Ur. 2 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Samstag, 3. Januar 1931
Zum zehnjährigen Bestehen des Reichsheeres.
Don K. v. Oerhen, Oberst a. D.
Der Versailler Vertrag sieht eine Herabsetzung der Stärke der deutschen Wehrmacht auf 1 00 000 Mann vor und schreibt eine in allen Einzelheiten festgelegte Einteilung in sieben Divisionen und drei Reiter- Divisionen vor. Bei den Abmachungen in London im Jahre 1920 wurde dem Reiche auferlegt, die Herabsetzung der Heercsstürke bis zum Ende dieses Jahres vorzunehmen. General v. Seeckt, der im Frühjahr 1920 Chef der Heeresleitung geworden war, hatte diesen Abbau im Laufe des Herbstes bewerkstelligt und am 1. Januar 1921, also jetzt vor zehn Jahren, hat das deutsche Rcichsheer nach Zahl und Einteilung die Gestalt angenommen, in der es sich noch heute befindet. Die freien Staaten haben in diesen Jahren ihre Rüstung in umsangreicher Weise ausgebaut und auf Grund der Kriegserfahrungen erneuert und vervollkommnet. Deutschland ist das Recht genommen. Rekruten auszuheben: es muh sie anwerben. Alle unsere Rachbarn haben die Zwangsdienstps licht beibchalten. Sie stellen schon im Frieden jeden kriegsbrauchbaren Mann ein. Daher kommt es, dah Frankreich und seine Verbündeten: Polen, Belgien und die Tschechei mehr als zehn Millionen Soldaten ins Feld stellen können, Deutschland nur 100 000 Mann: Deutschland ist also von einer Heberlegenheit von 1:100 umgeben. Seit zwölf Jahren sind bei uns keine Rekruten ^mehr ausgehoben worden. Das bedeutet
einen Ausfall von 3'/r Millionen M a n n, der — auch wenn dem Reiche heute seine wehrpolitische Selbstbestimmung wiedergegeben würde — erst nach einem Vierteljahrhundert ausgeglichen werden könnte. Deutschland hat s e i n Kriegsmaterial auf den Schrotthaufen bringen müssen: darunter alle schweren Waffen und alle Flugzeuge. Der Druck der Entwaffnung lastete während der letzten zehn Jahre auf dem Heere: dieser Druck wurde jahrelang verschärft durch die Tätigkeit der Inter- alliierten Militär-Kontrollkommission, die mit allen Mitteln daran arbeitete, den Zusammenhalt des deutschen Heeres zu zerbrechen. Dieser Druck wird heute dadurch gesteigert, dah man in den Siegcrstaaten nicht gewillt ist, das im Versailler Vertrage gegebene Versprechen einer allgemeinen Abrüstung einzulösen. Die vorbereitende Abrüstungskonferenz hat sich dieser Aufgabe versagt.
Das Reichsheer steht heute nach zehn Jahren festgefügt da — als ein Machtmittel der Reichsgewalt: gewärtig der Befehle seines Oberbefehlshabers, des Reichspräsidenten. Das frühere Heer war ein Kontingentsheer: nur im Kriege gemeinsamem Kommando unter- worfe.il. Die Reichsverfassung und das auf dieser beruhende Wehrgeseh haben die Heeresverwaltung von den Ländern unabhängig gemacht. So konnte der Reichspräsident im Jahre 1923 dem Ches der Heeresleitung die vollziehende Gewalt
im ganzen Reiche übertragen und damit das Reich in den Wirren des Ruhrkrieges und des Währungszerfalls zusammenhalten. Das Reichsheer war dazu befähigt, weil seinen Angehörigen durch das Wehrgeseh jede Teilnahme an der Politik verboten war. Es steht außerhalb der Parteipolitik und die verantwortlichen Stellen haben dafür gesorgt, dah nur der Wille der verfassungsmäßigen Gewalten in ihm wirksam ist.
Die Einführung der neuen Wehrform und die für alle Soldaten im Versailler Vertrag festgesetzte zwölfjährige Dienstzeit hat einen völligen Umbau der inneren Einrichtungen des Heeres notwendig gemacht: ebenso eine Aenderung der Erziehung und Ausbildung, der Lebensbedingungen und besonders der Versorgung. Während der langen Dienstzeit werden die Soldaten für ihren künftigen Beruf vorgebildet. Diese Fachausbildung wird vom zweiten bis zum siebenten Dienst- jahr geboten. Je nach Neigung der Freiwilligen erhalten sie Unterricht in der Heeresfachschule für Verwaltung und Wirtschaft: für Gewerbe und Tech- nik oder für Landwirtschaft. Die den Soldaten hierdurch erschlossenen Aussichten für ihren weiteren Lebensgana haben dem Heere einen reichlichen und guten Ersatz zugeführt, wozu natürlich auch die schwierige wirtschaftliche Lage der deutschen Jugend wesentlich beitrug. Der starke Andrang gestattete eine sorgfältige Auswahl. Die bei dieser Auswahl angewandte Methode hat sich bewährt. Sie ist in
den Heeres-Ergänzungsbestimmungen festgelegt, dick die Rekrutierung dezentralisiert und in die Hände der Truppe gibt. Im Heere dienen mehr Städter (53 v. H.) als Landleute (47 v. H.). 52 v. H. der Soldaten stammen aus Industrie, Handel und Verkehr, 22 o. H. aus der Land, und Forstwirtschaft, 3 o. H. aus dem Reichs-, Landes- und Gemeindedienst, 14 o H. aus freien Berufen, 9 o. H. waren bei ihrem Eintritt noch ohne Beruf. Der Ersatz ist gesund. Die Zahl der Erkrankungen im Heere ist dah^r in den letzten Jahren erheblich zurückgegangen. Ebenso auch sank die Kriminalität im Heere. Die Zahl der Verurteilten verminderte sich von 3,53 v. H. im Jahre 1923 auf 1,08 v. H. im Jahre 1929-, also auf weniger als ein Drittel. Seit 1926 ist der Vorkriegsstand unterschritten. (1913 1,43 v. H.) Gleichzeitig verringerte sich die Zahl der Selbstmorde um wesentlich mehr als die Hälfte. An dieser stetig fortschreitenden Besserung hat mit der erziehenden und fürsorgenden Tätigkeit der Vorgesetzten besonders die Militärseelsorge einen entscheidenden Anteil.
Mit Genugtuung sieht das deutsche Volk auf die ersten zehn Jahre des Reichsheeres zurück und dankt den Männern, die für seine Entwicklung die Verantwortung trugen, für ihre umsichtige und tatkräftige Arbeit. Die kommenden Jahre müssen dem Reichsheere die Befreiung von den Fesseln bringen, die zur Zeit noch auf ihm lasten. Deutschland mufo: seine Gleichberechtigung zurückgewinnen.
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Bilder aus Heer und Flotte.
Von links nach rechts: 1. Reihe: die Reichswehrminister Noske, Geßler und G r ö n e r. — 2. Reihe? die Chefs der Heeresleitung v on Seeckt, Heye und von Hämmerst ein. — 3. Reihe: die Chef« der Marineleitung Zenker, Roeder und B e h n ck e.
Mussolini geht ins Theater.
Don Dr. Gustav W. Eberlein, J\ont
Rom, Ende Dezember.
Rach Weihnachten, wenn anderswo dieTheater- faison schon zur Hälfte vorbei ist, fängt sie in Rom an. Dafür dauert sie bis tief in den Mai hinein, wenn es schon recht warm ist. Rach des Dühnenhimmels unerforschlichem Ratschluß gilt das, gottlob, nur für die Oper. Es muh sich da um eine geheiligte Tradition unbekannter Art handeln.
Verständlicher ist das andere ungeschriebene Gesetz, wonach die Saison immer mit einem italienischen Werk eröffnet werden muh, auch wenn die Sensation des Winters etwa der „Ring" fein sollte. Im vorigen Jahre hieß der Clou „Walkiria", eine aufsehenerregende Reueinstudie- rung, denn diese Walküre war gehörnt. Sie hatte statt der vorgeschriebenen Sturmflügel eine Art Kronleuchter auf, wie man sie in Jagdzimmern hängen sieht. Und Wotan trug ein ähnliches, nur noch gründlicher stilisiertes Erzeugnis des Kunst- gewcrbes. Die Schar der übrigen Wunschmädchen begnügte sich mit sägehaften Gebilden, wie wir sie von den Venediger Gondeln kennen. Heuer kommt nun die Götterdämmerung daran. Als nationaler Schrittmacher wurde Manot Lescaut vorausgeschickt.
Dreimal voraus, denn dreifach muh die Eröffnung sein: zuerst kommt die Vorprobe, dann die Hauptprobe, endlich die erste Vorstellung. Zur Vorprobe wird die Gesellschaft vom Minister abwärts geladen, die erste Vorstellung findet bereits im Abonnement statt, der Gala-Abend also bleibt der Hauptprobe Vorbehalten, zu der mittels besonderer, von der Regierung ausge- gebenen Karten die Creme eingeladen wird, die Blüte der Blüte: fior di fiori. Sogar der Duce pflegt dann zu kommen.
Man merkt es daran, daß die Straßenzugänge in weitem Umkreis von Carabinieri und faschistischer Miliz abgesperrt sind. Weiterfahren! Ditte we.Erfahren! De.-geblich schwingst du deine blü en- weiße Einladungskarte, nicht verfängt die Versicherung, dah du doch deinen Wagen irgendwo hinstellen mußt, erst in der Umgebung von Santa Maria Maggiore darf endgültig gebremst werden. So gähnen die Straßen vor beneidenswerter Autoleere, die zu Fuß zu durchmessen bei Regenwetter wenig angenehm ist, zumal für die zarten Abendschleppen. Die Polizei scheint überängstlich
zu sein, denn sieht man nicht fortwährend Bilder, die Mussolini mitten in übervölkerten Dolks- quartieren, eingekeilt in Arbeitermassen zeigen?
Und sitzt er nun nicht etwa wie irgendein anderer Sterblicher in irgendeiner Loge des zweiten Rangs? Sitzt er etwa hinten im Halbdunkel? Durchaus nicht. Er lehnt mit dem Rücken an dem dünnen Säulchen, das die Loge mit der Rachbarloge verbindet, und hat den Arm auf den roten Samt der Brüstung gestützt. Seine Schultern berühren sich fast mit denen einer schönen Frau nebenan. Wenn jetzt nicht der weiße Schopf des Kapellmeisters herumfliegen und das Orchester die „Giovinezza" spielen würde, niemand von dem aufspringenden Publikum wüßte um sein Erscheinen. Früher pflegte er neben der Königsloge zu sitzen, beim Gouverneur... das heißt, „früher" ist so ein Begriff. Mussolini kommt nur alle Jahre einmal ins Theater und die Königliche Oper besteht in ihrer heutigen, salonfähigen Form erst zwei oder drei Jahre.
Die Hofloge ist vollständig leer, die Gesellschaft also der Verlegenheit enthoben, ihre Begeisterung teilen zu müssen.
Außerdem geht das Licht aus und der Vorhang auf. Ach, waren das noch schöne Zeiten, als die Bühne mit dem Zuschauerraum nichts zu tun hatte, jeder Teil sich für sich amüsiertel Bei strahlender Beleuchtung konnte man sich unterhalten und bekritteln, jedermann ackss Korn nehmen und sich selber ins geeignetste Licht rücken. Die Oper war eine gesellschaftliche Veranstaltung wie eine Plauderstunde oder ein Cercle, die Sänger und Darsteller auf dem Podium da droben nichts anderes als Grammophone oder Radiokästen, wie man sie ja auch heute noch spielen läßt, ohne sich viel darum zu kümmern. Zuweilen, wenn es sich lohnte, trat dann schon dec Lautsprecher an die Rampe und holte sich für eine besonders anstrengende Arie den lachend und zerstreut gespendeten Lohn.
Und erst die Pausen, wenn daS unbequeme Gequäke, bei dem man oft sein eigenes Wort nicht verstand, endlich verstummte! Jetzt drehte sich das ganze Parkett herum, stand auf und unterzog die in Mode befindlichen Persönlichkeiten einer eingehenden Musterung. Man richtete die Gläser wie auf Kommando zuerst auf die obersten Grade, dann Schritt für Schritt die Gesellschaftsleiter heruntergehend...
Man pflanzte sich vor den Logen auf wie vor den interessantesten Käfigen im Zoo und brach vor der Hofloge in gewissen Zeitabständen in Hochrufe aus. Das Orchester spielte zum zehn»
tenmal die Marcia Reale und die hohen Herrschaften verneigten sich zum elftenmal huldvoll, auch toenck es nur Hofdamen waren.
Und heute? Also, da singen die Menschen im Dunkeln auf der Bühne, die andern sind stumm tote die Fische, in den Pausen geht man hinaus — wie bei den nordischen Barbaren. Und der Duce macht so etwas mit! Klatscht, steht auf und geht. Er hat einen Frack an, ein gestärktes Hemd, er sieht aus wie Herr Maier.
In den Gängen und im Foyer gehen die Herren wie auf Eiern, um nicht auf dte Schleppen zu treten. Jede Dame schafft sich auf diese Weise sozusagen einen luftleeren Raum um sich und der Duce kann ihren Pariser Schick von der Büste ab, wenn er vorne steht, vom Gürtel ab, wenn er hinten steht, bewundern. Das letztemal, als er hier war, sah es noch umgekehrt aus, er konnte Schuhe und Seidenstrümpfe bemerken. Eine wandelbare Sache das mit der Mode, fein Stern und feine Politik gehören offenbar nicht dazu. Vielleicht hat ihm das gerade feine rechte Hand: der Abgeordnete Giunta, gesagt, denn er lacht herzlich.
Eine Dame neben mir glaubte übrigens im Dunkel des nächsten Aktes bemerkt zu haben, dah das trennende Säulchen zusehends verschwand, weil sich der Tyrann nach rückwärts mit der schönen Frau unterhielt. Run, warum soll eine kluge Frau nicht diplomatisch sein und eine so seltene Gelegenheit beim Schopfe fassen. Wer in Rom, wer will heute nichts von ihm? Und im Palazzo Venezia ist ja nicht heranzukommen. Und ausgehen tut er sonst auch nicht.
Das oberste Schwarzhemd im weißen Frackhemd klatscht lange und aufmunternd nach dem vorletzten Akt. Da ist militärischer Schneid darin, man hört eine Trommel rühren, sieht absperrende Polizei und die Weite des ewigen Meeres. Aber der letzte Akt mit feinet trostlosen Wüste und dem sinnlosen Sterben darin gefällt ihm gar nicht. Er legt nur im Hinausgehen die Handflächen aufeinander.
Inzwischen hat es sich in Rom herumge- sprochen: der Duce ist ins Theater gegangen! Man kann ihm eine Ovation machen, wenn er heraus kommt.
Das geschieht denn auch. Die Spannung der Ungeladenen, die stundenlang auf das Wiedererscheinen der „Blüte" warten können, macht sich in einem prasselnden Feuerwerk Luft, als sein Wagen abfährt. Es ist 1 Uhr nachts.
Funkpeiler und Fischdampfer.
In dem Bericht des Kapitäns Kramer vom Fischdampfer „Reimer" über seine Erfahrungen beim Heringsfang heißt es: „Wie wurde die Trawl-Hetingsfischerei bisher betrieben? Jeder Kapitän fuhr nach eigenem Gutdünken nach dem für die Jahreszeit in Frage kommenden Fangplatz und fing an, den Hering zu suchen. Hatte er Glück, dann machte er gleich am ersten Tag gute Fänge, wenn nicht, dann konnte er oft tagelang suchen und alle angetroffenen Dampfer ansprechen, ehe er endlich eine ergiebige Stelle gefunden hatte. Das wurde anders, als einige Reedereien dazu übergingen, mehrere Schiffe mit funktelegraphischen Einrichtungen zu versehen. Diese Schiffe meldeten täglich ihren Standort und Tagesfang an die Reedereien, und diese gaben die Rachrichten durch Hochseerundfunk an die übrigen Reedereischiffe weiter. Durch die hiermit erzielten guten Resultate aufmerksam gemacht, rüsteten im vergangenen Jahre auch andere Gesellschaften eines oder mehrere ihrer Schiffe mit funktelegraphischen oder Telephonie-Sendem aus. Jetzt konnten mit Hilfe eines Telegrammschlüssels und einer Quadratkatte der Rordsee alle Schiffe nach den günstigsten Fangplätzen dirigiert werden. Der tägliche Telegrammverlehr kostete aber eine Menge, Geld. Diese Telegrammunkosten lassen sich vermeiden und außerdem können die Schiffe viel schneller an die gewünschte Stelle kommen, wenn alle mit Funkpeiler versehen werden. Dann fünfen zu bestimmten Uhrzeiten die Dampfer ihre Fänge geschlüsselt an alle Reedereischiffe und geben anschließend Peilsignale. Alle Dampfer nehmen ihre Peilung und suchen dasjenige Schiff auf, welches den besten Fang gemacht hat. Auf diese Weise werden nicht nur die Telegramm- gebühren bedeutend herabgesetzt, sondern die Dampfer können unter Umstanden am gleichen Tage noch einige gute Fischzüge machen, waS bei der bisherigen Handhabung nicht mcg'ich toar da die Schiffe erst nachts benachrichtigt werden/
Soweit Kapitän Kramer. Ein Gerät zur Richtungsbestimmung ist für jedes Seeschiff, gleich welcher Art, unentbehrlich und zwar nicht nur zu rein navigatorischen Zwecken. Es wird wohl nur noch kurze Zeit dauern, bis jedem in See gehenden Schiffe ein Funk-Peiler ein ebenso selbstverständliches Ausrüstungsstück fein wird, wie der Kompaß oder ein Rettungsboot, denn solch ein Gerät befähigt den Kapitän, bildlich gesprochen, beliebig weit auch hinter den Horizont zu sehen, bei Rächt und Rebel sogar besonders gut!


