Oie Menschlichkeit der Ninge.
Don Lieelbet Dill.
Gs gibt Gegenstände, die entschieden menschliche Eigenschaften besihen, mit denen ste anziehen und bestricken, die auf uns wirken wie Menschen, die unsere Freunde sind. Uhren z. B., die wir immer bei unS tragen, die unsere Hönde täglich berühren, die mit uns leben, neben uns. um uns, die uns warnen mit ihrem einförmig gleichmäßigen Ticken vor der fliehenden Zeit, die nie mehr einzuholen ist. Llhren sind Freunde, sie wachen für uns in der Dacht und antworten, wenn wir sie ansehen. Sie beruhigen und licken uns wach. Es gab Llhren, die stillstanden im Krieg, wenn ihr Herr starb, als ob der Herzschlag sie getroffen habe. QI Id Friedrich der Drohe starb, soll seine grobe Uhr im Schlafzimmer in derselben Minute stehengeblieben sein ... Eine alle Schweizer Llhr hat einem Herren das Leben gerettet, der sich im Bergwerk befand, fieben Stollen tief unter der Erde. Die LIhr stand plötzlich still. Da er niemand traf, den er fragen konnte, lieh er sich herauffahren und kaum war er oben, als die furchtbare Explosion erfolgte, bei der fast alle Bergleute umkamen, die mit ihm unter der Erde zusammen gewesen waren. Seine älhr hatte ihn gerettet... Zufall? QHag sein .. Es gibt sonderbare, unaufgeklärte Zufälle...
Blumen „leben". Ein Rosenstrauß entblätterte in einer stillen Mondnacht neben mir mit einem Seufzer, der mich weckte ... ilnö die Rosen lagen entblättert neben mir auf dem Tisch...
Es gibt Möbel, deren Rähe uns ein Gefühl des Behagens einflöht, uns mit einem Heimatgefühl, einer Sicherheit umgibt, die so wohltuend ist wie die Gegenwart eines geliebten Menschen... Sie schauen uns an, und wenn wir sie berühren, ist's, als lebten sie... Es gibt alte Schränke, die Rachts leise krachen und stöhnen. Sie sind alt und müde, sie seufzen leise in der Rächt. Man gewöhnt sich an Möbel so, dah man sich auf das Wiedersehen mit ihnen freut, an die man denkt wie an Menschen, 8.03. an seinen Schreibtisch, sein Bett, eine alte Kommode, einen gern benutzten Sessel... Wir lieben sie nicht, weil sie zufällig uns gehören, wir sie geerbt haben, sondern weil sie so Diel mit uns erlebt haben und uns kennen. Sie sind unsere Freunde geworden. Ich habe Heimweh nach meinen Möbeln, sagte eine Dame, die von einer Weltreise zurückfuhr mit dem Schiff.
Weshalb können sich Menschen oft nicht von stil- losen, hählichen, unbequemen Dingen und Sachen trennen? Weshalb trauert man verlorenen Gegenständen nach wie Qkrftorbenen?... Es gibt Porträts, die.leben", obgleich die gemalten Menschen längst
zu Staub geworden sind. Böse Bilder, die abstohen und verwirren und solche, die uns anziehen mit ihrem Lächeln... Bilder, die uns mit ihrem Blick verfolgen. Wohin wir auch im Zimmer gehen, immer sieht das Bild uns nach, mit unvergehlichen Rügen... Wenn sich ein Bild plötzlich vom Ragel löst und zur Erde fällt, gilt das bei Abergläubischen für eine Warnung vor einem Unglücksfall... Ich habe es zweimal erlebt, dah ein Porträt von der Wand stürzte und kurz darauf der Porträtierte schwer erkrankte oder starb...
Gewiffe Schmuckfachen bringen „Unglück".Es gibt Steine, vor denen die Horoskopdeuter warnen, Steine, die uns „nicht liegen", die jedem, der sie trägt, Unheil bedeuten. Wenn man aus Ringen, die wir täglich tragen, plötzlich einen Stein verliert, ist es, als gäben sie ein Lebenszeichen von sich... Schmuckstücke verschwinden spurlos, halten sich versteckt, um plötzlich wieder aufzutauchen an einem Ort, an dem sie niemand vermuten konnte... Wie sie dort hingerieten, weih niemand...
Und die Bücher... Stehen sie nicht immer da und leisten unS Gesellschaft? Ihre Rähe beruhigt. Sie trösten, erheitern, unterhalten uns, lasten uns eine schlaflose Rächt erträglich werden, uns Sorgen ver- gesten. Eie berauschen und begeistern. Sie stehen geordnet da in Reih und Glied und warten, bis wir sie rufen. Dann sind sie für uns da... Sind das keine menschlichen Eigenschaften, meine Damen? Gibt eS einen verläßlicheren Freund als ein Buch? Einen, der sich nie verändert, uns nie ärgert, sich nie rächt, uns nie betrügt, und was er sagt, behält Geltung für immer.
Es gibt unheimliche Zimmer und „tote Wohnungen", in denen eine drückende, schwere Luft steht, die von den Möbeln ausgeht, den Tapeten ... und strahlende Zimmer, Gegenden, in denen sich immerfort Unglück ereignet, Gegenstände, bei deren Anblick uns ein Schauer überläuft. Ich sah Maria Stuarts Kruzifix im Glasschrank in Walther Scotts stillem Schloß, hoch oben in Schottland. Sie trugs auf ihrem letzten Gang zum Schafott... Und Marie-Antoinettes letztes Hemd, ihre feinen Strümpfe im Musee Cama- valet, ihrer Schwägerin Elisabeth armseliges (Sefäng- nisbett, die grobe Serviette von Louis XVI., die er bei seiner Henkersmahlzeit benutzte. Daö blutdurchtränkte Hemd Gustav Adolfs im Rordischen Museum zu Stockholm, in dem er in der Schlacht bei Lützen fiel: und die Maske des.Theaterkönigs" Gustav III. von Schweden, der nach einem MaSkenfest in der Oper ermordet ward.
Briefe haben etwas Menschliches, ihre Handschrift, ihre Art... Ihre geschriebenen Worte sehen uns an wie Totentafeln von Bekannten auf den Fried»
Nr. H8 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
5reltag, 27. Juni (95Ö
Oie Kolonialfront der Komintern
Reue welirevolutionäre Hochkonjunktur in Asien.
Don unserem d«.-Berichterstatter.
Eindruck, dah die Moskauer Machthaber einen zwar kleinen, aber zuverlässigen kommunistischen Apparat geschaffen haben, der nicht nur in China, sondern vor allen Dingen auch in D r i t i s ch - I n d i en und Französisch-Indochina funktioniert und Moskau über alle Vorgänge in diesen Ländern auf das genaueste unterrichtet. Denn intcreffanter- weise verfallen die Sowjets heul? nicht mehr in die plumpen Fehler, die die kommunistische Propaganda anfangs in Asien machte. Man treibt keine wilde Massenpropaganda mehr, sondern sucht sich die Objekte, die für die kommunistische Politik gewonnen werden tollen, von Fall zu Fall auf das genaueste aus und seht mit gröberer Propaganda nur dort ein, wo entweder in der Bauernschaft oder in dem Industrieproletariat durch wirtschaftliche Rot und Unruhen eine sichere Grundlage für die kommunistische Betätigung besteht. Auch dann hütet man sich jedoch, direkt für den Kommunismus zu werben. Man unterrichtet lediglich die Asiaten im europäischen Klassenkampf, d. bi lehrt sie es, Streiks durchzuführen, Gewerkschaften xu bilden, passiven Widerstand zu leisten und Demonstrationen so aufzuziehen, dah die Polizei ihrer nur schwer Herr wird, kurz nur daS, was uns als kommunistische Betätigung „legaler" Art in Europa bekannt ist.
Es ist nicht xu verkennen, dah die Sowjets hiermit beträchtliche Erfolge erzielt haben. Die Be» richte aus Dritisch-Indien zeigen auf das deutlichste den Einfluh kommunistischer Schulung. Die Bildung von „Rothemden" an der afghanischen Grenze, die Durchführung des Boykotts europäischer Wareir, die Agitation für den Steuerstreik zeugen ebenso sehr für Moskau wie das gelegentliche Mitführen roter Fahnen, die die Embleme der Sowjet-Union, den Hammer und die Sichel, tragen. Die Berichte der französischen Presse, die davon sprechen, dah bei den letzten Zusammenstößen in Indochina die Aufrührer die Polizei unter Hochrufen auf die kommunistische Internationale entwaffnet hätten, lassen ebenfalls keinen Zweifel daran übrig, wo die Drahtzieher dieser ®ingeborenen-03ctt>egung sitzen. Und wenn schließlich in China dieser Tage eine chinesische kommunistische Partei ihren Jahrestag abhalten konnte, auf dem ein „Programm zur Bekämpfung des Imperialisten Tschiangkaischek" aufgestellt wurde, so ist auch das ein Zeichen dafür, dah die Mahnahmen der Ranking-Regierung nicht ousgereicht haben, um den Kommunismus an einer Wiederentfaltung feiner Tätigkeit zu hindern. Hat Losowski die Ereignisse in Indien als das Erfreulichste bezeichnet, was die Komintern auf der sogenannten Kolonialfront erzielt habe, so ist der Stolz, der hieraus spricht, also nicht gan^ unberechtigt.
Allerdings wird man nicht verkennen dürfen, dah es sich zunächst wieder einmal, genau wie in den ersten Jahren kommunistischer Asienpropa- ganda, um Anfangserfolge handelt. Durchschlagendes ist bisher in Asien noch nicht erzielt worden. Damit rechnet man in Moskau vorläufig wohl auch noch nicht. Man hat gelernt, es zu ertragen, dah die kommunistische Q3etoegung immer wieder Rückschläge erleidet, ehe sie zu einem Erfolge führt. Aber gerade deswegen ist man diesmal um das Schicksal der kommunistischen Parteigenossen auch wenig besorgt. Fallen sie auf dem Felde des Klassenkampfes, so sind sie nach Moskauer Ansicht „Märtyrer, die die Weltrevolution vorbereiten helfen", und ein Aniah mehr, die Propaganda fortzusehen. Düs Menschenreservoir Asiens ist ja überdies so grob, dab es auf Individuen nicht ankommt. Immer wieder finden sich neue Schüler, die nach Moskau pilgern, um hier die Lehren Lenins in sich aufzunehmen und
Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! Moskau, Juni 1930.
In den auswärtigen Beziehungen der Sowjet- Union spielt die Propaganda der kommunistischen Internationale noch immer die Hauptrolle. Die Sowjetregierung leugnet das zwar offiziell immer toieber ab. Aber trotzdem ist eS eben doch eine Tatsache, dah das Qkrlangen nach Ausbreitung der Weltrevolution im kommunistischen Dusen xu groh ist, als dah Moskau derartige Bestrebungen unterdrücken könnte. Das letzte Kommunique über d i e deutsch-russischen Beziehungen, in dem^die Sowjet-Regierung sich verpflichtete, sich aktiver Einmischung in die Angelegenheiten Deutschlands zu enthalten, muh daher in der gesamten Welt entweder als unaufrichtig erscheinen oder als leere Formel angesehen Werder, der nicht mehr Glauben beizumessen ist als in früheren Jahren der Steuerung des Friedenswillens der zaristischen Regierung. Trotzdem wäre es illoyal, wenn man nicht anerkennen wollte, dah die Komintern zur Zeit dieser Versicherung der Sowjet- Regierung keine ernstlichen Schwierigkeiten zu bereiten wünscht, weil ihre Interessen auf anderem Gebiete liegen: in Ruhland glaubt man wieder einmal an den bevorstehenden Erfolg der Weltrevolution in Asien.
Das erweckt die Erinnerungen an die Jahre, in denen Karachan in Asien tätig toar und persönlich die Hilfstruppen für den Bolschewismus warb. Bekanntlich sind diese Qöeftrebungen bet Russen jedoch seinerzeit gescheitert. Karachan, der sich schon als Vorsitzer des Rates der Volkskommissare Sowjet-Chinas sah, muhte dieses Land verlassen und die siegreiche Regierung Tschiang- kaifchekS rottete in den Jahren 1927,28 den Kommunismus in China mit Feuer und Schwert aus. Auch in den übrigen asiatischen Ländern waren der kommunistischen Politik so schwere Mißerfolge beschieden, dah selbst die parteioffiziöse Presse es in Rußland für wichtig hielt, zunächst einmal nicht allzu viel von Asien zu sprechen und neue Methoden für die Arbeit der Sowjet-Emissäre vorxuschlagen.
Wenn es infolgedessen in den letzten Jahren den Anschein gehabt hat, als ob die sowjet- russische Propaganda in Asien nach den Mißerfolgen nachgelassen habe, so entspricht dies nicht den Tatsachen. Im Gegenteil, die Mißerfolge haben die Komintern zu um so größerer Tätigkeit angespomt. Rur hat Rußland die Methode gewechselt. Während man früher ein Bündnis mit irgendeinem bodenständigen, möglichst antiimperialistischen Faktor schloß, ist man in den letzten Jahren dazu übergegangen, selbständige kommunistische Zellen aus treu ergebenen und stramm proletarisch orientierten Parteigenossen in Asien aufzubauen. Das ging natürlich nicht auf einmal. Man konnte immer nur einige wenige Persönlichkeiten aus den asiatischen Ländern dazu bewegen, ihren Wohnsitz auf ein ober zwei Jahre nach Moskau zu verlegen, um sich hier in ben verschiebenen Instituten der Sowjetunion Kampfmethoden und Parteidisziplin des „kämpfenden Proletariats" anxueignen. Roch schwieriger war es erklärlicherweise, die so ausgebildeten Leute in bie asiatischen Länder xurück- gelangcn xu lassen. Japan, China, Britisch- und Französisch-Indien verbieten Kommunisten das Landen, und so muhte mancher der Parteiagitatoren in beschwerlichen Märschen durch Zentral- Asien hindurch und über die Pässe der Hochgebirge hinüber versuchen, an unbewachter Stelle die Grenze seines Heimatlandes zu überschreiten.
Das ist aber anscheinend doch einer ausreichenden Anzahl von Agitatoren geglückt. QBer heute die Sowjetpresse verfolgt, gewinnt jedenfalls den
dort von neuem zu beginnen, wo ihre Vorläufer scheiterten.
Und hier versagt eben auch daS bisherige System der Abwehr, das die sogenannten impc- realistischen Mächte aufgerichtet haben. '5*ie Sowjet-Union lebt ja mit all diesen Ländern in Sieben. Infolgedessen können die imperialistischen Länder ben Handelsverkehr mit Rußland nicht unterbinden. Unter dem einen oder anderen Vorwand bleiben die Verbindungen zwischen Sowjet-Rußland und Asien bestehen, — womit auch die Wiederanknüpfung der Beziehungen zwischen den Kommunisten und den chiatischen Volkern möglich bleibt. Sowjet-Ruhland'ist eben in der Vorstellung der bürgerlichen Rationen ein WirtfchaftSfaktor, der nicht zu entbehren ist. Riemand hat den Mut, mit diesem Lande endgültig zu brechen, eine Einstellung, die, wie man sieht, durchaus nicht nur auf Deutschland beschränkt ist. Dann man mißversteht wie bei uns, auch in der übrigen Welt, das Sowjet-System gänzlich, weil man sich embilbet, daß eS rein wirtschaftliche Interessen kenne. Für den Kommunisten ist und bleibt aber die Ausbreitung der Sowjetlehre das A und O seiner Politik, und so sind die wirtschaftlichen Beziehungen der Sowjet- Union die Drücke, die immer wieder Qffiaten nach Moskau führt...
Generalversammlung der Buhbach-Licher Eisenbahn A G
Am 24. d M. fand die diesjährige Generalversammlung der Dutzbach-Licher- Gisenbahn - Akt.-Ges. im „HessischenHof" in Butzbach statt, der je eine Sitzung des Aufsichtsrates der Gesellschaft vorausging und folgte.
Jur Tagesordnung standen: 1. Bericht des Vorstandes über die Wirtschaf t licheLage des Unternehmens: 2. Genehmigung des Geschäftsberichtes, der Bilanz nebst Ge- । toinn- und Verlustrechnung per 31. Dezember 1929 ; 3. Satzungsänderung: 4. Aufsichtsratswahl; 5. Verschiedenes.
Rn Stelle des verstorbenen Dorsitzenben Medizinalrat Dr. Vogt leitete der stellvertretende Vorsitzende Oekonomierat Hofmann (Hof-Güll) die Tagungen. Vor Eintritt in die Tagesordnung begrüßte er die Erschienenen, insbesondere die Vertreter der beiden Kreise, Kreisdirektor R e ch - t h i e n (Friedberg) und Reg.-Rat Schmidt (Gießen). Dann gedachte er in warmen Worten des verstorbenen Dr. Vogt, dessen Andenken in der üblichen Weise geehrt wurde. Den Bericht über die beiden ersten Punkte der Tagesordnung gaben die Vorstandsmitglieder der Gesellschaft, die Regierungsbaumeister R o a ck und Semke. Wie man ja schon auS der Tatsache entnehmen konnte, daß die Bahn teilweise zum QIu tobe trieb für den Personenverkehr greifen mußte, um übergroße Okrlüfte zu vermeiden, ist die wirtschaftliche Lage der Bahn höchst prekär. Schon das Jahr 1928 schloß mit einem Derlust von fast 36 000 Mark ab, der sich in 1929 mit über 67 000 Mark erhöhte. Im Jahre 1929 war der Personenverkehr um rund 50 000 Passagiere zurückgegangen, während der ausschlaggebende Güterverkehr gegen 1928 einen Ausfall von über 63 000 Tonnen erlitt Schuld daran ist das Ausbleiben der Frachten aus den Basaltsteinbrüchen bei Ober-Dessin gen und Oueckborn, von denen der erstere ganz einging, während der andere längere Zeit still lag und auch heute nur ein unsicheres Unternehmen bildet Da auch noch andere srachtanliefemde Unternehmungen durch die wirtschaftliche Lage im Qlbbau begriffen sind, wird das Bahnunternehmen auf eine Besserung feiner Lage durch Erhöhung des Frachtverkehrs wenig Hoffnung sehen dürfen. Der Autoverkehr rentiert z Zt auch noch nicht Sollte er rentabel fein, so müßte er auf den Kilometer etwa 60 Pfennig eintragen, während er bisher nur 34 Pf. einbringen konnte. Qlber e« läßt sich — da dieser Betrieb erst seit einem Monat eingerichtet ist — noch kein abschließendes Urteil fällen. Die seitherige
Höfen, bei deren Anblick vor uns daS Geficht besten erscheint, der den Rarnen trug...
Es gibt Gegenstände, vor denen wir in Ehrfurcht stehen wie vor alten weisen Menschen. Vor den Schreibtischen berühmter Menschen, dem behag- lichen in Dickens HauS, dem Carliles, dem schwarzen „Shakefpearedeik" in seinem Häuschen in dem stillen Städtchen im „Shakespearelqnd", dem Schreibsestel in Form eines Pferderückens in Goethes Gartenhaus, dem armseligen eines Strindberg oder dem Schillers... vor der Wiege Bachs in Eisenach in dem engen Schlaf- zimmer neben dem Elternbett, vor dem letzten Feld- blumenstrauh in Schloß Paretz, den die schöne kranke Königin Luise pflückte, und der Flöte, die Friedrich der Große still weglegte, als er sie im letzten Jahr noch einmal versuchte — und es nicht mehr ging ...
Briefe, die jemand kurz vor seinem Tode schrieb und die wir lesen, nachdem der Schreiber nicht mehr lebt, wirken wie eine Begegnung mit Gespenstern, wie eine Rachricht aus einer anderen Welt... Sie mahnen an etwas, das wir so gern vergesten, daß wir alle sterblich sind... wie jene Dinge, die so — menschlich sind...
Oer Saturn.
Don Professor Or. Küstermann.
In der Rächt vom letzten Juni zum l.Iuli tritt der Saturn, der äußerste der mit freiem Auge sichtbaren Wandelsterne, in Gegenstellung, die sog. „Opposition", zur Sonne: dies bedeutet eine Art Höhepunkt seiner Sichtbarkeit: denn einmal steht uns der Stern dann am nächsten, was allerdings gerade beim Saturn nicht sehr ins Gewicht fällt, dann aber ist er alsdann die ganze Rächt sichtbar, weil er gerade mit Sonnenuntergang auf- und mit Sonnenaufgang untergeht.
Die große Langsamkeit, mit der sich diese« Wandelstern bewegt, bringt es mit sich, daß sich seine Sichtbarkeit nur sehr langsam mit der Jahreszeit verschiebt. Rur um etwa zwölf bis dreizehn Tage verspätet sich von Jahr xu Jahr die Gegenftellung zur Sonne, und man kann sich danach leicht ausrechnen, daß er noch mehrere Jahre hindurch Sommerstern bleiben wird und erst etwa nach fünf, sechs Jahren beginnt, ein Herbststern zu werden. Vorläufig können wir chn also als eine Art alyährlichen Sommergast am Himmel auffassen.
Das helle Licht, das der Jupiter und die Venus fast immer zeigen, und in dem auch der Mars zur Zeit seiner Gegenstellung immer erstrahlt, ist dem Saturn freilich versagt. Er leuchtet
Minderbenutzung dieser Derkehrsangelegenheit läßt sich schon dadurch erklären, daß die an bet Strecke wohnende Bevölkerung durch die Häufung der landwirtschaftlichen Arbeiten nicht zu Reisen kommen konnte. Sehr drückend ist auch die Steuerlast, die auf dem Unternehmen liegt. Wenn es auch bisher noch nicht gelungen ist, daS zuständige Finanzamt zu einer Reuveranlagung zu bewegen, so scheint doch eine gerecht« Veranlagung nur einen Bruchteil der Steuern auf daS Bahnunternehmen legen zu können von der Summe, die eS jetzt tragen soll. In dieser Sache sind alle Maßnahmen unternommen worden, deren Ersolg davon abhängt, daß das zuständige Finanzamt endlich die Unterlage zu dem otcuerftreitDetfabrcn liefert
Diese Lage der Bahn nahm der Vertreter deS HauptaktionärS, der Firma Lenz-Berlin, Dr. Stephan, zum Ausgangspunkt seines Ganic- rungSplaneS. nach welchem die Stredengemcinben, die beiden interessierten Kreise und der Staat um ihre Hilse zur Erhaltung der Dahn angegangen werden sollen. Während die Gemeinden ihre Hilfe in der Form leisten können, daß sie ihre Obligationen im Verhältnis von I zu I in Aktien umtauschen oder auf längere Zeit auf die Zinsen verzichten, werden der Staat und die Kreise um Zuschüsse angegangen werden. Wenn dieser Sa-, nierungsplan auf längere Zeit befolgt wird, so' wird auch die Butzbach-Licher Eisenbahn wieder auf eine feste Grundlage gestellt werden.
Eine Kommission, bestehend auS dem Vertreter des Hauptaktionärs, dem Vertreter der beiden Kreise und dem Vertreter der Gemeinden wurde gebildet, die auf Grund ihrer Prüfung der finanziellen Lage der Dahn dann geeignete Vorschläge machen wird, die hoffentlich zur Erhaltung deS für die Gemeinden lebensnotwendigen Ver- kehrSunternehmenS führen werden. Auf jeden Falt steht aber fest, daß die ganze Bahn sehr gefährdet ist, und daß sie, wenn ihr keine Hilfe kommt, vor der Betriebsschließung stehen wird.
Rachdem dem Vorstand und dem AufsichtSrat« Entlastung erteilt worden war, schritt man xur Beratung der Satzungsänderung, die durch die Angliederung deS AutobetriebeS nötig geworden toar. Rachdem auf Befragen von dem Vorstand ausdrücklich bestätigt worden toar, daß durch diese Satzungsänderung keine Aenderung bet Konzessionsurkunde bedingt werde, ftimmte die Generalversammlung zu. Die Reu wähl deS AussichtSrateS ergab, daß für die durch Tod oder durch den Turnus ausscheidenden Mitglieder Dr. Vogt (Butzbach). Altbürgermeister Dr. Kaiser iBad-Rauheim) und Dr. Jaffe (Berlin) gewählt wurden: RegierungS- baumeister S e m ck e, Dr. P u n o und Dr. Stephan (Berlin), neu hlnzugewählt wurden Bürgermeister Dr. Jansen (Butzbach), Bürgermeister Dr. Geil (Lich) und Beigeordneter Kling (Dad-Rauheim). Der Aufsichtsrat wählte dann Dr. Stephan zu seinem Vorsitzenden, während Oekonomierat Hofmann stellvertretender Vorsitzender blieb.
Oer Darmstädter Etat verabschiedet.
WSR. Darmstadt, 26. Juni. In einer zum Teil außerordentlich lebhaften Sitzung gelang es nach längeren Verhandlungen, in den Ausschüssen und unter den Parteien den im Darmstädter Haushaltsvoranschlag 1 9 3 0 verbliebenen Fehlbetrag von zirka 2 Millionen Mark auSzuglei- chen. Der Voranschlag der Verwaltung wurde mit 28 gegen 19 Stimmen angenommen. Dafür stimmten die Sozialdemokraten, die Demokraten, das Zentrum, die Deutschnationalen und die Handwerks- und Gewerbevereinigung. Der DeckungS- vorschlag der Verwaltung sieht u. a. vor ander Erhöhung der KronkenhauSta- rife 55 000 Mark, aus der Erhöhung deS Wassergeldes auf 35 Pfennig pro Kubikmeter 216000 Mark, aus der Erhöhung der Gebäudesteuer auf 42 Pfennig 562 000 Mk.. aus Entnahmen aus verschiedenen Fonds 230 000 Mark, aus der Gewerbesteuererhöhung
nicht Heller als die hellsten Fixsterne und wirb sogar von einigen von ihnen an Glanz übertroffen. Aber dafür bietet er sonst deS Merkwürdigen genug. Da ist z. B. der Ring, unzweifelhaft eine« der sonderbarsten Gebilde des Himmels, und gleich reizvoll, von welcher Seite wir ihn auch betrachten. Dem unbewaffneten Auge bleibt er -war verborgen, aber bemerkbar macht er sich doch: denn die Helligkeit des SaturnS hängt in erster Linie davon ab, ob wir auf dem toeitgeöff* neten Ring ober nur auf feine Schmalseite sehen. Dieser ümftanb ist auf die Helligkeit von größerem Einfluß als feine Entfernung von der Erde, die sich nur unerheblich ändert. Richt minder merkwürdig ist dieser Ring, wenn wir ihn geschichtlich betrachten. Der grobe Galilei war ja her erste, der den Himmel mit seinem selbst- gebauten Fernrohr durchmusterte, und natürlich konnte seinem scharfen Auge nicht entgehen, daß der Saturn nicht die klare Scheibenform wie etwa der Jupiter oder der MarS zeigte. Aber er konnte die Abweichung noch nicht richtig deuten. „Den höchsten Planeten habe ich dreifach gesehen", berichtete er, und war äußerst bestürzt, als einige Jahre später die Anhängsel spurlos verschwunden waren, weil er nämlich jetzt auf die Schmalseite des Ringes sah. Erst dem großen niederländischen Mathematiker und Physiker Hu y g e n s gelang die richtige Deutung.
Ratürlich hat auch die neuere Stern hm be ben Saturnring untersucht unb festgestellt, baß er aus einer großen Zahl einzelner Körperchen, also, wenn man will, aus vielen Tausenben oder Millionen von Zwergrnonben besteht. Während bet Saturn selbst von einer Lufthülle umgeben ist, ist bies beim Ring, ähnlich wie bei unserem Srbmonb, nicht bet Fall. Wir wissen übet ben Ring jetzt unzweifelhaft besser Be- scheib, alS manche Saturnbewohner selbst, wenn diese seine Polargegenb nicht verlassen fönnen. Dort ist nämlich der Ring nicht sichtbar, und man famt sich vorstellen, was solche Saturneski- moS für erstaunte Gesichter machen würden, wenn f ie bei einet Sübreife plötzlich dieses riesige Ding übet ihren Häuptern sähen, das schließlich ganz senkrecht über ihnen schwebt.
Monde hat der Saturn nicht weniger alS zehn, ist also noch mondteichet als selbst ben Jupiter mit seinen neun Begleitern, unb ebenso wie bei diesem vollzieht sich bet Wechsel von Tag unb Rächt in bet seht kurzen Zeit von etwa zehn Stunben. Auch die damit zusammen- hängenbe starke AbPlattuiP hat er mit benj Jupiter gemeinsam.


