Nr. 50 Erstes Blatt
180. Jahrgang
Zreitag, 28. gcbruar 1930
Eriche ini logl'ch.outzei Sonntags und fjtiertag»
Beilagen:
Vie Illustrierte
Gießener Familienblätler Heimat im Bild
Vie Scholle monotsBcingspreis:
2.20 'Beidjsmark und 30 9ieid)spienniy für Träqer- lohn, auch bei Nichte» scheinen einzelnerNummern infolge höherei (BcroalL ^ern|pred)an|d)lüfie
anterSammelnummer2251 Anlchrift tüt Drahtnachrichten Anzeiger Stehen.
pofifcheckkonlo:
fironlfurtam Main 11686.
GietzemrAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Bti'd und verlas: vrüftl'tchc UniecrFtäts^u^ und Sttinöruderet B. Sanne in Sietzen. Sd)riftleitung und S-schiftsN-lle: Schullratze Z.
Annahme von Snjetgen für die lagesnummer bis zum Nachmittag vorher.
Preis jur l mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig, für Reklameanzeigen von 70 ii m Breite 35 Reichspfennig, Platzoorfchrift 20L , mehr.
Chefredakteur
Dr Friedt Wilh Lange. Verantwortlich für Politik Dr Ft Wilh Lange, für Feuilleton Di H.THynol; für den übrigen Teil Ernst Blumfchein und für den Anzeigenteil Ma; Filter, sämtlich in Bietzen
K
—
DasReichskabineti berät über das Deckungspwgramm
Bisher noch kein Ergebnis.
Tie Zrabtnciisvertzandlungcn werden lortqefetzt
Berlin, 27 Jcbt (ERB ) Unter dem Vorsitz des Reichskanzlers begann heule oormillag im Reichstag die angcfünölgle Kabinetts fitzung Reichsfinanzminister Dr Molden Hauer entwickelte zunächst feine Pläne z u r Deckung des Fehlbetrages im Reichs- haushalt, und zwar in der Form, wie wir sie bereits im einzelnen mitgeleill haben Die Beratungen haben noch nicht zu einer Einigung geführt; sie werden morgen nachmittag fortge- fctzl da vormittags eine Besprechung mit den Finanzministern einiger Länder stattfindet Vie Generaldebatte schein« heute zu einem gewissen Ab- fchluh gekommen zu sein, denn im letzten Teil der Sitzung Hal man sich vor allem mit der umftriften- sten Eiuzelsrage beschäftigt. wie die 100 Millionen, die bei der Arbeitslosenversicherung fehlen, aufgebrachl werden können. 3m ganzen lagen dem Kabine« vier Vorschläge vor: Da ist einmal das Projekt des Reichsfinanzministers. die Aufbringung der 100 Millionen der versiche - rungsanstalt selb st zu überlassen; 2 der Vorschlag, einen lOprozentigen Zuschlag auf alle Einkommen zu erheben und dafür im nächsten 3ahre 15 o k) wieder abzusetzen Der dritte Vorschlag war eine Art Zwangsanleihe in Form eines Zuschlages zur Steuer auf die großen vermögen Schließlich spielt noch ein Vorschlag des Reichsernährungsministers Dietrich eine Rolle, der eine Kombination des zweiten und dritten Vorschlags enthielt, indem er einen ZuschIagauf d i e größeren vermögen und Einkommen vorsah Dr. Dietrich wollte dann den Tilgungsfonds, der eigentlich jedes 3ahr auf 450 Millionen wieder ungefüllt werden muß, für das nächste 3ahr aus 3 5 0 Millionen begrenzen und aus den ersparten 100 Millionen die Mehrzahlungen dieses 3ahres zurückerstatten.
Das Kabinett hat über alle diese Vorschläge Probeabstimmungen veranstaltet, um festzustellen, ob sich einer von ihnen wohl durchführen lassen würde; in keinem Falle aber ließ sich Uebereinffim- niung herbeisühren, so daß man im Reichstage jedenfalls Im Augenblick glaubt, daß alle diese Projekte bereits erledigt sind Man ist dann offenbar auseinandergegangen mit der Absicht, die Fraktionen noch einmal zu befragen, um zu versuchen, ob sich nach Rücksprache mit ihnen nicht doch noch Möglichkeiten für einen dieser Vorschläge finden lassen. Die Aussichten werden im Reichstage aber kelneswegsgünstig beurteilt, von besonderem Interesse im Augenblick ist der Zusammenhang zwischen den Finanzverhandlungen und den Abstimmungen über den Poungptan, die der Ausschuß morgen vormittag vornehmen wollte Wenn es zu diesen Abstimmungen kommt, so ist man über die Forderung des Zentrums, die für die Einigung in der Finanzfrage die Priorität verlangte, hinweggegangen Es frag! sich, ob das Zentrum sich damit abfindet Jedenfalls rechnet man in parlamentarischen Kreisen eher mit der Möglichkeit, daß die Abstimmung erneut ver- schoben wird
Die Meinung der Presse.
Äor einer Koalitionskrisis?
Berlin, 28. Febr. (TU.) Die Beratungen Des Reichskabinetts über die Steuerpläne des Reichsfinanzministers gestalten sich außerordentlich schwierig. Der „Vorwärts" weist nachdrücklichst daraus hin, daß noch alles in der Schwebe und ein Weg zur Einigung noch nicht sichtbar ist. Er weist u. a. darauf hin. daß gegen DieBiersteuererhöhung noch erhebliche Bedenken beständen. Diese ständen nicht nur im Zusammenhang mit der ablehnenden Haltung der Bayerischen Volks- Partei. sondern beruhten auch auf der Erwägung, daß man die Bierverbraucher dagegen schützen müsse, daß die Erzeuger einen höheren Zuschlag nähmen, als er durch die Dteuererhöhung gerechtfertigt sei. Daher werde neben dem Plan eines Bierhandelsmonopols auch an die behördliche Festsetzung der Bier- preise gedacht. Die Mineralwassersteuer stoße bei einem Teil des Kabinetts auf starke Bedenken und komme für ihn überhaupt nur in Betracht, wenn gleichzeitig durch eine ® e - meinöegeträntelteuer auch die Heranziehung von Wein und Schaumwein für die sozialen Zwecke der Gemeinde ermöglicht werde.
Bei Öen Erörterungen um die Deckung des Fehlbetrages der Arbeitslosenversicherung ist. nach der „Dörsenzeitung". anstatt des Votopfers eine Zwangsanleihe auf jedes Einkommen vorgeschlagen worden, der Vorschlag sei aber von Dr. Moldenhauer a b g e l e h n t worden. Vach der ,.D A. Z " hat das Zen- t r u m , um seiner Forderung aus eine sofortige Klärung der finanziellen Grundlage verstärkten Aachdruck zu verleihen, andeuten lai-
len, Daß es gemeinsam mit der Bayerischen Volkspartei bei der Abstimmung der Vereinigten Ausichüsse des Reichstages über den Boungplan und die Liquidationsverträge mögl ch'rw.'-se Stimmenthaltung üben werde Der ..Bö en-Courier" weist darauf hin. daß von allen Seiten Herrn it ^ungsbestre- bungen im Gange seien, um eine Krise zu vermeiden
Gedrückte Stimmung.
9<od) teilte Einigung der Regierungsparteien
Berlin, 27. Febr lPriv.»Tel.) Das Reichs- tabinett ist in feiner heutigen Sitzung, wie man schon ooraussehen konnte mit Der Beratung der Finanzvorlagcn nicht fertig geworden Die Weiterberatung wurde auf Freitag vertagt Für die parlamentarische Lage bezeichnend ist die Tatsache, daß in den Ausschüssen, die die außenpolitischen Vorlagen zu beraten haben, eine
Berlin, 27. Febr lCVB.) Die General- synode der A 11 p r e u ß i s ch e n Union hat eine Kundgebung angenommen, in der es u a heißt „Mit heißem Schmerz schaut die Geiteralsynode aus die Leiden und Vöte derChristen inVußland Daß der Sonntag abgeschasst. die religiöse Erziehung der Kinder unterbunden, die Geltung christlicher Lebensgrundsätze aufgehoben ist, daß Gotteshäuser geschlossen und zerstört, Gott und Christus in Wort und Bild öffentlich, gelästert werden, daß Christen die Treue zu ihrer Kirche mit Entrechtung und Verfolgung bezahlen, das ist nicht die Angelegenheit eines einzelnen Landes, e s i st eine V o t Der gesamten Christenheit Es bedroht alle Gesittung, von der die Ehrfurcht vor jeder religiösen Ueoerzeugung untrennbar ist, mit dem Untergang Die Generalsynode rufe die Glieder der Kirche auf, in ernster Fürbitte der verfolgten Brüder zu gedenken und ihnen zu helfen, wo immer die Möglichkeit sich bietet"
Paris, 27.Febr (WTB.) larbleu hat im Lause des Nachmittags feine Besprechungen fortge- fetzt und eine ganze Reihe von Parlamentariern der oerfchiedenslen Fraktionen empfangen, unter ihnen painleoe und Marin. Dieser erklärte später auf Die Frage, ob er und seine politischen Freunde dem Kabinett ihre Unterstützung angedeihen lassen würden, das fei f e l b st v e r st ä n d l i ch Er betonte ferner, daß das Kabinett Tardieu sicher Zustandekommen würde Der linksstehende „Soir“ berichtet Im Gegensatz hierzu, daß man in politischen Kreisen den versuch Tordieus als aussichtslos betrachte. Man nenne bereits die Romen der Persönlichkeiten, die nach seinem Mißerfolg mit der
.Abstimmung nicht ft a 11 g e f u n D e n hat Hier liegen die Schwierigkeiten offenbar in erster Linie beim Zentrum, das bis zum Vach- mittag eine einheitliche Haltung zum polnischen Liquidationsabkommen noch nicht gefunden hatte Der Widerstand zahlreicher Zentrumskrci.e gegen Den Veichsminister Dr. Wirth hat sich in Den letzten Tagen anscheinend noch verstärkt. Er findet feinen Ausdruck in der Berliner Tageszeitung „Der Deutsch e", die Den christlichen Gewerkschaften nahesteht. Das Zentrum hat heute abend noch eine längere Fraktionssihung abgehalten, von Deren Ergebnis für die weitere Gestaltung der Dinge viel abzuhängen scheint. Wie sich die Haltung der Deutschen Volkspartei zu Den Steuerfragen gestalten wird, läßt sich einstweilen noch nicht genau lagen, jedenfalls herrschte heute im Reichstage eine recht gedrückte Stimmung Die Hoffnung auf eine Einigung unter den Regierungsparteien wurde in parlamentarischen Kreisen heute nachmittag als fragwürdig bezeichnet.
Bet Der Verlesung der Kundgebung erhoben sich Die Mitglieder der Synode von ihren Plätzen. Pfarrer Dr Luther als Berichterstatter des Aiksschufses begleitete Die Entschließung mit einigen Bemerkungen. Zwar sei Die Synode nicht der Ort, an dem politische Werturteile über Die inneren Verhältnisse eines fremden Landes abgegeben werden, aber das Christentum kenne keine Grenzen von Volk und Staat. Als christliche .Körperschaft fühle die Synode die innere Verpflichtung, mit ihrem Herzen Denen nahe zu sein, „die in Martern und Gefängnis sitzen und unter dem Schatten des Todes schmachten".
Einstimmig faßte sodann die Generalsynode den Beschluß, am Sonntag, dem 9. März, von 12 bis 13 Uhr ein Trauergeläut für d ie verfolgten Christen in Rußland zu veranstalten An demselben Sonntag wird auf Anordnung des Evangelischen Oberkirchenrates im Kirchengebet der Glaubensbrüder in Rußland besonders gedacht werden.
ßabinellsbilbung beauftragt werden könnten, und zwar die radikalen Senatoren B e s n a r d und Steeg und Senator Lebrun, der der Fraktton pvincare angehört. 3m übrigen tritt der „Soir“ für ein Kabinett Brian d ein.
Tardieu erklärte spät abends Vertretern der presse, sein Kabinett werde bestimmt am Sonntag gebildet fein, und die Zusammensetzung des Kabinetts werde sich von seinem letzten Kabinett durch die Zugehörigkeit von mindestens fünf ra- dikalen Ministern unterscheiden von den parlamentarischen Persönlichkeiten, die Tardieu heule nachmittag empfing, sind noch die Senatoren Eail- laux und (Klemen tel zu nennen.
Eine Erklärung des Hugenberg- Ausschuffes zur Lage.
Berlin, 27 Febr. (CVB.) DasPräsidium des Reichsausschusses für das deutsche Volksbegehren, das telegraphisch zu einer besonderen Sitzung einberufen worden war, hat eine Erklärung herausgegeben, in der es u. a. heißt:
Der Wirrwarr im Parlament, die sich überstürzenden verzweifelten Finanzmanöver, die als .Votopfer" in Aussicht genommene Sonderbe- stcuerung mittelständischer Schichten, die Preisgabe elementarer Grundsätze des Landesschutzes künden an, daß unsere warnenden Voraussagen sich furchtbar verwirklichen. Ein von Haus und Hof vertriebenes Bauerntum, sterbender Mittelstand. drei Millionen Menschen ohne Arbeit und Brot - das sind die Ergebnisse der bisherigen Tributpolitik.
Sechs Millionen verantwortungsbewußter Deutscher haben in dem Ergebnis des Volksentscheides die Grundlagen zur Vermeidung oder Lösung der Haager Fesseln geschaffen. Wir werden die Anerkennung dieser Tatsache und die Ausnutzung aller weiteren, versa,sungsrechtlichen Möglichkeiten fordern und betreiben. Solche Möglichkeiten sind auch dann noch gegeben, wenn eine verblendete Reichstaqsmehrheit den Haager Beschlüssen und den Polenverträgen zustimmcn foLte.
Mögen die verhängnisvollen Abmachungen aber Gesetz werden oder nicht: Dem im Reichsausschuß für das deutsche Volksbegehren verkörperten Freiheitsblock fällt für die kommende Zeit die Aufgabe zu, im schärfsten Kamps gegen den Marxismus die deutsche Scholle und die christlichgermanische Kultur vor der Verwüstung zu schützen, die Freiheit der deutschen Arbeit wiederherzustellen, den Kampf für den schwer bedrohten deutschen Osten und seinen räumlichen Wieder- zusammenschluß zielbewußt aufzunehmen und die der Westmark drohenden Gefahren abzuwehren.
Klärung in Preußen.
Berlin, 27. Febr. (ERB.) Die interfraktionelle Besprechung von Vertretern der Re- qierungsparttien des preußischen Abgeordnetenhauses, die heute unter dem Vorsitz des Ministerpräsidenten Dr. Braun und im Beisein der Minister Dr. Schreiber und Dr. Höp- ker-Asch off stattfand, hat das Ergebnis gehabt, daß sachliche Meinungsverschiedenheiten über die Koalitionspolitik nicht f e st g e st e l l t wurden und daß die Regierungsparteien wie bisher in, gemein- schaftli cher Arbeit unter Berücksichtigung der Grundanschauungen der einzelnen Parteien in Zukunft wie bisher Staatspolitik in Preußen zu treiben gewillt sind.
Forstsragen im Finanzausschuß.
Darmstadt, 27. Febr. (WHP.) Der Finanzausschuß des Hessischen Landtags beriet weiter über die Beiträge der Gemeinden zu den Forstverwaltungskosten. Schließlich wurde die Position in der Fassung der Vorlage angenommen, doch wurde die Ermächtigung. daß die Regierung leistungs.chwa- chen Gemeinden entgegenkommen kann, auch auf die vergangenen Jahre ausgedehnt. Die weitergehenden Anträge des Landbundes und der Sozialdemokraten wurden abgelehnt bzw. für erledigt erklärt.
Aus den Jagden und Fischereien des Staates sind an Einnahmen vorgesehen 137 000 bzw 8000 Mk. Die Sozialdemokraten beantragten, die staatlichen Jagden öffentlich meist- bietend zu versteigern: der Antrag wurde mit 7 gegen 5 Stimmen bei einer Enthaltung abgelehnt. Die Demokraten verlangten, daß die Jagden in Staatswaldungen nicht mehr freihändig vergeben werden sollen: Der Antrag wurde mit 7 gegen 6 Stimmen abgelehnt. Ein Zentrumsantrag, die Jagden auf die Fläche zu vermindern, die für die Herbeiführung und Erhaltung eines angemessenen Wildstandes notwendig ist, wurde gegen zwei Stimmen bei einer Enthaltung angenommen. — Damit war das Kapitel erledigt.
Die Försterschule in Schotten veranlaßte ebenfalls eine längere Aussprache. Auf die vorgebrachten Einwände machte Die Regierung geltend, daß jährlich durchschnittlich zwölf Förster pensioniert werden, daß also die Schule bestehen bleiben müsse. Zur Zeit seien sogar einige Försterstellen durch Forsthilfsbeamte beseht. Daraufhin wurden der sozialdemokratische Antrag, Der die Schule für drei Jahre schließen wollte, und Der volksparteiliche Antrag, der Verhandlungen mit Den Vachbarländern zwecks verstärkten Schulbesuchs verlangte, zurückgezogen.
Aus dem Holz sch lag sind in Einnahmen vorgesehen 7,1 Millionen Mk., und zwar für 400 000 Festmeter Holzschlag bei einem Durchschnittspreis von 17,75 Mk. Angesichts der inzwischen gesunkenen Holzpreise beantragte der Landbund, die Einnahmen um 1 Million Mk. herabzusehen. Von Regierungsseite wurde jedoch erklärt Daß eine Einnahmeherabsetzung um 500 000 Mk genügend sei und Der Betrag von 6,6 Millionen Mk. noch vorsichtig taxiert sei. Der Landbund zog darauf seinen Antrag zu-
Oie preußische Generalsynode zu den Ehristenversolgungen in Rußland.
Eine Sympathiekundgebung der Evangelischen Kirche.
Tardiens Semühnngen um die Kabinettsbildung.
Die Menge vor Der Deputiertenkammer während der Abstimmung, die den Sturz Chautemps besiegelte. Im Kreis: Tardieu, der mit der Kabinettsbildung beauftragt wurde, wird beim Verlassen des Elysses von den Journalisten bestürmt.


