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ircröc er für den 21 ntvag der Stadtver­waltung stimmen. Wer gegen eine solche Entscheidung Dorwürfe erheben wolle, müsse sich doch selbst einmal die Frage vorlegen, was kom­men werde, wenn das Haus ablehne. Wenn die Steuercrhöhung abgelehnt werde, seien noch die Werktarise da, bei denen dann zur Deckung des Fehlbetrags die Preise wie folgt steigen würden: Elektrizität von 49 Pf. auf 63 Pf. je Kilowatt­stunde, Das von 21 Pf. aus 30 Pf. je Kubikmeter. Messer von 25 Pf. auf 40 Pf. je Kubikmeter. Eine solche Tariferhöhung könne man nicht mit- machen, beute werde der Elektrizitätsstrom in Wieseck billiger abgegeben als in Diesten. Wenn alle diese Wege nicht gegangen würden, werde totsicher der S t a a t s k o m m i f s a r kommen, und dieser werde ein hundertprozentiger Finanz- diktawr sein. Er solle aber nicht nur die Ein­nahme-, sondern auch die Ausgabeseite prüfen. Gr werde die Steuersätze und vielleicht auch die Höhe der Werktarife vorfchreiben. Wenn er wo­möglich aus der Ausgabenseite nichts zu streichen finden werde, dürste er die Ginnahmeseite ganz anders gestalten als der Stadtrat. Das werde nicht besser, sondern sicher schlimmer werden. Das Handwerk hungere nach Qlrbci., und die Auf­träge kämen nur spärlich. Für gröbere Arbeiten fei jetzt nur die Stadt der größte Arbeitgeber, der Aufträge zu vergeben habe. Bei dieser Lage sei es denkbar, dast man im Handwerk lieber eine Erhöhung der Gewerbesteuer in Kauf nehme, als eine Stillegung der Betriebe. Furchtbar sei nicht die S t e u e r e r h ö h u n g, sondern dast sie in diesem Augenblick komme. Unter diesen Umständen sei es zu verantworten, was die Ver­waltung wolle. Wenn heute der Antrag der Verwaltung angenommen werde, dürfte es wohl heftige Kritik in der Stadi geben, aber nach einem halben Jahr dürften dieselben Bürger dem Hanse schwere Vorwürse machen, wenn henke abgelehnt werde. Ans diesen Erwägungen heraus sei er für ben DerwaltungSantrag.

Gtabiraismitgl. Goerz (ArbeitSgem. der Mitte) nimmt zunächst Stellung gegen die von Herrn Horn schon kritisierte Begründung des Ver­waltungsantrages, gegen die auch er sich ver­wahrt, und erinnert daran, dast der Stadtrat in diesem Jahre schon rund 700 000 Mk. Aus- gleichsmittel bewilligte, die noch nie in diesem Ausmaß angesordert wurden. Wenn dieser hohe Betrag zur Verfügung gestellt wurde, so sei damit erwiesen, dast der Stadtrat fick seiner Verantwortung bewußt sei. Es sei daher sehr bedauerlich, daß die Stadtverwaltung in der Antragsbegründung unhaltbare Angriffe gegen den Stadtrat erhoben habe. Auch in den frühe­ren Jahren habe der Stadtrat immer in aus­reichender Weise Mittel zur Verfügung gestellt: so seien nach den Rechnungsabschlüssen allein beim Wohlfahrtsamt folgende Beträge gegen­über den Bewilligungen übrig geblieben: 1925 -- 262 000 Mk., 1926 96 000 Mk.. 1927

245000 Mk., 1928 - 120 000 Mk. Diese Be­träge seien inzwischen für andere Etatspositionen verausgabt worden, die man nicht hätte ein« halten können. Wenn man zur Zeit der Be­willigung diese Zisfern erwartet hätte, wäre man noch nicht einmal auf die bisherigen Ausschlags- sätze gekommen. Der Stadtrat sei also seiner Ver­pflichtung für die Stadt nachgekommen.

Der Redner kritisiert dann eingehend die von der Verwaltung in der Begründung ihres Antrages veröffentlichte Gegenüberstellung der Sähe in den verschiedensten hessischen Städten und, zieht dabei einen Vergleich zwischen den Grundsteuersähen für Gebäude in Gießen und in Mainz, wobei er zu dem Ergebnis kommt, daß Gießen unter Berücksichtigung von Rebenleistun- gen. die in Mainz in dem Ausschlagssatz ent- halten sind, auf den gleichen Satz von 70 Pf. wie in ganz Hessen kommt. Der Redner erklärt mit Rachdruck, die Zahlen der Verwaltung seien

Die kleine Aicolette.

Vornan von Paul Hain

5. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

2lber Wördehofs stand aus, lachte kurz, und wandte sich ab.

..Ich sehe, wir verstehen uns wirklich nicht", sagte er nur und ging hinaus.

Rorma blickte ihm nach.

Stampfte mit dem Fuß auf.

Wie stolz er davonfchritt! Den Kops in den Racken geworfen. Sich verächtlich von ihrer sieg­haften Schönheit abwendend!

Gr blieb ein Rarr.

Er lieh sich nicht bekehren. Er änderte nichts oh dem Stück. Und sie hattL so grohe Hoff­nungen gehabt!

Was sollte sie nun Hollmann sagen?

Die Tür fiel ins Schlost. Sie war wieder allein. Aergerlich ging sie auf und ab. Betrachtete in dem hohen Spiegel ihr Bild.

Und diese Frau, die ihr da entgegenblickte, sollte keinen Zauber mehr auf Hubert aus­üben? Hatte er sie wirklich so gut durch­schaut? Lebte er doch im Innersten in einer anderen Well als sie? Hatte ihn nur ihr Ruhm, ihre Persönlichkeit berauscht? Und war der Rausch vorbei?

Mißmutig lehrte sie sich ab.

llcbcrlcgtc eine kurze Weile.

Dann schritt sie zum Telephon und nahm den Hörer aus der Gabel.

..Hallo"

Die Verbindung war hergestellt.

Duchholh. Sie selbst? Danke, wie soll's gehen? Einen Tip? Hm, andermal. Ihr letzter Tip war eine so fette Pleite, dast ich genug davon habe. Wie? Richt vorauszusehen gewesen, daß sich das Pferd die Sehne zerreißt? Ra ja. 2llso, hören Sie mal. Ich bin heute schlechter Laune, und Im Theater hab' Ich nichts zu tun. Wollen Sie mitkommen zum Spielllub? Sie wissen doch Rouge et noir." Schön, abgemacht! Wie? Var- nowsky macht mit, der Maler? Auch gut. Retter Mann. Die silberne Medaille gekriegt? Der junge Mensch? Sein, fein, ich werd' Ihm heute persönlich gratulieren. Scheint ja eine große Zukunft zu haben, der Barnowsky! (Sin Maler unserer Zeit, natürlich! DaS gefällt mir an ihm. Wie?"

Sie lachte klingend auf.

..Lassen Sie ihn doch schwärmen, Buchholtz. Es schwärmen ja so viele für mich. Vielleicht schwärme ich auch noch für ihn! Aber dann muß er schon die goldne Medaille kriegen. Eher nicht. Oder ab, Sie Frechdachs.' Also im

Irreführend, er wünsche, oaß das zur Veröf­fentlichung kommende Material hieb- und stich­fest sei. Die Vorwürfe der Verwaltung seien durchaus unangebracht, auch frühere Stadtrats­mitglieder seien empört über diese Vorwürse. Der Redner fordert zum Schluffe von der Aeichs- gesetzgebung andere, gerechtere Grundlagen für die Steuern der Kommunen zur wirksamen Aus- rech ter Haltung der kommunalen Selbstverwal­tung: z. V. Dchasung einer Gemeindeeinkommen­steuer. Wenn heute, nachdem die Aeichsregle- rung durch ihre Rotverordnung vom 24. Dezem­ber die Rückwirkung der Steuer ab 1. April for­dere, der Antrag der Verwaltung angenom­men werde, sei vielleicht später manches aus­zugleichen. Der Stadtrat habe die Möglichkeit, die Sache in seinem Sinne au führen und Härten zu beseitigen, wenn er sich den Beschluß nicht aus der Hand nehmen lasse. Wenn aber der Staatskommissar komme, werde diese Mög­lichkeit nicht gegeben fein. Bei dieser Erwägung entscheide er sich, wenn auch schweren Herzens, für den Antrag der Stadtverwal­tung.

Stadtratömiigl.Launsipach(Wirtschpt.) betont, feine Fraktion könne die Verantwortung nicht auf sich nehmen, einer Steuererhöhung zuzu- stlmmen, weil sie heute schon wisse, daß die meisten nicht mehr zahlen könnten. Handel und Gewerbe sollten weiter belastet werden, während die Stadt uneingeschränkt leben wolle. Die Stadt müsse ihre Ausgaben nach den Einnahinen richten, nicht um­gekehrt. Mit der Drohung des Staatskom- missars möge es kommen, wie es wolle, auch der Staatskommissar könne nur Brot essen, wenn er welches habe. Von ' den kleinen Handwerks­meistern habe ein großer Teil nicht das Ein­kommen, das heute ein Wohlfahrtsempfänger be­komme. Seine Fraktion wehre sich gegen diese Steuern, wie sich die Sozialdemokratie gegen die 6 Mk. Bürgersteuer gewehrt habe.

ötobfratemitgL Kästner (Komm.) und Loh (Nats.)

sprechen sich gegen die Vorlage aus, wobei Herr Loh von einerAusplünderung der Armen" in Reich, Staat und Kommunen f pricht, den Abbau der oberen Gehälter fordert und fragt, wo die Besteuerung der Konsumvereine bleibe.

Stadtraismitgl. Horn (Arbg. d. Mitte) weist die 'Behauptung des Herrn QH a n n ent­schieden zurück, dast die Arbeitsgemeinschaft der Mitte in Abhängigkeit von der Wirtschaftspartei geraten fei, seitdem diese im Stadtrat weile. Diese Behauptung sei unzutrefsend. Sehr oft habe sich gezeigt, daß die 2lrbeitsgeineinschaft folge­richtig ihren Weg allein gegangen fei und ihre Anträge zur Annahme gebracht habe. DieDeutsche Vo kspartei mache jetzt im Reich und Staat allent­halben Front dagegen, dast noch in zwölfter Stunde Steuern erhöht würden: wenn sie hier trotz allerschwerster Bedenken und trotz der Hal­tung der Partei im Reich und Staat bereit sei, unter Ablehnung der Rückwirkung ab 1. April mit Geltung vom 1. Dezember ab weitere Lasten zu beschließen, so beweise das, in welch hohem Maste sie sich verantwortlich fiir die Entwicklung der Stadt fühle.

Stadttaismitgl.Loeber(Arbg.d.Mitte) erklärt als Vertreter des Handwerks, daß der An­trag der Stadtverwaltung in der jetzigen schweren Zelt ihm im ersten Augenblick unverständlich gewesen sei. Wenn man sich ober bei diesem Dilemma von heute in die Lage der Stadtverwaltung versetze, dürfe man der Stadtverwaltung nickst allein die Schuld geben. Schuld daran feien auch viele Mit­glieder des Stadtrats. Der ÖDcrbürgcrmciftcr habe oft darauf aufmerksam aemacht, daß die mancherlei Projekte auch Geld kosten und die Zinsen dafür nur durch Steuern hcreingeholt werden könnten. Aber in der letzten Zeit habe der Oberbürgermeister

zu sehr der ümten nachgegeben und sich von Herrn Mann beeinflussen lassen, und das sei mit Schuld an dem Dilemma. Nachdem von der Zentrale der Sozialdemokratischen Partei den sozialdemokratischen Parteivertretern in den Stadtparlamenten die Real, stenererhöhung noch vor dem 31. Dezember drin­gend nahegeleat worden sei, habe Herr Mann auch hier sein Möglichstes in diesem Sinne getan. Es sei leicht, Steuern zu bewilligen, wenn man selbst nicht dazu beitrage. Wie gehe es heute den meisten Ge- schästsleuten? Man könne noch nicht einmal sein Haus renovieren lassen, weil man das Geld dazu nicht habe, weil man zu sehr mit Steuern über­lastet sei. Sei es denn kein Unrecht, ein Haus, das im Jahre 1913 einen Steuerwert von 20 000 Mark hatte, heute aber nur noch einen Wert von 10 000 Mark darstelle, für die Steuer mit 20 000 Mark zu bewerten? Wo sei da noch Gerechitgkelt? Auf solchem Unrecht sei das ganze Steuerwesen aufgebaut. Dieses Unrecht hätte schon längst beseitigt werden müssen. Richtig wäre die Einführung der progressiven Ein- fommcnftcuer. Für den Grundbesitz an Gebäuden solle jetzt 2 v. H. mehr Miete gewährt werden, aber für den Besitzer von Bauplätzen schaffe man noch nicht einmal einen Groschen Erleichterung. Auf dem unbebauten Grundbesitz lasteten heute sieben Steuern, das sei die kalte Sozialisierung. Das könne nicht als gerecht angesehen werden. Die Gewerbesteuer­erhöhung allein mache es nicht, sondern die g c f a m t e Steuerlast erdrossele den Handwerker. Mancher Handwerker habe noch einen gewissen Stolz, daß er nicht stempeln gehe, obwohl es ihm immer schlechter gehe, vielleicht noch schlechter als manchem Arbeitslosen. Der Redner fordert zum Schluß Gerechtigkeit auch für das Handwerk und Gewerbe, damit es wieder hochkomme, Gerechtigkeit für jeden Stand.

Stadttaiöniitgl. Lepper (Komm.) spricht gleichfalls gegen die Vorlage, wobei er er« klärt, die Verwaltung gehe darauf aus, die Klein» ften auszupowern.

Beigeordneter Or. Hamm

bemerkt zu diesem Vorwurf des Vorredners, Herr Lepper habe allen Anlast, zu schwei­ge n, nachdem er als Stadtratsmitglied einen Erwerbslosen veranlastt habe, der Stadtverwal­tung bei einer Unterstühungssache bewußt un­wahre Angaben zu machen. (Hört! Hört!) Diese Erklärung des Erwerbslosen sei portokollicrt und befinde sich bei den Akten. Der Mann habe angeben sollen, seine Frau befinde sich hier In der Klinik, obwohl seine Familie gar nicht hier wohne.

Stadttaismiigl. Mann (Soz.) spricht gegen den Antrag der Arbeitsgemein­schaft der Mitte, den er als gesetzlich nicht zulässig bezeichnet.

Siadttaismiigl. Or. Gumbel (Soz.) vertritt in längeren Ausführungen nochmals den sozialdemokratischen Standpunkt und fordert Annahme des Antrages der Stadtverwaltung mit Ausnahme der Mieterhöhung.

Hierauf gelangt ein Antrag der Wirtschafts­partei auf Schluß der Debatte zur An­nahme.

Nie Abstimmung.

Zur Entscheidung steht zunächst der oben abge­druckte Antrag der Stadtverwaltung.

Ferner liegt der folgende 21 n t r a g de r Ar­beitsgemeinschaft der Mitte vor:

Anträge der Fraktion Arbeitsgemeinschaft der Mitte.

l.

1 Der Hundertsatz der gesetzlichen Miete wird ab 1. 12. 1930 um 2 Prozent erhöht.

2. Das Wassergeld wird vom 1. 1. 1931 ab von 25 auf 28 Pf. je Kubrkiyeter erhöht.

3. Der Stadtratsbeschluß vom 28. 11. 1930 über die Erhebung einer Wasseranschluh. gebühr wird aufgehoben.

Oer 70jährige Bölfche.

V 1

1

WilhelrnBölsche.der Autor zahlreicher natur­philosophischer Werke über Kosmos und Erde, über Werden und Leben von Tier und Mensch, wird am 2. Januar 70 Jahre alt. In Bölsches Büchern vereint sich in einzigartiger Weise wissenschaftlicher Wert mit dichterischer Form.

4. Mit Wirkung vom 1. 12. 1930 werden er­höht:

a) die Gewerbesteuer vom Ertrag von 220 auf 280 Ps.

b)Die Grundsteuer von Gebäuden von 27 auf 33 Pf.; der Satz für Bauplätze bleibt mit 27 Pst bestehen.

Diese Anträge werden unter der Voraus­setzung vorgelegt, daß bei Beratung des Qtor* anschlags 1931 über eine mögliche Senkung des Wassergeldes sowie der Realsteuersätze erneut beraten werden soll.

II.

Anter der Voraussetzung, daß der Finanz­ausschuß ermächtigt wird, bei vorliegend den Härten

a) bei Veranlagung von Bguplätzen,

b) bei der Gewerbesteuer vom Kapital von dem Milderungsparagraphen (aus Dilligkeitsgründen) Gebrauch zu machen, wird auch dein Antrag der Verwaltung zu- g e stimmt, allerdings nur, wenn die erhöhte,» Sätze ab 1. 12. 1930 in Kraft treten, um hierdurch zu der Einigung mit der Verwaltung zu kommen»

Anträge über denAbstimmungHnwdttö

Die sozialdemokratische Fraktion bean­tragt, über den obenstehenden Verwaltungsantrag Satz für Sah ab st im men zu lassen.

Stadtratsmitgl. Goerz (Arbgem. d. Mitte» be­antragt demgegenüber g e s ch l o s s e n e A b st i m- mung über den Verwaltungsantrag, worauf Herr Mann (Soz.) erklärt, daß seine Fraktion in diesem Falle geschlossen gegen den Ver­waltungsantrag stimmen werde. Oberbürgermei­ster Dr. Keller empfiehlt geschlossene Ab­stimmung.

Das Haus lehnt den sozialdemokratischen An­trag auf getrennte Abstimmung gegen die Stimmen der Linken a b und entscheidet sich für die geschlossene Abstimmung.

Oie Entscheidung.

Für den Antrag der Stadtverwal­tung (f. oben) stimmen die oben genannten Mit­glieder der Verwaltung und die Stadtratsmitglieder Fischer, Goerz, Jrau Dr. Marx und £eop. Mayer; dagegen stimmen 17 Mitglieder, die

Bild? Um neun Uhr, ja. Und schön wie eine Königin. Addio auf Wiedersehen!"

Sie legte den Hörer zurück.

Ihr Gesicht hatte sich mit einer seinen Röte überzogen. Mit langsamen, wiegenden Schritten ging sie in ihr Boudoir hinüber.

4.

Während einige ©tunben später Rorma im Auto davonfuhr, um sich mit Buchholtz und Barnowsky zu treffen und in einem mondänen Spielklub der prickelnden Rervensensation der Karten oder der glückbringenden roten Kugel hinzugeben, wanderte Wördehofs in seinem Studio auf und ab.

Die Hände in die Taschen vergraben.

Dunkelheit war um ihn. Gr hatte kein Ver­langen danach, das elektrische Licht anspringen zu lassen.

Erinnerung war in ihm wach geworden, von Rormas spottvollen Worten geweckt.

Ricolette Kinna! Hut) der Professor!

Hatte Qlorma doch recht gehabt? llnfinn! Sv nicht, wie sie es meinte.

llnö dennoch! Er wußte es jetzt mit einem Schlage selbst. Die Helge in seinem Stück sie trug Ricoleties Züge. Unbewußt hatte er da etwas von dem Wesen dieses jungen Mädchens hineingetragen und es war schon so: Seit damals, da er die Belanntschast des Professors und seiner Tochter machte, war der alte Wörde- hoff in ihm, der ohne gesellschastlichen Ehrgeiz war, ohne Großtuerei, wieder lebendig gewor­den. Seit damals, da er ein paarmal die reine Aähe dieses Mädchens, ihre zarte Ratürlichkeit geatmet hatte, war ihm wieder der Blick für die geschminkte, gekünstelte Umwelt, in der er lebte, geschärft worden.

3a, jetzt wußte er es. Damals hatte fein Er­wachen begonnen.

Und hatte das wirklich Qilcolcltc bewirkt? War es nicht einfach die Klarheit und Rein­heit eines Menschenwesens gewesen, das für wenige Wochen in seine Kreise getreten war?

Schicksal!

'Daß er bewußt ihr nachgeträumt hätte, nach­her, nein, darin hatte Rorma nicht recht! Es war alles so unbewußt und ohne Ziel gewesen.

Run aber wurde alles lebendig in ihm.

Professor Kinna!

Ein alter Herr, deutlich sah er das Gesicht vor sich, der als Liederkonrponist bedeutend war und viele Jahre lang die Breslauer Oper leitete. Wördehofs hatte ihn persönlich nie gekannt. Dann hieß es in Theaterkreisen, daß Kinna, dessen Gattin schon lange tot war, sich ins Privatleben zurückziehen wolle. Hier und da versuchte inan, ihn noch für einige Gastspiele als Dirigent vor- übergehend zu gewinnen. Und so hatte er auch hier an HollmannS Bühne im Herbst einige.

Wochen lang gewirkt. Es war sein letztes En­gagement. Hollmann hatte bei dieser schnell im­provisierten Opernepisode fein schlechtes Geschäft gemacht.

So wurde Wördehofs mit ihm bekannt. Es war eine flüchtige Bekanntschaft, die sich eigentlich nur auf die Begegnungen im Theater beschränkte. Einmal kam man auf einer größeren Gesellig­keit zusammen, aber Kinna liebte die Buntheit und die laute Lebendigkeit solcher Feste nicht mehr.

Und Ricolette?

O ja, Wördehofs entsann sich deutlich ihres liebreizenden, immer etwas scheuen Wesens, und wenn er einige Worte mit ihr sprach, so fühlte er sich seltsam froh. Sie war ein letztes, spätes, kost­bares Vermächtnis der toten Mutter, so hatte sich einmal Kinna ausgedrückt. Und es war ein schöner Qlnblid, Vater und Tochter zusammen­zusehen. Sie mußte mit einer innigen Zärtlichkeit an ihm hängen.

Rorma schien nicht sonderlich viel von Kinna zu halten, und sie sagte damals einmal zu ihrem Gatten auch dessen erinnerte er sich nun:Ex ist ein alter Mann. Man sieht ihm an, daß ihm der Taktstock schon zu schwer wird. Er tut gut daran, daß er.den Platz Jüngeren räumt und sich nur noch der Liederkomposition widmen will."

Mit Ricolette hatte sie kaum einige Worte gesprochen sie, die große Rorma 2kelson! Wahrhastig, er hatte nicht einmal Gelegenheit gehabt, sie als seine Frau vorzustellen. Sie war eben die Relson.

3a so flüchtig war diese Bekanntschaft ge­wesen.

Und dennoch! Sie mußte doch zutiefst in ihm nachgeklungen haben!

3etzt wie deutlich sah er Ricoleties helle Augen schimmern!

Qiicolcttci Ein absonderlicher Rame!

Hatte er ihn wirklich eben laut gesprochen?

Er lächelte in sich hinein.

Aber wie kam nun Rorma darauf ihn mit diesem Mädchen in Verbindung zu bringen? Also mußte sie doch schärfer auf ihn geachtet haben, damals, auf ihn und Ricolette Kinna. Ganz heimlich!

3a warum?

Und plötzlich dämmerte Ahnung In ihm.

_ Das war eben ganz Rorma Relson, die Salondame, die feine Beobachterin, Künstlerin, Schauspielerin auch im Privatleben.

Sie hatte beobachtet sich verbohrt in ben Ge­bauten - er könnte mit Ricolette Kinna - irgendwie harmonieren. DaS Wesen des Mäd­chens, ihre liebliche Anmut, die so ganz anders als ihre eigene starke Schönheit war, hatte sie wohl selbst mehr ergriffen, als sie erkennen lieh.

Dann aber war jene Episode vorbei. Kinna und seine Tochter verschwanden aii8 dem Gesichts­

kreis Rorma hielt es damals nicht für nötig, von ihrer vermeintlichen Beobachtung zu sprechen.

Sie - hatte das CBkrben seines neuen Stückes mitcrlcbt hatte gemerkt, viel besser ja als er, wie darin die Gestalt jenes Mädchens irgendwie weiterlebte. 3a doch er gab es selbst zu die Erinnerung mochte ihn hier inspiriert haben.

Aber Qiorma schwieg. Schwieg und amüsierte sich und zeigte immer deutlicher ihre wahre, kleine, menschliche Persönlichkeit. 2lus Zorn? Gleich­gültigkeit! Mußte er der kleinen 2licolette nicht dankbar sein, daß es war doch nicht anders sie so unbewußt, ahnungslos. Rorma Relson sich in ihrer wahren Gestalt zeigen lieh?

Daher ihre Abneigung gegen dieses Stück!

Sie glaubte es enthielte ein Geheimnis, daS Geheimnis seiner stillen Liebe zu einer andern. Und heute, da sie sich von ihm durch seine Vor­würfe gebemütigt fühlte, glaubte sie, einen Trumpf auszuspielen, wenn sie ihm zurief: ,3ch kenne dein Geheimnis! So sieht es aus!"

O wie sie irrte!

Wördehofs schüttelte unwillkürlich den Kopf.

Rein, so ist das nicht, Rorma", dachte er,so nicht! 3ch hatte Qlicolettc vergessen nur etwas von ihrem Wesen war in mir zurückgeblieben, von der Sehnsucht ihrer reinen, klaren Augen und von der leisen Musik ihrer Stimme. DaS erinnerte mich wohl wieder an mich selbst an meine Seele, die du nicht verstanden hast. 2iorma. Aber nun nun weiß ich, daß ich mich nicht mehr von deinen Lockungen werde beirren lassen. 3ch verrate meine Kunst nicht. 3cne Augen leuchten aus unbekannter Ferne zu mir und war­nen mich. Einmal wirst du das doch verstehen, Rorma, ich will dir jetzt nicht zürnen."

Und weiter wanderte er durch daS dunkle Zimmer auf und ab.

Wie einer, der in einem Käfig ist.

Und plötzlich blieb er stehen, legte die Hande auf die Stirn und murmelte:

Olein ich habe dich doch nicht vergessen, Ricolette! Rein, nein, sic hat recht! 3ch habe dich im tiefsten nicht vergessen, obwohl wir nur wenige Worte miteinander gesprochen haben. Wo bist du? Aus meinem Käfig grüße ich dich, du Ferne. 9Bo du auch seiest!"

Er sank in einen Sessel.

3dj habe mich selbst gefangen", dachte er müh­sam.3d) habe geglaubt, ich müßte einen bunten, schillernden Schmetterling besitzen, und da ich ihn habe, erkenne ich, daß seine Farben nicht echt sind. Ollan soll nicht sangen wollen, was nur zum Gaukeln bestimmt ist!"

Lange saß er so.

Die Zeit verrann. Gr merkte cS nicht. Er war mählich in Träume eingesponnen, eingeschlafen.

(Fortsetzung folgt.)