeln. Inzwischen geht das Leben in Deutschland so ziemlich seinen gewohnten Gang. Das Land leidet unter Einschränkungen, aber die Einschränkungen sind nicht übertrieben. Es hat noch niemals eine so wohlwollende Diktatur gegeben. Die Rotlage, der seit 18 Monaten mit Rotverordnungen begegnet wurde, war nicht eine bevorstehende Revolte oder Katastrophe, sondern die Unfähigkeit des Reichstages mit seiner Unzahl von Gruppen und Parteien als gesetzgebender Körper zu arbeiten. Rotverordnungen, die einen sehr extremen Eindruck machen, sind im Geiste der Mäßigung zur Anwendung gebracht worden.
MMvsmdebatle in der sranMchen Kammer.
Ministerpräsident Laval lehnt eine Arbeitslosenversicherung ab. Knappe Mehrheit für die Tagesordnung des Kabinetts.
Paris, 12. Rov. (WTB.) Die Kammer ist heute nachmittag nach viereinhalbmonatiger Pause wieder zusammen getreten. Die Winter- session hat diesmal eine besondere Bedeutung, weil die innen- und außenpolitischen Verhältnisse es mit sich gebracht haben, daß rund 100 Interpellationen eingereicht wurden, um den Ministerpräsidenten zur Stellungnahme zu zwingen, einmal auf dem Gebiete der Außen- politic, dann auf dem der Arbeitslosigkeit und schließlich wegen der Frage der von der Regierung einzuschlagenden Agrarpolitik. Anläßlich der heutigen ersten Sitzung hatten die Arbeitslosen eine Kundgebung vor dem Parlamentsgebäude angekündigt, weshalb das Palais Bourbon im weiten Umkreise von Polizei bewacht wird. Rur die dürfen das Gebäude betreten, die mit Ausweiskarten versehen sind. Die angefagte Kundgebung ist jedoch im Sande verlaufen, da sich nur wenige Teilnehmer eingefunden hatten.
An der Eröffnungssitzung nahm das ganze Kabinett teil. Um die Festsetzung der Tagesordnung kam es zu scharfen Auseinandersetzungen. Ministerpräsident Laval stellte dabei die Vertrauensfrage. Die Abstimmung über sie ergab eine Mehrheit von nur 39 Stimmen für d ie Regierung. Es wurde beschlossen, am DienStag die außenpolitische Aussprache zu beginnen. Der Sozialistenführer Leon Blum forderte beschleunigte Aussprache über die Arbeitslosenfrage. Er warf der Regierung das Fehlen einer Arbeitslosenversicherung in Frankreich vor. Er fragte dabei, was wohl aus Deutschland und England geworden wäre, wenn sie die Versicherung nicht hätten.
Die Regierung müsse sagen, ob sie den Gemeinden helfen und eine Arbeitslofenkasse gründen wolle.
Laval erwiderte u. a., die Regierung verkenne die Wirtschaftskrise nicht und wolle alles tun, um gemeinsam mit dem Parlament die Lage zu bessern. Die Einführung einer Arbeitslosenversicherung müsse er jedoch entschieden ab- lehnen. Gerade die übertriebene Ausgestaltung der Arbeitslosenversicherung habe es zu Wege gebracht, daß Deutschland und England unter der Wirtschaftskrise besonders schwer zu leiden hätten. (Lebhafter Beifall rechts und im Zentrum.) Die Regierung sei zu durchgreifenden Maßnahmen bereit; hierzu werde am Freitag ein Erlaß erscheinen, nach dem der Staat 50 v. H. der Krisenhilfe auf sich nehme, während die übrigen 50 v. H. von den Gemeinden gedeckt werden mühten. Auf Zwischenrufe der Linken entgegnete Laval, er wäre seinen Gegnern für eine „Zauberformel" dankbar, die es ihm erlauben würde, gleichzeitig die öffentlichen Finanzen zu schützen und die Forderungen der Arbeitslosen zu befriedigen.
Leon Blum forderte, unterstützt von dem bisherigen Vorsitzenden der Radikalsozialistischen Partei Daladier, die sofortige Beratung seiner Anfrage über die Finanzkrise bei den französischen Cisenbahngesellschasten. Laval stellte 0en Gegenantrag, die Erörterung über die Anfrage Blums erst nach der außenpolitischen Aussprache vorzunehmen. Diesen Antrag verband der Ministerpräsident mit der Vertrauensfrage. Bei der darauf folgenden Abstimmung erzielte die Regierung mit312Stimmen gegen273Stim- men die Mehrheit. — Die Sitzung wurde dann auf Freitag vertagt.
der Kriegsschulden habe als realisierbare Hypothese, sobald die Umstände dies gestatteten, ins Auge gefaßt werden können. Der Ministerpräsident äußerte sich auch über die Berliner Verhandlungen eingehend und gab sehr charakteristische Einzelheiten über die Möglichkeiten einer deutsch-französischen Zusammenarbeit sowie über die Schaffung der gemischten deutsch-franzö- ischen Kommission.
Rach dem „Echo de Paris" hat der Abgeordnete Guernut (unabhängige Linke) Laval gefragt: „Als es sich um die Bewilligung einer b-Milliarden-Anleihe zugunsten Deutschlands handelte, haben Sie, Herr Ministerpräsident, erklärt, Frankreich könne evtl, daran teilnehmen, aber nur vorbehaltlich politischer Bedingungen. Welches siiE diese Bedingungen?" Als solche Bedingungen, auf die von Reichskanzler Brüning ebenso freimütig, wie nega - t i v geantwortet worden sei, habe Laval genannt, Entspannung der Geister in bezug auf den Anschluß und den Danziger Korridor sowie Beendigungen der Kundgebungen des Stahlhelms und der Rationalsozialisten. — Auf die weitere Frage, ob Laval Hoover aufgefordert habe, das Problem der Kriegsschulden und der Reparationen miteinander zu verbinden, habe Laval geantwortet, es sei verabredet worden, daß die Frage der Verbindung dieser beiden Probleme neuerlich geprüft werden könne. Aber Frankreich wie Amerika hätten volle Handlungsfreiheit behalten. — Der radikale Abgeordnete Bergery habe gefragt: Laval habe Hoover gegenüber erklärt, daß Frankreich, wenn nicht internationale Abmachungen zugunsten der Sicherheit Frankreichs bestünden, seine Handlungsfreiheit für d i e Abrüstungskonferenz sich vorbehalte. Liege hierin nicht ein Widerspruch der grundsätzlichen Billigung des Genfer Vorschlags einer Rüstungspause? Laval habe geantwortet, das sei kein Widerspruch.
Oer Wrrtschasisbeirat beerbet die Generalaussprache.
Festlegung der Leitsätze.
Berlin, 12. Rov. (TU.) Amtlich wird mifge- fcilt: Die aus den Mitgliedern des Wirtschustsbei- eales der Reichsregierung gebildeten beiden Aus - s ch ü f f e zur Jrage der Produktionskosten und Preise und Fragen des Zinses und Kredits haben ihre Generalaussprache heute in einer vormittags- und einer Rachmittagssihung in der Reichskanzlei unter Vorsitz des Reichskanzlers Dr. Brüning zu Ende geführt. Die Reichsregierung wird nunmehr während der nächsten Tage unter Leitung der nächstbeteiligten Reichsminister i n Linzeibesprechungen mit den Ausschußmit- glieöern d i e Formulierung von Leitsätzen über die Gestaltung des Wirtschastspro- gramms vorbereiten. Diese Leitsätze sollen den beiden Ausschüssen, die nach dem Bußtag in der zweiten Hälfte der nächsten Woche wieder lagen, zur endgültigen Begutachtung vorgelegt werden.
Reue Zottverhandtungen mit Rußland.
Berkin, 12. Rov. (Sil.) 2m August hatten zwischen Deutschland und Rußland Zolltarif- verhandlungen begonnen, die im Oktober ergebnislos abgebrochen werden muhten, da Deutschland den Russen keine Zugeständnisse machen konnte. Die Russen hatten Zoll- ermähigungen und Zollkontingente verlangt und ferner gefordert, daß Deutschland die Erhöhung der russischen Einfuhr nach Deutschland ermögliche. Deutschland berief sich demgegenüber auf das Meistbegünstigungsrccht und riet Rußland, auf den freien Markt zu gehen; denn der Mangel der Elastizität des Handelsmonopols könne von Deutschland nicht durch Regierungskäufe ausgeglichen werden.
Runmehr sind zwischen Deutschland und Rußland erneut Verhandlungen eingelei- t e t worden. Der neue Reichswirtschaftsminister Warmbold hat die russischen ilnterhändler bereits zur ersten Besprechung empfangen. Die offiziellen Verhandlungen werden am Samstag beginnen. Es wird sich um folgende Punkte handeln:
1. die Steigerung der russischen industriel - lenEinfuhr, .
2. die Steigerung der russischen landwirtschaftlichen Ausfuhr,
3. um Zolltarif-, Dahn - und Hafengebühren.
Cs sollen drei Ausschüsse gebildet werden, in denen diese Fragen behandelt werden. Die russischen ilnterhändler sind der Botschafter C h i n- ch u k, der Chef der Berliner Handelsvertretung, Ljubimow und Generalsekretär Weizer.
•
Wie die Telegraphen-ilnion erfährt, sind den Verhandlungen von Regierung zu Regierung "Verhandlungen mit den am Rußlandgeschäft beteiligten deutschen Firmen vorausgegangen, in denen u. a. von einer etwaigen Ablösung der bisherigen Bezahlungsform durch russische Warenlieferungen für neue deutsche Lieferungen nach Rußland die Rede war. Was die Verhandlungen von Re-


