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Wirischast.

Festere (Stimmung in Berlin.

Berlin, 12. Nov. (WTB. Funkspruch.) Nach­dem durch die gestrige neue Devisenordnung wieder eine Lücke, die sich im Devijenportefeuille der Reichs­bank ungünstig ausgewirkt hatte, ausgefüllt ist, tauchte heute die hauptsächliche Frage auf, wie schon jetzt die Aussichten zur Wiedereröff­nung der Börse wären. Obwohl hierüber zu­nächst noch keine Entscheidung seitens der Reichs­bank zu erwarten sein dürfte, da man doch erst einmal die Auswirkungen der neuen Bestimmungen abwarten mutz auch der Börsenvorstand beab­sichtigt nicht, hierzu Stellung zu nehmen hatte doch schon allein die Möglichkeit einer Aenderung des jetzigen Börsennotzustandes eine f e st e r e Stirn- m ung im Telephonverkehr zur Folge. Das eher schwächere Neuyork und die weiteren Preisrückgänge an den Warenmärkten fanden nur wenig Beachtung, dagegen verwies man auf die angeblich g e b e f - ferten Aussichten der deutsch-franzö­sischen Finanzbesprechungen. Ein Ab­schluß der Vorverhandlungen wird an den deutschen maßgebenden Stellen in den allernächsten Tagen mit Zuversicht erwartet, so daß dann der Weg zur praktischen Arbeit frei wäre. Aus dem heutigen Konjunkturbericht glaubt man, Hoffnungen auf weitere Belebung schöpfen zu können. Die Bestimmungen der neuen Aufwertungsnotver­ordnung wurden mit Interesse zur Kenntnis ge­nommen: besonders daß Jndustriegesellschaften, die ihren Obligationsverpslichtungen nicht nachkommen können, in den nächsten drei Jahren keine Divi­dende zahlen dürfen, fand stärkere Beachtung. Das Geschäft als solches hat durch die erschwerenden Be­stimmungen der Devisenverordnung für den Handel mit den Ausländern in Auslandwerten und in deut­schen Werten, die auf ausländischen Märkten laufen (Dollarbonds), im heutigen Freiverkehr erheblich nachgelassen, zumal man sich über einzelne Bestim­mungen der Verordnung noch nicht ganz klar zu sein scheint. Die Hauptwerke zogen aber gegen ge­stern nachmittag um 1 bis 2 v. H. an. Auch Reichs­bank und Schultheis lagen etwas fester, nur Dessauer Gas blieben recht schwach veranlagt. Der Pfandbriefmarkt hatte ruhiges Ge­schäft, aber auch hier setzten sich meist Besse­rungen bis zu 1 v. H. durch.

Oer iRcnfenmarff in Frankfurt lebhaft.

Frankfurt a. M., 11. Nov. Das Geschäft im heutigen telephonischen Freiverkehr von Bureau zu Bureau war für Aktien nur gering, wogegen am Marktgebiet der festverzinslichen Werte sehr lebhafte Am sähe stattfan- den. 3m Vordergründe des Interesses stand heute der Pfandbriefmarkt, an dem das Dementi einer Zwangskonvertierung günstig ausgenommen wurde. Die Spekulation, die in den letzten Tagen stark vorgegeben hatte, nahm heute .stärkere Eindeckungen vor, so daß sich gegen die gestrigen Kurse Besserungen um etwa. 3 bis 5 Prozent ergaben. Besonders stark gefragt waren hierbei die Werte der Frankfurter und Meininger Bankinstitute, aber auch Nord­deutsche und bayerische Papiere lagen erheblich fester. Liquidationspfandbriefe zogen ebenfalls um 1 bis 2 Prozent an, wobei sich verschiedentlich Materialknappheit bemerkbar machte. Neichs- schuldbuchfordcrungen in späten Fälligkeiten konnten sich leicht befestigen, desgleichen von deutschen Anleihen Altbesitz. In Erwartung von evtl. Maßnahmen für den Handel von Dollar- b o n d s herrschte an diesem Marktgebiet stärkste Zurückhaltung. Bon Ausland­werten lagen Mexikaner auf dem erhöhten Kurs­niveau, das sich durch das Anziehen des Silber­preises in den letzten Tagen ergab, gut behauptet.

Die Festigkeit des Rentenmarktes übertrug sich auch zum Teil auf den Aktienmarkt. Das weitere Anwachsen der Arbeitslosenziffern, die

schwache Haltung der Neuhorker Börse und vor allem der deutschen Werte blieben fast ohne Ein­druck. Für Spezialwerte, wie IG.-Farben, AEG-, Siemens und einige andere ergaben sich Kurs­avancen von 1 bis 2 Prozent. Scheideanstalt ge­wannen auf Anlagekäufe 3 Prozent. Montan-, Kunstseide-, Bank- und Schiffahrtsaktien zeigten kaum Veränderungen. Das Geschäft war jedoch, wie schon erwähnt, nur gering, da sich das Haupt­interesse auf den Rentenmarkt konzentrierte.

Ruhe on den Devisenmärkten.

2ln den internationalen Devisenmärkten war das Geschäft gestern vormittag sehr ruhig, zumal verschiedene Plätze infolge des Feiertages (Waffenstillstandstag) ausfielen. Das eng­lische Pfund hat sich gestern wieder abge­schwächt und ging auf 3,7978 gegen den Dollar zurück. Man betrachtet in internationalen De­visenkreisen diese Schwankungen des Pfundes als normal, die so lange anhalten werden, bis das Pfund stabilisiert ist. Gegen den Gulden schwächte sich das Pfund auf 9,41, gegen Paris auf 96,50, gegen Zürich auf 19,41 und gegen die Reichsmark auf 16,02 ab. Der Dollar lag international etwas höher, die Reichsmark konnte sich behaupten

Am Nachmittag war das Geschäft sehr ruhig, die Veränderungen nur sehr gering. Das Pfund konnte sich gegen seinen tiefsten Tagesstand wie­der leicht erholen, es stellte sich auf 3,797s gegen den Dollar, gegen den Gulden wurde es mit 9,427z. gegen Zürich mit 19,42 und gegen die Reichsmark mit 16,06 gehandelt. Der Dollar lag international ziemlich fest, so konnte er in Amsterdam wieder auf 248,25 anziehen. Die Reichsmark konnte sich knapp behaup­ten, in Amsterdam ging sie auf 587s. in Zürich auf 121,05 zurück, während sie in Neuyork mit 23,70 etwas höher notierte.

vevifcnmarkt Berlin Jranffurl a. 2R.

11 .JloDcmber

12. November

Amtliche Notierung

Meld | Brief

Amtliche Notierung

Geld

Dries

£>c((ingfotl .

Wien. . . .

8,29

8,31

8,29

8,31

58,94

59,06

58,94

59,06

Prag . . .

12,47

12,49

12,47

12,49

Budapest . .

73,28

73,42

73,28

73,42

Sofia . . .

3,057

3,063

3,057

3,063

Holland . .

169,83

170,17

169,73

170,07

Oslo ....

89,41

89,59

89,01

89,19

Ropenfjagen.

90,41

90,59

90,31

90,49

Gtodholm .

91,16

91,34

89,41

89,59

London. . .

15,94

15,98

15,89

1,128

15,93

Buenos MreS

1,138

1,142

1,132

Nennorl . .

4,209

4,217

4,209

4,217

Brüssel . . .

58,66

58,78

58,66

58,78

Italien. . .

21,78

21,82

21,73

21,77

Paris . . .

16,55

16,59

16,55

16,59

Schweiz . .

82,24

82,40

82,22

82,38

Spanien . .

36,76

36,84

36,66

36,74

Danzig. . .

82.27

82,43

82,22

82,38

Japan . . .

2,058

2,062

2,058

2,062

Rio ve Jan..

0,259

0,261

0,259

0,261

Jugoslawien.

7,473

7,487

7,473

7,487

Lissabon . .

14.49

14,51

Banknoten

14,49

14,51

Relchsbankdiskanl 8 v. h., Lombardzinsfuß 10 v. h.

Berlin, 11 November

Geld

Bries

Amerikanische Violen.......

4,20

4,22

Belgische Noten.........

58,50

58,74

Dänische Noten ........

90,22

90.58

Englische Noten....... .

15,90

15,96

Französische 'Noten........

16,54

16,60

Holländische Noten........

169,46

170,14

Italienische Noten........

21,76

21,84

Norwegische Nolen........

89,22

89,58

Deutsch.Oesterreich, i 1OO Schilling

58,68

58,92

Rumänische Nolen........

2,51

2,53

Schwedische Nolen........

89,97

90,33

Schweizer Noten. ........

82,04

82.36

Spanische Noten.........

36,63

36.77

Ungarische Noten .......

* Die Be Handlung von Anträge» bei derDevisenbewirtschaftung. Anträge und Anfragen, die sich auf die Devisenbewirtschaftung beziehen, sind nach der Devisenverordnung ausschließ­lich an die zuständige Stelle für Devisenbewirtschaf­

tung beim Landesfinanzamt zu richten. Formelle Beschwerden gegen die Entscheidung dieser Stelle sind gesetzlich nicht vorgesehen, jedoch können notfalls Vorstellungen erhoben werden. Diese Vorstellungen werden von den Stellen selbst entgegengenommen und, soweit sie nicht völlig unbegründet sind, dem Neichswirtschaftsminister vorgelegt. Unmittelbar an den Reichswirtschaftsminister gerichtete Anträge, An- fragen und Vorstellungen können keine Berücksichti­gung finden. Der Reichswirtschaftsminister wird der­artige unmittelbar an ihn gerichtete Gesuche, die in den letzten Wochen in übergroßer Zahl eingegangen sind, in Zukunft lediglich an die Stelle für Devisen­bewirtschaftung zur zuständigen Bearbeitung weiter­leiten. Es empfiehlt sich daher, um unnütze Verzöge­rungen zu vermeiden, Gesuche und Vorstellungen nur bei den Devisenstellen einzureichen.

«Kloeckner-Werke-AG., Castrop- Rauxel. In der gestrigen Aufsichtsratssihung der Kloeckner-Werke-AG., Castrop-Rauxel, wurde der Abschluß für das am 30. Juni 1931 zu Ende gegangene Geschäftsjahr 1930/31 vorgelegt. Er er­gibt einen Betriebsüberschuß von 23 661 642 (35 185 272) Mark. Einschließlich des Gewinnvor­trages aus dem Vorjahre beträgt der Tleberschuh 24 044 698 (35 671 014) Mark. Nach Abzug von 6 442 439 (7 354 887) Mark für soziale Lasten, 6 337 746 (7 733 259) Mk. für Steuern und 3 337 425 (3 376 797) Mk. für Anleihezinsen, beträgt der Roh-

gewinn 7 927 088 (17 201 070) Mk., nach Abschrei­bungen in Höhe von 7 922 172 (10 356 069) Mk. ver­bleibt ein Reingewinn von 4 915 000 (6 845 000) Mark, der auf neue Rechnung vorgetragen werden soll. (Im Vorjahre 6 Prozent Dividende.)

Frankfurter Schlachtvichmarkt.

Frankfurt a. M., 12. Nov. Auftrieb: 82 Rinder, 802 Kälber, 833 Schafe, 1072 Schweine. Es wurden notiert: Kälber: beste Mast- und Saugkälber 40 bis 43 Mk., mittlere Mast- und Saugkälber 35 bis 39, geringe Kälber 28 bis 34. Schafe: Mastlämmer und jüngere Mast- hämmel (Weidemast) 24 bis 27, (Stallmast) 20 bis 23, mittlere Mastlämmer, ältere Masthämmel und gut genährte Schafe 15 bis 19. Schweine: vollfleischige Schweine von etwa 240 bis 300 Pfund Lebendgewicht 44 bis 46, von etwa 200 bis 240 Pfund 43 bis 46, von etwa 160 bis 200 Pfund 42 bis 46, fleischige Schweine von etwa 120 bis 160 Pfund 38 bis 43, Sauen 33 bis 40 Mk- Marktverlauf: Kälber, Schafe und Schweine langsam, ausverkauft.

Aus dem Amtsverkündigungsblatt.

* Das Amtsverkündigungsblatt Nr. 78 vom 10. November enthält: Viehzählung. Be- tämpfung der Tuberkulose. Die Ausstellung von Wandergewerbescheinen,Gewerbelegitimationskarten.

Die Zahlungsfrist in Auswerlungssachen.

Fristverlängerung durch Notverordnung.

B e r I i n , 10. Nov. (WTB.) Der Herr Reichs­präsident hat am 10. d. M. auf Grund des Ar­tikels 48 Absatz 2 der Reichsverfassung eine Verordnung über d i e Zahlungssrist in Aufwertungssachen erlassen. Am 1. Januar 1932 werden die von den Gläu­bigern vor Jahresfrist gekündigten Aus - wertungshypothcken fällig. Nach dem Gesetz für die Fälligkeit und Verzinsung der Aufwertungshypotheken vom 18. Juli 1930 hat zwar der Grundstückseigentümer die Möglichkeit gehabt, innerhalb von drei Monaten nach Zu­gang der Kündigung bei der Aufwertungsstelle eine Zahlungsfrist zu beantragen. Zahlreiche Schuldner haben aber damals den Antrag nicht gestellt, weil sie mit Recht annehmen konnten, den Aufwertungsbetrag 1932 zahlen zu können. Andere Schuldner haben den Antrag zwar ge­stellt, ihn aber zurückgenommen, nachdem sie sich vergewissert hatten, daß sie für den zurück­zuzahlenden Betrag von einem anderen Gläu­biger eine Ersatzhypothek bekommen würden. End­lich haben in den Fällen, in denen das Zahlungs­fristverfahren durchgeführt ist, häufig die Auf­wertungsstellen den Antrag abgelehnt, weil nach der damaligen Wirtschaftslage die Aufwertungs­stelle zu der Auffassung kam, daß dem Schuldner die Rückzahlung der Hypothek zuzumuten sei. Diese Verhältnisse haben sich durch die Ereignisse seit Juni d. I. grundlegend geändert. Die neue Verordnung sieht daher vor, daß in den an­gegebenen Fällen

die Schuldner, die durch die Veränderung der allgemeinen Wirtschaflsverhältnisse überrascht worden sind, bis zum Ablauf des 30. Novem­ber 1931 bei der Aufwertungsstelle dem Antrag auf Bewilligung einer Zahlungsfrist nachholen oder ihn, sofern er bereits rechtskräftig abge- wiefen war, erneuern können.

Vorausgesetzt ist dabei, daß die durch die Verände­rung der allgemeinen Wirtschaftsoerhältnisse ge­schaffene Laae nicht schon in einem früheren Zah- lungsfristversahren berücksichtigt werden konnte. Mit dieser Maßnahme sind die beteiligten Organisationen, mit denen die Frage erörtert ist, im wesentlichen einverstanden.

Die Voraussetzungen, unter denen die Zahlungs­frist bewilligt werden kann, sind dieselben, wie nach Dem Gesetz über die Fälligkeit und Verzinsung der Aufwertungshypotheken vom 18. Juli 1930. Ver­einbarungen zwischen Gläubiger und Schuldner über die Rückzahlung werden nicht a n g e t a ft e t. Dem Wunsche der Schuldner, wenig­stens die vor der Aufwertungsstelle geschlossenen Vergleiche in die Neuregelung einzubeziehen, ist nicht stattgegeben worden, da gegen ein solches Eingreifen in vertragliche Bindungen schwer­wiegende grundsätzliche Bedenken bestanden.

Nach der Notverordnung kann weiter den Schuld­nern von

Industrieobligationen und verwandten Schuld­verschreibungen eine Zahlungsfrist für die am 31. Dezember d. I. fällig werdenden aufgewer- telen kapitalbelräge nicht aber für die bis zum 31. Dezember 1931 gestundeten Tilgungs­teilbeträge in ähnlicher Weife gewährt werden,

wie dies in dem Aufwertungsschlußgeseh vom 18. Juni 1930 für die Schuldner aufgewerteter Hypotheken vorgesehen ist. Die Zahlungsfrist, die nur bis zum 31. Dezemberl934 bewilligt werden kann, und während deren nach Möglichkeit Teilzahlungen geleistet werden sollen, darf nur gewährt werden, wenn der Schuldner in­folge der Veränderung der allgemeinen Wirt­schaftslage über die zur Rückzahlung erforderlichen Mittel nicht verfügt, sie sich auch nicht zu zumut­baren Bedingungen verschaffen kann, oder wenn die Rückzahlung nicht ohne Gefährdung der Fort­führung des Unternehmens erfolgen könnte. Die gestundeten Beträge sind ab 1. Januar 1932 mit 7,5 Prozent jährlich zu verzinsen und mit einem Aufgeld von 2 Prozent für jedes angefangene Ka­lenderjahr, für das die Stundung in Anspruch genommen wird, zurückzuzahlen. Für die Dauer der Stundung darf der Schuldner keine Gewinne an die Gesellschafter ausschütten und in der Regel auch keine Tantiemen zahlen. Zuständig für die Bewilligung der Zahlungsfrist ist die bei den Oberlandesgerichten nach früheren Verordnungen gebildete Spruchstelle. Die Anrufung der Spruch­stelle muß spätestens bis zum 30.November d. I. erfolgen.

Wessen Knd bin ich?

Vornan von Fr. Lehne.

(Urheberschutz durch C. Ackermann, Romanzentrale Stuttgart.)

1. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Am Zaun, unter dem Schutz einer Trauerweide, war ein kleines Grab, mit den köstlichsten Blumen geschmückt, und davor saß eine schmale, schlanke Frau, die Hände krampfhaft ineinandergeschlun- gen, ganz eingehüllt in ihren Trauerschleier, der lang vom Hute wallte, den Kopf tief geneigt, als zöge die Last des Schmerzes ihn herab. Ihre Augen starrten auf den Hügel, als wollten sie die Erde durchdringen und suchen und sehen, was er barg. Hoffnungsloseste Trauer drückte ihre Haltung aus: sie achtete auf nichts um sich her. Die Vorübergehenden machten um dieses Grab einen kleinen Bogen. Erst in einiger Entfernung blieben sie stehen, warfen scheue, teilnahmsvolle Blicke nach der jungen Frau und tauschten in unwillkürlichem Flüsterton ihre Meinungen aus.

Es war ja auch zu schrecklich gewesen das bildhübsche Kind, das jeder im Dorf gern gehabt und bewundert wie ein Engel hatte es im weißen Kleidchen, den blonden Locken, den blauen Augen und roten Wangen ausgesehen auf was für eine schreckliche Art hatte es ums Leben kommen müssen! Im Aebermut hatte es getan, was die Eltern streng verboten hatte sich auf das Treppengeländer gesetzt und dabei das Gleich­gewicht verloren und sich überschlagen, mit Wucht war das Kind auf die Steinplatten des Haus- ganges gestürzt und auch gleich tot gewesen! Keiner hatte es glauben können, die unglückliche Mutter am wenigsten! Sie war nicht von der Leiche wegzubringen ' itoefen; Tag und Nacht hatte sie bei ihrem Kinde gesessen, und herzzer­reißend war es am Begräbnistage gewesen, als man die verzweifelte Mutter mit Gewalt vom offenen Grabe hatte wegführen müssen, weil sie es nicht dulden wollte, daß man über ihren Lieb­ling kalte schwarze Erde schüttete dann hielt eine wohltätige Ohnmacht, die ihr das Letzte, Schwerste ersparte, ihre Sinne eine lange Zeit tief umfangen!

Seit diesem Tage war die sonst so fröhliche junge Lehrersfrau eine andere geworden. An­fangs hatte man für ihren Verstand gefürchtet: doch gnädig ging dieser Schlag an Lehrer Lenz vorüber, wenn ihm auch noch genug des Schweren blieb. Die Frau war jedem Tröstungsversuch un­zugänglich, schroff wies sie alle zurück: aber man trug es der bis ins Herz getroffenen Mutter nicht nach. Man bemühte sich, dem Christel, dem

neunjährigen Söhnchen, allerlei Liebes zu tun, weil die Mutter sich in ihren Schmerz hüllte und den Knaben darüber vernachlässigte, der dadurch nur ein sehr ernstes, ja, fast trauriges Kind wurde.

Der von allen Seiten ehrerbietig gegrüßte Pfarrer redete mit vielen, bis er zur Frau Lenz kam. Langsam näherte er sich der Trauernden, die so in ihre schmerzlichen Gedanken versunken war, daß sie ihn gar nicht bemerkte und förmlich zusammenschreckte, als er ihr sanft die Hand auf die Schulter legte und sie anredete.

Sie schob den Schleier vom Gesicht, und mit einem abwesenden Blick in den dunklen, schönen Augen schaute sie den Pfarrer an.

Ich habe soeben Ihres lieben Mannes herr­lichen Garten bewundert wie groß ist seine Mühe und Arbeit!"

Sie nickte schwach.

Der kleine Christel ist ein netter Bub! Er ist nur recht still und ernst."

Für ein Haus der Trauer paßt kein Lachen und Lärmen!"

Schelten Sie nicht auf das Lachen, Frau Lenz! Es ist ein Geschenk für den, der so recht von Herzen zu lachen vermag!"

Das sagen Sie mir, Herr Pfarrer mir?"

Ja, das sage ich Ihnen, Rebe Frau Lenz", betonte er,ober glauben Sie, unserem Herrgott ist damit gedient, wenn die Menschen in Trübsinn und Tränen ihre Tage verbringen?"

Ich soll lachen? Wie kann ich das je wieder nach diesem Leid?" Sie warf einen bezeichnenden Blick auf das Grab, und in bitterem schmerzvollen Lächeln verzogen sich ihre Lippen.

Gott schickt uns Schmerz und Leid, um uns zu läutern; in Demut müssen wir uns seinem Willen beugen! Wir dürfen uns unserem Schmerz aber nicht so hingeben, daß wir mit dieser Hingabe anderen wieder großes Leid zusügen! And das tun Sie, Frau Lenz."

Herr Pfarrer--"

Ja, meine liebe Frau Lenz, denn Sie denken nicht an Ihr Söhnchen, das einsam und traurig in seinem Märchenbuche lieft; und Ihr lieber Mann war auch nicht srch beim Schaffen! Glauben Sie, er trauert ebenfalls tief um das Töchterchen.

Bei euch ist es so, daß jeder seine Trauer für sich trägt, und darum schwerer, anstatt sich durch ein gemeinsames Tragen die Last zu erleichtern."

Hat sich mein Mann beklagt?"

Nein, Frau Lenz, er schweigt! Ich lese aber auf seinem traurigen Gesicht ich sehe das über seine Jahre ernste Kind ich habe doch Augen! Sie vergessen über der Toten die Lebenden, die sich nach Ihrer Liebe sehnen."

Es gibt keinen größeren Schmerz als den meinen! Die können sich da nicht so hineindenken,

Herr Pfarrer; denn wer niht selbst Kinder ge­habt hat, versteht die Seele einer Mutter nicht!"

Mit schmerzlichem Blick sah der Pfarrer sie an. Ach, meine liebe Frau Lenz, meine Frau und ich, wir verstehen Sie nur zu gut! Denn unsere beiden Knaben sind uns un Zeiträume einer Woche im Alter von sieben und fünf Jahren durch eine Diphtherie genommen worden; es ist allerdings schon viele, viele Jahre her."

Eine tiefe Betroffenheit malte sich auf dem Gesicht der jungen Frau.

Das wuht ich nichts" murmelte sie.

Wir haben auch nie darüber gesprochen, meine Frau und ich, weil diese Wunde bei der gering­sten Berührung noch immer schmerzt! Damals meinte meine Frau auch, daß sie diesen Schmerz nicht überleben könne! Doch unser Töchterchen brauchte die Mutter, wie Ihr Christel auch die Mutter braucht/'

And das Töchterchen haben Sie auch noch verloren?" fragte Frau Lc^z leise. Sie wußte nicht anders, als daß die Pfarrersleute kinder­los waren!

Der Pfarrer schwieg einen Augenblick. Sin­nend sah er vor sich hin. Heber sein edles, gütiges Gesicht zuckte es schmerzlich.

Ja, auch die Tochter haben wir verloren aber nicht durch den Tod und es fragt sich wohl, was schlimmer ist: ein Kind an den Tod zu verlieren oder an das Leben. Niemals wird ihr Name zwischen uns genannt, und doch ver­geht kein Tag, an dem wir nicht an sie denken. Es gibt noch größeren Schmerz als den Ihren, Frau Lenz! Aber der Mensch muß noch größer als fein Schmerz fein! Schwere Zeiten haben wir durchgemacht."

Wie kam das alles über Sie, Herr Pfarrer?"

Ich kann Ihnen das nicht mit wenigen Wor­ten sagen! Anfere Tochter war Erzieherin, hatte aber einen unbezwinglichen Drang zur Bühne und entgegen unserem Willen folgte sie diesem Drang! And dann hatten wir, abgesehen von einigen kurzen Briefen, nie wieder von ihr ge­hört wir wissen nicht, ob sie noch lebt nun messen Sie Ihren Schmerz an dem unseren und sagen, welcher der größere ist! Wir sind froh, daß wir hier sind, wo uns niemand kennt und etwas von unserem Leid ahnt! Wenn Sie mit Christel manchmal zu meiner Frau gehen wür­den, wäre es sicher wohltätig für Sie beide! Was haben die letzten paar Jahre aus meiner Frau gemacht! Doch bitte ich Sie, daß das. was ich Ihnen gesagt, streng unter uns bleibt! And wenn es Sie nur ein wenig dazu bringt, Sie von Ihrem Schmerz abzulenken, dann soll mir das eine Genugtuung sein, liebe Frau Lenz! Ich schätze Sie beide so sehr und wünsche, daß Froh­sinn wieder in Ihrem Hause einkehrt!"

Tieferschüttert hatte die junge Frau diesen Worten gelauscht. Welche Fülle von Kummer und Schmerz bargen sie! Verstohlen warf sie einen Blick in das gütige Gesicht des Pfarrers das einen so wundervoll abgeklärten Ausdruck hatte. Was mußte er durchgekämpft haben, bis er zu dieser erhabenen Ruhe gekommen war! Er stand neben ihr, den Hut hielt er in der Hand, und sein silbergraues Haar glänzte in der Sonne.

, 2ch würde mich freuen, Frau Lenz, wenn Sie meine Frau begrüßen wollten! Sie hat heute fast den ganzen Tag allein sein müssen, da ich einen erkrankten Amtsbruder zu vertreten hatte."

Frau Berta Lenz konnte nicht anders, als der Aufforderung des Pfarrers zu folgen, und an seiner Seite schritt sie den breiten, linden­umsäumten Hauptweg dem Ausgange zu.

Waren die Worte des Pfarrers doch auf fruchtbaren Boden gefallen ?

3n diesen Tagen schien es Christian Lenz, als sei seine Frau nicht mehr ganz so abwesend und versteinert sie sprach etwas mehr und fragte ihn sogar, ob sie ihm im Garten etwas helfen könne das hatte sie seit dem Anglücksfall nie­mals getan. And der kleine Christel machte ganz verwunderte Augen, als die Mutter ihn nach seinen Schularbeiten fragte und ihm dann bei seinen Rechenaufgaben hals. Das war er doch gar nicht mehr gewöhnt!

And Frau Lenz fühlte die innige freudige Dankbarkeit des Mannes und des Kindes, daß sie sich wieder zu ihnen zurückfand und Interesse für ihr Tun und Treiben hatte. Ihr war, als sei ein eiserner Reif gesprungen, der solange ihr Herz und ihre Stirn umspannt gehalten. Alltagssorgen nahmen von neuem Platz in ihr, und sie konnte wieder an noch etwas anderes denken als nur an das kleine blumengeschmückte Grab. In langen schlaflosen Nachtstunden hatte sie über die Worte des Pfarrers nachdenken müssen, und sie war einsichtsvoll genug, sich zu sagen, daß er recht gehabt sie durfte über ihrem Schmerz die Lebenden nicht vergessen!

Mit innigster Freude, doch ohne ein Wort dazu zu sagen, bemerkte ihr Gatte diese Wand­lung, und unaussprechlich dankbar war er dem Pfarrer, dem es gelungen, die trauernde Frau von ihrem unfruchtbaren, sich selbst vernichtenden Gram abzubringen und ihr wieder Sinn für das Geben und ihre Pflichten einzuflöhen.

Das Schwerste schien ja nun überwunden: mit anderen, helleren Augen schaute sie wieder um sich. And die Zeit, die alles lindernde, würde weiter helfen!

(Fortsetzung folgt.)