sorgfältig gegen jeden andringenden Lärm abgedichtet, auf ihre akustischen Fähigkeiten erprobt und nun durchaus geeignet, in peinlichster Ruhe Stimmen und Töne in sich zu konzentrieren und aufzu- schreiben.
Der große Sänger, der vergötterte Lieblingstenor, steht vor einem Mikrophon, das Orchester hinter ihm; auch da sind viele Mikrophone verteilt, bereit, die Masse und die Wucht der Klänge aufzunehmen und auf kupfernen Drähten bis zur eigent- lichen Aufnahmeapparatur weiterzuleiten. Elektrische Aufnahme! Wir wissen, wieviel schöner und klangreiner und diffiziler diese Art der Aufnahmetechnik ist, die das alte System der Trichteraufnahme ablöste. Wenn der Tenor, der da gerade vor dem Mikro steht, wüßte, daß einstmals die alten Walzen einzeln besungen und bespielt wurden, daß sein Vorgänger vor Jahr und Tag vor dem Aufnahme- Schalltrichter stand, der in etwa zehn Abzweigungen verlief, und nun sein Lied mindestens fünfzig, sech- zigmal an einem Tage heruntersingen mußte! Wofür man den fleißigen Tönespendern ein Honorar von rund fünfundzwanzig Pfennige je Walze zahlte! Nein, unser Sänger mit dem hochkarätigen Gold in der Kehle hat es da doch leichter: Nur die unum- gänzlichen Proben, aber dann geht es los, frisch in das Mikrophon hinein, das Orchester tut ein gleiches, und der an der elektrischen Schalldose befestigte Saphir stift zeichnet in eine Wachsplatte „rundherum im Kreise" den Ton auf. So, die Aufnahme steht.
Aber wollte man von dieser Wachsplatte gleich die Abgüsse Herstellen, wäre es um sie geschehen. Dieses Original ist unendlich kostbar: es wird daher rasch eine andere Wachsplatte genommen und mit Hilfe dieser ein „zweites Original" hergestellt, das so- fort in eine große Werkstatt für Galvanoplastik geht. In langen Rechen stehen hier die steinernen Bottiche, gefüllt mit der Kupferlösung, in die die Wachs- platten hineintauchen. Ein Gewirr von Drähten führt den elektrischen Strom zu, ein Hebelsystem setzt die vielen Matrizen in unaufhörlich gleichmäßig I schaukelnde Bewegung. Immerzu ist eine der galvanisierten, also mit einem kupfernen Ueberzug ver- sehenen Wachsplatten, fertig, wird zubereitet, genau bezeichnet, ausgeprobt und geht nun in die Schall- plattenfabrik. t
Wir aber lassen sie dort einstweilen liegen und wandern in die Räume, in denen das Material zur Schallplatte hergerichtet wird. Woraus besteht so eine Schallplatte? Aus Hartgummi! fo sagen viele mit Ueberzeugung. Was völlig unrichtig ist; aber gleichwohl immer wieder behauptet wird. Wer von uns eine zerbrochene Schallplatte zu Hause hat, sieht sich einmal verständigerweise den Bruch an: Man erkennt, daß es sich um ein Kunstgestein handelt. Ein besonders geeignetes Material wird von seltsam konstruierten Mühlen sehr, sehr fein gemahlen, mit Schellack (zum Binden), Ruß (zum Färben) und einigen anderen geheimnisvollen Zusätzen vermischt, auf Walzen erwärmt und dabei noch einmal ordentlich gemengt, bis ein zäher Brei entsteht. Dieser kommt- auf den Kalander und verläßt die Maschine als ein lederartiges Gebilde, das sich an besonders eingegrabenen Kerbstellen gut drecken läßt. Es sind einzelne kleine Rechtecke getroffen worden, die noch durch zahlreiche fleißige Frauenfinger gehen, um letzte und allerletzte Prüfungen auf Güte und Reinheit und Gleichmäßigkeit durchzumachen. Dann fahren diese Platten über laufende Bänder in den Maschinensaal und werden der Heerschar der Arbeiter zur Verfügung gestellt.
Dieser Maschinenpark in jedem Saal wirkt besonders verblüffend, weil alle Maschinen wirklich in fleißiger, angestrengter Arbeit sind; mein Gott, was muß das für eine große Tagesproduktion fein! Aber das ist schließlich die Sache des Fabrikanten. Bloß das möchte man wissen: Wohin geht diese gar I
nicht auszudenkende Anzahl von Platten alltäglich? Keine Angst, sie wird schon abgesetzt werden. Würde man sie sonst herstellen?
Eine der Prägemaschinen wird gerade wieder zur Arbeit vorbereitet. Da kommt die kupferne Matrize mit der Aufnahme unseres Sängers, der selbst längst wieder über alle Berge ist. Seine Stimme ist hier geblieben. Sie wird in Form der Matrize in die Preßvorrichtung eingezwängt und beheizt, im Nu hat sie die erforderliche Temperatur erreicht. Unten eine andere Aufnahme für die Rückseite der Platte, dazwischen ein gähnender Rachen, wie etwa bei einer alten Druckerpresse. Ein Dorn auf den Matrizen sorgt dafür, daß ein Loch in die zu prägende Platte kommt, oben und unten kommt je ein Etikett — merkwürdigerweise immer das richtige! Gar nicht auszudenken, was für musikalisches Unheil durch eine Etikettenverwechslung herbeigeführt werden könnte.
Nun greift der Maschinenmann mit einem Spachtel eine ober anderthalb der vorgewärmten Leder- mässe, die nun wieder weich und geschmeidig geworden ist. Rein damit in die Maschine, auf den Prägeteller, ein Hebeldruck, die gähnende Deffnung schließt sich. Mit dem Druck vieler Atmosphären geht der Prägeoorgang vor sich, selbsttätig setzt eine Kühlvorrichtung ein, der Schlund öffnet sich wieder und zeigt eine tadellos runde, glatte, glänzende Grammophonplatte, mit den bekannten bunten Zetteln beklebt.
Der liegt der tönende Diskus vor uns, er kann sofort abgespielt werden. Das wird auch in zahlreichen Stichproben auf altertümlichen Apparaten mit riesigen Blechtrichtern — sie müssen einmal auf einer Wachtstube der friedericianischen Armee neu gewesen sein! — gemacht. Diese alten Apparate geben in ausgezeichneter Weise auch die geringsten Störeffekte auf der Platte wieder, und deswegen behält man sie hier. Mit Mängeln behaftete Schallplatten werden natürlich sofort wieder ausgeschieden; in einer Ecke sitzt ein Arbeiter und
beschäftigt sich ausschließlich damit, die Platten zu zerstören, die seine Kameraden eben hergestellt haben. Noch eine andere Prüfung machen die Platten durch, dann werden sie geschliffen und poliert, verpackt — und nun eilen sie mit den Lieferautos in die Bsrkaufsläden, bereit, jedem zu dienen, der sie kauft. Die Stimme des Sängers ist für jedermann gebändigt — er muß fingen, nicht wenn es ihm paßt, sondern wenn es dir und mir gerade beliebt.
Oberheffen.
Giadirai in Butzbach.
pb. Butzbach, 27. Qtug. 3n der gestrigen Stadtratssitzung wurden u. a. folgende Beschlüsse gefaßt: Der Vertrag mit dem äleberlandwerk der Provinz Oberhessen über die Stromlieferung für das städtisch« Pumpwerk in Griedel wird genehmigt.
Lieber die Bezahlung der Ko st en für die Kata st erver Messungsarbeiten in unserer Gemarkung in den Jahren 1914 bis 1925 ist nach mehrjährigen Verhandlungen mit dem Landesvermessungsamt eine Vereinbarung zustande gekommen, wonach der Schuldbetrag in Höhe von 19 204,89 Mk. zinslos in 5 Jahren abzutragen ist. Oluf Zinsen für die rückliegende Zeit hat der Staat verzichtet. Gegebenenfalls kann auch Bezahlung in 7 Jahren erfolgen, jedoch muh in diesem Falle die Differenz zwischen den Baten bei fünfjähriger und denen bei siebenjähriger Tilgung mit 2 Proz. über jeweiligem Reichsdiskont verzinst werden. Der (Stabt- rat beschließt die Tilgung in sieben Jahresraten. Hinsichtlich desOrtsbauplanswestlich der Mam-Weser-Bahn werden folgende Aenderungen gewünscht: Die Breite der Goethestraße soll 8 Meter, die der Gutenberg- straße 10 Meter, die der Kaiserstrahe — von der Taunusstrahe bis Hochweiseler Strahe 12,80, die der verlängerten Kaiserstraße 8 Meter betragen. Das Gelände bei der Lehmgrube der Gebr. Vogt wird als Industriegelände erklärt. Der vorgelegte Plan für die Mm - gehungsstrahe, die am Lustgartengelände entlang zieht, wird mit 15,60 Meter Straßenbreite genehmigt.
Für Rotstandsarbeiten erhalt die Stadt 25 000 Mk. aus Reichsmitteln zu 3 Proz.
bei einem Gesamtaufwand von 47 000 Mk. Zunächst sollen drei Arbeiten mit einem Kostenaufwand von 31 500 Mk. ausgeführt werden, und zwar: 1. Ausbau der Taunusstrahe, d. h. Profilregulierung des Teils bis zur Romer- strahe einschl. Asphaltteppich, sowie Reubau des Teils bis zur Landgraf-Philippstraße, Baukosten 16 500 Mk.; 2. Kanalisierung der Goethestraße von Taunusstrahe bis zur Kreuzung Waldstrahe
Helene 'Chlodwigs 'Schuld und Sühne
Vom Samstag, dem 30. August an tritt die erfolgreiche Schriftstellerin Josef ine tfdmeideeSberstl
mit ihrem neuen großen Romanwerk unter obigem Titel im Gießener Anzeiger hervor. Ebenso wie mit den früher hier veröffentlichten Romanen „Märtyrer der Liebe", „Lache Bajazzo" und „Das Erbe des Herrn von Anstetten" wird der Gießener Anzeiger seinen Lesern auch mit dem neuen Werk einen äußerst spannenden Lesestoff bieten
Wirble insLeben!
Roman von Anna Fink.
Mrheber-Rechtsschutz durch Verlag Oskar Meister.
Werdau, 6.-QL
32 Fortsetzung Nachdruck verboten
„QHfo, die Sache ist die", begann Hans Much. „(Sie wissen doch, daß ich einen beträchtlich älteren Bruder habe, den Großindustriellen Bernhard Much?.'
Der Konsul nickte nur und sah sehr aufmerksam aus.
„Nun", fuhr Hans Much fort, „seine Frau, meine Schwägerin, ist hier in eins sehr üble Situation gekommen. Ich finde nämlich heute vormittag einen Brief von ihr vor, in dem sie mir mitteilt, daß sie nicht weit von hier in einem Gefängnis sitzt, weil sie, wie sie mir schreibt, ihre Papiere verloren habe."
„Nanu!" Der Konsul machte ein bedauerndes Gesicht. „Das ist ja ein« höchst unangenehme Geschichte. Ist Ihr Herr Bruder nicht bei ihr gewesen? Hält er sich zur Zeit gar nicht hier in Italien auf?"
„Anscheinend nicht", sagte Hans Much. „Der Brief ist in höchster Erregung geschrieben und nur sehr kurz. Selbstverständlich hätte es wenig Zweck gehabt, wenn ich gleich zur Gefängnisverwaltung gelaufen wäre. Die kennen mich ja nicht und haben sich einfach an ihre Vorschriften zu halten."
„Natürlich", sagte der Konsul nachdenklich, „man ist jetzt hier sehr rigoros geworden in solchen Fällen. Mnb mit Recht. Man will sich eben vor politisch nicht einwanbfreien Personen schützen."
Es entstand eine Pause.
„Ich verstehe nur nicht", begann der Konsul wieder, „weshalb sich Ihre Frau Schwägerin nicht an uns hier gewandt hat, als ihre Papiere verlorengegangen waren."
„Offen gestanben: Ich auch nicht", gab Hans Much zurück.
„Wollen Sie selber Einsicht in den Brief nehmen?" fuhr er fort und schob dem Konsul Barbaras Brief zu.
„Wenn es Ihnen nicht unangenehm ist." Rach diesen Worten las der Konsul die Zeilen durch.
Plötzlich aber machte er ein derartig verdutztes haltlos erstauntes Gesicht, daß Much beinahe gelacht hätte.
Der Konsul hatte nämlich „Barbara Much" am Ende des Schreibens gelesen, und irgendein Licht schien ihm plötzlich aufgegangen zu sein.
Er starrte Much ganz entgeistert an.
„Barbara heißt Ihre Schwägerin — Barbara Much?" fragte er dreimal hintereinander.
„Ja natürlich", sagte Hans Much und fing an, ungeduldig zu werden. Gr verstand nicht, wie diese Tatsache den Konsul so aus der Fassung bringen konnte.
„Entschuldigen Sie bitte mein Erstaunen", sagte
der Konsul höflich, „aber mir fiel eben ganz plötzlich ein, daß vor etwa vier Wochen eine Dame hier war, die erklärte, sie hieße Frau Barbara Much und hätte ihre Papiere verloren."
Wie elektrisiert sprang Hans Much auf.
„Ratürlich wird sie es gewesen sein!"
Der Konsul schüttelte zweifelnd den Kops.
„Wäre eine Verwechslung nicht möglich? Ich kann mir das gar nicht denken. Sie Dame sagte, daß sie in Rot sei und sich nach Arbeit umtun müsse. Ich bot ihr an, sie nach Deutschland zurückzuschicken auf meine Kosten, doch sie lehnte dies so heftig ab, daß ich mich eines großen Mißtrauens nicht erwehren konnte."
Hans Much lächelte.
Ihm war beinahe, als höre er seinen Bruder Bernhard sprechen.
„Herr Konsul, bei meiner lieben Schwägerin ist alles möglich. Sie ist eine Frau, die, sagen wir mal, große Neigung zum Abenteuerlichen und Extravaganzen hat. Ich habe ja keine Ahnung, wie sie in diese fatale Geschichte hinein- ^ekommen ist. Aber soviel ist klar: ich muß ihr
„Ich mache Ihnen einen Vorschlag, Herr Much", fing der Konsul langsam an. „Ich werde meinen ganzen Einfluß aufbieten, daß Frau Much erst einmal aus dem Gefängnis frei kommt. Ich denke, das wird sich machen lassen. Aber es ist nur unter der Bedingung möglich, daß Sie für Ihre Frau Schwägerin die Bürgschaft übernehmen und mit ihr hierher kommen, damit ein vorläufiger Ausweis für sie ausgestellt wird. Dieser hat allerdings nur kurze Zeit Gültigkeit, so daß es gut sein wird, wenn sie sofort nach Deutschland zurückkehrt und sich bann, falls sie in Italien zu bleiben wünscht, einen regulären Pah ausstellen läßt. Dann ist ja alles in Ordnung."
Hans Much atmete auf.
„Tausend Dank, Herr Konsul. Wann kann ich hinfahren und meine Schwägerin abholen?"
„Kommen Sie morgen früh her. Ich denke, daß ich bis dahin das Nötige veranlaßt habe."
„Noch einmal tausend Dank!" Hans Much schüttelte die Hände des Konsuls. „Mir tut es sehr leib, bah ich Sie so bemühen muhte, aber ich bin froh, bah nun alles gut wirb."
„Hoffen wir es." Der Konsul lächelte wohl- wollenb. „Dann also auf morgen."
* * *
„Signora Barbara, Sie sollen zum Herrn Direktor kommen." Die Wärterin hatte biese Worte in bas Zimmer der Gefangenen gerufen.
Barbara erhob sich etwas abgespannt unb kam resigniert auf die Wärterin zu.
Die lachte sie freudig an.
„Kommen Sie schnell", flüsterte sie ihr zu unb zog sie mit sich fort, nachdem sie sorgfältig wieder abgeschlossen hatte. „Sie werden jetzt fort- kornmen."
Mngläubig sah Barbara die Frau an.
„Glauben Sie wirklich, Signora?"
„Sicher, sicher", sagte diese. Sie hatte Barbara sehr in ihr Hevz geschlossen und war ganz
glücklich, dah die arme Deutsche nun befreit werden sollte.
Sie gingen die breite, kahle Treppe hinunter. Ein eisernes Gitter wurde auf- und wieder zugeschlossen, dann kam ein Korridor, und zum Schluß klopfte die Wärterin an eine große Tür.
„Herein!" erklang es von drinnen.
Barbara war sehr erregt. Sie sollte wieder freikommen! Wer anders als Hans Much würde da sein und sie herausholen?
Sie hatte die ganzen vergangenen Wochen schmerzlich auf eine Nachricht gewartet, hatte jede Minute daraus gehofft, die Tür würde aufgehen und man würde ihr einen Brief von Much bringen.
Mnb immer, wenn der -Schlüssel geraffelt hatte, war sie erwartungsvoll aufgesprungen. Qlber es war immer etwas anderes gewesen: Entweder wurde das kärgliche Essen gebracht, oder sie wurden zum Spaziergang geholt, oder eine der Frauen mußte zu einer Besprechung mit ihrem Rechtsbeistand kommen, niemals aber kam die Antwort auf ihren Brief.
Deshalb fühlte sie sich so maßlos müde unb seelisch zerschlagen, daß ihr alles ganz gleichgültig geworden war und sie stundenlang so vollkommen teilnahmlos auf ihrem Bett gelegen hatte, daß alle sie besorgt ansahen.
Run war sie durch die Mitteilung der Wärterin so aufgerüttelt worden, daß es ihr vor Herzklopfen doch beinahe den Atem benahm, als sie in das Sprechzimmer trat.
Es war ein mittelgroßer Raum, mit Holz getäfelt. An dem einen der hohen Fenster stand ein mächtiger Diplomatenschreibtisch, an dem der Direktor saß.
Freundliche Bilder hingen an den Wänden, auf dem kleinen Tischchen stand ein Strauß Blumen, und nichts erinnerte daran, daß man bei einem Gefängnisdirektor war, außer den dicken Stäben vor den Fenstern.
Der Direktor erhob sich und kam lebhaft auf Barbara zu.
„Bitte, nehmen Sie doch Platz, Signora." Er bot ihr einen Stuhl an.
Sie setzte sich und sah sich suchend um.
Es war niemand sonst im Zimmer anwesend.
„Vielleicht wartet Hans draußen", dachte sie bei sich.
„Ich kann Ihnen die erfreuliche Mitteilung machen, daß Auskunft aus Deutschland gekommen ist. Signora, Ihrer Abreise dorthin steht nichts mehr im Wege. Ich schicke Sie morgen mit einem zuverlässigen Beamten bis Bozen. Don dort aus wird man Sie über die österreichische Grenze bringen", eröffnete ihr der Direktor und erwartete einen freudigen Ausruf von Barbara.
Der drehte sich das ganze Zimmer. „Ich dachte", sagte sie ganz verwirrt, „ich glaubte — ist niemand hier gewesen und hat nach mir gefragt?“
„Nein", sagte der Direktor ruhig, dann entsann er sich des Gespräches mit Barbara.
„Qlh so, Sie meinen Ihren Schwager, an den Sie geschrieben haben?"
Barbara nickte.
unb Erweiterung in ber Hochweiseler Straße bis zum Hause Gebr. Euler, Baukosten 12 200 Mark; 3. Kanalisierung bes SchlohgartenwegS von Bismarckstrahe bis Gr. Wenbelgasse, Baukosten 2800 Mk. Die Arbeiten werden in städtischer Regie ausgeführt. Außer den notwendigen Facharbeitern werden nur Wohlfahrtserwerbs- lose beschäftigt. Meber den Restbetrag des Not- standsprogramms sollen Bau- und Finanzausschuß beschließen. Deckung des Betrags erfolgt durch Aufnahme eines Darlehens bei der Landeskommunalbank.
Weiierau-Gängerbund.
L Friedberg, 27. Qlug. Am vorigen Sonntag hielt der Wetterau » Sängerbund unter dem Vorsitz von Lehrer Schenk (Melbach) seine Generalversammlung in Friedberg ab. Rur einer von den 22 Vereinen hatte keine Qkrtreter entsandt. Nach der Eröffnung trug „Eintracht" (Friedberg-Fauerbach) in guter Form einige Chöre vor. Der Vorsitzende wies in seinem Jahresbericht darauf hin, daß das vergangene Jahr wieder ein Jahr reicher Arbeit gewesen und dah die beiden Wertungssingen in Södel und Reichelsheim zur vollsten Zufriedenheit aller Beteiligten verlaufen sind. Den beide«, tyranftalten- den 0)ereinen zollte der Vorsitzende volle Anerkennung. In einem Nachruf gedachte er des verstorbenen Chormeisters von Steinfurth, Lehrer Hildebrand. Den Kassenbericht erstattete Georg Heil (Fauerbach). Der Vermögensstand des Bundes beläuft sich auf 227,60 Mark. Dem Rechner wurde einstimmig Entlastung erteilt Wahlen fanden in dieses Jahre nicht statt, da der Vorstand im Vorjahre auf drei Jahre gewählt wurde. Nach lebhafter Aussprache wurde mit großer Stimmenmehrheit beschlossen, dah das Wertungssingen des Bundes am 14. Juni 1931 mit dem 75. Jubiläum der „Eintracht" (Fauerbach) verbunden, in Friedberg- Fauerbach stattfinden soll. Die beiden 50. Jubiläen von „Frohsinn" (Oppershofen) und „Loreley" (Mtphe) sollen jeweils von der Hälfte der Dundesvereine besucht werden. Jedem Iubel- verein soll, wie im Vorjahre, ein Fahnennagel überreicht werden. Im Icchre 1932 findet das Wertungssingen in Weckesheim statt, verbunden mit dem 75. Bestehen des dortigen Vereins. Nach Erledigung verschiedener Anträge empfahl der Vorsitzende den Besuch des Gausängertages am 21. September in Friedberg und des Bundes- sängertages am 26. Oktober in Offenbach
Landkreis Hießen.
4 Heuchelheim, 27. August. Ein Tele« graphenarbeiter aus Saubringen stürzte hier von seinem Motorrad so unglücklich daß er bewußtlos liegen blieb. Er mußte nach Gießen in dis Chirurgische Klinik überführt werden. Das Motorrad ist stark beschädigt.
r. Klein-Linden, 27. Qlug. Gestern trafen sich die Volksschulen von Allendorf (Lahn) und Klein-Linden auf dem hiesigen Sportplatz zu den Reichsjugendwettkämpfen. In der Oberstufe (7. und 8. Schuljahr) traten 21 Knaben zu einem Fünfkampf an. 14 Teilnehmer erreichten die zum Siege nötige Punktzahl von 67 Punkten. Als Sieger ter Schule Allendorf (Lahn) gingen hervor: 1. Pr. mit 93 P. Wilhelm Volk, 2. mit 67 P. Wilhelm Mim. Sieger der Schule Klein-Linden wurden: 1. Pr. mit 101 P. Walter Weber, 2. mit 97 P. Hans Volk, 3. mit 96 P. Wilhelm Stein- müller, 4. mit 88 P. Walter Schmidt, 5. mit 83 P. Ernst Weigel, 6. mit 81 P. Wilhelm Gärtner, 7. mit je 80 P. Ludwig Glaum und Gvit- lieb Müller, 8. mit 78 P. Erich Weigel, 9. mit 73 P. Ernst Benderoth und 10. mit 68 P. Wil-
„Olein, Signora — es ist niemand dagewesen, auch Post für Sie ist nicht gekommen. Ich fürchte, der Brief hat Ihren Schwager nicht erreicht oder ist verlorengegangen. Sie mühten doch sonst längst Nachricht haben", sagte er so sanft, als spräche er mit einem Kinde.
„Kann ich nicht noch etwas hierbleiben und warten?" fragte Barbara.
Mm des Direktors Mund spielte ein Lächeln. „Aber Signora, erst wollten Sie nicht bei unS bleiben, und nun wollen Sie nicht wieder fort! Ich glaube gar, es hat Ihnen bei uns gefallen?" fragte er scherzend. „Sie müssen morgen fort Ich darf Sie nicht hierbehalten. Das geht gegen unsere Bestimmungen."
Barbara gab ihren Widerstand auf.
„Dann also glückliche Reise und alles Gute", sagte der Direktor herzlich und geleitete Barbara zur Tür.
„Die Aermste scheint im Kopf etwas gelitten zu haben", sagte er bedauernd und setzte sich wieder an seinen Schreibtisch. —
Barbara verbrachte eine schlaflose Dacht.
Sie sah voraus, wie alles kommen würdet Ohne Geldmittel würde sie in Deutschland Dastehen. Ihr Mann würde verlangen, daß sie wieder zu ihm zurückkehre. Wenn nicht, bann hatte sie ihre Eltern. Eins war so schlimm wie das andere. Sie war fest entschlossen, zu keinem, weder zu Much, noch zu ihren Eltern, zurückzukehren.
Sie wollte ihr eigenes Leben zu führen anfangen und, wenn es gar nicht anders ging, eher sterben, als wieder in die alten Verhältnisse zurückkehren.
Was sie beginnen wollte, war ihr gleich. Aber sie sah ein: Mit Eigensinn, mit dem, was Bernhard Much immer als Launen und Extravaganzen bezeichnet hatte, schasste sie das Leben nicht allein, mit Gleichgültigkeit und Apathie auf der anderen Seite aber ebensowenig.
Sie wollte sich ruhig nach der Heimat zurückbringen lassen, wollte Bernhard Much bitten, sich von ihr scheiden zu lassen, und dann wollte sie versuchen, sie selbst zu werden.
Es erschien ihr alles so leicht und klar in dieser letzten Nacht, die sie im Gefängnis zubrachte.
Von irgend woher kam der Klang einer Mandoline, eine volle, dunkle Männerstimme fang eine Serenade, die voll Sehnsucht und Feuer war.
Barbara lauschte.
Jetzt erklang die Nationalhymne von Italien: „Giovinezza, Giovinezza, Primavera di belleza" (O, Jugend, Jugend, Frühling der Schönheit!), von Schwung und Begeisterung getragen. Sie lächelte leise und schloß die Augen.
* * *
Hans Much stand am Tor des Gefängnisses und zog heftig an der Klingel. Ein Aufseher sah durch das Fensterchen in der Mauer und fragte ihn, was er wolle.
„Ich muß sofort den Direktor sprechen!" rief er dem Manne zu.
Der Direktor schliefe gerade, sagte der Mann, er habe seinen Nachmittagsschlummer noch nicht beentet (Schluß folgt.)


