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Für den Büchertisch.
Deutsche Erzähler.
— Franz Werfel: Kleine Verhält- nisse. Novelle. 111 S. 8". Paul Zsolnay, Verlag. Berlin, Wien, Leipzig 1931. (168) — Diese neue Novelle ist thematisch einem ähnlichen sozialen De- zirk entwachsen wie jene erschütternde Erzählung vom „Tode des Kleinbürgers", die Werfel vor Jahren hier selbst gelesen hat; sie berührt sich aber auch — Geschichte eines Knaben und seiner Gouvernante — stofflich und in der feinfühlig vor- st oh en den und analysierenden Psychologie mit ähnlichen Erzählungen, wie sie Stefan Zweig im „Ersten Erlebnis" zusammen gefaßt hat. Es kommt hier weniger auf einen fortlaufenden Gang der Handlung an. der oft nur angedeutet oder indirekt dargestellt wird, als auf die psychologischen Voraussetzungen, Folgen und Ausstrahlungen dieser Handlungsreihe; auf die Gegenüberstellung und Lleberschneidung verschiedener sozialer Schichtungen: eben der „kleinen Verhältnisse" nämlich aus denen die junge Gouvernante stammt, und der gepflegten, stilvollen, selbstsicheren Wohlhabenheit im Elternhause ihres elfjährigen Zöglings; auf die Schilderung der kindlichen Vorstellungswelt, die sich mit dem Leben, Denken und Handeln der Erwachsenen nicht zurechtfindet. Der Knabe wittert das drohende Schicksal, das der geliebten Erzieherin aus der Bewegung mit ihren Kavalieren erwächst; er wünscht glühend, ihr zu helfen, sie aus einer tödlichen Verstrickung zu befreien — uni> tut, im besten Glauben, gerade das Gegenteil. Tragischer Irrtum eines eben erwachenden Kindes, das da meint, die kleinen und die großen Verhältnisse dieser Welt (sozial und generationsmähig verstanden) mühelos, hilfsbereit und voller Vertrauen auf eine menschliche und übermenschliche Gerechtigkeit, miteinander in Einklang bringen zu können. — Die kleine Erzählung ist wiederum eine Bestätigung der schöpferischen Kraft und Reife Franz Werfels, dessen Werk zu den wesentlichsten Beständen unserer gegenwärtigen Dichtung gehört. -y-
— Georg Rendl: „DerBienenroman". Im Jnselverlag zu Leipzig. — (162) — Dieser Bienen- roman ist ein Roman der Wirklichkeit, und doch ein Werk reiner Stunft und Poesie, geschrieben von einem Dichter, der mit den Bienen ausgewachsen ist. Das Bienenleben eines Jahres ist mit dem Jahresablauf der Natur verknüpft. Zu erfinden war hier nicht nötig, wo die Natur selbst die phantastischsten Bor- gänge und Zustande erfindet und das hochbegabte Volk der Bienen einen Staat verwaltet, der dem menschlichen in seiner Geschlossenheit und Harmonie ohne Zweifel überlegen ist. Atemlos liest man und will nicht glauben, wird überzeugt und staunt in Ehrfurcht.
— Hubert M.umelter: Zwei ohne Gnade. Roman. 374 Selten 8". Im Jnsclverlag zu Leipzig, 1931. — (139) — In der vom Jnselvcrlag herausgegebenen Reihe .Lunge Deutsche Erzähler" bedeutet die Erzählung „Zwei ohne Gnade" von Mumelter einen Versuch, den historischen Roman mit den Mitteln der modernen Psychologie neu zu beleben. In den Kampf des Tiroler Adels um feine Unabhängigkeit gegen den Herzog Friedrich von Habsburg und die langsam steigende Herrschaft des Bürgertums, die sich der Herzog zunutze macht, ist die Liebe des Minnesängers Oswald von Wolkenstein zu Sabina Jäger schicksalhaft verwoben. Es ist der Liebeskampf zweier Menschen, deren Seelen sich beim ersten Begegnen finden, deren Wesen aber niemals zu einer Harmonie gedeihen kann. Nie errät Oswald die Stimmung und Wünsche der geliebten Frau (was allerdings schwierig ist, da sie sich meist selbst nicht klar ist und von Augenblick zu Augenblick wechselt). Nur ein einziges Mal ertastet er ihren Willen und darf für kurze Zeit glücklich sein in ihrem Besitz; dann entgleitet sie ihm wieder durch äußeres Schicksal und innere Fremdheit. Künstlerisch ist die Szene der Höhepunkt des Romans, der einzigartig schwer und zäh geschrieben ist, aber mit Wärme und tiefem Gefühl für die Verbundenheit von Menschen und Landschaft. Die Gestalten Oswalds und des Herzogs wirken wie Holzplastiken aus jener Zeit, einfach, wahr im Gefühl, massig und schwer. Die Gestalt der dämonischen Frau erscheint weniger geglückt, sie ist ein Gemisch von elbischem Naturwesen und Strind- berg, mehr erdacht als erlebt. Ihr Opfer, daß sie sich tötet, um Oswald und den Herzog aus der Ver> strickung um sie zu lösen, ist nicht glaubhaft. Ausgezeichnet gelang die Schilderung der politischen Dinge; die Verhandlungen der Ritter untereinander und mit dem Herzog, das Doppelspiel des Kaisers Sigismund, besonders gut das Konzil zu Konstanz, das hier von einer ganz neuen Seite her gesehen ist.
G.Th.
Aus fremden Literaturen.
— Sinclair Lewis: Llnser Herr Wrenn. Die romantischen Erlebnisse eines kleinen Mannes. 334 Seiten 8°. Kartoniert 5 Mk., Leinen 7,50 Mk. Ernst Rowohlt Verlag, Berlin 1931. (181.) — „Our Mr. Wrenn“ ist bas Erstlingswerk des Nobelpreisträgers Lewis. Es gibt über Amerika und im besonderen über die Lebenshaltung und psychologische Verfassung des Durchschnittsmenschen und Kleinbürgers in USA. vielleicht auf den ersten Blick überraschende, aber jedenfalls ähnlich eindringliche und charakteristische Aufschlüsse wie etwa die Erzählungen des Franzosen Luc Durtain oder der Roman „Der 22. August" von Nathan Asch; wir glauben jedenfalls. daß man aus der Gestaltung solcher (Änzel- schicksale, derartiger Ausschnitte aus dem Mil- livnengewimmel anonymer Vankees besser und gründlicher über Amerika unterrichtet wird als aus manchen umständlichen Reisebeschreibungen. In diesem Roman äußern sich Lewis' Darstellungskraft, sein Wissen um die weite Welt und das kleine Menschenherz, und seine grandiose Ironie in besonders liebenswürdiger Weise. „Unser Herr Wrenn", Buchhalter in einer Reu- Yorker Kunstartikelgesellschaft, ein braver Mann, den in Kontor, Pensionszimmer und Kino die Sehnsucht nach der Ferne und dem höheren Leben plagt, tritt, als er eine kleine Erbschaft macht, als Viehwärter eine abenteuerliche Weltreise an, die ihn aber nur bis nach England führt; dort tut es ihm eine Bohemekünstlerin aus Kalifornien an. Aber er fühlt sich recht unsicher in ihrem gebildeten und snobistischen Lebenskreise, und schon nach zwei Monaten reist er heim und „entdeckt Amerika". Ein liebes Ge- schäftsmädel vertreibt die phantastische Liebe zu der Künstlerin und zum großen Leben aus seinem Herzen. Diese einfache Geschichte gestaltet der Dichter zu einem bunten Bilde des amerikanischen
Kleinbürgers in Heimat und Fremde, zu einem Idyll aus der Zeit vor dem Weltkrieg.
— MarthaOstenso: ,D ieWasserunter d e r E r d e“. Roman. 345 Seiten 8°. Broschiert 4,40, Leinen 6,50 Mark. Deutsch von Nelly Hobsbaum. F. G. Speidelsche Verlagsouchhandlung, Wien und Leipzig. — (167) — In ihrem neuen Roman schildert Martha Ostenso, die rasch zu Ansehen und recht übertriebener Würdigung gelangte amerikanische Schriftstellerin, wieder den Stampf um eigene Formung des Lebens, diesmal im Schicksal der sieben Kinder eines puritanisch strengen und frömmelnden Kleinbürgers. Die Wasser unter der Erde, das sind die geheimen Mächte des Blutes, Furcht, Aberglauben, angeborenes Autoritätsgefühl, die den Kampf bei den sechs älteren aussichtslos machen. Wohl haben sie sich innerlich vom Vater gelöst, äußerlich leben sie aber das Leben weiter, das er ihnen dank seiner mächtigeren Persönlichkeit auf»
zwingt. Neben den sechs Geschwistern, deren Lebenslinie unheilbar gebrochen ist, wächst die jüngste Tochter allein zu einer einheitlichen, unberührbaren Persönlichkeit heran, die iyr Leben für sich lebt und gestaltet, und den Weg geht, den sie gehen muß, ohne Rücksicht auf den Vater und seine puritanische Enge. Der Roman führt mitten hinein in die amerikanische Kleinstadt, in die primitiven Verhältnisse, die gar nichts vom modernen Amerikanismus haben; er ist sehr gut geschrieben, niemals eintönig trotz des sieben, mal abgewandelten Themas. Sehr fein ist die Gemeinsamkeit der Geschwister geschildert, die, so verschieden sie sind, dank der angeborenen Kräfte und der Erziehung, auf die elementaren Ereignisse im Leben, Liebe und Tod, ungewollt gleichartig reagieren. Ueberhaupt hat die Ostenso die Gabe, alle Menschen, namentlich Frauen, in ihren Trieben psychologisch zu erfassen und sie anmutig und lebendig darzustellen. G.Th.
Deutsche Kunstgeschichte.
— Tilmann R i e m en s chne ide r. Ein Gedenkbuch. Herausgegeben und eingeleitet von I u st u s Bier. 24 Seiten Text. 80 Bildtafeln. Kart. 7 Mk. Dr. Benno Filser Verlag G. m. b. H., Augsburg, 1931. (151) — Zum 400. Todestage des großen deutschen Bildhauers Tilmann Riemenschneider am 7. Juli d. I. erschien dies schöne Ge- denkbuch von Justus Bier, herausgegeben auf Anregung und mit Unterstützung des fränkischen Kunst- und Altertumsvereins. Der verdienstvolle Riemenschneiderforscher gibt hier gewissermaßen in knapper, übersich licher und zu weitester Verbreitung geeigneter Form eine Eisenz seiner in drei starken Bänden niedergelegten Arbeiten über Werk und Leben des berühmten Meisters von Würzburg, wo Heuer, im Jubiläums) aht, eine festliche Ausstellung die wichtigsten Werke Riemenschneiders vereinigt. Im Vorwort ist zu- sammengefaht, was die leider dürftigen, chronikalischen Belege über die Biographie des zu Osterode am Harz 1463 geborenen, in Würzburg am Kilianstag 1531 gestorbenen Meisters gesichert erscheinen lassen. Bier gibt überdies eine ausgezeichnet Flore kunsthistorische Einführung, die Riemenschneider in den Zusammenhang einer großen deutschen Tradition einordnet und zugleich durchaus überzeugend die innere und äußere Entwicklung seines bildhauerischen Schaffens verfolgen läßt. Die Einführung faßt den modernen Stand der Riemenschneiderforschung (ohne allen, den Laien ermüdenden Ballast eines wissenschaftlichen Apparates) zusammen und bringt außerdem in kurzen Anmerkungen zu den einzelnen Bildern die notwendigsten Angaben über Entstehung, Material und Inhalt jeden Werkes. Ganz ausgezeichnet, ein unerschöpflicher und bleibender Genuß für den Beschauer, sind die 80 vorzüglich reproduzierten Bildtafeln, welche als unentbehrliche Ergänzung des Textes die wichtigsten Bestände des großartigen Riemenschneiderschen Oeuvre zu einem überwältigenden Panorama blldhauerilcher Hochblüte zusammenfassen; besonders erfreulich: die zahlreichen Detailaufnahmen, welche unzählige Feinheiten dieser Holz- und Steinplastik erst recht zur Geltung bringen. — Das Gedenkbuch, das zu einem volkstümlichen und wohlfeilen Preis zu haben ist, verdient weiteste Verbreitung und sollte ein Haus
buch jedes gebildeten und kunstliebenden Deutschen werden. -y-
— Bayerische Kunstgeschichte. Dd.2: Fränkische Kunst. (Franken und Pfalz.) Von Dr. Joseph Maria R i h. 210 Seiten 8U mit 109 Bildern. Geh. 6,50 Mk., Leinen 8 Mk. Verlag Knorr & Hirth GmbH., München, 1931. (111) — Der lOOOjährige Umkreis fränkischer Kunst begreift das Werk Dürers ebenso wie das Grünewalds und die Dome von Speyer und Bamberg, die gegürteten Städte des Mittelalters, wie das Licht- und Formenwunder Vierzehnheiligens in sich. Das Gebiet, das solche Frucht trägt, legt sich als breiter Streifen quer durch des Reiches Mitte vom Fichtelgebirge bis zu Rhein und Saar. Helden dieses Buches sind weniger die einzelnen Künstlerpersönlichkeiten als die Starn- meslandschast und ihre führenden Städte. Es sind vor allem Speyer (mit einem gewaltigen Auftakt beginnt hier die Geschichte) und dann das Dreieck, um das sich die fränkische Kunstgeschichte ganz besonders dreht, nämlich Wurzburg, Nürnberg und Bamberg. Jede dieser drei Städte bildet die Ueberschrift über ein Kapitel. Bamberg ist das Sinnbild für den europäischen Hvchstand der letzten romanischen Zeit; Nürnberg erweckt sogleich den Gedanken an Albrecht Dürer, es ist zu jener Zeit die Stadt in Franken, ja in Deutschland; Würzburg aber trägt die Krone des 18. Jahrhunderts, es ist die Hauptstadt des rheinisch-fränkischen Barocks, die Stadt Balthasar Neumanns. Kaum ein zweiter deutscher Stamm hat der deutschen Kunst so viel Großartiges geschenkt wie der fränkische. — Dem Verfasser, Konservator am Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, ist es gelungen, nicht nur einen Begriff von dem überreichen Mosaikbild fränkischer Kunst zu geben, sondern auch von der großen Einheit, die über ihr liegt. Er hat damit das Werk der bayerischen Kunstgeschichte in würdigster Weise vollendet. Die Auswahl der Abbildungen ist sehr glücklich, ihre Wiedergabe hervorragend. Der Preis des Buches kann angesichts dieser Ausstattung volkstümlich genannt werden. — Der erste Band, Karlingers „Altbayern und Baherisch-Schwaben", ist früher bereits an dieser Stelle angezeigt worden.
Politik und
— Das Erwachen der Menschheit, Propyläenweltgeschichte, herausgegeben von Professor Dr. Walter Goetz, Leipzig. Band 1. Preis 34 Mark in Seinen, 38 Mark in Halbleder. Im Propyläenverlag Berlin WS 68, Ullsteinhaus. — (991 — Das ist von den bislang erschienenen vier Bänden dieser reprä- seniativen Weltgeschichte wohl der weitaus interessan. teste, weil er an Hand eines ganz ausgezeichnet aus- gewählten und in verschwenderischer Fülle beigegebe. nen Abbildungsmaterials breiten Kreisen die Ergebnisse der prähistorischen und frühgeschichtlichen Forschungen bis in die allerneueste Zeit erschließt, die bis dato fast ausschließlich Fachkreisen bekannt waren. Damit rückt auch für den Laien die weit- geschichtliche Betrachtung um Jahrtausende zurück. Es erschließt sich ihm der geschichtliche Werdegang, Kunst und Kultur des Urmenschen in dem besonders fesselnden in seiner Knappheit klar und eindringlichen Beitrag Professor Friedrich B e h n s (Mainz), dessen Forschungsarbeit unsere Leser aus zahlreichen Aufsätzen in unserer „Heimat im Bild" kennen. Daran schließen sich Darstellungen der Geschichte der alten Kulturvölker des Orients. Professor F. E. A. Krause behandelt Dftafien, China Japan und Korea von den Anfängen bis zu ihrer Berührung mit Europa im vergangenen Jahrhundert. Die Geschichte Aegyptens, die durch neue Funde und Ausgrabungen in den letzten Jahren eine wesentliche Bereicherung erfahren hat, übernahm der Leipziger Aegyptologe, Professor Georg Steindorff, vielleichk der beste lebende Kenner der Materie. Der Band schließt ab mit einer instruktiven und farbenreichen Darstellung der Völker des vorderen Orients, Babylonier und Assyrer, Israels und Persiens. Als Einleitung sind dem ganzen Werk eine Reihe von Aufsätzen vorangestellt, die eine Einführung in die Philosophie der Geschichte geben und so aktuelle Probleme wie Rasse und Geschichte, Boden und Geschichte, Menschwerdung behandeln.
— Johannes Bühler: ad _ erste
Reich der Deutschen von der Völkerwanderung bis zur Reformation." Inselverlag zu Leipzig. (163.) Johannes Bühler hat sich einen Namen gemacht durch sein ausgezeichnetes Quellenwerk, „Deutsche Vergangenheit", das in 9 Vänden auch den Laien heranführt an das deutsche Mittelalter. Dieses neue Werk faßt nun die den neuen Quellenbänden vorangestellten Einführungen zusammen und gibt so eine Schilderung der polittschen und kulturellen Lebensmächte im ersten Reiche der Deutschen, während des Jahrtausends von der Völkerwanderung bis zur Reformation. Das Buch will den Deutschen hinführen jum Erleben seiner Ahnen, damit er so, wurzelnd im Nährboden der Vergangenheit, hineinwachse in sein Volkstum, das über Glück und Unglück und allen äußeren Formen steht. Das Buch ist hervorragend ausgestattet mit einem Anhang von 80 ausgezeichnet wiedergegebenen Bildern.
— Richard von Kühlmann, „Gedanken über Deutschland". Preis 10 Mk.
Geschichte.
Verlag Paul List, Leipzig C 1. (145.) Der ehemalige kaiserliche Staatssekretär des Auswärtigen, der früher als Botschaftsrat in London, als Gesandter in Bukarest und Botschafter in Konstantinopel an der politischen Entwicklung des letzten Jahrzehnts vor dem Kriege wie auch während des Krieges tätigen Anteil genommen hat, legt hier ein Buch vor, das sich von ähnlichen Werken der letzten Zeit erfreulich unterscheidet. Es ist keine Rechtfertigungsschrift, es gibt kein Wühlen in politischem oder gesellschaftlichem Klatsch vergangener- Jahrzehnte, sondern eine klare und gedankenreiche Auseinandersetzung mit den Problemen, die unserer Gegenwart gestellt sind. Dabei geht es natürlich auch ohne Rückblicke auf grundsätzliche Fehler und Mißgriffe der Vergangenheit nicht ab, aber die Kritik geschieht in einer so vornehmen Form, daß man sie den vielen Memoirenschreibern, die uns heute mit ihren Anklagen und Rechtfertigungsversuchen Überschwemmen, als Vorbild vorhalten möchte. Aus dem gut geschriebenen und sowohl politisch wie wirtschaftlich sicher fundierten Werk können nur einige Gedanken herausgehoben werden. Kühlmann ist der Meinung, daß die Wilhelminische Aera die ihr von der Geschichte gestellte Aufgabe der Zerschlagung Oesterreich-Ungarns nicht erkannt hat. Die rechtzeitige Liquidierung und Aufteilung der Donaumonarchie hätte allerdings auf deutscher Seite eine Führerpersönlichkeit von ungewöhnlichen Ausmaßen verlangt. Das ideenlose Am-Dreibund-Hängen trug Schuld an der katastrophalen Abhängigkeit der deutschen Diplomatie von Oesterreich. Der Verfasser bespricht dann eingehend unsere Flottenpolitik, in der er einen weiteren fundamentalen Fehler siebt, da sie England nervös machte, ohne uns jemals in den Stand zu setzen, die absolute Seeherrschaft Englands zu brechen. Kühlmann wendet sich dann der Gegenwart zu und erörtert in großem klaren Linien die deutsche Situation, das Verhältnis zu den beiden Diktaturmächten Rußland und Italien und zu Frankreich und England. Nur wenn es gelingt, zwischen Frankreich und Deutschland ein Verhältnis herzustellen, das beiden Völkern ermöglicht, mit Ehre, Wohlstand und Sicherheit sich der Erfüllung ihrer nationalen Aufgaben zu widmen, glaubt Kühlmann, der Zukunft unseres Konttnents ein günstiges Horoskop stellen zu können.
— Stein (Rumpelstilzchen) 5 „Bülow und der Kaiser." Preis fort. 3Mk., in Leinen 4 Mk. Brunn en Verlag (Willi Bischoff), Berlin SW 68. (216.) Das Buch gibt auf Grund eigener Erfahrungen Eindrücke über daS Verhältnis zwischen Kaiser und Kanzler, das durch die Memoiren Bülows eine sehr einseittge Beleuchtung erfahren hat. Ein Mann, der „als naher Zuschauer hinter den Kulissen gestanden" hat und lebendig darüber zu plaudern versteht, weiß hier manches zurechtzurücken.
Wirtschaft und Recht.
— Handbuch des deutschen Staatsrecht s, in Verbindung mit einer Reihe von Gelehrten, herausgegeben von Gerhard Anschütz und Richard Thoma. Verlag I. C. B. Mohr (Paul Siebet!) in Tübingen. Das umfangreiche Subskriptionswerk liegt nunmehr mit der 21. Lieferung bis zum 18. Bogen des zweiten Bandes vor. Professor Erwin Jacobi (Leipzig) behandelt die Derwaltungsverord- nungen, Professor Hans Peters (Berlin) „Die Satzungsgewalt innerstaatlicher Verbände" und Rechtsanwalt Richard Grau (Berlin) „Die Diktaturgewalt des Reichspräsidenten". Auch die neueste Lieferung zeigt alle Vorzüge des ganzen Werkes, sorgfältige Behandlung des Gegenstandes durch Spezialforscher, aktuelle Gestaltung, ausreichende Literaturangaben.
— Dr. Erich Häussermann: Wirt- schaftsgemähe Gestaltung der Arbeitslosenversicherung. Nürnberg, Hochschulbuchhandlung, Krische & Co. Preis 2 Mk. — An das brennendste Problem der Zeit wird hier von einer neuen Seite herangegangen: Nicht Beitragsbemessung nach der Zahl der Beschäf- tigterx, sondern nach der Zahl der Entlassungen! Die Neuregelung soll von vornherein einer Entstehung von Arbeitslosigkeit entgegenwirken, Rückschläge in der Wirtschaft auffangen und überbrücken, Depressionen hemmen. Der Verfasser bringt in knapper, allgemein verständlicher Form eine umfasiende Behandlung des Problems.
— Die Handelsschule, Lehrbuch der Wirtschaftswissenschaften, herausgegeben von Professor Dr. Schmidt, Frankfurt a. M., Industrieverlag Späth & Linde, Berlin W 10. Die neuen Lieferungen 90 bis 93 führen das Kavitel Privatversicherungsrecht (Professor Durchard) zu Ende. Es wird dann im Kapitel 10 mit dem Der- waltungsrecht begonnen, dessen Behandlung die Frankfurter Professoren Giese und Cahn übernommen haben. Schließlich beginnt auch Kapitel 8 des 4. Bandes mit der Darstellung der Wirtschaftsgeschichte von Professor Laum, Braunsberg.
— Arg en tarius, „Briefe einesDank- direktvrs an feinen Sohn": Die Arbeit. Preis brosch. 2 Mk., Dankverlag Berlin W 57. (171.) Alfred Lansburgh, der Herausgeber der bekannten Zeitschrift „Die Bank', verbirgt sich hinter diesem Anonymus, der durch seine volkswirtschaftlichen Briefe sich schon einen guten Namen gemacht hat. Dieses neue Heft rückt die Arbeit in den rechten nationalökonomischen Zusammenhang ein und räumt dabei mit einer Reihe von der praktischen Sozialpolitik außerordentlich hinderlichen Vorurteilen und Irrtümern auf. Er bringt auch die Begriffe Kapital und Arbeit wieder in das richtige volkswirtschaftliche Verhältnis und erseht die These „Kapital ist akkumuliertes Arbeitsprodukt" durch die andere, „Kapital ist gefrorener Intellekt und sein Hauptbestandteil nicht rohe akkumulierte Gütermenge, sondern die Idee, die den Gütermengen bestimmte Gestalt gegeben hot". Damit ist auch die Kapitalrente begründet und die ganze soziale Frage erhält ein anderes Gesicht. Der Verfasser untersucht dann die älrfachen der gegenwärtigen Wirtschaftskrifis und kommt zu dem Ergebnis, daß das Fehlen ausreichender Reserven sowohl auf feiten des iln- ternehmers, wie auf feiten des Arbeiters die Schwere der Wirtschaftskrisen bestimmt. Sein praktischer Vorschlag geht dahin, durch Bodenständigkeit des Arbeiters diesen von den Kon- lunkturschwankungen der Wirtschaft weitgehend unabhängig zu machen und ihn zu befähigen, mit dem Unternehmer auf gleichem Fuß über seinen Lohn zu verhandeln und bei schlechten Zeiten eine längere Ruhepause ohne wirtschaftliche Schädigung durchhalten zu können, statt wie bisher von Gewerkschaften gegen Tariflöhne an Unternehmergruppen vermietet zu werden. Das Buch ist klar und allgemeinverständlich geschrieben wie alle Arbeiten Lansburghs und verdient gerade auch wegen seiner Vorschläge zur Bekämpfung der Wirtschaftsnot weiteste Verbreitung in allen volkswirtschaftlich interessierten Kreisen.
— Georg Fuchs, Wir Zuchthäusler. Aufzeichnungen des Zellengefangenen Nr. 2911. 2m Zuchthaus geschrieben. Verlag Albert Langen, München 27. Preis gebunden 8,50 Mk. (131.) — Prof. Georg Fuchs, der sich in der literarischen Welt Münchens als Begründer des Künstlertheaters und Derfaller einer Reihe von literarischen Schriften einen Namen gemacht hat, war in die polittschen Wirren der Nachkriegszeit verstrickt worden, zusammen mit dem jungen Komponisten Hugo Mach Haus verhaftet und im Mai 1923 von einem der berüchtigten bayerischen Volksgerichte zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach vier Jahren Strafverbüßung in dem zum Zuchthaus umgewandelten alten Kloster Ebrach bei Bamberg wurde er aus Anlaß des 80. Geburtstages Hindenburgs begnadigt. Der Mann, der im Alter von 55 Jahren hinter Zuchthausmauern verschwand, hatte schon abgeschlossen mit dieser Welt. So enthalten seine Aufzeichnungen kaum mehr als Andeutungen über fein eigenes tragisches Geschick, kein Wort der Klage über sein eigenes hartes 2o8. Lind gerade deshalb ist sein Buch ein erschütterndes und aufrüttelndes Zeugnis wahrer Humanität, die nichts für sich, alles für die Menschheit verlangt, die nicht von wilden Anklagen gegen den Strafvollzug und seine Beamten Besserung erwartet, fonbem durch eine ganz neue Einstellung des Strafrechts selber von der Seele her heilende Einwirkungen auf die Verbrecher erhofft. Dieser edlen Menschlichkeit des Derfallers ist es gelungen, sich das volle Vertrauen und in vielen Fällen die aufrichtige Freundschaft der Vollzugsbeamten zu erwerben, die nach seinen Erfahrungen überwiegend ihren schweren und bei dem bösarttgen Charakter vieler Verbrecher auch gefährlichen Beruf mit großem psychologischen Verständnis und Feingefühl ausüben, soweit sie nicht pedantische Streber und Formalisten finb, wie sie nach Fuchsens Ansicht der moderne Strafvollzug viel eher grohzüchtet als der alte. Aber was mehr bedeutet, der Derfaller fand auch den Weg zu der Seele seiner Mitgefangenen. Dilder von verpfuschten Leben, eines erschütternder als daS anbete, reihen sich aneinander zu einem Mikrokosmos menschlicher Vot, sozialen Elends, psychischer Verirrungen und Laster. Georg Fuchs ist aber ein zu klar und zu gerecht denkender Mensch, um nun der Gesellschaft die Alleinschuld für diese verlorenen, ins Verbrechen abgeglittenen Existenzen aufzubürden, doch sein Buch ruft aus einer tief religiösen, wahrhaft christlichen Gesinnung uns alle auf, die Verantwortung mitzuempfinden, die wir für unsere gefährdeten Mitmenschen haben.


