Nr. 176 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeig« für Gberheflen) Mittwoch, 30. Juli 1930
Gommerfahrt durch die Untersteiermark.
Don der blauen Adria her erreicht man dir südslawische Grenze bei dem grottenreichen AdelS berg, um das ein wilder Ramens- trieg entbrannt ist: Posturnia sagen die Italiener, Postojua die Slowenen: der deutsche Rame und daS Deutsche überhaupt sind zwischen beider Mühlsteine geraten. Durch schönen Mitteleuropai- schen. um nicht zu sagen deutschen Wald, rollt der Zug nach Rakel, wo diese« Mal die Süd- slawen alles auf Haut und Rieren prüfen. Dald kommt dir krainische Landeshauptstadt Laibach, 1880 noch deutsch, heute unter der Bezeichnung .Ljubljana" einer der deutschfeind- lichsten politischen Unruhherde Europas, von dem die italienische Jugend laut verkündet, daß cS bald wieder ein .Lubiana" sein werde, das es zu Beginn unserer Zeitrechnung schon einmal gewesen sei. Hoch ragt die von Deutschen errichtete Burg aus dem Lchlohberg, friedlich und stimmungsvoll wie in Graz oder Salzburg, und dahinter grüßt, erhaben Über allen Völkcrstrcit die Felsengruppe der Steirer Alpen. Save- abwärtS fährt der Speisewagen, und während ich nach der französischen Speisekarte Wiener Schnitzel und Salzburger Rockerin bestelle, kommen wir zu den Verladerampen von T r i f a i l, dem ersten untersteicrischen Orte. Hier ist ein- der größten Kohlenbergwerke des ehemaligen Oesterreich: mit raschem Griff haben die neuen slowenischen Herren hier das Deutsche auSgetilgt und finden eS fehr unhöflich von den Italienern, das, diese von einer Rotwendigkeit sprechen, Adriaschissahrt und Trifailer Kohle wieder »einander zu nähern".
Kurz hinter Trifail hält der Zug in Stein- b r ü ck an der Save oder Sau. Während daS Wiener Schnitzel sich als überaus wohlschmeckend herauSstellt, dem eine Flasche Llntcrsteirer aus der von Rudolf Hans Bartsch besungenen KolloS-Hügcllandschast bei Pettau erst die rechte Würze gibt, must ich an die Schuljungenfrage nach dem vierfach »Paradoxen" denken: »Paradox ist es, wenn ein Oberlehrer der Mathematik im untersteierischen Dreieck bei Steinbrück in einem Holzkahn ein Schaf über die Sau bringt". Der Lehrer, der uns den Vinn für solche Wortspiele schärfte, ruht jetzt schon 15 Iahre an eben dieser Save, ganz unten an ihrer Mündung. wo man bei Belgrad »eine Brucken" schlagen wollte. Lind hier in Steinbrück stehen heute — 12 Iahre nach dem Weltkrieg — auf den Rebengleisen 30 nagelneue achtachsige Lokomotiven aus Kassel und Berlin-Tegel auf — ,R e - parationskont o".
Im tief eingeschnittenen Tal des raschen ©am- flüstchens, daS stellenweise an die Saarwindungen erinnert, grüßen die deutschsprachigen Kurorte Tüsser und Römerbad mit ihren warmen Quellen, die jetzt auch stärkeren reichS» deutschen Zuspruch finden. Aus steilem Felsen grüstt die Ruine Ober-Eilli mit dem Fried- richSturm, dem Wahrzeichen der Untersteiermark, von dein einst der Schwiegersohn eineS deutschen Kaisers seine ausgedehnten Länder beherrschte. Heute schenkt Frau Wirtin oben einen milden Wein und je mehr man sich ihm widmet, um so klarer werden einem die vielfältigen Geschichten von Liebe, Bölkerstreit und Tod. die sich seit Iahrhunderten um dieses Gemäuer ranken. Während der Mond sein Antlitz hinter Wolken birgt, schreiten wir nach untersteirischer Sitte mit einer großen Lampe gruppenweise zu Tal.
Gin böses Erwachen gibt es am nächsten Morgen. In ein schnatterndes Dölklein von Schülerinnen fährt eine keifende Stimme, so daß die Kleinen jäh verstummen. Ohrfeigen seht es links und rechts. Die Kinder haben gewagt, während des Schulspazierganges deutsch zu sprechen! Wir werden erinnert, daß die bisher stets deutsch geleitete und steirisch fühlende -Urtterfteicr- mark jetzt ein Land ofjne deutsche Schulen ist,
Wirble ins Leben!
Vornan von Anna Fink.
älrheber-Rechtsschutz durch Verlag Oskar Meister, Werdau, 6.-2L
8 Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Reginald stand unbeweglich da und hörte ihren leichten Schritt verklingen.
Unten an der Haustüre wurde geläutet Karl lief, um zu offnen. Es war der Arzt, der kam, um sich nach dem Befinden von Bernhard Much zu erkundigen. Karl führte ihn in das Krankenzimmer.
Schwester Irene erhob sich, als der Doktor eintrat, und ging ihm geräuschlos entgegen.
»Was macht unser Patient?" erkundigte sich der alte Herr liebenswürdig und schüttelte der Schwester die Hand. 'Doch ehe sie noch berichten konnte, erklang vom Bett her Muchs Stimme, schon frischer als am Morgen:
Oh. lieber Doktor, schon viel besser: Kommen Sie her, schen Sie sich, und bitte, Schwester, holen Sie ein Glas Burgunder für meinen lieben Doktor", wandte sich der Kranke an die Pflegerin.
Cie fah ihn mit leichtverschleierten Augen an und sagte höflich: »Gewiß, gern" und glitt mit ihren kahenhaften Schritten aus dem Zimmer.
»Sind die Schmerzen noch arg?“ fragte der Arzt.
»Danke, Doktorchen. eS ist schon ganz erträglich". lautete die Antwort.
-Die sind Sie mit der Schwester zufrieden?“ erkundigte sich der Arzt.
- Ausgezeichnet", erwiderte Much. »Sie ist vorsichtig und gewandt, dabei hat sie die Gabe, so vollkommen zu verschwinden, als sei sie überhaupt nicht vorhanden. Ich bin Ihnen sehr dankbar. daß Sie mir diese besorgt haben."
Der Arzt nickte zufrieden und begann mit Der cdmxfter Hilfe den Verband zu wechseln.
»Sie können von Glück sagen, Herr Much, daß der Schuh nicht weiter nach unten gegangen ist. Dann war s aus gewesen. Wenn Sie hübsch vernünftig sind und sich gut pflegen lassen, dann, denke ich, werden wir die Sache bald haben."
Als alles erledigt war, fragte der Arzt nach Barbara.
»Ich hätte gern auch mal nach ihr gesehen. Sie ist ein zartes Geschöpf, und die Ereignisse werden fte angegriffen haben."
daß dort vom vierten Lebensjahr ab durch fremde Kindergärten, fremden Schulzwang, fremde Fortbildungsschulen, fremden Sokol- und fremden Militärdrill dem deutschen Rachwuchs seine deutsche Seele geraubt wird. Am Eillier Bahnhof, am Anfang der Bismarckstrahe, die heute einen zischlautreichen Ramen trägt, steht das Deutsche Haus, weggenommen seinen rechtmäßigen Besitzern, überantwortet einem SlowenisierungSver- ein, bestätigt durch ein »Urteil“ deS königlichen Obergerichts in Laibach mit der .Begründung", auf slowenischer Erde deutsche Geselligkeit zu pflegen, verstoße gegen die guten Sitten... So hat man auch die deutschen Schulen toeggenommen, die deutschen Schülerheime, Büchereien, Turnhallen, Theater. Berghütten. Alle deutschen Inschriften sind übertüncht. Selbst in den Wohnungen wird nach deutschen Aufschriften »gefahndet". Und über all dieses Leid wölbt sich der strahlend blaue untersteirische Himmel, ragt der unzugänglich steile Wotschberg, auf den Wolfram von Eschenbach in seinem .Parsifal" die Gralsburg verlegt.
Den Schienenweg kreuzt eine Starkstromleitung Sie kommt vom Draukraftwerk F a a l, das im Kriege für die Versorgung der steirischen Landeshauptstadt Graz erbaut wurde. Kaum war eS fertig, so wurde in St. Germain zwischen Faal und ®ra* die neue Staatsgrenze gelegt Graz mußte sich nach anderem Strom umsehen, und die Südslawen wußten nichts Besseres, als die Kraft der Drau in schier endloser Leitung nach dem Tal der Save zu lenken, die selbst eine treffliche Kraftquelle sein könnte. Auf der Drau selbst erleben wir bei der Stadt Marburg eine kleine Sensation. Zum ersten Male wagt es jemand — bezeichnenderweise ein unter-
Ueber Bernhards Gesicht ging ein Schatten. »Barbara habe ich lange nicht gesehen. Zum Essen hat sie sich nicht blicken lassen. Sie ließ sich wegen Müdigkeit entschuldigen, nicht wahr, Schwester?" wandte er sich an Irene.
»Jawohl, Herr Much", antwortete sie. und ein spöttisches Lächeln schien dabei ihren Mund zu umspielen.
2ll>er keiner der beiden Männer bemerkte eS.
»Run gut, ich werde nach ihr sehen, wenn Sie einverstanden sind", sagte der Arzt und schritt zur Tür. Er ging die Treppe hinaus und klopfte an Barbaras Schlafzimmer an. Keine Antwort. Er klopfte an die Wohnzimmertür. Auch da rührte sich nichts.
Die Zofe kam vom Korridor her und berichtete auf fein Befragen: j,Die gnädige Frau ist fort- gefähren: sie habe etwas in der Stadt zu besorgen und danach noch einen Besuch erledigen wollen."
»Ist sie wieder allein gefahren?" fragte der Doktor.
»Iawohl", entgegnete das Mädchen. »Gnädige Frau hat ausdrücklich befohlen, daß der Chauffeur zu Haufe bleiben soll."
Kopfschüttelnd ging der alte Herr wieder hinunter zu Bernhard Much.
»Ihre Frau ist fortgegangen, sagte mir die Zofe", berichtete er etwas zögernd.
»Allein oder nicht?" fragte Much so hastig, daß ihn der Arzt überrascht und prüfend ansah.
»Sie ist ganz allein fort“, war die Antwort.
Bernhard Much holte tief Atem. »Run, es wird wieder einmal eine Extravaganz von ihr fein.“
Dem Doktor gefiel etwas nicht. Er glaubte au bemerken, daß da nicht alles ganz in Ordnung fei.
»Hören Eie, Herr Much: Ich werde mich auf jeden Fall etwas um Frau Barbaras Gesundheit kümmern. Diese Extravaganzen haben schon beinahe etwas von einer Krankheit an sich. Das geht zu weit."
»Meinen Sie, Doktorchen?“ fragte der Kranke unruhig, »ach ja, nehmen Sie das doch mal in die Hand. Es wird mit Barbaras Launen und unüberlegten Handlungen immer schlimmer. Ich werde schon gar nicht mehr damit fertig.“
»Run, lieber Much, Sie dürfen sich das nicht so zu Herzen nehmen. Dor allem keine Aufregung. Ich denke, ein Luftwechsel, eine kleine Kur wäre ganz gut und würde Frau Barbara wieder erholen Das gibt sich schon alles wieder.“
Much drückte ihm die Hand. »Manchmal quält es mich, Doktor, ob eS auch recht war, daß ich
Oie Auswirkungen des veränderten Lotteriespielplans.
AIS bekannt wurde, daß in Zukunst daS Achtel- loS der Preußisch-Süddeutschen Klassenlotterie bei jeder Ziehung statt 3 Mark 5 Mark kosten werde, liefen von allen Seiten Beschwerden ein, denn gerade bte minderbemittelten Kreise spielen ßottene, und für sie ist ein Mehr von 2 Mark eine ganze Menge. Besonders wenn man bedenkt, daß man fünf Klassen durchspielen muß, um seine Chancen voll auszunutzen, und in fünf Klassen kostet ein Achtel jetzt nicht mehr 15, sondern 25 Mark. DaS ist an sich eine ganz bedeutende Erhöhung: doch wenn man sich die Verbesserungen ansieht, die vorgenommen wurden und die alle vestloS den Spielenden zugute kommen, so wird man der Lieberzeugung sein, daß die neue Methode doch besser ist als die alte.
Wie sieht nun die neue Klassenlotterie aus? In. den vier Dorklassen gab es bisher 20 Gewinne zu je 1000 Mark, von jetzt ab werden es nicht mehr 20, sondern 100 Gewinne zu 1000 Mark sein. Doch den besten Beweis für die Verbesserungen gibt ein Lieberblick über die fünfte, die entscheidende Klasse, in der die großen Gewinne und die Prämie gezogen toerben. Es gibt statt
2 Gewinnen zu 100 000 Mk. jetzt deren 4
4 „ ,, 75 000 t« h »• 6
6 „ „ 50 000 „ „ „ 12
14 „ „ 25 000 „ „ 30
90 „ „ 10 000 „ „ „ 200
170 „ „ 5 000 „ „ „ 500
450 „ „ 3 000 ..... 1000
800 „ „ 2 000 „ „ „ 3 000
2100 „ „ 1000 „ „ „ 6 000
4 600 „ „ 500 „ „ „ 10 000
12 000 ,, „ 300 „ „ „ 30 000
Die Einsahgewinne sind von 238 158 auf 217 242 verringert worden, weil sich mit Recht viele Leute beschwert haben, daß man so oft mit dem Einsatz herauskomme, statt endlich ein paar notwendige Mark zu gewinnen. Die Prämie
von 500 000 Mark sowie die Hauptgewinne von 500 000 Mark, 300 000 Mark und 200 000 Mark sind geblieben. Rur die Zahl Der Lose ist um 17 600 vermehrt worden Bisher gdb es 800 003 Lose, woraus 33 403 entfielen Die Zahl der Lose ist die gleiche geblieben, doch werden jetzt 348 000 Gewinne au-geschüttet. DaS war aber nur möglich, wenn wie eS ja auch geschah, daS Epieikapital von 63 Millionen auf 114 Millionen erhöht wurde, wenn also die Lospreise teurer wurden. Sin ganzes LoS kostet 200 Mark, daS heißt also in jeder Klasse 40 Mark. Mit anderen Lotterien verglichen, ist daS nicht viel. Die Sächsische Klassenlotterie hat bi-her 200 Mark gefordert und erhöht den LoSpreiS auf 250 Mark, die Hamburger Lotterie, deren Ganz- loS bisher 168 Mark rottete, geht ebenfalls auf 205 Mark hinauf. Sämtliche wichtigen ausländischen Lotterien sind teurer als die deutschen und geben dem Spielenden nicht die Chancen, die er bei unS hat. Bisher entfielen auf je zwei bis drei Lose ein Gewinn Rach der Reuregelung wird fast jedeS zweite Los einen Gewinn ziehen! LlebrigenS muß Darauf hingewiesen werden, daß bereits vor dem Kriege d e Preußisch-Süddeutsche Klassenlotterie schon einmal 200 Mark für daS ganze LoS gefordert hat, und damals waren 5 Mark für ein Achtel ein ganz bedeutender Betrag.
Die Lotterieeinnehmer find sich darüber im Klaren, daß eine ganze Reihe von Leuten die bisher gespielt haben, infolge der Erhöhung der Lospreise abspringen werden. Aber sie sagen sich, daß die meisten von ihnen nach einiger Zeit wiederkommen und daß neue Kreise bestimmt für die Lotterie gewonnen werden, weil jeder bei der Reuregelung ganz andere Aussichten hat zu gewinnen, und zwar wird gerade ber ilm- stand, daß die mittleren Gewinne von 3000 biS 10 000 Mark an Zahl zugenommen haben, der Lotterie neue Kunden zuführen
flieger seine Kreise zieht. Ein Schlagbaum. Grenze. Deutsch sprechen de Beamte. Vor uns össnet sich — ein Paradies deS Friedens — Deutschöskerreich.
Oer Ieppelinschreck.
Don einem sich zur Zeit in Dijon aushaltenden Gießener Studenten wird unS geschriebene Al« nach der Rordlandsahrt bet »Gras Zeppelin" daS letztemal Frankreich überflog, gerieten die Einwohner von Chenove, einem größeren Dorfe in der Räbe von Dijon, in Helle Aufregung. Sie veröffentlichten am nächsten Tage folgende«: »Während man noch unter dem Eindruck Der jüngst vergangenen und traurigen Räumung deS RheinlandeS kribbelige Rerven hat, hat der ununterbrochene Marsch deS .Boche" unS ein unbestimmtes Unbehagen verursacht. Wir haben gehört, wie ein Greis diesen AuSruf hervorstieß: „Oh mon pauvre pays bien aim£!“ »Oh mein arrneS geliebte« Dater- land!“ Wogegen eine sonst tapfere und heldenmütige Frau heiße Tränen weinte in der Erinnerung an ihren im Kriege gefallenen Sohn. Daß man den Deutschen erlaubt, unser Land zu überfliegen, geht noch an, könnten sie eS aber nicht mit mehr Zurückhaltung und Stillfchweigen tun?“ Dazu muß man aber wissen, daß der Gras Zeppelin nur mit zwei oder Drei Motoren flog und daher so wenig außergewöhnlichen Lärm verursachte, daß Die meisten Menschen den unerwarteten Gast gar nicht gesehen haben, in der Meinung, eS sei vielleicht eines der tagtäglichen Fliegergeschwader. Auch daß man hier im allgemeinen der Ansicht ist, der »Gras Zeppelin" sei ganz auS Metall und so gut wie unverletzlich und daß man sich nicht eine- besseren be ehren lassen will, zeigt deutlich ihre Einstellung Deutschland gegenüber.
Mieterhöhung in Darmstadt.
WSR. Darmstadt. 29. Iuli. DaS Desamtministerium hat die gesetzliche Miete in der Stadt Darmstadt mit Rückwirkung ab 1. Ahril aus 124 b. H. der FrtedenSmtete festgesetzt.
steirischer Deutscher — den wilden Strom mit einem Motorboot zu befahren. Auf dem benachbarten Hauptplatz läuft ein nicht minder seltenes Schauspiel ab, hören wir doch — wir trauen kaum unseren Ohren — vielstimmigen deutschen Chorgesang im Wechsel mit deutschen Ansprachen. Es reden Slowenen, die so einen durchreisenden Züricher Gesangverein begrüßen. Ein Lichtblick in duldsamere Zukunst? Wer könnte eS zu hoffen wagen unter dem RathauSerker, auf dem am 27. Ianuar 1919 der Vorsitzende des interalliierten Grenzsestsehungs- auSschusseS und spätere Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, C o o 1 i d g e, ftanb, während in die friedlich ihr Deutschtum bekennenden Marburger Männer. Frauen und Kinder slowenische Banden hineinschossen, ein Blutbad, daS heute noch, trotz Kenntnis der Täter, ungesühnt ist. Wie heute die »Freiheit" aussieht, zeigt die erzwungene Hebung vieler, gerade auch deutscher Gastwirte, bei jeder Rechnung laut Quittungsaufdruck vorweg eine .freiwillige" Spende für den südslawischen Sokol »einzuheben".
Der Weg von Marburg nordwärts führt an einem Kirchhof vorbei, dessen Grabhügel man eingeebnet, Die Steine zerschlagen. Die Bäumchen umgebrochen hat, weil es — »bloß deutsche Gräber" waren. Lind der letzte Bahnhof auf südslawhch gewordenem Boden steht neben dem Anwesen des Arztes Morocutti, Der von Amts wegen brotlos gemacht würbe, weil er es gewagt hatte, ein Buch über deutsch-südslaSische Verständigung zu schreiben und dabei die heutigen Zustände im untersteirischen Dreieck zu streifen. Hart an Der Grenze stürmen ein paar mazedonische Kompanien durch Die Weingärten, während hoch oben ein südslawischer Militär
Oer Kommunistenputsch bei Opel vor Gericht.
WEN. Darmstadt. 29. Juli. Am 25. August wird vor Dem Bezirksschöffengericht Darmstadt Der Prozeß wegen Des Kommu- nistenputsches in Den Opelwerken beginnen. Es ist eine Woche für Den Prozeß vorgesehen; 11 Angeklagte und 70 Zeugen werDen auftreten. Um Störungen zu verhinDern, wirD ein starkes Polizeiaufgebot für DrDnung sorgen. Für Die Zuhörer werDen Karten ausgegeben.
Heimatforscher Hermann Oiehl f.
WSR. Groß-Gerau, 29. Iuli. Der Heimatforscher und Ehrenbürger derStadt Groß-Gerau Wilhelm Hermann Diehl ist heute nacht an den Folgen einer Krankheit, Die er sich in Den letzten Tagen zugezogen hatte, geworben. Die Stadt Groß-Gerau verliert mit ihm den bedeutendsten Bürger und den verdienstvollen Heimatforscher, der sein ganze- Leben der Arbeit für Die Geltung des Gerauer Lande- gewidmet hat. Gr war Der Gründer de- Heimatmuseum- und der Verfasser der Heimatchronik.
Taten für Donnerstag, 31. Juli.
Sonnenaufgang 4.21 Llhr: Sonnenuntergang 19.50 Llhr. — Mondaufgang 11.47 Llhr: Monduntergang 22.16 Llhr.
1843: Der Schriftsteller Peter Rosegger in Alpl bei Krieglach geboren: — 1914: Der französische Politiker Iean Iaurö- in Paris ermorDeL
Barbara heiratete, wo ich Doch wußte, daß sie ■ nur die Ehe einging, um den Eltern das Leben zu erleichtern."
»Hören Eie mal, mein lieber Much: Run machen Eie aber gefälligst einen Punkt", polterte Der alte Herr los. »Sie haben Ihre Frau lieb, Barbara hat alles, was sie will, keine Sorgen, Wohlleben in Hülle und Fülle, ja. du Hebe Zeit, was fehlt denn noch? Welche Frau hat es so gut wie sie? Ree, nee, lassen Sie sich doch von dem modernen Gedudel nicht anstecken. Ich kenne sie schon, die kleinen Frauen mit ihrem modernen Fimmel!"
»Meinen Sie?" fragte Much schon halb beruhigt.
»Allerdings — das meine ich Ach, lieber Freund, ich bin ein alter Praktikus, das können Eie mir glauben. Zeigen Sie mir die Frau, die sich nicht mehr oder weniger unverstanden und leidend vorkommt. Lassen Sie mal einer Frau ihre absolute Selbständigkeit — Sie erleben ihr himmelblaue- Wunder. Es überlegt sich eine jede sehr wohl, ob sie den sicheren Herd aufgeben soll, wenn sie vor die Rotwendigkeit einer Entscheidung gestellt wird. Lind jetzt: Ruhe. Ruhe, mein Bester. Schlafen Sie ein wenig, essen Sie etwas Gutes. — Schwester Irene", wandte er sich an die Eintretende, »sorgen Sie gut für Herrn Much, ich empfehle ihn Ihrer Sorgfalt ganz besonders an."
Schwester Irene war an daS Fußende des Bettes getreten.
.Herr Doktor können versichert sein, daß ich mein Bestes tun werde", erwiderte sie mit ihrer tiefen, leise vibrierenden Altstimme.
»Auf Wiedersehen denn." Der Arzt schüttelte Muchs Hand, nickte Der Schwester väterlich zu und verließ das Zimmer;
Much schloß ermüdet die Augen, daS Sprechen strengte ihn doch noch recht an.
Schwester Irene sah in eine Handarbeit vertieft am Fenster. Ein verstohlener Blick glitt hin und wieder zu Dem Kranken hinüber. Als fte bemerkte, daß er eingeschlasen war, ging sie behutsam aus dem Zimmer. Sie trat auf die Deraicha und schaute in den Garten. Die Dämmerung begann. Auf einmal kam es ihr so vor, als ginge jemand den Gartenweg entlang.
Scheinbar unabsichtlich und in tiefe Gedanken versunken, wanderte sie gleichfalls denselben Weg hinunter. Sie hatte richtig geahnt: es war Reginald Eontius, Der Da langsam auf und ab schritt.
Eie ging so leise hinter ihm her, daß er sie gar nicht bemerkte, und blieb bann, scheinbar in die Betrachtung eines Strauche« vertieft, so dicht hinter ihm stehen, daß er, al« er sich umwandte. mit ihr zusammenprallte.
Reginald fuhr aus seinem Sinnen empor, unangenehm berührt, in seiner Versunkenheit so plötzlich gestört zu werden.
»Verzeihung, Schwester, ich hatte Sie wirklich nicht bemerkt , entschuldigte er sich kühl.
»Ich gleichfalls nicht, Herr ContiuS", gab fie zurück. Sie war ftehengeblieben und sah iyn von unten heraus mit einem leicht spöttischen Lächeln an.
Reginald bemerkte e« und ärgerte sich. Ihm war die Schwester unsympathisch, ihre lautlose Art irritierte ihn.
.Wie geht es Herrn Much?" fragte er kurz.
»Danke, viel besser", erwiderte sie.
»Ich hätte ihn gern gesprochen. Vielleicht fragen Sie ihn bitte, ob es ihm jetzt recht ist", sagte Reginald, und seine Worte klangen fast wie ein Befehl.
»Gedulden Sie sich doch noch ein wenig: er schläft augenblicklich. Er soll viel Ruhe haben, sagt der Arzt. Ich denke, in einer Stunde wird er wieder wach sein. Hat's nicht noch so lange Zeit?" fragte sie und lächelte zu Reginald hinauf.
»Aber natürlich", versetzte dieser.
»Lassen Sie uns noch einen kleinen Gang durch den Garten machen", bat die Schwester mit ihrer weichen Stimme, »ich habe Angst, allein durch den dämmrigen Garten zu gehen. Lind ich bin noch nicht an die Luft gekommen.“
Reginald war durchaus nicht in Der Verfassung, mit einem fremden Menschen über gleichgültige Dinge zu sprechen. Aber er war zu höflich, um einer Frau eine direkte Ditte rund abzu« fd)lagen. Außerdem konnte er Much im Augenblick doch nicht sprechen.
So machte er nur eine kurze Verbeugung, unb beibe gingen nebeneinander durch den ©arten. Reginald schwieg beharrlich.
Aber bald fragte die Schwester: »Sie find offenbar von Ihren Gedanken sehr in Anspruch genommen. Herr Contius?“
»O ja", versetzte er abweisend, »es gibt genug in diesem Hause, worüber man nach denken rann.8
»Sie sollten nicht so viel denken. Sie sehen schon ganz angegriffen aus. Man muß das Leben nehmen, wie es sich einem bietet“ . „■
" ' (Fortsetzung folgt) -


