Nr. 201 Drittes Blatt
(Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)
jreimg, 29. Auguft (950
Das „Baby der Nation".
(Don unserem Kr.-Äorreffr.)
London, 27. Lug.
21» die Herzogin von Bork unter Pro- tokollführung de» Innenminister» einem Äinbe da» Leben geschenkt hatte, ver» breiteten die Äabcl die Nachricht in wenig«, Augenblicken durch da» vereinigte Königreich, die Dominion» und Äronlänber. 3n der Rcihen- fplQt wie sie durch Gewohnheitsrecht feftgelegt ist bet König, der Lordmavor von London, die Generalgouoerneure Alle Kriegsschisse, die unter dein Union Jack standen, schossen Salut, die Kirchenglocken läuteten durch da» ganze Empire da» glückliche Sreigni» ein. Die eigentliche Feier der Geburt begann jedoch erst, al» in der Nacht um den alten schottischen Sdelsitz von Glami» Castle die Feuerstöße aufflanunten und die Bewohner der benachbarten Städte und Dörfer zum Dudelsack tanzten. England und Schottland fühlen sich um eine Tochter reicher, und mit ihrem Beifall nimmt die Nation w gewissem Sinne eine Adoptierung der Neugeborenen vor: Die zweite Enkelin König Georg» wird zum „Baby bet Nation".
In biefer Woge ber Popularität, welche bie'neugeborene Prinzessin erst eigentlich zu ben Stufen be» Throne» emporträgt, findet die Einstellung de» englischen Dolke» zur Monarchie eine ihrer typischen Aeuße- rungen. E» ist nicht die Loyalität der Untertanen zur Krone, die in dieser spontanen Begeisterung und Freude ihren Ausdruck findet, sondern die familiäre Teilnahme be» dernvkra- tischen Staatsbürger» an ben Ereignissen seine» königlichen 5)aule». Auch Georg V. führt noch bie vollen Staatstitel „Aller Briten König unb Kaiser von Indien“, unb selbst baS „ridei Defensor“ (Verteidiger be» Glauben»), da» Heinrich VIII. einst vom Papst al» Ehrentitel für seinen Kamps gegen Luther erhalten bat, ist noch auf jeher Münze zu sehen, aber die eigentliche Beziehung be» gegenwärtigen König» zum Dolke beruht barauf. bah er al» „ber erste Gentleman seine» Lan - deS" gilt.
Nicht wa» ber König über bie Flottenverträge benkt, will bet Engländer wissen, sondern wen der König elnläbt. Nicht die Thronrede gilt al» Aeutzerung de» Monarchen, sondern ba» freundliche und anerkennende Wort, da« er bei dieser oder jener Gelegenheit fallen läßt Nicht der feierliche Staatsaufzug setzt Georg V. in den Re- spekt seine» Dolke», sondern ber Takt seine» persönlichen Auftreten». E» sind die privaten Züge feiner Lebensführung, die Selbstlosig- teil, mit denen er feinen Pflichten nachgeht, unb die beispielhaft gute Führung seine» Hausstände«, die dem Königtum heute die Sympathien be» Lande» erhalten. Es ist da» Muster der ehrenhasten englischen Familie, die heue in Windsor Tastle lebt, zur Spitze ber sozialen Stufenleiter erhoben burch ben Glanz seiner königlichen Tradition. Wer vom König empfangen und ausgezeichnet wird, hat nicht gröbere Aussichten, Premierminister zu werden, wohl aber die Gewihheit, in seiner gesellschaftlichen Stellung überall Anerkennung zu finden, ilnb nicht al» Befehlshaber über Heer und Flotte ist bie Dorstellung de» König- bem englischen Dolke vertraut, fonbern al» ber hohe Gast feiner
Bum glücklich üollenöeten deutschen OzeaiWg.
Don links nach rechts: Mechaniker Fritz Hack. Pilot Zimmer, Wolfgang von Gronau unb Funker Fritz Albrecht
Bootsrennen unb Fuhballlämpfe, feiner Kricket» spiele unb Golfplätze.
Diese persönliche Anteilnahme erstreckt sich auf bie ganze Familie bc» Monarchen. Die Königin ist „the first Lady of England“, bie für bie gesamte Nation bie "Bedeutung einer Dame be» Hause» hat. Sie gibt ben Ton an in allen Fragen, welche bie Frau und öle Mutter betreffen, in allen Fragen be» öffentlichen Wohl- verhalten» unb ber Wohltätigkeit. Ob und wann eine ältere Dame rauchen bars, welche Kleider und welche Haartracht sie zu tragen vermag, wird letztinstanzlich durch ihr Auftreten bei den Empfängen im Buckingham Palace entschieden Und ebenso ist der Printe o t Wales ber al» solcher etwa» hoffnungslose Junggeselle der Nation, in seinen sportlichen Interessen, in Kleidung unb Sprechweise richtunggebenb für weite Kreise der jungen Generation. Durch seine Ehelosigkeit ist sein jüngerer Bruder, ber Herzog von Bork, al» möglicher zweiter Thronerbe zu einem vielbeachteten Mitglied be» Königlichen Hause» geworden. Seine eheliche Derbinbung mit dem schottischen Hause be» Saris os Strath- more, die Geburt seiner ersten Tochter Elisabeth und jetzt seiner zweiten Tochter sind die Dorgänge, an denen bie Erwartung auf eine Sicherung be« königlichen Hause» auch für bie kommenbe Generation ihre Erfüllung finbet. Die neugeborene Prinzessin ist nach dem Herzog von Dori unb ihrer älteren Schwester Elisabeth ber b r i 11 e mögliche Thronerbe bc» Prince ot Wales, unb steht heute im Nange der „fünften Laby von England"
Das neue „Baby der Nation", wie die Zeitungen es in völlig zutreffender Wiedergabe der öffentlichen Meinung nennen, ist durch Akkla
mation in feiner Stellung al» Mitglied ber königlichen Familie anerkannt worden. Die Bedeutung diese« Vorgänge- geht weit hinau» über bie Wiedergabe ihre- ersten Lächeln« unb ihre» Wohlverhalten« in den Tagesblättem, er ist nahezu em staatsrechtlicher Akt. Die politische Gewalt geht in der modernen Demokratie vom Dolke aus, das Nechte gibt und anerkennt. Ueber bie gesellschaftlichen Verhältnisse herrscht hingegen baS englische Königshaus in einem populären Absolutismus, ber in stetiger Zunahme begriffen ist. In ber Demokratie totr'' nicht- fv kostbar wie bie Trabitivn!
Das Ergebnis des Rhön-Segelslug-Wettbkwerbes.
In ber üblichen Weife unb unter Teilnahme be« gesamten Lager» erfolgte auf ber Wasser - kuppe bet offizielle Abschluß be« RhönWettbewerbs mit ber Preisverteilung. 3m Lei- stungSwettbewerb stehen K r o n f e I b unb Groenhvss an ber Spitze ber Preisträger. Der erstere bat mit seinen beiden 6ttedenflügen von 151 unb 164,8 Kilometer Lustlinie ben Fernsegelflugpreis von 2000 Mark überlegen gewonnen. Der Fernzielflugpreis von 1500 Mk. wurde ausschreibung-gemäß zwischen Kronfeld unb Groenhoff verteilt. Der ..Schwabenpreis" wurde bem Darmstäbter Stark zugesprochen, der Mil- seburgprei» Groenhoff, der Preis be» hessischen Staatsministerium« und des hessischen Minister» bc« Innern ben beiden Darmstädtern Neininger unb ©ertmann. Die Prämie des Forschungsinstituts ber Rhön-Rossit-
ten-Geselbchaft erhielt der Berliner Bedan für seine Flüge auf „Luftikus". der auch den Prinz- Heinrich-Prei» der Lüfte für eine größte Höh« von 1640 Meter gewann. 3m UebungSwettde- werb ist der Darmltädter Stark der Erfolgreichste im Dauericgeln (27:28 Stunden) 3hm folgen mit 24:35 Stunden Bebau (Berlin) unb Pätz (Rheinland) mit 16:31 Stunden. Stark unb Bebau haben zu gleichen Teilen den Prei» für den Schleisenflug erhalten Die größten Höhen haben hier Bebau (734 Me- teti, Stark (520 Meter) unb Hemmer (253 Meter) erreicht.
Oberheffen.
Landkreis Gtctzen.
Q Lollar, 28. Aug Au» der jüngsten öffentlichen Sitzung de» Gemeinderat v ist al» be- merkenswert u a zu berichten: Der kürzliche Kauf ber ehemaligen Zig arrenfobrtk (Bail !um Preise von 15 000 Mark wird nachträglich ein- Innung genehmigt. Die Baukommission soll Bor- chlage über die zweckdienliche Verwendung de» Gebäude» machen. — Die Ausbesserung ber Ortsdurchfahrt soll aus Gemeindekosten erfolgen, da die Stratzenausbriiche bei Verlegung der Kanalisation im Gemeindeinteresse erfolgten — Für die Entwässerung de» Holz mühlen- wegc» liegt ein Voranschlag bc» Kulturbauamte» über 12 000 Mark vor, wöbe, der Auslaus in die Lumda unterhalb bc» Wehre» vorgesehen iii Der Gemeinderat ist grundsätzlich mit der Ausführung einverstanden, halt jedoch die Einführung de» Entwässerungskanal» in den Hauptkanol an der unteren Hauptstraße für ratsamer und beschlicht, mit dem Kulturbauamt deswegen zu verhandeln. — Der Bau einer 20 OOODoltleitung der Preutzi- scheu Clektrizitatsgesellschast durch die Gemarkung Lollar wird genehmigt.
> Staufenberg. 28. Aug Gestern geriet in ber Diefenbach i Provinzialstraße Sichertshausen- Lollar) ein kleine» Personenauto, besetzt mit zwei Personen, au« unbekannten Gründen in Flammen unb brannte vollständig ab. Die beiden Insassen kamen zum Glück nicht zu Schaden
x Hungen. 28 Aug Unter den hiesigen Kindern treten seit einigen Wochen die 7)1 a - le rn auf. bie aber zum Glück durchweg einen gutartigen Verlauf nehmen. Größtenteils werden Kinder in noch nicht schulpflichtigem Alter von der Krankheit ersaht, so daß der Schulunterricht nicht unterbrochen werden muhte
S. Utphe, 28. Aug. Dieser Tage sand die ®rummetgra«Dcrfteigcrung aus dem Gemeindcwicscngelände statt. Während anbetort» vielsach die diesjährigen Preise bis zur Halste unter den vorjährigen liegen, bewegten sie sich hier saft auf gleicher Hohe wie in sonstigen Jahren. Die genngften Morgen kamen auf 5 bi» 10 Mark, mittlere Gute auf 20 bi» 30 Mark, die besten Stücke, an der sog Lauweide, brachten Beträge von 30 bi» 50 Mark je Normalmorgen. Einzelne stellten sich sogar bi» auf 60 Mark. Versteigert wurde da» Futter von 28 Normalmorgen,
Kreis Ariedberg.
t Bab-Nauhei m 28. Aug Am Dienstag fand im Evangelischen Gemeindehaus, dahier, eine B e z i r k s v e r f a m m l u n g des hessischen evangelischen Pfarrveretn» statt. Pfar-
Wirble ins Leben!
Vornan von Anna Kni.
Urheber-Rechtsschutz durch Verlag ü«lar Meister Werdau S -QL
(Schluß.)
Ob er ihn nicht wecken könne, fragte Han- Much
,O nein!“ Der Mann erschrak geradezu vor dieser Zumutung. .DaS ist ganz unmöglich Kommen Sie in einer halben Stunde wieder, dann ist er wach."
Mit einem leisen Fluch zwischen den Zähnen schickte sich Hans Much an, da» Städtchen in Augenschein zu nehmen
Ziellos wanderte er durch einige Straßen Endlich war bic genannte Zeit herum.
Er sand sich wieder vor dem Gefängnis- portal ein
Diesmal wurde er sofort vorgelassen unb zum Direktor geführt
Hans Nkuch stellte sich vor unb zeigte dann das Schreiben des Konsul« vor.
Der Direktor laS e« ausmerksam durch
3a, er habe auch schon heute vormittag eine diesbezügliche Nachricht empfangen er bebaute nur. dah sie sich so verspätet habe, denn beute ganz zeitig srüh wäre Barbara Much in Begleitung eine« Beamten zur Dahn gebracht worden und befänbe sich nun auf ber Fahrt zur Grenze.
Hans Much war wie vom Donner gerührt.
»Die Signora Much hat sehr sehnsüchtig auf eine Nachricht von Ihnen gewartet, hat sehr viel leiden müssen durch ihre Festnahme. Sie hat mir oft von Hetzen leid getan Aber ich konnte nicht- weiter für fie tun, als nach Möglichkeit beschleunigen. dah sie in ihre Heimat gebracht wurde.“
.Was soll ich denn nun tun?“ fragte Han- Much ganz lläglich und sah den alten Herrn hilflos an.
Der rieb sich bic Stirn. .Ich weist es auch nicht recht, was zu machen ist."
.Wie fährt sie denn?" erhmbigte sich Much.
.Sie wird über den Brennet gebracht. In Dcftcrrei<b kann sie sich entweder durch die Behörde nach ihrer Heimatstadt transportieren lassen, oder auch auf eigene Kosten heimfahren.“
.Ich werde ihr nachfahren'. rief Hans Much, .und versuchen, sie zu erreichen."
.Das dürfte Ihnen wohl gelingen“, meinte der Direktor, .denn sie fährt mit Bummelzügen, mehr bewilligt bet Staat nicht. Sie brauchen ja nur mit dem D-3ug nach dem Brenner zu fahren und tonnen sie dort in Empfang nehmen."
.Das werde ich auch tun!“ rief Much.
Er verabschiedete sich eilig von dem liebenswürdigen alten ^yerm.
.Grützen Sic cignora Barbara. Ich lasse ihr von Hetzen alles Gute wünschen!“
Hans Much muhte, um den l)»Zug zu erreichen, wieder zurück nach Neapel fahren Auhcrdem muhte er noch seine Sachen zusammenpacken unb den Konsul benachrichtigen.
Et fuhr zuerst auf den Dometo hinauf, holte fein Gepäck und fuhr dann auf dem Konsulat vor.
.Ich möchte nur ganz kurz den Herrn Konsul sprechen“, sagte er im Sekretariat.
.Bebaute, der Herr Konsul ist momentan nicht zu sprechen "
.Aber ich muh ihn sofort sprechen!'' rief Han- Much ungeduldig.
.Wie ist Ihr Name?“
.Hans Much."
.Gut, ich melde Sie an“
Hans Much wat so lehr mit sich beschäftigt, dah er es gar nicht bemerkte, wie ein Herr bei der Nennung des NamenS hetumsuhr und ihn mit stärkstem Interesse musterte. Es schien ihm zwar daran zu liegen, von Much nicht weiter bemerkt zu werden, denn er zog. als er seine Postsachen in Empfang genommen hatte, eine Drucksache hervor und tat, als sei er ganz in sie vertieft, aber er studierte Hans Much eingehend und unauffällig habet
.Ditte, Herr Much.“
Hans Much verschwand im Sprechzimmer de- Konsuls
Der Herr blieb unentwegt sitzen, al- gäbe es keinen besseren Platz, seine Post zu lesen, al- gerade hier. Nach zehn Minuten kam HanS Much wieder heraus.
.Dann hat sich ja alle« noch ganz gut gemacht". sagte ber Konsul in ber halbgeöffneten Türe zu Much .Sie werden dann Frau Barbara Much sicher in Empfang nehmen können auf dem Brenner Ditte, grüben Sie Ihre Schwägerin von mir. ®» tut mir leid, sie neulich so schroff abgewiesen zu haben. Ich konnte aber doch auch wirklich nicht ahnen, dah...“
.Nein", sagte Hans Much lachend und eilte hinaus x
Reginald Eonllus - er war der in seine Korrespondenz vertiefte Herr — sah, als hätte er eine Erscheinung gehabt.
Nein, ein Irrtum war ausgeschlossen. Er entsann sich, dah Bernhard Much einmal von seinem Druder Hans in Italien gesprochen hatte. Eine Familienähnlichkeit zwischen den beiden Drüdcm war unverkennbar.
Lind die Frau, bie dieser „auf dem Drenner in Empfang nehmen“ sollte, das war Darbara Much, darüber herrschte fein Zweifel.
Er konnte sich nichts zusammenreimen.
Wie kam Hans Much dazu, Barbara gefunden zu haben?
Was sollte bas alle« bedeuten?
Ein Herr vom Konsulat, der gerade hereingekommen war. sah Reginald sitzen.
Er wuhte, dah Eontius sich nach Barbara« Aufenthalt bislang vergeblich erkundigt hatte.
Er ging zu Reginald hinüber.
„Denken Sie; wir wissen jetzt, wo diese Frau Barbara gewesen ist“, flüsterte et ihm diskret zu. t ,
„Nun?“ Reginalds Augen wurden beinahe schwarz vor Erregung.
„Sie ist gefangengenommen worden, weil sie ihre Papiere verloren hatte und man fie für eine Spionin hielt. Heute früh ist sie von dem Gefängnis nach bet Grenze abgefchoben worden."
„Sagen Sie", fragte Reginalb und zwang sich, möglichst ruhig zu fein, „wer ist denn dieser Herr Much, der da vorhin sich melden lieh? Ist das ihr Gatte?"
„Nein", berichtete der Herr. „Das ist ihr Schwager, den sie aus dem Gefängnis heraus um Hilfe angegangen hat. Er fährt hin, um fie an der Grenze zu empfangen. — Die Arme", er flüsterte e» Reginald ganz geheimnisvoll zu — „ist vor einigen Wochen ohne alle Mittel hier gewesen und wollte Hllse haben. Man hat sie abgewiesen, da sie ja gar keine Ausweise hatte. Nicht wahr, cs kommt so viel vor, und unser Herr Konsul ist sehr korrekt."
„Also nach dem Brenner hat man sie besördert, die Frau Much?" fragte Reginald, um sich dessen noch einmal zu vergewissern.
„Jawohl, jawohl", sagte der andere dienst- eistig.
„Ich danke Ihnen.“ Reginald erhob sich und schritt hinau«.
„Das scheint ja eine sehr merkwürdige Sache zu sein, in der Tat sehr merkwürdig", murmelte der vorn Konsulat vor sich hin, wobei er mit bem Kopf wackelte, was nicht übermäßig geistreich aussah.
♦ » •
Reginald ging mit stürmischen Schritten die Stratze hinab.
Er war noch zu sehr erregt, um einen klaren Gedanken fassen zu können.
War er deshalb durch ganz Italien gereift, damit zum Schluß Han» Much Barbara ganz gemächlich abholte und fie wieder zu seinem Bruder zurückbrachte?
ilnb auf einmal sah er mit geradezu visionärer Deutlichkeit, daß da eine Gefahr, eine ganz große Gesahr für Barbara war, wenn sie Han- Much erst träfe.
Er hatte eine quälende Angst um Barbara, die noch viel größer war als früher, da er noch im ungewissen über ihr Schicksal war. Er ahnte und fühlte, daß in Barbara eine Veränderung vorgegangen war. Wie hätte fie sonst die Hast überhaupt ertragen können!
Sein Entschluß war schnell gefaßt. Er nahm sich eine schwere Taxi und sagte dem Führer, er möchte ihn auf dem schnellsten' Wege zum Brenner fahren.
Er stcllle chm ein verlockende- Trinkgeld in Aussicht, wenn er die Ausgabe so schnell wie möglich bewältigte.
Dieser — e» war ein schneidiger junger Wann — war einverstanden.
Er fuhr wie ein Besessener.
Reginald konnte zufrieden mit ihm sein.--
Der Zug lief auf dem Brenner ein. Darbara Much sprang heraus. Noch war sie unter Aufsicht. In Bozen hatte sie ein Gefangenentrans- port. der nach der Grenze abgehen sollte, aufgenommen.
Es war ein bunte« Sammelsurium, was sich da Mtfammengefunben hatte: Junge Handwerks burschen, Mädchen, die in Italien gehofft Hattert, auf der Straße zu Reichtum zu kommen, russische Flüchtlinge und sonst noch allerhand Seute.
Der Aufenthalt war kurz. Der Srenzbeamte
sah in der Fahndungsliste nach, ob Barbara- Name mit verzeichnet stünde, und kam dann lächelnd zurück: „Sie sind jetzt frei, gnädige Frau."
Jawohl, „gnädige Frau", hatte er gesagt, obwohl Barbara in ihrer Kleidung etwa» schäbig geworden war durch die langen Irrfahrten. Aber in ihrer Haltung war soviel Stolz und aufrechte Würde, daß ihm diese Anrede ohne weiteres auf die Lippen gekommen war.
Barbara ging frei und leicht die große Brenner-Straße hinunter. Freiheit — welch köstliche» Gcfühl! Die Berge mit ben Weißen Schnee- Häuptern schienen sie zu grüßen, unb bie Bäum« rauschten ihr zu.
Gänzlich entrückt toanberte sie dahin.
Es hupte heftig hinter ihr, aber sie schaut« nicht einmal danach.
Ein Stück weit fuhr da- Auto übet sie hinaus. bann hielt es und ein Mann sprang heraus und kam auf sie zu.
Barbara war e». als träfe sie auf ber Stell« der Blitz.
„Reginald!“ Da- war alle«, wa« sie heraus- brachte.
Er nickte und gab ihr nur bie Hanb.
„Ich wollte bich zu beinern Mann bringen_ benn du wirst doch zurück wollen, nicht toaßr?* Er sprach sachlich unb nüchtern.
Sie sah ihn klar an. „Nein, Reginalb, batst ein Irrtum von btt. Ich kehre nicht wieder zurück, ich fange neu an.“
„Aber bedenke die Schwierigkeiten", wandt« er ein.
Da lachte sie leise auf. „Schlimmer wie - war, wird « wohl nicht werden.“
„War s so schlimm. Barbara?“
„O ja", sagte sie einfach und mit großem Ernst.
„Weißt du. daß ich dich seit Monaten suche?" fragte Reginald.
Sie fast ihn durchdringend an.
„Bernhard Much schickt dich wohl?“
„Nein, Bärbel", antwortete Reginald, „ich komme von mir selbst. Mit Much bin ich auseinander.“
„So", sagte sie nur darauf.
„Darf ich bei dir bleiben — für immer?“ fragte Reginald EontiuS.
Barbara Much sah ihn an, als hätte sie sich verhört.
„Du magst wohl nicht?“ fragte er leise.
„Wenn du e« willst — ich mag schon!“ tief Barbara.
Er nahm sie in bie Arme.
Plötzlich hörten sie, wie den Berg herunter ein Mensch gerannt kam.
E» war Hans Much.
„Sag mai, "Barbara, da komme ich wohl zu spät?" fragte er.
„Jawohl, lachte sie ihn fröhlich an. „Der Zug ist feit einer Stunde angekommen."
„ilnb was wird aus Bernhard?“ meinte Hans Much besorgt.
Heber Barbara- Gesicht ging ein Schatten.
„Er hat sich anderweit getröstet“, sagte Reginald vergnügt und zog Barbara noch fester an sich.


