Nr. 79 Erster Matt
181. Jahrgang
Samstag, 4. April 193(
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Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für (Vberhessen
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Chefredakteur
Dr Friede Wich. Lange. Verantwortlich für Dolitili Dr Fr Wilh. Lange, für Feuilleton Dr H.IHynot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich m (Biehen
Oer rechte Ostergiauve.
Don Dr Otto Äoelih, ehem. Staatsmmister.
Nun find dreizehn Winter durchs Land gezogen, und zum dreizehnten Male wird es Ostern, seitdem der furchtbare Krieg unser Volk zu Bilden warf.
Ein Leidensweg von unerhörtem Ausmaß, wie ihn ein Volk bisher noch nicht gewandert! Dreizehn lange Fahre, dreizehn bittere Winter! Keiner unter uns, der nicht bis ins tiefste getroffen! Keine Familie im großen deutschen Vaterland, die nicht klagt über Vernichtung, über Verlust! Von dunklen Schatten verhangen das Land, das wir früher als das lichte Land der Freiheit und der Kraft gepriesen.
Wie haben mir jedes Jahr hingehorcht auf die Ofterbotschaft! Von dem Tag vor zwölf Fahren an, als die blutigen Unruhen des Winters zum Schweigen kamen, und als wir zuversichtlich die Verheißung in uns aufnahmen: „Wir heißen euch hoffen!", über die Tage, als an den Gräbern, die unsere Besten bargen, der ausstcigende Saft in Busch und Baum uns zurief: „Frühlingswehen ... Auferstehen!", bis auf Stunde, wo sich nach langer Winternacht das Herz aufs neue dem Strahl der Hoffnung öffnet.
Daß unser Volk diesen Leidensweg sondergleichen hat wandern können, ohne zusammenzubrechen, ohne den letzten Funken von Hoffnung zu verlieren, den mir tief in der Brust tragen, daß wir auch heute wieder hinhorchen aus den Klang der Verheißung, der uns endlich wieder Freiheit und Leben schenken will, wird immer der größte Beweis für die ungeheure Lebenskraft sein, die in unserem Volke schlummert, und die nach ewigen Wachstumsgesetzen doch wieder einmal zur Blüte und Reife kommen muß.
Dieses Hinhorchen auf die Ofterbotschaft trägt schon die Erfüllung in sich. Wer stumm resigniert und tatenlos verzichtet, mer nur nach Fremdem ausschaut, das mie ein Wunder in das Leben seines Volkes eingreifen soll, läßt seine beste Kraft ungenutzt verrinnen: nur wer glaubt, sieht die Erfüllung.
Ob mir sie erleben, das hängt ganz allein von uns ab. Aber mir werden sie erleben — und wenn wir, die Alten, nicht, so doch unsere Kinder —: mir müssen nur ein Zweifaches wollen. Zunächst müssen wir tief im Innersten davon überzeugt sein, daß Neuaufstieg unseres Volkes sittliche Wiedergeburt bedeutet. Uns ist unendlich viel in Krieg, Revolution und Nachkriegszeit zerbrochen; wir stehen mitten in einer schweren religiösen Krisis und in einer Krisis der Sittlichkeit. Man ist in Kreisen, die zu uns gehören, und die zu uns gehören müssen, irre geworden am Glauben der Väter, an der Institution der Kirche; man glaubt nur zu gern einer neuen Botschaft von der Umwertung bisher gültiger ethischer Werte. Und unter uns lebt schon heute ein Geist, der von ferne gekommen ist und nicht bei uns groß geworden ist, der zunächst drüben im Sowjetstaat die Massen ergriffen hat mit der Raserei der Gottlosigkeit, der auch an unsere Tore geklopft hat, ja, der schon mitten unter uns steht. Er bedeutet Untergang unsresVolkstums, Tod u n s e r e r N a t i 0 n. Wer vom „Kulturdolschemismus" als einer „Phrase" spricht, sieht die furchtbare Gefahr nicht, die uns droht, oder will sie nicht sehen. Hier gibt es nur eins: entschlossenen Kampf, die tiefsten Kräfte unseres Volkslebens, die im Religiösen wurzeln, zur freien Entfaltung und zur lebendigsten Auswirkung zu bringen in Ehe, Familie, Haus und Schule, Gemeinde und Staat. Der Wiederaufstieg Deutschlands ist nur möglich mit den Kräften der Sittlichkeit.
Und dazu kommt als zweites: Wir müssen uns frei machen von dem Wahn, daß G e - meinschaft gleich Masse sei, und daß höher als die Individualität, als die Persönlichkeit das Kollektive stehe. Noch n i e ist eine Kultur auf dem Boden alles nivellierender Gleichheit erblüht; für jeden Hochstand geistigen und künstlerischen Lebens mar immer Vorbedingung feinste Differenziertheit, Persönlichkeitsgestaltung. ErziehungzumFüh- rertum muß deshalb unser Ruf sein in einer Zeit, die so arm ist an kraftvollen Menschen, die höchste Verantwortung vor eignem Gewissen, vor den Nebenmenschen, vor Volk und Nation in ihrer Brust tragen und die wissen, daß sie daran mitwirken müssen, den Sinn der Weltgeschichte als Träger geschichtlichen Geschehens mit zu deuten und mit zu verwirklichen. Schafft Führer, die den Mut haben, Führer zu sein! Daher werden wir gegenüber dem Irrwahn der Kollektio- erziehung immer daran festhalten, daß nicht nur das höchste Glück, sondern der höchste Beruf der Erdenkinder die Perfönlichkeit ist.
Hitler will seine SA. gründlich säubern.
Dr. Goebbels als Generalbevollmächtigter mit der Gäuberungsaktion beauftragt. Scharfe Worte Hitlers gegen feine Widersacher.
München, 2. April. (LU.) Adolf Hitler hat an Goebbels einen Brief gerichtet, in dem er diesem Generalvollmacht zur Säuberung der nationalsozialistischen Bewegung von allen zersetzenden Elementen erteilt. In dem Dries, der heute im „Völkischen Beobachter" veröffentlicht wird, heißt es u. <l:
„Gewissenlose Kräfte versuchen seit Monaten immer wieder, geleistete Arbeit zu unterhöhlen und zu zerstören, in die einzelnen Formationen der Bewegung den Geist nörgelnder Kritik, ja sogar der Untreue hineinzubringen, um sie dadurch zu zersetzen. Angesichts der erlassenen Notverordnung besteht die große Gefahr, daß die Absicht der inneren Feind«, die Bewegung durch Aufreizung zu illegalen Handlungen hinzureihen, verwirklicht und damit den Feinden des deutschen Freiheitskampfes endlich die Möglichkeit geliefert wird zu einer Unterdrückung und Auslösung der Bewegung. Ich habe mich deshalb entschlossen, gegen diesen Versuch der Zerstörung der nationalsozialistischen Bewegung den Kamps mit allen Mitteln und aller Entschlossenheit auszunehmcn. Ohne Rücksicht aus irgendwelche Folgen werde ich die Partei nunmehr von ihren zersetzenden Elementen säubern.
Herr Dr. Goebbels! Ich beauftrage Sie nunmehr erneut, die Säuberung der Bewegung mit aller Entschlossenheit in die Hand zu nehmen und durchzuführcn, und ich erneuere zu diesem Zweck die Ihnen im November 1926 erteilte Generalvollmacht: Handeln Sie rücksichtslos und lassen Eie sich durch keinerlei Bedenken über irgendwelche Folgen in diesem Entschluß beeinträchtigen. Was immer Sie in seiner Erfüllung tun mögen, ich decke S i«."
Scharfer Aufruf Hitlers.
M ü n ch e n, 3. April. (TU.) Adolf Hitler oer- esscntlicht in der Freitag-Ausgabe des „Völkischen Beobachter" folgenden Aufruf
„Im Wirkungsbereich der SA. Gruppe Oft wurde ein Komplott geschmiedet, dessen Ausbruch zu einer schweren, ja vielleicht endgültigen Katastrophe für die ganze nationale Bewegung Deutschlands werden konnte. Angesichts der Notverordnung war ich gezwungen, sofort zu handeln. Ich habe mich nunmehr entschlossen, eine gründliche Säuberung der Partei von allen unzuverlässigen Elementen durchzuführen.
Ein Teil der meuternden Führer versucht noch immer, Teile der SA., die in Unkenntnis ihrer wirklichen Absichten sind, anzustecken. Es ist die Pflicht aller politischen und aller SA.-Führer, sowie jedes einzelnen Parteimitgliedes und jedes SA.- Mannes, diesen Versuchen den rückhaltlosesten W i d e r st a n d entgegenzusetzen Duldet nicht, daß die Meuterer ihr Vorhaben verwirklichen können.
SA.-Männer, ich entbinde euch feierlich des
Das nationalsozialistische Parteigebäude in Berlin und die beteiligten Führerpersönlichkeiten der National, sozialisten. — Oben links: Adolf Hitler, der Reichsparteiführer. — Oben rechts: Dr. Goebbels, der Berliner Gauführer. — Unten rechts: Oberleutnant Schulz, der zum neuen Osaf-Oft ernannt ist. — Im Kreis: Hauptmann Sten ne s, der bisherige Osaf-Ost.
Gehorsams gegenüber Führern, die nicht selbst gehorchen wollen.
In wenigen Tagen wird der ganze Spuk dieser Destrukteure der deutschen Freiheitsbewegung beseitigt [ein. Von Stunde zu Stunde schwindet der Anhang der Meuterer mehr und mehr zusammen. Die SÄ des ganzen Reiches sehen mit erbittertem Grimm dem unverantwortlichen Treiben dieses ehemaligen Polizeihauptmannes zu.
Nun aber heraus mit den Verbrechern aus unseren Reihen. Heraus mit den Verrätern am Schicksalskampf unseres Volkes. SA.- Kameraden! Nicht ein zweites Mal werden wir es, was wir 1918 zähneknirschend zulassen mußten, dulden, daß die Zukunft unseres Volkes von einer Handvoll Meuterer zerschlagen wird Wer Befehle und Anordnungen des Polizeihauptmanns a. D. Stenn es annimmt, duldet oder weitergibt, schließt sich dadurch selbsttätig aus der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei aus."
Strenge Legalität.
München, 3. April. (TU.) Gleichzeitig mit seinem Aufruf hat Adolf Hitler an der Spitze des „Völkischen Beobachters" in einem umfangreichen Aussatz zu den Berliner Vorgängen Stellung genommen. „Ich halte jeden Mann", so schreibt Hitler, „der es versucht, eine gänzlich unbewaffnete Organisation zu einer
Gewalttat gegen denheutigenStaat aufzuputschen, entweder für einen Narren oder einen Verbrecher, oder für einen Lockspitzel. 3m Jahre 1923 habe ich erklärt, marschieren zu wollen, und dann bin ich marschiert. Heute muh ich bekennen, bau ich jeden weiteren Versuch in dieser Richtung als Wahnsinn ansehe. Ich habe 6ic st renge Legalität der Partei geschworen, und ich lasse mich von Niemandem zum Meineidigen machen, am wenigsten von Polizeihauptmann a. D. D t c n - n c s." Hitler erklärt schließlich, daß er unbeugsam entschlossen sei, die Verschwörer gegen den Nationalsozialismus mit Stumpf und Stiel auszu rotten.
Aus der ALDAp. ausgeschlossen
München, 2. April. (TU.) Die Leitung der NSDAP, teilt mit:
„Von der Parteileitung der NSAPD. wurden auf Grund der Vorkommnisse in der Angelegenheit S t e n n e 5 am Donnerstag folgende Parteigenossen ausgeschlossen: Stennes, Wetzel und V e 11 j e n s_in Berlin, Walter Jann (Berlin), Hans Lustig (.Stettin), Kurt Kremser (Breslau), V. N 0 w a ck (Breslau), Wilhelm P ü st 0 w (Rostock in Mecklenburg).
Oeffentliche Treuerklärungenf ürHitler haben abgegeben: die Schleswig-Holsteiner und
Rur wahres Führertum führt uns aus der Tiefe wieder zur Höhe, und dieses Führertum erwächst uns aus einer bewußten Jndividual- erziehung, die stark erfüllt ist mit sozialem Geist und im Nationalen lebt und wirkt. Es ist nicht leicht, in einer Zeit der falsch gedeuteten Demokratie freiwillige Ohren zu finden für den Ruf nach Führerschaft. Das Wort vom „Massenwillen" und von der „Souveränität des Volkes" hält noch zu sehr die Gemüter gefangen. Aber anderseits beginnt man doch immer mehr einzusehen, daß auch die ausgeprägteste Demokratie einer Führerschicht bedarf. Sie voll zur Entwicklung zu bringen, ist das große Gebot der Stunde, daß wir aus Mittelmäßigkeit und Dilettantismus herauskommen und auch in Politik und öffentlichem Leben höchste Leistungen erzielen, so wie wir sie in Wissenschaft, in Technik und Industrie gewöhnt gewesen sind.
Osterglaube heißt GlaubeandieKraft unseres Volkes, an Neugeburt, an Neuerstehen. Manches mag fallen, was irdisch und vergänglich an geschichtlichem Beiwerk war. Bleibt nur die Substa n z unseres Volkstums, jene unversiegbare Kraft, die immer wieder hervorsprudelt aus den Brunnenstuben deutschen Wesens als deutscher Glaube, deutsche Innerlichkeit, deutscher Idealismus und deutsche Stärke, so werden wir leben, auch wenn wir leiden.
Deutscher Min'sterbefuch bei Mussolini.
Rom, 3. April. (TU.) Reichsverkchrsminister D. ©uerarb hat am Freitagnachmittag Mussolini im Palazzo Denetia einen Besuch abgestattet. Am Montag ist eine Audienz beim Papst für den Minister vorgesehen. Der „Po- polo Romano" veröffentlicht eine längere Unterredung mit dem Reichsverkehrsminister, in der
dieser sich über die Zusammenarbeit der deutschitalienischen Zivil-Luftfahrt äußert. Italien und Deutschland, so erklärte der Minister, haben gemeinsame Luftfahrtinteressen. Die Uebereinstim- mung ihrer Ansichten werde die ständige und nützliche Zusammenarbeit auf dem Gebiet der internationalen Flugverbindungen wirksam unterstützen.
Hugenbergs Antwort an die Reichsregierung.
Berlin, 2. April. (TU.) In einer am 30. März erschienenen Erklärung der Reichs- regierung wurde u. a. bedauert, daß ..nunmehr von deutschnationaler Seite versucht wird, durch Entstellungen und durch die Verbreitung unwahrer Behauptungen im Volke das Vertrauen in die Person und in die Überparteilich- feit des Reichspräsidenten zu untergraben". Zu dieser Erklärung nimmt der deutschnationale Parteivorsitzende Dr. Hugenberg mit folgender Erklärung Stellung:
„1. Die Nürnberger Erklärung ist eine Kundgebung der gesamten nationalen Opposition, nicht nur der Deutschn a t i0nalen V 0 l t s p a r t e i. Niemand in den Reihen der Deutschnationalen läßt sich heute nach den seit März 1930 gemachten Erfahrungen durch so zweckbctonte Aktionen, wie die Gegenerklärung der Regierung Brüning, einschüchtern.
2. Das Vertrauen in die Person und in die U« b e r p a r t e i l i ch k e i t des Reichspräsidenten wird dagegen von der Regierung dadurch untergraben, daß sie fortgesetzt Maßnahmen mit der Autorität des Reichspräsidenten zu decken versucht, die gegen Wünsche und Gefühle der großen Mehrzahl seiner ehemaligen Wähler gerichtet sind und deren gefahrvolle Bedeutung für die Zukunft des deutschen Volks schon eine nahe Geschichte beweisen wird.
3. Die Nürnberger Erklärung enthält weder „Entstellungen", noch „die Verbreitung unwahrer Behauptungen". Sie enthält lediglich die reine Wahrheit in dem kämpferischen Tone, den der
Ernst des Augenblicks erfordere. Nach den gleich zu erwähnenden Erfahrungen, beschränke ich mich darauf, die entgegengesetzte Behauptung der Regierung öffentlich und ausdrücklich als u n r i ch - t i g zu erklären.
4. Ich gehe bei dieser Erklärung von der« Gewißheit aus, daß heute im deutschen Volke mein Wort ernster genommen wird als das so mancher leitenden Persönlichkeiten des heutigen Parteienshstems. Ich habe in den letzten Wochen eine ganze Anzahl von offensichtlichen Unwahrheiten solcher Persönlichkeiten öffentlich behandelt. Man gesteht sie nicht zu, aber man verklagt mich auch nicht. Höchstens greift man Einzelheiten aus dem Zusammenhänge heraus, um sich mit angeblichen Berichtigungen gegen sie zu wenden. Man hält den Anspruch, daß Führer dem Volke die Wahrheit zu sagen haben, anscheinend für eines der vielen überwundenen Vorurteile.
5. Dafür, welche innere Widersprüche in der These liegen, die Notverordnung bezwecke nicht die Bekämpfung der nationalen Opposition, oder die Stärkung der sozialdemokratischen Machtposition. sondern die Unterdrückung der Gottlosenpropaganda, berufe ich mich u. a. auf die Ausführungen, die mein Parteifreund Prof. Spahn in seinem an den Reichspräsidenten gerichteten Brief macht. Er weist darauf hin, daß gerade diese Notverordnung den Weg zur rechtlichen Gleichstellung der unchristlichen Freidenkervereinigungen mit den christlichen Kirchen eröffnet. Will etwa die Reichsregierung behaupten, daß auch in dieser Hinsicht der Herr Reichspräsident die Notverordnung „in vollster Kenntnis ihrer einzelnen Bestimmungen, ihrer Handhabung und ihrer Wirkung" erlassen habe?
6. Vorgeschichte, Hintergründe und Auswirkungen der neuen Notverordnung kennzeichnen sie als einen vom Zentrum und der Sozialdemokratie gemeinsam unternommenen Versuch. die Gewerkschaftsdiktatur dieser beiden Parteien zu stabilisieren und die nationale Opposition zu schwächen. Dieser Versuch wird gegen seine Urheber ausfchlagen!"


