Nr. 280 Drittes Blatt
(Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhessen)
Samstag, 20. November 1930
Nachiragskredii für die Gießener Wohlfahrtspflege.
Zur Deckung der Mehrausgabe von 130000 Mk. Erhöhung der Werttarife und stärkere Inanspruchnahme von Betriebs- , rucklagen. — Gewährung einer Winterbeihilfe.
• ® t c 6 e n, 28. November 1930.
Der Stadtrat hatte sich in seiner heutigen Sitzung — wohl der letzten in diesem Jahre - noch mit einer großen Aufgabe zu beschäftigen Cs lag ihm ob. für die weitere Durchführung der Wohlfahrtspflege einen Nachtrags! re ditin Hohe von 1 30 000 Mark zu bewilligen und gleichzeitig über die erforderliche Deckung zu be- schließen Gewiß eine Aufgabe, die in den Tagen allgemeiner Preissenkungsbestrebungen an die Entschlußkraft des Stadtparlaments, hohe Anforderungen stellte, ilnö doch war nach der ganzen Sachlage kein anderer Ausweg gegeben, wenn die Erwählten unserer Bürgerschaft nicht ln dre gleiche Flucht aus der Berant-
°rcr Lu n 8 drallen wollten, die matt heutzutage vielfach in anderen Gemeinwesen beobachten kann und die dann das Eingreifen eines Staats- kommissars und damit die Preisgabe wichti- ger kommunaler Selbstverwaltungsrechte zur Folge hat. Stadtverwaltung und Finanzausschuß schlugen xur Beschaffung der erforderlichen Mittel eine E r h o h u n g d e r T a r i f e für Gas. Wasser in der Form von sog. Finanz- zufchlagen. ferner stärkere Entnahmen aus den Auflagen des Elektrizitätswerks und des Wasserwerks sowie eine andere Regelung bei der Anleiheablosungsschuld der Straßenbahn vor. Bei der Erhöhung des Wafserpreises soll die r-ast dadurch auf die breitesten Schultern delegt werden, daß dem Hausbesitzer das Recht der Umlage auf den Mieter € ingeraum tift. Dagegen halten die Verwaltung und der Finanzausschuß eine weitere Bela - itung durch Realsteuererhohung unter den gegenwärtigen Llmständen fürvölligaus- ae schlossen. Es soll also nicht eine einzelne Burgerschicht, oder ein besonderer Berufsstand allem zu der Mehrlast herangezogen werden, son- oern die Gesamtheit der Bürgerschaft soll auf dein Wege der indirekten Inanspruchnahme für etwa die Sjalfte der Mehrausgabe auf komm en. Wohl mancher Mitbürger wird angesichts dieser Deckungsoorschläge, wie überhaupt der Vach- tragskreditforderung der Meinung sein, daß diese Neuerscheinung in unserer Kommunalwirtschaft EJit Öen auf allgemeine Preissenkung gerichteten Bestrebungen unvereinbar sei. weil sie in ihrer Auswirkung hemmend sein werde für eine mög- 'lchtt nachhaltige Senkung des allgemeinen Preisniveaus. Es wird zuzugeben sein, daß hier ein gewisser Widerspruch zutage tritt, aber man darf dabei doch nicht übersehen, daß die Mehrlast für unseren Haushalt beim Wohlfahrtsamt en standen ift und auch hier nur die Auswirkung der gewaltigen Verschlechterung in unterem Wir.schaftsleben darstellt. Weiter darf man nicht außer Betracht lassen, daß einordnungsgemähgedeckter Haushaltsplan die unbedingte Voraussetzung für eine solide Finanz- w t r t scha f t i st. auf deren Grund allein die Angelegenheiten der Stadt in gedeih- Ii<f>er Weise erledigt werden können. Wenn man sich diese Gesichtspunkte vor Augen hält, so wird man doch zugeben müssen, daß die Mehrheit für die heutigen Stadtratsbeschlüsse richtig gehandelt hat. als sie den Vorschlägen des Finanzausschusses zustimmte und dabei auch den Grundsatz gelten ließ, daß eine finanzielle Ausgabelast der vorliegenden Art in gerechter Weise nur durch Inanspruchnahme der Bürgergesamtheit gedeckt werden kann. Es wäre nur
Su wünschen, daß eine baldmöglichste Verbesserst der allgemeinen Wirtschaftslage uns von dieser Mehrbelastung wieder befreit.
, 2" Erkenntnis der Notwendigkeiten
bewilligte der Etadtrat weiter einen Betrag von runb 50 000 Mk. für die Gewährung einer Wuterbeihi l f e an fürforgebebürf- 11 g e Bürger. Man wird diesem Beschluß nur zu stimmen können.
Sitzungsbericht.
Anwesend. Oberbürgermeister Dr. Keller, Bürgermeister Dr. Eeib, Beigeordneter Dr. Hamm und 40 Stadtratsmitglieder. Der Zu- horerraum ist dicht beseht.
Rachtragsetat
und Neckungsvoriagen.
Zunächst beschäftigt man sich mit einer Vorlage über Krediterwei terung f ü r den Voranschlag 1 9 3 0, sowie Bereitstellung Der erforderlichen Deckungsmittel. Ws Berichterstatter teilt Etadtratsmitglied Goerz mit, es handle sich um die Nachtrags- bettilligung weiterer Mittel f ü r Wohlfahrtszwecke. Bisher seien für die Wohlfahrtspflege 863 000 Mk. bewilligt worden, die aber nicht ausreichend seien. Im vorigen Iahre seien durchschnittlich 200 Parteien in der Für- sorge des Wohlfahrtsamtes gewesen, bis zum Oktober d. I. seien daraus 469 Parteien geworden. Die Zahl der betreuten Einzelpersonen fei von 524 auf 1228 gestiegen. Früher seien monatlich durchschnittlich 13 000 Mk. aufzuwenden gewesen, jetzt sei diese Summe aus 30 000 Mk. monatlich (25 000 Mk. für Barunterstühungen und 5000 Mk. für Sachleistungen) angewachsen. Für die zweite Hälfte des Rechnungsjahres fehle ein Betrag _ bon 180 000 Mk. Daß den Unterstützungsbedürftigen geholfen werden müsse, sei klar, und deshalb werde auch der Nachtragskredit beantragt. Ein für Notstandsarbeiten im Sommer bewilligter Kredit von 50 000 Mk. solle jetzt so behandelt werden, daß 25 000 Mk. auf die Vermögensrechnung und 25 000 Mk. auf die De- triebsrechnung kämen. Auf diese Weise könne der Nachtragskredit auf 130 000 M k. bemessen werden.
Lv solle also der Zuschuß zur Wohlfahrtspflege von 863 000 Mark um 130 000 Mark auf 993 000 Mark erhöht werden.
Die Deckung dieses Nachtraaskrebits solle auf Vorschlag des Finanzausschusses wie folgt vorgenommen werden.
1. Erhöhung des Flnanzzufchlags zum elektrischen Strompreis mit Wirkung vom 1. Dezember 1930 ab um 2 Pf., also von 3 auf 5 pf. je Kilowattstunde für L i ch t st r o m und von 2 auf 4 pf. je Kilowattstunde für Kraftstrom = Mehreinnahme 20000 Mark;
2. Erhebung eines 3 i n a n z; u s ch l a g s von
1 pf. je Kubikmeter Gas mit Wirkung vom 1. Dezember 1930 ab = Mehreinnahme 9000 Mark;
3. Erhebung einer 2l n s ch l v ß g e b ü h r von 5 pf. je Kubikmeter Wasser mit Wirkung vom 1. Januar 1931 ab. die von jedem Woh
nungsinhaber erhoben, vom Hausbesitzer eingezogen wird und durch eine Ortssahung näher zu regeln ist = Mehreinnahme 17 000 Mark;
4. Entnahme der von der Straßenbahn für die Jahre 1926 bis 1929 auszubringenden Beträge für Anleiheablösung nebst Zinsen in höhe von zusammen 21 370,60 Mark aus dem Rücklagefonds für Anleiheaufwertung = Wenigerausgabe 21 370,60 Mark;
5. Erhöhung des von dem Städtischen Lleklrizilälswerk abzuliefernden B e - lriebsüberschussesum 40 000 Mark, also von 338 000 Mark auf 378 000 Mark = Mehr- einnahme 40 000 Mark;
6. Erhöhung des von dem Städtischen Wasserwerke als Betriebsüberschuß abzuliesernden Betrags um 22 629,40 Mark, also von 157 706,95 Mark aus 180 336,35 Mark = Mehreinnahme 22 629,40 Mark.
(Die von der Stadtverwaltung beantragte Bier st euer war bereits im Finanzausschuß abgelehnt, d. h. bis zum nächsten Iahre z u - rück gestellt worden. D. Red.)
Die vorstehenden Anträge, so führt der Berichterstatter weiter aus, brächten den Betrag von 130 000 Mk., der aber nur für das laufende Rechnungsjahr bewilligt werde, um der gewaltigen Rot entgegenwirkcn zu können. Im Finanzausschuß habe keine Freude bei der Verabschiedung dieser Anträge geherrscht, aber die Rot zwinge dazu. Der Beschluß des Finanzausschusses sei mit Mehrheit gefaßt worden, das Haus möge zustimmen.
Oberbürgermeister Dr. Keller teilt sodann mit, daß folgende Anträge von den Fraktionen der Arbeitsgemeinschaft der Mitte und der Wirtschaftspartei eingegangen sind:
Die in den Anträgen 1, 2 und 3 beantragten Zinanzzuschläge bzw. Erhöhung werden nur insoweit bewilligt, als sie zu dem bei dem Wohlfahrtsamt entstehenden Fehlbetrag als Deckung notwendig sind. Die für 1931 erforderlichen Tarifpreise für Elektrizität, Gas und Wasser sollen bei der Beratung des Boranschlags für 1931 neu festgesetzt werden.
Der Preis für elektrischen Lichtstrom wird nur um 1 pf., also von 48 pf. auf 49 pf. erhöht, der Restbetrag wird auf die übrigen Tarife einschließlich des Kochstroms gleichmäßig verteilt.
Oie Aussprache.
Stadtratsmitgl. Mann (Loz.) weist zunächst daraus hin, dah er bereits bei der Beratung des Voranschlags b;c damals bewilligten Beträge als unzureichend bezeichnet habe. Er polemisiert sodann gegen die beiden bürgerlichen Fraktionen, denen er vorwirft, daß sie bei der Bewilligung von Steuermitteln bisher immer unzulängliche Realsteuersätze beschlossen hätten. Sodann betont er, daß aus den städtischen Werken heute einschl. der Zuschläge ein Betrag von rund 1 Million Mark jährlich herausgeholt werde, and er beanstandet die neue Belastung, die sich aus den vorstehenden Anträgen ergebe. Er weist weiter darauf hin, daß mit diesen Beschlüssen der Preis
abbau nicht gcsördert werde, und er erklärt schließlich, daß seine Fraktion den Deckungsvorschlägen! nicht zustimmen werde Zum Schluß fordert er die Erhöhung der Realsteuersätze aus den Durch- schnittssatz der zwölf wichtigeren hessischen Städte. Ltadkratc-milstl. Horn (Arbgcm b. Mitte) legt den grundsätzlichen Standpunkt seiner Frak- tion zu diesen Vorlagen dar. Er erklärt zunächst, für ihn sei es kein« Llebcrraschung. daß er sich in einem völligen grundsätzlichen Gegensatz zu Herrn Mann befinde. Bei der Beratung der Vorlage habe seine Fraktion seststellen müssen, daß die sozialdemokratische Zustimmung nur dann zu erreichen gewesen sei, wenn feine Fraktion zugestimmt hatte, daß die Realstcu?rn aus den Durch- schnittssatz der hessischen Städte gebracht werde, die Sozialdemokratie ha'e dann auch für die Biersteuer usw. stimmen wollen. Schon dadurch sei es zu der grundverschiedenen Auffassung gekommen. Heute müsse ein anderer Standpunkt vertreten werden. Der Redner fragt Herrn M a n n, ob er überzeugt sei, daß der Gewerbestand heute noch eine Steuererhöhung vertragen könne, ob nicht daS Höchstmaß an Steuern schon erreicht sei, daß Leute aus Verzweiflung! über Öen furchtbaren Steuerdruck sogar in den Tod gingen. So wie bisher könne cs nicht mehr weitergehen. <5eiiu Fraktion stehe vollkommen auf dem Standpunkt, daß die Realsteuern das Ausmaß des Zulässigen überschritten hätten. Zur Sozialdemokratie gewandt sagt der Redner: Haben Sie von Ihrer Seite etwas dafür getan, daß der Mittelstand gestärkt und kaufkräftiger wurde; das haben Sie nicht getan. Sie haben den Mittelstand nur bekämpft, Sie wollen mit Ihren Genossenschaften auch nur Verdienst machen. DaS muh hier offen gesagt werden, wenn man uns vorwirft, daß wir bei der Realsteuer versagt hätten. Sie haben den Mittelstand nicht geschützt, er ist von Ihnen seit Iahrzehnten verlassen und bekämpft worden. — Der Redner begründet dann den vorstehenden Antrag der beiden bürgerlichen Fraktionen und hebt dabei hinsichtlich der Erhöhung des Strompreises für Licht hervor, daß die geforderte Beschränkung der Erhöhung auf 1 Pf. je Kilowattstunde einen triftigen Grund habe. Don den Geschäftsleuten sei erklärt worden, wenn der Lichtstrom bei der jetzigen Lage um 2 Pf. verteuert werde, würden sie vom 1. 3a- nuar ab in den Schaufenstern schon von 6 Llhr ab die Lichter bis auf eine Lampe löschen. Dadurch würde die Stadt nur Schaden haben. An Stelle der Minderung um 1 Pf. sollten alle anderen Tarife, auch der Kochstrom, zu der Mehrbelastung mit herangezogen werden. Dadurch werde der Betrag von 20 000 Mk. auf kommen. Sämtliche neuen Belastungen dürften nur für daS Rechnungsjahr 1930 Gültigkeit haben. Seine Fraktion sei bereit, beim Sparen mitzuhelfen, aber sie fordere auch, daß man keinen Stand von den Opfern ausnehme. Gas, Wasser und Elektrizität seien für die Allgemeinheit geschaffen, deshalb müsse hier auch die Allgemeinheit herangezogen werden.
Lladtratsmilgl. Nicolaus (Wirtsch. Bgg.) betont, die Nachforderung von 130 000 Mk. für die Wohlfahrtspflege sei begründet in der Entwicklung der Arbeitslosigkeit, die m solchem Ausmaß niemand bei der Etatsberatung habe voraussehen können. Wäre diese Entwicklung nicht eingetreten, so wäre man mit den damaligen
Berlin.
Eine Buchbesprechung.
Die Reichshauptstadt, der ,Wasserkopf Berlin" hatte schon vor dem Kriege gegen viele Vorurteile anzukämpfen. Ueberall in der weiten Welt, nicht nur in den deutschen Modebädern, fielen Menschen durch ihr lautes Wesen, durch Protzentum und Aeberheblichkeit unangenehm auf, die sich selbstbewußt als .Berliner" ausgaben, aber meist aus Schlesien, der Neumark oder einem anderen Teil des Reiches nach Berlin verschlagen worden waren, dort in der großen wirtschaftlichen Konjunkturzeit des jungen Bismarckschen Reiches Geld gemacht hatten und nun durch ihre betonte Tra- ditionslosigkeit Öen falschen Ruf Berlins als Parvenüs mit all dessen peinlichen Eigenschaften begründeten. Der Krieg und die ersten Nach- kriegsjahre, die in Politik und Wirtschaft alle dunklen Elemente an die Oberfläche schwemmten, die in ihrer Umwertung aller Werte geschäftliche Solidität als Spießbürgertum bezeichneten und den ehrlichen Kaufmann unzeitgemäß nannten, begünstigten noch mehr das falsche Bild, das sich oberflächliche Beurteiler von Berlin machten. Die stürmische Entwicklung zur Weltstadt, daS Zusammenströmen einer internationalen Gesellschaft, die geflissentliche Betonung aller radikalen, extravaganten Tendenzen in der Kunst oder in dem, was man für Kunst ausgab, der hemmungslose Trieb zum Supermodernen, Sensationellen und die laute Verachtung aller bodenständigen Tradition haben den Eindruck verstärkt, als ob Berlin, das moderne ^Sündenbabel an der Spree , wie amerikanische Großstädte emporgeschossen, ohne den starken Fundus einer großen Vergangenheit in wenigen Iahren unter dem Einfluß des politischen und wirtschaftlichen Umschwungs der letzten Iahrzehnte zu dem geworden sei, was wir heute mit mehr Grauen, als Bewunderung schauen.
Friedrich Freksa, unseren Lesern aus manchen Veröffentlichungen als feinsinniger Erzähler bekannt, hat in seinem neuen Roman* eine Art Ehrenrettung für Berlin unternommen, dem er sich durch seine Familie und eigene Studien besonders verbunden fühlt. Aus den zu Unrecht vergessenen Romanen von Alexis kennen wir das alte Berlin als Residenz der brandenburgischen Markgrafen und Kurfürsten, schon damals ein bedeutender Mittelpunkt des grossen binnenländischen Handels. Die starke Initiative
* Friedrich Freksa. Kausmannskinder, Roman aus der Wende Berliner Bürgertums 1895—1925, Sieben-Stäbe-Derlag Berlin NW 6 (491).
des großen Friedrich galt nach den furchtbaren Kriegsjahren vor allem der Förderung von bodenständiger Wirtschaft, dem Aufschwung des Handels. Wie Wien in der Zeit Maria Theresias seine letzte große Dauperiode hatte, die neben wenigen Denkmälern früherer Zeit, der Kaiser- stadt ihren Stempel aufdrückte, so gab Friedrich der Große der norddeutschen Metropole recht eigentlich ihr Gesicht. Damals formte sich auch die Berliner Gesellschaft, das Bürgertum, das in der Biedermeierzeit und den folgenden Iahrzehnten Berlin weit stärker seinen eigentlichen Charakter gab, als man bei oberflächlichen Betrachtung würde annehmen können. Damals war der Hof der Hohenzollem, das Beamtentum, der märkische Landadel und das Bürgertum der Hauptstadt trotz strenger Gliederung und starkem Klassen- bewußtsein doch die gesellschaftliche Einheit, die erst zersprang, als gerade Berlin, die Hauptstadt des neuen Deutschen Reiches, Mittelpunkt des neuen Reichtums wurde, als echte Kultur und ge- sellfchaftliche Assimilierung mit dem stürmischm Fortschreiten materieller Wohlfahrt nicht mehr Schritt zu halten vermoch.en. Und doch kämpfte auch in dieser Zeit der Surrogate auf allen Gebieten, in der Talmi und Kitsch das Feld beherrschten, das alte Berliner Bürgertum, der bodenständige Kaufmannsstand in seinen verschiedenen Schichten und Spielarten unter der glänzenden Fassade, die so falsch war, wie die Stuckarchitektur des Kurfürstendammes, zäh und energisch um sein eigenstes Wesen, sein Ich. Tradi- tionsbewuht an Öen Werten öer Vergangenheit hängend, aber auch nüchtern und kühl dem Modernen weit aufgeschlosien, suchte es beides zu verknüpfen, um oie Einheit von gediegenem Wohlstände und echter Kultur auch unter Öen weiter gesteckten Penpckllven w l.w.rt^chaf.li^ en Den- kens zu retten. Das ist der Hintergrund von Frek- fas KaufmanTisroman, öer in frischer unö bewegter Handlung, in der psychologisch interessanten unö auf scharfen Beobachtungen ruhenden Gestaltung verschiedener Typen Berliner Kauf- mannSlebens die eben gezeichnete Entwicklung Berlins schildert. Unersättliche Arbeitslust war unö ist öas Symbol Berlins, vielleicht wuröe öie Losung „Arbeit um öer Arbeit willen" dem alten Berliner Bürgertum zum Schicksal.
Romane der Flaschenpost.
Alltäglich werben Hunderte von Flaschen von den Kapitänen der die Meere befafjrenöen Schisse über Bord geworfen. Es handelt sich dabei nicht etwa darum, sich geleerter Flaschen als nutzlos zu entledigen, sondern diese mit großer Genauigkeit vorgenommene Handlung gehört zu einem umfassenden Plan, der von den verschie
denen Marineinstituten zum Studium der Meeresströmungen durchgeführt wird. Die Flasche, die gewöhnlich zur Mittagszeit über Bord geworfen wird, enthält einen Zettel in sieben verschiedenen Sprachen, durch den der Finder gebeten wird, ifjn mit genauer Angabe des Fundortes nach dem Marineamt in Washington ober Lonbon ober nach einer andern Zentralstelle zu senden. Tausende dieser in den Meeren treibenden Flaschen werden niemals wiedergesehen; sie sinken unter, werden im Sturm an steinigen Küsten zerschmettert oder dort angespült, wo kein Mensch sie finden tonn. Aber ein kleiner Prozentsatz wird aufgefunden, und die darüber gemachten Angaben liefern ein wertvolles und reichhaltiges Material. Diese modernen Flaschenposten dienen nur noch der Wissenschaft. Aber in den Tagen, da noch nicht der Funkdienst die Kunde von einem Schiffsunglück überallhin verbreitete, wurden solche Flaschen dazu benutzt, um letzte Kunde oon einem sinkenden Schiff den Wogen anzuvertrauen. Man findet solche Flaschenposten ab und SU in Museen aufbewahrt, es sind Nachrichten, manchmal mit Kohle ober sogar mit Blut auf Hembenstücke ober auf ein mit Salzwasser voll- gesogenes Papier geschrieben. Die verzweifelten Männer, bie mit Aufbietung ihrer letzten Kräfte biete Worte hinkritzelten und in der Flasche verschlossen, wußten. bah nur eine schwache Möglichkeit dafür beftanb, bah gnäbige Strömungen durch die ungeheure Weite der Ozeane die Botschaften nach Monaten an eine bewohnte Küste befördern würden. Man weih auch heut noch nicht, wie weit eine solche Flaschen reifen kann. Eine wurde bei Kapstadt ins Meer geworfen und viereinhalb Iahr später an einer Shetland- 3nfel aufgesischt. Reisen dieser Flaschenposten aus Strecken bis zu 20 000 Kilometer sind berichtet worden, und man schätzt, bah bie burch. schnittliche Geschwinbigleit einet solchen Flasche etwa 8 Kilometer in bet Stunde ist. Einige Romane, bie mit Flaschenposten verknüpft sind leben m bet Geschichte öer Schiffahrt fort, so z. B. öer des Ostindienfahrers ,.Kent", der im Marz 1825 in der Bai von Biscaya in Brand geriet. Es waren Truppen an Bord, die nach Indien bestimmt waren; im letzten Augenblick tom noch Hilfe. Aber vorher hatten schon ein Major Mc. Gregor fein letztes Lebewohl in feine Familie einer Flasche anvertraut. Die Botschaft wurde im Herbst des folgenden Iahres in der 2tohe von Barbados in Westindien aufgefischt Es war eine Flaschenpost, die die Welt über das Schicksal des Dampfers „Präsident" unterrichtete. Das Schiss hatte im Marz 1841 in ßa>erpool eintreffen müssen, war aber längst überfällig. Schließlich wurde von einem Schift auf dem Meer eine Flasche aufgefunden, die eine
Botschaft des einst bekannten Schauspielers Throne Power enthielt; sie teilte mit, dah daS Schiff in einem Sturm untergehe. Vor vielen Iahren ermordete der schwarze Koch an Bord des englischen Schiffes „Buckingham" ben Kapitän. Das Schiff befanb sich in der Nähe der Küste von Bermuda, und ein Matrose setzte einen ■Bericht des Verbrechers auf und verschloß ihn in einer Flasche; diese wurde 8000 Kilometer weit entfernt an einer der Shetland-Inseln fast drei Iahre später aufgefundcn. Man berichtet, dah ColumbuS auf seiner Entdeckungsfahrt, als er fürchtete, dah feine kleinen Karawellen vom Meere verschlungen werden würden, einen Bericht feiner Reise auf Pergament niederschrieb und in einem Kasten über Bord warf. Cs besteht freilich wenig Aussicht, daß dieses kostbare Dokument noch irgendwo ausgefunden werden könnte.
Was kostet ein Alpdruck?
Da bekanntlich für den Amerikaner sogar der Wert der Zeit nur in Geld ausgedrückt werden tonn, — warum bann nicht auch ein Traum? — 3n einer der belebtesten Straßen Brooklyns ereignete sich ein Autozusammenstoß, ein Vorfall, der an sich keines weg; aufregend ist. da es derer in einer amerikanischen Großstadt täglich zu Dutzenden gibt. Er verlief auch noch glimpflich. Denn keiner öer beiden Insas en wurde verletzt, so dah man sogar daraus verzichtete, bie ®e- vylchte Überhaupt noch durch eine Gerichtsverhandlung breitzutreten. - Aber bann kamen die rtolgeu Unö diese bestanden darin, daß einer d.r beiben Lenker in der nächsten Nacht von bie,em Zusammenstoß träumte. Hier aber nahm sich baS xinglud schon ganz anbers aus. &r fühlte sich von bem anderen verfolgt, er sah diesen direkt auf lid) zusausen, sein Leben war gefährdet - und so prang er in der höchsten Not aus dem Bett und lief zum Fenster, um das Freie zu gewinnen. Dabei fuhr er mit der Faust durch die Scheibe und zertrümmerte diese nicht nur sondern zog sich auch noch eine Verletzung zu, die feine Ücberiübrung in ein Krankenhaus notwendig machte, älnd jetzt klagte er. .Hätte ich nicht den durch die Schuld deS anderen entstandenen Zusammenstoß gehabt, dann nicht in die Lage gekommen, einen L-' Alpdruck im Traum zu erleiden und mir die Verletzung zuzuziehen." So argumentierte er
als Schadenersatz nicht weniger als
Dollar. — Die er auch bekam. Denn das Gericht folgte seiner Beweisführung, dah der andere die Schuld am Zusammenstoß, also am Traum QUo an der Verletzung trage. — Demnach lostet em Alpdruck rund 1000 Dollar,


