Nr. 98 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Montag, 28. April (950
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Der Zusammenhang von Kapitalbildung und Wirtschast.
Don Dr.-Zng. e. h. Weber, sächsischem Finanz- Minister.
3n dem Mißverhältnis zwischen Kapitalbedarf und Kapitalneubildung im heutigen Deutschland muß eine der ©runburiad^n unserer wirtschaftlichen Not erblickt werden. Anders als vor dem Slriegc, wo die deutsche Volkswirtschaft soaar in erheblichem Umfange zur Kapitalanlage ini Auslonde in der Loge war, reicht heute die Ka> pitolneubildung aus dem Produktionsübcrschuß unserer Wirtschaft nicht entfernt aus, um den dringendsten Bedarf an neuem Kapital zu decken. Für das Jahr 1913 hatte Helfferich für das alte Reichsgebiet die Kapitalneubildung auf 8,5 Milliarden Mark gc- schätzt, eine Summe, der unter Berücksichtigung der Geldentwertung heute ein Betrag von 11,9 Milliarden Mark gegenüberstehen müßte. Statt dessen schätzte die Reichs-Kredit-Gesellschoft die Kapitalbildung für das Jahr 1927 nur auf 7,6 Milliarden Reichsmark. Schätzungen von anderer Seite weichen davon nicht sehr wesentlich ab. Noch der Emissions« totigkeit in den letzten beiden Jahren kann nicht angenommen werden, daß sich die Kapitalbildung seitdem irgendwie verbessert Hot. Das Jahr 1929 weist im Gegenteil einen starken Rückgang der Emissionen auf. So sind aa»Inlandanleihen nur 344 Millionen und an Kapitalerhöhungen nur 540 Mil- linnen Reichsmark zu verzeichnen, gegenüber 1038 Millionen bzw. 1134 Millionen Reichsmark im Jahre 1928.
Wenn sich nun auch alle diese Zahlen auf dadurch den Versailler Vertrag verkleinerte Reichs, gebiet beziehen, so muß doch andererseits berücksichtigt werden, daß der Kapitalbedarf in Deutschland eher größer ist, als vor dem Kriege. Dies ist nicht nur, wie Überall sonst in der Welt, auf bild immer schnellere Tempo bes technischen Fortschritts unb auf bie Notwendigkeit einer immer stärkeren Rationalisierung auf allen Wirtschaftsgebieten zurückzuführen. Vielmehr kommen für Deutschlanb auch noch besondere Gründe hinzu, nämlich die Nachholung so mancher in der Kriegs» unb Nachkriegszeit unterlassenen Verbesserungs. maßnahmen, um im Wettbewerb auf bem Welt» markt mit anbern ßänbern auch nur einigermaßen Schritt halten zu können, sowie bie Notwendigkeit, aus verkleinertem Raume unb trotz Verlustes wichtiger Rohstoffquellen für das deutsche Volk Arbeit unb Brot zu schaffen.
Die verheerenben Folgen bieses Mißverhältnisses zwischen Kapitalbebarf unb Kapitalbilbung liegen für (eben klar zutage, ber bie Wirtschaftslage objef. tiv betrachtet. Die unzureichenbe Kapitalneubilbung wirkt sich zunächst in ben gegenüber anberen Län» bern noch immer viel zu hohen Zinssätzen unb in ber Tatsache aus, baß sich in vielen Wirtschaftszweigen kaum mehr bie Rente herauswirtschaften läßt, bie nötig ist, um auch nur bie Zinsen ber auf- genommenen Schulben zu beeten. Auch bie neuer« bings eingetretene starke Zinssenkung auf bem G e l dmo r k t hat sich bisher nur in ganz geringem Umfang auf ben Kapitalmarkt übertragen, so daß sich heute noch nicht sagen läßt, ob von biefer Seite her fine anhaltende Erleichterung ber Wirtschaftslage erhofft werben kann. Die Schwierigkeiten unb bie Kosten ber Gelbbeschaffung führen vor allem infolge bes Mangels an Betriebsmitteln zu ben Rückgängen in ber Probuktion, die wir in der letzten Zeit haben beobachten müssen, unb bilben damit bie tiefste Ursache ber steigenden Erwerbslosigkeit Anderseits wird versucht, die um zureichende Kapitalbildung im Jnlande durch die Heranziehung von Auslandgeldern wenigstens teil- weise auszugleichen, woraus sich wiederum eine vermehrte Belastung unserer Zahlungsbilanz infolge den Verpflichtung ergibt, diese Auslandanleihen in Devisen zu verzinsen und zu tilgen. Die besonderen Gefahren, bie in ber Aufnahme kurzfristiger Aus- lanbkredite liegen, haben sich ja im vorigen Jahre mit aller Deutlichkeit gezeigt.
Wenn man biese verhängnisvolle Entwicklung be
kämpfen will, so muß man zunächst ben Gründen nachgehen, die zu ihr geführt hoben. Die Gründe für Den Umfang des heutigen Kapital b e b a r f s habe ich in vorftehenben Ausführungen bereits auf« gezeigt. Die Grünbe für bie ungenügenbe Kapital« ncubtlbung entspringen zum Teil ben gleichen Wurzeln, insbefonberc ber Schwächung ber beut- schen Wirtschaftskraft durch ben verlorenen Krieg, burch ben Verlust wichtiger Rohstoffgebicte unb burch bie kapitalvernichtenben Wirkungen ber Inflation. Wie langsam sich unter biefen Verhältnissen naturgemäß bie Wieberherstellung ber beutschen Kapitalbecke vollzieht, zeigt am besten bie Entwicklung ber Sparkasseneinlagen. Der Einlage- beftanb im Deutschen Reiche (früheres Reichsgebiet) betrug im Jahre 1913: 19,7 Milliarben Mark (Dorkriegswährung), im Januar 1930 bagegen erst wieber 9,3 Milliarben Mark.
Ein besonders starkes Hindernis für bie Kapital- bilbung ist aber die Höhe unserer öffent«
Die hessische philologentagung
CSeai. Bensheim a. d. B.» 27. April. Der zweite Tag der Verhandlungen des Hessischen Philologenvereins gipfelte in einem grohangelegten Vortrag des SotHhcnbcn, Studienrat Monjs, Darmstadt, der nicht nur über die Arbeit des Hessischen PhilologenvrreinS im vergangenen Jahre berichtete, sondern programmatisch die Grundlagen dieser Arbeit und die Leitgedanken darlegte, auf denen sie sich aufbautc. So zeichnete er die Stellung der Berufsorganisation im öfsentlichen Leben. Die reine Sachlichkeit führe zur Partei - politischen und konfessionellen Neutra t i t ä t der Berufsorganisation und ermögliche es ihr, zum Dienst an der Sache alle Parteien auszurufen, und fie dadurch zu unterstützen, daß fie ihnen das sachliche Matenal liefert. So sehr es jede Berufsorganisation wün-
Erste Aufnahme von der neuen Antarktisexpedition des Kapitän Witkins.
WM
Das Flugzeug ber Expedition auf Stiern startbereit neben ber „William Scoresby", bem Wohn« schiff der neuen Wilkins-Gxpedition.
Mit diesem Flugzeug unternahm Willi ns (oben links), der bekannte amerikanische Polarforscher, von der Walsischfänger-Station Deception-Island aus Erkundungsflüge von oft 1000 km Länge über die Antarktis, wobei ihm wertvolle meteorologische und erdgeographische Feststellungen glückten.
lichen Lasten im weitesten Sinne, die heute einen viel größeren Teil des Volkseinkommens beanspruchen, als vor dem Kriege. Infolgedessen bleiben nach Deckung bes Konsumbebarfs nur viel geringere Beträge als früher für die Ansammlung neuen Kapitals verfügbar. Eine besondere Stellung nehmen babei noch die Reoarationslasten ein, bie eine bauernde Kapitalabzapfung aus dem deutschen Wirtschaftskörper barstellen. Von biesem Stanbpunkt aus ist es bejonbers bebauerlid), baß ber Voungplan keine stärkere Herabsetzung biefer Verpflichtungen gebracht hat
Deshalb ist bie Senkung ber öffentlichen Saften heute bie vordringlich st e Aufgabe, unb zwar insbefonbere ber Steuern, bie sich für bie Kapitalbildung als befonbers hinberlich erwiesen haben. Alle solche Maßnahmen bienen ben Interessen ber gesamten Wirtschaft, nämlich einer Förberung ber wirtschaftlichen Produktion, die zu- gleich die wirksamste Art der Bekämpfung der Ar- beitslosigkeit ist.
scheu müsse, daß möglichst viele ihrer Mitglieder in den Parteien tätig sind und dort der von ihr vertretenen Sache dienen, so sehr müsse sie sich dagegen verwahren, daß die Zugehörigkeit zu einer Partei von der Behörde als Verdienst gewertet und mit einer Beförderung im Amt belohnt wird.
Weiter wurde der Stand der Philologen in Vergleich gesetzt mit anderen akademischen Berufsständen und auf die auffallende Tatsache hin- getoiefen, daß die Laufbahn des Philologen noch nicht entfernt die Möglichkeit des Aufstiegs bietet, die andere akademische Berufsstände mit gleicher Vor- und Ausbildung und mit gleichwertiger Tätigkeit besitzen. In diesem Zusammenhang wandte sich der Vortragende gegen die Forderung des Reichssparkommissars, zur Dienstleistung an der höheren Schule in vermehrter Zahl Lehrkräfte heranzuziehen, die für den Dienst an der Volksschule vorgebildet sind. Aus dem Wesen und der Aufgabe der eine gc-
Zum 60. Geburtstage Lehars.
Franz L e h 4 r, ber weltberühmte Wiener Operetten- komponist, feiert am 30. April feinen 6 0. ®e « b u r 161 a g. Seine größten Erfolge hatte er mit ber „Lustigen Witwe" (1905), „Der Graf von Luxemburg" (1909), „Frasquita" (12), „Paganini" (25), „Der Zarewitsch" (26) unb in jüngster Zeit mit „Friberike" unb bem „Canb bes Lächelns".
schlossen« Einheit darstellenden neunjährigen höheren Schule ergebe sich die Notwendigkeit, daß der Unterricht auf allen ihren Klassenstufen in die Hand akademisch vorgebildeter Philologen gelegt werde. Hieraus ergebe sich auch der Einspruch, den die Philologen dagegen erheben müßten, daß die Stelle des Staatsrats im Kultusministerium auf den Inhaber gesetzt wird. Die Folge davon wäre, daß das ganze höhere Schulwesen Hessens nur noch von einen, einzigen Ministerialrat verwaltet würde. Die Schulreform müsse nunmehr abgeschlossen werden, damit das hessische höhere Schulwesen endlich aus dem Zustand der Unsicherheit herausgeführt werde.
Zu den Aufgaben, die die hessische Schulverwaltung in der allernächsten Zeit unbedingt zu lösen habe, gehöre die Regelung des Zustroms zum höheren Lehrfach. Im weiteren Verlauf der Versammlung legte der Asses- sorenvertreter Studienassessor Dr. Spalt die trostlose Lage der A n w ä r t e r s ch a s t des hessischen Philologenstandes dar. Hessen kann jetzt fast 200 Anwärter des höheren Lehramts ..icht beschäftigen. Wenn alle auf Verwendung im hessischen Staatsdienst warten wollten, wurde der letzte zurZeit im Vorbereitungsdienst stehende Referendar erst in fünfzehn Jahren dieses Ziel erreichen. Dabei wird der Zustrom von der Hochschule her in den nächsten Jahren weiter anhalten und die Lage für den kommenden Nachwuchs noch erschweren. So ergebe sich auch von» Standpunkt der Anwärter aus die Notwendigkeit der Regelung dieses Zustroms.
Die Fortbildungsschulpflicht in Hessen.
Das hessische Kultusministerium hat jetzt durch eine Arssührungsbestimmung zum hessischen Vollsschulgejey die Fortbildungsschul- pflicht generell geregelt. Danach bestebt in Hessen allgemein die elfjährige Schulpflicht (achtjährige Schulpflicht und dreijährige
Vor der (Spielhahnbalz
Von Otto (Lhrhart, Dachau.
Gestern abend, durch Sturm und Regen, hörte ich den Brachvogel pfeifen. Mein Fenster stand weit offen, ich lag hellwach im Bett und konnte mich also gar nicht getäuscht haben. Das fuhr mir so ins Blut, daß ich nicht wieder einschlafen konnte und bis zum frühen Morgen mit offenen Augen horchte.
Wenn der Brachvogel ruft, ist die Spielhahn« balz nimmer weit, die Stockenten fangen zu brüten an, das Moor beginnt sich mit seiner tausendfältigen Blumenlast zu regen, und man kann bald wieder mit der Fliege auf Forellen angeln.
ES regnet bereits den vierten Tag. Bier Tagen schon sitzen die verdrossenen Hühner auf den Steigen, und nur die Gänse scheinen sich nicht darum zu kehren. Stundenlang ziehen sie auf der großen Wiese umher und kreischen und gestikulieren. Wenn dann ein neuer, dicker Regensack vom Moor herüber weht, ihnen rücksichtslos die weihen Hosen in die Höhe bläst, drehen sie sich wütend um, beginnen zänkisch zu schreien und recken ihm die langen Hälse entgegen. Rach einer Weile glauben fie tatsächlich, daß sie ihn so eingeschüchtert hätten, sie drehen ihm stolz den Bürzel zu und beginnen gravitätisch die Wiese hinabzuschreiten. Gänse sind sie — Gänse!
Eine Stunde oder auch zwei kann ich ganz geduldig arbeiten. Aber dann ist auf einmal die gaiue Welt wie mit Brettern vernagelt. Meine Stube kommt mir so muffig vor. Ich muß die Fenster aufreihen, man muh frische Luft hereinlassen und zusehen, wie draußen der Regen geht. Die er launisch und wechselhaft, bald dick, bald dünn, über die Landschaft strichelt oder als dünne Dvlke Hinterm Moor verweht.
2ch selbst bin auch launisch Aber ich weih doch kvenigstens, was mir fehlt. Wenn der Brachvogel ruft, bin ich nimmer zu halten. Dann erwacht der Streuner in mir, ich muß hinaus und muß wochenlang durch die Wildnis streifen Wenn die jungen Mooreulen astflügge sind, ist es wieder vorbei. Es hat gar keinen Sinn, sich dagegen zu sträuben .
Komni, schmier, deine Stiefel ein, häng das Regenzeug um und zieh los!
Hier ist's doch tausendmal schöner als daheim. Der Regen ist warm und lieb, die Erde schluckt ihn wie ein Schwamm, sie kann nach dem trockenen Winter gar nicht genug sausen Aber mit den wasserdichten Stiefeln kommt man, ohne naß zu werden, weit umher. Am Fluh ist noch nicht viel zu sehen. Die Bläh- und Teichhühner, die am Hferranb in den Winteräckern äsen, fühlen sich heute pudelwohl. So ist's an der Amper.
Die Gröben dagegen ist ein faules, dickes Wasser, in dem sonst nur die Forellen interessant sind, die aber kann man heute nicht sehen. Drum geh' ich weiter, unter der Bahnüberfahrt hindurch, hinüber inS Schleihheimer Moor Aber die Natur ist verstimmt und will nichts zeigen.
Spät am Nachmittag fitze ich gleichgültig in einem alten Torsschuppen weit hinten im Moor und lasse die Welt Faden regnen. Den Brachvogel habe ich noch nicht gesehen. Aber es ist auch so ganz schön. Der Wind stiehlt mir den Pfeifenrauch, drückt ihn fest auf ben Boden zwischen die langen Gräser, wo er wie Spinnweben hängen bleibt. Das macht ihm anscheinend Späh ... So sitze ich da und rauche, denke nichts und halte bloß die Augen offen, bis wieder einmal etwas Neues hineinfällt: ein Rudel Rehe, ein närrisch hoppelnder Hase oder auch bloh ein paar verdrossen streichende Krähen.
Wenn so ein Regen merkt, dah er einem schnuppe ist, hört er bald auf. lieber dem Hackenholz, wo ich das letzte Mal den schneidigen Wanderfalken stohen sah, kreisen vier Raubvögel. Bussarde. Herrliche Vögel!
Gegen Abend erst steh' ich auf und wandre weiter. Erlen und Weidenbüsche zur Seite, stiefle ich planlos in die Wiesennebel hinein Der Mond steht schon lange am Himmel und will mir dann leuchten. Alles ist friedlich und still. Ich bin ein Tier, das sorglos durch die laue Dämmerung geht.
Plötzlich fahre ich zusammen. Dor mir, halb verdeckt von den Schlehen und Berberitzen, die den Moorweg säumen, liegt ein langer, schwarzer Acker, auf dem sich's dunkel regt. Spielhähne! Und drüben am Waldrand hocken die Hennen. Lautlos ziehe ich das Glas heraus und zähle, zähle närrisch vor Freude — vier, sieben, zwölf, einundzwanzig — zweiunddreihig Spielhähne!
Das Blut rauscht in den Ohren. Meter um Meter, halb auf dem Leibe liegend, pürsche ich mich heran. Jetzt bin ich so nahe, daß ich spielend den schönsten Hahn erlegen könnte. Das wird nicht mehr lange dauern, morgen oder übermorgen vielleicht schon werden sie blasen und
balzen und das braune Moor wachkullern und nicht eher ruhen, bis alles hoch in Blüte steht. Hier aber kommt bald ein Schirm her. Einen will ich haben. Vielleicht ist's bann gerade der, der mir jetzt zusteht.
So liege ich und schaue mich satt, bis mich endlich ein alter Hahn eräugt. Unb nun reitet das ganze Gesinbel laut ab. Das war schön!
Es wirb heuer eine herrliche Spielhahnbalz geben unb ich freue mich schon ganz unbändig darauf. Ich bin so glücklich, wie seit lange nicht mehr und so froh, daß ich laut unb selig in ben Abenb hineinsinge. Es tut ja niemanbem Weh!
Einen großen starken Vogel aber habe ich doch erschreckt. Er wirst sich schnell auf, schlägt einen großen Dogen und segelt nun — gerade unterm Mond — über mir hin. Er ist gar nicht zu verkennen: fein langer, krummer Schnabel tut sich weit auf unb jetzt beginnt er wunberschön zu trillern unb zu pfeifen.
Das ist er! Das ist er, der mir gestern nacht gerufen hat, mein erster Bracher!
Nun habe ich Ferien unb bars so lange streunen, bis bie jungen Mooreulen flügge sinb.
Trauer um den Aemi-See.
Als vor brei Jahren bie Arbeiten begannen, um ben Nemi-Scc trocken zu legen unb bie beiben Prunkschiffe bes Ealigula zu heben, nahm bie italienische Presse ben Mund lehr voll, verhieß eine ungeheure Bereicherung unserer Kenntnisse von der Antike und weissagte Schätze unb Kostbarkeiten, bie bie jahrelangen Arbeiten unb bie ungeheuren Kosten reichlich auswieg'en würben. Ader als im Sommer bes vergangenen Jahres ber See so weit gesenkt war, daß bas kleinere Prunkschiff erschien, fanb man nur zwei Kunstwerke. das berühmte Mebusenhaupt unb einen Wolfsschäbek, bie bei aller künstlerischen Ausführung in keinem Verhältnis zu ben Mühen unb Kosten bes Unternehmens stehen. Bei einem so kläglichen Ergebnis hat man barauf verzichtet, auch noch bas zweite Schiff freizulegen. Der erste Schiffsrumpf ist am Ufer bes Nemi-Sees in einer Baracke geborgen, ber zweite soll auf dem Grunde des Wassers bleiben, wo er feit zwei Jahrtausenden gelegen hat. Man will zwar versuchen, burch Taucher bie Schätze auch bieses Schiffes zu bergen, aber es ist wahrscheinlich, daß auch biefer Versuch mit traurigen Rcsul« taten enben wird und daß man einen Vorwand jucht, eine ziemlich aussichtslose Arbeit möglichst
unauffällig einzustellen. So wirb jetzt ber Kanal, der das Wasser des Nemi-Sees ableitete, zu- geschüttet und die elektrischen Pumpen werden sortgeschasst. Das große Unternehmen, das eine Million Lire gekostet hat, dürste damit beendet sein. Aber der gewaltige Schaben, ber hierdurch entstanden ist, wirb auf absehbare Zeit bestehen bleiben. Die hohen Ufer bes Sees liegen heute kahl unb vertrocknet, ben benachbarten Gärten und Kulturen ist ihre Feuchftgkeit entzogen, das ganze Klima der Landschaft hat sich verändert. Infolgedessen haben die Bauern aus ihren einst so fruchtbaren, heute ausgetrockneten Gärten nur noch ganz geringe Ernten. Alle diese Schäden sind natürlich nicht in Kürze zu beheben. Man muh warten, bis sich der See durch Regen unb natürliche Zuflüsse wieber gehoben unb baS Canb seine frühere Feuchtigkeit zurückerhalten haben wirb.
Ein liebes junges Mädchen.
Ein wirllich herziges Kinb ist die junge Tochter eines 'Itiuyorler Senators, Mary genannt, bie ihrem alten Herrn eine Ohrfeige gab, als er sie abends nicht auf einen Ball gehen lassen wollte. Dabei handelte es sich nur um das Maskenfest eines Vcrbrecherklubs! Die junge Dame ging natürlich doch hin und lernte dort einen jungen Mann kennen, mit bem sie sich kurzerhanb verlobte.
AIS der Da ter trotz bec erhaltenen Ohrfeige f>on biefer Heirat nichts wissen wollte, unb ie ohne einen Pfennig Mitgift zu enterben brohte, holte sich bas liebe Ding zwei hanbfeste Männer aus bem Kreise ihres Verlobten, bie ben Vater überfielen unb ihn so lange mit dem Revolver bedrohten, bis Klein-Mary aus dem Geldschrank die nötigen Moneten herausgeholt hatte. Dann flüchteten die drei und betranken sich gemeinsam mit dem Bräutigam, der draußen Schmiere gestanden hatte, derart, daß Mary auf der Flucht ihren Wagen mitten in eine Kolonne anderer Fahrzeuge steuerte, wobei es Verletzungen und beschädigte Autos gab. Aus ber Wac^ würben f ie wohl alle langsam wieber nüchtern, aber ber Senator trug biefer Kater- ftimmung keine Rechnung, ihm schienen die Ohrfeige und der Raubüberfall so schwerwiegend, daß er sich endgültig von seinem lieben Töchterchen lossagte, bem man wohl, ohne ein Prophet zu sein, eine aussichtsreiche Zukunft Voraussagen darf.


