Helene Chlodwigs Schuld und Sühne. Vornan von Z. Schneider-Foerstl.
LIrheber-Rechtschutz durch Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa.
25. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Von Monte Pincio herab raste eine Kraftdroschke nach dem Bahnhof und stoppte in verwegener Kurve.
Helene sprang leichtfüßig über das Trittbrett und entlohnte den Chauffeur mit einer Zehnlire- Rote.
Der Doy des Parkhotels stand am Portal, hatte Handtasche und Koffer bereit und wartete, bis sie das Billett gelöst hatte. Sn den glasüberdachten Halle summte es wie in einem Stock schwärmender Bienen. Sprachidiome aller Länder schwirrten durcheinander, erstickten unter dem Rasseln der großen Gepäckkarren und brandeten nach den Ausgängen, die zu den Zügen führten.
Der Boy hatte gerade noch Zeit, das Gepäck im Retz zu verstauen und über das Trittbrett des Abteils zu turnen, als die Räder sich in Bewegung setzten. Helene knüllte einen Schein zusammen, den sie aus dem Fenster^ flattern ließ. Geschickt fingen die braunen Hände des Zungen ihn auf. Er legte die Finger an die Mühe und ließ seine weihen Zähne in der glasigen Helle der Rachmittagssonne blitzen.
Da waren die letzten Wagen auch schon an ihm vorübergerollt.
Helene empfand es als eine Wohltat, daß sie das Kupee mit niemanden teilen mußte. Das braune Filzhütchen vom Blondhaar nehmend, netzte sie Stirne und Schläfen mit Eau de Cologne, setzte sich in die Ecke und starrte durch den matten Schleier der Spätoktobersonne auf das Gelände, das die Räder des Schnellzuges durcheilten.
Gab es denn nichts in der Welt, das sie von den gräßlichen Gedanken erlöste, die sie fortwährend umgaukelten? Fand sich denn kein Fleckchen auf Gottes weiter Erde, das nicht in irgendeiner Form die Züge des unglücklichen Sohnes und das Antlitz Llmberto Petratinis trug?
Sie war durch das lebensprühende Rom gehetzt. immer die beiden Gesichter hinter sich f>er, und nun starrten sie ihr aus jenen Ruinen dorb entgegen und schwebten als wesenlose Schemen, über den Tempeln und Grabmälern, die in der schweigenden Landschaft der Campagna zerstreut lagen.
In das eintönige Geräusch der Räder kam aus dem Abteil nebenan der singende Tonfall einer Stimme: „Mea culpa, mea culpa — mea maxima culpa! Miserere nobis! De profundis domine!“
Sie riß das Fenster auf und hielt die Hände in den kühlenden Luftzug. Ihre Wangen glühten und ihre Augen suchten sich an den efeu
umrankten Steinkolossen festzullammern, die als Reste römischer Gröhe in die Ebene verstreut waren. Lieber die schwarzen Cypressen hinweg, die himmelanstrebend, immerfort nach dem Ewigen zeigten, irrte ihr Blick zu den Bergstädten empor. Vier Stunden fuhr man bis zur Station della Travestare. Zwei weitere waren zu Fuß bis zum Kloster, das da irgendwo auf den Felsen der Sabinerberge thronte.
Von drüben kam wieder die singende Stimme: „Omnia mea — misericordta!“
War dieses singende Beten eigens für sie an» gestimmt? Aushören sollte der Mensch, der da mit unwissender Hand die Brandfackel des Wahnsinns in ihr Gehirn warf. Sie wollte ihm sagen, daß er nicht allein war, daß nebenan auch jemand das Recht beanspruchte, ungestört zu sein.
Die Finger drückten die Klinke der Verbin- dungstüre herab. Ein Kopf hob sich aus dem schwarzgedeckelten Buche, dessen goldgerandete Blätter in der Sonne spielten und sah nach ihr herüber.
„Buona sera!“ sagte die singende Stimme, welche sie an die Grenze des Wahnsinns gebracht hatte. Meliertes Haar war strenge an den Schläfen zurückgestrichen. „Kann ich Ihnen irgendwie dienen, Signora?"
Die Frage war berechtigt. Aus ihrem Gesicht war jede Farbe gewichen. „Warum verleugnest du mich?" Gegen die Türe gelehnt, die leise ins Schloß geschnappt war, sah sie zu ihm hinüber.
Verständnislos suchte ein dunkles Augenpaar in den ihren. „Sie sind krank, Signora! — Vielleicht ist es das Fieber! Die Campagna ist zur Zeit schwanger davon und die feuchtkühlen Rächte leisten ihm Vorschub."
Das Buch behutsam schließend, griff er in die Tasche seines schwarzen Habits und holte ein Pulver heraus. Einem Fläschchen entnahm er einige Tropfen Wassers, mit dem er eine Oblate feuchtete, auf die er den weihen Staub gab. „Rehmen Sie das, Signora! Man muß einander helfen, so gut es geht. Der verdorbene, zu sehr erhitzende Wein in Rom bereitet den Boden für mancherlei Krankheit. Die Spitäler sind voll. Es ist nur vernünftig, sich in die Berge zu flüchten."
Sie regte sich nicht, sah eine weihe Hand sich ihrem Munde nähern und öffnete die Lippen. Ihre Linke hob sich in halber Lähmung, hielt seine Rechte fest und neigte die Stirne darüber.
Ein nadelstichfeines Zucken ging durch seinen Körper. „Sie sollten sich legen, Signora! Das Pulver hat sonst nur die halbe Wirkung. Vielleicht versuchen Sie auch zu schlafen. Wie weit gedenken Sie noch zu fahren?"
„Bis Sankta della Travestare!"
„Bis della Travestare. Also eineinhalb Stunden noch. Das ist noch genügend Zeit zum Ruhen. — Buona sera!“
Er trat an das Fenster und nahm das Buch wieder auf, das er in die roten Polster gelegt hatte. Als er sie noch immer an die Tür gelehnt sah, klemmte er die Finger zwischen die Blätter und sah sie über die Schulter hinweg stumm mahnend an.
Ihre Hand tastete nach der Klinke.
Er schüttelte den Kopf und wandte den Blick erst, als das Schloß in die Oese klappte.
Mit einem tonlosen Laut sank sie in die Ecke ihres Abteils und grub das Gesicht in die Arme. Konnten sechzehn Iahre der Trennung wirklich jedes Gefühl erlöschen? — So endgültig lösen, wie es der Mann da drüben soeben gezeigt hatte?
„Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa."
Sie steckte die Finger in die Ohren, um es nicht mehr zu hören, nahm sie nach einer Weile heraus und horchte wieder. Aber es war alles still. Sie preßte das Gesicht an die Türe und lauschte mit ongehaltenem Atem.
Richts, als das Hasten der Räder und das Rauschen ihres Blutes tönte in die Minuten hilflosester Einsamkeit.
* * *
Blau wölbte sich das Firmament über den Bergen, die immer bedrohlicher gegeneinander rückten, wie Rivalen, die sich den Fluh streitig machten, der zwischen den steilen Wänden hereinbrechend, der Rächt entgegendonnerte.
Helene hatte an der kleinen Station ein Glas Wein getrunken und wagte nicht, ihren Durst an dem Wasser zu löschen, das in der schmutzigen Osteria in einem zerbrochenen Henkelkruge stand. Es war unrein und von ekelerregender Färbung. Sie fühlte die Zunge am Gaumen kleben und zog doch die Finger zurück, als sie nach dem Gefäße griffen. Der brennende Durst mußte ertragen werden. Ertragen, wie alles andere!
Beim Aussteigen hatte sie sofort nach dem schwarzen Habit Umschau gehalten. Aber sie war die einzige gewesen, die den Zug verlassen hatte.
War er nicht mehr in Sankta della Travestare? — War er es überhaupt nicht gewesen und hatten ihre Sinne sie derart genarrt, daß sie einen völlig Fremden für den Mann hielt, dem sie einmal zu eigen gewesen war?
„Sie sollten heute nicht mehr nach dem Kloster hinaufsteigen" mahnte die schlampige Wirtin. „Signora werden im Freien nächtigen müssen. Die Mönche gewähren kein Obdach. Und wenn — dann nur Männern."
„Gibt es denn keinen Schuppen dort, keine Hütte, die Unterschlupf gewährt?"
„Richts", warnte die singende Stimme, „und die Rächte sind kalt! Und das Fieber will verhütet sein, wie ein Brand, sonst ist es nimmer zu löschen!"
„Habe ich das Fieber?" Helene verspürte plötzlich, daß ihre Finger glühten, daß Frost durch die Adern schauerte und rings um sie ein Flimmern und Flirren war.
„Signora sollten bleiben", mahnte das Weib jetzt wieder. „Morgen gehen die Maulesel mit Kisten und Fässern beladen nach Travestare hinauf. Da findet sich dann wohl ein Tier, das weniger bepackt ist und Sie mit auf den Rücken nimmt."
Helene sah über die Warnerin hinweg. „Wundertätig soll das Madonnenbild von della Travestare sein — und die Mönche Heilige —"
Die Wirtin bekreuzte sich und bestätigte das Gesagte. „Sie tragen ihre Anliegen aus allen
Ländern der Erde hinauf nach della Travestare — und die Madonna hört sie. Alles hört die Madonna. — Und die Mönche sind verschwiegen!" Sie hielt inne und glaubte zu wissen, daß etwas fürchterlich Schweres die schöne Fremde aus der Ferne hierher in dir Wildnis der Sabinerberg« getrieben hatte.
Da war es freilich das einzig Richtige, den Gang nicht aufzuschieben. „Ich gebe Ihnen Peppo mit, den Iungen, der unsere Ziegen betreut", sagte sie mitleidig. „Sie geben ihm fünf Lire und er ist zufrieden. Er kennt den Weg besser als die Maultiere und weiß selbst auf der schwierigsten Stelle noch einen Fleck, wo die Füße zu stehen kommen. Es ist nicht ungefährlich, bei Nacht nach Sankta Travestare hinaufzusteigem"
Helene nickte zustimmend. Sie legte einen Schein auf die schmierige Tischplatte und zog erschreckt die Hand zurück, als die schwarze Decke sich plötzlich als ein ungeheurer Fliegenschwarm nach allen Seiten auseinanderteilte, um sich schon in der nächsten Minute wiederum an der gleichen Stelle niederzulassen.
Als sie aus der Schänke traten, kauerte eine Gestalt auf der untersten Stufe und schnitzte an einer Pfeife. Die Wirtin rief dem Iungen etwas zu. Er klappte sofort das Messer zusntvgten und ließ es in die Tasche gleiten. „Ecco, Signora!“
„Zwei Stunden?" sagte Helene und fühlte, wie zwischen glühender Hitze ein prickelndes Frösteln durch ihren Körper rann.
„Zwei Stunden. — Soll ich die Signora auch wieder zurückbringen?"
Sie verneinte. Er sah verwundert zu ihr auf. Ihre nordische Schönheit schien seine Sinne zu erregen. „Die Mönche auf Sankta Travestare geben kein Rachtquartier."
„Vielleicht doch", sagte sie hartnäckig.
„Niente, Signora", wehrte er ernsthaft, zuckt« die Achseln und streckte die Hand aus. „Va bene!“ Ein kindhaftes Lächeln verschönte das eckige Iungengesicht mit den etwas stark aufgeworfenen Lippen. Gehorsam trottete er ihr voran und sah öfters nach rückwärts, ob sie ihm auch zu folgen! vermöchte. Seine Schritte griffen weit aus, daß es sie Mühe kostete, mitzukommen.
Rach einer Viertelstunde lag die Station hinter ihnen. Ie höher sie stiegen, desto mehr schnitt die Kälte der Luft durch den leichten Mantel, der nicht genügend Schutz gab. Mit steifen Fingern hielt sie ihn übereinandergezogen. Die Füße fielen schwer auf den steinigen Weg und schienen mit jeoer Minute mehr zu entkräften.
„Roch eine Stunde, Signora!" Der Iunge hockte sich an den Rand des schmalen Steiges unÄ rastete. Unten schäumte das Wasser des Flusses dahin. Sein Rauschen und Gischten hörte sich jetzt an wie mühsam gebändigter Zorn. Helene stützte sich gegen die Wand, welche die Bergseite bildete und sah über das Steingewirr, das sich in urweltlichem Chaos den steilen Hang hinaufzog.
„Geht es auf dieser Straße hier weiter, Peppo?"
„Si, 8i, Signora! — Immer hinauf! Immer zu! Unten das Wasser! Oben die Wand! Cs ist nicht zu fehlen!"
(Fortsetzung folgt.)
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Der Voranschlag der Gemeinde Obborn- Hofen für 1930 Rj. liegt vom 30. September 1930 bis 6. Oktober 1930 auf der Bürgermeisterei jur Einsicht der Beteiligten offen. Während der Osfenlegungsfrist können bei dem Bürgermeister schriftlich oder zu Protokoll gegen seinen Inhalt Einwendungen erhoben werden. Es ist eine Umlage beschlossen worden, zu der auch die Ausmärker beizutragen haben. 6639D
Obbornhofen, den 28. September 1930.
Hessische Bürgermeisterei Obbornhofen.
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