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Nr. 76 Erstes Blatt

180. Jahrgang

Montag, 51. März 1030

Erich, >n> iaglich,outzei Sonntags und Feieriag»

Beilagen;

Dl, Illustriert, Gießener Familienblätter

Heimat 'm Bild Di, Scholle

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GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Chefredakteur

Dr Friedt Wilh Gange. Verantwortlich für Politik Dr Ft Wilh Gange, für Feuilleton Dt H. Thyriot; für den übrigen Te»l Ernst. Blumfchein und für den Anzeigenteil Max Filier, fämtlich m (Biehen

Der neue Mann

Partei, sondern des ganzen Volkes maßgebend zu beeinflussen.

Oröner

mit seiner ganzen

Dietrich (Demokrat)

Gusrard (Zentrum)

Stegerwald (Zentrum)

Moldenhauer (Deutsche Volksp.)

Wirth (Zentrum)

Treviranus (Dolkskonfervativ)

Schiele (Deutschnational)

Dr Brüning (Zentrum)

Bredt (Wirtsch.-Partei)

ragenden K r i t i k e r d e s Etats, der sich in allen Steuerfragen auskannte, die einzelnen Posten des Reichshaushalts genau im Kopfe hatte und über­haupt in den Finanzfragen wie wenige andere zu Hause war. Die Denkschriften des Zentrums zur Finanzfrage trugen nicht nur seinen Namen, sondern waren tatsächlich in den wichtigsten Teilen von ihm vedfaßt. Hilferdings Haushaltsplan ist von Brü ning grundlegend umgearbeitet und in der ver­änderten Fassung dann von dem damaligen Reichs- finanzminister angenommen worden Eine der wich tigsten Lohnsteuernovellen ist nach ihm benannt worden. DieL e x B r ü n i n g" bestimmt, daß die Lohnsteuer aus sozialen Rücksichten einen bestimmten Höchstbetrag nicht übersteigen darf, andernfalls soll sie gesenkt werden Aber noch wichtiger als seine Tätigkeit auf fachlichem Gebiet war Brünings Arbeit innerhalb der Zentrumsfraktion, die darin bestand, Gegensätze auszugleichen und bei bestehenden Streit punkten zu vermitteln Bald zeigte sich, daß dieser Abgeordnete ein bedeutendes diplomatisches Talent besaß dem es zuzuschreiben war. daß manche innere Krise beigelegt werden konnte, ehe ihr Höhepunkt erreicht mar. Oft schlug man Brüning zum Finanz­minister vor, aber er lehnte dieses Amt immer wieder ab, weil er sich sagte, daß seine Zeit noch nicht gekommen sei, und drängte sich dabei ebenso wenig zu einem Amt, wie fein Freund, der Partei-

an seinem Amte klebt, sich freiwillig zurückgezogen, aber auch für ihn war es jetzt ein Zwang geworden, sich nicht so rücksichtslos bei Seite schieden zu lassen

Dr. Brüning hat zunächst geschwankt, wie er sein Kabinett orientieren sollte Er hatte dazu zwei

Schätzet (Bayr. Volkspartei)

führer Kaas, dem ebenfalls nichts daran lag, ein Amt anzunehmen.

So wirkte Brüning meist hinter verschlossenen Türen, ein Mann der Stille, bis er am S.Dezember v I. zum Vorsitzenden der Zentrums- fr a f t i o n gewählt wurde. Dieser Führerposten zwang ihn, aus der Reserve herauszugehen, und stellte ihn so weit in die Oeffentlichkeit, daß er nun zum Reichskanzler vorgeschlagen werden konnte. Tat­sächlich hat Brüning schon vor seiner Ernennung zum Fraktionsoorsitzenden die Zentrumspartei ausschlag­gebend beeinflußt; als fein Vorgänger von Gusrard als Minister in das Kabinett Hermann Müller ein- trat, ging die Leitung der Fraktion fast automatisch auf Brüning über, obwohl die stellvertretenden Frak­tionsvorsitzenden Dr. Perlitius und Esser waren. Man legte im Zentru mWert darauf, einen Mann an die Spitze der Fraktion zu stellen, der auch in den anderen Parteien ein großes Ansehen genoß, politisch nicht vorbelastet und mit den außenpoli­tischen Vorgängen ebenfalls gut vertraut war, da er als Beobachter der Zentrumspartei den Verhand­lungen im Haag beigewohnt hatte. Dr Heinrich Brüning wird nun, da er aus der Stille der Be­ratungszimmer herausgerisien ist. auf dem gefähr lichen Schlachtfeld der hohen Politik seine Feuertaufe zu bestehen haben.

,t einmal I so sehr um dessen Politik willen, als um das Außen- | Ministerium für das Zentrum frei zu bekommen Das ist ihm mißlungen, weil die Dolkspartei sich einschaltete und aus dem Verbleiben von Dr Cur tius eine Prestigefrage machte. Vielleicht hätte un­ter anderen Umständen Dr. Curtius, der ja nicht

Das Kabinett Brüning ist ernannt.

Sch eie übernimmt das Ernahrungsministerium. - Waischastspariei und Volkskonservative machen mit.

Möglichkeiten Er konnte sich auf die Mitte be­schränken und mit wechselnden Mehrheiten zu regie­ren versuchen. Das hatte die Gefahr, daß er viel­leicht über die Antrtttsoorstellung im Reichstag gar nicht hinweg kam, wenn die Sozialdemokraten und Deutschnationalen sich gegen ihn zusammenfanden Das hatte aber auch die Bedenken, ob der Reichs­präsident einer Regierung, die sich auf weniger als ein Drittel des Reichstages stützte, überhaupt die Ermächtigung zur Auflösung und zur Anwendung des Artikels 48 geben würde Die Hoffnung auf eine wohlwollende Neutralität der Sozialdemokraten hat nur ganz kurz bestanden. Es blieb also Dr. Brüning kaum etwas anderes übrig, als feine .Front nach rechts zu verlängern. Das dürfte auch dem Auftrag entsprechen, den er vom Reichspräsidenten bekommen hat. Es ist ein öffent­liches Geheimnis, daß Herr von Hindenburg in dem neuen Kabinett Herrn Schiele und einen Ver­treter der oolkskonservativen Gruppe gern sehen wollte. Das ist bei Herrn Schiele nicht ganz leicht gewesen. Es ist schließlich nur dadurch ge­lungen, daß leine Forderungen auf agrarpolitischem und zollpolitischem Gebiet weitgehend erfüllt wur­den, so daß jetzt außer den bisherigen bürgerlichen Re gicrungsparteien die Volkskonservativen

Brünings Laufbahn ist nur dadurch bemerkens- wert, daß jein Ausstieg in den letzten Jahren m i t erstaunlicher Schnelligkeit vor sich ging. Heinrich Brüning wurde auf 26. November 1885 in Münster in Westfalen geboren, ist jetzt also knapp 45 Jc.hre alt Er studierte an den Universitäten in München. Straßburg und Bonn und widmete sich dort dem Studium der Geschichte, der Philosophie und der Staatswissenschaft Stets war es dabei sein Grundsatz, sich nicht weltfremd in die Horsale und die Bibliotheken einzuschließen, sondern das Volk, seine Sitten, seine Denkweise und Lebensart kennen­zulernen Auf diese Weise hat er sich zum Beispiel mit den Strömungen der Elsässer während seines Straßburger Aufenthaltes ebenso vertraut gemacht wie mit der Lebensart der Bayern als Student m München Jin Jahre 1911 machte er bann sein Staatsexamen für das höhere Lehramt Die deiden folgenden Jahre benutzte er dazu, feinen Gesichts­kreis im Ausland zu erweitern Er hielt sich von 1911 bis 1913 zu «tudienzwecken in England und in Frankreich auf und bemühte sich besonders, das Wesen der englischen Politik zu erforschen Es ist bekannt, daß in der englischen Aristokratie feit Jahr­hunderten das staatspolitische Talent mit besonderer Sorgfalt gepflegt und entwickelt wird, Brüning hielt es für seine Aufgabe, die von ihm bewunderte realpolitische Denkweise der britischen Staatsmänner an den öueUen zu studieren Nach seiner Rückkehr wirkte er im höheren Lehrfach und promovierte dann ini Jahre 1915 zum Doktor der Staatswisien- schaften

Der Krieg riß ihn aus der ruhigen Entwicklung seiner Laufbahn, die er sich wohl als Oberlehrer ge­dacht hatte Er wurde Soldat, stand von 1915 bis 1918 an der Westfront, zuerst beim Infanterieregi­ment Nr 30, dann bei der Maschinengewehr-Scharf- schützen-Abteilung Nr 12 Beim Heer erwarb er sich die "im Frontdienst verliehenen Auszeichnungen, das Eiserne Kreuz beider Klassen. Bei der Maschinen- gewehr Abteilung wurde er übrigens auch verwun­det Sofort nach dem Kriege betätigte sich Dr Brü­ning in der sozialstudentischen Bewegung und trat in den Arbeitskreis Dr Sonnenscheins em In der Zusammenarbeit mit demApostel der Weltstadt , wie man diesen katholischen Priester gern genannt hat, erhielt Brüning eine einzigartige Schulung: er wurde mit den sozialen Fragen unserer Zeit ver­traut gemacht und iah- wie ein aktiver Mann, wenn

er wirklich rührig ist und sich _ .

Persönlichkeit in die soziale Hilfsarbeit hmeinknict, Außerordentliches leisten kann Diese Erfahrung wurde entscheidend für Brünings Leben Er trat als Referent in das Preußische Wohlfahrtsministerium em, um an zentraler Stelle sozial zu wirken. 1921 übernahm er dann die Geschäftsführung des Deut­schen Gewerkjchaftsbundes. die er erst im Januar dieses Jahres niedergelegt hat.

Es war ganz natürlich, daß Dr Brüning als her­vorragender Vertreter der christlichen Gewerkschaften im Jahre 1924 in den Reichstag einzog. Da- Gebiet, dem er sich besonders widmete, war die Finanz­politik Er nahm Erzbergers Gedankengänge auf und setzte sich für eine Stärkung des Reiches auf finanziellem Gebiet ein. Bei feinen Reden im Plenum vermied er jeden rhetorischen Effekt, aber man war sich doch bald darüber klar, daß die man* gelnde Rednergabe seinem Dolititoen Aufstieg nicht gefährlich werden konnte Das Zentrum hat auf solche Aeußerlichkeiten nie entscheidenden Wen ae- legt Schließlich war auch der alte Spahn kein rhe­torisches Talent: n>enn dieser Zentrumsfuhrer sprach, mußten die Abgeordneten, die ihm zuhören wollten, die Rednerkanzel umlagern, denn.auf drei Schritt Entfernung war kein Wort zu verstehen. Dennoch war Spahn- ein gefürchteter Politiker.

Brüning entwickelte sich bald zu einem hervor-

Seine Absichten sind vermutlich zunächst nach an- und die W i r t s ch a f t s p a r t e i hinter dem Kabi- de r e r Richtung gegangen Gar kein Zweifel, daß | nett stehen er es gern gesehen hätte, wenn er Dr Curtius. Herr Schiele freilich kommt ohne Mit- als Außenminister loswurde. Vielleicht nicht einmal | gift. Wenn man geglaubt hat, daß er die deutschnationale Fraktion zerbrechen und den größeren Teil zu sich hinüberziehen würde, so ist das offenbar ein Irrtum gewesen. Aber der Kanzler rechnet offenbar darauf, daß bei diesem Agrarprogramm die Deutschnationalen wenigstens nicht gegen das Kabinett stimmen und so zu einer Ablehnung der Mihkrauensanträge helfen werden. Inwieweit diese Rechnung richtig ist, muh sich erst zeigen. Die Deutschnationalen haben bisher das ganze Problem der Regie­rungsumbildung rein politisch aufgefaßt. Und es ist nicht ohne weiteres von der Hand zu weisen, daß auch landwirtschaftliche Zugeständ­nisse ihnen nicht genügen werden, trotz Herrn Schiele, der dadurch in einen häßlichen Gegen­satz zu seiner Partei tarne. Dr. Brüning selbst vertraut allerdings daraus, daß es so weit nicht kommen wird, daß vielmehr am kommenden Mitt­woch im Reichstag nach seiner Regierungserklä­rung alle Wihtrauensanträge ab gelehnt wer­den und er damit eine Startmöglichkeit hat, während gleichzeitig die Steuergesehe mit Hilfe des Artikels 48 in Kraft gesetzt werden. Die Basis, auf der er arbeitet, bleibt aber nach wie vor sehr schmal. Es kann nur eine Frage der Zeit fein, bis die Regierung sich im Reichstag eine Riederlage holt und dann doch an die Wähler appellieren muh; ein Unter­nehmen, das auch keineswegs aussichtslos ist, wenn erst einmal die Wähler merken, daß e i n neuer Wind weht und wir aus der Sta­gnation herauskommen. Die Sozialdemokraten da­gegen stellen sich jetzt bereits darauf ein, daß sich am kommenden Mittwoch eine Mehrheit ge­gen das Kabinett zusammenfindet. 3n vielem Falle würde dann schon am Mittwoch die Auf­lösung des Reichstags erfolgen.

Der jüngste Fraktionsoorfitzende, den das Zentrum jemals gehabt hat. D r Heinrich Brüning, hat vom Reichspräsidenten den Austrag erhalten, die neue Regierung zu bilden Sein Name stand bisher nicht in der Liste jener deutschen Politiker, die jedermann kennt und deren Bild von Zeit zu Zeit in den Zeitungen und Zeitschristen erscheint.

Er ist ein Mann, der es oorgezogen hat, in der Ulllliy v l.

Stille zu wirken, ein wortkarger Sonderling, der Herrn Dr. Brüning ist es gelungen, die seine Person so wenig wie möglich in das Schein- Kabinettskrise in wenig mehr als oierundzwan-

werferlicht der Oeffentlichkeit treten ließ Es ist da- zig Stunden zu lösen. Er hat damit em für

her zu verstehen daß in diesem Augenblick alles deutsche Verhältnisse geradezu bewunderungs-

bemüht ist, etwas über den Charakter und die Denk- würdiges Beispiel autgeftetlt. Allerdings mehr

weise dieser oerfchlosienen Persönlichkeit zu erfahren, als einmal sah es so aus, als ob er doch noch

die dazu ausersehen ist. nicht nur die Geschicke einer scheitern würde, wofür er freilich selbst die

Hauptverantwortung trug. Er hat sich doch nicht ganz von der schiefen Ebene frei machen können, die auf dem Wege zu den Fraktions­zimmern liegt. Seine Aufgabe wäre am ein­fachsten gewesen, wenn et wirklich einmal streng nach der Bersassung handelte und ohne stundenlange Beratungen sich einfach an diejeni­gen Kandidaten wandte, die er zum Eintritt in fein Kabinett auffordern wollte, um dann mit feiner Liste zum Reichspräsidenten zu gehen und vor den Reichstag zu treten. Der Reichstag hätte dann die Verantwortung dafür getragen, ob er dieses neue Kabinett stürzen sollte oder nicht, und wir sind fest überzeugt, daß trotz aller Entrüstung, die dann bei sämtlichen Fraktionen I Platz gegriffen hätte, niemand die Verantwor­tung dafür hätte auf sich genommen. Zu einer solchen Taktik gehörte allerdings eine gute Por­tion Rücksichtslosigkeit, Herr Dr. Brüning, der selbst Fraktionsvorsitzender ist, hat sie nicht auf- bringen können Er hat deshalb die Fraktions- i vorfitzenden der Regierungsparteien bei sich ge- ............ sehen, die sich nun begreiflicherweise nach dem

In der Wandelhalle des Reichstages haben sich die Schicksal ihrer Minister erkundigten und sich für Journalisten oft bemüht, aus den Mienen Dr Hein- ihre Fraktion mit ihren Parteiministern sott- rich Brünings zu lesen, was aus seinem Mund nie darisch erklärten Dadurch war ihm dte Mogttch- zy erfahren war Welche Taktik die Zentrumspartei feit genommen, frisches Blut in sein Kabinett hm- einjchlagen würde und welche Pläne der einsluß- einzubringen Er war zuletzt fo eingeengt, baß reiche Ülann für d,e zukünftige Politik hegte Aber er eigentlich nur die vier Plätze zur Ver- Brunmg schrill stets mit lehr schnellem, sehr straf- fugung hatte, die durch das Ausscheiden fein Schrill durch die Wandelhalle, ohne sein nm- der Sozialdemokraten freigetoorben ger wirkendes, blasses Gesicht zu verziehen Stets waren, ist er sehr ernst, und unter den vielen, recht wohl­genährten Parlamentariern fällt er durch sein aske­tisches Aeußere auf Die Augen, die die Stimmung, die Wünsche und den Grad der Erregung am leich­testen verraten, sind durch dicke scharfe Brillengläser wie durch em Visier geschützt: der Blick, der kühl durch diese Glaswand hindurchdringt, ist abweisend und ermuntert keineswegs dazu, vertrauliche Aus­künste zu erlangen. So gelang es dem verschlosse­nen Westfalen fast stets, sich den Aussragern zu ent­ziehen, ohne etwas anderes als eine verbindliche Redensart geäußert zu haben Auch als Redner ent­hüllte er im Reichstag nicht, was in seinem In nern vorging Seine Ausführungen waren stets sach­lich beinahe trocken, und er verschmähte es, die Wir kun'g durch Pathos, schauspielerisches Talent, retho- rischen Schmuck zu erhöhen Wenn man den leicht angegrauten aber unter den Parlamentariern ju gendiich wirkenden Mann die Rednerkanzel des Reichstags besteigen sah, wußte man, daß unter Umständen eine sachlich scharfe Auseinandersetzung, aber keine parlamentarische Sensation bevorstand