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Montag, 31. März 1930

Gieheiw Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)

M. 76 Drittes Blatt

Geschichten aus aller Welt.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! »Fünf Frauen find meiner unwürdig" ...

(f) London.

3n London ist man beim Sortieren alter Brief­schaften auf ein amüsantes Schreiben geflohen, das im Britischen Museum in eine falsche Ab­teilung geraten war und doch mehr als viele andere Dokumente einen Ehrenplatz verdient. Der Brief führt zurück in die Zeit der Königin Viktoria, die schnell bei der Hand war, Könige im heißen Afrika ihres Thrones zu entsetzen und auszuweisen. So hatte auch der Befehl einen alten Aegerhäuptling getroffen, dem man groß» zügigerweise die Mitnahme von fünf Frauen er­laubte. Darauf richtete der Aegrr das folgende Schreiben an Viktoria:Du hast mich verbannt, Du hast mich ausgewiesen. In allem magst Du recht haben. Unrecht aber hast Du bestimmt, wenn Du mir nur fünf Frauen zubilligen willst. Diese Zahl ist unwürdig eines Königs. Ich bitte deshalb, dah mir allerwenigstens ein Dutzend mitgegeben werden. Stelle Dir, o Königin, ein­mal Dor, Du würdest nur fünf Männer für Dich haben..In einem Kommentar zu diesem Schreiben wird bemerkt, dah auf königlichen Be­fehl die Zahl der Frauen, die dem Neger zuzu­sprechen feien, zwölf betragen dürfe. Seitdem steht für Afrika-Könige der Minimalsatz für Polygamie eindeutig fest.

Ter Kußfilm von Tokio.

(o) Tokio.

Der erste Film der Welt, der nur aus Küssen besteht I Er wird sorgfältig gehütet und ist nur Bevorzugten zugänglich. Der japanische Staat achtet mit Sorge darauf, daß kein Unberufener seine Augen an diesem Kuhmeisterwerk von 3000 Metern blendet. Dem Japaner allerdings, der das Küssen verabscheut, wird dieser Film ein Greuel sein, ein Schrecken, von dem er sich mit Schaudern abwendet. Aber eben diesem Schau­dern verdankt der merkwürdige Kuhsilm seine Entstehung! Denn aus jedem Film, der in Japan aufgeführt werden soll, und sei er das größte Filmkunstwerk dieser Erde muß sorgfältig jede Stelle herousgcschnitten werden, die einen Kuh darstellt Sonst riskiert man, dah die Japaner das Kino zerschlagen oder demonstrativ den Vor­führungsraum verlassen. Der Mann mit der japanischen Zensurschere hat nun alle diese Kuh­episoden sorgfältig auf bewahrt und nun zu einem einzigen Kuhfilmwerk zusammengeklebt. Man hat der ausländischen und japanischen Presse diesen Film vorgeführt. Aber selbst abgebrühte euro­päische Kriegskorrespondenten sollen nachher er­schöpft und zerschlagen den Theaterraum ver­lassen haben. Teils vor Lachen, teils vor Ent­setzen über diesen Taumel von einem Kuh zum anderen. In einer Abstimmung hat sich ergeben, dah man John Gilbert für den vollendetsten Küsser hält, während L i l i Damit« die größte Hingabe bezeugen soll. Die Zuschauer betonen einmütig, dah sie jetzt alle Sonderheiten des Küssensaus dem ff", wenigstens theoretisch, beherrschen... Aach dieser einen Vorführung ist der Film wieder in die Safes der Film­abteilung der Tokioer Stadtpolizei gewandert, wo er als Dokument für den schrecklichen Tief­stand der europäischen und amerikanischen Moral ruht.

Flammenwerfer gegen Heuschrecken.

(g) Kairo.

Die ersten Gefechte haben bereits stattgefunden. Auf der Halbinsel Sinai wurden durch die Ab- Wehrarmeen 300 Tonnen Heuschrecken mit Hilfe von Flammenwerfern vernichtet. Aber langsam und gefräßig rücken die ekelhaften, summenden.

schnurrenden, zirpenden, klappernden Tiere weiter vor. Ganze Wolken, ganze Hügel, die aus nichts anderem bestehen als aus Heuschrecken. Eine der sieben furchtbaren Plagen Aegyptens ist wieder am Werk.

Die Gefechtslage im Ailtal mu6_ als sehr günstig bezeichnet werden. Cs ist nämlich ge­lungen, die Heuschreckenschwärme vom Niltal ab­zudrängen. In Kantara schlug man einen anderen Schwarm zurück und drängte ihn, etwa 11 Tonnen dieser Tiere, in das Bote Meer. Jetzt kommt es darauf an, auf dem Posten zu bleiben, denn es ist möglich, daß die Heuschrecken auf Sinai sich vermehrt haben und dah die junge Gene­ration der Gefräßigen dort heranwächst. Sie mühten bald ausgekrochen und fähig sein, ihrer­seits die Wanderung aufzunehmen.

An den Grenzen der Sinaigebiete stehen Kom­panien von Soldaten, die vom Ackerbauministe­rium bestellt wurden, vollkommen in Kriegs­bereitschaft sind und mit 18 Batterien in den Kampf rücken können. Jede Batterie besteht aus vier Flammenwerfern: ferner sind einige Tanks herangezogen worden, sowie Dampfwalzen, die ebenfalls gegen die Heuschrecken eingesetzt wer­den Die Flammenwerfergruppen verfügen über Kamele, die eine größere Beweglichkeit in ge­birgigem Gelände ermöglichen, als die Auto­mobile.

Die Gefahr der Heuschrecken soll seit 15 Jahren nicht mehr so groß gewesen sein wie heute. Daher auch der große Einsatz an Menschen und Ma­schinen. Die Dauern hoffen auf dieKriegs­truppen", aber zur Sicherheit bringen sie Allah Opfer dar: denn wenn die Plage über sie kommt, sind sie alle bettelarm auf Jahre hinaus. In wenigen Stunden sind ganze Kulturen kahl ge­fressen, nur noch Baumstümpfe ragen aus der Erde. Die große Aot Aegyptens ist dann über alle hereingebrochen.

Um dies zu verhüten, kämpfen jetzt Kriegs­batterien gegen die kleinen gefräßigen Bestien von Sinai.

Generalprobe im v 3pg.

(g) Rom.

v.Zug VenedigGenua. Raucherabteil erster Klasse. Fünf Herren kämpfen gegen die Lange­weile. Jeder auf seine Art. Zwei schlafen den Schlaf der Gerechten. Der dritte Fahrgast gibt sich alle Mühe, bald einzuschlafen und übt sich zu diesem Zweck im Dauergähnen. Der vierte Herr liest eine Zeitung, der fünfte, ein Marineoffizier, vertieft sich in die Lektüre eines Kriminalschmö­kers In Mailand bringt aber das Erscheinen einer entzückenden jungen Dame, die vor der Tür austaucht, angenehme Abwechselung in die ein­tönige, endlose Fahrt. Auf ihre hingehauchte Frage:Ist da noch ein Platz frei?" wird die fremde Schöne von Kennerblicken aus zehn Männeraugen durchbohrt. Es ertönt ein fünf- stimmigesJa". Die fünf Herren stutzen sich eilig zurecht, die Dame nimmt in ihrer Mitte Platz, beschenkt ihre fünf Mitreisenden einzeln mit einem dankbaren Lächeln und fühlt sich in der Folge von interessierten Blicken beobachtet. Nach wenigen Minuten richtet sie sodann die zweite Frage an die Fünf:Dürfte ich vielleicht erfahren, wieviel Uhr wir haben?" Eine nichts­sagende Frage, doch macht bekanntlich der Ton die Musik, und fünf goldene Uhren fliegen wie auf Kommando aus den Taschen, auf daß man der eleganten Reisegefährtin ja die richtige Zeit angäbe. Sie dankt mit einem kaum merkbaren Ricken ihres blonden Lockenkopfes und denkt sich wohl nichts dabei. Anders die Herren, die sich I nunmehr anschicken, Madame nach Kräften zu unterhalten. Gar kein Zweifel: die Blondine hat die Herzen der fünf Kavaliere im Fluge erobert.

Alle fünf Don Juans laden die Dame später ein, ihnen im Speisewagen Gesellschaft zu leisten und geleiten sie wie im Siegeszuge dahin. Und alle fünf bemühen sich redlich, das Versprechen auf ein baldiges Wiedersehen von ihr zu erpressen. Doch sie scheint hartnäckig zu fein, beschränkt sich auf nichtssagende Andeutungen und erklärt plötz­lich, sie müsse leider schon vor Genua den Zug verlassen, da sie erwartet werde. Eine Haltestelle vor dem Reiseziel der enttäuschten Fünf verläßt sie denn auch die Gesellschaft: das Abenteuer ist zu Ende. Doch nein: Fünf Minuten vor Genua erscheint der Zugbegleiter im Abteil, hält eine Kartonschachtel in der Hand und meldet:Die Dame, die mit Ihnen fuhr, Signori, läßt Sie vielmals grüßen und sendet Ihnen diese kleine Aufmerksamkeit!" Man wechselt verständnislose Blicke, öffnet den Karton und entnimmt ihm fünf goldene Herrenuhren. Die Uhren der fünf Reise­gefährten! Ein kleiner Zettel, nicht von zarter Frauenhand geschrieben, sondern gedruckt, bringt des Rätsels Lösung:Versäumen Sie nicht, in Genua das Variete Maxim zu besuchen. Der Schlager des neuen Programms ist die Zauber­künstlerin Dianka Tonzetti. die sich erlaubte, den Herren eine kleine Kostprobe ihrer Kunst dar­zubieten!"

Tolstoi-Telegramme.

(n) Moskau.

Jetzt, zwanzig Jahre nach dem Tode Leo T o l st o i s . veröffentlicht die Rational-Biblio- thek von Moskau einen Band mit den Telegram­men, die in den letzten Stunden bei dem ster­benden Tolstoi eintrafen. 1080 Drahtungen gin­gen damals nach Astapowa, der Stadt, in der der Dichter starb. Diese Sammlung erinnert an jene Tage im November 1910, in denen die Welt ängstlich auf jede Nachricht wartete, die über den großen Menschenfreund ihren Weg in die Oef» fentlichkeit fand. In einem kleinen Hause, in der Wohnung eines Eisenbahners, lag Tolstoi und rang mit dem Tode. Er hatte sein Haus in Iasnaia Poliana und seine Frau und seine Kinder verlassen, um eine große Wanderung als Pilger zu unternehmen. Wenige Tage später brach er in Astapowa zusammen. Die Welt begann nach seinem Zustand zu fragen. Auf Ge­heiß Tolstois wurden nur spärliche Auskünfte gegeben. Seine letzten Worte, die in der neuen, interessanten Veröffentlichung wieder in die Er­innerung gerufen werden, waren: ..Cs ist unnütz, über einen Mann zu klagen, wenn Millionen leiden!" Am 6. November 1910 war er tot.

Turnen, Sport und Spiel.

Westdeutscher Fußball.

Zugendopfertag in Westdeutschland..

Die Entspiele um die Fußball-Meisterschaft des Westdeutschen Spielverbandes erfuhren am letzten Märzsonnlag eine Unterbrechung. Unter der BezeichnungIugendopfertag" fanden zugunsten des Verbandsjugendheimes R e prü­fe n t a t i v s p i e l e aus allen Plätzen statt. Durchweg waren diese von gutem Wetter be­günstigt und nahmen einen entsprechenden Ver­lauf. Die wichtigsten Spiele waren folgende Städtespiele:

Köln Düsseldorf 2:1,

Duisburg Düsseldorf (B) 7:0, Rheydt Krefeld 5: 4, Schalke 04 Westfalen 5:1, Dortmund Essen 2:2, Bielefeld Schwarz-Weih Essen 4:5, Marburg Kurhessen Kassel 22, Marburg Gießen Wetzlar 3:3.

Die Endspiele um die süddeutsche Fußballmeisterschast.

Eintracht Frankfurt erstmalig süddeutscher Fußball-Meister.

Das Interesse für die Endspiele um die Süd­deutsche Fußball-Meisterschaft wird sich in der

Runde der Meister

der Suche nach dem Tabellenzweiten zuwen­den. Die Meisterschaftsfrage ist endgültig entschieden, und zwar zugunsten der Frank f u r ter Eintracht, die durch einen nicht allzu über­zeugenden, dennoch aber sicher errungenen Sieg von 2:0 Toren über den S.B. Waldhof Mann­heim endgültig als Meister ermittelt wurde. Gleichzeitig wurde der vorübergehende Tabellen­zweite, der F. C. Pirmasens, in Fürth von der Sp. Vgg. mit dem vernichtenden 0:10 geschlagen. Durch diesen Spielausgang setzten sich die Fürther wieder an den 2. Tabellenplatz, aber es bleibt ab­zuwarten, ob sie ihn namentlich gegen die Mün­chener Bayern, gegen die sie noch am kommenden Sonntag in München zu spielen haben, behaupten werden. Bayern München sicherte sich auf alle Fälle den weiteren Anschluß durch ein 5:1, das sie

sich in Freiburg beim dortigen F. C holten. Mit dem gleichen Ergebnis von 5:1 schlug der V. f. B. Stuttgart auf eigenem Platze die Wormser W o r m a t i a, mit der er gleichzeitig den Tabellen­platz tauschte.

Runde der Zweiten und Dritten.

Hier ist namentlich in der Gruppe N o r d w c st die Lage noch völlig ungeklärt. Der erste Anwärter auf die Gruppenmeisterschaft, Phönix Lud­wigshafen, siegte über den F. D. Saar­brücken mit 3:2 Toren nur sehr knapp. S. V. Wiesbaden sandte den F. Sp. B. Frankfurt mit einem 2:1 nach Hause. Hierdurch haben die Frankfurter vorläufig wieder wichtigen Boden ver­loren, aber den Ludwigshafenern ist gleichzeitig in dem Gewinner dieses Treffens, dem S. 23. Wies­baden, ein zur Zeit mit ihm punktgleicher Neben­buhler erwachsen. Allerdings hat Phönix bis jetzt ein Spiel weniger ausgetragen. In Mannheim stan­den sich V. f. L. Neckarau und Rotweiß Frankfurt, die beiden Letzten der Liste, gegen­über. Die Platzbesitzer siegten mit 3:1 Toren. Der V f. L. Neu-Isenburg erfocht ebenfalls auf eigenem Platze mit 3:2 Toren einen knappen, aber trotzdem beachtlichen Sieg über Sportfreunde Saarbrücken.

Die Frage nach dem Abteilungssieger der Gruppe Südost darf mit dem Hinweis auf den 1. F. C. Nürnberg als beantwortet gelten. Die endgültige Klärung wird vermutlich am kommenden Sonntag in dem Treffen mit dem S. B. 1860 Mün­chen erzielt werden. Die Nürnberger gewannen diesmal gegen PhönlxKarlsruhemlt7:0 fast nach Belieben. Auch <5. 23. 18 6 0 München Ian- bete einen sicheren Sieg von 4:1 Toren gegen den V. f. R. Heilbronn. Die beiden restlichen Spiele dieser Gruppe erbrachten beide mit 2:1 Toren knappe Siege der Platzbesitzer. Es handelte sich um die Spiele K. F. B. Karlsruhe gegen Union Bückingen, die überhaupt noch keinen Punkt erringen konnte, und Jahn Regensburg gegen den 21. <5.23. Nürnberg, der also erneut stark enttäuschte.

(Stuttgarter Kickers siegen in Paris.

Club Francais 2:0 (1:0) geschlagen.

(Einen recht schönen Erfolg konnten auf ihrer Frankreichreise die Stuttgarter Kickers er­zielen, indem sie den Pariser Meister Club

Die gefiederte Schlange.

Vornan von Edgar Wallace.

13 Fortsetzung. Nachdruck verboten

Er war wahrscheinlich betrunken", sagte Peter, ohne zu wissen, wie nahe er barmt der Wahr­heit kam. , r _ ..,

Sicher sprach er im Rausch noch der Crzay- lung des Portiers. Auch berichtete der Mann, 'vu0 uer Mord von einem Sträfling begangen wurde"

Wie?" fragte Peter plötzlich interessiert.Ist der Portier noch im Dienst?"

Der Redakteur sah ihn mißbilligend an.

Eie sind nun schon sechs Jahre in dieser Stellung und kennen die Hausordnung immer noch nicht! Rein, er hat um zehn Uhr seinen Dienst verlassen, aber Sie werden seinen Bericht in dem Buch finden. Wenn Sie mich nun noch nach dem Buch fragen wollen"

Aber Peter fragte nicht, er fuhr in dem Lift zur Eingangshalle und nahm sich das Racht- buch. Es war bei demPostkurier" üblich, daß der Portier eine kurze Rotiz von all den Leu­ten machte, die vorsprachen, nachdem das Bureaupcrsonal gegangen war. Der Rachtredak- teur ging morgens um halb fünf fort, und von da ab war bis zum Erscheinen des Tages­personals niemand da, der mit Besuchern ver­handeln konnte. Ratürlich war der Rachrichten- redaktcur in dringenden Fällen telephonisch zu erreichen.

Peter wandte die Seiten des Meldebuches um. In der vergangenen Rächt war nur eine einzige Eintragung erfolgt.

..Sechs Uhr früh. Ein Mann namens Lugg meldet sich in bezug auf den Mord am Gros- venor Square. Betrunken. Behauptet, Mord sei von altem Sträfling verübt, der einen Wagen führte. Sagte, der Mann fei ein Geist. Der Mann war auherordent.ich betrunken. Verlangte tausend Pfund für die Geschichte. Seine Adresse ist Rowton House, King's Croß. Legte sich auf die Bank in der Halle, um dort zu schlafen. Mußte Polizisten holen, der ihn wegbrachte."

Peter merkte sich die Adresse und fuhr mit dem List wieder nach oben. Es war nichts Unge­wöhnliches, daß sich alle möglichen verantwor­tungslosen Leute bei der Redaktion meldeten, wenn ein aussehenerregender Mord geschehen war. Gewöhnlich waren ihre Rachrichten von wildester und unglaubwürdigster Art, und Peter hatte allen Grund, anzunehmen, daß der be­trunkene Lugg in diese Kategorie gehörte.

Cs waren aber zwei Punkte in der kurzen Rotiz des Rachtportiers, die trotzdem seine Auf­merksamkeit auf sich zogen: erstens sollte der Mörder ein früherer Verbrecher fein das stimmte ja mit der Theorie Gregory Beales überein, zweitens wurde als Täter der Chauffeur eines Mietautos bezeichnet.

Rach Ansicht der Polizei war der Schuh von dem Wagen aus abgegeben, auch Peter hatte es in der Zeitung so dargestellt. Der Vagabund hatte aber zu einer solchen Zeit und in solcher Verfassung vorgesprochen, daß er unmöglich diese Geschichte aus einem Zeitungsartikel haben konnte.

Mr. Lugg von Rowton House war deshalb eine Persönlichkeit, die man so schnell wie mög­lich interviewen mußte, und eine halbe Stunde später wartete Peter schon in dem geräumigen Tageszimmer von Rowton House an -einem un­geheuren Kamin aus glasierten Ziegeln, um den wie gewöhnlich eine Menge bankerotter Exi­stenzen lagerte, die sich in solchen Heimen herum« trieben.

Es gab hier, wie ihm ein Beamter mitteilte, keinen ,2ugg*. sondern nur einen ,Hugg'. Der Mann war spät am Morgen heimgekommen und schlief jetzt. Erst nach geraumer Zeit erschien der kleine Wann. Er hatte rote, entzündete Augen, und sein bleiches Gesicht trug unver­kennbare Spuren übermäßigen Trunkes während der letzten Nacht. Als er in die Halle trat, schaute er mißtrauisch auf Peter.

Oh, ein Reporter?" fragte er dann sichtlich er­leichtert. .

Dachten Sie, ich sei ein Detektiv c

Der kleine Mann lachte verlegen und fuhr mit der Hand über den kahlen Schädel.

Ach nein, ich habe von der Polizei nichts zu fürchten. Mas wünschen Sie, mein Herr?"

Augenscheinlich erinnerte er sich nicht an sei­nen Besuch auf der Redaktion des ,Postkurier'.

»Die Sache ist so: ich muhte zwei oder drei Tage krumm liegen, weil ich nichts hatte. Letz­ten Abend gab mir ein Herr etwas Geld für Gelegenheitsarbeit, und da habe ich ein wenig über den Durst geturnten.

Sie waren doch früher Sträfling?" fragte Peter. Hugg sah ihn wieder argwöhnisch von der Seite an.

3a, entgegnete er kurz.Aber das ist doch nicht Ihre Sache? Was wollen Sie also von mir?"

Gestern abend haben Sie einen Mann gesehen, der Ihrer Meinung nach Mr. Farmer getötet hat. Und Sie behaupteten, daß der Mörder der Chauffeur eines Mietautos wäre."

Hugg machte ein dummes Gesicht.

Woher wollen Sie das wissen?" fragte er schnell.

Na, Sie haben es doch selbst erzählt," sagte Peter lächelnd,wenigstens haben Sie das dem Rachtportier beim ,Postkurier' angegeben."

Hugg fuhr sich verwirrt mit der Hand über den Kopf.

Habe ich das getan?" fragte er bestürzt.Ja, ja, wenn ich eins über den Durst getrunken habe, dann schwätze ich immer alles aus. Und trotz­dem kann er das nicht gewesen sein er ist ge­storben ich habe doch seinen Totenschein gestern einem Herrn gegeben. Aber er sah genau so aus, er trug für gewöhnlich einen kleinen, grauen Schnurrbart... aber er ist tot. Vor meinen eigenen Augen ist er in Thatcham tot umgefal­len, als ich und er Plötzlich brach er ab.

Wie hieh er denn?"

Aber Mr. Hugg schüttelte heftig den Kopf.

Ich gebe Ihnen keine Auskunft mehr, wenn ich nichts dafür bekomme", sagte er energisch.

Aber Sie haben mir ja schon etwas gesagt", bemerkte Peter belustigt.Sie erzählten doch eben, dah ein Mann in Thatcham tot umge- sallen ist. Thatcham ist ein kleines Dorf in der Nähe von Newbury, das stimmt doch? Dort finden die großen Rennen statt, und ich glaube, daß gerade nicht allzu viele Leute im Lauf der letzten zehn Jahre in Thatcham tot umgefallen sind."

Mr. Hugg rutschte unruhig auf seinem Holz­stuhl hin und her und vermied es, Peter in die Augen zu schauen.

Er fiel tot um das ist alles, was ich Ihnen sagen kann. Und der Kerl, der daran schuld ist, hätte zehn Jahre kriegen müssen."

Mr. Hugg war ein wenig verwirrt, aber die Widersprüche in seinen Angaben schienen ihm gar nicht bewußt zu fein. Peter kannte solche Verbrecher genau, die stets eine Neigung ha­ben, alles falsch darzustellen. Die Verschlagen­heit kleiner Gauner findet ihren Ausdruck in unzähligen nutzlosen Lügen. Diese Menschen suchen unwichtige Einzelheiten mit einer Sorg­falt zu verbergen, die eines Mocchiavell würdig wäre, der große Staatsgeheimnisse zu hüten hat. Soviel war Peter jedenfalls klar: dieser iln» bekannte in Thatcham war keines natürlichen Todes gestorben. Es war möglich, dah die nähe­ren Umstände nicht gerade ehrenwert für den Toten waren, sie konnten aber auch recht be­lastend für Mr. Hugg fein. Sicherlich war er nicht ermordet worden, sondern infolge eines Unfalls ums Leben gekommen. Das überlegte sich Peter während eines kurzen Schweigens.

Was hatten Sie in Thatcham zu tun? fragte er dann.

Sehen Sie, mein Herr" begann Hugg. Aber Peter, der feinen Mann kannte, unterbrach ihn und führte jetzt eine etwas schärfere Sprache.

Es ist nur zu Ihrem eigenen Vorteil, wenn Sie es mir sagen sonst muh ich zur Polizei gehen, um die Sache herauszubringen. Heute morgen sind Sie zu meinem Bureau gekommen und haben dort ein Ammenmärchen erzählt, daß der tote Chauffeur eines Mietautos den Mord an Farmer begangen haben full. Jetzt muß ich die Wahrheit erfahren entweder erzählen Sie mir nun die Geschichte, oder ich telephoniere sofort dem Oberinspektor Clarke."

Der kleine Mann wurde plötzlich sehr lebendig.

Clarke?" fragte er erstaunt.Der Schuft mühte doch längst tot sein wegen der Lügen, die er über mich in die Welt gesetzt hat! Der hat mich ins Zuchthaus gebracht!"

Ein armer Kerl, scheinbar ein Freund Huggs, brachte ihm eine dampfende Tasse, die Hugg ge­räuschvoll ausschlürste. Der Kaffee schien sein Gedächtnis wieder etwas zu beleben.

Also, ich werde Ihnen das erzählen, mein Herr, und wenn ich damit irgend etwas ver­dienen kann, dann möchte ich das Geld auch haben. Der Mensch, den ich gestern nacht zu sehen glaubte, heiht Lane. Er sah in demselben Gefängnis in Dartmoor wie ich, und dort kamen wir zusammen. Ich nahm ihn mit mir nach Roa- ding zu meinen Verwandten, aber die waren nicht mehr da" et machte eine Pausenun ja, die waren nicht fortgezogen, aber sie konn­ten uns drei ich meine zwei nicht ge­brauchen."

Also drei?" sagte Peter.Run erzählen Die doch einmal die Geschichte, wie sie wirklich war!"

Mr. Hugg schwieg eine Weile.

Ja, wir waren drei," gab er dann zu.Aber ich weih nicht, was aus dem andern geworden ist nach dem"

Nach dem Unfall, ergänzte Peter, als Hugg wieder eine Pause machte. Der Mann schaute verlegen vor sich hin.

Nun ja," sagte er schließlich zögernd.

Also, wie war das mit dem Unfall? Sie waren zusammen mit zwei anderen früheren Sträflingen auf der Walze. Wohin seid ihr denn gegangen?

Nach Newbury. Hugg wurde aufgeregt. Aber Sie sind doch keiner von der Polizei? Sie sind doch Zeitungsmann zeigen Sie mir doch einmal, wer Sie sind."

Peter holte eine Visitenkarte hervor, die sich der Mann nahe vor die Augen hielt. Er schien kurzsichtig zu sein.

(Fortsetzung folgt)