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Aus der Provinzialhauptstadt.
Gießen, den 12. Juni 1931.
Oie ersten Tage.
Keine Besorgnis — ich beginne nicht mit der Schöpfungsgeschichte, obwohl sie in den verschiedenen Variationen der Schöpfungsgeschichte auch ganz dienlich zu lesen ist. Ietzt sind die ersten Ferientage gemeint, jene Stunden, in denen man erst einmal daS Gefühl „Los vom Joch' bis zur Beige auskosten möchte' so ganz und gar gewahr werden: frei! — Doch komisch, wie viele wissen in den ersten Tagen nicht, was sie mit dieser freien Zeit anfangen sollen, überlegen, verwerfen, bauen neue Gedanken auf und brauchen eine Zeit der Beueinrichtung des Einteilens, als wären sie nicht in den Ferien, sondern mühten über den richtigen Gebrauch einer Zeit Abrechnung geben.
In den Bädern entstehen am Strande bald Sandburgen, und die Reihen der Strandkörbe, das farbige Gewimmel der Menschen, erinnert an das Lagerlebcn der Bomadenvölker. Und an jedem Morgen. jedem Vachmittag sind neue Körbe wie Pilze aus der Erde geschossen und strecken sich sonnenbedürftige Fremdlinge behaglich in der Sonne aus.
In den Bergen erlebt man die drolligsten Bilder. An der See ist das Master die einzige Schwierigkeit. aber wer nicht hineingehen will, hat vom „Lagerleben" auch seine Gesundung und Kräftigung, ins Gebirge aber kommen die Menschen, um sich die Welt einmal von oben herab anzusehen, und so kraxelt denn alles, was Deine hat. Auf den Beschauer wirkt das „Wie" des Kletterns der GekegenheitStouristen manchmal ungemein heiter. Manche denken sich die Berge so wie einen Tanzboden und Bergsteigen wie Charlestontanzen, kommen in Halbschuhen mit Stöckelabsätzen. Mag der Aufstieg noch Halbwegs gelungen sein, der Abstieg erinnert an Till Eulenspiegel: „Warum", sing einer an, „gehst du bergan so froh, bergunter so betrübt?" Verzweifelte Grimassen schneiden die alten und jungen Damen, weil die Fühe so schmerzen, dah es kaum erträglich ist. Ist darum in den ersten Tagen der Klettermut grvh, so legt sich die Veugier noch einer Strapaze bald und man fängt an, sich anzupassen.
Ein ganz unbeschreibliches Empfinden geht auf dem Gesicht eines neuen Gastes in einer der cle- ?;anteren Pensonen berühmter Kur- und Erho- ungsstätten um. Betritt er den Speiseraum, sind sämtliche Augen aus ihn gerichtet. Er ist vollstän- .dig in entsprechender Toilette, alles an ihm ist in Ordnung und doch kommt er sich verschroben vor, aus dem Geleise geraten, in irgendeinem unhaltbaren Zustande. Er fühlt, die Augen der Anwesenden befühlen ihn förmlich und scheinen Röntgenstrahlen in sein Inneres iu schicken, um ihn auf Herz und Vieren zu prüfen. Der Gang wird unsicher, das Gesicht eine süß-saure Grimasse, beim Speisen fällt wirklich einmal die Serviette herunter und einmal die Gabel hart auf den Teller. — Doch das ist in den ersten Tagen, bald interessieren sich töchterreiche Mütter für ihn und er wird am Ende noch „Hahn im Korbe".
Diese ersten Tage — sie entscheiden oft für ein ganzes Leben. Doch immer mutig hinein.
„Ferienheil"! M. G.
Oer neue Rektor derLandeS-tlniversitäi
Bon der Pressestelle der Universität Gießen wird mitgeteilt:
Zum Rektor der Hessischen Landes-Universität würde der ordentliche Professor für Forstwissenschaft Dr. phil. et rer. pol. Karl Danselow für die Zeit vorn 1. September 1931 bis 31. August 1932 gewählt.
Oie Granate im Mülleimer.
Der heutige Polizeibericht meldet: Auf dem Schuttablade-Platz am Schisfenberger Weg wurde gestern beim Ausladen eines Müllwagens eine scharfe Granate mit Zünder, ein 7,5-Zenti- meter--Geschoß, gesunden, das in einem Mülleimer dem Qiagen übergeben worden war. Es darf wohl als ein sehr glücklicher Lim st and bezeichnet werden, daß das Geschoß nicht in dem sich ständig in Bewegung befindlichen Müllwagen explodierte. Die Folgen einer solchen Explosion inmitten der Stadt wären kaum abzusehen gewesen. Die Granate, die sofort sichergestellt wurde, ist durch den Waffenmeister der Butzbacher Polizei nach vorheriger Absperrung an Ort und Stelle gesprengt worden. Die Allgemeinheit muh hinsichtlich der Gefährlichkeit solcher „Erinnerungen" aus dem Weltkrieg nachdrücklichst davor gewarnt werden, mit solchen Dingen leichtfertig umzugehen. Da die Arbeiter der Müllabfuhr keinerlei Angaben darüber machen können, wo das Gefäß mit der Granate ausgenommen worden sein könnte, besteht vorläufig noch wenig Möglichkeit zu einer aussichtsreichen Untersuchung der Angelegenheit.
«.Oer gedeckte Tisch".
Gasvortrag — Schaukochen — Sonderausstellung.
Die Gießener Hausfrauenberatung veranstaltete am Donnerstagabend in Verbindung mit der Firma Gebr. Roeder (Darmstadt) und deren hiesigem Vertreter der Firma I. D. H ä u s e r wieder einen Haussrauenabend, dem als Besonderheit eine sehr geschickt arrangierte Ausstellung voranging. Mit großer Liebe und Sorgfalt waren im Saale des Cafe Leib einige Tische gedeckt, die alle Aufmerksamkeit von feiten der Besucherinnen fanden. Es wurden einige Tische gezeigt, der Kaffeetisch, der Towlentisch, eine Hochzeitstafel, ein Teetisch unter Verwendung einfachen Porzellans, das lediglich durch eine dezente Form, durch die einfache Art des Dekors besondere Wirkungen erzielte. Die Gläser, ebenfalls einfach, aber von edler Gestaltung, erwiesen sich in ihrer blitzblanken Klarheit nicht nur als Gebrauchsartikel, sondern auch als Schmuckstücke. Das alles wurde in Verbindung mit schönen Möbeln, mit Blumenschmuck und wertvollem Tischzeug mit erlesenem Geschmack geordnet und zu einem Ganzen gefügt, dessen feinem Zauber sich wohl keine der De- sucherinncn entziehen konnte. Als abschreckendes Beispiel wurde auch fein Abendbrottisch des Iung- gesellen gezeigt. Die Mitglieder der Hausfrauenberatung hatten zu den einzelnen Arrangements Kleingebäck und Kuchen gebacken, die in ihrer Appetitlichkeit mancher Besucherin zum anregenden Beispiel geworden sein dürften. Die Firmen I. D. H ä u s e r und Edgar Bor rmann zeigten außerdem Ausstellungen praktischer neuzeitlicher Küchen-Gebrauchsartikel, die ebenfalls alle Beachtung fanden. Die Ausstellung wird auch heute, Freitag, den ganzen Tag geöffnet sein.
Am Abend fand dann der eigentliche Vortragsabend statt. Frau Dr. K ö p p e begrüßte die Gäste, wies kurz auf die Bedeutung der Ausstellung und des Vortragsabends hin und dankte schließlich all denen, die zum Gelingen des Abends bei
getragen hatten. Sodann hielt Sfräulcin Klingle r von der Firma Gebrüder Roeder einen längeren Vortrag über das Thema „Warum GaSküche?" In universeller Weise behandelte die Rednerin das umfangreiche Gebiet, gab Aufklärungen über die sachgemäße Behandlung des Gasherdes, gab viele praktische Winke und bewies am Kochherd ihre Fähigkeiten. Die Kostproben fanden alle Anerkennung. Der Vortragenden wurde lebhafter' Beifall zuteil.
Die gesamte Veranstaltung, insbesondere die Ausstellung, hatte viel aufopfernde Arbeit erfordert. Frau Professor Weidenbach gebührt große Anerkennung für die feine Gestaltung der einzelnen Tische. Frau Dietz hatte einige wertvolle handgearbeitete Tischdecken zur Verfügung gestellt und die Firma Rudolf Weber gab viele Blumen. Das Geschirr stammte von der Firma Loewer & Dechstein, und das Möbelhaus Ernst Rauh stellte viele Möbel in den Dienst der guten Dache. Die Gesamtleitung der Veranstaltung hatte Frau Dr. K ö p p e übernommen, für das Gebäck zeichnete Frau Oberstudiendireklor Kalbfleisch verantwortlich. Diele Mitglieder der Hausfrauenberatung wirkten im Stillen für die Ausstellung. Die Damen entledigten sich mit großem Geschick ihrer Aufgaben. Die Kapelle E i n - brodt umrahmte den Abend mit guter Musik und fand wohlverdienten Beifall. Die Veranstaltung gestaltete sich zu einem großen Erfolg.
Bornotizcn.
— Tageskalender für Freitag. Bund aus und Schule": Bortrag „Konfirmations- freuben und Konfirmationsnöte" von Pfarrer Lic. Waas, 20 Uhr. — Turnverein von 1846, Gießen: Bortrag „Wafferfahrten ber DT." von Hermann Salzmann, Gründung der Wafferfportabteilung im Turnverein 21 Uhr, Turnhalle, Steinftraße. — Be- zirksfparkasie Gießen: Bortrag „Finanzierung des Neubaues und Kaufs von Eigenheimen und Ablösung von Hypotheken" von Otto Hägert, 20.30 Uhr, „Postkcller", Wagengasse. — Gasvereinigung und Hausfrauen-Beratung: Bortrag „Neuzeitliche Koch- methoden", 20 Uhr, Cafö Leib, Walltorftraße. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Die Königin eintt Nacht".
— Aus b em Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Die Tragödie „Vju" des russischen Dichters Ossip Dymow wird am Dienstag, 16. Iuni, von dem Ensemble-Gastspiel Boltina Baart, E. L. Franken, Kurt Linser als Gastspiel der DommersPielzeit einmalig zur Ausführung gebracht. Beginn 20 Llhr, ermäßigte Sommerpreise.
— Musikalische Morgenfeier. Am kommenden Sonntag, 11.15 Llhr, veranstaltet Eli- scibeth Felchner mit einigen iyrer Schülerinnen und Schüler unter der Mitwirkung von Frau Gertrud Wetzl (Gießen) und Frau Lore Michaelis (Frankfurt a. M.) eine musikalische Morgenfeier im Singsaal des Realgymnasiums, deren Reinertrag der hiesigen „Zuflucht" zugute kommen soll. Väheres in der Anzeige der DienStag- nummer.
— Der Gewerkschaftsbund der Angestellten (GDA), Ortsgruppe Gießen, hält am Samstag, 13. Iuni. im Hotel Hopfeld eine Versammlung ab, in der das Thema: „Was bringt die neue Votvcrorbnuna den Angestellten?' behandelt werden soll. Väheres in der heutigen Anzeige-
** Habilitierungen an der Landes- Llniversität. Von der Pressestelle der Llni- versität Gießen wird mitgeteilt: An der Landcs- Llniversität habilitierten sich folgende Herren: in der Iuristischcn Fakultät der Hilfsassistent am Juristischen Seminar Dr. Max Kaser für das Fach des Römischen und vergleichenden bürgerlichen Rechts: in der Philosophischen Fakultät, 11. 21611, der Assistent am Mathematischen Seminar Dr. Herbert Grötzsch für das Fach der reinen Mathematik.
* Universitäts - Gottesdienst. Am nächsten Sonntag, 11.15 Uhr, findet in der Neuen Aula ein Universitäts-Gottesdienst statt. Die Predigt hält Professor' D. Rudolph.
* Das Urteil gegen 2Da der rechtskräftig. Bekanntlich hat die Gießener Strafkammer als Berufungsinstanz vor einigen Wochen den Kaufmann Albert Wader von Wiesed wegen Darlehensschwindeleien zu 3>s Iahren Gefängnis, abzüglich etwa ein Iahr Untersuchungshaft, verurteilt. Gegen dieses Urteil legte Wader Revision beim Reichsgericht ein, die je- doch, wie uns heute berichtet wird, verworfen wurde. Damit hat das vorstehende Urteil gegen Wader, durch den eine ganze Anzahl Leute geschädigt wurden, Rechtskraft erlangt.
* Wohltätigkeitsfest für Deutsche über See. Die Vorbereitungen zu dem Wohl- tätigkeitsfest des Frauenvereins vom Roten Kreuz für Deutsche über See auf der Liebigshöhe am morgigen Samstagabend sind, wie man uns mitteilt, schon heute nahezu beendet. Das Programm wird reich an Ueberraschungen sein. Reben Herrn und Frau C u j ö und Heinrich Hub vom Stadttheater, von dem auch die Idee und der ver
bindende Dialog eines kleinen Festspiels sind, haben sich noch eine große Anzahl Damen und Herren der Gesellschaft zur Bereicherung des Programms zur Verfügung gestellt, so daß der Abend sehr genußreich zu werden verspricht.
"GoldeneHochzeit. Am kommenden Sonn, tag, 14. Juni, begeht das Ehepaar Friseurmeister Philipp Stier und Marie geb. Rudolph das Fest der goldenen Hochzeit. Friseurmeister Stier begründete im Fahre 1880 hier fein Geschäft und wurde im vorigen Fahr bei feinem 50. Geschästsjubiläum von der hiesigen Friseurinnung zum Ehrenmeister ernannt. Bis zum Fahre 1918 betrieb er fein Gc- schäft in der Schulstraßc, dann in der Reuen Baue, feit 1920 im Haufe Wilhclmstroße 1.
" Rennfahrer pafficrcn Gießen. Dom Auw. und Motorrad-Klub Gießen wird uns mit« geteilt: Morgen, Samstag, 13.Juni, werden etwa 60 Autos und Motorräder, die an der Zuverlässig- keitsfahrt „II m Rheinland-Westfalen" teil- nehmen, unsere Stadt pafsieren. Die Kontrolle hat der Auto- und Motorrad-Klub Gießen übernommen. Die Kontrollstatton befindet sich an der Restauration „Zur Karlsruhe" an der Marburger Straße. Die Fahrer passieren folgende Straßen: Marburger Straße, Dftanlage, Südanlage, Frankfurter Straße. An den Hauptkreuzungspunkten wird die Polizei für glatte Abwicklung des Berkehrs Sorge tragen. Ferner hat sich die Freiwillige Sanitätskolonne vom Roten Kreuz für den Sanitätsdienst zur Berfügung gestellt. Mit der Ankunft der Fahrer ist zwischen 16 und 17 Uhr zu rechnen.
♦* Eine hochbetagte Skatgesellschaft. Seit langer Zeit findet sich in einem hiesigen Lokal öfters eine Skatgefellschaft aus vier Herren zusammen, die insgesamt über ein Alter von 300 Jahren verfügen. Daraus ergibt sich, daß jeder der vier Herren — im Durchschnitt betrachtet — mindestens 75 Jahre alt sein muß. Die Mitglieder dieser hochbetagten Runde sind sämtlich Gießener, und zwar handelt es sich um die Herren Seifenfabrikant S. Sternberg, Kaufmann M. Strauß, Rentner H. Roßmann und Schirmfabrikant Levi.
Verantwortlich für Politik: i. 23. Ernst Blumschein.
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aber auch zur Bräunung des ganzen Körpers bei Sonnenbädern verwende man die reizmiidernde und kühlende fieobor- Kett-Creme. Tube 60 Pf. und 1 Mk. Wirksam unterstützt durch Leodor-Edelseife Stück 50 Pf. Zu haben tn allen Chlorodont- Verkaufsstellen.
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Wie verschieden auch die Zusammenstellung von Tabakmischungen in Cigaretten sein mag, wie zart auch das Aroma — die Voraussetzung fflr reinen Rauchgenuß bleibt immer die gleiche: Ohne Mundet flek. Probieren Sie einmal die Atikah neben irgendeiner beliebigen Goldmundstück -Cigarette — dann werden Sie verstehen, warum so viele Worte gemacht werden, um das Goldmundstflck zu verteidigen.
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1930 19*29 1928 1927 1926 1925
Iwraphische Darstellung des beispiellosen Aufschwungs der Atikah ohne Mundstück


