Nr. \ Zweites Blatt
Aeitag, 2. Januar 1951
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhefjen)
Die „Wacht am Rhein" in Griechenland.
Don unserem Sofioter W.-E.-D.-Derichterstatter.
Dachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.
Athen, Dezember 1930.
Bulgarien und Griechenland können, im Zeitalter des Verkehrs, den Duhm für sich
Türme", daran geklebt die Häusermasse des beim großen Brand von 1917 verschont gebliebenen Stadtviertels. Saloniki will neu werden: aus dem Schutthaufen der verbrannten Stadt sind Tausende neuer, schöner Häuser an schnurgeraden, breiten Boulevards erstanden, die Läden sind gefüllt mit den Waren des Westens und des Orients, man kauft und verkauft, hastet und
in Anspruch nehmen, daß sie die europäischen ^Nachbarländer ohne direkte Eisenbahnverbindung sind. Der Weg von Sofia nach Athen führt entweder über das serbische Disch oder das türkische Adrianopel. Der letztere Umweg ist eine der vielen Geduldsproben des orientalischen Reisens. 2m „Konventional- schnellzug" — dem erfolgreichen Konkurrenten des teuren und darum meist leerfahrenden Orient» expreß — bummelt man gemütlich durch die Ma» riyaebene. Dach dem Verlassen der bulgarischen Grenzstation Svilengrad bekommt der europäische Reisende einen ausgezeichneten Begriff von den „Dachkriegsgrenzen". Zuerst noch 6 Kilometer bulgarisches Gebiet, dann folgen 36 Kilometer Griechenland, bis man in den vielumstrittenen türkischen Dahnhofszipfel K a r a g a t s ch , dem Bahnhof Adrianopels auf türkisch Edirne, auf bulgarisch Odrin — einläuft, allwo man die Uniformen der Polizei dreier Staaten: Bulgarien, Türkei und Griechenland studieren kann. Don ferne glänzen die Lichter des einstmals mächtigen Adrianopel, nach wenigen 'Minuten Fahrt kommt man, wieder auf griechischem Gebiet, zu der Deugründung Dea-Orestias, der neuen Stadt, in der sich 30 000 griechische Flüchtlings aus Adrianopel angesiedelt haben, nur wenige Kilometer von ihrer alten Heimat entfernt.
Dach zwei Stunden ist auch der Rest des griechischen Teiles der Balkanbahn durchfahren. Pythion, das Gegenstück zum türkischen Ozunköprü, nimmt den Reisenden aus, der auf dem Wege nach Dedeagatsch, dazu verurteilt ist, drei Stunden auf dem öden Bahnsteig dieses Grenzbahnhofes zu verbringen. Da der Aufenthalt äußerst geschickt zwischen ein und vier Uhr morgens gelegt ist, muß die Frage der Unterkunft gelöst werden. Der Schankwirt am Bahnhof von Pythion ist ein guter Mann: er überläßt uns, nach Konsum einiger Gläser ausgezeichneten griechischen Kognaks, ohne Berechnung die Holzbänke seines Ausschanks als Ruhestätte, ftclft als Dotbeleuchtung eine Petroleumlampe zur Dersügung. Daß er hierfür keinerlei Entgelt annimmt, ist ein neuer Beweis für die nicht aussterbende Gastfreundschaft des Orientalen. Wem das Warten zu lang wird, der kann sich in das Studium eines mehrsprachigen Fragebogens vertiefen, der dem Ankömmling von den elegant eingekleideten griechischen Grenzossizieren Überreicht wird. Diesmal — o Wunder — kein inquisitorischer Poli- zeifragebogen, sondern ein nachahmenswertes Mittel wr Hebung des Fremdenverkehrs in Griechenland, zu beantworten beim Derlassen griechischen Bodens: „Was hat Ihnen gefallen? Welche Straßen, Bahnen waren schlecht — oder gut? Waren Sie mit Hotel, Schiss, Taxilenker, Fremdenführer, Reiseagentur zufrieden? Tatsächlich gibt man sich in Griechenland allerhand Mühe, auch die Ansprüche eines verwöhnten und im Anfang kritisch eingestellten europäischen Reisenden zu befriedigen.
Dach zwölfstündiger Fahrt durch die Tabak- selder und Rcbenhänge Thraziens, vorbei an Tanthi, Drama, Serres — linker Hand das Meer, rechter Hand das gewaltige Gebirge der Rodopen — umfängt einem das Menschengewühl Salonikis, nach dem Piraeus der größte griechische Hafenplatz. Am breiten Hafenkai der Koloß des „Weihen Turms", das uralte Wahrzeichen Salonikis, im 12. Jahrhundert von normannischen Eroberern erbaut. Hoch über der Stadt „Iedi-Kule" die Türkenfeste „Sieben
schreit. Am Kai, Reihe in Reihe mit großen Hotels — darunter der weiße Marmorbau eines Luxushotels — beschauliche Kaffeehäuser türkischen Gepräges, in denen der türkische Kaffee als „Cafe Oriental" bezeichnet wird, um das bei den Griechen ungern gehörte Wort „türkisch" zu vermeiden. Zwischen der Stadt und der Wardar- mündung die stets wachsenden, schier unübersehbaren Anlagen des Freihafens, mit Lagerhäusern, Getreidesilos, weiten Stallungen sür Groß- und Kleinvieh. Und das Schönste: alles blitzsauber, hygienisch und ordentlich im Stand gehalten — von „Orient" keine Spur. Daneben öd und verlassen die den Jugoslawen nach harten diplomatischen Kämpfen zu» gestandene eigene Freizone, die jedoch von den jugoslawischen Kaufleuten so gut wie nicht benutzt wird, weil die Einrichtungen des griechischen Freihafens so mustergültig sind, daß neben ihnen keine Konkurrenz aufkommen kann.
Mitten im Treiben des „Boulevards der Siege", der Hafenstraße, fängt das Ohr des Bummlers die Töne der „W acht am Rhein" auf. — ?! — Ein unscheinbares Männchen singt sie, musikalisch richtig, aber mit unver
kennbarem ausländischen Akzent. Wer ist's? Ein griechischer — Fremdenführer, der den Deutschen erkannt hat und sich durch Absingen des deutschen Liedes empfehlend in Erinnerung bringt. Ein paar Stunden später sah ich den gleichen Mann, wie er. hinter einem deutschen Paar einherlaufend, „die D ö g 1 e i n im Walde" sang. Don diesem zweifellos einzig dastehenden Beispiel des guten Klanges, dessen sich deutscher Sang erfreut, abgesehen.^ muß fest- gestellt werden, daß sich auch in den Ländern des Ostens mehr und mehr die deutsche Sprache als Reisesprache Bahn bricht, und wo man vor Jahren noch fast ausschließlich auf die Kenntnis des Französischen angewiesen war, kommt man in steigendem Maße mit Deutsch aus.
Dähcrt man sich auf dem Lairdwege Athen, so hat man den Eindruck einer von Kakteen und Palmen durchwehten Anhäufung von staubbedeckten kleinen Häusern, hinter denen sich im Sonnenglast undeutlich die Hügel des Lykabettos und der Akropolis hervorheden. Um so angenehmer ist man enttäuscht, wenn man in einer der zehntausend Athener Autodroschken über spiegelglatte Asphaltstraßen zum Stadtzentrum saust, oft aufgehalten durch die weißbehandschuhten Derkehrsichutzleute in schneeweißen Tropenhelmen, umgeben von Autobus en letzter Dollendung, allerdings auch durchmischt mit solchen aus den Anfängen des Automobilismus.
Wer dann, brav den Baedecker in der Hand, sich an Athens Sehenswürdigkeiten erlabt hat, wcr sich die Akropolis bei Tage — und was noch viel, viel schöner ist — bei Dollmondschein besehen hat, wer in der Athener, von Deutschen erbauten, Untergrundbahn durch das kilometer- I weite Flüchtlingsviertel zur Hafenstadt des P i - | raeus gefahren ist, wer den mühseligen Auf
Beim Fischfang vereist.
Der amerikanische Fischschoner „Wanderer" wurde beim Fang nahe den neuschottischen Fychbanken vom scharfen Frost überrascht. Es war so falt, daß der Sprühregen der Wellen sofort zu E,s gefror sobald er die Takelage des Schiffes traf. Unser Bild zeigt den Schoner bei seiner Ankunft im Hafen von Boston.
stieg zu dem Athen beherrschenden LhkabettvS nicht gescheut hat, der hat ein Recht auf Ruhe. Don guten Freunden geleitet, findet er sie nicht in den mondänen Hotelrestaurants oder eleganten Kaffeehäusern, an denen die griechische Metropole wahrhaftig keinen Mangel hat, sondern in einem tiefen Keller. Er heißt „Samo s" und der Dame verrät, daß dort der edle Samoswem verzapft wird. Iawohl, verzapft aus mächtigen Fässern, an denen vorbei der Gast in eine bescheidene Trinkstube tritt. Bei Schafskäse und Weißbrot wird dem müden Wanderer zwanzigjähriger, dunkelbrauner süßer Samoswein kredenzt. An der Wand aber hängt, neben der griechischen Preistafel, eine solche in deutscher Sprache, woraus mit Recht zu schließen ist. daß die Deutschen Athens den Samoskeller zu' schätzen wissen. Dur wenigen gelingt e£, Freundschaft mit dem üblichen griechischen Land- rocin „Rehinas" zu schließen, der mit seinem beträchtlichen Harzgehalt zu sehr an Terpentinöl gemahnt.
Aeuer Protest gegen den Abbau des Kreises Schotten.
* Schotten, 31. Dez. Im dichtbeschten Saale des Gasthauses „Zur Krone" hielten die Beamtenschast, Gewerbe und H an del eine Prote st Versammlung gegen die Aufhebung des Kreises Schotten ab. Ramens des "Vereins für Handel und Gewerbe sprach zunächst Dr. D a m b m a n n über die Folgen, die gerade für die Geschäftswelt mit der Aufhebung des Kreises verbunden seien. Herr K. Zeschky ergänzte diese Ausführungen wirksam. Lehrer Blei als Vorsitzender des Orts- kartelles des Hess. Deamtenbundes setzte sich namens der Beamtenschaft in warmen Worten für die Erhaltung des Kreises ein. Damens der Stadt sprach Bürgermeister Menge!, er dankte für die Unterstützung, die d,e Stadt in ihrem schweren Kampse um die Erhaltung ihrer Existenz von so vielen Stellen erfahre. Er sprach die Hoffnung aus, daß die Parteien des Landtags keine Zustimmung zu einer so verhängnisvollen Maßnahme des Kreisabbaues geben würden. Abg. Reiber, Darmstadt, ver- reitete sich in längeren Ausführungen über die Derwaltungsreform und vertrat die Auffassung, daß man nicht an s o alten Institutionen, wie am Kreis Schotte n, rütteln solle. Für den Staat bedeute die Aufhebung des Kreises keine nennenswerte Ersparnis, die Bevölkerung des Kreises erfahre nur eine neue Belastung. Im Falle einer Auflösung wurde gerade die Betreuung der abgeteilten Bezirke an der Peripherie schlechter und stiefmütterlicher. Die Verkehrsverhältnisse im Vogelsberg seien an sich schon ungünstig, sie würden bei einer Kreisauflösung für die Bevölkerung ganz verheerend sein. In Baden habe die Regierung auch den Versuch der Kreisauflösung unternommen und die schlechtesten Erfahrungen damit gemacht. Eine gewisse Grenzregulierung sei hier und da erwünscht, aber an den bestehenden Kreisen solle nicht gerüttelt werden. Es bestehe die Hoffnung, daß der Landtag die gleiche Auffassung vertritt. Mit einem machtvollen Treue- gelöbnis, den Kampf um die Selbsterhaltung mit allen Mitteln weiterzuführen, wurde die einmütig verlaufene Kundgebung geschloffen.
Daten für Freitag, 2 Januar.
Sonnenaufgang 8.05 Uhr, Sonnenuntergang 16.02 Uhr. — Mondaufgang 13.32 Uhr, Monduntergang 6.18 Uhr.
1858: der Schauspieler Joses Kainz zu Wieselburg in Ungarn geboren, — 1861: König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen in Sanssouci gestorben; — 1861: der Schriftsteller Wilhelm Bölsche geboren.
Gießener Gtadttheater.
„Nobert und Bertram". — „Die drei Musketiere".
i.
Am Silvesterabend bereitete das Theater einem erfreulich zahlreichen Publikum etliche harmlos vergnügte Stunden mit der "Neueinstudierung der alten Posse „Robert und Bertram'" (mit Gesang und Tanz) von Gustav R a e ö c r. Ueber die ausgelassenen Abenteuer der beiden lustigen Vagabunden haben schon Generationen von Theaterbesuchern gelacht, und es ist ein Brauch von alters- her, dieses nahezu unverwüstliche Stück, zu dem später übrigens noch ein zweiter Teil hinzugedichtet worden ist, von Zeit zu Zeit, sonderlich zu Fasching oder Silvester, wieder hervorzuholen und mit allerlei Beiwert, Einlagen, Ueberraschungen und zeitgemäßen Verzierungen über die Bretter laufen zu lassen.
Ueber den Inhalt ist schlechterdings kein Wort mehr zu verlieren. Es handelt sich nur darum, daß man mit Laune und in der richtigen Stimmung an die Sache herangeht und Einfall und Witz genug aufbringt, die ollen Kamellen „auf neu" herauszupuhen. Das haben sie hier — unter der tüchtigen Regie von Heinrich Hub; musikalische Leitung: Fritz Cuje; Tänze: Ewald Bäulke; Dekorationen von Löffler; Kostüme von Huber - gründlich besorgt; es war eine ganz parodistisch angedrehte und wahrhaft aufgekratzt Angelegenheit, strotzend von alten und neueren Witzen, gespickt mit allerlei liebenswürdigen Pointen und Anspielungen auf die Notverordnung, die neuen Steuern, den Staatskommissar und dergleichen, die allgemein verständnisinnig belacht wurden.
Der Clou des Abends war das dritte Bild: Abendunterhaltung beim Kommerzienrat Plarek, wozu eine ganze Anzahl mehr oder minder prominenter Zeitgenossen eingeladen und erschienen waren, unter anderen Amanullah, Charly Chaplin, Marlene Dietrich, Helene Meyer, Ra- bindranath Tagore und die Kaiserinwitwe von China.
Fast das gesamte Solopersonal war auf den Beinen, an der Spitze: Hub und Linkmann, als Robert und Bertram, die sich beide in großer Form befanden und von komischen Einfällen und verrückten Duancen übersprudelten. Linkmann hätte ebensogut als „Ballerina des Königs" gehen können, während Hub den berühmten Tenorkolle
gen Völkerini aus „Frankfurt ob der Tauber" in ' den Schatten zu stellen drohte.
Auch alle übrigen Mitwirkenden waren mit löblichem Eifer bei der Sache. Iochen Hauer und Paul Vieren, die beiden Landgendarmen, erschienen als Pat und Patachon; sehr aparte, mit viel Applaus begrüßte Tanzeinlagen sah man von Anni und Ewald Bäulke; Volck machte den Gefängniswärter, Zingel den Kommerzienrat, W e f e n c r auf Kölsch den Diener Harry, Bruck den Doktor Drüsonow, R i 11 e r den Wirt, Agathe Walther-Lederer sehr drollig die Ausruferin auf dem Rummelplatz, wo zuletzt die Mondrakete abgefchossen wird.
Kurz und gut: es war ein vergnügter Abschluß des alten Iahres, das Haus war ausverkauft (wenn wir recht gesehen habens und alle Welt ging in angeregter Stimmung nach Hause oder sonstwohin, um das Iahr 1931 würdig zu beginnen. — [ i
Die erste Ausführung im neuen Iahre bestritten die Bochumer mit den feit Alexander Dumas dem Aelteren hochberühmten „Drei Musketieren"; hier I handelt es sich indessen um eine zwanglose Deu- I sassung der überlieferten Motive von Rudolf S ch a n z e r und Ernst Welisch, welche ihr Stück als „ein Spiel aus romantischer Zeit mit Musik von gestern und heute" bezeichnen; diese Musik die in erster Linie das Werk populär machte, schrieb Ralph Benatzky, der sich mit der Operette „Meine Schwester und ich" soeben sehr liebenswürdig bei uns eingeführt und vorgestellt hat.
Das Ganze bietet sich als eine originelle Ver- schwisterung von historischer Operette und moderner Revue dar. Die traditionelle Dreiteilung der Akte ist in eine flüssig verwandelte Folge von zwölf Bildern aufgelöst. Die überquellende Fabulierfreude des populären Romans kommt dem Handlungsreichtum und der lebendigen Spannung der Szenenreihe sehr zugute. Die phantastisch- pathetische Barock-Romantik der historischen Fabel wird von einer höchst nüchternen Ironie glücklich kontrastiert, und es bleibt im raschen Fluß der Vorgänge noch ganz bequem Raum für ein sehr witziges, parodistisches Opern» Potpourri von Carl Maria v. Weber bis Richard Strauß, — einem brillanten Einfall des ungemein begabten Benatzky. Seine Partitur ist von einer durchaus gesunden, melodienreichen Musizierfreudigkeit getragen; ihr Kernstück ist der mit einem prachtvollen Schwung instrumentierte
Musketiermarsch, der sämtliche Bilder gewissermaßen leitmotivisch beherrscht.
Die Aufführung war von Direktor Theo Bachenheim er mit reicher Ausstattung und einem herzhaften Tempo inszeniert, von Wilhelm Bachenheimer schwungvoll dirigiert, von Karl Löffler geschickt und stimmungsvoll dekoriert, während Ballettmeisterin Maria Sylvan das reichhaltige Tanzarrangement (mit teilweise sehr hübschen Einfällen) überwachte.
Die drei Kavaliere wurden von Georg Winter, Otto Kraah und Edy Curt mit gutem etimmaterial uni) lockerem Spieltemperament gegeben. Edy Curt und Ida Bauer fangen die efiettDollc Opernparodie im siebten Bild mit tabarettmäöigem Schmiß. Die Figur des Ministers wurde durch den überlebten Intrigantenstil. mit dem sie von Carl Santori aus- geftattet wurde, einigermaßen beeinträchtigt und wirkte stellenweise unfreiwillig ländert. Im übrigen war ein recht gepflegtes und glatt eingespieltes Ensemble am Werk, aus dem Erna Wigger (Königin Anna), Anneliese Herting (Manon), Adolf Wiesner (Carame) und Anny Sperg (Miotte) mit besonderer Anerkennung hervorzuheben sind. —
Leider war der Besuch nur schwach. Auf die Wiederholung dieser recht sehenswerten und anregenden Aufführung sei mit einer Empfehlung hingewiesen. hth.
Oer Bär im Winterquartier.
Ein russischer Jäger und Tierbeobachter, W. Kazeesf, der die Ergebnisse seiner jahrelangen Tierstudien und Erfahrungen in Rußland in einem in Frankreich erschienenen Werk niedergelegt hat, berichtet hier auch eingehend über das Winterleben der Bären, von denen er mehr als hundert in völliger Freiheit beobachten konnte. Stud.-Direktor Rosendahl macht auf diese Quelle, die ein Stück interessanten Naturlebens bietet, in der Monatsschrift „Der Naturforscher" aufmerksam. Während der braune Bär in der warmen Jahreszeit kein festes Obdach hat, sucht er sich stets zur Zeit des ersten Schneefalls einen Unterschlupf. Dabei ziehen sich die älteren Tiere immer so früh zurück, daß sie keine Spuren hinterlassen; nur die jüngeren Tiere versäumen bisweilen diese Borsicht und lenken dadurch die Aufmerksamkeit der Jäger auf sich. Einige Tage bleiben die Bären in der Nähe des gewählten Winterquartiers, ohne es zu betreten; sie sind dabei stets gerüstet, bei dem geringsten verdächtigen Ge
räusch zu entfliehen, und auch nach dem Beziehen des Lagers sind sie in den ersten Wochen noch so wachsam, daß es auch dem erfahrensten Jäger nicht gelingt, an einen Bären heranzukommen. Erst um die Mitte Dezember hat sich Meister Pes; beruhigt und hält nun seinen Winterschlaf, der so fest ist, daß er häufig nicht merkt, wenn ein Mensch seine Lagerstätte betritt. Der Bär, der sein Winterquartier endgültig bezogen hat, verläßt dieses fast niemals freiwillig. Höchstens in einem sehr nassen Winter kann es Vorkommen, daß ein einzelnes Tier, wenn es zu sehr von dem Wasser belästigt wird, auszieht und sich in der Nähe einen Platz sucht. Der Bär bleibt, wenn ihn der Mensch nicht stört, ununterbrochen in seinem Lager bis zur Schneeschmelze, die in Sibirien erst im April einsetzt. Aber der Winterschlaf dauert nicht ununterbrochen an, sondern erleidet an jedem Tag eine kurze Unterbrechung. Herztätigkeit und Atmung sind während dieser Winterperiode verlangsamt, aber dabei bleiben seine Sinne erstaunlich scharf, und schon die geringste Unvorsichtigkeit des Jägers genügt im allgemeinen, um das Tier zu wecken. Häufig scheucht man den Bären, wenn man seinen Schlupfwinkel gefunden hat, mit langen Gabeln, aus seinem Quartier hervor; dann weiß er geschickt zu entschlüpfen und zeigt bei der Verfolgung bewundernswerte Ausdauer, selbst wenn er verwundet ist.
Es gibt beim russischen Bären drei verschiedene Winterlager. Am häufigsten bezieht er als Quartier einen Hohlraum unter dem Wurzelberg eines Baumes, der vom Sturm gefällt wurde. Solche Schlupfwinkel von bedeutender Größe finden sich vielfach an den uralten Riefen der russischen Wälder. Eine Bärenmutter mit ihren Jungen bevorzugt eine solche geräumige Höhle. Findet der Bär nichts passendes, dann gräbt er im Dickicht selbst eine Hohle aus von etwa 50 bis 75 cm Höhe und 60 bis 100 an Durchmesser, die eine längliche Form hat. Bisweilen überwintern Bären auch unter dem tief herabhängenden Geäst von Fichten oder Tannen; dies tut er aber meist dann, wenn er aus einem besseren Lager vertrieben ift Der Eingang der Höhle ist fast immer nach Süden; er ist im Winter oft so stark eingeschneit, daß die Deffnung nur noch etliche Zentimeter aroß ist. Ein solches Bärenlager ist daher äußerst schwierig aufzufinden. Niemals benutzt der Bär eine alte Höhle, und in keinem Bärenlager findet man Exkremente, mit einziger Ausnahme von denen, in denen neugeborene Tiere leben. Mit einem bewundernswerten Instinkt machen die Bären bei der Auswahl ihres Winterquartiers solche Plätze ausfindig, die die größte Sicherheit gegen Ueberraschung durch den
I Menschen gewähren...


