dem Kvrnhuber die tschechische Revolutionsgeschichte als eine Kette moralischer und materieller Delikte bezeichnet hatte. Kornhuber muh das Land binnen drei Tagen verlassen.
Die Rußlandreise deutscher Industrieller.
BefriedigendesErgevnis. —Neue Aufträge
Moskau . 9. März. (WTB) Die zwischen dem Präsidenten des Obersten Wirtschaftsrates der Sowjetunion und den deutschen Industriellen geführten Besprechungen, die der Beseitigung der den Wir!schastsverlehr störenden Hemmnisse und der Erwägung über weitere Vertiefung der gegenseitigen Wirtschaftsbeziehungen dienten, ha.en zu einem beide Teile befriedigenden Ergebnis geführt. Sn beiderseitigem Einvernehmen wurde festgestellt, daß eine möglichst weitgehende Stabilität in den Wirtschaftsbeziehungen der beiden Länder die beste Grundlage für einen weiteren Ausbau der Wirtschaftsbeziehungen biete, um auf diese Weise dieKontinuitätderLieferungen si-cher- zustellen und dabei doch jedem Unternehmen für seine Geschäftsbeziehungen so viel Spielraum zu lassen, das, ein den tatsächlichen Bedürfnissen an- gepahtes Gesamtprogramm zu möglichst voller Auswirkung kommen könne. Beide Teile haben sich dabei über die Möglichkeit der Durchführung des Zusatz Programms von Bestellungen geeinigt, die von der Sowjet- industrie in kürzester Zeit nach Deutschland erteilt werden sollen.
Die überseeische Konkurrenz auf dem Agrarmarkt.
Verbesserung der Getreidcsorten in Argentinien.
Buenos Aires, 9. März. (£11) 3n einem Aufruf an die argentinischen Landwirte weist Präsident Uri buru auf die patriotische Pflicht hin, statt der Vergrößerung der Anbaufläche das Hauptaugenmerk auf die Verbesserung der argentinischen Getreidesorten zu richten. Ramentlich der araentinische Weizen sei bisher noch nicht genügen) widerstandsfähig gegen Krankheit und stepe auch in der Qualität hinter anderen Sorten zurück, was seinem Absatz namentlich unter den augenblicklichen Umständen des übergroßen Angebotes hindernd im Wege stehe. Die argentinische landwirtschaftliche Gesellschaft, welche den Aufruf des Präsidenten verbreitet, fügt ihm eine Erläuterung hinzu, in der auf die Versuche zur Verbesserung des Saatgutes hingewie- sen wird, über die unlängst in Buenos Aires in seinen Vorträgen der deutsche Professor von Bauer berichtet hat. Von Bauer ist Direktor des von der Kaifer-Wilhelm-Gesellschaft errichteten landwirtschaftlichen Instituts in Damsdorf- Müncheberg.
Aus aller Welt.
Die Schweiz und der Schwarzwald in tiefem Schnee.
In den Abendstunden des Montag hält in der ganzen Talebene diesseits des St. Gotthard der Schneefall unvermindert an. Die Der- kehrsoerhältnifse in den Städten werden immer kritischer. Ununterbrochen arbeiten die Schneepflüge. In der I n n e r s ch w e i z sind zahlreiche an Berghängen stehende Häuser durch den gewaltigen Echneedruck gefährdet. Die Zahnradbahn zwischen Arth und dem Nigi mußte der großen Lawinengefahr wegen den Betrieb für einige Tage einstellen. Alle Züge, auch die internationalen, haben bis zu zwei Stunden B e r s p ä t u n g. Abstürzende Schneemassen warfen am Montag die Lokomotive des Personenzuges Zürich—Luzern aus den Schienen. Der Tessin ist merkwürdigerweise schne°frei. Auch in der R h e i n- ebene gehen große Schneemengen nieder und führten zu Verkehrsschwierigkeiten. Die Telegraphenmasten stehen auf den Höhenzügen des Schwarzwaldes derart im Schnee, daß man mit den Händen die Telegraphendrähte erreichen kann. Autoverkehr im Schwarzwald ist unmöglich.
Die ehemalige Stettiner Hütte von einer Lawine verschüttet.
Die 2885 Meter hoch in Südtirol gelegene ehemalige Stettiner Hütte (Rifugio Petrarca) am Fuße der Hohen Meiste ist von einer Lawine verschüttet und demoliert worden.
Ein Landfriedensbruchprozeh beginnt mit einem Demonstrationszug der Angeklagten. Vor dem Großen Schöffengericht in Kassel sollte am Montag der Landeefriedensbruch-Prozeß g e - gen 97 Kommunisten, die eine nationalsozialistische Versammlung in Grebenstein gesprengt hatten, stattfinden. Nur vier der Angeklagten waren bereits in Haft. Die übrigen 93 marschierten geschlossen und mit Armbinden geschmückt in einem Demonstrationszug mit Musik zum G e r i ch t s g e b ä u d e, das die Polizei abgeriegelt hatte. Es kam zu ernsten Z u s a m m e n- st ö ß e n , bei denen die Polizei den Gummiknüppel benutzte und die Kommunisten-Musiker mit ihren Instrumenten auf die Beamten einschlugen. Es gab mehrere Verletzte. Nach Auflösung des Zuges fand eine Versammlung in der Altstadt statt, bei der der Reichstagsabgeordnxte Lohagen die Angeklagten aufforderte, nicht vor Gericht zu erscheinen. Trotzdem fanden sich vier dort ein, darunter zwei Verletzte. Die Verteidiger verlangten Zurückziehung der Polizei, ein Verlangen, dem der Staatsanwalt widersprach. Die Verhandlung mußte schließlich auf Dienstag vertagt werden.
Fünfter Deutscher Zahnärztetag.
Das Ehrenpräsidium für den fünften Deutschen Zahnärztetag, der in Berlin vom 26. bis 29. März 1931 stattfindet, haben die Herren Reichsminister des Innern Dr. Wirth und Reichsarbeitsminister Dr. h. c. Stegerwald übernommen. Auf dem Kongreß werden neuzeitliche Fragen der zahnärztlichen Chirurgie im Vordergrund der wissenschaftlichen Erörterungen stehen. Auch die wissenschaftliche Welt des Auslandes bringt der Veranstaltung die größte Aufmerksamkeit entgegen. In zwei Etagen des Reuen Schöneberger Rathauses wird eine Industrieausstellung die neuesten Erzeugnisse auf dem Gebiet der Apparate- und Instrumenten-Dechnik zeigen. Vor und nach der Tagung wird ein Programm praktischer Fortbildungskurse die wissenschaftlichen Veranstaltungen ergänzen.
Anlagen Hugenbergs und die Antwort der Reichsregicrung.
Berlin, 9. März. (TU Amtlich.» In einer Rede in Lemgo hat der deutschnationale Parteiführer Dr. Hugenberg eine Reihe bo.i Anfragen an di e Regierung gerichtet. 11. a. hatte er gefragt, ob es sich nach heutigen Begriffen entschuldigen lasse, daß der Minister Schiele ihm durch einen Abgeordneten, der die Sachlage nicht voll übersehen konnte, am 17. Juli 1930 vorderAbstimmungüberdieRot- verordnungen ankündigen ließ, der Reichspräsident würde zurücktrete n. wenn d e Deut ch a i n I n nid> d. n Auf eb ng = antrag zu Fall bringen würden. Cs habe sich dabei um ein an den Rainen des Reichspräsidenten angeknüpftes unverantwortlichesDe- einflussungsmanöver gehandelt._
Hierzu gibt Reichs«rnährungsministec Schiele folgende Erklärung ab, zu der ihn der Reichs- präsidentausdrücklichermächtigt hat: „Der Herr Reichspräsident hat im Juli 1930 vor der Abstimmung über die Aufhebung der Rotverordnungen sich in einer Unterhaltung mit mir (Schiele» dahin geäußert, daß er, falls im Reichstag der Antrag auf Aufhebung der Rolverord- nungen - und zwar mit den Stimmen derDeutsch- nationalen — beschlossen würde, nur zwei Möglichkeiten sehe, entweder s e l b st von seinem Amte zurückzutreten oder den Reichstag a u f z u lösen. Der Herr Reichspräsident ermächtigte mich ausdrücklich, dies den Herren der deutschnationalen Fraktion mitzuteilen und hinzuzufügen, daß er angesichts der gegen eine derzeitige Reuwahl des Reichstages bestehenden Bedenken ernstlich den Gedanken seines Rücktritts erwäge, falls der Reichstag die vom Reichspräsidenten im Interesse des Landes erlassenen lebenswichtigen Vorordnungen aufhebe."
Dr. Hugenberg hatte weiter gefragt, ob sich der „Hannoversche Courier" ohne alsbaldige Berichtigung auf Auskünfte von zuständiger Stelle berufen dürfe mit der Behauptung, daß Brüning in Auswertung der Wahl vom 14. September den Versuch gemacht habe, d i e Regierung nach rechts zu erweitern. Hierzu wird von der Reichsregierung erklärt, der Reichskanzler habe am 5. Oktober Vertreter der Deutschnationalen Bolkspartei und am 6. Oktober Vertteter der Rationalsozialisten empfangen, ihnen das Programm der Regierung offiziell unterbreitet und sie gefragt, ob sie zur Mitarbeit bereit seien. Geheimrat Dr. Hugenberg hat ferner u. a. die Frage aufgeworfen: Entspricht es den heutigen Begriffen polittschen Anstandes, wenn nunmehr der Wille des Kabinetts, den polnischen Handelsvertrag in Kraft zu sehen, dadurch erfüllt wird, daß ein angeblich zum Besten der Landwirtschaft bestimmtes Gesetz (Zoll- ermachtigungsgesetz) so gefaßt wird, daß damit die vorläufige Inkraftsetzung des polnischen Handelsvertrags ohne besondere Be
fragung des Reichstags möglich wird? Demgegenüber wird amtlich festgestellt, daß die Reichsregierung "nicht beabsichtigt, ohne besondere Befragung des Reichstags den polnischen Handelsvertrag vorläufig in Kraft zu sehen.
Eine Erklärung der deutsch- nationalen Parteiführer.
Berlin, 10. März. (TU.) Dr. H u g en be r g, Dr. Obers ohren und Dr. v. Winterfeldt veröffentlichen eine Erklärung, die sich scharf gegen die Behauptung wendet, daß die Regierung durch die Politik der nationalen Opposition an die Seite der Sozialdemokratie gedrängt werde und daß die Rechte, insbesondere die DRVP., sich vor oder nach den Wahlen aus Scheu vor Verantwortung einer positiven Mitarbeit an der Regierung versagt habe. In der Erklärung heißt es u. a., den Deutschnationalen sind seitens der Regierung Brüning weder vor noch nach der Sep- ten^berwahl insbesondere auch nicht in der Unterredung am 6. Oktober 1930 irgendwelche A n g e bo te be tre f fe nd Re gie- rungsbeteiligung gemacht oder irgendwelche Möglichkeiten hierzu geboten worden. Wir haben seit dem Herbst 1929 öffentlich und nichtöffentlich immer wieder betont, daß wir zur llebernahme jeder Verantwortung bereit seien. Cs ist selbstverständlich, daß eine solche für verantwortungsbewußte Politiker, die nicht lediglich Minister werden, sondern ihrem Lande sachlich dienen wollen, nicht v o r - aussehungsmöglich ist. liniere Voraussehungen waren und sind der Regierung bekannt. Die Unterredung vom 6. Oktober hat keinerlei Anhaltspunkte dafür ergeben, daß auf Seiten des Kabinetts der nach den Wahlen vom 14. September eigentlich zu erwartende Wille zur Hmbil-> düng der Regierung bestand. Vielmehr hatten sich diesmal, wie sonst, die Bemühungen des Reichskanzlers einseitig darauf beschränkt, unsere Zustimmung zu seiner von uns bekämpften Politik zu erlangen, statt seinerseits auf die vor den Wahlen von uns aufgeworfenen Fragen zurückzukommen. Wir müssen also auf Grund unserer gemeinsamen Kenntnisse der Vorgänge feststellen, daß, soweit die Deutsch- nationalen in Betracht kommen, die Behauptung, das Kabinett habe in Auswirkung der Wahl den nachdrücklichen Versuch gemacht, die Grundlage der Regierung nach rechts zu erweitern, vollkommen unwahr ist. Seitens der Regierung ist keinerlei dahingehender Schritt erfolgt.
Hitlers Absage an Hindenburg.
Wie uns mitgcteilt wird, hat Hitler nach einem Bericht des „Völkischen Beobachters" in seiner Münchner Rede vom 25. Februar erklärt: „Wir werden jedes legale Mittel ergreifen, um das gegenwärtige System zu beseitigen."
„Fast wie bei Amanullah".
Begeisterter Empfang Eharlie Chaplins in der Reichshauptstadi. OaS Publikum rast, die Polizei ist machtlos, Eharlie ist glücklich.
Von unserem V. ^.-Sonderberichterstatter.
Dor amerikanische Filmstar Charlie Chaplin ist am Montagnachmittag mit dem Holland-Expreß auf dem Bahnhof Friedrichstraße in Berlin ein getroffen. Zu seinem Empfang hatte sich rund um den Bahnhof und auf dem Bahnsteig eine riesige, ständig anwachsende Menschenmenge eingefunden. Don den führendes Filmproduzenten waren die meisten leitenden Herren erschienen, um Charlie Chaplin zu begrüßen. Als Chaplin den Zug verlassen wollte war das Gedränge so groß, daß Polizeibeamte eine schmale Gasse für ihn freimachen mußten. Vom Bahnhof, vor dem die Menschenmenge immer wieder in Hochrufe auf Charlie Chaplin ausbrach, begab sich Chaplin nach dem Hotel Adlon, wo et für die Zeit seines Berliner Aufenthaltes Wohnung genommen hat.
Eines Tages also erwacht Berlin und erfährt, Chaplin sei im Anmarsch. Ende März sollte er kommen, man hatte Zeit mit den Vorbereitungen, mit der inneren Einstellung, man konnte vorerst andere Sorgen haben. Und das wird plötzlich über den Haufen geworfen. Was morgens ein Gerücht noch ist, ist mittags eine Gewißheit.
„Chaplin nähert sich Berlin!" brüllen die Zeitungshändler. Cs ist wie beim Ozeanflug. Chaplin hat die Grenze passiert. Chaplin in T, Chaplin in V. Chaplin kommt 17 Uhr auf dem Bahnhof Friedrichstraße an. Dieser und jener wird ihn empfangen. Die Polizei will den Ver- kehr wenigstens notdürftig aufrechterhalten. Jin Hotel A. häufen sich schon die Dittl riefe. Chaplin erläßt inzwischen eine Botschaft an das deutsche Volk.
Die Sache erinnert ein wenig an den seligen Amanullah. Damals war das Volksgemur- mel zwar etwas offizieller beeinflußt und weniger herzlich. Dafür fehlt den überraschten Filmmenschen so ein Graf Tattenbach, Chef des Protokolls, Zeremonienmeister der Republik, der so etwas zu „schmeißen" versteht. (Man hält' ihn sich ausbvrgen sollen.)
Das Manko wird nicht ins Gewicht fallen. Braucht Berlin einen Regisseur? Es braucht ihn nicht. (Siehe unten!)
Friedrichstraße — wenn Sie die nicht kennen sollten — gleich am Bahnhof, eine enge wchlucht. Einbahnstraße. Am Bahnhof selbst ein kleiner, dreieckiger Platz, verbarrikadiert von Droschken. Auf der anderen Seite ein Bretterzaun, wo vor Jahren ein Hochhaus „erstehen" sollte. Sollte! Dann die Spree. Und sonst gar nichts. Kein Platz für Massenszenen. Dennoch: Platz für Zehntau- sende!
Weiß Gott, wie sie sich unterbringen. Immer neue Trupps. Sie quellen aus der Untergrundbahn. sie brechen aus Seitenstraßen, sie marschieren heran in dichten Kohorten. Sehr gemischt, eine Volksgemeinschaft — alle umfassend, einig in ihrem Wollen, wie sie einig sind in ihrer Empfänglichkeit für Chaplin« Kunst. Schupo mitten-
drin, auf Wagen, zu Fuß und zu Pferde, milde, nachsichtig lächelnd. Hände weg vom Gu imiknüp- pel. Es wird ausnahmsweise heute nicht geprügelt. Straße frei — für das große Lachen.
Siebzehn Uhr! Eine Mauer, ein Meer von Mensche^, sie werden, so scheint es, die Häuser beiseite drücken. Der Verkehr ist längst umgeleitet. Die Schuko yat den Kampf längst aufgegeben. In knallblauen (-gelben, -grünen, -ro en) Cabriolets taucht da und dort ein Prominenter auf. der Charlies Sonne Über sich erstrahlen lassen will. Lieblinge der Masse? Dieses Volk ist undankbar. Es schüttelt seinen berüchtigten Witz aus zehntausend Aermeln und gießt ihn über die Sterne seines eigenen Filmhimmels.
„Mensch, nu drängel dir ma' nich, an Scharlie'n längste doch nich ran!"
Siebzehn* Uhr fünfzehn. Auf dem Bahnsteig. Herren im Zylinder. Damenpelze in leuchtenden Farben, es sind nun doch alle da, „die es sich nicht nehmen lassen". Blumen, ein junges Mädchen dazu. Und dann: die Phalanx der Photographen, der Tonfilmleute, der Berichterstatter. Polizei auch hier in erster Garnitur, Offiziere mit blitzenden Orden. Wirklich und wahrhaftig — es scheint ein Potentat zu kommen. Von außen' her klingt das Raunen der Menge. Aber dabei bleibt es nicht, sie rieselt herein, wozu gibt es schließlich Bahnsteigkarten, sie ballt sich drüben auf dem Stadtbahnsteig zusammen, wer kann sie kontrollieren, ob sie fahren oder sehen will? Schon kämpft die Schupo auf den Treppen. Und unten, auf der Ankunftsseite spielt sie das alte Spiel: Drängst du mich — dräng ich doch auch. Arm in Arm, in langer Kette, auf und niederwallend, ein lebender Wellenbrecher, hinter dem die Brandung ihre Kräfte erprobt.
*
Siebzehn Uhr siebzehn. Pünktlich wie immer schiebt sich der fabelhafte Expreß in die Halle, dieses „gute Stück" der Reichsbahn, mit dem alle Berühmten anzukommen pflegen.
An einem Fenster wird der Kopf eines gepflegten amerikanischen Herrn sichtbar, auffallend graues Haar, viel Weiß an den Schläfen, er lächelt, er hebt die Hand — da wälzt sich nun die ganze Traube von zylindergeschmückten Herren und feinen Damen dem noch fahrenden Fenster nach — ein kleiner Regiefehler, der bei richtigen Potentaten doch nicht vorkommt.
Und dann: Trubel. Eine Gruppe heftig gestikulierender Menschen, wer Glück hat, kann den grauen Kopf auf und niedertauchen sehen, Hochrufe dröhnen in der guten Akustik, die Stadtbahnpassagiere brüllen wie ein Mann. Von den Treppen lärmt es herauf, von der Straße tönt aufgeregtes Summen, die Gruppe wälzt sich zur Sperre — „Ja", wird der Beamte feinen Enkelkindern erzählen, „und da habe ich ihm die Fahrkarte abgenommen---" (ein
ziger Triumph der Bürokratie über das unbürokratischste aller Menschenkinder!)
*
Der Ausgang, die kleine Freitreppe, davor ein Automobil. Dann ein freier Raum. Dann Schupo. Und dann grau in grau die Menschen.
Plötzlich — ein Schrei. Ein einziger. „Charlie!" Und dan noch ein Schrei, ein Orkan, ein Wirbelsturm. Und dann ist die Schupo fort, der freie Platz ist fort, das Auto — mag sein, daß das Auto noch da ist. Lachend, strahlend, glücklich-abwehrend noch ein-, zweimal der graue Kopf — und dann nur noch Sturm, nur noch Brandung und die Hoffnung — sie würden ihn am Leben lassen.
Irgendwie — die Jungens verstehen ja ihr Handwerk — hat die Schupo doch noch das Auto umringt, den Charlie gepackt, ins Auto gezerrt, eine Hupe rast los, ein Polizeiauto setzt sich an die Spitze, ein zweites fährt hinterdrein, langsam, Schritt für Schritt, weicht die Menge zurück, um sich gleich wieder zu schließen, Schreien, Brüllen, Toben, immer dieses Charlie! Charlie! Charlie?, wie die Leute es nun eben aussprechen, Tscharli, Tschar- lieh! mit unendlicher Liebe und ebenso lang gezogen. —,
Sie stehen wie ein Mann in der Friedrichstraße und an der Kranzlerecke und Unter den Linden und vor dem Hotel. Sie werden stundenlang' die Straßen belagern, wo immer „Er" sich zeigen mag.
Es ist zwar nicht der Chaplin, -dea^sie im Kopf haben, es ist, wie gesagt, ein wohlgepflegtcr Amerikaner mit grauem Haar, aber es ist halt doch — unser Charlie!
Charlie Chaplin gab heute abend in seinem Hotel Vertretern der Berliner und ausländischen Presse ein kurzes Interview, in dem er u. a. betonte, daß ihn der herzliche Empfang in Berlin stark bewegt habe. Er wiederholte, daß er in der Hauptsache deutsche Theater zu besuchen wünsche, um zu sehen, was sie an neuen Stücken bringen. Er wolle auch ein deutsches Gefängnis besichtigen, wie er das schon in Amerika und in England getan habe. Sein Aufenthalt werde sich wahrscheinlich über acht Tage erstrecken. Er wosie auch der Berliner Uraufführung seines Filmes „Lichter d er G r o ß st a d t" beiwohnen, sofern diese Ende März oder Anfang April stattfinde. Im Tonfilm werde er nie auftreten. Sein größter Wunsch sei, daß man ihm ft- viel wie möglich Freiheit laste.
Forderungen der Kleinrentner.
Berlin, 9. März. (ERB. ) In einer vom Reichsrentnerbund veranstalteten großen Kundgebung, an der auch zahlreiche Vertreter aus dem Reich teilnahmen, wurde die Forderung vertreten, daß die ehemaligen Kleinrentner aus der kommunalen Fürsorge herausgenommen werden, und daß möglichst rasch von Reichs wegen ein Rentnerversorgungsgesetz geschaffen wird. Die Versammlung verlief zum Teil sehr erregt. Die Redner wiesen darauf hin, daß die schlechte Finanzlage der Kommunen und Fürsorgeverbände als unerträglich zu bezeichnende Kürzungen in der. Höhe der Unterstützungen gezeittgt habe. Stark betont wurde auch die Tatsache, daß die Selbstmorde in den Kreisen der Kleinrentner in erschreckendem Maße zugenommen hätten.
Sreiüeiföflrofen im Moskauer Menschewistenprozeß.
Moskau, 9. März. (WTB.) Der Moskauer Ge- richtshof verurteilte im Prozeß gegen das Unionsbureau der Menschewisten nach 25ftün- biger Beratung die Angeklagten Groman, Scher, Suchanosf, Ginsburg, Jakubowitsch, Petunin und Findjenataiwski zu je zehn Jahren Freihe i t s st r a f e und die übrigen sieben Angeklagten zu Freiheitsstrafen von fünf bis acht Jahren.
Die Wetterlage.
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Wettervoraussage.
Der Kälteherd mit Frostternperaturen von mehr als — 10 Grad über Westbeutfchalnd wird von allen Seiten von etwas wärmeren Luftmassen umspült. Einerseits bringt an ber Vorberfeite der südlichen Störung weiterhin tropische Luft über die Balkanlänber nach Ostdeutschland vor, anderseits entwickelt sich über der Nordsee ein flacher Wirbel, ber die seither in Deutschland herrschende einheilliche Ostwestströmung unterbindet. An seiner Südseite drehen die Winde mehr nach Westen, so daß auch ozeanische Luftmassen nach dem Festlanbe gelangen. Wohl werden die Temperaturen noch unter Null bleiben, jedoch wird die Kaltluft nach und nach erwärmt, so daß eine langsame Milderung zu erwarten ist. Beim Zusammentreffen der verschiedenartigen Luftmassen dürften auch Schneefälle nieder' gehen.
Aussichten für Mittwoch: Vielfach dunstig und bewölkt, noch Frost, aber allmählich Abschwächung, aufkommende Schneefälle.
Aussichten für Donnerstag: Weiterer Frosiciickgang wahrscheinlich.
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