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Samstag, 29. März 1930

Giehener Anzeiger (Geirral-Anzeiger für Gberheffen)

Nr. 75 viertes Blatt

Oie Sendung

Les deutschen Bauern.

Don Hofbesitzer Willy Iversen, Munkbrarup, M. d. preuß. L.

Zeiten der Not waren Zeiten des inneren Aufstiegs". Irgendeiner hat dies Wort geprägt mit Berufung auf die Zeit 1803 und 1807. Stimmt das? Ja, unbedingt! Zeiten der Not find Zeiten des Kreuztragens, find Zeiten der Läuterung. Was im Leben des einzelnen gilt, hat auch feine Bedeutung für die Entwicklung eines Vol­kes. Alles Gute und Edle im Menschen wird nicht geweckt in Zeiten materiellen Wohlergehens und des Lieberflusses, sondern in den Lebens­abschnitten, wo Not und Trübsal den Menschen in die Schule der Läuterung sandten,Die Schule des Leids", sagt Hilta einmal,ist die Zeit des größten inneren Fortschritts. Wer daher den seelisch-geistigen Fortschritt will, darf das Leid nicht scheuen".

Wir leben in einer Zeit der politischen und wirtschaftlichen Auseinandersetzung. Der Dauer lebt in einer Zeit des Kampfes um die Existenz und er sührt einen bitteren Kamps um die Grund­festen, die ihn und seine Familie vielleicht jahr­hundertelang getragen haben und weiter tragen sollen. Lind gaiu mit Recht stellen sich in diesem Kampf immer breitere Volksschichten ihm zur Seite, man fängt an zu begreifen, daß es schon aus Gründen der Volkswirtschaft unmöglich ist. eine so große Volksschicht wurzellos zu machen. Langsam nur ist diese Erkenntnis ausgedämmert, langsam nur wird die Entwicklung zum Desseren gehn, nur langsam der Aufstieg sein.

Aber diese Notzeit richtig verstanden, teil! auch etwas anderes: sie ist ein Mahnruf an den Dauern, , sich auf seine Sendung zu berufen. Alle Volksgesundung kommt vom Lande, eine VcEerneuerung kommt nicht aus der Großstadt. Hierin liegt eine der größten Aufgaben des deutschen Dauern. Denn dieses deutsche Schicksal fordert und zwingt die Dolks- erneuerung. Erneuerung des deutschen Gei st es bedeutet Erneuerung deut­schen Volkstums. Das kann aber nur ge­schehen, wenn im Bauerntum die Kräfte ureigenster Erneuerung lebendig werden. Eins müssen wir klar erkennen: wir sollen am deut­schen Schicksal wachsen, sollen diese Zeit begreifen als eine Zeit der Läuterung. 3n der keime und wachse ein neues Geschlecht, das dem deutschen Gedanken neue Form und neuen Inhalt gebe.

Der deutsche Bauer war die Iahrhunderte hin­durch der stolze Träger nationalen Denkens. In seinem Herzen ruhte und wurde mit jedem neuen Geschlecht neu geboren die Liebe zur Scholle, die Liebe zur Heimat, die Liebe zum Vaterland. Ans Vaterland, ans teure schließ' dich an, wer hat sich treuer und inniger dazu bekannt als der deutsche Dauer? Lind heute? Gilt dies Wort weniger in Zeiten der äußeren und inneren Bedrängnis? Soll dem deutschen Gedanken in der Welt weniger Lebenskraft innewohnen in der Zeit der deutschen Not? Hier ist ein Bekennt­nis aus deutschem Dauernmunde erforderlich, ein Dekenntnis zum Staat, getragen von dem Wissender Staat bin ich.," Iawohl du, jeder einzelne. Weißt du auch deutscher Dauer, daß in demselben Umfange, wie du dich zum Staat bekennst, feine Straft, fein Ansehen und feine Macht wachsen? Lind ein anderes ist erforderlich: das Bekenntnis und die Erkenntnis, daß der ein­zelne wie das Volk in der Führung steht. Daß dies deutsche Notschicksal kein Zufallsschicksal ist, sondern über uns allen eine Macht gebietet,

die die Menschen und Dölkerschicksale nach ihrem Willen lenkt.

... ein Gott ist, ein heiliger Wille lebt, wie auch der menschliche wanke.

Hoch über der Zeit und dem Raume webt, lebendig der höchste Gedanke.

Lind ob alles in ewigem Wechsel kreist, es beharret im Wechsel ein ruhiger Geist.

Dazu müssen wir uns bekennen. Für mich liegt die deutsche Mission vielmehr auf dem Gebiet des Seelisch-geistigen als irgendwo anders. Ein Volk, das der Welt so viel und mannigfaltige Kulturgüter geschenkt hat, soll dieses Schicksal für eine Zeit neuen geistigen Auf­stiegs fruchtbar werden lassen, die aber von einer geistigen Wiedergeburt getragen sein muß. Ganz einfach und schlicht ausgedrückt: von einer Notzeit z urückgeleitet zu Gott. Auch der deutsche Bauer ist abgeirrt

von göttlichen und sittlichen Lebensgesehen unb damit abgeirrt vom Glücksweg. Wir haben den festen Zusammenhang mit den inneren geistigen und gedanklichen Leben^gesetzen verloren. In demselben Umfange wie wir den Weg zu Gott und seinen Lebensgesehen wieder finden, treten wir in Verbindung mit der Kraft, die uns den Weg nach oben, den Weg zum Glück zeigt. Das Gesündeste, und was allein glücklich macht, ist ein einfaches Leben mit reinem Herzen in guten Gedanken und beständig nützlicher Arbeit. Um es auf eine kurze Formel zu bringenist ein Leben in Gott".

Darin besteht die Sendung des deutschen Dau­ern. Hüter und Träger des nationalen Denkens zu sein und in enger Verbindung mit Gott zu leben, getragen von der Erkenntnis und dem Wissen, daß alle sittlichen Kräfte eines Volkes nur aus der einen Quelle fliehen, die Gott heißt.

müssen im Rahmen bet parlamentarischen Demo­kratie scheitern.

Angesichts dieser Schwierigkeiten eines zwar drin» gcnd wünschenswerten, aber allein unzureichenden und nur sehr schwer zu erwirkenden Aufgaben» und Ausgaben Abbaues. snuß die Möglichkeit erwogen werden, auf andere Weife innerhalb des Rah­mens der parlamentarifchcn Demokratie eine durch» greifende und vor allem nachhaltige^Gcfundung de« Reichshaushalts durch unbedingte Sicherung eines Gleichgewichts zu fduffen. Denn dieses Gleichgewicht ist auch die unerläßliche Voraussetzung dafür, daß alle künftigen Ersparnisse wirklich zu einer E n t laftung der Wirtschaft führen. Rach den bisheri­gen Erfahrungen haben alle Ersparnifse keine Ent- laftung, sondern nur weitere 'Belüftung im (Befolge gehabt, lleberdies hat die katastrophale Lage des Reichshaushaltplanes, den noch nicht einmal di« Ersparnisse durch den Poungplcm zu sanieren ver­mochten, unsere außenpolitische Lage auf beiden Haager Konferenzen in einer überaus bedauerlichen Weise verschlechtert. Unb ohne durch­greifende Ordnung des Reichshaushalts werden wir in absehbarer Zeit bei der zu erwartenden Anru­fung des sogenannten Beratenden Sonderausschusses der Bank für internationalen Zahlungsausgleich wiederum in einer gleich ungünstigen Lage sein. Denn Empfehlungen dieses Ausschusses zur Abände­rung der deutschen Leistungen werden nur möglich fein, wenn der Ausschuß feststellt, daß die deutsche Regierung alles in ihrer Macht Stehende zur Er­füllung ihrer Verpflichtungen getan hat. Ohne Ord­nung der Reichsfinanzen wird die Voraussetzung aber kaum bejaht werden können.

Es ist nun innerhalb der parlamentarischen De­mokratie, also ohne Beschränkung der politischen Befugnisse des Parlaments, eine Sicherung des Haushaltsgleichgewichts auf folgende neuartige aber wirksame Weise möglich: Die größte Gefahr bildet nicht die Bewilligung von Ausgaben überhaupt, son­dern die durch Verabschiedung des Haushallsgesetzes ober burch Verabschiedung anberer Ausgaben ver- urfachenber Gesetze erfolgenbe Veranlassung von Ausgaben, welche nicht burch gleich hohe, gleich f i d) e r e unb mit ben Ausgaben gleichzeitig eingehenbe Einnahmen gebeeft find. Rotwenbig ist also eine Abände­rung der Reichsverfassung und der Reichshaushalts» Ordnung mit dem Ziel, daß jede innerhalb ober außerhalb des Haushaltgesetzes erfolgende Bewil­ligung von 'Ausgaben nur dann vom Reichspräsidenten verkündet werden darf, wenn außer der Gegenzeichnung des für die fachliche Zweckmäßigkeit verantwortlichen '.Reidjs» Minister noch eine weitere Gegenzeich­nung eines mit ridjterlidjer Unab­hängigkeit ausgestatteten Ha u s b a 11 s- E o in m i f f a r 5 vorliegt, des Inhalts, daß die Be­willigung der neuen Ausgaben durch gleichzei­tige Bewilligung entsprechender Ein­nahmen oder Herabsetz uitg entspre­chender anderer Ausgaben gedeckt ist. Die Herabsetzung bestehender Einnahmen darf eben­falls erst verkündet werden, wenn durch Gegen­zeichnung entsprechend anderer Maßnahmen die Steigerung anderer Einnahmen oder die Vermin­derung bestehender Ausgaben sichergestellt ist.

Man kann daran denken, das Amt diesesHous- haltskommissars" in Personalunion mit dem Amte des Präsidenten des Rechnungshofes des Deutschen Reiches zu verbinden, gleichwie soeben das Amt des Rotenkommifsars bei der Reichsbank ebenfalls mit dem des Präsidenten des Rechnungshofs in Perso­nalunion verbunden ist. And) dieser Notenkommissar hat keinerlei sachlichen Einfluß auf die Geschäfte der Reichsbank, er hat nur die formale Innehaltung der bestehenden Deckungsvorschriften festzustellen, ehe sein Kontrollstempel die Ausgabe neuer Reichsbank­noten ermöglicht.

Die Sicherung des Gleichgewichts im Reichshaushatt.

Von Professor Dr. Friedrich JRaob, Dresden,

Vor dem Kriege, während des Krieges und wäh­rend der Inflation gab cs in Deutschland keinerlei allgemeine Anteilnahme an der Entwicklung der Reichsfinanzen, trotz steigender Verschuldung des Reiches während dieser ganzen Zeit. S t e u e r l a ft und Währungsverfall beanspruchten allein die Oefsentlichkeit. Das Schicksal des R e i ch s Haus- Ha 11 e s kümmerte nur wenige Eingeweihte. Die Wiederherstellung der Währung erzwang auch hierin einen Umschwung: Zunächst wurde weiteren Kreisen die vervielfachte Inanspruchnahme des Volkseinkommens für öffentliche Zwecke bewußt. Betrug sie vor dem Weltkriege etwa efti Zehntel, fo 1925 bereits ungefähr ein Vier­tel. Heute beträgt sie unter Einschluß der Sozial- lasten f a st ein Drittel. Stärker noch beunruhigte die unaufhörliche Steigerung der öffent- l i ch e n Ausgaben. Während der letzten fünf Iah?e machte sie im Reiche allein 4 Milliarden, das ist mehr als 50 v. H. der Ausgaben von 1924, aus. An dieser Steigerung sind die Reparationslasten nur mit fünfviertel Milliarden, die inneren Aus­gaben aber mit rund zwei dreiviertel Milliarden beteiligt. Dagegen wurde kaum beachtet, daß seit 1925 die ordentlichen Einnahmen des Reidas in keinem Jahre zur Deckung seiner Ausgaben ausreichten. Denn die Ueberschüsse des Jahres 1924, die Aufnahme von Krediten auch für nichtwerbende Zwecke', die allmähliche Aufzehrung des Betriebs- fonds des Reiches, die Verwendung außerordent- sicher Einnahmen für lausende Ausgaben verbargen die immer gefährlichere Erschütterung des Reichs­haushaltes. Sie wurde weiteren Kreisen erst im De­zember vorigen Jahres offenbar, als das Reich nur unter drückenden Bedingungen und unwürdigen Um­ständen seinen dringendsten Bedarf an Zahlungs­mitteln zu- decken vermochte. Vollends enthüllte sich die katastrophale Lage der Reichsfinanzen, als sich bei der Vorlage des Nachtragshanshaltes für das laufende Rechnungsjahr 1929 30 ergab, daß trotz der bei Annahme des Poungplans für dieses Rechnungs­jahr zu erwartenden Erleichterungen von 464 Mil­lionen und trolv Inanspruchnahme einer Halbjahrs­rate der Industriedelaftung für Zwecke des Reichs- Haushalts, statt des im Poungplan vorgesehenen Wegfalls der Jndustriebelaftung, dennoch ein un­gedeckter Fehlbetrag von 2 37 Millio­nen vorhanden war. Und zwar weil infolge grund­loser Ueberschätzung des erwarteten Aufkommens die

Leiter der Arbeitsstätte für fachliche Politik.

Steuereinnahmen des Reichs um 244 Millionen hin­ter dem Voranschläge zurückgeblieben und außerdem 611 Millionen Mehrausgaben ent­standen waren, davon 433 Millionen für soziale Zwecke. Für das neue Rechnungsjahr 1930/31 ist vorläufig mit einem noch ungedeckten Fehlbeträge von rund 700 Millionen zu rechnen. Dabei hat die kurzfristige Verschuldung des Reichs eine solche Höhe erreicht, daß die Ueberwindung des Vierteljahrs­letzten, Ende März 1930, nur unter besonders gün­stigen Umständen ohne erneute große Schwierig­keiten möglich fein wird.

Nun find in den letzten Jahren von den verschie- schiedensten Seiten Besserungsvorschläge mit dem Ziel einer Herabsetzung der Ausgaben gemacht worden. Durch das vereinte Bemühen von Regierung, Reichssparkommiffar, Reichsrat und Reichstag sind auch gewisse Einsparungen, vor allem aber eine sehr viel genauere Kontrolle der Aus­führung des Reichshaushaltsplanes erzielt. Eine Ge­sundung der Reichsfinanzen haben diese Maßnah­men aber nicht zu bewirken vermocht und werden sie alleine nicht herbeiführen können, vor allem aus zwei Gründen: Der größte Teil der Reichsausgaben, etwa neun Zehntel, sind in dem Sinne rechtlich gebunden, daß sie auf Grund völkerrechtlicher oder privatrechtlicher Verpflichtungen ober auf Grund von teilweise nur mit verfassungsändernder Mehr­heit abzuändernden Reichsgesetzen erfolgen müssen, ob der Reichshaushaltsplan diese Ausgaben vorsieht oder nicht. Von den, Rest ist ein Teil in der Weise praktisch gebunden, daß er den zur Durch­führung bestehender Gesetze erforderlichen Verwal­tungsaufwand umfaßt, also ohne Aenderung der entsprechenden Reichsgesetze bei zu geringen Haus- Haltsansätzen zu überplanmäßigen Ausgaben oder unzureichender Erfüllung der gesetzlichen Ausgaben führt. Die Einsparungsmöglichkeiten durch bloße Herabsetzung der Haushaltsansätze sind also sehr gering. Die für weitere Ersparnisse erforderlichen Aendenlngen der Gesetzgebung des Reichs und der Länder führten zwar allmählich zu beträchtlicheren Ergebnissen, Helsen aber nicht sofort und sind vor allem mit sehr großen praktischen Schwierigkeiten verknüpft. Alle Versuche, das Bewilligungsrecht des Reichstages einzuschränken, sei es durch Erweiterung der Machtbefugnisse des Reichsfinanzministers, des Reichspräsidenten, des Reichssparkommissars oder auf andere Weise, sind bisher gescheitert und

Die gefiederte Schlange.

Vornan von Edgar Wallace.

12 Fortsetzung. Rochd'-uck verboten

Die gefiederte Schlange," begann er und sprach, als ob er auf der Lehrkanzel stände,war nach der Meinung der alten Azteken der Schöpfer des Weltalls. Sie war das erste Wesen, das auf der Welt existierte. Wie die Alten erzählen, war sie schon vorhanden, ehe sich zwei Dinge be­rührten, mit anderen Worten, bevor es eine materieUe Existenz irgendwelcher Art gab. Die gefiederte Schlange war das Symbol der Herr­schaft, auch war sie eine Art Rachegöttin bei den -Azteken. Sie mögen selbst ihr Alter beurteilen, wenn ich Ihnen sage, daß bei den späteren Azteken, die mit Cortez kämpften und von ihm besiegt wurden, die gefiederte Schlange nur noch eine mythische Figur war, die nicht mehr in den Tempeln verehrt wurde. Damals war schon eine ganz neue Hierarchie von Göttern an ihre Stelle getreten das heißt mit einer Ausnahme." Er hob den Finger, um die Bedeutung seiner Worte zu unterstreichen.Es hat immer einen kleinen Kreis von Leuten gcgebest. selbst in jenen Tagen, jq sogar heute noch, die die Schlange verehrt haben. Sie werden erstaunt sein, von mir zu er­fahren, daß es zu dieser Stunde in Mexiko, in Spanien, ja selbst in England noch Leute gibt, die die gefieberte Schlange verehren das glän­zende, goldene Licht, den Bringer des Lebens."

Eine Religion?" fragte Peter. Er war sehr überrascht, aber er glaubte, was der Gelehrte ihm sagte.

Es ist vermutlich weniger eine Religion als eine Geheimgesellschaft," sagte Mr. Deale und lächelte, geheimnisvoll.Ich selbst weiß von der Sache nichts ynb gebe Ihnen nur eine Auskunft, die ich von anderen erhalten habe."

Er klingelte dem Hausmeister wieder.

Bitte, machen Sie Miß Qlroyd mit der Haus­hälterin b fannt. Dann wandte er sich anDa hne. Sie wird Ihnen sagen, wo Sie Ihre Sachen lassen können."

Peter wartete gespannt. Es schien ihm-kein Zufall zu fein, daß der Gelehrte die junge Dime fortschickte. Er hatte sich darin nicht ge­täuscht.

Hat man noch etwas Neues von dem Mörder entdeckt?" fragte Mr. Beale interessiert, als seine Sekretärin das Zimmer verlassen hatte.

Nein. Haben Sie die Morgenzeitung ge­lesen?"

Mr. Deale nickte.

Natürlich interessierte mich das, was über die gefieberte Schlange gesagt würbe. Sie ist für mich eine wirklich existierende Macht. Ich bin nie­

mals mit Mitgliedern der Geheimgesellschaft zu­sammengekommen, und ich habe nicht die ge­ringste Ahnung, wie sie arbeitet! Ich sagte nichts, solange Miß Qlroyd noch hier war, denn dies ist kein Thema, das man in ihrer Gegen­wart erörtern sollte. In Mexiko ist das Ansehen der gefieberten Schlange so gesunken, daß sie das Geheimzeichen gewisser Verbindungen von Sträflingen im Gefängnis geworden ist, mit an­deren Worten, sie ist eine Art Fetisch für be­stimmte Arten von Verbrechern. Ich habe nicht gehört, ob es so etwas auch in England gibt, aber ich habe es in den verschiedensten Staaten von Südamerika nachweifen können."

Geheimgesellschaften im Gefängnis?" fragte Peter erstaunt.

Warum nicht?" lächelte der andere.Geheim- gefellschaften sind im besten Sinne kindliche Ver­gnügungen, und der Himmel mag wissen Gefangene brauchen Aufheiterung. In einigen amerikanischen Gefängnissen gibt es verschiedene Arten von Geheimbünden, die bisher noch wenig bekannt sind, aber wirklich existieren, und zwar mit Paßwörtern Handgriffen, Zeichen und allem anderen Zubehör. Ich dachte keinen Augenblick daran, daß es in England auch dergleichen gäbe, bis ich in den Zeitungen von diesem Verbrechen las. Sie wußten natürlich schon alles, als Sie mich gestern abend anläuteten. Ich muh gestehen, daß Ihr Wunsch, mit mir über gefiederte Schlangen zu sprechen, mich sehr in Erstaunen setzte."

Peter nahm die Heine Tonfigur wieder in die Hand und betrachtete sie von allen Seiten. Wieviel tausend Iahre mochte es wohl her fein, daß irgendein längst verstorbener Azteke diese einfache Plastik gefertigt hatte? Wieviel Gene­rationen bronzefarbener Menschen hatten sich wohl schon anbetend davor geneigt? Dieses winzige -Bildwerk hatte die gewaltigen Pyramiden der Azteken und ihre Heiligtümer gesehen. Als es modelliert wurde, troff der grüne Steinaltar von frischem, rotem, rauchendem Blut, unb bie Prozessionen blumengeschmückter Opfer stiegen täglid) zum Gipfel empor, um bort ihr Leben unter bem scharfen, gekrümmten Messer des Ober­priesters auszuhauchen.

Er erschauerte, als er das Tonbild wieder auf die Tischplatte legte, und wischte seine Hände am Taschentuch ab, als ob er sich von einer Be­fleckung mit diesen gräßlichen Kulten reinigen müßte.

Glaubt man, daß solch ein Bild irgendwelchen bösen Einfluß hat?"

Gregory Deale lachte.

Warum fragen Sie danach, Mr. Dewin? Sind Sie etwa abergläubisch?" sagte er scherzend zu dem Zeitungsreporter.Vermutlich glauben Sie an unheilbringende Statuen mit bösen, ver­nichtenden Eigenschaften, die kein Museumsbeam­ter berühren darf, ohne zu sterben? Ich kann

Ihnen versichern, daß solche Kräfte in dieser kleinen Tonfigur nicht vorhanden sind."

Dieses Ding kostet fünfhundert Pfund?" fragte Peter' etwas beschämt, um die Aufmerksamkeit von sich abzulenken.

Deale nickte und schien sich darüber zu freuen, daß das Schlangenbild auf den anderen einen solchen Eindruck machte.

Ich habe keine Dedingungen an meine Mit­teilung geknüpft. Was ich Ihnen erzählt habe, hätte Ihnen auch jeder andere Archäologe sagen können. Aber ich möchte Sie doch bitten, meinen Namen nicht zu erwähnen, wenn Sie hierüber in Ihrer Zeitung schreiben. Ich liebe die Oeffent» lichkeit nicht. Der SKurator irgendeines Museums hätte Ihnen wahrscheinlich mehr darüber be­richten können."

Peter tat es leid, daß er den berühmten Namen unterdrücken mußte, aber es bleibt einem Journalisten nichts anderes übrig, als einer solchen Ditte zuzustimmen und sich an sein Ver­sprechen zu halten.

Ich hätte brennend gerne Ihren Namen ge­bracht, Mr. Deale, aber ich werde selbstverständ­lich Ihr Inkognito wahren."

Der Gelehrte lachte.

Es wird Ihnen auch nicht viel nützen, wenn Sie meinen Namen erwähnen," sagte er trocken. Als Archäologe bin ich nicht so bekannt als einen etwas exzentrischen Philantropen kennt man mich besser."

Peter zeigte auf das Bücherregal hinter Mr. Beales Sih.

Ich habe den Titel schon von hier aus ge­lesen, im ganzen habe ich drei Bücher geschrie­ben," sagte Mr. Beale, als er sich umwandte. Er zog drei Bände aus dem Regal und legte sie auf den Tisch.

Peter nahm eines nach dem anderen in die Hand. Er las den Titel des ersten:Der Grund der Armut. Eine nationalökonomische Unter» suchung." Das zweite handelte von der Urbar» machung von Sumpfland zu Siedelungszwecken. Das dritte erschien ihm am wenigsten interessant. Es trug den Titel:Armut. Eine Studie."

Gregory Deale seufzte traurig.

Wenn wir auch neun Monate lang Sonnen­schein in unseren Gegenden hätten wie die alten Azteken, würden wir keine Sumpfgegenden mehr in England haben."

Peter erinnerte sich an elende Hütten und trostlose Moorgegenden selbst im heißen Italien unb an die unbeschreiblich öden Sumpfgebiete Korsikas, auf die doch dauernd die Sonne nieder­brannte, aber er widersprach nicht.

Mr. Deale war im Augenblick nicht bei der Sache, und seine Gedanken schienen nicht die rosigsten zu fein.

.Die Urwälder Zentralamerikas und die un­zugänglichen Dschungeln, die die Reliquien alter

Kulturen bedecken, sind weniger erschütternd als das- Grohstadtelend Londons."

Peter war aber nicht zu ihm gekommen, um soziale Fragen zu besprechen, und versuchte in taktvoller Weise, das Gespräch wieder auf die gefieberte Schlange zu bringen.

Glauben Sie im Ernst, daß hinter diesem Mord eine Geheimgesellschaft steckt, und daß die Karten, bie an verschiedene Personen in London geschickt wurden, irgendeine böse Vorbedeutung haben?"

Gregory sah ihn nachdenklich an.

Wissen Sie etwas Genaueres über den er­mordeten Farmer? Gibt es irgendwie Gefängnis­akten von ihm? Das wäre das erste, wonach Sie sich umtun müßten. Auch andere Leute haben Karten mit bem Dilb ber gefieberten Schlange bekommen, soviel ich weih. Existieren auch von ihnen Strafakten? Wenn ich Zeitungsreporter wäre unb mich mit dieser Sache befassen müßte, würbe ich mich zuerst in dieser Richtung infor­mieren."

Peter schaute wieder auf bie kleine Tonfigur.

Könnte man wohl eine Photographie bavon Herstellen?"

Tie Mühe kann ich Ihnen sparen," lächelte ber Gelehrte unb ging zu einem Schrank, ber in ber Ecke des Raumes ftanb.Ich habe ver­schiedene Photographien von gefieberten Schlan­gen unb gebe Ihnen gerne bie Erlaubnis, eine von biefen zu benützen vorausgesetzt freilich, bah mein Name nicht erwähnt wirb. Es ist nicht Descheidenheit," fuhr er fort, als er bie dicke Mappe öffnete,aber vor einigen 3obren litt ich unter ber Einbildung, bah meine ver- schiebenen Streifzüge auf frembes Forschungs­gebiet von bem Wunsch diktiert waren, meinen Namen bekannt zu machen!"

Er lachte leise vor sich hin, als ob er sich jetzt über diesen Gedanken freute.

Oefsentlichkeit ist nicht meine... Spezialität... ich glaube, das ist das richtige Wort.'

9.

Peter verlieh bas Haus, ohne Daphne noch einmal gesehen zu haben. Ein Autobus brachte ihn zum Zeitungsviertel. Cs waren keine wei­teren wichtigen Meldungen über ben Morb ein­gelaufen.

Wie gewöhnlich hat eine ganze Anzahl von Leuten angerufen, bie uns auf bie Spur bringen wollte," sagte ber Nachrichtenredakteur.Auch hat sich bie unvermeibliche Dame eingefunden, bie einen großen, buntkn Mann fünf Minuten nach ber Tat über Grosvenor Square kommen sah. Auherdem erzählte mir ber Portier, baß ein Dagabunb heute morgen zwischen sechs und acht dreimal vorgesprochen hat, um uns eine Geschichte anzubieten. Er heiht Lugg ober Mugg unb behauptete, bah der Mord von einem Gerst verübt wurde." (Fortsetzung folgt.)