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Das Wochenend in Chequers.

Keine detaillierten Verhandlungen, sondern informatorische Unterredungen.

London, 5. Juni. (WTB. Funkspruch.) Die Time s" sagt in einem Leitartikel, der Besuch der deutschen Staatsmänner sei bemerkenswert als erster offizieller Besuch deutscher Minister, der nicht aus Anlaß einer Kon­ferenz erfolgt sei. Es handele sich dabei keines­wegs in erster Linie um einen Besuch geschäft­licher Art. Die Einladung nach London und Che- quers, so erklärt das Blatt, war ein Akt der Höflichkeit seitens des Außenministers natür­lich im Einverständnis mit der ganzen Regierung und wurde veranlaßt durch die von ihm be­folgte Politik herzlicher Beziehun­gen mit allen Ländern. Das Blatt sagt weiter: Der Besuch ist bei voller Kenntnis und Zustimmung der französischen Regierung veranlaßt worden und ist kein Zei­chen von Exklusivität gegenüber irgendeiner an­deren Regierung. Unsere Gäste bringen keine Sachverständigen mit, deren Abwesenheit schon zur Genüge beweist, daß

auf keiner von beiden Seilen detaillierte Verhandlungen geplant

werden. In Chequers werden die Gäste ein kur­zes Wochenend britischer Art in einem typisch englischen Hause erleben. Sie werden dort, wie verlautet, mit anderen Gästen Zusammentreffen, deren Derufsgebiet nicht die Politik ist. Aller­

dings werden politische Gespräche nicht fernblei­ben und ebensowenig werden politische Be­sprechungen ausbleiben. Die Unterredungen werden zweifellos

freimütig und informatorisch sein und, wenn sie auch unter den gegebenen Umständen keinen abschließenden Charakter haben werden, doch sicher dazu beitragen, daß die Re­gierungen Englands und Deutschlands die bei­derseitigen Schwierigkeiten besser verstehen und den kommenden Dingen mit einer genaueren Kenntnis der Auffassungen der an­deren Seite gegenübertreten.

Oie Ansicht

der amerikanischen Regierung.

Washington, 4. 3uni. (WTB.) Einer Erklä­rung im Staatsdepartement zufolge betrachtet die Regierung der Vereinigten Staaten die Zusammenkunft in Chequers als eine rein prioate Unterhaltung zwischen den deut­schen und britischen Staatsmännern. Trotzdem habe sie aber ein großes Interesse an dieser Konferenz, da sie ihr gleichgültig, welches Resultat sich dort ergebe einen bedeutenden Einfluß aus die außenpolitische Gestaltung während der nächsten Monate beimesse.

Oie deutsch-österreichische Krönt.

Minister Schober spricht vor den deutschen Zeiiungsverlegern.

Wien, 4. Juni. (WTB.) Die Hauptversamm­lung des Vereins Deutscher Zeitungs­verleger in Wien schloß mit einer Veranstal­tung, zu der der Vorstand des Vereins Deutscher Zeitungsverleger eingeladen hatte. Der Vor­sitzende des Vereins,

Kommerzienrat Or. Krumbhaar, begrüßte die Ehrengäste, insbesondere Vizekanzler Dr. Schober. Mit Stolz und Genugtuung, er­klärte er, könne der Verein Deutscher Zeitungs- Verleger auf die Wiener Tagung zurückblicken. Dies sei der Unterstützung der Tagung durch die österreichische Bundesregierung, durch die Stadt Wien und durch den Verband der Herausgeber der österreichischen Tageszeitungen zu verdanken. Der Redner wandte sich dann an den Bundes­vizekanzler und Außenminister Dr. Schober. 3n ihm, so sagte er, heißen wir einen Staats­mann willkommen, der zur Zeit im Vordergrund des europäischen Interesses steht, dessen Polittk in dem Bestreben, Oesterreich durch alle Schwierigkeiten hinwegzuhelfen, bei uns im Deutschen Reich große Sympathien findet.Unsere Wiener Tagung", so schloß der Redner,und unser Aufenthalt in Oesterreich wird uns allen zum unvergeßli.chen Er­lebnis in dem Bewußtsein werden, daß wir verbunden sind in dem Bestreben, dem Deutschtum die alte Weltgeltung wie­der zu erringen.

Vizekanzler und Minister des Aeußeren Or. Schober

hielt dann eine Ansprache, in der er seiner De- .friedigung Ausdruck gab, in seiner Eigenschaft als 'österreichischer Minister für die auswärtigen An- -gelegenheiten die deutschen Zeitungsverleger neu­erlich im Ramen der österreichischen Bundesregie­rung herzlichst in Oesterreich und in Wien begrü­ßen zu dürfen. Er tue dies mit um so größerer Freude, weil die Gäste einem Beruf dienten, der das gesamte geisttge, politische und wirtschaftliche Leben eines Reiches erfasse, das von 65 Millio­nen Menschen deutschen Stammes und deutscher Sprachgemeinschaft bewohnt ist.

Daß dem deutschen Volke seine Presse erhalten bleibe und auch möglichst vervollkommnet werde, fei in erster Linie Sache der deutschen Zeitungs- oerleger, die Anspruch darauf hätten, in ihren Bemühungen, die Rot der Zeit zu überwinden, in weitestgehender Weise unterstützt zu werden. Die Erhaltung der deutschen Presse und die Steigerung ihrer Leistungsfähigkeit sei eine

Sache der gesamten deutschen Ration.

Kein Staatsmann forme sich vermessen, auch die besten Absichten ohne Inanspruchnahme der Presse du vchzu setzen. Sei die Sache der deutschen Presse eine solche der ganzen deutschen Rattvn, dann sei auch diese der Souverän, dem die Presse zu dienen habe. Die einzelne Zeitung gebe darum ihre Eigen­art nicht auf, sondern stäke sie in den Dienst des Ganzen. Um dasGanze gehe es aber in dem Augenblick, in dem das ganze Gebäude der Wirt­schaft zusammenzubrechen drohe.

Rach einigen Ausführungen über die Ursache der Weltwirtschaftskrise fuhr Dr.Scho­ber fort: Als ich in Genf die Anregung gab, mit einem regionalen Wiederaufbau der europäischen Wirtschaft zu be- ginnen, ward mir allgemeiner Beifall zuteil. In dem Augenblick aber, in dem dieser Gedanke greifbare Form anzunehmen begann und die deutsche Reichsregierung und die österreichische Bundesregierung sich bereit erklärten, die Grund­lage für eine zoll- und handelspoli­tische Angleichung aller Staaten zu schaffen, die vermöge ihrer wirtschaftlichen Struk­tur an einer solchen Interesse haben, in diesem Augenblick erhoben sich Widerstände über Widerstände. Man beschuldigte uns, unter dem Deckmantel wirtschaftlicher Maßnahmen machtpolitische Absichten zu verfolgen. Man sprach von einem neuendeutschenIrnperialis- rnus, ja sogar von einer Bedrohung des Friedens in Europa.

Uns lagen und liegen derartige Gedanken voll­ständig fern; wir wollen leben, und das ver­bieten uns weder die Frledensoerträge, noch liegt im Bedürfnis zu leben etwas Imperialisti­sches, und der europäische Friede kann beruhigt

der Hut des deutschen Volkes anvertraut werden, von ihm kommt keine Störung und keine

Bedrohung.

Allen denen aber, die uns bewußt, oder unbe­wußt andere Absichten unterschieben, die sollen wissen, daß die Worte Völkerbund und Paneuropa seit einem Jahrhundert irndeut- schen Volke vertraute Begriffe sind, und daß das, war wir heute wollen, nichts an­deres ist als die geradlinige Entwicklung von Ideen, die bereits zu Beginn des vorigen Jahr­hunderts im Sinne europäischer Univer- salität in der deutschen politischen Literatur propagiert wurden. Ich fühle mich zu dieser Bemerkung verpflichtet, um dadurch deutlich zu machen, daß die von uns verfolgte Wirt­schaftspolitik ihre Entstehung nicht einem flüchtigen Einfall verdankt, sondern durch die ganze geschichtliche Entwicklung Europas bedingt, Durch die Rot der Gegenwart als historische Rotwendigkeit gefordert wird. Und darin, meine Herren, wurzelt auch unser unerschütterlicher Glaube daran, daß wir un£ trotz der Schwie­rigkeiten des Tages herausarbei­ten werden.

wir dürfen das Ziel, das uns der heiße Wunsch nach Rettung unseres Volkes und der abend­ländischen Kultur überhaupt gesetzt Hal, nicht aus den Augen verlieren, wir müssen mit vereinten Kräften gleichen Zielen enlgegengehen.

Hierzu bedarf es der Mithilfe der deutschen Zei­tungen, deren Gedeihen ich meine besten Wünsche weihe.

Irn weiteren Verlaufe des Festabends knüpfte

Professor Wolff

an die Worte des Präsidenten H a i n i s ch an. Er skizzierte die geistige Funktion des Verlegers, der in vielen Fällen selbst sein eigener Chefredak­teur oder redaktioneller Spezialist ist, der aber auch dann, wenn er nicht selbst zur Feder greift, als geistiger Faktor schon dadurch aus­schlaggebend ist, daß er die Auswahl der Per­sönlichkeiten zu treffen hat, die als Redaktions­

stab die Zeitungen zu gestalten haben. In diesem Zusammenhang sprach Professor Wolff von der leidenschaftlichen Hingabe an den Beruf, die unbedingte Voraussetzung des er­folgreichen Wirkens sei, und von der Pflicht zur Wahrhaftigkeit. Diesem Gebot der Wahrhaftigkeit widerfpreche es aber, wenn eine Zeitung in deutscher Sprache herausgegeben wird von Angehörigen eines anderen Volkes, die mit der deuffch gächriebenen Zeitung die deutschen! Leser darüber zu täuschen suchen, daß sie ein frem­des Produkt vor sich haben.

Im weiteren Verlaufe des Abends wurde noch eine Reihe von Ansprachen gehalten, ferner wur­den mehrere Degrühungstelegramme aus dem Auslande verlesen, darunter eins von Lloyd George, und zahlreiche Glückwunschschreiben hervorragender europäischer und überseeischer Zei­tungsverleger.

Don Wien begaben sich die deutschen Gäste nach Steiermark und in das Salzkammergut.

Telegrammwechsel miipräsideniMillas

Wien, 4. Juni. (WTB.) Der Präsident des Ver­eins Deutscher Zeitungsverleger Dr. K r u m b h a a r, hat anläßlich der Wiener Tagung des Vereins an Bundespräsident M i k l a s ein Telegramm gerichtet, in dem er diesem als dem Staatsoberhauptes gast­freundlichen Brudervolkes seinen tiefgefühlten" Dank für die warmherzige und erhe­bende Aufnahme ausspricht, die der Verein in Wien gefunden habe. Im Bewußtsein der Ver­antwortlichkeit, die die Leiter der Presse als Treu­händer ihres Volkes trügen, und im Gefühl der Verbundenheit mit den im gleichen unver­zagten Kampf für Recht und Vernunft stehenden österreichischen Zeitungsverlegern entböten die deut­schen Zeitungsverleger dem Bundespräsidenten ehr­furchtsvollen Gruß.

Bundespräsident M i k l a s sprach für diesen Gruß seinen herzlichen Dank aus. In der Wahl Wiens als Tagungsort Der deutschen Zeitungsverleger erblickt» er einen neuerlichen Beweis für die enge Ver­bundenheit der beiden deutschen Stämme.

Reparationssrage und Weliwirischastsknse

Holländische Forderung nach Reparationsregelung im internationalen Geiste. Oer deutsche Vertreter fordert 40-Stunden-Woche.

Gens, 4. Juni. (ÄTB.) Der hollöndiscke Arbeit-- gebervertreter van der Born stellte auf der heu­tigen Vollversammlung der Internationalen Arbeitskonferenz die Frage der Repara­tionen und internationalen Schulden in den Vordergrund seiner Ausführungen. Er nahm auf die

Gleichgewichtsstörung im internationalen han­del durch die einseitigen Belastungen, der ver­schiedene Staaten durch Reparationen und

Schulden ausgesetzt sind,

Bezug und erwähnte eine auch im Bericht des Inter­nationalen Arbeitsamtes skizzierte Aeußerung des früheren italienischen Finanzministers de Sie- sani, der gesagt habe, die Frage der Schulden und Reparationen müsse wieder auf­geworfen werden nicht aus Wohlwollen für das eine oder andere Land, sondern aus allgemei­nen Nützlichkeitserwägungen, die auch den Gläubigerstaaten zugute kämen. Diese Frage, führte der holländische Vertreter aus, gehöre gewiß nicht zur formellen Zuständigkeit der Internationa­len Arbeitskonferenz, aber man könne an ihr nicht vorübergehen, denn sie habe einen gewissen Einfluß auf die Frage, mit der sich die Konferenz Haupt-" sächlich zu beschäftigen habe, nämlich der Frage der Arbeitslosigkeit.

Auch die Frage der Schulden und Reparationen müsse in wahrhaft internationalem Geist be­handelt werden.

Man dürfe nicht sagen, das sei eine politische ober wirtschaftliche Frage, die das Internationale Arbeits­amt nichts angehe.

Den Standpunkt der deutschen Arbeit­nehmergruppe legte der Reichstagsabgevrd- nete Hermann Müller dar. Er erklärte, wenn England das Washingtoner Abkommen über den Achtstundentag ratifiziert hätte, dann hätte kein anderes Land zurückbleiben kön­nen. Ramentlich die deutschen Arbeiter hätten die Haltung Englands bedauert. Der Bericht des Direktors des Arbeitsamtes über die Arbeits­losigkeit, führte Müller aus, lasse den Schwung vermissen, mit dem das Problem angepackt wer­den müsse. Man sehe keine Lösungen.

Die 40slündige Arbeitswoche müsse elngeführl werden. Die Arbeitslosigkeit werde eine Dauer­erscheinung des kapitalistischen Systems bleiben und deshalb müsse eine dauernde Verkürzung der Arbeitszeit eintreten.

Rur durch die Erhöhung der Kaufkraft könne das Problem dauernd gelöst werden. Preis­senkungen seien die wirkungsvollste Maßnahme. Zu seinem Bedauern müsse er hier erklären, daß die deutschen Arbeitgeber ihre ganze Kraft auf eine Senkung der Löhne konzentrierten, statt die deutsche Regierung in ihren Bemühungen, die Preise herabzusetzen, zu unterstützen. Die Pro­duktton müsse unter die Kontrolle des Staates gestellt werden. Müller schloß, daß im Hinter­grund der jetzigen Krise Chaos, Bürgerkrieg und namenloses Elend lauerten.

Der Vertreter der englischen Arbeitnehmer­gruppe Haydah übte Kritik an der Haltung Englands in der Frage der Rattfizierung des Washingtoner Achtstundenabkom- m e n s. Diese Haltung sei um so bedauerlicher!.

Ton; um die Laterne.

Von Peter Bauer.

Täglich kehren die Rächte später bei uns ein, denn die Sonne verabschiedet sich nicht mehr so eilig wie vor Monaten. Sie freut sich ihrer herr­licher Sttahlenkraft, die die Erde so grün und blumenbunt gemacht, daß jede Wiese wie eine Märchenau prangt, jeder Wald wie ein Wunder­dom dem hohen Himmel sich entgegentürmt. Sie freut sich der tolllühnen Schleifen der flinken Schwalbe, der jubilierenden Steilflüge der kleinen Lerche, diean ihren Liedern emporklettert", und der schönen Kreise, die der Storch in kunstvollem Segeln hoch ins Blaue zirkelt. Sie freut sich des überschwenglichen Dogelkonzerts und des Rest- glücks der kleinen Meisen im Busch, der zierlichen Bachstelzen am Wiesengewässer, die emsig und be­sorgt ihre Jungen betreuen. Erst wenn sie ihre Lieblinge ermüdet und sttll sieht, rafft sie ihre goldene Schleppe und geht am Horizont unter im wundervollsten Farbenspiel des Gewölks, dessen Rachleuchten die kurze Frist der Dämmerung zau­berisch verllärt.

Dann aber flammen wider das einbrechende Dunkel Laternen auf, die menschlichen Pfade zu erhellen. Ihr Licht steht wie eine Phalanx von gezückten Lanzen gegen die andrängende Rächt. In den Hauptsttahen stoßen die Lichttnseln schat­tenlos aneinander, und das Dunkel verkriecht sich in die tiefsten Häuserwinkel. Aber in weniger be­lebten Gassen und am Rande der Stadt führt die einsame Laterne einen stummen aber zähen Kampf gegen die anstürmende Rächt. Doch sie kennt die Macht ihrer Strahlen und kichert leise in ihrem gläsernen Gehäuse, wenn etwa ein Windstoß, den die Rächt auf gestachelt, wütend wider sie anrennt. Sie ragt wie ein kleiner Leuchtturm auf, den Men­schen, der aus dem Dunkel der Landschaft kommt, heimführend in die helle Stadt.

Aber sie wird zum Irrlicht für alles nächtliche Surrer- und Flügelvolk der Insekten. Ihre Sttah- len blenden und verwirren den raschen Flugs da- hinpfeilenden Nachtschwärmer, und reißen ihn wie mit magnetischer Stromgewalt in die Grelle des Lichtsterns. Er vergißt des lockenden Dufts der nächtlich geöffneten Kelche und der süßen Nektar- labe, an der er sich berauschen wollte. Lichttrun­ken rennt er gegen die Glaswand der seltsamen Riesenblüte und umkreiselt sie in rasender Erre­gung. Einige Motten und Fliegen gesellen sich zu

ihm und erliegen wie er dem Lichtzauber in wir­belndem Tanz. Plötzlich stürmt mit harten Flügel­decken ein summendä Käfer wider die grelle Wen­dung, daß er von dem Anprall zurücktaumelt, und fast aus seiner Flugbahn stürzt. Sim so toütenöer wiederholt er seine Einbruchsversuche in den Licht- kem mit stärkerem Gebrumm in tollen Ringen und Spiralen. Immer größer wird der Kreis der Tänzer, immer dichter geknäult der Tanz. Kleine Motten liegen bereits mit zuckenden Flügeln am Boden und scheiden vorläufig aus aus dem wilden Turnier. Ob sie sich noch einmal erheben werden? Ein großflügeliger Käfer fällt auch hart an den Boden. Seine hellbraune Sinterseite und die noch Heller gesäumten Flügeldecken verraten einen be­kannten Wasserbewohner, den Gelbrand. Wahr­scheinlich war er zu einem Liebesabenteuer aufge- stiegen und sein Flug zu einem anderen Gewässer hatte ihn unglückseligerweise am Lichtfeld der La­terne vorbeigeführt. Ich sehe ihn in das nahe Gebüsch eines Gartens und wünsche ihm Glück auf den Weg.

Der Taumel um die Laterne dauert fort. Ein großer zuckender Schatten, ein seltsames Flatter- tier ist auf einmal unter die Winzigen gefahren. Eine Fledermaus. Schon stürzt sie sich ins Dunkel unb ist verschwunden. Aber auch der große schone Rachtschmetterling ist nicht mehr unter den Schwirrenden.

Wieviele noch wird der geräuschlos huschende Tod, die flatternde Fledermaus, verschlucken?

Der Tanz geht weiter, der Irrlichttanz, der Todestanz ...

Oie Hand verrät dich.

Von Siegfried von Vegesack.

1.

Der Mund kann lügen, das Gesicht täuschen, aber die stumme Hand verbirgt nichts. Die Hand verrät dich. Sie entlarvt den Verbrecher durch den Fingerabdruck, offenbart deine Ver­gangenheit, deine Zukunft durch geheimnisvolle Linien, enthüllt deinen Charakter durch die Schrift. Die Hand weiß bester über dich Bescheid als du selbst. Nichts ist ihr verborgen, und nichts kannst du vor ihr geheim halten. Die Hand ist der geheime Spiegel deiner Seele. Betrachte nicht dein Gesicht, sondern deine Hände, wenn du dich erkennen willst. Der Spiegel lügt, aber die Hand sagt dir, ohne zu schmeicheln, die Wahrheit.

2.

Wie kein Blatt am Daum dem andern gleicht, so gleicht keine menschliche Hand der anderen. Jede Hand ist eine einmalige, einzigarttge Schöp­fung der Natur. Fünf Finger, welch un­erschöpflicher Reichtum der Phantasie, die diesem im Grunde einfachen Gebilde immer neue charak­teristische Formen zu geben vermag! Der genialste Künstler könnte sich höchstens hundert verschiedene Hände ausdenken. Wäre die Hand ein Fabrikat, gäbe es wahrscheinlich fünf normierte Hand- Typen. Aber die Natur produziert täglich spie­lend einige zehntausend Exemplare, jedes ein Unikum. Denn auch der Mensch ist, allen Nor­mierungs-Bestrebungen der modernen Maschinen- Zivilisation zum Trotz, ein einmaliges, nie wieder­kehrendes Exemplar seiner Gattung geblieben. Und Newton hatte recht, wenn er erklärte, daß ihm in Ermangelung anderer Beweise allein der Daumen vom Dasein Gottes überzeugen könne.

3.

Keine Hand, aber auch kein Händedruck gleicht dem andern. Schon dadurch, wie dir jemand die Hand gibt, verrät er sich. Nichts ist für den Menschen so charakteristisch, wie der Händedruck. Der eine greift hart und fest zu, der andere hält dir etwas Schwammiges, Willenloses hin, der dritte berührt dich nur flüchtig und zer­streut, der vierte drückt deine Hand leicht, aber bestimmt. Ein Händedruck kann dir mehr über einen Menschen sagen, als ein stundenlanges Gespräch.

4.

Auch die Bewegungen der Hände sind für jeden Menschen charakteristisch. Die Hand ist stumm, aber sie unterstreicht, sie begleitet das gesprochene Wort. Der eine bewegt die Hände fahrig, ab­gehackt, der andere ruhig, aber energisch, der dritte tänzerisch melodisch. Ich kenne eine Frau, die in jedem Finger mehr Musikalität besitzt als ein berühmter Sänger in seiner schmetternden Stimme. Man sollte einen Film der Hände schrei­ben, in dem nur Hände spielen. Ich glaube, an den Bewegungen der Hände könnte man das Schicksal der Menschen vielleicht noch unver­fälschter ablesen, als an ihren Gesichtern. Große Schauspieler haben mit ihren Händen immer be­sondere Wirkungen erzielt. Man denke an die Hände der Düse.

5.

Wichtig ist auch die Form der Hand, mit der sich die Ehirognomik beschäftigt. Sie unter­scheidet elementare, motorische, sensible und see­

lische Hände. Aber das sind natürlich nur grobe Grundformen, zwischen denen es unendlich viele Zwischenstufen gibt, die sich jeder schemattschen Einordnung entziehen. Die Gröhenverhältnisse der einzelnen Finger, der Glieder, Gelenke, die Form der Nagel und Fingerspitzen, des Hand­tellers, alles ist von Bedeutung. In dem WerkHände" von Rolf Voigt wird in ausge­zeichneten Abbildungen dn unerhört reiches und interessantes Material von charakteristischen Hän­den gezeigt, das besser als theoretische Abhand­lungen über dieses zum großen Teil noch un­erforschte Gebiet unterrichtet.

6.

Nicht weniger bedeutsam sind die Linien des Hand, mit denen sich die Chiromantte befaßt. Schon Aristoteles erklärte:Die Linien sind nicht ohne Gründe in die menschliche Hand geschrieben, sie stammen von himmlischen Einflüssen und der eigenen Individualität des Menschen. Wenn auch heute mit dem Handlesen sicher viel Unfug getrieben wird, so tann man diä« Lehre doch nicht mehr als Aberglauben ab tun. Was du an Anlagen mit ins fielen bekommen hast, das steht in deiner Linken geschrieben. Und wie du diese Gaben verwertet hast, das wird in der rechten eingetragen. Wohl kannst du die Linien deiner Hand ändern, aber nur, wenn du dich selbst änderst. Nicht nur in den Sternen, auch in deiner Hand steht dein Schicksal geschrieben.

7.

Durch die Schrift verrät dich endlich die Hand auch öemjenigen, der dich nie gesehen hat. Die Graphologie, noch vor wenigen Jahrzehnten als Spielerei belächelt, ist heute der praktische Be­rater fast aller großen Betriebe. Neben dem Photo wird eine Handschriftenprobe als Legiti­mation »erlangt Zeige mir deine Schrift, und ich sage dir, wer du bist.

8.

Läge nicht in den Händen das Wesenbafte des Menschen, wären sie uns gleichgülttg. Aber wir lieben die Hand einer geliebten Frau, und wir hassen die Hände eines Menschen, der uns wider- wärttg ist. Und wenn man sich selbst zum Ekel wird, dann möchte man sich am liebsten seiner Hände entledigen.

Aber niemand entrinnt seiner Hand. Wie nie­mand sich selbst enffliehen kann. Die Hand ist un­barmherzig: sie verrät dich und läßt dich nicht mehr los. In deinen Händen trägst du daS Kainszeichen für alles, was du getan Hast . j