Nr. 282 Drittes Blatt
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhessen)
Mittwoch, 2. Dezember Ml
Bücher unter dem Weihnachtsbaum.
Politik und Geschichte.
— Joh. Gust. Droysen: Geschichte Alexanders des Großen. Herausgegeben von Prof. Helmut Berve. Neudruck der älraus- gäbe. Mit 19 Abbildungen und 2 Karten. Krö- ners Taschenausgabe Db. 87, Alfred Kröner Verlag, 52: pz g. Sn Leinen 4 Mk. (4.4 ) —D oy'cns „Geschichte Alexanders" ist wohl das hin- reißendste unter den Büchern der historischen Weltliteratur. Ein weitblickender junger Gelehrter gerät in umfassenden Quellenstudien über diesen Stoff und formt mit Meisterschaft das ungeheure weltgeschichtliche Drama: Leben und Welt Alexanders, Aufeinanderprall und Versöhnung von West und Ost. Dieses Werk, mit dem sich die Geschichte des Altertums in einem großartigen Wurfe von der klassizistischen Wertung befreit, lebt durchaus nicht nur für die Historiker. Jeder, der in der Welt der Geschichte Erweiterung und Stärkung für den Tag sucht, wird dieses Heldenleben, das Leben eines Mannes, der an seinen Aufgaben zum großen Staatsmanns wächst, wie ein gewaltiges Abenteuer mitleben. Nun ist das Werk in der seltenen, schönen Llrausgabe wieder zugänglich. Professor Verve gab dem Buche eine Einleitung über Droysen und einen Vachbericht über die Alexander-Forschung seit Droysen bei.
— Max Lehmann, Freiherr vom Stein, 4. Aufl. Ausgabe in einem Bande, Preis in Leinen geb. 14 Mark. Verlag Vandenhoek & Ruprecht in Göttingen. (443). — Sm Stein- Gedenkjahre ist die Literatur über den großen deutschen Staatsmann des beginnenden 19. Sahr- Hunderts immens gewachsen, darüber darf aber nicht das immer noch grundlegende Werk Max Lehmanns vergessen werden, das vor den meisten späteren den nicht au unterschätzenden Vorteil der Unbefangenheit und älnabhän^igkeit von politischen Lagesmeinungen hat. Hier wird Stein nicht mißbraucht als Kronzeuge einmal für diese, dann wieder für jene politische Weltanschauung^ es wird nichts in ihn hineingeheimnist, was ihm gänzlich ferngelegen hat, Max Lehmann erzählt vielmehr von Persönlichkeit und Werk des großen Deutschen, wie es wirklich gewesen ist ohne die meist krampfhaften Parallelen und o't schiefen Beziehungen zur Gegenwart. Das macht den zeitlich unbegrenzten Wert dieses Buches aus und hebt es aus der Mehrzahl der Gelegenheitsliteratur des Subiläums'ahres heraus Lehmann gibt dankenswerterweise eine eingehende Darstellung der Verwaltung Preußens um die Sahrhunderlwende, die der sehr voneinander abweichenden historischen Entwicklung und den sehr difierenzierten, politischen, sozialen und Wirtschaft.ichen Verhältnissen entsprechend außero.denlliche Verschie enhnten zwischen den einzelnen Landesteilen aufwies. Erst hieraus erh llt ganz d'e Grö':e des SteinschenReformwerks, das ja in seinen wenn auch noch lokal begrenzten Anfängen weit zurückreicht in die Sahre seiner Tätigkeit als Oberbergrat, Kammerdirektor und Oberpräsident in den westlichen Provinzen, ließet der eingehenden Schilderung der großen inneren Deformen, mit denen wir uns heute, wo uns der Zwang zu ähnlich radikalen Reformen auf den Rädeln brcnnP nicht gründlich genug befassen können, kommt auch die Darstellung und Würdigung der Steinschen Befreiungspolitik — Stein als großer Gegenspieler Vapolcons — keineswegs zu kurz. Eins greift ins andere Über, die Reformen sollen Preußen fähig machen, den Kampf gegen Vapoleon auszunchmen, ohne wieder wie 1806 07 an den Folgen greisenhafter Verkalkung auseinanderzubrechen. So ist das Bach Lehmanns auch für den interessierten Laien eine fesselnde Lektüre.
Biographisches.
— RainerMariaRilke: Briefe und Tagebücher aus der Früh zeit. 1899 bis 1902. Herausgegeben von Ruth Sieber-Rilke und Carl Sieber. 431 Seiten 8°. Leinen 7.50, Halbleder 10 Mark. Snsel-Verlag zu Leizig, 1931. (451.) — Die überaus dankenswerten Bemühungen des Snsel-Verlages um den literarischen Vachlaß des geliebten und zu früh verstorbenen Dichters haben bereits die Herausgabe der Driesbände aus den Sahren 1902 bis 1906 und von 1906 bis 1907 gezeitigt. Die von den gleichen Herausgebern in diesen Publikationen angedeutete Linie wird mit dem vorliegenden Bande wiederum nach ihren Anfängen hin verlängert und das persönliche und private Bild des Dichters abermals aus der Spiegelung seiner intimen Lebensäußcrungen seiner Frühzeit erweitert und menschlich wie künstlerisch gleicherweise bedeutsam abgerundet. Das zentrale Erlebnis des jungen Dichters in den durch diese "Niederschriften umrissenen Entwicklungsjahren ist die mit elementarer Gewalt auf ihn eindringende Begegnung mit Rußland. Das Glück eines jungen Hausstandes leuchtet aus diesen Briefen: und das drohende Gespenst der Rot wird sichtbar hinter den erschütternden Klagen, mit denen er sich den Freunden anvertraut. Sn den Tagebüchern spiegelt sich das stille Leben und Schaffen Rilkes in der Schmargendorser und Worpsweder Einsamkeit. Die Anmerkungen und das Vachwort mit den Quellennachweisen erhöhen Genuß und Verständnis bei der Lektüre dieses neuen Bandes: er fügt sich auch in der äußeren Ausstattung dem noblen Rahmen ein, den der Snsel-Verlag fü. die schöne Gesamtausgabe gewählt hat.
— AxelMunthe: DasBuch vonSan Michele. Verlag von Paul List, Leipzig. Preis geb. 9,50 Mark. (489). Der Verfasser, Leibarzt der Königin von Schweden, ist weit über den Kreis seiner Berufsgenossen hinaus als wunderlicher Mensch bekannt geworden, als ein Mann besonderer Klugheit und Güte. Das weite Leben, das der 70jährige, fast blinde Arzt und Dichter rückschauend in seiner Einsamkeit von San Michele auf Capri vor uns aufbaut, spannt sich von Paris und London bis nach Schweden in die endlosen Tundren Lapplands, umschließt das Ewige Rom, erfaßt die Cholera in Veapel und das furchtbare Erdbeben von Messina. Unzählige seltsame Menschenschicksale berühren seinen Weg, aber über allen steht ihm die Liebe zur Kreatur, zu den Tieren, deren Sprache er versteht, zu Gewächsen und Steinen dieser Erde, die ihn mit immer neuen Kräften erfüllt.
— Hans Rosenkranz: Graf Zeppelin. Die Geschichte eines abenteuerlichen Levens. Verlag Ullstein, Berlin. Preis Ganzleinen 5 Mark. — (519) — Der Mensch und nicht oas Werk, das Schicksal und nicht die Leistung, die „Geschichte eines abenteuerlichen Lebens" und nicht die technische Entwicklung des Luftschiffs füllen die Blätter dieser Zeppelinbiographie. — Wie Zeppelin am Bodensee in Reichtum und Sorglosigkeit aufwächst, wie er als 25jähriger sein erstes großes Abenteuer auf einer Entdeckungsfahrt nach den Quellen des Mississippi besteht, wie er im Krieg von 1870 durch ein tolles Reiterstückchen seinen ersten Ruhm erringt, wie er nach schneller, militärischer Karriere, knapp 50 Jahre alt, verabschiedet wird und aus dieser Enttäuschung zu seinem neuen Werk flieht, sein leer gewordenes Leben mit einer selbst gestellten Aufgabe erfüllt und bis zum letzten Atemzug um ihre Durchsetzung kämpft, das wird in dieser ersten großen Zepvelin- biographie erzählt. In unseren Tagen, in denen
Ozeanüberquerungen durch Luftschiffe fast zur Alltäglichkeit geworden sind, erinnert dieses Buch daran, daß knapp ein Menschenalter verstrichen ist, seitdem der erste Zeppelin sich in die Luft erhob, von manchen bestaunt, von vielen verspottet, von keinem aber in seiner umwälzenden Bedeutung erkannt. Die Geschichte dieses großen Ringens um eine Idee, das Uebermaß von Glück und Unglück, von Hoffen und Enttäuschung, das Zeppelin beschieden war, gewinnt in dem Buche ergreifende Gestalt. Die Bekehrung Eckeners vom schärfsten Gegner zum gläubigen Apostel, zum Paulus der Luftschiffahrt, der Verlust seines Vermögens, die „Stunde von Echterdingen", das find nur einige Stationen auf dem Wege seines abenteuerlichen Lebens, das Rosenkranz so geschildert hat, daß der technisch interessierte, der psychologisch neugierige, der literarisch eingestellte Leser, daß Alte und Junge die Geschichte vom Grafen Zeppelin mit gleicher Anteilnahme lesen werden.
Neue Gchaubücher.
— Dr. Erich Salomon: Berühmte Zeitgenossen in unbewachten Augenblicken. 112 große Photos mit oiersprachigen Bilderläuterungen und einer längeren Einleitung. Seinen 14 RM. I. Engelhorns Rachf., Stuttgart. — In dieser Zeit der ununterbrochenen Konferenzen und diplomatischen Zusammenkünfte muß es jeden interessieren, wie die Menschen aussehen, die der Welt Geschicke in den Händen haben, und deren Namen in aller Munde sind. Salomon, ein bekannter Pressephotograph, hat nun alle diese berühmten Persönlichkeiten im Bild fcstgehalten und zeigt sie in unbewachten Augenblicken, nicht etwa in gestellten Gruppenaufnahmen, sondern lebendig, in der Bewegung, unbeobachtet, zeigt sie in ihren Sitzungen, Tagungen und Konferenzen. Der Diplomatie folgen Persönlichkeiten aus der Finanz, Wirtschaft und Industrie, der Presse, Justiz, Kunst und Wissenschaft. Die ausführlichen Bilderläuterungen sowie die interessante Einleitung des Verfassers ergänzen das Ganze zu einem Bilddokument von höchstem Interesse.
— Erich Rehlaff: Die von der Scholle. 53 photographische Di dnisse bodenständiger Menschen. Mit einem Geleitwort von H. Friedr. Blunck. (Deutsche Menschen. 1. Forg?.) Göttingen. Verlag der Deuerlichschcn Buchhandlung. Kart. 3 80 Mar'. (482). — Ein junger Meister der Lichtbildkunst hat uns hier einen Bildband geschenkt, der aus dem Rahmen der land'äusi-en photographischen Düdwic ergaben he.'aus.agt. Monatelang ist er durch die Lande gezogen, um das deutsche Landvo'k zu studieren. Die'"r Di'd- band zeigt uns eine Auswahl des Schönsten, was er da geschaut: Friesische Fischer, herrli he kantige Charakterköpfe, Dauern aus der Marsch und der Lüneburger Heide, aus Mittel und Süddeutschland, ländliche Gewerbetreibende — wer würde nicht ergriffen anhalten, bei den Dildern jenes 84jährigen Mül ers aus le S 'walm einem se t?n schönen Patriarchenlopf — und dazwischen F auen und Kinder, voll lachender Lebenslust und andere voll stiller Besinnlichkeit. Ein Querschnitt durch unsere deutsche Landbevölkerung, von Künstler- Hand gezogen. Bei al er fortgeschrittensten photographischen Technik wo nt den Di'dern eine schlichte Echtheit inne. Mit einem oft genialen künstlerischen Blick weiß Retzlaff die Menschen
so auf die Platte zu bannen, daß gerade das Wesentliche, das menschlich Echte in ganz unnachahmlicher Weise festgehalten wird.
— E. Rehlaff: Menschen am Werk. 56 photographische Bildnisse aus dänischen Sn* dustriestädten. Mit einem Geleitwort von H:inr. Lersch. (Deutsche Men chen, 2. Fo'ge.) Göttingen. Verlag der Deucr ichschen Buchhandlung. Kart. 3,83 Mark. (483.) Die bei dem Bauernband „Die von der Scholle" herausgehobene künstlerische Besonderheit und starke Lebensechtheit b:steht ebenso bei diesem anderen Bildband Erich Retzlaffs. Ging es ihm dort besonders darum, den bodenständigen Menschen, wie er durch die natürlichen Lebensbedingungen der Landschaft, des Bodens und der Familie geformt wurde, zu zeigen, so führt er uns in diesem Band in die Sndustriestädte des Westens, in denen Menschen aller deutschen Stämme zusammengeströmt sind, und zeigt uns den Arbeiter wie er ist: vom standesbewußten, meist noch mehr bürgerlichen Facharbeiter bis zum hoffnungslosen ungelernten Sndustriearbciter. Außerordentlich verschiedenartig? Me schen- und Derufstypen, die meist unmittelbar bei der Arbeit photographiert sind, ziehen da in Bildern an uns vorüber, ein Stück Lebensgeschichte und eine ungeschmi: k e Ch?ra'terschilde:u g.
— Hedda Walther: Mein Hundebuch. Verlag Dietrich Reimer AG- in Berlin SW 48. Preis 5 Mk. (405.) — Hedda Walther hat längst einen wohlbegründeten Ruf a^s Meisterin der photographischen Bi'dn'sstudie. Shre z. T. in Zusammenarbeit mit Paul Eipper he.aus^ebrach- ten Bücher „Tiere schen dich an", „Zirkus", „Freundschaft mit Katzen", „Menschenkinder", „Mutter und Kind", „Tierkinder" gehören zu dem Schönsten, was wir in dieser Art Schaubücher besitzen, sie haben der Kunst der Kamera neue Wege gewiesen, aber auch dem Tierfreund einen Quell immer neuer Eindrücke erschlossen. Das neue Buch schließt sich seinen Vorgängern würdig an. Vamentcich die Hundekinderstube hat Hedda Walther reizvolle Vorwürfe vermittelt. Die Sn- dividualität des Hundes, die ausgeprägte Eigenart der Rassen werden auf jeder Seite dieses schönen Buches, zu dem Manfred Georg ein verständnisvolles Vorwort geschrieben hat, dem Beschauer eindringlich bewußt.
Deutsche Erzähler.
— Wilhelm von Scholz: Unrecht der Liebe. Roman. 250 Seiten 8°. Geb. 6.80 Mark. Horen-Verlag, Leipzig, (390.) — Der Roman ist eine neue Bestätigung dessen, was seine Vorläufer, „Der Weg nach Jlok" und, ganz überwältigend, vor allem die „Perpetua" erroiefen haben: daß uns in Wilhelm von Scholz die Inkarnation schöpferischer Kräfte in einer so absoluten und im höchsten Sinne dichterischen Form gegenübersteht wie sie heute in Deutschland fast ohne Beispiel ist. Es hat leider den Anschein, als ob diese Erkenntnis nicht gerade Allgemeingut geworden sei: deshalb muß mit besonderem Nachdruck auf Scholzens episches Werk hingewiesen werden, und der hier angezeigte Roman ist vielleicht, aus stofflichen Gründen, besser als die früheren geeignet, den Zugang zum Weltbild, zu Form und Eigenart dieses Dichters zu erschließen. „Unrecht der Siebe" —: in den drei Worten des Titels sind schon die beiden tragenden Grundmotive der Fabel angebeutet; wir haben hier, rein stofflich gesehen, die ideale Verbindung von Siebesroman und Kriminalroman, dergestalt freilich, daß die Handlung aus den Bezirken der reinen Unterhaltungslektüre zugleich ins Dichterische erhöht und ins Menschliche vertieft wird; um die Atmosphäre der im Frankreich des späten 18. Jahrhunderts spielenden Handlung anzudeuten, mag man an E. T. A. Hoffmann und an Balzac denken, — ohne dadurch freilich mehr als einen stofflichen und stilistischen Anklang zu erhalten. Es wäre wenig damit gesagt, wenn man in ganz groben Umriffen die Fabel skizzierte: wie die junge Frau des Richters Tardivy von ihrem Geliebten entführt wird, als Mann verkleidet auf dem Schloß.eines Edelmanns sich verbirgt, verfolgt und auf der Flucht mit ihrem Geliebten von Tardivy gestellt und erstochen wird, — während der Richter, kurz vor einer neuen Verheiratung, von der unauslöschlichen Erinnerung an seine Tat in einen jähen Tod getrieben wird. Damit wäre wenig gesagt; man könnte höchstens die unerhörte Spannung daran ermessen, mit welcher der Leser der erregenden und verwirrenden Kette von Ereignissen zu folgen gezwungen wird. Aber beispielsweise nichts davon: wie diese Spannung ganz nach innen getrieben, das Kriminelle ins Psychische und Uebersinnliche aufgelöst wird. Von jeher war es die Stärke in Scholzens künstlerischer Gestaltung: die feinsten und geheimsten Seelenkräfte aufzuspüren und hellsichtig zu deuten. Vollendete Form der epischen Komposition, die sich im verschränkten Aufbau der vielfach verspannten und verästelten Handlung verrät; meisterliche' Gegenüberstellung und Ueberschneidung der seelischen und der sinnlichen Siebeskräfte, welche die wichtigsten Gestalten wechselweise miteinander verbinden; und nur eine ganz reife Kunst konnte die großartige
Szene im Mittelpunkt des ganzen Romans gestalten: in der Tardivy die Frau ersticht und der Sterbenden mit einem Kuß die Sippen schließt. — Möchte das Buch dazu beitragen, dem Dichter Wilhelm von Scholz die Geltung in Deutschland zu verschaffen, welche die klassische Haltung und dichterische Reinheit seines Werkes längst für sich in Anspruch nehmen darf. —y—
— Erich Kästner: Fabian. Die Geschichte eines Moralisten. 332 Seiten 8°. Brosch. 4,50 Mk., Seinen 5,75 Mark. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart und Berlin. (400.) — Es ist nicht ganz leicht, diesem Buch gerecht zu werden; vielleicht gelingt es am ehesten, wenn man von Kästners Gedichten aus- geht, die u. E. weithin mißverstanden oder jedenfalls überschätzt worden sind insofern, als nur die wenigsten von ihnen mit Syrik im echten und reinen Sinne etwas zu tun haben. Aber sie haben erwiesen, daß Kästner eine der glänzendsten Formbegabungen in der neuen Schriftstellergeneration repräsentiert; bas ist auch in biefem, seinem ersten Roman zu spüren, besten Kapitelüberschriften oft wie aus ben Ge- bichtbänben herübergenommen scheinen. Das Buch ist mit einer Intensität unb einem inneren Tempo geschrieben, baß man es in einem Zug ausliest. Man spürt auch, was man in ben Gerichten nur ganz selten unb meistens sehr verschleiert ober ver- beckt zu spüren bekommt (viel häufiger in ben wenig bekannt geworbenen kleinen Prosastücken) —: baß sich hinter aller Ironie, aller Kühle, aller Kritik doch bas warme Herz eines bichterischen Menschen verbirgt. Hier im Roman empfinbet man bas am schönsten unb reinsten in ben Szenen der beiden Freunde und vor allem in den Begegnungen und Gesprächen von Mutter und Sohn; dafür muß man manches in Kauf nehmen, was diese Geschichte eines Moralisten nicht gerade als Geschenk für junge Damen empfehlenswert macht; unb es scheint uns, als ob Kästner in ber Ausmalung ber zweifelhaften Abenteuer feines Helden des Guten ein bißchen zuviel getan hätte. Immerhin: dieses Buch entstand aus ben Nöten unb Sorgen unserer wenig rosigen Gegenwart; es hat ihr Tempo, ihr Gesicht, ihre Atmosphäre in einem oft oerblüffenben unb er- schreckenben Grabe in sich eingefangen. Unb es ist im Grunbe ein sehr pessimistisches Bekenntnis. Der Helb, Fabian, im Wirvel ber großen Stabt Berlin, ist Moralist aus Seibenschaft, er hofft auf ben Sieg ber Anständigkeit; aber er wirb ein Opfer seiner Zeit ber er nicht gewachsen ist: ein wertvoller, boch im Wesenskern weicher unb schwacher Mensch. Sein Enbe ist bezeichnen!) für ihn: er springt ins Wasser, um ein Kinb zu retten, obgleich er nicht schwimmen kann, unb ertrinkt. Doch bleibt dem Seser die Hoffnung und der stille Wunsch, daß die menschliche Gesinnung und die echte Humanität nicht mit dem ver
zweifelten Zeitgenossen untergegangen sind, daß andere an seiner Stelle bewähren unb durchsetzen werben, wozu ihm bie Kraft unb bie seelische Robustheit fehlten. —y—
— Menschen auf ber Straße. Zweiundvierzig Variationen über ein einfaches Thema. Eine Anthologie moderner Dichter und Essayisten mit 32 Bildern erster Sichtbildkünstler. Kart. 5,50 Mk., Seinen 7 Mark. I. Engclhorns Nachf. Stuttgart 1931. (449.) — Dieses Buch entsprang einer ausgezeichneten Idee; es stellt die verschiedenartigsten. Beiträge unter ein gemeinsames Generalthema, das nicht nur den literarisch interessierten Seser, sondern jeden modernen Menschen fesseln muß, weil es unmittelbar in bie Welt unseres täglichen Sehens hineingreift unb ben Rhythmus unb Pulsschlag unserer Zeit ba aufspürt unb cinfängt, wo er sich am sinnfälligsten offenbart: auf ber Straße. Unb wie bas Thema so finb auch ber Schauplatz unb seine hanbelnben Personen ohne alle begriffliche Enge großzügig unb vielfältig behanbelt worden: weder die weltstädtischen Zentren brausenden Verkehrs noch die Einsamkeit endloser Landstraßen, weder die verträumte Kleinstadtgasse noch der Hinterhof im Elendsguartier sind vergessen worden. Und in allen Figuren dieses lebendigen Films spiegelt sich bie bunte Vielgestaltigkeit ber uns umgebenben Welt: Männer unb Frauen, Kinber unb Greise, Tippelbrüber unb Siebespaare, Reporter unb Stratzenhänbler, Spaziergänger unb Wandervögel bilben bas Publikum. Ihre Geschichte ist bald traurig, halb heiter, halb ibyllisch, bald romantisch, bald rührend unb halb grotesk. Unter ben Dichtern, bie sich zu ber Anthologie zusammengetan haben, finden sich die besten Namen; wir nennen hier nur: Dinding, Geck, Hesse, Frank, Polgar, Hausmann, Kästner, Alverdes, Schnack, Rolland, Blunck, Thieß, Ed- jchmid und Robert Neumann. Von ben Photographen die das Thema mit charakteristischen Augen- blicks'bildern sehr lebendig illustrieren: Dr. Wolff, Seidenstücker, Moholy-Nagy, Biermann, Ebel unb Dr. Weller. — Wir empfehlen dieses im besten Sinne moderne, im besten Sinne romantische Buch sehr: auch als ein originelles unb gebiegenes Weihnachtsgeschenk. —y—
Kinderbücher undMendschristen
— Ahel. AusdemLeben einerchinesischen Vachtigall. Beobachtet und darge- stellt von G. St. Hagemann. (Verlag für Volkskunst und Volksbildung, Richard Keutel, Lahr in Baden.) Mit 14 farbigen Bildern. Preis 2,50 Mark. (434.) 3n diesem entzückenden Bilderbuch erzählt Hagemann von den Schicksalen eines kleinen Vogels, der als asiatischer Fremdling in eine fest gefügte und geschlossene europäische Welt verseht wird. Cs wird ihm nicht leicht gemacht, hier einen Platz an der Sonne zu finden. Aber dank seinem glücklichen, bescheidenen und doch lebenstüchtigen Vaturell gelingt ihm der ersehnte Anschluß, der ihn aus der bitteren Vereinzelung in die Gesellschaft einordnet. Zu den kurzen andeutenden und leicht beschwingten Versen, die hiervon berichten, tritt als wahrhaft köstliches Clement das farbige Bild, das die Künstlerin mit so viel Anmut als Laune unb Mitgefühl für Scherz unb Schmerz dieses gefiederten, singenden, hungrigen, licbebedürftigen, biedern und genügsamen Individuums gemalt und hier zusammengestellt hat.
— Die A r ch e V o a h. Ein Zugendjahrbuch. 184 Seiten mit 330 schwarzen und farbigen Abbildungen. Verlag Velhagen & Klasing, Bielefeld und Leipzig. Preis 3,50 Mark. (458.) — Dies Buch erweckt schon beim ersten Durchblättern den Eindruck: mannigfaltig, farbig, unterhaltend und lustig. Damit sind die Grundbedingungen für ein gutes Jugendbuch für Kinder zwischen 7 und 14 Zähren gegeben. Sieht man dann näher zu, so entdeckt man, daß diese Arche Voah Schätze geladen hat: gute Erzählungen, sehr viel Belehrendes, ohne dabei langweilig zu dozieren: Anregungen für Basteleien, Spiele, Handwerkliches, Blicke in Tier- und Pflanzenwelt ufro.; dazwischen ist immer wieder guter Humor eingestreut, so daß das Kind sich nach der spielend beigebrachten Erweiterung seines Gesichtskreises sofort wieder lachend erholen kann. Zn Summa: ein gescheit und geschickt gemachtes Kinderbuch in Form von fortlaufenden Heften.
— Die kunterbunte Spielfi ft e. Gepackt und zusammengenagelt von Erich Georgi und Hilde P eifer. 160 Seiten. Mit HO z. T. farbigen Dildern im Text von Ernst Kuher. Halbl. mit färb. Schutzumschlag 4 Mk.; Levy & Müller, Stuttgart. (426.) — Diese Spielkiste birgt einen unerschöpflichen Reichtum an bekannten und unbekannten Kinderspielen, Rätseln, Scherzen, kleinen Kunststücken und Unterhaltungsmögtichkeiten aller Art. Sie ist ein wahrer Schatz für Kinder- gesellschaften, für Regentage und lange Abende.
— A. Auswald - Heller: Vater Knopp und feine 40 Zungen. Abenteuer und Streiche im Ferienheim. 215 Seiten. Mit farbigem Titelbild von Fritz Eichenberg und 50 Bildern im Text. Ganzleinen mit farbigem Schutzumschlag 4,50 Mk.; Levy & Müller, Stutts gart. (427.) — Eine gesunde, pausbäckige Geschichte, bei der einem das Herz im Leibe lacht. Vierzig Zungen voll Temperament unb Lebenslust verbringen ihre Schulferien in einem alten Schloß, das zu einem Knabenferienheim eingerichtet wird. Unter Leitung verstänbnisvoller Führer, die ben Zungen mehr erfahrene Freunbe fein wollen, entwickelt sich in den alten Räumen des Schlosses unb bem herrlichen Park ein ungebundenes Treiben, bei dem viel Sport unb Spiel getrieben unb allerhand Schabernack ausgeheckt wird. Eine besondere Rolle spielt ber humorvolle Hausvater Knopp, der väterlich auf das leibliche Wohl seiner Schutzbefohlenen bedacht ist. Aber trotz aller Freiheit unb Selbstänbigkeit, zu ber diese Zungen bewußt erzogen werden, klingt boch Vnmerklich unb treffsicher bie Mahnung des seinen Pädagogen durch: Seid stark! Bleibt treu! Werbet Hüter ber Kultur!
— Tony Schumacher: Ein Schwarz- w a l b k i n b. Erzählung für bie Zugenb. 208 S. 8°. Mit einem Titelbild von Ernst Kutzer. Ganz!, mit färb. Deckenbild und färb. Schutzumschlag 4,50 Mark: Levy & Müller, Stuttgart. (428.) — „O Schwarzwald, o Heimat, wie bist du so schön!" Die Melodie dieses bekannten Heimatliedes klingt, auf einer Geige gespielt, von ber Schwarzwaldhöhe in- Tal hinab. Die es spielt, ist ein kleines Mäd-


