Samstag, 27. September (930
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Nr. 226 Drittes Blatt
Städte amüsieren sich.
Volksbelustigungen, Festwiesen und Tummelplätze in aller Welt.
Copyright by .Vierzehn Federn", Berlin W 50.
3n München steht daS Oktobersest vor der Tür, in Hamburg denkt man schon heute an die bevorstehende Dom-Zeit, — Etablissements und Vergnügungsstätten rüsten sich zum Saisonbeginn. Wir haben unS aus diesem Anlaß Bericht über einige Stadt-Feste geben lassen. Lieber Hamburg schrieb unS ein wegen seines schlagkrästigen WitzeS bekannter Bankier, über Tokio Deutschlands chester Iapankenncr, über Reuyork der amerikanische Romancier ®. B. Mc Pherson.
München: Ottoberfest.
Von Otto Distler.
München ist von jeher die Stadt blühenden Gemeinschaftslebens. Anlaß zu Feier und Freude vereinigt alle Münchener Burger. Besonders bei jenem gemütlichen Rummel, der jedeSmal im Oktooer die „Festwiese" vierzehn Tage lang belebt, die Theresienwiese, „Die WieSn". Bei diesem Rationalsest ersteht unter Künstlerhänden eine Stadt von tausend Buden. Die weltbekannten Brauereien bauen Riesenkeller auf. Dlou- wcih leuchten die Tore der Wicsenstadt, in die am ersten Festabend, wenn das starke Extra- Bier angesteckt wird, Zehntausend« selig ein- ziehen. Vorbei an deklamierenden Ausrufern, kreisenden Lichträdern, brüllenden Menagerien, gruseligen Atiraktions Plakaten, vorbei an tanzenden Assen, an Schichteis weihgepuderten Llowns gehts zu den höchstwichtigen Rosten der Steckerl-Braterei, den Hendelbratereien und in die Zelte der Bratwürste.
Rirgends gibt man sich so hemmungslos der Geselligkeit um der Geselligkeit willen hin wie hier.
Der Rummel, der die Hauptsache, die Volksfeste ausmacht, die man in anderen Städten kennt, ist bei dem Oktoberfest Äebensache. Heute wie bei den Festen vergangener Zeiten. Volkskrastspiele, Landwirtschaftliche Konkurrenzen und der Aufmarsch der großen Schühengesellschuften gelten dem Münchener als die Ereignisse. Vorläufer deS Oktoberfestes waren die Jakobi- oder Scharlachrennen, die schon im 15. Jahrhundert während des Jahrmarktes stattfanden. Man nannte sie Scharlachrcnnen, weil der erste Preis des RenncnS in einem Stück Scharlachtuch bestand. Die Scharlochrenner waren durch den Dreißigjährigen Krieg außer Hebung gekommen, und als man sie anläßlich der Hochzeit Ludwigs I., 1810, wieder ausleben ließ, führten Vereinbarungen zwischen den Leitern des Oktober-Jahrmarktes und dem Generalkomitce des Landwirtschaftlichen Vereins dazu, daß die Dolksfcier alljährlich als gemeinsames Fest begangen wurde. Oktoberfest und Zentrallandwirtschaftssest sind seither unzertrennlich verbunden. Die Wiese, auf der das erste bayerische Rationalsest gefeiert wurde, erhielt zum Andenken an die tronprinziiche Braut den Romen: .Theresienwiese".
3n früherer Zeit gab es auf der Festwiese noch andere Zerstreuung: Hunde-, Hochrad-, Eackrennen, Eierlaufen, Alte-Weiber-Rennen,
sowie das Wagenrennen der Wagnergesellen. Im Jahre 1820 war es auf der Oktvberwiese, wo die erste Luftschissahrt der Professorengattin Wilhelmine Reichard vorgeführt wurde, und lange erinnerte man sich der griechischen Wagenrennen, die bei der silbernen Jubelfeier deS Festes abgehalten wurden.
Als 1850 die Bavaria vor der Ruhmes Halle Ausstellung sand, von wo sie die Theresienwiese überragt, hatte das Oktobersest längst die heutigen Ausmaße angenommen. Zum Rationalfest aber war das Oktobersest durch die Gelegenheit geworden, die es den einheimischen Züchtern gab, die Erfolge ihrer Bemühungen xu zeigen und an dem Wettbewerb der Festausstellungen teilzunehmen. So vereinigten sich Festfreude und Jahrmarkt von Stadt unb Land aufS glücklichste.
Tokio: Siadi der Feste.
Von Fritz iRumpf.
Mit Reujahr beginnt es: 20 Tage lang hintereinander wird die Jahreswende gefeiert. Gleich darauf nimmt man die Reichsgründungsfeier zum Anlaß: inzwischen ist die Blütenzeit her- angcrüdt, Grund genug, die verschiedenartigsten Iubeltage einzuflechten: Pflaumen, Kirschen, Azaleen, Schwertlilien, Päonen, Ahorn und Chrysanthemen haben ihren eigenen Blütenfest- tag. Rach der Blumenschau folgen die Mond- und Steme-Feste, wie etwa das Tanabata-Fest: nebenher laufen die Puppenfeste, Knabenfeste und Totenfeste, die alle mit Lärm und Tanz gefeiert werden. Richt zu vergessen sind: das Fest der Flußeröffnung mit Monstre-Feuerwerk, zwei Soldatenfeste und Kaisers Geburtstag. 3m Dezember beginnt man dann wieder mit den Reujahrs-Vorbereitungen.
Bonenkai nennt man private Festlichkeiten, die zwischen Freunden oder den Angestellten einer Firma veranstaltet werden. Man ißt und trinkt, begräbt Feindschaften, erneuert Freundschaften.
3enes Fest aber, welches das wichtigste ist und zu dessen Zeit die meisten 3apaner heiterer als sonst sind, ist die Kirschblütenschau. Ende März, Anfang April zieht der Einwohner von Tokio zu den Stellen, wo die Kirschen blühen: nach Mukojima, Lleno, Asukayama. Hier verbringt man den Tag mit Trinken, Essen, Tanzen, Singen. An diesen Tagen kann man an vielen Geschäften der Hauptstadt das Schild „Geschlossen wegen Kirschblütenschau!" finden. Man kann ohne Furcht vor Einbrechern und Dieben die Stadt verlassen: denn die Gilde der Langfinger feiert dos Kirschenfest genau so wie alle übrigen Bürger. Parteien, Vereine, Familien sind unterwegs: eine „Herrenpartie" hat sich Halbmasken vorgebunden: eine Familie erscheint mit grünen Tüchern, die den Kopf verdecken: ein Verein zeigt sich im Schmuck rot-weißer Schleifen.
Man ergibt sich zunächst der Bewunderung der Blüten. Kenner stellen fest, ob es Hazakura (das bedeutet, daß die Blätter vor den Blüten kamen, was bei kalter Witterung zuweilen geschieht) oder wirkliche Sokura (Kirschblüten) sind Talentvolle Besucher müssen nun ein Gedichtchen
Helene Chlodwigs Schuld und Sühne. Vornan von J. Schnetder-Foerstl.
Llrhcber-Rechtschuy durch Verlag Oskar Meister. Werdau i. Sa.
24 Sortierung Nachdruck verboten
Er verspürte keinen trockenen Faden mehr am Leibe, als er sich auf den Boden nach der anderen Türe hinüberzog. Wenn der Vater erwachte — der Schrecken benahm ihm säst den Atem. Aber Franke schlief wie ein Mensch, der seine letzte Kraft verausgabt hatte.
Eine Viertelstunde und länger dauerte es, bis Bert an dessen Lager vorüberkam.
Mit blutunterlaufenen Augen starrte er nach ihm auf. Die eine Hand des Schlafenden hing etwas über die Decke. Bert hob den Kopf und hauchde darüber hin. Sie mit seinen Lippen zu berühren, wagte er nicht. Mit verstä kter Behutsamkeit schob er sich nach der Portiere hin, hinter welcher sein Körper etwas später verschwand.
Run tarn das schwerste Stück: Die Treppe ins Erdgeschoß. Der Mm ft and, daß sie mit einem Läufer belegt war, erleichterte ihm das Wagnis in etwas. Aber es war trotzdem ein Stück Martyrium, bei welchem ihm das Blut unter den Rägeln herausquoll. „Ich falle!" dachte er mehr als einmal, krallte die Finger in das rauhe Teppichgewebe und hing, wie ein Stürzender, die kantigen Stufen hinunter. 3mmer durfte er nur zuerst die eine, und dann die andere der Hände loslassen. Die gelihmten Füße baumelten als schwere Klötze hilflos nach.
Als endlich die Diele erreicht war, fiel er leblos zur Seite. Minuten dauerte es, bis er wieder aus der Bewußtlosigkeit erwach e.
Das Dunkel ringsum nahm Gestalt und Formen an. Laut wie das Herz eines Riesen Pendelte die große Mhr in d e Stille. Durch die Türe, die, offensteßend, nach der Veranda führte, ergoß sich frische, ozonreiche Luft und schmeichelte sich belebend um die Stirne des Knaben.
Eine flüsternde Stimme bebte verängstigt: .Hast du nichts gehört, Hylmar?"
„Richts, mein Süßes! Leg deine Arme noch einmal um meinen Hals, daß ich den wunderbaren Duft deines Körpers spüre, mein Mädchen!"
„Hylmar! — Wenn der Vater wüßte, daß ich hier bin! Er erschösse mich auf der Stelle!"
„MnD mich mit dir. Geliebtes. Aber sei ganz ruhig, Hella! Er weih es nicht! Komm noch einmal zu mir! Ganz nahe, mein Süßes! Wann wirst du sechzehn7'
„Weihnachten erst!" kam es seufzend.
„Lind wenn ich dich jetzt sckwn mit mir nehme? — Jetzt schon, Hella? Ich habe den Wagen unten stehen — und keinen Chauffeur dabei. Riemand ahnt, wo du dich hingeflüchtet hast. Ich fahre die Rächt durch. Morgen, bis es tagt, sind wir auf Schweizer Boden. Ich habe einen Freund
dort. Bei dem finden wir Aufnahme und sicheres Versteck."
„Ich habe solche Angst, Hylmar" Furchtsam drückte sich die Fünfzehnjährige an den schlanken Mann, der halb auf der Altanbrüstung saß. Mit einem leichten Spiel der Arme hob er sie zu sich aus die Knie und umfing die knospenden Formen, die sich so vertrauend an ihn schmiegten.
Er wiegte sie auf den Schenkeln und hob das schöne Gelicht xu feinem leidenschaftlich verzerrten empor. Das Mädchen erschauerte unter feinen Küssen. lag willenlos an seine Brust gebettet und ließ das wilde Gestammel seiner Liebe über sich hingehen.
„Hella, mein Süßes, kommst du mit?"
„Ohne Abschied, Hylmar?"
„Du weißt doch, daß das unmöglich ist."
„Ich muß aber noch einen Mantel holen und meine Tasche haben und — ich kann nicht gehen, Hylmar, wenn ich nicht zuvor noch meinen Bruder geküßt habe. — Vielleicht lebt er nicht mehr, wenn ich später wieder einmal hierher komme! — So lange mußt du noch warten."
„Dann aber rasch, mein Liebes!"
Behutsam ließ er sie herabgleiten und zog sie noch einmal gegen seine Brust. „Wie lange brauchst du?"
„Rur fünf Minuten, Hplmarl Lind — und Hylmar — machst du mich auch bestimmt zu teincr Frau, wenn ich mit dir gehe?"
„So wahr ich ein Edelmann bin!" Seine Hände rislen ihren Kops empor und bann hingen seine Lippen an denen des Mädchens, das noch ein halbes Kind war. „Komm aber rasch wieder, mein Heiner Vogel!" Mit le ich en Armen schob er sie gegen die Türe, die ins Haus führte.
Hubert lag quer in dem Streifen Schatten, der über die Treppe der Diele siel. Seine Finger krallten sich in das gelbe Holz des Boöens. An ihm vorbei, ohne ihn zu gewahren, schlüpfte Hella und huschte die Treppe hinauf.
Mit letzter Kraft schob er sich vorwärts bis zur Schwelle, daß das goldene Licht des Mondes über ihn hinströmte.
Der Graf stieß einen leisen Schrei aus, sprang zu Boden, tat einen Satz nach dem Garten hin und verschwand zwischen den CBäumen, in deren Schatten man ferne Schritte hörte.
Hella kam zurück und eilte nach der Türe. „Hylmar, was machst du denn? — Bert!" Doll Schrecken und Bestürzung in die Knie brechend lag das Mädchen vor dem Bruder und neigte sich über ihn hin. „Bert!"
Er drückte die Rechte auf ihren wimmernden Mund. „Du weckst den Vater!"
„Tert!" -
„Lim Gottes willen schweig, ehe dich jemand hört." Sein wächsernes Gesicht war gegen ihr glühendes gepreßt, fiel dann herab und lag gegen den Boden gedrückt. Sein ganzer Körper zitterte und die Schultern wurden hin- und bergetoorfen.
„Bert! — Du hast alles mit angehört?"
Er antwortete nicht. Die Zähne m den Rücken der Hand gebissen, erstickte er jeden Laut, der sich seiner Kehle entringen wollte. Er fühlte,
schmieden. Zwischen Garküchen, Dallonverkäufern und Raschwerkbuden beginnt das Volksvergnügen. Sentimentale Freunde der Ratur begreifen nicht, daß man sich in dieser Landschaft so betrinken kann, wie es die meisten tun. Allmählich schließen sich die Zirkel: allerwärts werden Bauerntänze getanzt und Spiele gespielt. Streithähne zanken sich so lange, bis ein DersöhnungS- trunf sie wieder zur Vernunft bringt.
Irgendwo in der Ferne sieht man eine menschliche Figur in regelmäßigen Abständen in die Lust fliegen. Ein befremdendes Bild für den Europäer. Lim so merkwürdiger, wenn man hinter die Tatsache kommt: hier ehrt eine Kompanie eines Infanterie-Regimentes ihren Hauptmann dadurch, daß sie ihn in die Lust wirft und mit den Händen wieder auffängt. Dies schöne Bild war mein lebhaftester Eindruck, den ich vorn letzten Kirschenfest gewann.
Neuyork: Eoney Island.
Don G. B. Mcpherson.
„Worlds greatest nlayground“, zu deutsch den „größten Spielplatz der Welt" nennen wir jenen Vergnügungspark an der Reuyorker Lower Bay, der an sonnigen Vormittagen häufig von Film- gesellschosten gepachtet wird, um die Stadt der mechanischen Amüsements in Bild und Tod den Ländern der Erde auf der Leinwand zu zeigen.
Wir wählten den 15. eines heißen Monats, um zu erkunden, welche Attraktion das Reuyorker Herz am höchsten schlagen läßt. Zur Monatsmitte eilen die meisten Bureauangestellten nach Coney Island: denn das ist der Termin der Gehalts- xahlung. Die Droadway-Brighton-Bahn und die westend-Sea Beach-Subway speien an diesen Tagen bis zu drei Millionen Menschen auf den Strand.
Man kann sich über die Gröhe des Parkes, über seine technischen Wunder, über seine rohen Vergnügungen, über seine ziellosen, vielleicht de- morali|ierenbcn Reize verbreiten, eines bleibt sicher: es gibt hier einen Typ der Lebendigkeit, den eigentlich nur ein Amerikaner zu werten versteht: ich spreche von jener Lebendigkeit, die es ermöglicht, ein angestrebtes Gut zu erlangen und zu vermehren. Damit will ich nicht sagen, daß Die Roulette-Tische meistbegehrt sind. Ich wlll sagen: Coney Island schafft dem Reuyorker Lebensfreude, Arbeitslust und Erinnerungen. Meine Reugier hatte dieses Resultat:
An erster Stelle wird das riesige Aquarium frequentiert, ein Schwimmbassin, das die verrücktesten mechanischen Spielereien auf weist: versenkbare Rutschbahnen, Wellenbad, Gummitiere, die erkämpft werden müssen, unterseeische Schreckmittel, die einen Schwimmer plötzlich an der Fortbewegung hindern und derlei mehr.
An zweiter Stelle steht das Oevilsßouse, das Teufelshaus, in dem man auf pneurno technischem Wege das Gruseln erlernt.
Lind an dritter Stelle steht die Fahrt zum Mittelpunkt der Erde, die man in winzigen Förderkörben antritt; es sind zumeist Liebes- Pärchen, die dieses Etablissement benutzen, um in einem ungestörten Diertelstündchen ein künstliches Paradies von orientalischer Farbenpracht kennen- zulemen. An nächster Stelle stehen die Tanx- Etablissements; dann kommen in größeren Abständen die übrigen Vergnügungs-Martern. Man darf behaupten: Coney Island ist ein integrierender Teil Reuyorks!
wie die Mädchenarme sich mühien, ihn empor- zuheben und wie die Lungen der Schwester unter der Vergeblichkeit dieser Anstrengung keuchten: „Ich hole den Vater, Bert!"
Die zerbissene Hand vom Munde lösend, hob er den Kopf. „Hella! ihn unserer Mutter willen — und auch um deinetwillen — gefe nicht mit diesem Menschen!"
„Rein, Bert!"
„Versprich es mir auf Eid!"
„Auf Eid!" Ihre Finger schoben sich in seine blutend zerschundenen, verrä.erisch wimmerte ihr Schluchzen durch die Stille des Hauses. Reben ihn hingeworfen, umfaßte sie den Bruder, der reglos auf den Brettern lag. „Richt sterben, Bert! Lim Christi willen nicht sterben!" wimmerte ihr Mund.
„Geh jetzt zu Bett, Hella!"
..Ich laß dich nicht so liegen! Ich laß dich nicht!" — stammelte sie verzweifelt, „vielleicht kann ich dich tragen, Bert! — Was wolltest du denn tun hier unten?"
„Flüchten wie du, Hella!"
„Mit den gelähmten Deinen", entfuhr es ihr. „Bert, um Gottes willen, warum denn nur?“
„Für dich und Just und Sabine. — Damit Vater nur noch an euch denkt und nicht mehr an mich. Damit ihr nicht mehr in seiner Liebe geschmälert seid und daß sich Klein-Iust nicht mehr fürchten muß vor ihm."
Ein cr^ütterr es Weinen brach aus allen Tiefen des Mädchenherzens. Das Gesicht in die Hände gegraben, fmete sie vor ihm auf den Brettern. Oben fiel eine Türe ins Schl ob. „Bert!" schrie sie und klammerte sich an feinem Aermel fest.
Aber es blieb alles still. Ein scharfer Lustzug mochte wohl eine der Türen eingettinft ha en. Erregt begann das Mädchen auf den Drude, ein- zuslüstem.
Er schüttelte nur den Kopf. „Ich wlll sterben, Hella! Glaub mir's doch, es ist eine Erlösung für mich. Alles, was ich sonst sage, ist ja nur ein Trost für den Vater. Es ist viel besser auch für euch, wenn ich nicht mehr bin! Viel, viel besser! Ihr dürst wieder lachen und Just kann wieder durch Haus und Garten pfeifen und die Mama wird wieder fingen und alles auf Rot- tach-Berghof wird wieder sein, wie es gewesen ist — Freust du dich nicht, Hella?"
Die Hände im Schoß gefaltet, sah sie zu ihm herab: „Glaubst du, daß das Sterben sehr schwer ist?"
„Rein!" sagte er mit Lieberzeugung. „Das Leben ist viel, viel schwerer."
„Glaubst Du das ganz sicher, Bert?"
„Ganz sicher!" bekräftigte er.
Eie hob sich in Die Knie und strich sich das blonde Haargeringel zurecht. „Es wird doch nicht mehr wie früher. Rie wieder, Bert! Langsam sterben ist gräßlich, aber wenn es ganz schnell ginge, Dann wäre es bald vorüber. — Hast Du noch einige Pulver in Deinem Nachttisch?"
„Fünf Stück", sagte er ahnungslos. „Willst du mir die bringen, Hella?"
Eie sah unsicher an ihm vorüber. „Ich brauche sie selbst."
Berlin: Erlauschtes vom Rummelplatz.
Don 3 X George.
„DaS kostet keine zehn Mark, neun Mark, acht Mark, sieben Mark, sechs Mark, fünf Mark, vier Mark, Drei Mark, zwei Mark, eine Mark... das kostet keine 70, 93, 80. 50, 40. 30. 20 Pfennige... ich schäme mich säst, es zu sagen, das kostet nur zehn Pfennige, und für Erwachsene vierzig. Da sehen Sie in Der ersten Abteilung Die Riesenschlange. Die Brillenschlange, die Blindschleiche. Hat dieselbe eine Brille auf, so ist es die Brillenschlange, geht dieselbe ohne Brille, so ist es die Blindschleiche: sie mißt vom Kopf bis zum Schwanz 9 Meter, und vom Schwanz bis zum Kopf 7 Meter, sind zusammen 34 Meter, wobei das Mittelstück noch gar nicht gemessen ist. Da sehen Sie in Der zweiten Abteilung die Owambo-Reger. Das ist nicht einer, das sind nicht zwei, das ist eine ganze Karawane, das sind — du dämlicher Lausejunge, geh Da runter von die Plakate —, aber dort, der Doktor hat noch Sinn und Verstand für Abnormitäten — das sind Drei. H — a — u: DaS ist Die Sprache, Die Konservation von diese Menschen: kalte tote Fische, Das ist Die Rührung von diese Leute. Eie springen so hoch in die Lust, bis sie sich langweilen. Ho— hö hö wij: Damit begrüßen sie Den Horizont Der Welt. Da sehen Sie in Der Dritten Abteilung Jumbo, Den Mann mit Die Riesenkräfte. Er biegt Ihnen eine dreißig Meter lange Cisenstange im Quadrat, im Viereck, im Kreise. Hat einer Der Herrschaften vielleicht zufällig eine so lange Stange bei sich, wird Jumbo Das Kunststück sofort vorführen. Da sehen Sie in Der nächsten Abteilung Lavinia, Das Fräulein mit Den zwei Köpfen. Fräulein, wackeln Ee mal mit Dem einen Kopf l Bravo! Fräulein wackeln Se mal mit Dem anderen Kops! Bravo!"
Lind weiter und weiter sprudelt Der Wasserfall seiner Rede. Dieser Ausrufer hat DaS Geheimnis Des Erfolges erspürt: er macht seine Zuschauer lachen: und keiner unter ihnen hat auch nur eine Sekunde lang das Gefühl, vor einem armen Schlucker zu stehen, der seine Schau von Ort zu Ort und sich selbst mühselig durchs Leben schleppt. Das, was er spricht, ist Selbstpersislage, und Das, was er zeigt, ist Verspottung des MuseumS- betriebes.
Als Faktum: seine Bude ist immer voll, seine Kasse wohl auch. Seine Heiterkeit verdient das, besonders heute, da es uns ein wenig an Komödiantentum und Spahmacherei fehlt.
Hamburg: Der unbesteigbare Dm
Don O. Hielje.
Wer Geld hat, nimmt die Straßenbahn, wer keins hat, pilgert zu Fuß in der Dezemberzeit zu dem Lleberbleibsel des alten Hamburger Weihnachtsmarktes, Dom geheißen. Dieser weltliche Vergnügungsplatz ist in geistlichster Umgebung gelegen: nämlich auf Dem Hl. Geistseid beim Stadtteil St. Pauli. Der Sportgeist ist ein ernster Widersacher des DomeS geworden; denn allerwärts finden sich auf Dem einst nur Den winterlichen Vergnügen widmeten Felde Plätze. Die Der körperlichen Ertüchtigung Der Hamburger Dienen. Immer schwieriger wird es der Polizei, Den Budenbesihern, Die im Dezember nach Hamburg streben, Raum anzuweisen.
„Selbst?" — Seine Augen stanben weitaufgerissen.
Mit einer raschen Bewegung neigte sie sich über ihn „Du hast recht. Leben ist viel schwerer. — Leb wohl, Bert!"
Er wollte nach ihrem Fuß greifen, Der an ihm vorbeiflihte, aber sie war rascher gewesen unD eilte über Die Treppe.
„Va—ater!" Bis zum Giebel hinaus Dringt Der Schrei.
Von oben kam ein Mann in jagenben Sähen herab.
Zwei hilflose Arme streckten sich Franke entgegen. „Vater!"
Mit Der ohnmächtigen Last schritt Der Doktor nach oben, an Der entsetzten Geheimrätin vorbei, Die mit rasch übergeworfenem Rachtkleide herbeigelaufen kam. An Der Schwelle Des Mädchenzimmers stand Sabine mit schneeigweißem Gesicht und hinter ihr Hella, Den Mantel fest über Den froftelnDen Leib gezogen.
Die Zähne schlugen ihr aufeinander. Wenn Bert nicht geschrien hätte! — Richt geschrien hätte! Sie warf sich über ihr Bett unD hielt Die hämmernDen Schläfen gegeneinanDergcDrüdt. Rein! Rein! Sie wollte nicht mehr sterben! Sie wollte nicht mehr! Leben! Leben wollte fiel Mit unD für Hylmar! Lind wenn es tausendmal schwerer war als alles andere!
Sabine stand im Dünnen RachthemD zitternd vor Der Türe zu Berts Zimmer unD suchte einen Laut zu erhaschen. Aber es war nichts vernehmbar. FrierenD lehnte sie Das Gesicht gegen Den Pfosten unD wartete, bis Die Großmutter herauskommen toürDe. Aber es war Franke selbst. Der jetzt Die Klinke herabDrückte uno sie vor sich stehen sah.
„Was willst Du?" kam es barsch.
Die MäDchenarme hingen schlaff an dem langen, weißen Hemde herab. „Glaubst du, daß ein Gelübde etwas hilft, Vater?"
Er starrte sie wortlos an, ehe er Antwort« gab: „Llnsinn! — Mach, daß Du zu Bett kommst!" Es kam unsicher unD von Erregung Durchschaucrt.
„Ich will Den Schleier bei den Schwestern vom Herzen Jesu nehmen, wenn er wieder gesund wird."
„Sabine!" Frankes Hand hob sich tastend nach Der Tochter. „Kleine Sabine! — Vielleicht sagst Du ihm noch „Gute Rächt!" Er ist jetzt bei Bewußtsein. — Aber ein GelübDe machen, das ist lachhaft. Das sinD ÄinDcreien, Die offenbar in jcDem Frauengehirne spuken. Gehe jetzt, solange er noch wach ist."
Mit sachten Händen schob er sie über die Schwelle unD Drückte Die Türe hinter ihr zu.
Hella, Die mit hochgestützten Knien in ihr,em Bette sah, hörte sein Stöhnen, warf sich in Die Kissen und wühlte Den Kops hinein, Damit sie es nicht mehr hören muhte.
Vielleicht war sterben Doch leichter als leben. — Vielleicht!
Barmherzig nahm sie Der Schlaf in seine kosenden Arme.
(Fortsetzung folgt]


