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Nr. 32 Drittes Blatt

GiehenerAnzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Samstag, 7. Zebruar 1931

Krisenstimmung überall,

raupenpoutische Umschau.

Don Dr. Otto Hoehsch, o. ö. Pros, der Geschichte an der Universität Berlin.

Wenn auch nicht in gleicher Stärke, so leiden doch alle drei HaupUändcr des westlichen Europa, Deutsch, land, Frankreich und England unter der Un­sicherheit ihrer innerpolitischen Zu­stand e. In F r a n k r e i ch ist das Kabinett Steeg sthr schnell wieder gestürzt, dem von vornherein jede Stabilität fehlte und das deshalb gleich am ersten, an sich ziemlich unbedeutenden, Zwischenfall scheiterte. Auch das neue Kabinett Laval dieser 4kjährig.' Monn, der sich, armer Leute Kind, von unten heraufgcarbeitet hat, ist der jüngste Minister­präsident, den Frankreich seit 1871 gehabt hat ist nicht viel fester. Es ist keine Rede von der log. Nationalen Union"; es stehen sich gegenüber Rechts- rcgierung (Nationaler Block) und Opposition der Radikalsozlalisten und der Sozialisten. So wird es auch bleiben bis zu den Wahlen von 1932. Eigentlich ist Frankreich in diesem Wahlkamps schop drin.

Die Gegensätze gehen um die Laiengesetze und Schulfragen, nicht um die A u ß e n p o l i t i k, in der Briond nach wie vor bleibt, und deren Formu- lierungcn in der neuen Regierungserklärung sich nicht von der alten Linie unterscheiden: Annäherung an die anderen Staaten, aber eigene Sicherheit, ab­rüstungsbereit, aber Landesverteidigung und der­gleichen. Am wichtigsten war aus der Regierungs­erklärung der Hinweis, daßFrankreich in einem Augenblick von der Weltwirtschaftskrise betroffen werde, in dem sich in änderen Ländern bereits Symptome für eine Besserung zeigen." In immer steigendem Maße werden die Regierungen Frankreichs mit diesem Problem zu tun bekommen, das unausweislich auch in Frankreich heraufzieht und aus dem sich dann Konsequenzen ergeben müssen für seine Haltung gegenüber den anderen Staaten. Nur kann man nicht sagen, daß Frankreichs Situation bereits besonders ernst wäre.

*

Ganz anders in E n g l o n d. Die Krise lastet un­verändert, ja zunehmend schwer auf dem englischen Wirtschaftsleben; sie ist nicht deshalb leichter als bei uns, weil nach der ganzen Art des englischen Volkes dieses sie ruhig erträgt. Wohin man blickt: Aussperrung in der Baumwollindustrie, Lohn­kämpfe bei den Eisenbahnen, Streikbewegungen unter den Bergarbeitern, Kohlenkrise, Schisfahrts- krach (Moratorium für die Royal-Mail-Gesellschaft, die Muttcrgesellschast der White-Star-Linie), Kämpfe um Gold- und Pfundkurs, Diskontsatz und über allem immer wieder die steigende, jedenfalls nicht abnehmende Arbeitslosigkeit von zwei Millionen Menschen mit ihren Finanzlasten und ihren sozialen Spannungen. Großbritannien bietet heute wirt­schaftlich wie sozial ein sehr trübes Bild!

Der Arbeiterregierung wirst die Oppo­sition vor, daß sie nicht in der Lage sei, der Ar­beitslosigkeit zu steuern. Aber die Opposition hat auch keine Hilfsmittel für diese Not. Sie hindert im Gegenteil die Regierung daran, den Weg energisch zu beschreiten, der gerade auch für Großbritannien, dem zu Europa gehörenden wichtigen Teil des eng­lischen Weltreichs, so notwendig wäre: den Weg nämlich zur internationalen Zusam­menarbeit. 2£ber man erinnere sich, wie reser- viert eben jetzt in Genf England den bescheidenen Ansätzen zu einer solchen internationalen Zusam­menarbeit gegenüber gestanden hat! Dabei hilft die ganze Diskussion über Reichsfreihandel oder Reichs­zollverein schlechterdings gar nichts, da die großen Kolonien über See gar nicht daran denken, von ihrer egoistischen, egozentrischen Handelspolitik abzugehen. Je selbständiger weiterhin Indien

Nachdruck verboten.

1. Fortsetzung.

Sorgfältig deckte der Bursche seinen Oberleut­nant zu; babei liefen ihm die dicken Tranen über das gutmütige, blatternarbige Gesicht.

Graf Kentner war erst gegen Morgen heim- gekommen, war todmüde auf sein Ruhebett ge­sunken, ohne sich auszuziehen.

Gegen elf Uhr hatte er sich beim Obersten zu melden. Also weckte ihn Stephan Punkt zehn Uhr.

,Schon Zeit?" m _

Bach einer halben Stunde stand Graf Kentner fix und fertig angekleidet da. Der Bursche reichte ihm noch die Handschuhe und öffnete ihm dann die Türen.

Graf Kentner wandte sich um.

Sag mal, Stephan, woher hast du beim dieses Faxenschneiden gelernt? Das hab' ich doch bisher nie an dir bemerkt? Warum denn jetzt auf einmal?"

Der Bursche schluckte, und Gras Kentner ging schnell an ihm vorüber. Bach einer Stunde war alles Dienstliche erledigt, und Gras Kentner sagte zu seinem Burschen: i

So, Stephan, nun hilf mir mal, den Ober­leutnant ausziehen. Wenn du aber noch länger heulst, schmeiß ich dich raus."

Bach einer weiteren halben Stuirde stand Graf Kentner im einfachen hellen Beiseanzug am Fenster.

Da wurde ihm Erzherzog Franz Johann ge­meldet. _

Ein Freudenschimmer ging über Gras Kent- ners ernstes, beinah düsteres Gesicht.

..Er kommt also doch!"

Dieser Gedanke Ikh ihn wieder froher atmen, wenngleich er durchaus nichts von diesem Besuch für sich erhoffte. Er hatte abgeschlossen mit dem bisherigen Leben.

Der Erzherzog war seltsam zerfahren, umrufjig. Gras Kentner betrachtete chn besorgt. Doch er sagte nichts.

Erzherzog Franz Johann lachte endlich nervös auf.

Ich hab' meinen Anschnauzer weg, weil ich dir helfen wollte, Karl. Was machen wir denn nun?"

Bichls, Kaiserliche Hoheit! Ich hab' abge­schlossen."

Mit dem Leben?" fuhr der Erzherzog auf.

Bein! Obwohl man mir auch das nahe genug gelegt hat."

Der Mnn der das Lachen verlernt hat. ZRoman von Gert Gothberg.

Copyright by Martin Feuchtwanger. Halle (Saale)

Die Jagd im Februar.

Februar stille Zeit für den Weidmann! Ein Blick auf den Jagdschein zeigt fast nur schwarze Felder Hegezeit!

Nur der R o t h i r sch hat ebenso wie der Dam- s ch a u f l e r noch Schußzeit, während in Hessen so- wohl wie in Preußen die Hegezeit des Kahlwildes begonnen hat, in die |n Preußen auch die Wildkälber eingeschlassen sind. Der Abschuß dürfte meist erfüllt fein und sollte sich sonst nur noch auf geringe Stücke oder »solche mit schlechter Geweihbildung erstrecken. Gegen Ende der Hornung beginnen die starken Hirsche oft schon mit dem Abwerfen der Stangen.

Wenn man auch etwaige Schneetage weiterhin benutzen wird, das Schwarzwild zu besagen, so wird doch der Weidmann nach Möglichkeit versuchen, beschlagenen Bachen zu schonen.

Das Rehwild ist gut durch den Winter ge­kommen. Abgesehen von einigen lokalen stärkeren Verlusten, die auf Darmerkrankungen zurückzuführen waren, kann der Heger sich an gesundem, starkem Wild erfreuen. Jetzt wird es Zeit durch Salz dem Wild die demnächst bevorstehende Uebergangszeit mit ihrem Aesungswechsel und seinen Begleiterscheinung gen zu erleichtern. Die geringe Ausgabe dafür lohnt sich immer.

Ist das Wetter weiterhin mild, wird die H a s en- hoch z e i t bald in vollem Gange sein. Es hätte im Interesse unseres Lasenbestandes gelegen, wenn wir etwas mehr Winrerwetter gehabt hätten, damit die durch die Feuchtigkeit bedingten feucheyartigen Er­krankungen zum Stillstand gekommen wären. Leider werden immer noch kranke Hasen beobachtet oder verendete gefunden. In Unkenntnis der Gefahr tun viele Revierinhaber und auch ihre Iagdschutzorgane nichts zur Beseitigung dieses Fallwildes, sondern lassen es liegen und erwarten seine Beseitigung durch Fuchs und Krähe. Damit schaffen sie nur neue Mög­lichkeiten zur Verschleppung der Keime. Gefundenes Fallwild ist vielmehr baldigst zu verbrennen oder zu vergraben und durch Verwittern der aufgeworfenen Erde vor dem Ausscharren durch Hunde oder Füchse zu schützen.

Unsere einheimischen Wildhühnerarten haben Schonzeit. 'Jlur der Abschuß von Fasanenhäh- nen ist weiterhin erlaubt und muß auch dort emp­fohlen werden, wo die Zahl der Hähne und Hennen in einem Mißverhältnis zueinander fleht. Rechnen wir auf sechs bis acht Hennen einen Hahn, so ist der Erfolg der nächsten Brutzeit gesichert, überzählige Hähne stören das Brutgeschäft und find meist die- jenigen, die verstreichen und Hennen initnehmen.

Die E n t e n j a g d ist seit Monatsbeginn nun auch in Hessen geschlossen. Man beobachtet unsere Stock­enten schon sehr viel paarweise, und es wäre zu wünschen, daß bei der nun aufhörenden Störung recht viele Paare bei uns zur Brut schritten, zumal wir im letzten Jahre die Zahl der Brutpaare vor dem letzten kalten Winter noch längst nicht wieder erreicht hatten.

Im Februar setzt bereits der Rückzug unserer gc fieberten Sänger ein, die nordischen Krähen reifen zu in Teil schon wieder ab, und gegen Ende des Monats wird mancher Weidmann schon einmal den schüchternen Versuch machen, ob der Vogel mit dem langen Gesicht, unsere Waldschnepfe, noch nicht da ist. Es handelt sich jedoch hierbei noch um sog. Lagerschnepfen, die den Winter hier verbrachten, während der eigentliche Schnepfenzug uns erst Mitte März erreicht.

Der D a chs , der in Preußen bereits Schonzeit hat, genießt vom 16. Februar ab auch in Hessen den Schutz des Gesetzes. Denn die Dächsin bringt gegen Monatsende Junge.

Der Fuchs rollt; Marder, Iltis, Wiesel und Fisch öfter ranzen. Gute Zeit ist da, um dem Raubzeug da, wo es überhand nahm, nun Abbruch zu tun, womit selbstverständlich seiner Ausrottung nicht das Wort geredet sein soll.

Dem Jagdschutz ist unausgesetzt größte Auf­merksamkeit zu schenken. Leider mehren sich mit der wirtschaftlichen Not die Eingriffe in die Rechte des Iagdberechtigten, und es helßt olle Augen offen­hatten, wenn man sich vor Schaden bewahren will

5) u b,e r t u s.

werden wird, um so bemerkbarer wird diese Ten­denz auch von dort her sein, wo die englische Textil­industrie sie schon heute spürt, verschärft durch die fortwährende und eigentlich niemals ganz unter­brochene Boykottbewegung gegen englische Tex­tilien.

Zwischen diesen Schwierigkeiten und der Not, eine Majorität zu finden, die er mit der eigenen Partei allein eben nicht hat, so windet sich Mac - d o n a l b durch. Schulgesetz, Gewerkschastsgesetz, Wahlreform alles sehr schwere Kämpfe und sehr schwierige Abstimmungen, in denen fortgesetzt die Regierung vom Sturze bedroht war. Aber die Ge­setze kamen doch zustande. Alle drei sind ange­nommen und cs sind alle drei Gesetze, die sehr tief in das Leben, in die Interessen des einzelnen einschneiden: das Schulgesetz namentlich gegenüber den kirchlichen Schulen der Katholiken, das Gewerk­schaftsgesetz mit dem Streit, ob Beamte sich in Ge­werkschaften zusammenschließen dürfen und feiner Erinnerung an den großen Streik von 1926, die Wahlresorm, mit der eine alte, liberale For­derung erfüllt wurde.

Das Wesentliche dabei ist das sog.2111 e r n a t i o - W a h l r e ch t". Danach darf der Wähler überall, wo mehr als ^wei Parteien Kandidaten ausgestellt haben, außer dem Kreuz für seinen Kan­didaten nocheinenzweiten bezeichnen für den Fall, daß keine absolute Mehrheit herauskommt. Macdonald hatte ganz recht damit, daß dieses Alternativ st immrecht nichts weiter fei als

d i e Stichwahl anderer Wahlrechte, nur daß sie gleich im ersten Wahlakt vorgenommen werde, indem der zweite Kandidat für alle Fälle bezeichnet wird. Damit soll dem englischen Wahl­recht das nach unserer Auffassung sonst vortreff­lich ist ein großer Schönheitsfehler entfernt werden, da bei der Einserwahl und dem Mangel einer Stichwahl große Stimmenmafien einfach aus­fallen, bis hin zu der absurden Lage von 1924, wo eine ganz gewaltige konservative Mehrheit im Parlament tatsächlich nur eine Minderheit im Lande vertreten hatte. England versucht so, diese große Schwierigkeit zu beseitigen, ohne in die uns nur zu gut bekannten Schattenseiten des Pro­portionalwahlsystems zu geraten. Ferner wird die ölte Gewohnheit aufgegeben, daß man außer an seinem Wohnsitz auch noch am Sitz seines Geschäf­tes oder Büros wählen durfte und es wird das besondere Wahlrecht der Universitäten aufgehoben. Interessant ist schließlich, daß die Verwendung von Privatautos zumSchleppen" bei der Wahl sehr eingeengt wird und die Wahlausgaben auf den Kopf der Bevölkerung in den Städten auf 4 Pence und auf dem Lande auf 5 Pence festgesetzt werden.

Es ist doch allerlei, daß man in so kritischen und unruhigen Zeiten wie den heutigen diese Wahl­reform durchgesteuert hat, wie überhaupt, man sehe die Erfolge in der Außen- und Innenpolitik, die ßabourpartei gar nicht schlecht abschneidet. Und doch ist das Land auch politisch in Krisenstim­mung und es zweifelt eigentlich niemand daran,

daß ein Kurswechsel in baldiger Sicht sei, weil der augenblickliche Zustand eben einfach so nicht weiter gehen könne. Das heißt also, mau erwartet bald Neuwahlen. Nur, wenn man Antwort auf die Frage verlangt, was denn geschehen solle, weil es so nicht weitergeben kann, findet man sie nirgends. Gewiß, die breiten Schichten der eng lisck)en Bevölkerung sind heute der Ueberzeugung. daß das Experiment der zweiten Regierung der ßabourpartei nun bald beendet werden müsie. Auch in der Partei selbst ist die Opposition gegen den Führer groß. Sieht man nun aber bei dieser Oppo fition, bei den Liberalen und den Konservativen, irgendwelche Ansätze zu positiven Gedanken, die wirklich einleuchten? Daß das Schlagwort des Reichsfreihandels, das die sog. United- Empire-Partei aufgebracht hat, positiv nichts bc deutet, ist klar diese Bewegung der großen Massenpresse Rothermeres und Beaverbrooks ist viel Geschrei und wenig Wolle, befon ders in einem Londe, in dem die Maffenpresie trotz ihrer Verbreitung auf die politischen Entschlüsse doch nur einen sehr geringen Einfluß hat. Hat die Un­ruhe, die Winston Eburchill fortgesetzt in der Äon fervativen Partei stiftet, bisher einen Ansatz zur Reorganisation und Neubildung dieser Partei ge bracht? Und nun gar die Liberalen, in erster Linie Lloyd George glänzender Taktiker und Red ner nach wie vor, aber doch völlig ausge­leiert!

So werden Neu wahren, die vermutlich einen kon­servativen Sieg bringen, an sich an der Situation Englands nicht viel ändern. Es wird sich entschließen müssen, energischer als bisher in die Bahnen einer internationalen Zusammenar­beit cinzumünden. Denn die Situation: etwas Distanz von Europa, angelehnt an Amerika und doch wieder in Abhängigkeit von Frankreich, schützt zwar vor der Gefahr von Konflikten, erhält Eng land einen Frieden, den es unter allen Umständen für sich braucht, aber sie bringt es nicht vorwärts, nicht finanziell nicht wirtschaftlich und auch nicht weltpolitisch.

An die Batstagung in Gens hat sich eine Be­ratung beim Internationalen 'Arbeitsamt an- geschlossen. die höheres Interesse verdient. Ge­genstand war die A r b e i t 81 o s i g k,e i t. An­genommen wurde der Bericht einer Kommission und in der Beratung wurde sehr lebhaft, viel lebhafter als im Völkerbund. um die zentralen Fragen gekämpft: Zusammenhang zwischen Lohn und Arbeitslosigkeit, Schwächung der Kaufkraft und ileberhtoöuftion, Rationalisierung (der vor­liegende Bericht wies nach, daß gerade in den am höchsten rationalisierten Ländern, Amerika und Deutschland, die Arbeitslosenziffer in schnel­lem Tempo gestiegen ist und steigt). Der deutsche Standpunkt wurde energisch durch Ministerial­direktor Weigert vertreten, der sagte, daß die Arbeitslosen in Deutschland Diskussionen nicht mehr hören wollten, sondern praktische Lö­sungen verlangten. Diese praktischen Bor­schläge gehen auf Organisation des Arbeits­marktes, Arbeitslosenversicherung, Stellenvermitt­lung, dann auf große öffentliche Arbeiten unter Zusammenarbeit der Rcg ecung.n mit dem Dölker- bund. Sie hielten sich damit auch in der einzig möglichen Linie, wenn auch nicht mit der genü­genden Schärfe: Produktionsumstellung und inter­nationale Zusammenarbeit zu dieser Regelung.

Kann schon von Anzeichen zum Besseren ge­redet werden? In dem interessanten Bericht des Vereins Hamburger Exporteure für 1930 wird festgestellt, daß in fast allen Ländern die Vor­räte erschöpft seien, und dadurch Hoff­nung auf eine Beubelebung der Wirtschaft gegeben sei. In ähnlicher Weise und noch nachdrücklicher hat bei der Eröffnung

Grauenhaft", murmelte der Erzherzog.

Graf Kentner lächelte versonnen, dann reckte er sich hoch auf.

Aber ich hab' nicht eine Minute lang daran gedacht, das zu tun nicht eine Minute lang. Ich werde schon durchkommen, toenn nicht gut, dann eben schlecht. Aber es wird gehen, ohne daß ich jemand um Hilfe bitte.

Ich steh' zu deiner Verfügung, Karl, ohne daß du bittest."

Herzlichen Dank, Kaiserliche Hoheit, doch ich komm' allein durch."

Laß endlich die Kaiserliche Hoheit weg! Wir sind doch Freunde."

3a, wir sind Freunde. Dieses Bewußtsein wird mir immer wertvoll bleiben", sagte Graf Kentner.

Die Hände der beiden Männer ruhten inein­ander.

Daß man so mächtig ist, so ganz und gar machtlos, das ist ba£ Schlimmste, Hnb dabei glaub' ich noch immer nicht an den ganzen Un­fug. Was sagst du dazu, Karl?"

Du glaubst nicht, Franz Johann, daß ich uw ehrenhaft gehandelt habe?"

Bein! Du deckst jemand! Du deckst jemand, der dir höher steht als alles auf der Welt", sagte der Erzherzog mit fester Stimme.

Lind wenn es so wäre?"

Graf Kentners Augen gingen zum Fenster, schweiften über den Platz, suchten irgend etwas, funkelten plötzlich auf in Haß und Trauer.

Mit einem Buck wandte Graf Kentner sich dem Erzherzog zu.

Du bist dcr einzige, der der Wahrheit nahe kommt. Sehr nahe."

Ich habe es gewußt, ftentner. Hnb tft diese Person, ich meine, ist diese Person dieses Opfer wert?"

Bein!"

Wie hart die sonst so wohltönende Sirmme klang!

Kentner! Lind trotzdem bringst du dieses un­erhörte Opfer?"

3a!"

Wieder diese, harte, unbewegte Stimme, bte dem weichherzigen Erzherzog schmerzte.

Er wußte nicht mehr, was er Tagen sollte. Zureden hatte keinen Zweck. Graf Kentner stieß seine Entschlüsse nicht mehr um, das las der Erz­herzog nur zu deutlich in den großen, grauen Augen.

Wann fährst du, Karl? Der Oberst sagte mir, daß du zunächst zu deinem Datei fährst. Wäre da nicht eine Möglichkeit? Ich meine, ginge es nicht, daß du eines eurer Güter bewirtschaftest?"

Ich glaube nicht!"

3a, willst du denn zu einem Wanderzirkus? fragte Franz Johann außer sich.

Ein Lächeln war auf Graf Kentners Gesicht, als er sagte:

Das gerade nicht. Vorläusig wenigstens noch nicht. Später kann man natürlich nicht wissen."

Kentner, ich könnt' mir die Haare einzeln 'rausziehen. Und der Oberst auch. Was willst du? Dcr Oberst deutete mir so hall» und halb an. daß du ins gelobte Land willst?"

Graf Kentner zuckte mit den Achseln.

Vielleicht! Vielleicht auch nicht. Das hängt alles von den Hmftänben ab.

Wann sehe ich dich wieder?"

Wahrscheinlich nie mehr, Franz Johann."

Mit einem Sah war der Erzherzog bei seinem Freunde.

Ich weiß nicht mehr, was ich noch sagen möchte. Ich weih nur, daß es schad' um dich ist wie sonst um keinen vom ganzen Begiment."

Schweigend blickte der Graf den Freund an.

Auge in Auge standen sie so eine ganze Weile gegenüber, dann griff der Erzherzog nach seinem Hut.

Lebe wohl. Kentner. du bist mir immer der liebste von allen gewesen. Ich möcht' am liebsten mit. doch es geht nicht. Ich darf die Reihe meu­ternder Erzherzöge nicht verlängern. Es geht auch um meine Mutter. Der alten Dame ist Hofluft das Leben. Du siehst allo, ich werd' frei­willig mit verdorren in der Hofluft. Ich wünsch' dir alles Gute, was der Himmel zu verschenken hat. Mag sich dir noch einmal ein recht großes, echtes Glück nähern, Kentner."

Ich danke dir. und ich hoffe, daß sich deinc^ frommen Wünsche nicht mit auf eine Frau be­ziehen: denn dann Toll mir dieses sogenannte Glück lieber vom Halse bleiben."

Kentner. dann ist also eine Frau schuld, daß alles so unsagbar traurig kommt?"

Graf Kentner antwortete-nicht- Aber er lachte leise, hart auf:

Hm eine Frau? Ich weiß nicht einmal, ob es eine Frau ist."

Kentner!" sagte der Erzherzog entsetzt, denn ihm graute vor dem Haß, der sich in den grauen Männeraugen zeigte.

Dann würde ich keine Rücksicht nehmen, Kentner", setzte er nach einer Weile hinzu.

Ich muß es, ich- tanjr nicht anders." Gras Kentners Stimme klang tonlos. Franz Johann ging schnell hinaus.

Graf Kentner aoer ging im Zimmer hin und her, ruhelos, rief dabei im Geiste Vergangenes zurück, und rauchte dabei unzählige Zigaretten.

Graf Kentner dachte an seine Mutter: an die feine, stille Frau, die so jung hatte sterben müllen. Wie still und vornehm, von innigster Liebe für die Ihren erfüllt, hatte sie das ge­meinsame Heim in Schloß Kentnerhof zu gestal­ten vermög. Die Tage waren Sonnentage alle

Tage, an denen die Mutter dageweTen war. Hnd später, wie hatte sie stets seine Urlaube!tage ge­feiert! Hnd der Vater nahm lächelnd daran teil an dieser Festfreude, lächelte ein bißchen gut­mütig und knurrte:

Die Mama bleibt halt bei dir immer die Mama! Du hast schon als kleiner Junge nur das getan, was die Mama gewollt hat."

Dann kam eines Tages das Furchtbare!^

Die Mutter starb ganz plötzlich an einer Lungenentzündung, die sie sich bei feucht-kaltem Wetter geholt hatte, als sie eine arme, alte Frau in dem zum Schlosse gehörigen Dorfe besuchte.

Er war damals ganz verzweifelt gewesen.

Hnd doch änderte es alle Derweiflung nicht, daß man die zarte gütige Frau zur letzten Ruhe bettete. Daß et sich das geliebte Gesicht zum letzten Male einpragte ganz, ganj fest!

Der Vater hatte nicht gezeigt, wie sehr ihn dcr Schmerz um die Mutter gepackt hatte. Fast hätte man denken können, er stehe völlig teil- namslos an der Bahre.

Blumen, Blumen, stille Weiße Rosen, die die Mutter so liebte, bedeckten ihr Grad. Der Wind zerrte an den weißen Schleifen und raschelte in Kränzen und Palmenzweigen.

Dem jungen Grafen Kentner war es gewesen, als sei das alles der Anfang zu einem anderen Leben für ihn, als mülle nun etwas kommen, das alles aus den gewohnten Bahnen warf.

Hnd es kam!

Kaum ein Jahr nach dem Tode der Mama heiratete der Vater wieder eine Zirkus­reiterin!

Ohne daß er es für nötig gehalten hätte, seinen Sohn vorher davon in Kenntnis zu setzen. Er mochte ja feine Grunve gehabt haben.

Eine tiefe Kluft tat sich zwischen Vater und Sohn auf. und der junge Graf fuhr nicht mehr auf Urlaub in die Salzburger Alpen, auf das Schloß seiner Väter.

Jahre vergingen, bis eine Krankheit den Vater vcranlahte, dem Sohne vom Leidenslager aus die Hand entgegenzustrecken.

Bach kurzem Besinnen reifte der Jüngere heim.

Hnd diesen Augenblick, als er das Schloß be­trat, würde er nie vergessen.

In der großen, weiten Halle trat ihm eine Frauen gestalt entgegen, bei deren Anblick ihm der Atem stockte.

Sie mochte kaum zwanzig Jahre alt sein, und sie war von einer solchen Schönheit, daß er sie immerzu nur ansah, ohne ein>rt sprechen zu können, nur von dem ein stürm enden Gedanken be­rauscht:

Wer ift «biete schöne Frau? Oder ist es ein Mädchen? Aber wer ist es nur?"

Wenig später wußte er es!

Es war seine Stiefmutter!

(Fortsetzung folgt.)