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Nr. U9 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)Samstag, 28. Zuni (930
r 2,5 bis
Andere stehen da und fingen. Lerchengefichter, Kindergesichter, Rosengesichter, Düchergesichter. Antlitze : apfeUarbene Spiegel des Herzens. Anonyme Gesichter. Manche gezeugt von einem Seraphim auf einer Wolke. Manche Herumgetrieben durch den Staub der Erde und nun hinaufgefohren auf die sieben Farben des Aegenbogens. Antlitze, die auf die Lippen GotteS starren. Augen, die die Krallen des SatanS sehen. Blicke, die dahingehen, ruhig und beseligt wie ein Falter über die Wiese des Para- dieses. —
Eine Gesichter-Arche ist baS Domportal deS Freiburger Münsters.
eine gewaltige Kapitalverwüstung gebracht. Don 1924 bis 1928 find jedes Iah ‘ "
Aachibesuch im Zoo.
Die abendlichen Desucher der zoologischen Gär- ten, die hier promenieren, speisen und den Klängen des Orchesters lauschen, hören höchstens dumpfes Brüllen und langgezogenes Schreien aus den umliegenden Tiergehegen, die ihnen verschlosten sind. Aber sie gehen damit eines Schauspiels verlustig, das vielleicht noch interestanter ist als dcrs des Tierlebens am Tage. Ein Aachtbesuch bei den Tieren des Zoos würde neue ungeahnte Wunder der Aatur erschließen, und so hat man jetzt in London den Der- such gemacht, an einem Tage der Woche die Gehege, Tierhäuser und Käfige biS 11 Uhr Aachts offen zu lasten. Der Direktor des Londoner Aquarium-, E. G. Boulenger, der ein eifriger Befürworter dieser Maßnahme war, sieht voraus, daß es in späteren Zeiten »Dacht-Zoos" geben wird, in denen daS Publikum bei künstlichem Mondschein durch Glasfenster in schalldichten Wänden bas Treiben der Dachttiere bewundern wird, denn die Mehrzahl der Säugetiere find Dachttiere und entfallen ihre eigentliche Tätigkeit in dieser Zeit, in der fie von niemandem beobachtet werden. Freilich wird der nächtliche Besucher des Zoos so manche Lieberraschungen grade bei den Tieren erleben, von denen er fich die größten Sensationen verspricht. 3m Löwenhaus z.B.. in dem er das Leuchten der funkelnden Augen durch die Dunkelheit erwartet, wird er die Tiere in tiefem Schlaf finden, denn die Löwen werden bei Tage gefüttert, brauchen daher in der Dacht nicht mehr au jagen, sondern schlafen den Schlaf der Wohlgenährten. Die meisten Leoparden ober, die des Tags über den Besucher durch ihr stumpfes Brüten langweilen, find in der Dunkelheit sehr lebendig und wandern eifrig in ihren Käfigen auf und ab. 3n den Gehegen geht es recht lebhaft zu. Das Rotwild und die Linder verbringen einen großen Teil der Dacht mit Kauen und Grasen. Auch die größte Sicherhett, in der fie fich befinden, hat den eingeborenen Instinkt nicht
Oie Aussprache.
Abg. Drahmann (Soz.): Der letzte Grund für die Derzögerung einer Sanierung der Arbeitslosenversicherung liegt wohl darin, daß man darin etwas sieht, was dem Bedürfnis der kapitalistischen Wirtschaft widerspricht, die Reservearmee der Arbeitslosen nach eigener Willkür zu gestalten. Die Einsparungsvorschläge sind bedenklich und unsozial. Das gilt besonders für die Verdoppelung der Sperrfrist.
Abg. Wolf, Stettin (Dntl.): Die Wirtschaft selbst hat nach der Inflation den großen Fehler gemacht, die Preise in ungerechtfertigter Weise zu erhöhen mit dem Erfolg, daß entsprechende Lohn- und Gehaltsforderungen kamen. Im Zusammenhang mit dieser Entwicklung wurde dann auch die Erhöhung der Deamtengchälter bewilligt. Hinzu kam die Lu^uswirtschast mit öffentlichen Bauten. Eine Pumpwirtschaft setzte ein. Das Opfer dieser leichtfertigen Wirtschaft sind die 2,5 Millionen Erwerbslosen von heute und werden die 4 Millionen Erwerbslosen vom nächsten Frühjahr sein. Wenn viele Milliarden deutschen Kapitals im Ausland angelegt sind, so liegt das doch daran, daß die Kapitalisten nicht an die Sicherheit der Kapitalscmlage in Deutschland glauben. In Deutschland haben wir heute noch denselben Geist, der uns in die Inflation hineingetrieben hat. Der höhere Dau- arbciterlohn wird mit dem Risiko der Saisonarbeit begründet, aber heute bekommt der Bauarbeiter im Winter Arbeitslosenunterstützung. Die Arbeiter haben das größte Interesse daran, für das Gedeihen der Wirtschaft zu arbeiten und
Gesichter im Münsterportal.
Don Max Iungnickel.
Wan läuft durch die Freiburger Gasten wie durch mittelalterliche Bilderbuchblätter. Die dahinsttömen- den Gastenbäche rascheln wie Helle Lesezeichen darrm Plötzlich steht man am Münsterportal und fühlt sich umringt von einer Heiligenwolke. Wenn man diese Versammlung durchzählen wurde, könnte der Tag zu Ende gehen und man würde sich doch gleich wieder verzählen. —
Aus Himmel und Hölle sind die Heiligen herabgestiegen. Manche wollen von der Erde entfliehen, andere sind noch unterwegs auf der Himmelsleiter. Es gibt da Heilige, die lächeln wie die Geliebte nach dem ersten Kuß. Andere lächeln wie aus dem Himmelsfenster heraus. Wieder welche sind durch alle Fegefeuer gefahren und haben Gesichter wie Sterne. Andere haben die wehe Seele im Gesicht. Viele warten. Ihr Herz scheint vor Aufregung zu ticken wie eine Sanduhr. Warten wohl auf das erste Wort, das das Iesuskind an der Brust der Mutter Maria sagen soll.
Verschiedene Gesichter sind aufgestanden aus einem Wunder und haben das Wunder noch wie ein grüngoldenes Spinnennetz auf dem Antlitz hegen. Andere sehen wie gefestelt in einen Abgrund, wieder welche zerschmelzen wie eine untergehevde Sorme. Da, eine starrt wie ein Kind in£ Weihnachtshcht. Frauen mit mesterscharfen Gesichtern.mit gefolterten, zerrißenen Gesichtern. Svnnenuntergangsgesichter, MondaufgangSgeficht«.
nierung der Arbeitslosenversicherung sind mindestens 700 Millionen Mark notwendig.
Ich wende mich nicht gegen jede weitere Belastung der Wirtschaft, um etwa dem Kapitalismus Handlangerdienste zu erweisen, sondern ich wende mich dagegen, weil jede weitere Steuer, die die Produktion erschwert, so und soviel mehr Arbeitslose bedeutet.
Ich sehe In der Hauptsache nur zwei Möglichkeiten zur Cöfunr des Arbeitslosenproblem»: Wiederherstellung de» vertrauens in Staat und wirtschaft und Deubelebung der wirtschaft mit allen erdenklichen Mitteln durch die öffentliche Hand, wir hoffen, nach der Sicherung de» Etat» und nach der Sanierung der Arbeitslosenversicherung, mit etwa 750 Millionen Reichsmark die deutsche wirtschaft neu beleben zu können.
Reichsbahn und Reichspost sollen für etwa 400 Millionen Mark Aufträge erteilen, daneben soll ein zusätzliches Wohnungsbauprogramm mit 250 Mill. Mark durchgeführt werden. Schließlich sollen noch größere Betrage für den beschleunigten Ausbau des Straßen- wesens und für die wertschaffende Arbeits- losenfürforge bereitgestellt werden, und zwar nicht durch Steuern, sondern durch Anleihen. Voraussetzung für diese großen Aufträge ist allerdings, daß die Wirtschaft bereit ist, ihrerseits in dieser Zeit der Dot durch eine angemessene Senkung der Preise ein Opfer zu bringen. Ieht ist die Stunde gekommen, schnell zu handeln, und dann wird das deutsche Volk auch über seine jetzigen Schwierigkeiten Hinwegkommen.
Die Ministerrede wird wiederholt durch Beifallskundgebung der Mitte und durch Zurufe von links unterbrochen. Als von links gerufen wird: »Die Deutschnationalen sind mit Ihnen sehr zufrieden", antwortet der Minister: »Cs ist mir gegenwärtig furchtbar Wurst, wo ich in diesem Hause Beifall ernte."
kann nur gemildert werden, wenn für die Angestellten in der Arbeitslosenversicherung eine Son» berabteilung geschossen wird. Die Einführung von Gefahrenklassen laßt sich nicht länger ausschieden. Notwendig ist die Einführung von Beitragsmarken, wodurch 40 Millionen erspart werden konnten.
Die Novlle wird dem Sozialpolitischen Ausschuß Überwiesen.
Giegerwaldö Arbeitsbeschaffungsprogramm
Oer Reichsarbeitsminister spricht im Reichstag zum Sozialetat.
vernichtet, der ihnen den Tag zur Dahrungssuche als gefährlich erscheinen läßt. Die Elefanten sind deS Dochts ebenfalls meist munter, denn dieses größte Landsäugetier braucht den geringsten Schlaf, und eine Stunde, die auf der rechten Seite liegend, und eine andere, die auf der linken ^eite an derselben Stelle verbracht wird, genügen ihnen völlig, während sie die übrigen Stunden der Dunkelheit in ihren gewichtigen Tanzschritten und mit ihrem rhythmischen Schnaufen daherwandeln. Die meisten großen Pflan- zenfrester müsten in der Dunkelheit eingeschlosten werden, weil dann Erregungen in ihnen erwachen, die sie im Sonnenlicht säten fühlen. Die BisonS führen in dieser Zeit, wenn sie nicht getrennt werden, homerische Kämpfe auf, die nicht selten zum Tode deS einen Tieres sühren. Die Rüffelbären schlafen wie viele andere Säugetiere nur 1 bis 2 Stunden, und zwar abwechselnd Tag und Dacht: sie sind also im Dunkeln häufiglehr lebendig. DaS Fingertier, einen Halbaffen, der Hände mit langen spinnenartigen Fingern besitzt, kann man eigentlich nur bei Dacht so richtig in seinem seltsamen Benehmen beobachten. Aehn- lich ist es mit der Springmaus, diesem langbeinigen Meisterspringer, und seinem Widerpart, dem Faultier, diesem bei aller Trägheit zänkischen Gesellen, der den Rekord der Langsamkeit schlägt. Im Vogelhaus bieten die Dachtvögel ein höchst eigenartiges Schauspiel. Da ist z.B. das .Froschmaul", die Dachtschwalbe, die aus ihrem tiefen Schlummer ab und zu erwacht und langsam an den Baumstämmen hinaufkriecht oder mit schwerem Flügelschlag von Baum zu Baum fliegt, um ihre Dahrung zu suchen. Eine ganz neue und überraschende Welt aber erschließt sich dem nächtlichen Besucher im Aquarium. in dem starke elektrische Scheinwerfer daS vielgestaltige Treiben der Wafferbevohner im Dunkel enthüllen können.
Sochschulnachnchten.
Aus Anlaß der 400jährigen Jubelfeier des Augsburger Bekenntnisses wurden von der Theologischen Fakultät der Universität Marburg zu Ehrendoktoren der Theologie ernannt: der Dekan des Stifts zu St. Marlin in Kassel, Krrchenrat Eisenberg, der Kreispforrer Lic. Iheol. Bachmann in Kassel, Lic. theol Sattler in Holzwickede, der Professor der praktischen Theologie an der Leipziger Universität, Dr. phil. 'llfred Dede Müller, der Professor für Homiletik am Union Theological Seminary in Neuyork, Henry S. C o f f i n, und der Professor für systematische Theologie am New College in Edinburgh, Hugh 9L Mackintosh.
zu kämpfen, liniere Wirtschaft wird getragen von den Srwerbshänden, aber sie kann nur getragen werden, wenn diese Pfeiler unten gemeinsam verankert und nicht klassenmäßig getrennt sind. Die Erwerbslosen sind die Opfer einer falschen Wirtschaftspolitik und der zuweitgehenden Erfüllungspolitik. Wir halten die Arbeitslosenversicherung nicht für sanierbar. Wenn daS Gesetz nicht die Arbeitslosigkeit vermindert, sondern neue Arbeitslose schafft, dann wäre eS geradezu schädlich, weitere Mittel in dieses Unternehmen hineinzustecken- Auf eine Preissenkung ist kaum zu rechnen, solange immer neue Steuerlasten beschlossen werden. Wenn die Regierung nicht Herr wird über den Eigennutz der Wirtschaftsverbände, wenn wir die Wirtschaft nicht mit dem nationalen Geist der gegenseitigen Rücksichtnahme, erfüllen, dann muß alles zusam- menbrschen.
Abg. Hueck (D. B.): Bei der Arbeitslosenversicherung haben sich unerhörte Mißstände herausgestellt. Die künftige Arbeitsbeschaffung muß als Heilmittel sehr skeptisch beurteilt werden. Wir sehen doch, was aus dem früheren großen Arbeitsbeschasfungsprogramm geworden ist. Die öffentliche Hand ist wohl imstande, Arbeiter zu beschäftigen, nicht aber produktive Werte zu schaffen. Wir sind durchaus einverstanden mit einer Inanspruchnahme auch der Opferwilligkeit der Beamten, aber wir wenden uns gegen die Methode, daß man unter Fortbestand der nominellen Höhe der Gehälter den Beamten einen Teil des Einkommens wegst e u e r t. um es in den bodenlosen Topf eines Stückes der Sozialversicherung zu versenken. (Sehr gut! bei der Dolkspartei.) Eine Sanierung der Arbeitslosenversicherung halten wir nur für möglich, wenn Erfatzkasfen für die Angestellten zugelassen werden und wenn die Herausnahme der Landarbeiter erwogen wird. ■Untere Forderung einer Anpassung der Leistungen an die Beiträge ist in der Dovelle nicht berücksichtigt worden. Wir können der Beitragserhöhung nur Anstimmen, wenn sie bis zum 31. März 1931 befristet ist. Die unbegrenzte Darlehnspflicht des Reiches für die Arbeitslosenversicherung muß beseitigt werden.
Abg. Esser (Zentr.) erklärt: Eine gewisse Ela- stizität der Sozialpolitik sei jetzt notwendig, um diese überhaupt kraftvoll fortführen zu können. Es ist nicht ohne Grund angeregt worden, die Unternehmer zu den Lasten hcranzuziehen, die der Arbeitslosenversicherung erwachsen durch die von ihnen oorgenommenen Massenentlassungen bei Fusionen usw. Die auch von der Dolkspartei geforderte Verbesserung der Arbeitslosenversicherung wird sich kaum erreichen lassen, wenn die Dolkspartei solche ultimativen Bedingungen stellt, wie sie der Abg. Hueck vorgebracht hat.
Abg. Schneider (Dem.) erklärt, eine Reform der Arbeitslosenversicherung ist notwendig, aber die vorliegende llcooelle bringt nicht die organische Aenderung, die wir brauchen. Eine Herabsetzung der Leistungen bringt keine Ersparnis, denn sie wälzt die Ausgaben nur auf den Wohlfahrtsetat der Gemeinden ab. Bei Verabschiedung der jetzigen kleinen Reform muß mindestens festgelegt werden, wann der organische UmbauderDersichernng erfolgt, der notwendig ist, um sie den Verhältnissen anzupassen, die in verschiedenen Derufsarten ganz verschieden liegen. Den besonderen Verhältnissen der Landwirtschaft, der Hausarbeit, der Bauarbeit muß durch besondere Bestimmungen Rechnung getragen werden. Der Ange st eilte wird seltener arbeitslos, aber seine Arbeitslosigkeit ist von so langer Dauer, daß er jahrelang ohne Unterstützung erwerbslos bleibt Das Elend der älteren Angestellten
3 Milliarden Mark nach Deutschland ae s l o ssF n , womit rund 750OOO bis 1 Million Menschei?Arbeit und Brot verschafft werden konnte. Dieser Kapitalzustrom hat im letzten Iahre nicht nut aufgehört, es sind im Gegenteil große Mengen deutschen Kapitals rnS Ausland geflossen. Die Landwirtschaft, die in den letzten Iahten mit Unterbilanz arbeitete, ist somit für deutsche Erzeugnisse nicht ausreichend kaufktäf- t i a. Außerdem haben wir in den letzten Iahten nicht nur In der Privatwirtschaft, sondern auch in der öffentlichen Wirtschaft über unsere Verhältnisse gelebt. Ieht müssen Deich und Gemeinden mitten In einer Depressions- Periode mehr a l s 3 Milliarden Mark kurzfristige Schulden teilweise tilgen ober in langfristige Schulden umwandeln. Für unsere öffentliche Finanzpolitik muß ich persönlich jede Verantwortung ablehnen, weil ich seit fünf Iahten, als die drakonischen Steuern zur Markstabilisierung um 2,5 Milliarden Mark gesenkt wurde, gefordert habe, daß im voraus starke wirtschaftspolitische Folgerungen gezogen werden müßten, was aber nicht geschehen ist. Der Steuersenkungsaktion von 1926 habe ich mich widersetzt, und Art und Ausmaß der Beaintenbesoldungsreform von 1927 habe ich im Hinblick auf Deutschlands Gesamtlage für ein Unglück gehalten.
2Han kann nicht dauernd Sozialpolitik machen, losgelöst von der Finanz- und Wirtschaftspolitik de» Landes, wir stehen jetzt vor der furchtbaren Realität, daß wir in den letzten Jahren vielfach In Illusionen gelebt und Infolgedessen in unserer ganzen Politik ein großes Maß von vertrauen verwirtschaftet haben.
Unser heutiges inneres Preisniveau ist ungesund und nicht dauernd haltbar, und ich rechne damit, daß die sinkende Weltprektendenz zu einer Dauererscheinung werden wird. Wir kommen um eine baldige Preissenkung nickt herum, diese muß jedoch vorausgehen, da Lohnkürzungen allein bestimmt nicht zum Ziele führen und auch nicht durchführbar sind. Wenn man die Löhne senkt, ohne die Preise zu senken, dann verschärft man die Krise, wenn man die Löhne nur ebensoviel senkt wie die Preise, dann erleichtert man zwar die Ausfuhr, schafft aber im Inneren so gut wie keine verstärkte Kaufkraft. Nur durch stärkere Senkung der Preise als der Löhne wird zusätzliche Kaufkraft geschaffen. Einer Senkung der Reallöhne müßte ich mich nachdrücklichst widersetzen. Für eine Sen- kung der Preise gibt es viele Mittel, u. a. die Lockerung der Kartellpolitik, die Inordnungbringung des Zinsendienstes, dieVerringerungderPreis- spanne vom Erzeuger zum Derbrau- ch e r insbesondere bei den landwirtschaftlichen Pro- buffen, Vereinfachung unb Verbilligung der Lebens- führung in breiten Schichten bes beutschen Volkes unb Lohnkürzungen bort, wo sich lieber,pißungen zeigen Die Regierung will ber Arbeitslosigkeit burch ein Arbeitsbeschaffungsprogramm begegnen, mit bem sie 200 000 bis 300 000 Menschen glaubt Arbeit und Brot geben zu können. Zur Sa-
Gießener Konzertverein.
I. S. Bach: „Sie Kunst der Fuge".
Die Aufführung von Ioh. Seb. D ach s »Kunst derFuge" gab mit interessanten Einblicken in die reiche Formenwelt des Meisters die überzeugende Bestätigung für die zwingende künstlerische Dotwendiqkeit. dieses Werk zu klanglichem Leben zu wecken. Aus dem Wege, den Gräsers von natürlichem Klangempfinden getragene Bearbeitung weist, führte ilmoerfitati- musikdirektor Dr. Stefan Temesvary in seine Welt ein. Als ein Wegweiser mit klarstem Blick für die Erfassung des Ausbaus in feiner organi- schen Gefügtheit ließ er das Musikalische tm Werk lebendig werden: was früheren Generationen als geistvolle Formung erschien, wurde hier zum ausdrucksvollen Walten geistiger, persönlicher Kräfte: es gelang ihm, bis an me unmittelbare Auswirkung des musikalischen Grunderlebnisses beim Schaffenden heranzusüh- ren. Gin rechter, berufener Sachwalter des Werkes erschloß er die reiche Mannigfaltigkeit der Ausdrucksformen und prägte Zeitmaß unb Dynamik in unmittelbarstem Einklang mit dem Ge- samtcharakter der einzelnen Sätze aus. Don besonderer intimer Ausdruckskraft erschien die dritte Fuge, wo die Umkehrung des Themas zu einem Widerschein des Erlebens wurde, und die in ihrer Gestaltung an die Streichquartettechnik des letzten Beethoven gemahnt. .
Die fünfte Fuge stieg zu einem starken Gipfel am Schluß an. Erschütternd durch ihre Erhaben- beit wirkte sich die elfte (Tripel)-Fuge aus. stellenweise innerlich durch ihre Klanggewalt ergreifend und mit heiligem Schauer erfüllend. Dr. 10 (Doppelfuge) erstand mit energievoller Spannung. Gigantisch, voll wuchtender Last, wuchs die unvollendete Schlußfuge heraus nut ihrem kontrastreichen zweiten Abschnitt und den sich türmenden, ballenden Klängen des jah abbrechenden dritten Teiles. Dann wieder Sätze mit durchsichtiger Klarheit und besonderem Klang- reiz der HolAläser, wie die Doppelfuge Dr. 9 unb die Spiegelfuge Dr. 16.
Mit der Klangerweckung des Werkes bestätigte Dr. Temesvary aufs neue seine überragenden musikalischen Führerfähigkeiten. Er ließ aber gleichzeitig damit offenbar werden, was unter der geeigneten Direktion die einheimischen Gießener Kräfte zu leisten imstande sind. Der Sireich- körper des Collegium m usicum hatte krych Mitglieder deS Orchestervereius
Berlin, 27. Iuni. (DDZ.) Im Reichstag wurde die Besprechung des Etats deS Auswärtigen Amts beendet. Zur Verhandlung kommt der HauShalt des Deichsarbeitsministeriums und die DoveUe zur Arbeitslosenversicherung.
Reichsarbeiisminister Or. Stegerwald wieS auf die schwere Weltwirtschaftskrise hin. Die deutsche Depression habe mannigfaltige ilr- fachen, und die Inflation habe für Deutschland
Aus ber Provinzialhauptstadt.
Gießen, den 28.Iuni 1930.
Ein sprachlicher Strahenbummel.
Don O. Behaghel.
Wer ohne Zweck unb Ziel durch die Straßen ber Stabt roanbert, bem kommt doch mancherlei unter bie Augen, was ihn ausmerken läßt, er mag wollen ober nicht. Vielleicht ärgert er sich über bie Orangenschalen, bie auf den Straßen hcrumliegcn, ober bie Papierfetzen, bie bie Haltestellen ber Elektrischen noch immer zieren, wenn bie Stabt auch sich entschlossen hat, in ben Wagen selber Behälter für biesc Urkunden anzudnngcn, ober über roh- lings zerstörte Straßen- unb anbcrc Schilber. Ober er brummt barüber, baß an unserem schonen Stabt- theater bie Spielpläne so hoch angeklebt stnb, baß Menschen von mittlerer Leibesgröße bie oberen Teile ber Pläne nicht lesen können. Das ist freilich nicht bie Schulb bes Zettelklebers, fonbern ber steinernen Unterlage, bie ber Baumeister für die Zettel bestimmt hat.
Ist aber ber Wanderer sprachlich empsinblichen Gemüts ober ist er gar von Berufs wegen mit sprachlichen Dingen besaßt, so finb bie Steine brs Anstoßes besonbers zahlreich: sic ritzen bas zart« Gemüt. Unb ber Wanderer hat nicht selten zu fragen: mußte das fein?
Ich schlendre über den Bahnhofsplatz und komm» zu ben beiden Pforten, bie zur Vorhalle führen. An ber einen von ihnen, ber rechten, steht „Eingang". In ber Tat gehn manche zu biefer Tür hinein. Aber kaum weniger Leute zu ber linken Tür, bie keine Aufschrift trägt, zumal wenn sie von bem Steg über bie oberhesfische Bahn kommen, benn in biesem Fall können sie ja bie Inschrift ber rechten Tür gar nicht sehen: es müßte an ber linken Tür „fein Eingang" sichen, wie bas an den Türen de» Dorlesungsgebäudes zweckmäßig geschehen ist. Alsa „Eingang". Das ist etwas, wodurch man hinein- geht in ein Inneres, in diesem Falle in die Bahnhofshalle. Wer dieses Innere verläßt, der geht hinaus, z. B. auf ben Bahnhofsplatz, unb über der rechten Tür sieht auch richtig „Ausgang". Natürlich mühte an ber linken Tür angeschrieben sein: „Stein Ausgang". Aber die Halle hat noch einen zweiten Ausgang, den nach den Bahnsteigen. Was sieht aber an diesem Ausgang zu lesen? „Eingang"! Obwohl es da außen nichts Inneres, keinen um- fchlossenen Raum gibt, in den man hineingeht. Man schreibe also statt dessen, wie es an anderen Orten geschieht: „zu den Zügen", und wo „kein Eingang" steht, bessere man: „fein Durchgang". Für die ankommenden Reisenden schreibe man beim Eintritt in die Halle nicht: „Ausgang", sondern: „zum Mus- gang".
Der Bericht des Sparkommiffars ist Immer noch nicht ber Oesfentlichkeit bekannt geworben. Ich weiß daher nicht, ob er auch Sparsamkeit in Worten fordert. Schaden könnte es nichts: eine Einschränkung in überflüssigen unb törichten Redensarten kann unter Umständen sich unmittelbar in Ersparnis an Gelb umsetzen. Aber schwerlich wirb ber genannte Herr Sparsamkeit in Wörtern verlangt haben. Unb boch könnte auch sie recht nützlich sein: je kürzer z.B. ein Anschlag gesaßt ist, umso sicherer unb eindringlicher ist seine Wirkung. Ich gestehe offen, daß es mich jedesmal verdrießt, wenn ich etwa an einem Gebäude lese: Unbefugten ist der Eintritt verboten. Weshalb sagt man nicht einfach: „Eintritt verboten"? Diejenigen, für die das Verbot nicht gilt, wissen es zur Genüge: kein Arbeiter, kein Ingenieur bes Werkes wirb bem Verbot auch nur ben Schatten eines Gebankens wibmen. — Ich nähere
(Bläser unb Streicher) eine wertvolle Unterstützung erfahren: zumal bie Bläser prägten mit plastischer Kraft das Thematische scharf aus: die Holzbläser fielen durch wohlabgewogene Abtönung und fein differenzierte Artikulatton und Vortragsart auf. Der Streicherchor war satt und voll im Klang und nachgiebig in den Ab- stufungen des dynamischen und im Zeitmaß. Johannes Debeling stützte das Thematische auf der Orgel; in Dr. 15 und im Orgelchoral gestaltete er bei sehr sauberer Phrasierung und gewählter Degistrierung mit seiner Abgewogenheit der Kontrastwirkung.
So wurde die Wiedergabe der »Kunst der Fuge" zu einem besonderen musikalischen Höhepunkt, der leider nicht durch so reichlichen Besuch gewürdigt wurde, wie es der Bedeutung der Aufführung entsprochen hätte und angemeffen gewesen wäre. Or. n.


