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Nr. 24 Zweites Blatt
Mittwoch, 29. Zanuar 1930
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Ouce oder Kronprinz?
Don unserem römischen ^-Korrespondenten.
Rom, Ende Januar.
Faszisrnus oder Monarchie? Ist der Stern Mussolinis im Sinken und steigt aus das Gestirn Savoyens? 3n der Schar der Hunderttausende von Fremden, die zu den Hochzeits- fcierlichkeiten nach Rom strömten, waren auch einige nachdenkliche Leute, die sich angesichts gewisser Erscheinungen die Frage vorlegten, me für Italien eine Schicksalsfrage ist und folglich auch im Volke eifrig erörtert wird. Denn wo die Zeitungen schwiegen, redeten die Kronen, und wo kühle Deamtenstirnen sich senkten, sprachen die Diademe. Um es nüchtern zu sagen: Mussolini trat hinter dem Kronprinzen zurück und dies so gründlich, daß er kaum mehr auffiel. Rus dem mächtigen Duce schien ein Ministerpräsident geworden zu sem. Schien.
Bei der eigenartigen Machtverteilung und Machtteilung in Rom. wie sie in der Herrschaft von Tiara, Zepter und Liktorenbündel zum Ausdruck kommt, in dem Dreigcstirn von Papst, König und Duce, konnte dem politisch denkenden Beobachter nichts willkommener sein als der große Brautzug, der sich nach dem strengen, kürzlich aber von Mussolini korrigierten Hofzeremoniell bilden mußte. Da hatte man einmal die richtige Rangordnung plastisch vor Augen! Aber gerade da zeigte sich, daß die monarchische Etikette durchaus nicht im Einklang mit den tatsächlichen Kräfteverhältnissen, ja, daß diese Rangordnung geeignet war, in manchen Köpfen eine gefährliche Verwirrung anzurichtcn.
Die Tete hielten, das ist so üblich, die ausländischen Militäratt ach c s, Offiziere in gleißenden Uniformen als die Vertreter der schimmernden Wehr. Aehnlich wie ein Dutzend blendender Kürassiere dem königlichen Wagen auf der Straße vorauszupreschen pflegt. Ihnen folgten die A n n u n z i a t e n r i t t e r als „Vettern des Königs" auf dem Fuße. Den Annun- ziatenorden haben die meisten Ministerpräsidenten erhalten, von Ritti bis Mussolini. Hier spürt man schon den seinen politischen Witz. Denn Ritti marschierte natürlich nicht mit, er ist des-Landes verbannt, und Mussolini auch nicht, denn sonst wäre er das vierte Kleeblatt neben Orlando, Salandra und B o n o m i gewesen, den wie aus dem Grabe auferstiegenen Führern der gewesenen Opposition. Bonomi ist sogar jener Ministerpräsident gerieten, der acht Jahre früher den Befehl gab, auch auf die Faszisten zu schießen, und damit die Bewegung der Schwarzhemden in eine Revolution verwandelte.
Es mußte also die Gruppe der Annunziaten zerschnitten, Mussolini davon getrennt werden, was ohne weiteres ging, da ja der Duce als Regierungschef sozusagen eine andere Ab- teilung des Zuges eröffnen konnte, und es heißt auch, daß zwischen Hof und Regierung eine Respektslücke cingeschoben war, die sich aber schon beim Eintritt in den Rüstungssaal vor der Traukapclle verflüchtigt hatte, Und so kam es, daß Mussolini nur wie irgendein Edelmann oder Hochzeitsgast weit hinter denen marschierte, die in der Macht — einmal gewesen waren. Weit hinter Amanullah zum Beispiel, der schon an fünfter Stelle schritt, hinter dem König von Bulgarien, dem nur der König von Italien, der Kronprinz und der König der Belgier vorausgingen. Allerdings war dem entthronten Exoten nur die Rolle eines Prinzgemahls sozusagen zugefallen, indem er die Großherzogin von Luxemburg führte. Ja — aber hätte das nicht ebensogut Mussolini tun können? Mag sein, aber ihn verlangte nicht danach. Vom Kronprinzen Rupprecht von Bayern hingegen erzählt man sich, daß er als Bedingung für die Annahme der römischen Einladung verlangte, als regierender Fürst betrachtet zu werden. 3m Brautzüge kam
die Erfüllung dieser Forderung jedenfalls zum Ausdruck.
Mussolini schritt also geduldig mit, eine große grüne Schärpe um, seinen Leibadjutanten, um im Bilde zu bleiben, zur Seite. Aber als dos bedeutsame Ja des Kronprinzen gefallen war und der Zug sich für den Rückweg formierte, da suchten viele Augen vergeblich nach dem Duce. Er machte nicht mehr mit. Es gibt eine ganz undramatische Erklärung dafür: Als Kronnotar muhte er das junge Paar in einem entfernten Saale zur Ziviltrauung erwarten, konnte also nicht hinterherschreiten und damit zu spät kommen. 3mmerhin, auch andere Beweggründe hätte man verstanden. Diese höfische Rangordnung entsprach weder einem besonders tiefen Verständnis für die innenpolitische Lage, noch dem Geiste der Zeit. Mussolini, der „Tyrann", verkörperte jedenfalls in diesen sieben Tagen eines ungewöhnlichen monarchischen Gepräges das demokratische Prinzip. Er wollte nicht einmal Vollstribun scheinen, et trat mit einer Bescheidenheit zurück, die schon mehr Selbstverleugnung war. Die Art, wie er freundlich und lächelnd, mit vollem Verständnis für ihre harte Arbeit, die Journalisten bei der Hoftrauung begrüßte, während die gekrönten Häuvter keinen Blick für sie hatten und der italienische Kronprinz auf ihren stillen Gruß hin wegschaute, als habe er nichts gesehen, wird uns unvergeßlich bleiben, Und das war, wenn auch eine bezeichnende, so doch nur wenigen auffallende Episode.
Dann der Abend des großen Empfangs auf dem Kapitol. Mussolini ist nicht unter den Gästen. Das Volk füllt die Tiberufer und die Dächer, um das Feuerwerk auf dem Gianicolo zu genießen. 3n einem neuen Stadtviertel ist eine mächtige Turmgarage entstanden, deren Terrasse Hunderten Platz bietet. 3n dieser dunklen Schar anspruchsloser Römer steht auch ein Mann, der feinen Kindern das fröhliche Geknall und Gezische zeigt. Er freut sich mit ihnen, freut sich wohl mehr als die erlauchten Herrschaften auf dcm Kapitol. E s ist Mussolini. Erst nach geraumer Zeit wird er erkannt und nun gehört ihm der 3rbel des ganzen Daches, Uebrigens eine hübsche 3llustra- tion zu den Schauerberichten gewisser Grenzberichterstatter über die hermetischen Absperrungen in Rom. Der Duce erscheint still und mit einer unverkennbaren Pflichtsmiene zur Galavorstellung im Opernhaus und läßt die Huldigungen, die dem jungen Adler gelten, nicht ihm, lächelnd an sich vorbeirauschen. Er bietet sechzigtausend Faszisten auf, dem Kronprinzenpaar Reverenz zu machen, schreibt ihnen aber, ein unerhörter Vorgang für die Schwarzhemden, bürgerliche Kleidung vor. Er kommt zur großen Parade nicht wie sonst als der oberste Feldherr, sondern nur als Regierungschef. Unö so weiter.
Was hat das alles zu bedeuten? Wollte man ihn sichtbar auf die zweite Stelle drücken? Doch wohl kaum, denn wie jedermann in 3talien, so wußten auch die hohen Gäste, daß es schließlich Mussolini zu danken ist, wenn die große Hochzeit so ungestört verlaufen konnte. Die Wahrheit ist die, daß Mussolini freiwillig von der bengalisch beleuchteten Bühne abtrat, daß er selber der Volksbegeisterung für den Kronprinzen die Wege öffnete, er und kein anderer den Befehl gab, immer und überall den Königsmarsch vor der Faszistenhymne zu spielen, während es im Rundfunk, wie auch der Hörer in Trippsdrill ferstellen kann, lauft umgekehrt ist.
Es bleibt nur die Frage, warum der mächtigste Mann des Landes so und nicht anders handelte, wo sein „Rivale" zum erstenmal mit gleichen Ansprüchen hervortrat. Mag jeder nach
seinen psychologischen Fähigkeiten oder Liebhabereien nach der richtigen Antwort suchen. Ein Fingerzeig für die Lösung des Rätsels? Run, man könnte daran erinnern, daß Mussolini schon einmal vor dem Parlament erklärte, wenn sein König es wolle, dann würde er die Hacken zusammenschlagen, salutieren und abtreten. Aber kurz daraus handelte er umgekehrt, denn er merkte, daß der angebliche Volkswille, der im Ramen der Verfassung auftrat, nichts anderes war als der Witte seiner politischen Gegner. Mussolini trennte mit einem Hiebe des Liktoren- beils den Thron von der Verfassung und schob dazwischen den faszistischen Groß rat, der sich bei jedem Thronwechsel sein Mitsprachrecht vorbehielt. Bevor Kronprinz Humbert den Thron besteigen kann, muß der Duce gehört werden. Das ist Gesetz, und ein Gesetz, mit dem der Faszismus stehen und fallen kann. Wer übrigens von den „Eingeweihten", die tagtäglich von dem Gegensatz Kronprinz- Mussolini tuscheln, wer will wissen, ob der junge Adler, wenn er heute faszistenfeindlich gesinnt sein sollte, seine Haltung auch in reiferen 3ah- ren beibehält? Eines nur ist sicher: über Mussolini ist, schon geraume Zeit vor der Quirinals- feier, ein Geist der Mäßigung gekom- men. Er hält die radikalen Feuerköpfe seiner Schwarzhemden, die Dauerrevolutionäre, mit eiserner Faust nieder. Aber mit derselben unerschütterlichen Faust hält er nach wie vor die Zügel der Regierung in der Hand.
Oer Reichsverkehr.
Aus Anlaß der Zehnjahrfeier des Reichsverkehrsministeriums gewinnt die Frage der Entwickelung des deutschen Reichsverkehrs an Bedeutung. Leider sind wir trotz der Schaffung eines Reichsverkehrsministeriums immer noch weit von einem wirklich einheitlich organisierten Reichsverkehr entfernt, was naturgemäß zu zahllosen Schwierigkeiten für das deutsche Wirtschaftsleben führen muß. Dabei läßt sich allerdings nicht leugnen, daß nicht mangelndes Organisationstalent an dieser Tatsache die Schuld trägt, sondern vor allem und in erster Linie die außerordentlich schwierige finanzielle Gage, in der sich das Rach- kciegsdeutschland befindet. Denn die Reichsverkehrspolitik beruht an und für sich auf Plänen, die schon sehr alt sind, und bis weit in das vergangene Jahrhundert zurückreichen, insofern, als bereits im Vertragsentwurf der Paulskirche vom Jahre 1848 ein genaues System vorgesehen war, nach dem der deutsche Reichsverkehr organisiert werden sollte. Wir haben heute die Reichseisenbahn und wir haben die R e i ch s p o st. Wir haben zwar eine Reichswasser- strahenverwaltung, aber wir haben leider noch keinen einheitlichen Reichswasserstraßenverkehr. Gerade hierbei kommt die Finanznot ganz besonders zur Geltung. Denn von den K a n a l p 1 ä n e n, die Projektiert worden sind, ist bis heute so gut wie noch nichts in Erfüllung gegangen. Der Mittellandkanal, die Rhein-Main- und Donauverbin- dung, die Reckarkanalisierung, der Ihle-Plauer- Kanal, der Kanal Wesel-Datteln-Hamm-Lipp- stadt, der Küstenkanal, der Aachen-Rheinkanal, Der Hansakanal, der Klodnitz-Kanal und die Mosel-Kanalisierung, all das sind Projekte, die für eine einheitliche Reichsverkehrspolitik unumgänglich sind, die aber leider kaum und zum großen Teil überhaupt nicht in Angriff genommen werden konnten.
Vollkommen ungeklärt ist noch die Frage der Schaffung einer einheitlichen deutschen Reichsstraßenorganisation, die durch die Verabschiedung eines Wegegesetzes angebahnt werden sott. Leider wird hierbei vielfach dadurch eine mißverständliche Auffassung gezeigt, daß gewisse Länder in einer Reichsverkehrspolitik einen versteckten Unitarismus sehen zu müssen glauben. Daß dem nicht so ist, bedarf
wohl keines besonderen Hinweises. Gerade die Verreichlichung der Reichsbahn hat gezeigt, tote groß die Erleichterungen sind die sich dadurch für die Wirtschaft ergeben. Unö diese Erleichterungen kommen doch in erster Linie wiederum den Ländern zugute, die von einer prosperierenden Wirtschaft doch größere Vorteile haben als von einer Wirtschaft, die sich schon aus technischen Gründen nicht entwickeln kann. Roch besser hat der R e i ch s P o st v e r k e h r bewiesen, daß die Vereinheitlichung erst überhaupt eine Vcrkehrspolitik zu ermöglichen in der Lage ist. Die Kämpfe, um die Reichswasferstraßen- verwaltung werden aus diesem Grunde hoffentlich ebenfalls zu überwinden sein, damit wir endlich in Deutschland au einem einheitlichen Wasser st raßen netz kommen, das gerade durch die billigen Frachtsätze des Schifs- fahrtverkehrs von unerhörtem Vorteile für die Gesamtwirtfchaft ist. Wenn im Rahmen der Feier des R.eichsverkehrsministeriums mit aller Klarheit betont wurde, daß eine einheitliche Verkehrspolitik getrieben werden müsse, so darf man diese Willensäußerung nur mit großer Genugtuung entgegennehmen. Hoffentlich werden allmählich auch die finanziellen Kräfte zunehmen, damit dieser Wille in die Tat umgeseht totrö.
Kein Rücktritt des Wormser Oberbürgermeisters?
WSN. Worms, 28.Jan. Nach einer noch unbestätigten Meldung hat Oberbürgermeister Rahn fein Rücktrittsgef uch zurückgezogen.
Oie Mainzer Hausangestelltensteuer rechtsgültig.
Mainz, 28.Jan. (WSN.) Die Stadt Mainz hatte vor einem halben Jahr zum Ausgleich ihres Budgets eine Hausange ft eilten st euer ein geführt. Gegen diese Steuer wurde Rechtsbeschwerde eingelegt. Der Provinzialausschuß von Rheinhessen lehnte diese Steuer als ungesetzmäßig ob. Nun wurde von dem Berwaltungsgerichtshof in Darmstadt das Urteil gefällt, daß diese Steuer zu Recht bestehe. Die Klageoertretung betonte, daß 1. die Steuer dem Landessteuer- und Finanzausgleichsgesetz widerspreche, 2. daß die Steuer im Gegensatz stünde zu den Ortssatzungen der Städte, 3. daß laut Verfassung die Städte nicht berechtigt wären, direkte Steuern zu erheben: die Hausangeftelltenfteuer sei jedoch eine direkte Steuer. 21 Ile diese Einwände wurden vom Obersten Verwaltungsgerichtshof nicht anerkannt und somit bestimmt, daß eine Stadt berechtigt ist, eine ijausangeftelltenfteuer zu erheben.
Einbruch
in das Oieburger Amtsgericht.
WSR. Dieburg, 28.3an. 3n das hiesige Amtsgerichtsgebäude wurde nachts wiederum eingcbrochen, seit einigen 3ahren der vierte Fall. Der Täter muß mit der Oertlichkeit genau vertraut gewesen sein, denn er kam von der Rückseite des Gebäudes zu einer Tür, die mit einem Sicherheitsschloß versehen ist: er schlug an dieser Tür eine kleine Scheibe ein, griff durch das dadurch entstandene Loch ins Innere und öffnete das Sicherheitsschloß. Hierauf wurde eine Anzahl Amtszimmer und in diesen die Schreibtischschubladen geöffnet oder auch erbrochen. Entwendet wurde nichts, da in den Schubladen keine Gelder oder Werte aufbewahrt werden.
Talen für Donnerstag, 30. Januar.
Sonnenaufgang 7.42 Uhr, Sonnenuntergang 16.46 Uhr. — Mondaufgang 8.38 Uhr, Mond- untcrganz 17.15 Uhr.
1781: der Dichter Adalbert von Chamisso in Boncourt in der Champagne geboren; — 1815: der Dichter Karl Gerock in Vaihingen a. d. Enz geboren.
Aachtschnellzug Lharkow-Tiflis
Don Sigismund v. Radecki.
Zur Station fuhr ich mit vier Pferden: Weih- füßchen, Sekretär, Waldteufel und Hektor — alle in einer Reihe angespannt, und mit einer großen Glocke, die zu unbekannten Zwecken durch die ungeheure Steppe bimmelte. Der dickgepolsterte Kutscher war mit seinem langen Bart wie aus weichem Lindenholz geschnitzt — ein russischer Kutscher wie er sein soll, ein Präsident des Pferdeparlaments, der ununterbrochen auf seine vier „Täubchen" einredete. Bald munterte er Weihfüßchen auf, bald entzog er Sekretär das Wort, bald fragte er Waldteufels was eigentlich mit ihm los fei, bald zeigte er Hektor mit wildem Gesichtsausdruck den Peitschenstiel — so daß die klapprige Quadriga weit weniger auf Öen Weg, als zurück auf Öen Kutscher blickte: was ihm jetzt toieöcr Reues einfallen würbe ... Die Straße war 75 Meter breit unö wurde dabei noch ständig verbreitert, weil jeder natürlich Öen Schwarzerde-Drei verschmähte unö lieber auf dem festen Grasboden daneben fuhr.
Auf der Station gab es eine asthmatische Rangierlokomotive, einen Telegraphisten, der seine Pickel im Spiegel betrachtete, drei oder vier herumlungernde Schafpelze, die sich beim Gähnen mit der Handfläche auf den Mund klopften, und außerdem einen „Preiscourant", wo alles verzeichnet stand, was noch nie auf einer russischen Bahnstation zu haben gewesen: sogar irgendein „Glint-Wein" zu 65 Kopeken, von dem der Buffettier die allervagesten Vorstellungen hatte. Die einzige Realität bestand aus einem Käsebutterbrot und einer dicken, blauschwarzen Fliege, die beide seit Gründung der Bahnlinie unter einem staubigen Glassturz eingeschlossen lagen.
Plötzlich hörte man ein unterirdisches Rollen, die Fensterscheiben zitterten, eine Glocke wurde dröhnend angeschlagen, und der Kurierzug mit mächtigem Kuhfängcr schob sich herein und machte alles dunkel. Schon sah ich im Kupee, schon brausten wir unter rasendem Trillergepfeife ab, unö schon war die Station samt Schafspelzen und der ungeheuren Steppe ein Etwas, das man gelegentlich zerstreut durch die Kristallscheiben betrachtet.
Ein erfttiaffiger Komfort! Der leise zitternde Korridor aus pollertem Mahagoni: ein endloses Riesenteleskop, in dem man selber drinstand und den Duft nach Leder und Samt einsog. Auf dem Reklamebild stehen drei Holländer in Pumphosen
und gucken auf einen Steamer, der am Horizont vorüberdampft. „Rotterdam—Reuyork" — was sott man da noch sagen?! „Messageries Maritimes", „Tokio via Siberia", „Riviera Palace Hotel" — ganz wie im Kino, wo man auch nie sieht, wie die Leute das Geld verdienen, sondern nur, wie sie es ausgeben. Es war fabelhaft: besonders, dah alle diese Sachen mit mir durch den Raum stürmten, wie ein Projektil auf die Berge zu: Tiflis, mein Lieber, Tiflis! — und vorher keine Atempause.
Das türkisblaue Samt-Kupee hatte jemand unter angestrengtem Rachdenken so ausgetüftelt, wie es für mich am bequemsten sein muht" 3ch erschauerte unter dem Strom mütterlicher Li.be, der aus jedem unerhört praktischen Gegenstände auf mich einörang! Willst du Tee haben, mein Lieber? — Bitte, hier ist ein Knopf, du brauchst nur zu drücken. Oder brauchst du einen Tisch? — Da, sogar mit einem Aschenbecher! Stört er dich, Armer? — Klapp ihn herunter, dann ist er wie nie gewesen. Händchen waschen? — Bitte, nebenbei, ein extra Waschraum für dich, Handtuch, Eau de Cologne, alles ... 3ft das Kindchen müde? — Hoppla, da ist schon ein Bett, ganz frisch bezogen. Achachach, aber wer wird denn Angst vorm dunklen Zimmer haben?! So ein großer 3unge! — Ra, also gut, weil du es bist: hier, der Schalthebel: eine Rachllampe, ein mildes blaues Licht wie ein Madonnenauge ...
3ch entkleidete mich und besah vor dem Einschlafen meinen neuen, herrlichen Aagan-Revol- Der. Eine gefährliche Maschine, schwer, vernickelt, mit schwarzer Wut in der Mündung. 3m Kaukasus kann man nie wissen. 3cht keuchte der Zug schon durch die Dorberge, schon war draußen Wald und Wind und Wasserrauschen. Dann lieh ich mich von 60 Kilometern in der Stunde in den Schlaf wiegen.
3ch erwachte vom Anrucken des Zuges beim Verlassen einer Station. 3ch knipste das Licht an: alle Metalltelle erglänzten und die Mahagoni-Maserung spiette in rötlichen Fontänen. 3etzt hörte ich tappende Schritte im Korridor, die vor meiner Tür Halt machen. 3ch lehnte den Kopf bequem an das Kissen und schaute unbeweglich auf die Tür. Die Messingklinke bewegte sich hin unö her: dann wurde die Tür langsam zur Seite geschoben.
Ein riesiger Mann stand im Korridor unö blickte mich unbeweglich an. Er war zerlumpt, hatte eine hohe Lammfellmühe, ein dunkles Gesicht, unö öazu ein langes, silberbeschlagenes Dolchmesser im Gürtel stecken. 3m Waggon war alles stlll; er sauste mit 60 Stundenkilometern
durch die Rächt. 3etzt schaute mich der Mann aus seinen kohlschwarzen Augen mehr durch die Stirn an, so daß man das Weihe sehen konnte, und lieh mit seiner rechten Hand langsam die Türklinke los ... Dann fuhr er ebenso langsam mit der Hand zum Dolch und umspannte den Dolchgriff. Er schaute mich noch immer durch die Stirn an, deren Adern zu schwellen schienen. Und mit diesem Dlick begann er nun langsam den Dolch herauszuziehen — Zentimeter um Zentimeter.
3eht erst merkte ich, was mir drohte. 3ch lag noch immer mit schlaffen Armen da und sah starr auf ihn hin. Da fühlte ich etwas Hartes unter der Hand. Der Ragan-Revolver. Ohne Öen Arm zu regen, umfahte ich ihn mit der Hanö. Der Kaukasier hatte den Dolch schon fast ganz her- ausgezogcn. Man sah fast nur noch das Weihe der Augen.
Mit einer leichten Handdrehung — der übrige Körper blieb unbeweglich — hielt ich ihm plötzlich das nickelblitzende Ding entgegen! Schweigend. Den Finger am Drücker.
Der Kaukasier war einen Moment starr. Dann schob er seine Klinge ebenso langsam wie vorhin, Zentimeter um Zentimeter, in die Scheide zurück.
3eht zielte ich genauer (der Ragan war übrigens ungeladen) ... Da murmelte er mit einer tiefen Stimme, wie aus einer Tonne ...
„Rä buddu ... Rä b u d d u ..."
(3ch wärrd ni—cht ... 3ch wärrd nicht ...") Und schob den Dolch endgültig hinein. Dann
duckte er sich, und machte plötzlich einen Sah zum Ende des Korridors! Gleich darauf hörte man Glas zersplittern. Und wieder einen Moment darauf hielt der Zug mit einem heftigen Ruck! Aha, die Westinahouse-Dremse: soweit wuhte der Sohn der Wiwnis doch Bescheid.
Einige Sekunden war alles stlll. Dieser ganze Apparat mit Dampfkessel und Etahlachsen sah plötzlich regungslos im Dergwalde, als wäre er woanders gewesen. Während ich mir eiligst etwas überwarf und den Revolver lud, hörte man bereits hastiges Rufen und Schaffnerschritte. 3ch lief mit dem Revolver zum Waggonende: richtig, die Türe stand offen, der Dursche war hinaus- gesprungen!
Draußen schien der Mond durch die Zweige. Es war, als ob man mit der Luft etwas vom Mond einatmete. 3ch lief mit den Schaffnern ein paar Schritte vorwärts und knallte ganz unnötig zweimal meinen neuen Ragan ab. Das Echo rollte von Schlucht zu Schlucht; tiefer in der Ferne sah man weiße Schleier von den
Tannenspihen aufsteigen: offenbar ein Wasserfall.
3eht schrillte eine Trillerpfeife, und der Oberkondukteur verlangte energisch die Weiterfahrt. Türen klappten, unö öer Wald zog immer schneller hinter Öen Kristattscheiben vorbei. Der Mond rollte über die Walözacken, immer neben uns her. 3ch zog Öen Vorhang herunter: mit einem Messingknopf unten, sehr praktisch. Dann legte ich mich zu Dett unö knipste das blaue Licht, das milde Madonnenauge, an. Aber der Komfort schien mir nicht mehr sv erstklassig wie zu Anfang.
Vom Hahn.
Unter den Redensarten, die wir dem Hahn verdanken, ist nur eine umstritten: einem den roten Hahn aufs Dach sehen, ihm das Haus in Drand stecken. Man benötigt dazu immer nur einen Hahn, von roten Hähnen spricht man nicht. Da der Hahn die anbrechende Morgendämmerung veriündet, hat man ihn als Sinnbild des heraufkommenden Lichts, auch des auf» lodernden, flackernden Feuers gedeutet. Seit dem 16. Jahrhundert meint man, öer Hahn fliege bei einem Schaöenfeuer von einem Dache auf— gesehen hat es niemanö. ©temeöer, Wunder- avostel 181, läßt den roten Hahn auf den Dächern sich blähen. Ursprünglich, ö. h. nach den frühesten Belegen der Redensart, ist sie den MorÖ- brennem eigen. Diese hatten wie die Diebe und Bettler ihre befonöere Zeichenschrift, die sog. Zinken: eines davon, das die Brandstiftung bedeutet, hat Ähnlichkeit mit einem Hahn, und da die Gaunerzinken meist mit Rötel an Kirchen, Straßenecken, einsamen Kreuzen angebracht wurden, ergab sich die Bezeichnung roter Hahn. 3n Frankreich wurde der Hahn, genauer der Hahnen- kamm, zu einem kriegerischen Abzeichen verwendet, ein bannet a la cocarde war eine Mühe mit einer hahnenkammarligen Schleife. W.r haben dann die Kokarde übernommen, die uns aber nicht an den Hahn erinnert Eher ist dies der Fall bei dem Beiwort kokett, ö. i. hahnenhaft nach Gang und Gebaren: trotz der Ableitung von le coq, der Hahn, gebrauchen wir es nicht von Männern, sondern von gefallsüchtigen Frauen, ebenso das Zeitwort kokettieren, sich kokett gebaren, zu gefallen, Eroberungen zu machen suchen. Da das meist mit Hilfe der Augen geschieht, wäre äugeln eine passende Verdeutschung (Dgl. liebäugeln). Spitteler, Olympischer Frühling 2, 135, hat dafür: Sieh, wie sie mit den Aeuglein neckt. C.M.


