Nr. 102 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Samstag, 2. Mai 1951
Wandern und Reisen • Bäder und Sommerfrischen.
Wohin im Sommer?
Letzt beginnt das pläneschmieden Don rklois Lllreich.
(Nachdruck verboten.)
Das LIrlaubsjahr hält sich nicht an das Gängelband des bürgerlichen Kalenderjahres. Cs geht seine eigenen Wege. Gleich der Umstand, daß es in zwei völlig verschiedene Jahreshälften zerfällt, unterscheidet es von der Einheit des bürgerlichen Kalenderjahres. Zwischen diesen beiden Jahreshälften befindet sich der Mittelpunkt des Jahres — der Urlaub. Die Zeit vorher ist der Auftakt zum Urlaubsjahr, die Zeit nachher der Nusklang. In der Zeit des Auftaktes bereitet sich der Mensch aus den Urlaub vor, in der Zeit nachher genießt man ihn nochmals in der Erinnerung. Für den Jahreswechsel ist kein bestimmter Tag festgelegt wie im bürgerlichen Kalender. An irgendeinem schönen Frühjahrstage wird der Mensch von einer plötzlichen Sehnsucht nach Derg- und Tal. nach Wald und Wiese ergriffen. Er möchte am liebsten Tintenfaß oder Zeichenstist, Schreibtisch oder Derkaufspult im Stich lassen und in die Welt hinausfahren, wo es schöner und angenehmer ist als in den Bureaus und Geschäften. Dieser sehnsuchtersüllte Frühlingstag ist der Neujahrstag des Urlaubsjahres. Der Berufsmensch erinnert sich an diesem Tage daran, daß es ja in absehbarer Zeit in seinem Leben etliche Wochen geben wird, an denen er hingehen kann, wohin es ihn zieht.
Um diese glückliche Zeit möglichst gut auszu- nützen, beginnen viele bereits jetzt Pläne unb Entwürfe zu machen. Zuerst erwägt man ganz allgemein, wohin man Heuer im Sommer wohl gehen könnte. Man läßt die verschiedenen Gegenden und Landschaften an seinem geistigen Auge vorüberziehen. Die Welt ist groß und der Ziele gibt es gar viele. Landkarten werden hervorgeholt, Neiseführer angeschafft, Zeitschriften zu Nate gezogen. Man liest, entwirft, plant und projektiert lustig darauf los. Allmählich kristallisieren sich aus diesem Tun und Treiben bestimmte Entschlüsse heraus, man faßt bestimmte Ziele ins Auge unb legt sich auf diese oder jene Landschaft fest. Die Entscheidung fällt in allgemeiner Hinsicht. Wenn es so weit ist, beginnt man dann, sich um die Einzelheiten zu kümmern. Man holt Prospekte und Einzelheiten ein, stellt Routen zusammen und teilt Partien ein.
Das Reisepläneschmieden ist für jeden, der damit umzugehen weiß, ein köstliches Vergnügen. Ich weih nicht, ob es nicht in mancher Hinsicht schöner und angenehmer als die Reise selbst ist. man zieht in Gedanken, im Geiste in die Ferne. Schon daß man dabei vom Wetter ganz unabhängig ist, scheint mir viel wert. Man disponiert aus dem Dollen, als ob es keine Regentage gäbe. Dann fällt beim Reisepläneschmieden auch alles weg, was die Bewegung von Ort zu Ort, von Gegend zu Gegend erschwert und belastet. Man genießt ohne Mühsal und körperliche Anstrengung die verschiedenen Landschaften und ihre Merkwürdigkeiten. Die Mängel der fehlenden Ausdauer und Unzulänglichkeit fallen weg. Man braucht nicht zu schwitzen und zu keuchen. Es gibt keine Eile und keine Hast. Man braucht nicht hinter Zuganschlüssen herzu sein ünd hat nicht notwendig, sich um Schlasstellen zu kümmern. Gemütlich sitzt man zu Hause und liest im Reisehandbuch. Dabei ersteigt man mühelos allerlei Berge, überschreitet Pässe und Joche, rudert über Seen und läßt sich im Auto die schönsten Gebirgsstraßen hinauf und hinunter fuhrwerken und braucht dabei nicht den kleinen Finger zu rühren.
Aber das Reisepläneschmieden hat auch seine praktischen Seiten. Durch das Studieren, Auswählen und Prüfen wird man mit vielen Gegenden bekannt. Man lernt allerlei von deren Schönheiten und Borzügen kennen und wird auf vieles aufmerksam, was man bisher nicht gewußt hat. Man erweitert seinen geographischen Gesichtskreis. Es ist auch selbstverständlich, dah ein Mensch eine Stadt, eine Landschaft, eine Oert- lichkeit ganz. anders sehen und genießen wird, wenn er sich auf deren Besuch vorbereitet hat. als wenn er schnurstracks dahin fährt und, ohne Näheres von der Stadt oder der Landschaft zu wissen, darin herumsteigt. Er ist dann ganz aus den Zufall angewiesen, dah er auch das Richtige und Wichtige zu sehen bekommt, auf das es beim Besuch dieser Gegend oder Stadt ankommt.
Wer sich auf eine Reise genau vorbereitet, wird eine ganz andere Dispositionsfreiheithaben als der, der blind loszieht. Er wird die Einzelheiten, die Details einer Gegend, ihr Wegenetz,
ihre Zugänge usw. genau kennen und daher in der Lage sein, wenn dann klimatische oder Wetter- rücksichten es notwendig machen, rasch umdisponieren zu können. Das Wetter usw. wird ihn nicht sobald festlegen. Er kann seinen Plan, sein Dorhaben rasch abändern und eine andere Partie, einen weniger bedenklichen Aufstieg oder Abstieg usw. wählen und daher vor Gefahren und einem Risiko besser geschützt sein, als wer mit einer Gegend nicht vertrau: ist und sich nicht zu Helsen weih, wenn er irgendwo eingeregnet ist.
Das Reisepläneschmieden ist derart nicht nur ein angenehmes Dorspiel für den Urlaub, das die Zeit bis zu den Tagen der Vakanz vorteilhaft ausfüllt und eine beglückende Stimmung im Gemüt des pflichtgebundenen Stadtmcnschen erzeugt, sondern es hat auch seine praktischen Seiten. Das stille Vorgeniehen der zu erwartenden Schönheiten und Freuden allein schon macht das Reisepläneschmieden zu einem fördernswerten und beglückenden Unternehmen.
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Das Franz.Jnnerhofer-Denkmal in Innsbruck, das kürzlich zum Gedächtnis dieses Südtiroler Helden eingeweiht wurde, der vor zehn Jahren von den italienischen Faschisten in Bozen erschossen wurde.
Oer schöne Odenwald.
3m Iieich des ersten Frühlings.
Von 3- Sltting-TÄefner.
Nirgends wie in deutschen Waldgebirgen treiben Sage und Märchen in hundertfach wechselnder Gestalt ihr Spiel. Im rauhen Geschröff der schlesischen Gebirgswelt haust der ungebärdige Geist Rübezahl. In geheimnisvollen Höhlentiefen des Harzes wimmelt es von GnomenvolL- Verblassende Räuberromantik weht noch heut um die eichendunklen Jagdgründe des Spessart — und wem tauchte nicht beim Klang des Wortes „Odenwald" eine ganze Kette farbenglühender Bilder auf: aus dem Nibelungenlied und der Sieg- friedssage?
Dieses anmutig grüne Reich des Odenwaldes, der den blühenden Garten Deutschlands, die Berg- strahe, säumt, hat die deutsche Heldensage vom lichten Siegfried und dem finsteren Hagen geboren. Schwarze Keile von Tannenwald stohen scharf hinein in den von Sonne überspielten Hellen' Buchenwald — die Natur hat hier der menschlichen Phantasie den Stoff von Siegfrieds tragischem Tod geliefert. An einer einzigen, vom lauten Vertehrsstrom kaum berührten Stelle findet man in der Idylle des Waldes das zyklopische Granitmeer des Felsberges.
Wo liegt der Felsberg des Odenwaldes? Aus dem alten Römerstädtchen Bensheim an der Bergstraße zieht ein schmales, üppig umgrüntes Tütchen bergwärts, das Schönbergertal, eins der lieblichsten im Walde. Dors reiht sich an Dors, Garten an Garten. Der Helle Aalbach, die Lauter. plätchsert im blumenbunten ®n*nt>: rechts und links winken Buchenwälder mit lichtgrünen Fahnen. Schloß Schönberg reckt hohe Staffelgiebel und einen mittelalterlichen Rundturm stattlich empor: es ist eine kleine, eng umfriedete, entzückende Welt. Beim Dorfe Reichenbach, das auch die Kraftpost von Bensheim aus in einer guten
halben Stunde erreicht, schwenkt der Weg von der Talstraße querfeldein und hebt sich langsam dem waldigen Rücken des Felsberges entgegen, der die Schönberger Talschaft vom Balkhäuser- und Stettbacher Tal, der Umgebung Jugenheims, trennt. Schon am Feldfaum grüßt uns der „klingende Berg" mit Hämmern und Pochen, Rufen und Schnarren: die Industrie von heute ist fleißig am Werk und bearbeitet in 13 Steinbrüchen das kostbare Granitmaterial des Berges. Dies ist sozusagen der moderne Auftakt zum Wunder dieser buchengrünen Waldhöhe, zum „Felsen m e e r ", unterhalb des Gipfels.
Wer in den Alpen wanderte, kennt die Moränen, breite Geröllströme, die von den Bergen niederbrechen. Hier schuf die Natur ganz anderes, 'um eine ähnliche Wirkung zu erzielen. Ein ungeheurer, zusammenhängender Panzer von sog. Hornblende-Granit deckte vor Jahrtausenden die Süd- und Ostflanken des Berges und wurde ganz allmählich durch die Zerstörungskräfte von Wasser, Luft und Pflanze zermürbt, durch Fortschwemmen sandiger Massen freigelegt, zur heutigen, oft grotesken Form geschliffen. So bäumen sich uns chaotisch getürmte, einzeln ragende oder phantastisch zusammenhvckende Granitblöcke entgegen — ein Spielplatz der Giganten — wie die Volksphantasie dichtet. „Trümmerstätte einer urzeitlichen Fabelstadt" — auf alle Fälle aber der heitzum- strittene Tummelplatz vieler Gelehrten, vom römischen Chronisten bis zum modernen Historiker. Wobei man die Beobachtung macht, dah es der antike Forscher erheblich leichter hatte als den moderne, denn jener hatte nur die geologische Merkwürdigkeit des Felsberges staunender Mitwelt zu demonstrieren, während allen späteren die Aufgabe wurde, die hier in Waldeinsamkeit
ruhenden Denkmale antiker Steintechnik neu zu entdecken und zu durchforschen.
Vieles Vollendete ist zweifellos fortgeschafft, vieles von unwissenden Händen in späterer Zeit zerstört worden: immerhin findet man heut noch weit über hundert in alten moglia/cn Abstufungen und hoch entwickelter Technik bearbeitete Stücke, die nunmehr unter Denkmalsschutz stehen und durch Nummernbezeichnung leicht auffindbar sind. Cs ist nicht nur für den Fachmann von Interesse, sich an den besonders gut bearbeiteten Blöcken über die kunstvolle Steintcchnik der Römer zu unterrichten. Im Brunnenhäuschcn am Felsenmeer ruht der „Clou" dieses natürlichen Muleums >ie prachtvolle „Riefcnsäule", ein Monstrum von 9,39 Meter Länge und 4,12 Meter Umfang, um uic sich bereits ein Kranz von Sagen schlingt. In früher Zeit heidnisches Grcnznial, später in einer (jetzt nicht sichtbaren, da am Boden aufliegenden) Rische den hl. Bonifaz schützend und so eine altchristliche Kultstätte des Berges bezeichnend, ist sie heute Schaustück für Felsbergwanderer, ebenso wie der kolossale „A l t a r st e i n" , das „Kriegsschiff", der „Riesensarg" und andere unvollendete Arbeiten antiker Steinmetzen, die sicher nicht ahnten, dah ihr mühseliges Werk einstmals Kuriosum werden würde.
Alt und doch kinderiung an diesen Felsvete- ranen gemessen, rauschen über den toten Stein- gefilden die Buchen des Ouenwatoes in lebensvoller Schönheit und Kraft. Froh des eigenen, frischen Wanderdaseins, steigt man völlig zu Berg und gönnt den vom antiken Gebuckel dieses absonderlichen Hessenwinkels etwas strapazierten Kraxelbeinen ausgiebige Rast aus dem sonnenheiteren Gipfel (515 Meter), der in alle vier Winde schaut. Bis man schließlich auf sanften Pfaden in die reizenden Gründe des Balkhäuser- tales absteigt und bald von Jugenheims duftenden Gärten empfangen wird.
Reisewinke.
Bad Setters (Oberhessen)
Selters, das jüngste Bad der an Naturschönhelten reichen Provinz Oberhessen, erfreute sich auch im vergangenen Jahre einer weiter steigenden Frequenz. Inmitten eines Wiesentals gelegen, umgeben von ausgedehnten, gepflegten Birken- und Larchen- wäldern, die gerade im Frühjahr |fjre besonderen Reize spenden, wird Bad Selters im Frühling und Vorsommer für einen Kuraufenthalt vorzugsweise aufgesucht. In der diesjährigen Kurzeit werden wiederum die allgemein beliebten Mittelstandskuren zu zeitgemäßen Preisen geboten. Bad Selters dürfte weiterhin vielen Leber- und Gallenleidenden sowie Rheumatikern und Gichtkranken Gesundheit und Lebenskraft bringen.
Wanderfahrten.
Gießen — Kinzenbach — Schwalbenbachlal — Bieber.
Wir gehen die Rodheimer Straße entlang bis zum Abzweig schwarzes Dreieck, das uns an der Heuchelheimer Mühle vorüber nach Kinzenbach bringt. Von da benutzen wir die Straße nach Atzdach und treffen am Bahnübergang auf den Schwalbenbach, dem wir jetzt aufwärts folgen. Kurz hinter der Schwalbenmühle stoßen wir wieder auf unser altes Zeichen, das uns durch ein liebliches Waldtälchen führt. Unterhalb Bubenrod verlassen wir das seitherige Zeichen und folgen jetzt gelben Strichen, hie uns über den Großen Rothenberg mit unterwegs prächtigen Blicken auf den Dünsberg sowie auf Königsberg zur Obermühle leitet, von wo wir, dem Biebertal abwärts, zum Endziel Bieber gelangen. Dauer der Wanderung etwa 4% Stunden.
Kirchgöns — Pfahlgraben — Schiffenberg — Gießen.
Ein hübscher Nachmittagsgang über den Schiffenberg ist der folgende: Wir fahren mit dem Mittags- zug nach der Station Kirchgöns, überschreiten die Bahngleise, um in gerader Richtung weitergehend in einer knappen Viertelstunde den Pfahlgraben zu erreichen. Wir wenden uns nun links und folgen blauen Keilen, die uns, stets am Limes entlang, durch eine gerade lange Waldschneise an dem nördlichsten Punkte des Kulturwerks aus der Römerzeit vorbeiführen. (Ein Denkmal mit lateinischer Inschrift bezeichnet die Stelle.) Bald nach Verlassen des Pfahl, grabens erreichen wir Watzenborn und gelangen von hier über die Schiffenberger Mühle und die Haltestelle hinauf zum Schiffenberg. Auf verschiedenen Wegen können wir zurück nach Gießen gehen. Wanderzeit 3% Stunden.
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