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Nr. 136 Zweites Blatt

Eiehener Anzeiger liöeneral-Anzeiger für Gberheffen)

Samstag, 13. Juni 1931

Notverordnung undSteuereinmaleins".

Don Professor Dr. von Tyfzta, Hamburg.

Die neue Notverordnung mit ihren ungeheuren Steuererhöhungen fordert zu einer kritischen Be­trachtung über die Wirkung von neuen Steuern und Steuererhöhungen heraus. Wie alles in der Welt, so haben auch die Steuererträge einmal ihre Grenzen. Man darf nicht glauben, daß man zur Behebung eines Haushalts­defizits nichts weiter nötig habe, als immer nur neue Steuern auszuschreiben oder die Steuer­sätze zu erhöhen, dann werde auch der ent­sprechende höhere Steuerertrag eingehen. 3m Ge­biete des Steuerwesens gilt nicht dos Rechen­einmaleins, wonach 2X24 ist, sondern das Steuereinmaleins", und nach dem ist 2X2 in den seltensten Fällen -= 4, manchmal nur 2, unter Umständen sogar nur 1.

Weshalb ist dem so? Ein sehr feiner Kopf, einer der geistvollsten Sathriker Englands, Jo­nathan Swift, Hot bereits im Jahre 1728 also vor mehr als 200 3ahrcn in einer kleinen Schrift über dosSteuereinmaleins" die Ant­wort darauf gegeben. Swift sagt nämlich, daß es bei den verschiedenen Steuern jeweils eine Grenze gebe, jenseits deren der Steuerertrag hinter der Erhöhung des Steuersatzes zurückbleibe. Zu hohe Zollsätze machen den Schmuggel lohnend: in­folgedessen geht der Zollertrag zurück, da nicht mehr genügend Waren auf dem ordnungsmäßigen Wege die Grenze überschreiten. Zu hohe Steuern auf mehr entbehrliche Artikel und Luxuswaren lassen den Verbrauch dieser Waren zurückgehen, da sie vom Kauf obschrecken. Mit dem Rückgang des Verbrauches geht aber natürlich auch der Steuerertrog zurück. Zu hohe Steuersätze aus Einkommen und Vermögen führen zur Verheim­lichung, zur Steuerdesraudation und -Hinterzie­hung. Damit geht natürlich auch der Steuer­ertrag zurück. Zu hohe Steuersätze auf Fabrikate können ferner dazu führen, dah die Rachfrage nach diesen nachläßt, daß sie sog.Erdrosselungs­steuern" werden, die das Wirtschaftsleben schä­digen, indem sie Geschäfte und Unternehmen ein­gehen lassen. Die Fabrikanten und Händler sind infolgedessen nicht mehr imstande, die bis­herigen Einkommen- und Gewerbesteuern zu zah­len. So geht nicht nur der Ertrag der hohen indirekten Steuern zurück, sondern auch die Er­träge der direkten Steuern bleiben hinter den Erwartungen zurück. Kurz: Steuern schmä­lern immer die Kaufkraft der Be­völkerung. ganz besonders, wenn sie in der rigorosen Weise wie gegenwärtig erhöht werden. Wovon lebt aber die Wirtschaft? Don der Kaufkraft der Bevölkerung, und wovon lebt der Staat? Von" den Einnahmen der Wirtschaft. Wenn die Kaufkraft durch Steuern geschmälert wird, leidet die Wirtschaft und damit der Staat. Das, was der Staat auf der einen Seite an Steuererhöhung einnimmt, büßt er auf der an­deren Seite um ein Vielfaches vergrößert dadurch ein, daß er die Kaufkraft und dadurch die allgemeine Steuerkraft seiner Bevölkerung wie Wirtschaft untergräbt.

Die Lehre vomSteuereinmoleins" verdient also sehr große Beherzigung seitens der Regie­rung wie der Gesetzgeber. Man kann nicht un­gestraft den Gesehen der Wirtschaft spotten. Da­bei ist aber noch etwas zu berücksichtigen. Jede neue Steuer und meist auch jede Steuererhöhung erfordert einen erhöhten Verwaltungs­aufwand. Abgesehen davon, daß schon allein die Einziehung der Steuern Kosten verursacht, ist jo auch stets eine Kontrolle notwendig, wenn man einigermaßen sicher gehen will, dah die Steuer auch das tatsächlich einbrinat, was sie einbringen kann. Sich allein auf die Steuer- moral der Bevölkerung zu verlassen, erscheint recht bedenklich, besonders, da der Vermeh­rung und Erhöhung der Steuern ein Sinken der Steuermorol folgt. Rament- lich, wenn von der Bevölkerung die Erhebung und Ausgestaltung der Steuern nicht als gerecht

empfunden wird, ist die Bereitwilligkeit, diese Steuer auch ohne jede Kontrolle in voller Hohe zu entrichten, recht gering. Gerechte, d. h. mora­lisch^ berechtigte Steuern und Steuermoral der Bevölkerung bedingen sich gegenseitig. Don den in der letzten Zeit geschaffenen Steuern wird man aber kaum sagen können, dah sie von den durch sie betroffenen Kreisen als gerecht ernp- funden werden. Damit wächst die Rotwendigleit erhöhter Kontrolle und somit vermehrten Ver- waltungsauswandes. Aber gerade Abbau und nicht Zunahme desDerwaltungs- oufwandes. Derringerung und nicht Erhö­hung der Derwaltungskosten, das ist es, was heute gefordert werden muh.

Aber leider sehen wir nirgends Abbau, sondern fortgesetzte Erweiterung des Derwaltungs- und Steuerapparates. Ein anderer englischer Saltz- riker, S i d n e h S m i t h. hat im 3ahre 1820 ein­mal ein Bild von einem Lande entworfen, das die Steuerschraube zu scharf angezogen hat. Cs heißt da:Steuern von jedem Gegenstände, welcher in den Mund eingeht oder den Rücken deckt oder unter den Fuß gelegt ist, Steuern auf alleö, was angenehm zu sehen, zu Horen, zu fühlen, zu riechen oder zu schmecken ist. Steuern auf Wärme, Licht und Beförderung. Steuern auf alles auf der Erde und die WÄser unter der Erde, auf alles was vom Auslande kommt oder daheim erzeugt wird. Steuern auf das Roh­material, Steuern auf jeden frischen Wert, der

durch die Betriebsamkeit hierzu hinzugefügt wird. Steuern auf die Soße, die den Appetit des Men­schen überreizt, und auf die Arznei, die ihn wieder gesund macht: auf den Hermelin, welcher den Richter ziert, und auf den Strick, womit der Der- brecher gehenkt wird: aus des armen Mannes Salz und des Reichen Spezerei, auf die Messing­nägel des Sarges und die Bänder der Braut: zu Bett oder bei Tische, beim Schlafengehen oder Aufstehen, müssen wir zahlen. Der Schuljunge peitscht seinen besteuerten Kreisel: der bartlose 3üngling bändigt sein besteuertes Pferd mit einem besteuerten Zügel, auf einer besteuerten Straße: und der sterbende Engländer gießt seine Medizin, welche sieben Prozent bezahlt hat, in einen Löffel, der fünfzehn Prozent bezahlt hat, wirft sich dann zurück auf fein Kalikobett, welches zweiundzwanzig Prozent bezahlt hat, und ver­scheidet in den Armen eines Apothekers, welcher eine Lizenz von 100 Pfund bezahlt hat für das Privileg, ihn zum Tode zu befördern. Sein ganzer Rachlaß wird dann sogleich mit zwei bis zehn Prozent besteuert. Abgesehen vom Erb­schein werden bedeutende Gebühren dafür ver­langt. daß er am Altarplah beerdigt wird. Seine Tugenden werden der Rachwelt auf versteuertem Marmor verkündigt, und er wird dann zu seinen Dätern versammelt, um nicht mehr versteuert zu werden."

Wer denkt da nicht an unser armes Deutsch­land!

100 Jahre Ostpreußen

Don Or. W. Steffens, M

Am Sonntag, 14.3uni, wird die Provinz Ostpreußen die 700jährige Wiederkehr der Zeit begehen, da der Deutsche Orden in dieses Land einzog. An geweihter Stätte, im Remter der Marienburg, wird man in An­wesenheit des Reichspräsidenten v.Hinden­burg, des Sohnes westpreuhischer Erde, des Retters Ostpreußens aus Kriegsnöten, dankbar der Begründer des Deutschtums in diesen Landen gebenfen. 3m Hasten und Jagen unserer schweren Tage ist es sehr berechtigt, eine stille Stunve der Besinnung der Dergangenheit zu weihen, eine Stunde der Dankbarkeit, eine Stunde aber auch der Erhebung an den gewaltigen Ruhmestaten

d. L, Marienburg.

früherer Geschlechter und der Stählung des Kampfwillens gegen alle Röte und Gefahren der Gegenwart und Zukunft.

Dor 700 3ahren sind die ersten Sendboten des Deutschen Ordens, die Männer mit dem schwarzen Kreuz auf weißem Grund, in das damals un­wirtliche Land eingezogen. In 50jährigen schweren Kämpfen haben sie es dem Orden, haben sie eS dem Deutschtum gewonnen. Richt in den kriege­rischen Kämpfen liegt Wesen und Bedeutung ihrer Tat, sondern in ihrer Kulturarbeit. Die waren mit dem Schwert kaum je ist für eine große segensreiche Kolonisation so wenig Blut geflossen! nur die Wegbereiter für die langen

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Das Gebiet des Deutschen Ordens zur Zeit seiner größten Ausdehnung. Diese Blütezeit begann mit der Verlegung des Ordenssitzes von Venedig nach der Marienburg im Jahre 1309 und endete mit der vernichtenden Niederlage bei Tannenberg durch den litauisch-polnischen König Iagiello im Jahre 1410.

Scharen deutscher Männer und Frauen, Ritter und Mönche, Bauern, Haichwerker und Kaufleute, die nun ihren Einzug in dieses Land hielten. Aus allen deutschen Gauen strömten sie nach Osten und verschmolzen sich hier in gemeinsamer, schwerer Arbeit auf hartem Boden, in rauhem Klima und in der gemeinsamen Abwehr äußerer Gefahr zu einem einheitlichen, starken G renzer- und Siedlervolk. Der Boden wurde urbar ge­macht. deutsches Recht, deutsche Sitte und Ord­nung breiteten sich siegreich aus, und als Wahr­zeichen deutscher Kultur und deutscher Kraft er­hoben sich die ragenden Burgen des Ordens, die Dome der Städte mit emsig schaffender deutscher Bevölkerung. Wir vergegenwärtigen uns meist nicht genügend, welch gewaltige Leistung deutsche Zähigkeit, Fleiß und Unternehmungsgeist hier vollbracht. Es war nur möglich, das alles zu erreichen, weil alle Kräfte auf ein großes Ziel gerichtet und zusammengefaßt wurden, weil ein unbeugsamer Wille zur Selbstbehauptung alle diese entsagungsbereiten Menschen belebte und sie befähigte, Schulter an Schulter siegreich den Kampf für ihr Deutschtum zu bestehen. Sobald diese Gesinnung, dieser harte Behauptungs- und Kulturwille erschlaffte, die Einheit der Bevölke­rung zerbrach und Zwietracht und Eigenbrötelei. Derweichlichung und Genußsucht, ja gar Landes­verrat Platz griffen und die Widerstandskraft gegen fremde, slawische Einflüsse lähmten da ging es mit der deutscher Herrlichkeit im OrdenS- lande bergab: es erfolgte naturnotwendig jener furchtbare Zusammenbruch des Ordens unter dem polnischen Angriff.

So bieten die 700 Jahre ost- und westpreußiseher Geschichte, auf die wir nun zurückblicken, eine Wellenbewegung von Kampf und Erschlaffung, Sieg und Niederlage, Sonnenglanz des Glückes und dunkler Nacht der Not. Seitdem der Adler Friedrichs des Großen wieder seine schützenden Schwingen über das ganze Ostpreußen breitete, begann erneut ein glänzender Aufstieg: nament­lich dort, wo polnische Wirtschaft jeden Auf­schwung gelähmt hatte, lernte man die Segnungen preußischer Zucht und Ordnung wieder schätzen, und Handel und Wandel blühten auf. Die ost- preuhische Eigenart, das Erbstück jener großen Zeit der deutschen Ordensherrschaft, die stählende Kraft, die entsagungsbereite Tapferkeit im steten täglichen Kampf mit den Tücken des Klimas und der Rauheit des Bodens, ebenso wie im geistigen und kriegerischen .ingen mit habgierigen Feinden, sie hat sich seitdem immer und immer wieder glänzend bewährt. Sie hat sich auch bewährt in jenen dunklen Schicksals tagen, als wiederum große Stücke des alten Ordenslandes, west preußische Erde und Menschen und Danzig und Memel, durch sinnlose Gewalttat von uns gerissen wurden, Land und Menschen, auf die wir nie und nimmer Verzicht leisten werden! Das Furchtbarste: Ost­preußen wurde durch den wahnwitzigenKor­ridor" vom Mutterlande abgetrennt, ward zurKolonie!" Nur der vermag das trostlose Gefühl der Vereinsamung nachzufühlen, der selbst unter diesen ostpreuhischen Menschen lebt, der weiß, wie sie völlig, mit allen Fasern ihres Herzens, im Deutschtum verwurzelt sind. Das bewiesen die glorreichen Abstimmungen, das be­weisen auch die vielen Vereine heimattreuer Ost- und Westpreuhen, die überall im Reich verstreut, die Liebe zur engeren Heimat pflegen, als das sicherste Fundament der Liebe zum großen deut­schen Vaterland!

So schwer heute die wirtschaftlichen Rote in Ostpreußen drücken, so hart das Gefühl der räum­lichen Trennung von den lebendigen Kräften des Deutschtums im Reich den Ostpreußen quält, so bedrohlich die rücksichtslosen Ausdehnungsten­denzen gieriger Nachbarn die nationale und territoriale Sicherheit Ostpreußens gefährden der Ost Preuße verzagt nicht! Gerade an den Schwierigkeiten und Noten und Gefahren stählt sich sein Mut, seine Widerstandskraft, sein deutscher Behauptungswille wenn nur das übrige Deu tschland ihn nicht ver­läßt! Die 700-3aijrfeier in Marienburg wird dazu beitragen. Das Schicksal des tapferen Bür­germeisters von Marienburg, Bartholomäus Blume, das im Festspiel vor dem ehrwürdigen

Vögel jenseits des Aequators.

Don Friedrich Schnack.

3ch lebe genau auf dem zwanzigsten Grad süd­licher Breite, astronomisch gesehen, in unmittel­barer Nähe des Wendekreises des Steinbocks, dessen großartiges Sternbild den Feuerschweif nachts über den Himmel schlägt, darauf das Kreuz des Südens feierlich entbrannt ist. Der Breitengrad schneidet die 3nsel Madagaskar mit­ten durch, und dort an der Küste, wo er den 3n- dischen Ozean teilt, ist das Land fruchtbar, gut besiedelt, pflanzen- und wasserreich. Mit gewal­tigen Kräften drängt die ungebrochene Natur ge­gen den Menschen: ihre Baummächte, Pflonzen- und Gräserheere umgürten, umzingeln, umbran­den Hütten und Häuser sie will angenommen, gespürt und gehört werden, geliebt ober gehaßt. Man muß sich mit ihr beschäftigen. 3hr Gesicht wandelt sich täglich, wie das einer unzuverlässi­gen heidnischen Göttin: ihre Geheimnisse um­stricken den Menschen. Sie hat tausend Sttmmen; man kann sie nicht alle aufnehmen, es sei denn, um ha ran zu sterben, weil ihre Fülle unerträg­lich üüf einmal wäre.

Hier wie anderswo sind die bunten Dogelstim- men ihre lieblichsten und süßesten Klänge., Mö­gen sich dje Sinne wehren gegen den Einbruch lärmender 3nsektenkvnzerte oder gegen das schau­rig tönende Nachtgeschrei des Gespensteraffen, den Vogelfängen stehen sie offen wie der Körper der Geige den Schwingungen der Saiten. Eie bringen in diese urwilde Landllhaft, die einen mit maß­losem Grün und zuchttosem Wachstum verwirrt und unsicher werden läßt, einen beruhigenden Reiz, eine fast nordisch anmutende Süße.

Meinen leichten Arbeitstisch, den mir der Chi­nese im Dorf angefertigt hat, habe ich in den Schatten des großen Brotfruchtbaums rücken lassen, dem ich nicht nur Kühle, sondern auch wohlschmeckende Früchte zu verdanken habe, zehn und fünfzehn Pfund schwere, mit ananasähnlich schmeckendem Fleisch gefüllte Sommergaben. Sein Wipfel ist sehr dicht, und während ich arbeite, um­schallen mich die morgendlichen Rufe und Weisen der Inselvögel, die südlich vom Aequator den Restern entflügelten. Es ist nicht heiß und drückend, wie sonst untertags in diesem feucht­warmen Monsunklima: der Himmel ist von gro­ßen, aus dem 3ndischen Ozean hereinwandern- den Wolken überzogen, vielleicht wird es am

Nachmittag etwas regnen; von den Bergen, dar­auf die Urwälder weißstämmig horsten, fließt ein wenig bewegte, doch Kühlung spendende Luft. Die Vögel, nicht durch die Hitze gezwungen, stumm zu bleiben, sind eifrig bei ihren Hebungen und Unterhaltungen.

3d) horche mit einem Ohr auf die Außenwelt dort drüben in den Wäldern ertönt die schluch­zende Stimme eines die Einsamkeit liebenden Vo­gels, den die Eingeborenen Fanti-Kalalar nennen, und der vermutlich zu dem Geschlecht der Kuckucke gehört. Ein 3äger hat den Rufer für mich gefangen. Er hat Kuckucksgestalt, einen lan­gen, breiten Schwanz und einen kurzen Schna­bel. Sein Gefieder blinkt schön schwarzgrün, über­huscht von bläulichen Metallichtern. Der Kopf trägt eine luftige, rost gelbe Kappe. Vielleicht ist es ein Verwandter des afrikanischen Dlau- kuckucks.

Nicht so scheu wie dieser fern sich haltende Daumfreund ist der Sporenkuckuck, genannt Toulou, ein in Südafrika, der indischen Region und Australien weitverbreiteter Bewohner der Dickichte und Dschungel. Er hat einen rühmens­werten Charakter, im Gegensatz zu unserem deut­schen Kuckuck, der seine Eier in fremde Nester legt: der Toulou ist anders: eifrig Nahrung schleppend, zieht er seine Nachkommen selber auf. Er scheint ein Allesfresser zu sein, der ebensogern 3nfettcn vertilgt, wie er Maiskörner aus den Kol­ben herausmeiselt. Don den Eingeborenen wird er nicht gejagt, sein Fleisch ist zäh und unschmack- hast und deshalb ist er wohl so häufig. Er hat einen schwarzen Rock an, spreizt beim flach hinstreichenden Flug den langen, breiten Schwanz und schlägt mit den rostroten Flügeln. Seine weit­reichende Stimme beherrscht das große Dogel- orchester. Sein harmonisch klingender Ruf: Tu- lu-lu°lu-lu... ein xylophonartig glockendes Stak­kato, dunkel und voll wie ein Gong, erschallt alle Augenblicke und wird von vielen Tulou-Genossen nah und fern würdevoll beantwortet. Durch die ganze Gegend, hinauf und hinunter, am Rand der Urwälder und in Dickichten wandert das prächtige Dogelmotiv.

Heber dem Flußspiegel darüber Schwalben bin- und hersegeln, zieht gerade der Heilig-Geist- Do g e l, auch Merops oder Bienenfresser ge­heißen, eine wunderbare Bogenschleife. Ein wah­rer Dogelpfeil, lang, dünn, spitz, wie von einer gespannten Sehne abgeschossen. Seine Flugbilder sind geschmeidiger, kichner als die der Schwalbe.

Mit meisterhafter Flugtechnik vereint er Grazie ohne Wildheit. Schmal wie ein paar Pferde­haare ist sein Schwanz und liegt auf der Luft beim Steigen, Gleiten, Fallen. Für den torpedo- gleichen Körper scheint es keine Anstrengung zu geben. Der Schnabel erinnert an eine dünne Pinzette. Die Spitze ist nadelfein. Auch die Rufe dieses Luftkünstlers find fein und spitz: ihm kann kein noch so rasch schwirrendes 3nsekt entkommen. Fliegen, Wespen und Holzbienen sind seine Deute. Er spießt sie gleichsam beim Flugfang auf. Dann, zurückkommend, wendet er, mit sichelförmig ge­schnittenen Schwingen, in einer rasend geschwin­den Dolte: looping the loop hatte er längst vor allen Fliegern erfunden und ausgebildet. Seine Farbe ist moosgrün, doch sehr sanft.

3n den umliegenden Dörfern hat es sich herum- gesprochen, daß ich Dogel kaufe. Wieviele An­gebote mußte ich ablehnen. 3ch hätte einen Rie­senbauer mit all den Geflügelten füllen können, wäre ich auf jeden Fang erpicht gewesen. 3ch wollte ja bloß einige der schönsten Sänger und Schwätzer kennenlernen. Wieviele Basthüte, min­destens ein Dutzend, waren voll der winzig klei­nen Dogelchen, die massenhaft in den Wiesen her- umschwirren, kleiner Finken, kaum so groß wie Zaunkönige. Sie sind leicht wie Bällchen von Baumwolle, so daß sie zu viert ober fünft auf den hohen Grashalmen schaukeln können, wobei sie die Rispen ihrer Samenkörner berauben. 3hr flüchtiger, klangsprühender Dogelschleier zieht und weht über die Hänge.

Am liebsten aber habe ich die kleinen Papa­geien, die Grauköpfchen, wahrhaft ent­zückende, fast smaragdgrüne Dögel mit grauer Trust, grauem Schnabel und Kopf. 3ch hatte mehrere von ihnen. Die Eingeborenen bestürm­ten mich damit. Sie brachten sie in ganz win­zigen Flechtkörben aus ihren Dörfern herbei.

Wir Haden auch B a ch st e l z e n. die vor dem Haus ihre feinen Töne vernehmen lassen: sie tragen gelbe Westen und darüber ein schwarzes Kollier. Droben in den Wäldern aber leben die allerschönsten Dögel, die ich hier sah: sie sind nicht größer als Lerchen. 3hre Lieder scheinen sie von fremden Sternen zu haben, so seraphisch ist ihr Locken. Sie heißenHimm elsvoge 1". 3hr Bauch ist weiß wie Sommerwolken, ihr Ge­fieder ultramarinblau auf schwarz. Diese Flie­ger hätte ich nur in Fabeln und Dichtungen ver­mutet. Sie kommen nicht herunter ins Tal.

Wenn der Wipfel des Brotfruchtbaums über

meinem Tisch von der Dunkelheit geschwärzt ist und der Tau von den Blättern der Bananenstau- den tropft, sitzt auf dem Bambusdach jeden Abend ein schwarzer, amselgroßer Dogel. Sein Ruf ist ein kurzes, einförmiges Klickern, wie es eine kleine Elfenbeinkugel hervorbringen mag, die in eine Steinschale fällt. 3ch nenne ihn deshalb Elfenbeinvogel". Es mag auch ein Zie­genmelker fein. Bestimmt aber ist es ein Ster­nen-Ansinger. denn in sternenlosen Rächten ruft er nicht....

Ein Richter verurteilt sich selbst.

3n einer Stadt des amerikanischen Staates Minnesota hat sich kürzlich ein Richter selbst ver­urteilt. Cs klingt unglaublich, aber man soll sich über nichts mehr wundem, was aus Amerika kommt.

Der Richter Courtraight in der Stadk St. Cloud hatte sich gegen das Prohibitionsgeseh vergangen und mit einigen Freunden derart verbotenen Genüssen gefrönt, dah man ihn völlig alkoholisiert und bewußtlos auf der Straße auf lesen und nach Hause tragen mußte. Am nächsten Dormittag war er jedoch im Gerichtssaal wieder auf dem Posten, der Zuhörerraum war überfüllt, denn man war neugierig, wie sich der Richter heute betragen werde. Bevor Courtraight die Tages- vrdnung in Angriff nahm, erhob er sich von seinem Stuhl mit folgenden Worten:

Courtraight, sind Sie anwesend? Gut! Sie sind Richter in St. Cloud? 3awohl. Sie sind gestern zum erstenmal in 3hrem Leben in voll­kommen betrunkenem Zustande auf öffentlicher Straße aufgefunden worden, stimmt das? Sehr Wohl. Dor dem Gesetz sind alte gleich, auch mit Ihnen kann ich keine Ausnahme machen. Ich verurteile Cie hiermit zu 50 Dollar Geldstrafe! Wollen Cie dies milde Hrteil annehmen? 3a- Wohl. 3n Anbetracht Ihrer bisher guten und einwandfreien Führung gestatte ich Ihnen, diese Geldbuße in fünf monatlichen Raten abzuzahlen. Lasfen Sie sich diesen Dorfall als Lehre dienen und bemühen Sie sich, mit den Gesehen nicht mehr in Konflikt zu kommen!"

Worauf Richter Courtraight sich wieder setzte, um den nächsten Fall in Angriff zu nehmen. Die Sitzung mußte jedoch für eine Weile unterbrochen werden, da die Zuhörer in einem wahren Taumel von Begeisterung dem Richter ein Hoch nach dem anderen brachten.