Nr. 202 Zweites Blatt
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Vderheflen)
Samstag, 30. August 1950
Zur sechzigsten Wiederkehr des Sedan-Tages.
Kaiser Napoleon III. und Bismarck vor dem Weberhäuschen bei Donchöry.
mann von Winterfeld als Parlamentär unter weißer Fahne abgesandt, um di« eingeschlossene französische Armee und die Festung Sedan zur Ueberg abe auszufordern
Kroprinz Friedrich Wilhelm erzählt, daß von Napoleon« Anwesenheit in Sedan zunächst im Hauptquartier nichts bekannt gewesen sei. De- rüchlweise verlautete, daß er bei der Armee sei, aber diese Stunbe sand keinen Glauben Immerhin wollte das Gerücht nicht verstummen König Wilhelm regte, aber fast nur in ungläubigem Scherze mit Bismarck, Avon und dem Kronprinzen, die Frage an, .was denn, gesetzt, dah wir den Kaiser Napoleon wirklich in unsere Hand bekämen, mit einem solchen Gefangenen aiuufanflcn sei."
Als eS zu dämmern begann, erschien Oberstleutnant von Brvnsart wieder. Ör hatte in Sedan den Kaiser Napoleon selbst gesprochen. der seine Bereitwilligkeit zu unterhandeln, in einem an den König gerichteten Dries, den sogleich lein Adjutant General Graf Reille überbringen werde. auSsprechen wollte.
.WaS beim Anhören dieser Meldung in eines jeden Drust vorging, ist leicht erklärlich. DaS Srschütternde und Gewaltige eines solchem Erlebnisses liegt auf der Hand. AichtS bezeichnet
„N’ayant pas pu mourir“.
Don Dr. Ludwig Xotb
„N’ayant pas pu mourir" — beginnt der denkwürdige Brief, Den Aapoleon III. am Aach- mittag« des l September 1870 aus Sedan an den König Wilhelm richtete.
Am frühen Nachmittage hatte König Wilhelm, nachdem infolge der Beschießung an mehreren Stellen in Sedan Feuer ausgebrvchen war. den OfcrlHeutnant von Brvnsart mit dem Haupt-
die Stimmung der Anwesenden vielleicht besser, als dah, nachdem Oberstleutnant von Drvnfart seine Meldung erstattet harte, jemand hinter mir laut sagte- .Run muh alles Hurra rufen', dieser Aufforderung aber so schwach Folge gegeben wurde, dah der Auf mißlang. Die Uriadbe dieses mißglückten .Hurras" suche ich darin daß jeder unwillkürlich fühlte, die Größe des Ereignisses fände in einem solchen Ausrufe nicht den entsprechenden Ausdruck, und daß es eben deutsche Art ist, sich bei großen Begebenheiten nicht zu lauten Kundgebungen hinreißen zu lassen Jedenfalls war uns allen zumut, als träumten wir" (Kaiser Friedrich: Kriegstagebuch 6.93).
Aun erschien der Graf A e i l l e, vorn Hauptmann von Winterfeld unb einem preußischen Ulanen-Xrompetcr begleitet. Er stieg vorn Pferde und ging, fein Generals-Käppi in der Hand, auf den König zu und überreichte ihm mit wenigen Worten den Drief feine« kaiserlichen Herrn Graf Reille war feit dem Jahre 1867 dem König und dem Kronprinzen persönlich bekannt, er war bei dem "Besuche in Paris im genannten Jahr« zum Kronprinzen als Degleiter kommandiert gewesen und .hatte sich als ein liebenswürdiger, vornehmer Mann im besten Sinne des Wortes erwiesen".
Jener historische Drief lautete .Mein Herr Druder! Da ich nicht sterben konnte in der Mitte meiner Truppen, bleibt mir nichts übrig, als meinen Degen in die Hände Sw Majestät zu übergeben. Ich bin Ew Majestät guter Druder Aapoleon."
Geschrieben ist dieser Dries in dem Gebäude der Mairie zu Sedan dem Quartier AapoleonS. Am "Nachmittag« des 31. August war Napoleon in Sedan angekommen und hatte in der Präfektur Wohnung genommen. In seiner unmittelbaren Umgebung befanden sich seine Generaladjutanten
Graf Aeill«. der Prinz von der Moskwa. General 5 a ft e I n a u und General 03 o u be r t, seine Leibärzte Dr douneau und Dr Aölaton Ter Kaiser war schwer leidend und vermochte die Strapazen des Zeld- zuge« nur mit Mühe zu ertragen; bekanntlich ist er drei Jahre später, am 9. Januar 1873, einer Gallensteinoperation erlegen Trübe Stunden lagen hinter ihm Non seinem Sohne, dem am 16 März 1856 geborenen Prinzen Louis (Lulus hatte er schon bei "Beginn des Marsches von Ehälons nach Sedan Abschied genommen und ihn mit seinem Gouverneur nach Möziires gesandt, um von dort nötigenfalls nach Delgien gehen zu können. Schweigend hatte er feinen Sohn umarmt, der immer wieder bat, bei feinem 03ater bleiben zu dürfen Endlich hatte sich der Äaifer losgeriflen und war in tiefer Melancholie von dannen gefahren
In der Mairie wurde er von dem Maire und einigen Gemeindevertretern von Sedan begrüßt, die die Hoffnung auSdrückten. daß daS Kriegsglück sich wenden und der Sieg wieder die kaiserlichen Adler umschweben möge. Napoleon hatte diese Worte ungeduldig, beinahe gleichgültig, angehört. Noch einmal redete Mac "Mahon ihm zu, über Wsziöres nach Paris abzurcisen, Aapoleon aber beharrte daraus, bei der Armee zu bleiben. Aach einer unruhigen Nacht erhob sich der Kaiser am 1. September früh, um auf« Schlachtfeld zu reiten. Er legte die General-uniform an mit dem großen silbernen Stern der Ehrenlegion; al« OrdenSschmuck trug er nur noch die Medaille für den italienischen Feldzug und den Schwedischen Schwert-Orden Durch die .Porte de Dalan" verließ er mit seinem Gefolge die Festung. Da erschien plötzlich an einer Biegung de« Weges eine Abteilung Kürassiere, langsamen Schrittes in der Richtung nach Sedan dem Kaiser ent-
Oie Heerführer der Schlacht bei Sedan.
Der preußische Generalfeldmarfchall Helmut!) Graf von Moltke.
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Der Herzog von Magenta Patrice Maurice de Mac Mahon, Marschall von Frankreich.
gegenreitend. Es war di« Stabswache des Marschalls Mac Mahon, die den verwundeten Feldherm nach Sedan geleitete. Napoleon reichte tief erschüttert feinem verwundeten General die Hand, auf ihn hatte er all« Hoffnung gefetzt trotz der Niederlagen von Weißenburg und Wörth! Hatte dieser tapfere Soldat ihm doch einst die Siege von Magenta und Seife- rino erfochten die er ihm mit dem Herzogstttel gedankt batte. Tragik der Feldherren! Benedek, Oesterreichs tapferster und erfolgreicher Heerführer. erlag bei Königgrätz, Mac Mahon verlor "Weißenburg und Wörth und sank verwundet bei Sedan!
Mac Mahons Verwundung rief Streit um den Oberbefehl hervor Der Kaifer hatte alle Gewalt der Kaiferin-Aegenttn in Paris übertragen. General Ducrot als Rangältester verlangte das Oberkommando. General Wimpffen begehrte es für sich, auf die Bollmachten des Kriegsministeriums in Pari« pochend. .
Auf dem Schlachtfeld heroischer Kampf der tapferen deutschen Truppen nicht minder tapfer kämpfen die Franzosen. 03ei Bazeilles. bei Daigny, bei Gironne. bei Illh. bei Floing werden alle Mittel der Verteidigung angehäuft. Aus den Straßengräben steigt unablässig der Dampf der Chaffepotfalven dort eingebuddelter Schützen, zwischen den hohen Pappeln der Anhöhen raffeln die Mitrailleufen, auf den Berghängen feuert fieberhaft die Artillerie.
Am Kirchhof von Dalan, hinter Dazeille«, hält der Kaiser.
Dann bricht die französische Kavallerie lo«; Husaren, (rau mit Silberschnüren die berühmten Lanciers, Ehasseurs. Dragoner und Kürassiere. General Margueritte. der berühmteste Reiterführer des kaiserlichen Frankreichs. führt sie. Tötlich getroffen stürzt er; General ®allifet jagt an der Spitze feiner Reiter-Divifion in die vordringenden deutschen Stürmer. Schlesier. Westpreußen, Hessen. Thüringer überbieten sich mit Bayern und Sachsen an Tapferkeit.
..Die größte Anerkennung — schreibt Kronprinz Friedrich Wilhelm — verdient unsere Infanterie für ihre besonnen«, ruhig« Haltung unb Ausdauer; am genauesten konnte ich die« bei den thüringischen Regimentern und bei der 19. Infanterie-Brigade, die leider fast all« Offiziere verlor, beobachten und bewundern."
"Noch immer hatte Napoleon III. bei Dalan das wütende Ringen beobachtet, der Derzweif- hmg nahe. Einzelne Granaten begannen bereits an der Stelle, wo der Kaiser hielt, einzu- schlagen. Zahlreicher wurden die Flüchtigen welche auf dem Wege von OSalan nach Sedan *u eilten. Da ging, hart bedrängt von den stürmenden Bayern rin französisches Regiment, Erbnet, langsam aus Dalan zurück. Der
nz von der MoSkwa ritt an den Kaiser in, um ihn auf das Gefährliche seiner Gage aufmerksam zu machen.
Aach zeitgenössischen Darstellungen ließ der dritte Napoleon sich in seiner Haltung nichi beirren, sondern zog seinen Degen und schloß 'ichs einer gegen Dalan vordringenden neuen Sturm- Kolonne an. Der Prinz von der Moskwa wurde in seiner unmittelbaren Nähe durch einen Streifschuß am Fuße verwundet. Der Angriff scheiterte; noch immer wollte Napoleon bleiben, da ergriff General Reille das Pferd de« Kaifers am Zügel und wandte es rückwärts. Aapoleon ließ es willenlos geschehen und folgte im Schritt den sich immer mehr auslöfenden und immer schneller auf der Straße nach Sedan hineilenden Truppen.
Die Garde und die Generale der Umgebung schlossen sich enger um den Kaiser, und in die Menge hineinsprengend, öffneten fie ihm einen
Helene Chlodwigs •
Schuld und Sühne.
Vornan von 3 Schneider'Foerstl.
Urhebcr-Rechtschutz durch Verlag Oskar Meister, "Werdau i. Sa.
Nachdruck verboten.
AIS Dr. Just Franke seinen Rucksack aufnahm, merkte er. daß er zu schwer war. Irgend etwas von den Dinaen, die er da hineinverstaut hatte, mutzte zurückbleiben. Er nahm Stück für Stück heraus und legte Stück für Stück wieder hinein Jedes einzelne war unentbehrlich.
Es mußte also gehen, sich mit der Last zurecht- zufinden. Lieber ein Pfund mehr auf dem Rücken, als dah dieses oder jenes fehlt«.
Durch die OkrbinbungStür. di« nicht cingc- fchnappt war. hörte er die Stimmen der Eltern, di« nicht fefjr harmonisch ineinanberflangen. Die der Mutter war weinerlich, der verärgerte Daß deS Vaters hörte sich an wie ein Brummen
Frank wußte, worum es ging. Um seine Fahrt in die 03erge. Das war er nun nachgerade gewöhnt. dah ihn die Mutter am liebsten noch in Windeln gewickelt, trocken gelegt und mit Mus gepäppelt hätte. Schließlich aber stand jeder einmal auf seinen eigenen Fähen und zimmerte sich fein Dasein, wie er es selber für gut fand
ES gab Eltern, die sich keinen Seut um ihre Kinder scherten und sroh waren, wenn sie dieselben los hatten, womöglich mit fünfzehn Jahren schon oder noch früher Die seinen waren jedenfalls nicht von dieser Art.
Zuweilen empfand er einen heillosen Zorn, oaß ihm der Himmel Geschwister versagt hatte, tfünf. sechs, sieben vielleicht auch ein Dutzend. Brüder und Schwestern, gerade und schiefge- wachfene. Dann hätten die Eltern eine Ablenkung gehabt und nicht die OBege jede« einzelnen so mit dem Zirkel berechnen können, wie sie das bei ihm taten, trotzdem er nun schon in fein drei- feiatte« Jahr ging.
Er band die Rucksackschnur, dah das graugrüne Leinen straff lag, wie ein überfüllter Ballon 3m großen Sckfpiegel betrachtete er fein Eigen- bild. Sr konnte sich sehen lassen Komisch, wie man sich gleich veränderte, wenn man aus Frack unb Smoking schlüpfte.
Aber wohl tat das. wenn Hals. Brust und Knie sich wieder einmal in ihrer Nacktheit zeigen durften, ohne daß einer die Olafe darüber rümpfte.
-Dah du ewig nicht fertig wirst. Just! Du versäumst noch den Anschluß." Der Geheimrat stand auf der Schwelle und blinzelte dem Sohne zn
.Ich komme im Moment, Papa!"
Drüben im Zimmer wartete di« Mutter und hatte Tee bereit, belegte Brote und Sandwiches, die er so gerne ah. Auf dem Rand des Stuhles sitzend, lieh er noch einmal ihre Ermahnungen über sich hingehen. Obwohl sie nie im Gebirge gewesen war — sie bevorzugte es, auf sicherem Boden zu bleiben — gab sie doch tausend Ratschläge; Dorbeugungsmahregeln bei Lawinengefahr, eteinfd)lägen unb schweren Stürmen bie plötzlich hereinbrechen konnten.
2ßit schiefem Blick lachte er zu ihr hinüber: .Mama, woher beziehst du deine Kenntnisse?"
.Es gibt doch eine alpine Literatur, Just!"
Er verschluckte sich und stellte bie Tasse noch rasch auf den Damast. Di« ilfor nebenan knarrte die vierte Aachmittagsstunde.
Fünf Minuten später stand er an der Türe unb lieh sich noch einmal küssen, noch einmal umarmen, noch einmal vor Augen führen, daß es doch auch anderswo —
Der 03ater schob ihn kurzerhand über di« Schwelle Seine schweren Schuh« klapperten über das Parkett nach der Treppe. Don der Plattform der Tram aus sah er die Eltern noch am Fenster stehen und ihm zuwinken, bann verschwanden bie Gesichter, als der Wagen um die Ecke bog.
Run erst fühlt« er sich frei!
Herrgott, war das Leben fchön wenn man nicht in feiner Fron stand. Di« vier Wochen Urlaub wollte er nützen, wie nie zuvor. Während fein 03erfreier an kranken Lungen horchte. Rezepte schrieb unb bie Ergüsse nervöser Frauen über sfch ergehen lassen mußte, tummelte er sich mit ben Gemsen oben in den Wänden des Kar.
Vr ließ die Hüttennamen Revue passieren unb entschied sich für bie Daleppalm. Don der war er einmal vor Jahren so bitterschwer gegangen. Sie war nicht überlaufen, und wenn an den Sonntagen Hochbetrieb war. konnte man ja im Freien kampieren, wenn einem der Lärm auf bie Nerven ging.
Der Zug war nicht überfüllt. Jetzt, Anfang Juni, hatte noch niemanb Zeit aus der Stabt zu flüchten Dr. Just Franke fand, daß alles für ihn günstig lag. Er war kein Herdenmensch Immer lief er ein Stück abseits der anderen
Noch einmal aus dem Abteil springend, ging er nach dem Kiosk und erstand sich eine Zeitung. Als er zurückkam. fand er neben feinem Ruckfack, ben er auf das Traggeflecht verstaut hatte, einen kleinen Lederkoffer in Amethystblau, sowie eine Hutschachtel, die zu dreiviertel über den Rand herausragte.
.Aergerlich!" Auf der grünen Polsterung lag ein offenes Zigarettenetui, sowie ein silbernes Feuerzeug. Das fehlte gerade noch! Rauchende "Weiber waren ihm ein Greuel. Er streckte die Hand nach feinem Rucksack, ein anderes Kupee
zu suchen, als vom Trittbrett her eine schwingende Altstimme kam.
.Schönen Dank, lieber Direktor! Olein, eS ist wirklich nicht nötig, dah Sie sich bemühen ich habe welches in meinem Koffer."
Just Franke spähte durch das Fenster auf den Gangsteig und trat dann zurück, denn bie Türe wurde eben geöffnet. Er fah eine Heine und eine große weihe Hand, bie sich ineinanderlegten.
.Sie werden von fich hören (affen, Helene?"
»Natürlich! — Heute ober morgen dürfen Sie selbstverständlich noch nicht darauf warten Aber, wenn ich dann in Ordnung bin, sofort."
»Werden Sie immer auf Ihrem Gute bleiben, Helene T‘
»Was heißt immer, lieber Direktor! Dorläufig wenigstens." Die Stimme schwankte im Lachen »Eine Kalb'n hat sich den Hax' verstaucht, schreibt mir der Derwaller und die Hendl n stehen gut im Futter. Also schon wegen der Kalb'n und den Brathendln muh ich nach Rottach-Berghos. — Ich schreibe Ihnen, wenn ich Sie brauchen kann."
»Sie machen mich sehr glücklich, Helene." Die bartlosen Lippen des Mannes drückten sich auf die weihe Hand, bie er noch immer zwischen der seinen hielt.
Dann ein hastiger Sprung aus das Trittbrett herauf, die Türe flog zu. Dr. Franke sah vorläufig nichts von feiner Oteilcbeglcitung als eine feingefchwungene Nackenlinie, die in einem schlanken Halsansatze endete Der Kopf war über das Fenster gebeugt unb die weiße Hand ließ ein helles Seiden tüchlem flattern.
Als fie sich endlich nach ihm umwandte, flog «in kurzer, prüfender Blick über ihn hin, den er mit einer leichten Verneigung quittierte. Die schlanke Hand nahm das Zigarettenetui auf. klappte es zu unb steckte es mit dem Feuerzeug in bie Seitentasche des Gabardinemantels, der am Haken neben dem Fenster Platz gefunden hatte.
Sie ötll sich von ihrer besten Seite zeigen, mutmaßte er. Er konnte rauchende OBeibet für die "Welt nicht leiden, aber Duckmäuser noch viel weniger .Ich bitte, sich nicht beengt zu fühlen", sagte er spottend, .es ist Raucher!"
Sie maß ihn erstaunt, sah die Blutwelle, die sein Gesicht färbte unb lächelte. »Ich werde rauchen, wenn ich das Bedürfnis danach fühle, mein Herr."
Daß der Hieb sah. merkte sie an der zweiten "Delle Blutes, die feine Stirne dunkel rötete. Er entfaltete geräuschvoll feine Zeitung und warf keinen Blick mehr zu ihr hinüber. Zu dumm, dah er sich ein« Bloße gegeben hatte! Die Frauen von heute waren nicht mehr fo schüchtern, daß fie nicht aus eigenem Antrieb taten, was ihnen gerade besagte.
Olls er zufällig aufsah, merkte er, dah sie ihn
musterte. Sie wurde keineswegs verlegen, als ihre Augen Blick in Blick standen. Unb wieder dieses Lächeln, daS ihn so ungemein verwirrte. »Sie sind Städter, mein Herr?"
»Olein 1“ log er frech.
»Aus den Bergen?"
.Ja!"
.Wie nett!“ Ihre Augen wurden zuttaulicher. »Forstmeister ober so?" —
.Landwirt." Nun war es schon einerlei, wenn er weiterlog. Warum war sie so neugierig. Er hatte sie auch um nichts gefragt.
.Das finbe ich hübsch", sagte fie anerkennend, während zugleich ein Lächeln des Spotte« in ihren Augen lag. »Da können Sie mir gleich einen Rat geben. Ich habe da eine Kalb'n, die einen böfen Fuß hat —"
»Wie kommen Sie überhaupt zu einer Kalb'n?" entfuhr e« ihm.
Ihr Lachen übertrumpfte da« Gebrumm der Räder. .Ich habe sie ganz einfach! Auch Schweine, Ochsen und Kühe — und — schauen Sie doch nicht so ungläubig.“ Sie amüsierte sich über seinen weitoffenen Blick. .Also wissen Sie kein Hellmittel für einen bösen Ha?'?"
Der Ausdruck belustigte ihn. .Da müßte ich natürlich erst willen, was an dem Hax fehlt, meine Gnädigste. Ob er verstaucht ober gebrochen ober nur verschwollen ist?"
.Natürlich!" stimmte sie bei, „ba« mühten Sie wissen." Sie entnahm ihrer Handtasche einen Zettel und reichte ihm den hinüber.
»Sehr werte Frau!
Indem ich Ihnen mitttilen muh, daß bie Blell n schon seit fünf Tagen einen argen Wehbam am rechten Har hat und die Brat- hcnd! wegmüllen, wäre es mir recht, wenn Sie kämen, weil doch der Hax gar nicht schon herschaut und die Brathendln aufgegeffen werden sollen Ihr Mamert Dödlinger."
Nun lachte Franke. »Also auch Landwirt", protzte er.
.Ja! Aber nur nebenberuflich. Irgendein Kreuz legt sich jede Frau auf. Die eine einen Wann — ich die QMeff’n mit dem böten Weh- dam am Fuß."
.Die Brathendln sind weniger unangenehm." -Ja! - Die weniger", lachte sie ihm zu. .
Er riet ihr, sofort einen Tierarzt holen zu lallen, ober wenn es schon zu spät toäre, daS Tier zu schlachten, ehe man es armselig zu- grunbe gehen lieh.
Sie fanb beides vernünftig. Er nahm sein Zigarettenetui heraus und hielt es ihr entgegen. Mit einem Blinzeln der Augen sah sie zu ihm auf: .Danke!"
.Sie bevorzugen eine bestimmte Sorte, gnädige Frau?"
.Ich rauche überhaupt nicht!"
(Fortsetzung folgt)


