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Nr. 200 Zweites Blatt

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Donnerstag, 28. August 1950

Abrakadabra.

Von Karl Sehern.

3d) traf meinen Freund Theodor im Anfang de« Sommers auf der Ringstraße. Er war von Aatur fröhlich. aber diesmal strahlte er. .Der Hofrat hat mich für drei Wochen eingeladen!" sagte er mir 3d) wünschte ihm Glück, er erzählte mir noch von der juristischen Abhandlung, an der er arbeitete und von der er sich viel versprach dann trennten wir uns 3m August traf ich ihn wieder, und auf meine Frage, wie ihm der Lommerausenthalt bekommen, erzählte er mir, daß eS in den Bergen sehr schön gewesen, aber auch schwierige Augenblicke gegeben hatte.

Der Hofrat war lebhaft und geistreich, dazu cm leidenschaftlicher 3äger, und roenn Theodor auch nicht jagte, so war es doch reizvoll, mit dem Gutsherrn durch die Landschaft zu geben und sich ihr geheimes Leben deuten zu lassen, das nur der 3äger sieht. Des Abends in der Billa wurden besondere Weine aus des Hofrats Keller versucht und über Politik oder Literatur ge­sprochen oder Anekdoten erzählt. Der Aachteil war, daß eS den Hosrat nie lange zu Hause litt, und er auch diesmal nach wenigen Tagen ver­reiste. Seine Töchter waren noch zu klein, als das, Theodor sich viel mit ihnen hatte abgeben mögen, und Gesvrache mit der Hosrätin lang­weilten ihn. Er hätte spazieren gehen oder sich in die herrliche Bibliothek des Hofrats vertiefen können, wenn die Hosrätin sich nicht gleichfalls gelangweilt und feine Gesellschaft in Anspruch genommen hätte Sie war schwerhörig, man muhte schreien, um sich ihr verständlich zu machen, und Theodor liebte cs nicht, sich anzustrengen. Zum Glück war sic gewohnt, die andern nicht zu verstehen und legte mehr Wert daraus, selber zu reden. So fand er den glückli>chen Ausweg, die Dame sprechen zu lassen und während sie redete, seinen Gedanken nachzuhängen, und nur wenn sie eine Pause machte, irgend etwas zu sagen, wie .3a, heute ist's schön", oder .es ist vier Ühr" oder .Morgen ist Sonntag, gnädige Frau", sie nahm das immer für eine zustimmende und passende Antwort und redete weiter. Bald aber fand er. dah auch diese Aeuherungen eine zu große geistige Anstrengung erforderten und ihn in seinen Gedankengängen störten, und so sagte er von nun an, üxnn sie innehielt, nur noch das eine

immer gleiche Wort .Abrakadabra", daS er mechanisch sogen konnte. Sie gingen nebenein­ander her, die Hosrätin sprach und sprach, und die Unterhaltung wurde durch die uralte Zauber­formel trefflich in Gang gehalten.

Sines TageS, er ging eben im Garten, kam die Dame erregter als sonst auf ihn zu und rief, .Herr Theodor, ich muh 3hnen etwas erzählen!" .Abrakadabra" antwortete er mit einem ver­bindlichen Lächeln und nickte. Die Erzählung ging loS, sie dauerte lange, Theodor arbeitete in­dessen an feiner Schrift über die .ideale Kon­kurrenz verbrecherifcher Handlungen", bis die Frau an feiner Seite plötzlich stehen blieb, feinen Arm berührte and fragte .Und was raten Sie mir zu tun?

.Abrakadabra! erwiderte er gelaffen.

Sie legte die Hand ans Ohr. .Wir? fragte sie.

.Abrakadabra!" wiederholte er.

.Mein Mann ist nicht da", fuhr die Hofrätin fort, .er hält große Stücke auf Sie. Sie muffen mir raten, soll ich eS tun oder nicht?

Theodor sah sie an. Er hatte keine Ahnung, um was es sich handelte, aber er gedachte des Gocthcwortes, daß man Menschen, die sich in Un­klarheit befinden, nicht wieder Problematisches, sondern Positives geben müsse, und .tun Sie es, gnädige Frau!" sagte er feierlich.

.Was?" rief fie.

.Tun Sie es!" schrie er ihr ins Ohr.

.Und Sic raten mir daS?! schrie sie zurück.

.3ch rate cs 3hncn!" schrie er, so laut er konnte.

Die Hosrätin ergriff feine Hand, schüttelte sie und eilte ins Haus Theodor sah ihr nach und kehrte zur Frage der idealen Äonlurrcn) zurück. 3n den folgenden Tagen ging er spazieren, las, versuchte zu angeln und dachte an nichts. Die Hosrätin sah und hörte weniger als sonst.

Drei Tage später kam ein Telegramm des Hofrats, in dem er seine Ankunft anzeigte. Rach- mittags erschien er selbst, erhitzt und aufgeregt; er begrüßte Theodor freundlich aber kurz und schloß sich mit seiner Frau ein Man hörte beide laut und erregt sprechen; endlich kam der Hofrat, ganz rot im Gesichts, heraus und eilte auf Theo­dor 5u: ,3st das möglich?" rief er. .Sie haben meiner Frau zu diesem blödsinnigen Schritt ge­raten?"

.Hm! ich ." begann Theodor vorsichtig. .3a, al unterbrach chn die Hosrätin ihrerseits, .Herr

Theodor, haben Sie mir dazu geraten ober nicht? Und du hast doch immer solches Vertrauen zu ihm gehabt!"

Theodor empfand die Sache als peinlich, aber feine Geistesgegenwart verließ ihn nicht. Gr be­griff, daß er zunächst herausbekommen mußte, wovon die Rede war. es hieß die anderen reden lassen, bis er klarer sah Gr gab also eine aus­weichende Antwort: .Aein, oh nein!" sagte die Hosrätin, die sich zu hören bemühte,er hat mir geraten, dem Oberförster zu schreiben.. ."

.3ch habe die Sache wohl anders aufgefaßt", bemerkte Theodor, .oder die Frau Hosrätin nicht richtig verstanden..." Aber die Hofrätin sprach schon wieder dazwischen.

.Bitte, laß doch Herrn Theodor reden!" rief ihr Mann, ohne Erfolg. Theodor erfuhr, daß es sich um eine verwickelte Angelegenheit han­delte. in der die Dorfgemeinde, der Pfarrer, das Forstamt und die A^rirkshauptmannschaft eine Volle spielten. Er beschloß, sie noch mehr zu ver­wirren. .34) meinte, der Pfarrer fei auf unterer ©eite, sagte er, .und der Oberförster auf der der Gemeinde

.Was?!!" fchrie der Hofrat.

.So mußte ich es anfehen..."

.3a, dann erklären Sie mir gefälligst.. Ein Redestrom der Hofrätin unterbrach beide, sie wollte erzählen, was die Frau dcS Bezirks- hauptmannS ihr gesagt hatte.

.34) bitte dich. Emma, laß doch endlich Herrn Theodor sprechen!" wiederholte der Hosrat. Aber Theodor lag daran, daß die Hofrätin sprach und nicht er. Und er schwieg weife

.Wenn die Dczirkshauptmanntchaft im Recht war .begann er endlich, als er reden mußte.

-Sie ist aber nicht im Recht!' unterbrach ihn der Hofrat.

.Gewiß nicht, aber wie konnte ich es anders ansehen?

.Run bitte, wiederhole mir einmal ganz genau, was du Theodor getagt hast! sagte der Hosrat zu seiner Gattin.

Ratürlich wurde aus der Wiederholung nichts, die Hosrätin kam vom Hundertsten inS Tau'endste und wurde, von ihrem Mann unterbrochen, noch verwirrte, während Theodor bescheiden nach­sichtig danebenstand.

.34) werde das nie verstehen!" rief der Hofrat zuletzt verzweifelt, .dre Sache wird immer weni­ger ter

.34) auch nicht!" sagte 'Theodor unschuldig. Er hat eS auch nie verstanden und bis heute nicht herauSgebracht, um was eS sich damals eigentlich gehandelt, aber waS er verstanden hat, war. es dahin zu bringen, daß der Hofrat feiner Frau zürnte und nicht ihm und fein Donner blieb wie vorher.

Alte Zauberworte haben ihre geheime Kraft.

Oie Arche Jloofo* ein Film.

Stummer Großfilm der amerikanischen Warner - Produktion. man hat den oltteftamentarifdbn Stoff der Sündslut und der Arche Roah bild­haft und fymbolifierend zu gestalten versucht, einen zweifellos großartigen Stoff alfo. von dem nur fraglich bleibt, ob er gerade für eine fil­mische Fassung besonders geeignet scheint, daS Motiv ist nur teilweise bewältigt; der Bild­streifen wird von den zahlreichen Titeln, die der biblischen Quelle entnommen sind, zu häufig durchschnitten. Außerdem wirkt die symbolisie­rende Berbindung der Sündslut mit dem Welt- kr eg die zwar an sich begrüßenswerten und gesunden Gedankengängen entspringt - in der Filmhandlung etwas umständlich und nicht immer überzeugend Und schließlich sind auch die künst­lerischen Mittel, deren die Regie sich bedient, auf einen typisch amerikanischen PublikumS- geschmock eingestellt, d. h. für unter Empfinden vielfach primitiv und gelegentlich sogar kitschig. Dabei ist der Film, wie man hört und sehen kann, mit einem enormen Einsatz von Geld, Material und Menf4>en gemacht, mit einem Auf­wande. wie er der einheimischen Produktion kaum zur Verfügung stehen dürfte. Und zweifellos ist auch die grandiofe Difion der Sündslut im »weiten Teil des Werkes eine erstaunliche und rr^r anzuerkennende Leistung des Regisseurs Michael Kertesz; hier ist der Film vor allem technisch, in der Beherrschung der Massen (von Mensch und Tier) durchaus gelungen; hier ist er sehenswert wie .Metropolis" oder .Frau im Mond". 3n der Darstellung ist besonders Dolores E o st e l l o mit der führenden Doppel­rolle zu beachten; ihr Partner O'Brien da­gegen wirkt vielfach krampsig und übertrieben. Außerdem: Roab Be ery . Gwinn Willi­ams. Mc. Allister. Der Film läuft seit gestern üu Lichtspielhaus. <-

Momentbilder aus dem Sowjetparadies

Eine Eirttags-Millionänn

Vom tönenden Diskus

beon, Parlophon-, Bekaplotten und

3n dem großen Gebäude der Lindström Akttenge­fellschaft, die

lrichen, weiß und grün. Gegenüber öffnet das rie- enhafte halbrunde Gebäude des früheren General­

vielleicht noch andere Marken herstellt, im Süboftcn Berlin», findet sich ber Laie nur schwer zurecht Der Führer kennt aber alles unb bann geht es erst einmal in ben Aufnahmeraum. (Ein Raum? Es find Säle, Konzertfäle, kleine Iheaterchen, nach außen

Bericht unferer E. K.-Sonderkorrefpondentin

Einige Autos roarten auf auswärtige Äongrefigäftc, die einen guten Eindruck bekommen sollen Augen­scheinlich wartet ein aller Omnibus auf uns.Saftra" -morgen", undTfchidischas =zur Stunde, stnd die gangbarsten Ausdrücke In der russischen Sprache

II.

Aus russischen Eisenbahnen.

Bon Oktoberbahnhof zu Oktoberbahnhof fuhren wir zweimal, nämlich von Leningrad nach Moskau und von Moskau zurück nach Lenin­grad. Die größten Bahnhöfe der größten Sowjet- ftäbte sind nach der Oktoberrevolution 1917 be­nannt. der Geburtsstunde der Sowjetherrschast. Das erstemal machte der Leningrader Bahnhof noch einen traurigeren Eindruck als das zweite- - i! Man hat sich eben inzwischen an die Ein­drücke des neuen Kulturstaates gewöhnt ober die einstige Zarenresidenz macht einen weniger be­kommenen Eindruck als wie die neue Bolsche­wistenhauptstadt. Alsbevorzugte Fremde", die Daluta ins Land bringen und vom staatlichen Berkehrsbureau .,3ntourist" betreut sind, wurden wir durch einen Hintereingang gleich in die Scheune hereingelassen, während die Einheimi­schen mit Dettsäcken undPrimus-Petroleum­kochern" Schlange standen. Wenn wir aber er­warteten. den Kosten entsprechend in einem inter­nationalenWagon-lit" untergebracht zu werden, so hatten wir uns geirrt. Denn der einzige Zug noch Moskau, der diesen LuxuS besitzt, war schon abgefahren, als wir unseren ewigen Warte­kursus beendeten So mußten wir froh jein, in einem echt russischen. Schlafwagen der

auf dem Grammophon muß er, wenn es mir gerade so paßt, uncrmublid) fingen, einmal, zehnmal, fünf- zigmal Wie macht man so eine Schallplatte?

Pas können wir un» bald einmal ansehen Gehen wir in eine Schallplattenfabrik, ba zeigt man uns sicher ben Entstehungsgang ber Schall­platte, vom Augenblick ber Ausnahme an bis zu her Minute, ba roieber soundsoviel Schallplatten ben Weg zum Käufer antreten.

tabs einen riesenhaften Torbogen mit Riefenengeln, )ie über uns in Riefenposaunen stoßen, als wir burchfahren Jetzt posaunen sie bas jüngste Gericht ber roten Armee aus. Wo sieht man sonst in (Europa so breite, lange unb gerade Straßen, wie die Prospekte, bie strahlenförmig von dem Gold- spitzenturm ber zlbmiralndt ausgehen, wie geschaffen für ben Autoverkehr einer Weltstabt! Ader in bem Holzpflaster sind tiefe Locher, unb nur wenige Wagen fahren darüber hin.

Wir biegen in eine Seitenstraße des Newskij- Prospekte» ein. (Eine Seite sieht verwahrlost unb unbewohnt aus. Die anbere nimmt bas staatliche größte Hotel Leningrads ein. Eine Abwechslung ber an Vergnügen armer Leningrader scheint es zu sein, sich vor bem Hotel auszustellen unb bie Frem­den anzusehen Einer sagtIch bin schon vierzig Jahre In Rußland. Aber ich möchte jeden Tag aus- rüden, wenn ich nur könnte! Nein, er wird nicht herausgelassen, wenn er russischer Staats­bürger ist Nicht einmal bie Russin, bie einen beut- schcn Arbeiter ober Ingenieur erheiratet hat, darf ihrem Manne nach Deutschlanb folgen

In ber Hotelhalle finb viele Menschen. Keiner kümmert sich um neue Gaste Unsere kleine Führerin sorgt bafür, baß bie Be tien erst mal gut gefüttert werben, ehe man sie au die russischen Sehenswür­digkeiten losläßt. Das geschieht im obersten Stock­werk in einem Hotel-Restaurant in kitschigem Dach, gartcnftil, mit brr Aussicht auf Dächer und Schorn­steine Der Lachs ist gut Dir Bedienung ist schlecht. Servietten sind nicht für alle ba Messer zum Käse auch nichtSaftra"!" vielleicht morgen! (Einmal und nicht roieber Kaffee in Rußland' Da keine Kaffeebohnen eingeführt werben bürfen, scheint man ihn aus gemahlenem Torf zu bereiten Aber ber Tee ist gut. das Beste, was es zu jeher Mahlzeit gibt.

Du haft in bem Laben mit ben vielen kleinen Kabinen bie neue Platte erftanben; zu Haufe foll sie bir deinen Lieblingsschlager bringen ober bie herrliche Stimme beines Lieblingstenors ober bie Clownerien eines berüchtigten Witzbolbrs. Die Schallbofe bes Grammophonapparates gibt bie Tone ober Geräusche ganz wir bu willst bereit- willigst roieber, einmal, zehnmal, fünfzigmal In- zwischen kann aber bvch bei aller Frrube an bem bargebotenen Genuß so ganz flüchtig ber Grbanke auftaudjen: W i e machen die Leute bas? Fangen ba eine Stimme ein unb erhalten sie auf einer Scheibe! Der Tenor, ber da gerade singt, ist im Geben unb auf ber Bühne unberechenbar; er hat Launen und macht bann Schwierigkeiten Wenn ich gcrabe in bas Theater komme, hat er abgesagt. Hier

Alles hat ein Ende Wir steigen ein, in den Klapperkasten von Omnibus nämlich Al» wir über die erste Newabrücke fahren, offenbart sich uns Beters Stabt in der unzerstörbaren Herrlichkeit ihrer Lage. Es geht über weite Pläne, breite, gradlinige Prachtstraßcn, wahre einheitliche architektonische Landschaften in Barockstil, in klafsizistifchem Stil, manche in traurigem Verfall, mit zerbröckelnden Fassaden Das Winterpalais wird neu ge-

Die dänische ZeitungPolitiken" oeranftaltetc kürz­lich ein Preisausschreiben, de "en Sieger sich einen lag lang Millionär dünken bürste, unter ber Bebingung. nichts von dem Gelbe zu kau» f e n, was am nächsten lagnod) ©elbesroerl haben würbe. Der Kopenhagener Medizinstudentin Masken Borring würbe ber Preis jugeftanben unb ihe Wunsch erfüllt, nach Berlin z u fliegen unb hier Professor (Einzeln einen Besuch abzustatten.

warten stundenlang. biS ein Zug für si« fährt, nachdem sie tagelang nach einem Don für eine Fahrkarte angestanden haben. Wenn das Glück ihnen hold ist. wird dec Bon für sie auSgelost unb sie bekommen eine Fahr­karte. GS fahren wenig Züge wegen des Wa- ?l«n- und LokomotivmangelS. und es werden nur oviele Reifende mitgenommen, wie Sitzplätza vorhanden find. Kein Drängeln, kein Schimp­fen. sondern eine apathische, bewunderungswür­dige Geduld. Mütter nähren ihre Säuglinge, kleine Kinder schreien, größere drehen am Rade eines Rollers ober fie schlafen an die Mütter gelehnt, die gleichmütig auf die Fremden sehen. Die müssen ihrerseits warben, bis das einzige verfügbare Auto, das fchltehlich ..zur Stunde" kommt, erst die einen und dann die anderen inS Hotel bringt. Denn Autos find rar wie alle Gebrauchsgegenftände und stehen nut den leitenden Machthabern zur Verfügung.

welchen Klaffe für wer Personen unter­zukommen. Männlein und Deidlon durchem- ander. zwei Betten oben, zwei unten.

Zuerst machten die Abteile einen wenig ver­trauenerweckenden Eindruck, da bw Bezüge der Danke zerrifsen waren und tue abgehobenen Emallfpucknapfe als das Hervorragendste in bie Augen freien Während die anderen schimpften, wie daS bei Reifegefellf4)aften üblich ist. bte sich übervorteilt glauben, sagte die sachlichste ber Amerikanerinnen3 4) mache alles mit, unb wenn ich platze " Mttgegangen. mitgeban- gen! Der beste Grundsatz, um fremde Länder und ihre Eigenart, vor allem Sowjetrußland, kennenzulerncn. Unsere Herren waren sowieso geneigt, um der schönen Augen unserer Führerin willen alles zu verzeihen.

Dann brachte der Schaffner reine Bettücher und Wolldecken, himmelblau wie die Auaen des gutmütigen Burschen Run konnte man schlafen falls man nicht zu sehr fror in Gesellschaft bärtiger Bolschewisten und parfümdustender Ka­pitalistinnen. zu denen sich während der Rächt kleine sechsbeintge Fahrgäste auS bem Geschlechte ber Blutsauger gefeilten. waS sich am nächsten Morgen in garstigen Beulen zeigte. Der Zug fuhr nicht besonders schnell, aber sehr ruhig, weil es zwischen Leningrad unb Moskau so gut wie keine Kurven gibt Denn seinerzeit hatte ber 3or mit bem Bleistift eine gerade Linie zwischen ben Hauptstäbten beS Landes gezogen, und ebenfo gradlinig mußte die Bahn gebaut werden DaS meinte später unsere rote Führerin wäre freilich daS einzige Derdienst dieses Zaren gewesen!

Degen Morgen kann man auf einer kleinen Station Tee bekommen. 3m Zuge gibt eS nichts au elfen oder zu trinken. Zwi- fdjen Duschwald und Wiesen sehen wir Dörfer mit grauen Häuschen vorübergleiten Hier und da find Fabrikungetümc im Dau. Bor Moskau fahren wir durch eine Art Grünewald mit höl­zernen Landhäusern, deren Fensterrahmen weih gestrichen find.

Einfahrt in den Moskauer Okto­berbahnhof! Zwischen den Gleisen wächst daS Gras in üppiger Fülle, und ein Schwarm von Mädchen in roten Kopftüchern bemüht fich, es zu beseitigen. DaS Warten im Gedränge aus Führer. Gepäckträger und Fahrgelegenheit ver­schlingt wieder viel Zeit, bie alle Menschen hier haben müssen. 3n Moskau sitzen sie mit Sack unb Pack. Der Dahnhos ist nicht nur mit ben Dildem bes Propheten Lenin, des Diktator- Stalin und Däterchcns Kalinin geschmückt, hier haben fie ihrem HeroS sogar ein rotes Posta­ment errichtet, aus dem Die bronzierte Düste Lenins steht. Die reiselustigen Proletarier aber

©er Werdegang einer Schallplatte

Don d. WeSnep

1.

Ankunst in Leningrad.

3e mehr sich ber Dampfer ßeningrab nähert, um fo Kleinlauter werden die Rufsen, die von ehibienrcifcn ober Auslandftellungen zurückde- orberl finb Am Feuerschiff vor Kronstadt kam ber russische Lotse an Dorb. Die golb- flrotzende Kuppel einer Kathedrale bezeichnet den Mittelpunkt ber 3nfcl Kotlin am Endpunkt des Finnischen Meerbusens, wo sich Rußlands größter KnegShasen Kronstadt erhebt. Zerschossene FortS hegen vor ber Einfahrt in bie Rewamündung. Wo ein Kran mitten im Waffer zu stehen scheint, wird baS Wrack eines englischen Torpedobootes gesprengt und abgeschieppt. 3m Borüberfahren bekommt man nicht viel zu sehen von der balti­schem Flotte, die ben Ruhm für sich in An­spruch nimmt, zuerst bie .Macht ber CRäle, der Sowjets, verwirklicht zu haben Das Kron- flabtcr Linienschiff .Aurora" beschoß damals das WinterpalaiS

Wie- die .Kaiserfahrt im Stettiner Half ist in ber Rewa von Kronstadt nach Leningrad ein langer Kanal ausgedaggert worden, um ben Seeschissen den Zugang zur einstigen Hauptstabt beS Zarenreiches zu ermöglichen. An wahren Gebirgen von aufgestapeltem Holz fahren wir vorüber unb grüßen rauchende Zadrikfchorn- steine in bie Ferne, die Putilowwerke. Goldene Kuppeln, goldene nadelspitze Türme, fäulengcschmücktc Paläste an einem Flusse, der so breit ist. daß nur Wolkenkratzer an seinem Hier imponieren könnten DaS ist PeterS des Großen Stadt, die .aus Knochen erbaute". daS heutige ßeningrab Hnfer Dampfer gleitet an Bergakademie, Kunstakademie, LlniverfitätS- gebauben vorbei, alle sind gelb gestrichen Eigent­lich hätte man erwartet, daß sämtliche EtaatS- gebdube in Leningrad rote Pracht entfalteten. Aber die gelbe Farbe wird aus irgendeinem Grunde bevorzugt, doch sind rote Kattun­streifen über die Säulen gespannt und schreiben mit großen schwarzen Lettern die Gebote dcS Sowjetstaates über die Stadt.

Das Schiff legte an dem Kai an, der nach einem simplen Leutnant Schmidt benannt ist, einem Revo­lutionär, der erschossen wurde Dunkle palastartige Gebäude säumen hier die Unterstraßen Sie Hetzen alle leer aus, keine Gardinen, ungeputzt die Schei­ben, so dah man denken könnte, sie wären unbewohnt. Aber sie sollen so überfüllt sein, daß in jedem Zimmer eine Familie wohnt, manchmal sogar zwei, die durch einen Kreidestnch auf bem Fuß- hoben getrennt sind.

Wollen Sie nicht Schokolade mitnehmen, falls Sie nicht genug zu elfen bekommen?" fragt ber Steroarb zum Abschied.Ach wo' Wenn man so viel bezah­len muß, wird man schon satt werben! Wer gehört eigentlich zur Reisegesellschaft? Nun bas wird sich ja bei der 'Paßkontrolle an Land zeigen, wenn der russische Führer seine Schöslein sammelt. Es ist schließlich kein Führer, sondern eine zierliche kleine Dame mit rotlackierten Lippen. Und die ganze Reisegesellschaft besteht nur aus 10 Personen Mehr haben sich in deutschen Landen nicht gesunden, wäh­rend Amerika neuerdings Hunderte von oalutaftar- fett Touristen über das Sowjetparadies ergießt. Auch bei unserer kleinen Gruppe sind zwei Ameri­kanerinnen, die überall dahin fahren, wo es fließen­des Wasser in ben Hotels gibt Nun lernen wir uns alle kennen, wöhrenb wir warten lernen. Das ist bie große Kunst, die mast sich im Sowjetstaat aneignen muß. Der Wartekitrsus beginnt sofort und wirb aus ber ganzen Reise fortgesetzt Wir warten an ber Paßkontrolle an ber Zollabfertigung Mein Photoapparat wirb genau untersucht. Marke. Objek­tiv unb Nummer notiert Die Ebelsteine in den Ringen werben gezählt, bie Mark und Rubel, die man mitbringt, ausgeschrieben Dann wartet man wieder einige Zeit und sieht inzwischen aus dem Fenster auf bie Menschen, bie draußen am Ufer in ber fischreichen Newa angeln Bärtige Kutscher in schwarzen Kaftanen warten neben ihren Droschken