Oberhessen.
Landkreis Gietzen.
00 Klein-Linden, 27.Jan. Dieser Tage fand die erste Sitzung des neugewählten Gemeinderats statt. Bürgermeister Jung forderte die neugewählten Mitglieder $ur_ tatkräftigen Mitarbeit auf. Größere Fragen würden in der nächsten Zeit den Gemeinderat beschäftigen, wie Schaffung der 'Wasserleitung, Erweiterung der Friedhofsanlagen, Neubau von Straßen. Sodann nahm der Bürgermeister die Verpflichtung der neuen Gemeinderatsmitglieder Phil. G e r - m er III., Hch. Reuschli ng. Jakob H ofmann, Friedr. Weigel II., Otto Steinmüller, Aug. Schmidt, Wilhelm Erle uni) Wilhelm Rinn vor. Der Antrag der Sozialdemokraten, vor jeglichen Verhandlungen die Wahlen zu den einzelnen Kommissionen vorzunehmen, wurde zurückgestellt bis zur nächsten Sitzung Auf die im Dezember v. 3. ausgeschriebene Stelle eines P o l i z e i d i e n e r s für unsere Gemeinde hatten sich drei Kandidaten gemeldet. Nachdem in der Sitzung vom 19. Dez. 1929 die Stelle probeweise dem ehemaligen Schupobeamten Horst G röh ke (Breslau) ab 1.Jan 1930 übertragen worden ist, stellte sich jetzt heraus, daß auch bei dem Kreisamt Gießen fünf Meldungen für die Polizeidienerstelle ernaelaufen sind. Der Gemeinderat beharrte indessen auf den Beschluß vom 19. Dez. v. 3., Der Anschaffung einer .Uniform für den Polizeidiener soll später nähergetreten werden. 3n längerer Besprechung wurde über den Einspruch des Gemeinderats- mitgliedes Philipp Klein gegen den schon in voriger Sitzung genehmigten Gemeindevoranschlag für das Rj. 1 9 2 9 beraten. Nachdem auch von sozialdemokratischer Seite weitere Gründe gegen die Genehmigung des Voranschlags vorgebracht waren, wurde mit acht gegen eine Stimme bei vier Stimmenthaltungen der Einspruch gegen den Voranschlag gutgeheißen. Ein weiterer Antrag von Phil. Germer III., den Gesamtvoranschlag f ü r 1929 noch einmal durchzuberaten, fand mit acht Stimmen bei vier Stimmenthaltungen die Annahme des Gemeinderats. Infolge der angenommenen Revision des Voranschlags konnte die vorgesehene Festlegung der Ausschlagsähe der Gemeindeumlagen für das Rj. 1929 noch nicht vorgenommen werden und wurde vertagt. Da im kommenden Herbst die Pachtzeit für die südlich des Friedhofs liegenden Grundstücke abläuft, kann an die Erweiterung der Friedhofsanlagen gedacht werden. Das Hochbau- amt Gießen soll beauftragt werden, Pläne in diesem Sinne auszuarbeiten und dabei auch die Erweiterung der Friedhofshalle und die Errichtung des noch zu schaffenden Ehrenmals für unsere gefallenen Krieger ins Auge zu fassen. Für die Volksschule wurde die Anschaffung eines Crperimentierlisches gutgeheißen und die Mittel dazu bewilligt. Aus dem Verlauf der ersten Sitzung, die von Zuhörern stark besucht war, und aus persönlichen Anfragen und deren Beantwortungen ist zu schließen, daß die Hnstirn - ni i g k e i t e n, die zwischen dem früheren Gemeinderat und dem Bürgermeister herrschten, nicht behoben sind, sie treten vielmehr im neugewählten ^emeinderat in verschärfter Form auf.
al. A l l e n d o r f (Lahn), 26. 3an. Aus den st andesamtlichen Eintragungen uw ferer Gemeinde im 3ahre 1929 ist zu berichten: Geboren wurden 16 Kinder, davon zwei in Gießen, gestorben sind 15 Personen, davon drei in Gießen: Eheschließungen fanden 9 statt, gegen 5 im 3ahre 1928. — Bei der Haussammlung für die Schmückung der Friedhöfe und Grabstätten unserer Gefallenen im Auslande kamen hier insgesamt 50 Mark zusammen.
Der Traum vom Siiitf.
Roman von E. Lovett und M. v. Weißenthurn.
Copyright by Marie Brügmann, München.
23 Fortsetzung. Raddruck verboten.
Sabine lag noch immer in tiefer Ohnmacht auf dem Diwan, und Doris war die einzige, die sich bemühte, sie zum Bewußtsein zurückzubringen. Sie benetzte ihre Stirn mit Eau de Cologne und hielt ihr ein Fläschchen mit Riechsalz unter die Nase, welche Delebungsmittel sie in Eile aus Tante Hannas kleinem Boudoir geholt hatte.
Endlich schienen ihre Bemühungen Erfolg zu haben: denn bei Sabine begann allmählich das Bewußtsein zurückzukehren.
Auf die erneute Frage seiner Gattin machte sich Herr von Wildhofen von dem noch immer an seinem Arme hängenden unglücklichen Schützen los und wischte sich ganz ermattet den Schweiß von der Stirn.
„3ch habe nicht den geringsten Anhalt, wer das Opfer dieses unseligen Tages sein mag," berichtete er endlich. „Der Mann trieb sich im Walde umher, und jever junge Herr dort — hätte ich nur gewußt, daß er kurzsichtig ist — hielt ihn, wie es scheint, für irgendein kurioses Wild, das an einem Baum lehnte — und schoß ihn tot wie einen Zaunpfahl. Das ist das einzige, was er heute geleistet hat!" fügte er leiser, mit halb unterdrücktem Groll hinzu.
„Mein Gott, wie entsetzlich!" rief Frau von Wildhosen. „Wer ist aber der arme Mensch? Vielleicht ein Wilddieb?"
„Anscheinend nicht: denn er hatte kein Gewehr bei sich. Einer der Leute, die den Toten transportieren halfen, sagte mir, daß er ihn für den Fremden hielte, der sich seit ein paar Tagen beim Pächter Heiß eingemietet hätte. 3ch schickte den Mann sogleich zurück in die Meierei, um Heiß zu holen. Vielleicht kann er uns Aufklärung über den Toten geben. — Sagten Sie etwas Frau von Rechten?"
„Nein, nein, ich sagte nichts!" versicherte diese nun in augenscheinlicher Verwirrung, die aber bei der allgemeinen Aufregung nicht bemerkt wurde.
3eht kam Sabine völlig zum Bewußtsein und richtete sich hastig vom Diwan in die Höhe. Zunächst warf sie einen erschreckten Blick um sich' dann aber kam ihr die volle Erinnerung an das unmittelbar Dorhergegangene. „Kurt?" flüsterte sie in höchster Seelenangst.
„Still, still!" Doris legte schnell die Finger an die Lippen. „Kurt ist ganz unversehrt!" suchte sie Sabine leise zu beruhigen.
ltz L o l l a r, 27.Jan. Der V e t e r a n e n - und Kriegerverein Lollar hatte sein diesjähriges Winterfest zu einem Militärkonzert ausgestaltet, das am Samstagabend im Saale „Zum Schwanen" stattfand und einen starken Besuch aufwies. Ausgesührt wurde das Konzert vom Musikkorps des Ausbildungsbatl. 3nf.°Reg. 15 Marburg unter Leitung von Musikmeister Große. 3m ersten Teil des Programms herrschte die Streichmusik, im zweiten Teile kamen die Blasinstrumente zur Geltung. Neben Werken großer Meister fehlte auch volkstümliche Musik nicht. Die Zuhörer nahmen die Darbietungen der Kapelle mit stürmischem Beifall auf. Der Vorsitzende des Kriegervereins, Martin Taubert, dankte dem Musikkorps in herzlicher Ansprache für die künstlerisch vollendeten Leistungen. 3m Anschluß an die Wiedergabe von „Historische Märsche" fand Rektor a. D. Da ab ergreifende Worte zum einmütigen Zusammenstehen, damit Deutschland wieder den alten Platz in der Welt einnehmen könne und führend in kultureller, sittlicher und wirtschaftlicher Hinsicht sein werde. Gemeinsam wurde hierauf unter Musikbegleitung das Deutschlandlied gesungen. Als Vertreter des Bezirksvorstandes des Hassiabezirks Gießen hatten sich Bezirksfürsorgeobmann Döhn und Dezirksschießwart Klein aus Gießen eingefuw den, die die Grüße des Bezirkes überbrachten und auf die hohen Aufgaben der Kriegervereine hinwiesen.
v. Londorf, 28. Jan. Auf Anregung von Pfarrer Bühler wurde für die hiesige Pfarrei, bestehend aus den Orten Londorf, Kesselbach, Allertshausen und Climbach, ein P o s a u n e n ch o r gegründet, dem zahlreiche Mitglieder beigetreten sind. — Bei der Vorstandswahl derJsraeliti- schen Religionsgemeinde Londorf und Filialen wurde das seitherige Vorstandsmitglied Julius Jonas von Londorf wiedcrgewählt und an Stelle des verstorbenen Vorstandsmitgliedes Leopold Stern (Kesselbach) Leopold Eckstein (Kesselbach) gewählt. — Steinhauermeister K r e u d e r, dahier, beabsichtigt, in seinem Anwesen eine öffentliche Badeanstalt zu errichten. Es wird damit einem schon längst empfundenen Bedürfnis entsprochen werden. — Am Samstagabend hielt der Arbeitergesangverein „Union4 seinen Familienabend ab. Der Verein, der unter der bewährten Leitung des Musikers S ch o m b e r aus Beuern steht, zeigte durch den Vortrag einiger ernster und heiterer Lieder, daß er recht güte Fortschritte gemacht hat. Der Vortrag einiger Sololieder, Couplets und Gedichte in oberhessischer Mundart, vorgetragen von zwei Damen, fanden wohlverdienten und starken Beifall. Tanz hielt die Teilnehmer noch einige Stunden froh beisammen.
gck. G r o ß e n - B u s e ck, 28. 3an. 3n der Volkshochschule hielt Tlniversitäts-Garten- inspektor a. D. R e h n e l t aus Gießen einen Vortrag über Züchtung und Vererbung bei Kulturpflanzen. Der Redner verstand es, seine Hörer in etwa zweistündigen Ausführungen in dieses hochinteressante, weitverzweigte Gebiet einzuführen und sie anzuregen, sich selbst mit diesen Fragen zu beschäftigen. Besonderem 3nteresse begegneten die Ausführungen über die Kreuzungen, die Mendelschen Gesetze, die Mutasion und die 3nzucht. Sie wurden an zahlreichen Beispielen aus dem Pflanzen-, Tier- und Menschenreich erläutert. Leider war der Vortrag so schwach besucht, daß der Vortragende sich gezwungen sah, seinen auf zwei Abende berechneten Stoff stark zusammenzustreichen, um ihn an einem Abend bewältigen zu können. Voraussichtlich wird die Volkshochschule nun noch einen Vortrag über das gesamte Genossenschaftswesen bringen.
+ Grünberg, 26. Jan. Am Donnerstagabend hielt die hiesige Freiwillige Feuerwehr im Gasthaus „Zum Rappen" ihre Hauptversammlung ab, zu der 108 Kameraden erschienen waren. Nach einem Eröffnungsmarsch der Feuerwehrkapelle begrüßte der 1. Hauptmann Seifart die erschienenen Wehrleute und ge-
„Er, schwor, daß er ihn erschießen wollte!" murmelte sie wie geistesabwesend. „Er hat mir aber bis morgen Zeit gelassen, das Geld zu besorgen. Das muß er vergessen haben und —I Oh, er lebt — er ist unverletzt!" rief sie plötzlich wie elektrisiert, als ihr Blick über die Gestalt der Freundin hinweg zur Tür der Halle ging.
Kurt von Wildhofen hatte soeben die Schwelle überschritten. Bei seinem Eintritt fiel Sabine auf die Lehne des Diwans zurück und brach in- krampfhaftes Schluchzen aus.
Es war nicht möglich, ihre Aufregung vor den anderen zu verbergen, und auch die Blicke des zuletzt Eingetretenen wurden sofort auf die Stelle gelenkt, von der krampfartige Töne ihm entgegendrangen.
Als er die Weinende erblickte, wurde sein Gesicht hart und starr wie Eis.
Es ist also ihr Liebhaber — dieser gänzlich heruntergekommene Mensch — für den sie das Geld von mir haben wollte! dachte er in blindem, eifersüchtigem Groll: denn Hagenau hatte bei dem so unerwarteten Schluß der heutigen 3agd keine Gelegenheit mehr gefunden, seinen Freund über die Haltlosigkeit seines Verdachts aufzuklären. Es kann nicht anders sein, es ist ihr Liebhaber — jener Mann, der getötet worden ist und jetzt weint sie sich die Augen aus um ihn! Ec empfand in diesem Augenblick ein Gefühl gegen sie, das dem Haß gleichkam. Ohne zu zögern, schritt er auf seinen Vater zu.
„3ener Bursche war anscheinend kein so harmloser Strolch wie wir dachten. Sieh her, Vater, was wir bei ihm gefunden haben! Gib acht, er ist geladen!"
Bei diesen Worten legte er auf den eichenen Tisch inmitten der Halle, vor dem sein Vater stand, einen Revolver nieder.
Herr von Wildhofen stieß einen Ruf des Erstaunens aus.
„Das verändert die Sachlage allerdings bedeutend. Ohne 3hren Schuß, Herr Bertram," fuhr er, zu dem noch immer fassungslosen Albert Dertram gewendet, fort, „hätte jener Geselle vielleicht einen von uns vom Leben zum Tode befördert. Ein ehrlicher, harmloser Mensch schleicht kaum mit einem geladenen, Revolver in der Tasche in den Wäldem umher."
Inzwischen war Frau von Rechten liebevoll um ihre Tochter bemüht, so daß Doris sie in deren Händen zurücklassen konnte. Diesmal war
-Nulter im höchsten Grade zufrieden mit ihrem Kinde, dem sie nach allem Dorangegange- nen nimmermehr so viel Schlauheit und diplomatische Derstellungsgabe zugetraut hätte.
Daß der Ohnmachtsanfall und das heftige Weinen ihrer Tochter wirklich echt gewesen fein könne, kam ihr bei ihrer durch und durch unwahren Natur gar nicht in den Sinn: denn dann
dachte zunächst der beiden im letzten Jahre verstorbenen Kameraden Georg D o n - E i f s und Heinrich Bausch, deren Andenken durch Erheben von den Sitzen geehrt wurde. Alsdann erstattete er den Jahresbericht. Daraus ist zu entnehmen, daß einschließlich einer Nachtübung fieben Hebungen im abgelaufenen 3ahre abgehalten wurden: vier Vertreter nahmen am Frühjahrsverbandstag in Gießen teil, am Herbstverbandstag in Birklar war die Wehr mit der Kapelle vertreten, der Landesverbandstag der hessischen Wehren in Frankfurt wurde vom 1. Hauptmann besucht. Die Wehr wurde in 1929 zweimal bei Nachtbränden alarmiert: beim Brand in der Weberei Schmidt und dann im Sägewerk der Firma Haas. Durch ihr rasches Eingreifen konnten beide Brände im Keime erstickt werden, bei zwei kleineren Zimmerbränden brauchte sie nicht in Tätigkeit zu treten. Don der Stadt wurden ihr 12 neue Helme und 130 Meter Schläuche überwiesen, außerdem wird die Stadt in diesem Jahre ein neues Spritzenhaus bauen, wodurch ein langgehegter Wunsch der Wehr in Erfüllung geht, und die in sehr beengtem Raume untergebrachten Geräte bequemer Unterkunft finden und rasch herausbefördert werden können. Der Hauptmann spricht der Stadt für ihre Unterstützung den Dank der Wehr aus, ebenso dankt er der Kapelle für ihre Mitwirkung bei den Hebungen. Die Jahresrechnung schloß mit einem kleinen Heberschuh ab. Bei dem Punkte Dekorierung konnte der 1. Hauptmann mitteilen, daß Dattlermeister Karl Mehl mit dem Ehrenzeichen für 25jährige Mitgliedschaft ausgezeichnet wurde, weiterhin konnte er an folgende zehn Kameraden das Abzeichen für zehnjährige Mitgliedschaft verteilen: Studienrat Julius Walter, Buch» druckereibesitzer Heinrich Robert, Fabrikant Otto Allmendinger, Mehgermeister Ludwig Heidt, Kaufmann August Schlosser, Metzgermeister Karl Jungmann, Hhrmacher Rich. I ö ck e l, Spenglermeister Friedrich Schröder, Bierverleger Christian Gebauer und Landwirt und Metzger Heinrich Schon hals. Dor- geschlagen werden zur Dekorierung die Kameraden Spenglermeister I. D o n - E i f f, Schmiede- meister Wilhelm S ch o m b e r und Glasermeister Friedrich Feldmann, von denen die beiden ersten eine 40jährige, der letztere eine 25jährige Mitgliedschaft bei der Wehr zu verzeichnen haben. Die Gründung einer Sanitätsabteilung wurde beschlossen, das benötigte Verbandszeug stellen die Kameraden Karl Schott und August Röhm unentgeltlich zur Verfügung. Unter den Klängen der Kapelle, der für ihre Mitwirkung gedankt wurde, nahm die Hauptversammlung einen harmonischen Verlauf.
-/- Lich, 28. Jan. Auf Anregung der Fürstin zu Solms-Hohensolms-Lich führten der hiesige Alice-Frauenverein in Verbindung mit den beiden evgl. Frauenvereinen eine Sammlung von Kleidern und Lebensmitteln für die ausgewanderten Wolgadeutschen durch.Sechs große Kisten konnten an „die Brüder in Not" abgeschickt werden. Außerdem unterstützten der Zweigverein vom Noten Kreuz und der Alice- Frauenverein die Sammlung mit einer größeren Geldgabe. — Die Stelle des Amtsvorstan- des des hiesigen Postamts wurde Post- sekretär Heiß aus Rheinheim übertragen.
)( Lich, 27. Jan. Dieser Tage trat dieKirchen - gemeinbebertretung im hiesigen Stiftischen Gemeindesaal zur ^Beratung des Voranschlags der evangelischen Kirchengemeinde und des M a r i e n st i f t s für 1930 zusammen. Der Voranschlag, den der Kirchen- unb Stiftsvorstand bereits in voriger Woche einer gründlichen Vorberatung unterzogen hatten, schließt in Einnahme und Ausgabe mit einem Betrag von 12 713 Mk. ab und ist den Zeitverhältnissen entsprechend mit größter Sparsamkeit aufgestellt. Die örtliche Kirchensteuer, die bereits in vorigem Jahre um 2 Prozent auf
5 Prozent gesenkt war, wird in derselben Hohe erhoben werden. Bei dem Mangel an Mitteln mußten auch in diesem Jahre dringende Arbeiten, wie die Wiederherstellung der Marienstiftskirche im Innern, aufgeschoben werden. An größeren Arbeiten wurden nur eine gründliche Reinigung der Orgel und Ersah der wurmstichigen Pfeifen, die noch von der alten Orgel vorhanden sind und seinerzeit wiederverwandt waren, durch neue Pfeisen beschlossen, um das vortreffliche Orgelwerk vor weiterem Schaden zu bewahren. Ferner wurde beschlos en, ein weiteres Stück des zum Tell sehr schadhaften Kirchendachs neu zu beschiefern, um größeren Schäden im Innern der Kirche vorzubeugen. Auch das Türmchen, in dem die Kirchenglocken hängen, soll wiederhergestellt werden. Nach Beratung des Voranschlags trug der Vorsitzende den Bericht des Kirchenvor- standes über den religiös-sittlichen Zu st and der evangelischen Gemeinde vor. 62 Haupt- und 53 Nebengottesdienste wurden von 4712 Männern und 7205 Frauen, bzw. 1513 Männern und 3533 Frauen besucht. Die Kinderkirche wies 'eine Besuchszahl von 4002 Kindern auf. Am heiligen Abendmahl nahmen 357 Männer und 646 Frauen teil. An Liebesgaben gingen 4434 Mk. oder 2,35 Mk. auf den Kops der Erwachsenen ein. Aus einstimmigen Wunsch der Versammlung wurde beschlossen, am Gründonnerstagabend einen Abendmahlsgottesdienst einzuführen, der besonders als Familienabendmahl gedacht ist. In eingehender und einmütiger Aussprache wurden noch andere Wünsche besprochen und mancherlei Anregungen zur Förderung des kirchlichen Lebens in unserer Gemeinde vorgebracht.
r Obbornhofen, 27. Jan. Am Samstagabend hielt der hiesige Gesangverein „Frohsinn" seine diesjährige Jahresschlußfeier im Saalbau Henzel ab. Nach den üblichen Begrühungsworten durch den Vorsitzenden Wilh. Bommer sheim wurde der Jahresbericht erstattet, aus dem folgendes zu entnehmen ist: Die Mitgliederzahl hat sich ungefähr auf derselben Höhe gehalten, wie im Vorjahre: von 72 Mitgliedern werden 35 als aktive Sänger geführt. Der Kassenbestand weist ein Guthaben von 162,50 Mk. auf. Bei der Dorstandswahl wurden die Vereinsämter durch Zuruf in Öen seitherigen bewährten Hängen bel s en. zum St.ll- vertreter des Vorsitzenden wurde ein 2. Präsident in der Person von Richard Hahn I. bestimmt. Weitere Beschlüsse gingen dahin, einheitliche neue Abzeichen für alle Vereinsmitglieder zu beschaffen. Hm die gesanglichen Leistungen zu heben, wurde bestimmt, den Besuch der Singstunden zu regeln und Strafgelder für Hnpünkt- lichkeit oder Versäumnis einzusühren. Mehrere Chore, die unter Leitung des Dirigenten Heinrich Glockengießer gut vorgetragen wurden, umrahmten die Feier. Die Vorbereitungen für die50. Iubels eie r des Gesangvereins, (ine vom 28. bis 30. Juni stattfindet, sind im Gange. Auf die Einladungen sind jetzt schon zahlreiche Anmeldungen eingelaufen, so daß mit einer Festlichkeit in größerem Ausmaße zu rechnen ist.
Kreis Büdingen.
△ Nidda, 26. Jan. Einer der stärksten Vereine unserer Stadt, der Eisenbahner- Verein für Nidda und Hmgegend, hielt hier im „Gambrinus" sein diesjähriges Wintervergnügen ab, das bei sehr gutem Besuch einen harmonischen Verlaus nahm. Dabei kam u. a. Hnterhaltungen auch ein Schwank durch Derelns- mitglieder in vorzüglicher Weise zur Ausführung und erntet? außerordentlichen Beifall. Auf vielseitigen Wunsch der hiesigen Einwohner wurde dasselbe Stück gestern abend nochmals aufgeführt. Wieder war der Saal bis auf den letzten Platz beseht und abermals wurde den Darstellern stürmischer Beifall gezollt. 3n uneigennütziger, dankenswerter Weise hatten sich die Vorstandsmitglieder und die Rolleninhaber zu
hätte sie sich ja Sabines Verhalten nicht zu erklären vermocht.
„Komm hinauf in dein Zimmer, mein liebes Kind!" sagte sie jetzt mit vernehmbarer Stimme. „Der Schreck war zu heftig für dich: darum ist es am besten, du ziehst dich ein wenig zurück. Jetzt, wo wir wissen, daß alles wohlauf ist —"
„Oh, wie kannst du das sagen?" fiel Sabine ihr hier ins Wort.
Doch ihre Mutter nahm keine Notiz von dieser Bemerkung, sondern legte den Arm um sie und geleitete sie schweigend zur Treppe. Dabei mußten beide dicht an der Stelle vorbei, wo Kurt stand und starr vor sich hinblickte.
Als das noch immer leise schluchzende Mädchen mit abgewendetem Gesicht an ihm vorbeischreiten wollte, trat ein unbeschreiblicher Ausdruck, in dem Haß und Liebe, Verachtung und Mitleid um die Oberhand stritten, in seine männlich-schönen Züge.
Frau von Rechten blickte lächelnd zu ihm auf und sagte wie erklärend:
„Dies liebe Kind hatte es sich in den dummen Kopf gesetzt, daß nur Sie es sein konnten, Herr von Wildhofen, der verwundet war: darum wurde sie vor Schreck ohnmächtig. Nie hätte ich es für möglich gehalten, daß mein taktvolles Kind die Selbstbeherrschung so plötzlich verlieren könnte. Da sehen Sie, was die Liebe vermag," fügte sie lispelnd hinzu, indem sie ihm wie scherzend mit dem Finger drohte.
Kurt stieg es heiß in die Wangen: er suchte sich Sabine zu nähern. Die Hand leicht auf ihren Arm legend, beugte er sich etwas herab, um ihr leise eine Frage zu stellen.
Frau von Rechten war so erregt, daß ihr Herz wie ein Hammer schlug. Schnell trat sie ein wenig zurück, um beide einen Augenblick ungestört zu lassen.
„Ist es wahr, Sabine," flüsterte Kurt in leidenschaftlicher Erregung, „daß Sie aus Angst um mich ohnmächtig geworden sind?"
Sie bewegte nut ihre Lippen, um ihm zuzustimmen.
„Hnd jener andere, unglückliche Mann, der getötet worden ist? — So wissen Sie also nicht, wer es ist?"
Angsterfüllt schien er die Antwort von ihren Lippen lesen zu wollen: doch gab sie ihm keine. — wenigstens nicht in Worten —, sondern hob nur ihre Augen zu ihm empor, und darin stand die höchste Seelenpein, gepaart mit einer stummen Bitte. Sie war abermals bis in die Lippen erblaßt, als wäre sie einer neuen Ohnmacht nahe.
Bei diesem stummen und doch so beredten Blick schwand der erwartungsvolle Ausdruck aus dem Antlitz des jungen Mannes.
„Ah!" stieß er gepreßt heraus. „Ich verstehe Sie! Sie kannten den Erschossenen also doch
und — — er war es, um den Sie weinten! — Er ist der Mann, für den Sie das Geld von mit verlangten! Ich danke Ihnen, Fräulein von Rechten! Jetzt bin ich vollkommen orientiert!"
Sabines Mutter hatte nut feine letzten Worte auf gefangen; sie sah aber an den bleichen, verstörten Gesichtern der beiden jungen Leute, daß es schlecht zwischen ihnen stand. Sie trat heran und schob ihre Tochter fast unsanft der Treppe zu.
„Du dummes Geschöpf! Was hast du nun wieder angerichtet? Warum hast du denn nicht jede Bekanntschaft mit dem — mit ihm abgeleugnet?" flüsterte sie ihr mit heiserer Stimme zu, als sie außer Hörweite waren.
Sabine schwieg, bis sie ihr Zimmer erreicht hatten. Dort fiel sie vor ihrer Mutter auf die Knie und rief auf stöhn end:
„Mama, Mama, wie hätte ich reden können, ohne dich dabei bloßzustellen! An dir ist es, jetzt alles zu gestehen.
Ich flehe dich an — um Gottes willen —, jetzt sofort zu Kurt von Wildhofen zu gehen und ihm die ganze Wahrheit zu sagen: dann aber laß uns diesen Ort auf Nimmerwiederkehr verlassen."
„Haha, das wäre nicht übel! Diese krankhafte Idee mußt du dir schon aus dem Kopse schlagen. Ihm alles sagen — jetzt, wo ich endlich frei geworden bin, wo alle Gefahr vor Entdeckung ein Ende genommen hat! Ihm alles sagen! Was denn zum Beispiel? Etwa, daß jener erschossene Strolch, der frühere Sträfling, mein Gatte und dein lieber Vater war? Ich danke schon — warum in aller Welt sollte ich so dumm sein? Ah, von jenem entsetzlichen Alp bin ich nun, dank der gesegneten Kurzsichtigkeit jenes Sonntagsschühen, für immer befreit! Niemand kann mich mehr auf Schritt und Tritt belauern und immer von neuem Geld von mir erpressen! Ich brauche das ganze, unsägliche Elend meines vergangenen Lebens nicht länger mit mir herumzuschleppen."
-Oh, Mutter!" schluchzte Sabine, tief verletzt und abgestoßen. „Es war doch immer dein Gatte, Öen du einst, bevor er jener entsetzlichen Versuchung unterlag — gewiß geliebt hast. Wie ist es dir möglich, jene Tage gänzlich aus deinem Leben auszulöschen? Für mich freilich ist fein Rame immer mit Schrecken und Schmach verbunden gewesen, aber trotzdem kann ich es nicht vergessen. daß es mein Vater ist, der hier, während wir die größte Achtung genießen, im Kutscher- Hause neben den Stallungen als Leiche liegt. O ©ott, wie entsetzlich traurig! Mutter. Mutter, ich beschwöre dich, ich flehe dich an, geh' morgen zum gerichtlichen Verhör und gib seine traurige Lebensgeschichte an. Laß es nicht zu, daß er wie ein Selbstmörder begraben wird."
(Fortsetzung folgt.)


