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Samstag, 29. März (930

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffenf

Nr. 75 Sünftes Blatt

Voranschlag und Bürgerschaft

nicht eine Feile gewesen, ein Schnitzmesser und I sah er die Bettstatt des Melanchthvn mit schmutz- Meißel am Evangelium?" haft angegrauten Linnen und seinem eisweißen

ich.

*

/ Sochschulnackrichten.

Lind als ob eine Schaufel Aehren worfelte auf der Tenne, flogen die Worte, wie Körner auf­prallend:Hast du denn Josua nicht willfahrt, daß die Sonne still stand zu Gibeon? Hast du nicht den Elias gehört, welcher den Blitz her­niederbetete auf den Holzstoß? Hast du ihm nicht Regen gesandt nach langer Dürre, um welchen er dir anlag auf dem Borgebirge Karmel? Hast du nicht verheißen zu erhören aber und aber­mals? So mußt du mich jetzt erhören, wo ich anders dir trauen soll inskünftig I Denn Rede ist Rede." Das Sagen rollte aus Luther immer dichter. Wie kleine Trümmer Hagels fielen Worte zur Diele nieder, wie Trümmer Hagels fuhren Worte von einem Wind geblasen zur Decke auf und schlugen nieder. Lind alle durcheinander rollten in weißlich grauem Leuchten am Estrich, 'und es donnerte in der sStube, und der lutherische Wille forderte Gott ins Gemach an die Krank­heit des Melanchthvn.

Schädel unter mürb verblichenem Haar. Da be­gann die Luft zu strömen. Aus dem gesamten Luther floh Gewalt auf das Lager des Welanch- thon und an seinen Leib, daß er sich endlich regte und die Lider lüpfte, wie ein fast erfrorener Spatz die Flügel rührt, wenn eine Handfläche ihn umwärmt. So starck» Luther, fast nicht atmend, gebärdelos, und indem er stand, ahnte ihm, warum Gott mit ihm gerungen hatte. Denn Ge­walt unablässig zog von ihm in dichtem Strom und überhüllte das Bett des Melanchthvn als eine stärkende Luft bis unter die Deckenbalken. Da wandte Melanchthvn sein Angesicht Luther zu und klagte:Da ich doch bereits auf der Fahrt war. was hältst du mich?" Da schlug großes Lachen, wie ein Blitz durch ein Haus vom First zum Keller, Luthern von oben nach unten steil senkrecht durch den ganzen Leib. Stand am Bett und faßte den Melanchthvn stark bei der Hand, welcher dieses Mal von dem Zugriff erschrak: Mit Nichten wirst du abfahren, sagt dir Luther, du wirst bleiben und dienen." llnb riß die Tür auf und rief in den Hausgang:Dringt stracks ein Süpplein. denn er wird genesen!" Bald ward ein Teller gebracht, dampfend von weißlich kräf­tiger Brühe, die aus einem Pfundstück Kalbfleisch gekocht war. Melanchthvn murrte und weigerte sich. Da zuckte froher Zorn über Luthers Antlitz: wie über eine Felswand im Mai, wenn es bei

essen! Leben wirst du, Melanchthvn. leben! du und lebe du. sonst, ich warne dich, tue Luther, dich in den lutherischen Dann!"

Da Melanchthvn.

heinrrats M. Lidzbarski, der o. Professor Dr. Burckhardt H e l f e r i ch von der LIniversität Greifswald vom 1. April 1930 zum ordent­lichen Professor der Chemie an der LIniversität Leipzig.

Zum Rachfolger des verstorbenen Prof. Pir­quet auf dem Lehrstuhl der Kinderheilkunde an der Wiener LIniversität ist Professor Dr. Franz Hamburger von der LIniversität Graz in Aussicht genommen.

Deutschland ihn führt. Der Mensch an der Grenze muß wissen, daß er im Mittelpunkt des politischen und wirtschaftlichen Denkens seines Bolles steht, daß seines Landes volle Kraft be­reit ist, sich hinter ihn und seine Selbstbehaup­tung zu stellen. Möchte uns zurWacht am Rhein" ein Lied von derW acht an der Weichsel" geschenkt werden, das deutsche Her­zen schwingen macht.

Das deutsche Bolk hat als Gesamtheit Taten vollbracht, die die innere Festigung seines Zu­sammenhanges beweisen. Cs ist nach dem ver­lorenen Weltkrieg aus eigenem Entschluß und eigener Kraft zusammengebliebcn. Es hat die Schrecken des furchtbaren Währungsverfalls über­standen. ohne politisch auseinanderzuge^en. Die dritte große Prüfung für die weltgeschichtliche Reife des deutschen Bolkcs als Staatsvolk wird die sein, ob es versteht, sich den O st e n und damit die Wurzel seiner Reichskraft zu erhalten.

Die Aufgabe ist schwer. Mit der verunstalteten Grenze, mit all den willkürlichen Teilungen und Trennungen sind die Lebensnerven abgeschnit­ten, die den Osten mit dem übrigen Deutsch­land verbinden. Helse uns Gott, daß an der Schwere dieser Aufgabe das deutsche Volk wächst und stärker wird!

Kabellegupgen durch die Ostsee, Schiffahrtver­bindungen an Stelle des früheren Landzufam- menhanges sind Rotwcndigkciten, aber doch nur

Es sind ernannt worden: Professor Dr. Georg Hohmann von der LIniversität M ü n ch en zum ordentlichen Professor der orthopädischen Chirurgie an der LIniversität Frankfurt am Main als Nachfolger von Prof. K. Ludloff, Prof. Dr. Richard Hartmann von der LIni- versität Heidelberg zum ordentlichen Pro­fessor der orientalischen Philologie an der LIni-

---------- als Rachfolger des Ge­

BehelfSmäßigcS. Eine Welle von Zu­sammengehör igkeitsgefühl muß aus dem Reich, namentlich über den Trennungsgra­ben des Korridors hinweg, aber auch nach allen anderen östlichen Grenzlandschaften den um ihr Dasein auf der alten Scholle Ringen­den entgegenfluten. Lind dieses Zusammengehö­rigkeitsgefühl muß seinen Ausdruck in tatfrohem Handeln finden.

Solches Handeln zugunsten deS deutschen Ostens, solche Erfüllung der Reichsvflichten gegenüber einem in besonderer Not befindlichen lebenswichtigen Teil des Ganzen ist jedoch nur möglich, wenn die Reichsmacht an einem ju- sam menge faßten und wirkungs­vollen Eingre ifen nicht durch Fehler in der Staatsorganisation gehindert wird. Die Lage Ostpreußens hätte sich ganz gewiß nicht so ent­scheidend zu verschlechtern brauchen, wenn nicht der ewige Dualismus zwischen dem Reich und Preußen immer wieder Verzögerungen und Hem­mungen aufgcrichtet hätte. Das Schicksal des deutschen Ostens ist davon abhängig und wird dauernd davon abhängig sein, daß der Staat der Deutschen die preußische Organisationskraft, verstärkt durch den zusammcngcschweißten Reichs- Willen und in Willenseinheit mit der Reichs­macht, für den Osten einseht. Das aber hat, so wie die Dinge jetzt liegen, eine durchgrei­fende Staatsreform zur Voraussetzung.

Jetzt, nachdem die Flut der Raffke-Witze verebbt scheint, ist es an der Zeit, den vielleicht besten her- vorzuangeln.

Frau Raffke erzählt ihrer Freundin:

Denken Sie, ich fahrss neulich mit der Sraßen- bahn 81, und wen treff ich im Wagen? Die Frau von P.! Aufgedonnert, sag ich Ihnen, ich töt mich schämen, so auffallend ... Und wissen Sie, was mir die P. erzählt? Sie sagt ganz patzig:Ich fahre jetzt mit der 81 nach Halensee zum five oclock beim berühmten Kunstmaler Rembrandt!"... Hab' ich gelacht, hab' ich gelacht: die 81 fahrt gar nicht nach Halenseel"

scheinender Sonne gewittert, blendete und leuch­tete es über ihn.Essen wirst du, Melanchthvn. ... - -- " Ih

Luther heilt Melanchthvn.

Legende von Ernst Lissauer.

Melanchthvn erkrankte zu Witten^ ?rg auf den Tod: Luther, welcher eben die P arreien der weiteren Llmgegend visitierte, ward auf Andrän­gen des kurfürstlichen Leibarztes, der für rede Stunde das Ableben voraussagte, heimgerufen, um den Freund vieler durchkämpfter Jahrzehnte noch zu sehen, und reiste in eiliger Fahrt herber.

Als er nun eintrat, schlug ihm die aufge- Lrauchte Lust der Krankenstube vermufft ins Gesicht. Des Melanchthvn Frau. Schwester. Schwager und zwei oder drei Schüler wichen^ wie Dom Winddruck gepreßt, beiseite. Weiß wie 6>fch- fleisch lag des Melanchthons Antlitz, dre Zunge gebunden, das Gehör versperrt, bei offenen Augen nnsehend, die Glieder gänzlich ausgezehrt und bräunlich verrunzelt, wie von einer flamme cusgedöert. Auch hatte er seit zehn Tagen ver- veigert, Speise zu genießen. Da tone Luther auf:Behüt Gott, wie hat mir der Teufel dieses Organon geschändet!" Sodann aber raffte er Kraft zusammen aus allen Böden und Winkeln seines Wesens und ergriff den Melanchthvn an der Linken, welche ledern und laß, als sei sie ous Werg gefertigt, sich nehmen lieh und der Puls pochte von fern her wie durch Mauern, abet er sprach getrost auf Lateinisch:Philippus, du wirst nicht sterben! Dieses sagt dir Luther' Darauf verwies er alle aus der Stube.

Er trat abseits ins Eck, so daß er dem Melanch- thon den Rücken zukehrte. Der aber lag, nun- mehr geschlossenen Auges, die splhgrade Rase Die um die Hälfte größer als zu gesunder Zeit rnd steil gegen die Stubendecke aufgerichtet, und achtete seiner nicht.

Da' aber ging ein Murren und Drohnen an. , das brach aus dem breiten Körper Luthers und schwoll unablässig heftiger. Die auf dem Gange erschraken und wußten nicht, was Luther beginne, wagten aber nicht zurückzukehren, denn sie fürch­teten sich vor der Jachheit seines zorniges Willens. . ,.

Luther redete mit Gott. Er warf die Satze hin. daß sie aufschlugen: wie ein Sack Nüsse klatschte es hin:Was mag das für Sinn haben, dies Werkzeug zu zerbrachen vor der Zeit? Ist er dir

Dilemma heißt es nun für den Stadtrat den neuen Voranschlag in einer Weise zustande zu bringen, die sowohl für die städtische Haushalts­führung, wie auch für die steuerzahlende Bür­gerschaft annehmbar ist. Vor allem erscheint es uns dringend geboten, den Voranschlag nicht mit einem Fehlbetrag abschließen zu lassen, sondern ihn unter allen Llmständen auf gesunder Grundlage auszugleichen. Wenn auch am Donnerstag in der Stadtrats- sihung ein Redner beiläufig erwähnte, der neue Voranschlag schließe mit einem erheblichen Fehl­betrag ab, so möchten wir doch der bestimmten Erwartung Ausdruck geben, daß diese Aeuße- rung nicht etwa als das sog. letzte Wort auf- zick assen ist. Erfreulicherweise hat sich der Hessische Städtetag in seiner jüngsten Sitzung in Gießen auf den Standpunkt gestellt, daß jede Stadt ihren Haushalt unbedingt ausgleichen muß. Man kann nur wünschen, daß auch in Stadtratskreisen die gleiche Auffassung sich vollkommen durchsetzt.

Daß unser Gießener Stadtrat eifrig und mit dem ernsten Willen zu weitgehenden Konse­quenzen sich nach Ersparnissen im städtischen Haushalt umsehen wird, halten wir für selbst­verständlich. Er wird mit diesem Bemühen sowohl der Bürgergesamtheit, wie auch dem einzelnen Steuerzahler gute Dienste leisten. Aber diese Sparsamteitsossensive wird ihre Grenze fin­den müssen an den unabweisbaren sach­lichen Erfordernissen, und dann wird der Kamps um die Bemessung der kommunalen Steuern und sonstigen Abgaben beginnen. Wir möchten keinen Zweifel darüber aufkommen lassen, daß _ auch wir, wie übrigens jeder wirtschaftlich vernünftig denkende Bürger, für weitgehendste Sparsam­keit im städtischen Haushalt sind und daß wir alle dahinzielenden Bestrebungen nachdrücklich unterstützen werden. Wir möchten aber auch nicht den Glauben erwecken, daß wir mit Er­sparnismaßnahmen einverstanden wären, die ausschließlich nach dem Gesichtspunkt der Herabdrückung der Steuersätze um jeden Preis auf Kosten eines gesunden wirt­schaftlichen Fortschrittes beschlossen würden. Eine solche Sparpolitik würde letzten Endes nur auf Kosten der heimischen Wirtschaft, insbesondere des Handwerks und Gewerbes gehen. Wir haben in Gießen die außerordentlich bedauerliche Tatsache zu verzeichnen, daß durch die Still­legung der städtischen Bautätigkeit im vorigen Herbst die allerdings nicht auf kommunale Steuerfündcn, sondern auf den ungeheuren Ka­pitalmangel zurückzuführen war das Bau­

Luther, plötzlich, wandte sich um und sah in die Mitte der Stube, denn er spürte, Gott war ge­kommen und erfüllte die Stube mit seiner Last und lastete gegen Luther an, und Luther mit ausgebreiteten Armen lastete dawider, aber lieh zugleich nicht ab, Worte empor zu holen aus unterstem Leibe und vorzustohen nach der Mitte des Zimmers zu. Da geschah es Luther, daß er des Ortes rings vergaß. Sein Hals blutete schwer rot längs an allen Adern und Gefäßen und schwoll auf, die Schwere des Blutes stieg auf­wärts über das fleischige Angesicht bis unter das Haar, und flutete abwärts in dickem Strom durch'den Rumpf in die Knie, die secht ereiferten Lind die Stärke des Blutes übertrat die Ufer deH Leibes, und er stand leiblos, völlig nur gänzlich cmstämmende Kraft, gewillt, zu bestehen. So ragten sie, Last wider Last.

Dann aber ward es Luther, als ob der Himmel draußen sich ausklärte, so ward das Zimmer all- gemach heller, und entleerte sich, als habe Gott abgelassen. Luther aber stand, alle Kraft war in ihm geerntet. Er ragte starr und steil, wie das Weib des Lot. jedoch nicht salzen, sondern aus Kraft gebraut und gebrannt von unten bis oben in allen Gefäßen. Und nur wie ein t>er- schnelles Feld seitlich fern hinter Februardunsten I versllat ©Öllingen

gewerbe und das damit verbundene Handwe^ schwere Einbußen erlitten haben und dadurch auch die übrigen Wirtschast'steile sehr emp­findlich in Mitleidenschaft gezogen wur­den. Erst am Donnerstag hat daS Stadt- ratsmitglicd Loeber in der Stadtratssitzung in sehr eindruck voller Weise darauf hinqewiesen, wie groß die Rot in Handwerkerkreisen infolge der monatelangen Arbeitsbeeinträchtigung ge­worden ist, und unter dem Drucke seiner Schilde­rung eines Einzelschicksals aus Handwerker­kreisen wurde dann auch ein von der Fraktion der Wirtschaftlichen Vereinigung gestellter An­trag. die Beschaffung von Schulhau.einrtotun- gen jetzt nicht in einem Zuge vorzunehmen, sondern sie auf mehrere Jahre zu verteilen, so­fort zurückgezogen. Aber abgesehen von der von Herrn Loeber dem Hause vorgetragenen Schil­derung möchten wir behaupten, daß jeder Bürger, der mit offenen Augen und Ohren die Vorgänge in der Stadt verfolgt, zugeben muß. daß die Einstellung der städtischen Baut tigleit einer gro­ßen Reihe von Handwerkern und Gewerbetrei­benden tatsächlich schwerste Verluste zugesügt hat. Die Betrieb Inhaber leiden nicht nur selbst mit ihren Familien schwer unter dieser erzwungenen ArbeitZbeschränkung, sondern sie mußten zum Teil auch Arbeiterentlassungen vornehmen, wo­durch dann die Rot noch in den Kreis vieler weiterer Familien Eingang fand. Während Handwerker und Gewerbetreibende bei dieser Lage nicht selten mit der Erfüllung ihrer steuer- Iid>en und sonstigen Verpflichtungen in Rück­stand kamen, mußten die entlassenen Arbeiter durch die Erwerbslosen- oder Kri ensürsorge Und zum Teil auch durch Mittel des Wohl, ahrtsamtcs der Hilfe der Allgemeinheit teilhaftig werden, fo daß also die öffentlichen Finanzen selbst mit zu den Leidtragenden dieser schweren Krise hinzukamen. Das Ergebnis: Statt produktiver Arbeit auf allen Seiten wirtschaftlicher Ver­fall. schlimme Not in den Familien und ge­steigerte Belastung der ohnehin nicht allzu star­ken öffentlichen Finanzwirtschash Diese bedauer­liche Entwicklung, an der wie gesagt unsere Stadtverwaltung schuldlos ist da sie auch ein Opfer der Anleihepolitik des Reiches wurde, die einfach schematisierte, statt je nach Lage de; Cinzelfalles regulierend ein­zugreifen dürste so lehrreich sein, daß weitere Worte darüber, wie es nicht gemacht werden soll, überflüssig erscheinen.

Wenn auch unsere städtischen Körperschaften die Schäden nicht wiedergutmachen können, die durch jene Anleihepolitik unserem Handwerk und Gewerbe zugefügt wurden, so können sie doch ein erhebliches Teil dazu beitragen, daß diese Nachteile n i ch t n o ch länger andauern und noch tiefergreifenden Umfang annehmen. Der Finanzausschuß und der Stadtrat müssen sich, bei allem Willen zu weit- möglichster Sparsamkeit zum obersten Grundsatz für ihr Handeln die Wiederankurbelung des Baugewerbes machen. Dazu gehört, daß die Bemessung der Ziffern auf der Einnahmenseite des Voranschlags ausschließlich unter dem G e - sichtswinkel der Wirtschaftsbelebung vorgenommen wird. Wenn man der Stadtverwal­tung ohne Kleinlichkeit wobei man natürlich nicht nach der entgegengesetzten Seite hin über das Ziel hinausschießen soll Einnahmequellen erschließt, die ihr die Wiederaufnahme und die ständigeAufrechterhaltungihrerBau- t ä t i g t e i t ermöglichen, so wird der Allgemeinheit, vornehmlich aber dem Gewerbe und Handwerk, am besten gebient. Es ist nun einmal so, daß bei dem gegenwärtigen geringen Umfang der privaten Bau- tätigteit die Kommune der Hauptarbeit- g e b e r für das Baugewerbe und alle mit diesem zusammenhängenden Unternehmungen ist. Stellt jnan der Stadt die nach Lage der Verhältnisse gebotenen Geldmittel zur Verfügung, fo werden alsbald Arbeitsmöglichkeiten erschlossen, die neuen Derdienstquellen bringen wieder Steuerzahlungen, stellen die Not in den Familien ab und entlasten auch den Wohlfahrtsetat. Manchem Handwerker, Ge­werbetreibenden und Arbeitnehmer wird es dadurch möglich werden, allmählich wieder hochzukommen aus der gegenwärtigen wirtschaftlichen Niederung, und auch die übrigen Teile unserer Geschäftswelt werden danach eine Besserung ihrer Lage verspüren können. Es ist also n i ch t so, daß eine in den Gren-

Der Gießener Stadtrat hat in seiner Sitzung vom Donnerstag, in der er eine große Reihe von Vorlagen erledigte, die Bahn frei gemacht für die Beratung des Gießener Voran­schlags für 1 9 30. Der Finanzausschuß des Stadtparlaments wird sich in der nächsten Woche mit dem Voranschlag beschäftigen. Dann dürste etwa Mitte April das Plenum des Stadtrats in der Lage fein, die Beratung des Voranschlages vorzunehmen. Der Haushalt könnte unter diesen Llmständen, falls nicht irgendwelche unvorherge­sehenen Hindernisse eintreten, noch im Lause des April Geltung erlangen und dadurch etwa zwei Monate früher als im vorigen Jahre zur Grundlage unserer kommunalen Finanzwirtschaft werden. Das würde bedeuten, daß auch die Steuerzahlungen wesentlich früher als im Vorjahre in Gang kämen und hierdurch den Steuerpflichtigen die Entrichtung meh­rerer Steuerziele zu einem Termin er­spart bliebe. Neben dieser besseren Verteilung der Steuerfälligkeiten würde für die Stadt selbst der Vorteil entstehen, daß sie zu einem frühe­ren Zeitpunkt in den Besitz der Steuermittel käme und dann nicht wie in den letzten Jah­ren wieder kurzfristige Kredite unter ent­sprechenden Zinsbedingungen in Anspruch neh­men müßte. Man kann mithin sowohl als Steuer­zahler, wie auch vom Standpunkt der städtischen Finanzwirtschaft aus die frühzeitigere Fertig­stellung des Haushaltes nur begrüßen.

Die verantwortlichen Personen der städtischen Körperfchaften stehen bei ihrer Arbeit am neuen Voranschlag in diesem Jahre vor einer besonders schwierigen Situation. Wie im Reiche und im Lande, so ist auch in der Kommune die Finanz­not infolge der allgemeinen schweren Wirtschafts- depreffion außerordentlich drückend. Die Folge hiervon ist die allgemeine Forderung nach strengster Sparsamkeit, die in diesem Jahre mit besonderem Nachdruck erhoben wird. Diele Steuerzahler waren schon seit Monaten nicht mehr in der Lage, den steuerlichen Anfor­derungen in d e m Ausmaße gerecht zu werden, wie die Steuerbehörde es von ihnen forderte und wie sie selbst es bei besserem Geschäftsgang sicher­lich gern getan hätten. Auf der anderen Selle mehren sich die Anforderungen an den öffent­lichen Haushalt in einer geradezu beängstigen­den Weise, wobei aber leider in Betracht ge­zogen werden muh, daß ein großer Teil der Ausgaben entweder zwangsläufig z. D. durch Reichsgesehe begründet, oder doch so zwingen­der Natur ist, daß man sich diesen Erfordernissen nicht oder wohl kaum entziehen kann. In diesem

Kleine Scherze.

Don Sigismund von Nadecki.

Der alte Herr v. D. hatte eine brillante Methode erfunden, um Gäste, die zu lange dablieben, aus dem Hause zu befördern.

Wenn es spät und immer später wurde, und doch keiner Miene zum Aufbruch machte, pflegte der alte Herr v. O. sich seiner Kandelaber-Uhr gegenüber zu setzen und ihr schalkhaft mit dem Finger zu drohen:

O du böse, böse Uhr!" sagte er leise, aber deut­lich,vertreibst mir meine liebsten Gäste!"...

* * *

Zwölf Uhr mittags. Die Straße ist zum Platzen angefüllt von Menschen, Autos und Benzinrauch. Ein sechsjähriges Knäbchen schreitet auf den Schupo zu und zupft ihn am Aermel.

Herr Schupo, haben Sie nicht einen Papa ohne einen kleinen Jungen gesehen?"

Darauf, in Tränen ausbrechend:

Der kleine Junge, das bin ich!"

i Die Macht an der Weichsel.

Don Reichsdankprasident Dr. Hans Luch r, ehem. Reichskanzler.

Politisch, wirtschaftlich, und als besonders kräf- tige Quelle deutscher Wehrhaftigkeit, aber auch kulturell ist ein Deutschland, das im echten Sinne wieder Großmacht werden will, ohne die Flä­chen des deutschen Ostens undenkbar. Cs ist undenkbar ohne den Crnährungs- z u s ch u ß , den aus inländischem Gebiet der Osten oen dichtbevölkerten Teilen des allen Stammes- landes zuführt. Auf den weiten Kornebenen des Ostens erwächst der geräumige Binnen» markt als gesichertes Absatzgebiet, das den Unterbau auch aller Ausfuhrindustrie blldet. Der Zustrom arbeitender Menschen in dem Westen, ohne den die große Entwicklung dort niemals vor sich gegangen wäre, stammt zu einem großen Teil aus den östlichen Provinzen. Lind allgemein verdankt die deutsche Volks- Verschmelzung ihre größten Fortschritte den psychischen Ergänzungen, die der westliche und der südliche Deutsche durch den östlichen Deut­schen erfuhr. Deutschland ist undenkbar ohne die Eigenschaften der Menschen, die seit tausend Jahren, Geschlecht um Geschlecht, für das der Wildnis und Llnkultur abgerungene Land ihre Lebenskraft hingegeben haben. Wenn Goethe von Italien sagt: ..Ohne Sizilien macht es kein Bild in der Seele," so weiß niemand um die letzten Wurzeln deutscher Kraft, der nicht in sich aus­genommen hat, was Ostpreußen, was die deutsche

L Deichsellandschaft, was Schlesien, was Pommern I für Deutschland bedeuten. Der Osten des Reiches hat dem Westen und Süden all seine großen kulturellen und wirtschaftlichen Gaben im Laufe der Jahrhunderte reichlich vergolten.

Jetzt ist der O ft en in Not. ist in einer großen, jeden Tag schwerer und drängender wer» denden Not. Es ist eine Not, die nicht aus Tagesereignissen entsprungen ist, sondern eine organische Not, die nur durch Anwendung i von Mitteln zu heilen ist, die den ganzen Bolks- ; körper neu durchbluten. Alle Cinzelmah regeln, j die zur Kräftigung des Ostens ergriffen werden ! können, werden nur bann endgültigen Segen bringen, wenn das ganze deutsche Volk begreift, daß es jeden Deutschen und seiner Kinder und Enkel eigener Nutzen ist, dem Osten gründlich und bald zu helfen.

Was im Osten Deutschlands sich vollzieht, ist die Infragestellung des tausendjährigen deut­schen Kolonisationswerkes. Schon vor dem Kriege hatte der Bevölkerungsstrom seine Richtung ver­ändert. Gegen die andrängenden Slawenscharen [ wurde vom starken preußischen Staat der da­maligen Zeit das große Siedlungswerk der Neu­zeit angesetzt. Durch die Folgen des Weltkrieges verlor dann das Deutschtum fast alle seine Vorfeldstellungen auf dem Gebiet des russischen Vorkriegsreiches. Jetzt, nach Beendigung des blu- I tigen Ringens, unter dem Druck der völlig un- I tragbaren Grenzziehungen, büßt das Deutschtum im Osten fortgesetzt an Widerstandskraft ein, auch in dem ihm verbliebenen Hoheitsbereich. Das Rückfluten der Menschen aus dem Osten Deutschlands nach dem Westen nimmt ein bedrohliches Ausmaß an. Damit ist nicht nur der Fortbestand einer Kolonie ge­fährdet, nicht nur der Fortbestand derInsel Ostpreußen". Wer so sieht, sieht falsch, in ®c» fahr ist Deutschland.

Wie einstmals aus innerem seelischen Trieb I die Wanderung nach dem Osten sich vollzogen hat, so muh jetzt aus innerem seelischen Trieb ! des ganzen deutschen Volkes der Rückflut Halt geboten werden. Die großen Ereig­nisse der Geschichte vollziehen sich nicht o';ne tiefe : seelische Begründungen. Als die Deutschen im . frühen Mittelalter das Siedlungswerk im Osten i begannen, da zogen sie hinein in den Kampf auf Leben und Tod, in das Ringen mit einer harten und kargen Erde, ihres Schicksals bewußt und fto doch beglückt fühlend, weil sie wußten, daß dieseLandnahme" ihnen und ihren Kin­dern und ihrem ganzen Volk zum Segen gereichen würde. Der neue Kampf im Osten und um den ; Osten kann nur gewonnen werden, wenn ganz