Ausgabe 
27.2.1930
 
Einzelbild herunterladen

Nr. <9 Zweites Blatt Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen) Donnerstag, 27. Sebruar 1930

Bolschewistischer

Propaganda-Kampf.

Die kommunistischen Machthaber im Kreml wis­sen ganz genau, welche Macht und welche Ge­fahr die öffentliche Meinung in der Welt bedeutet. Sie haben längst erkannt, daß sie gegenüber einer geschlossenen Front der übri­gen Welt in der Religionsfrage über kurz oder lang die Waffen strecken mühten. Des­halb hat sich die Lage für Rußland gewaltig verschlechtert, seitdem auch die römisch- katholische Kirche die Versuche einer Ver­ständigung als aussichtslos auf gegeben hat. Die Verfolgungen der Gläubigen in Rußland sind wiederum ein neues Beispiel für einen po­litischen Terror, wie er in diesem Umfang in der Welt bisher wohl noch nicht vorgekommen ist. Würde die gesamte Oessentlichkeit davon in der geeigneten Weise unterrichtet werden, dann wären die Folgen nicht nur für die direkten Beziehungen Rußlands zum Auslande verhäng­nisvoll, sondern dann würde auch die kommu­nistische Propaganda im Ausland, die stark mit vorgetäuschten Freiheitsbildern arbeitet, erheblich beeinträchtigt werden.

Es war deshalb kein ungeschickter Schachzug, daß die Moskauer Machthaber die Oberhäupter dec russisch-orthodoxen Kirche dazu veranlaßt haben, in einem Interview an die Jswestija" alle Rachrichten über Religions­verfolgungen in Rußland zu dementieren. Die Glaubensbekenntnisse seien vollkommen frei, und wenn Kirchen geschlossen würden, so erfolge das nicht auf Antrag der Behörde, sondern auf den Wunsch der Bevölkerung. Wegen der religiösen Heberzeugung werde in Rußland kein Priester verfolgt, wohl aber wegen regierungs­feindlicher Handlungen. Die Kirche habe eben das Mißgeschick, daß sie zu sehr in der früheren Zeit mit der monarchistischen Ordnung verwachsen war und sich nicht schnell genug umstellen konnte. Leider gebe, es immer noch viele Geistliche, die sich den Sowjctbehörden gegenüber nicht loyal verhielten. Für die Abhaltung von Gottes­diensten und Predigten seien keinerlei Beschrän­kungen vorhanden. Alle Meldungen über brutale Verfolgungen von Geistlichen entsprächen nicht den Tatsachen.

Der Pferdefuß dieser Erklärung ragt an fol­gender Stelle deutlich heraus:Wir (die Vertre­ter der obersten Kirchcnbehörde Rußlands) halten es für notwendig zu erklären, daß uns d i e jüngste Botschaft des Pap st es gegen die Sowjetmacht aufs höchste befremdet. Ter Papst betrachtet sichals Vertreter Christi", doch litt Christus für die Unterdrückten und Entrechteten, während der Papst durch seine neue Botschaft in das Lager der englischen Groß­grundbesitzer und der französischen G e l d s ä ck e gerät." Die Geschichte der katho­lischen Kirche sei eine ununterbrochene Kette von Verfolgungen Andersgläubiger bis zur Fol­terung und Verbrennung auf dem Scheiter­haufen. Der Papst wolle auch in diesem Falle seine Herde auf Rußland Hetzen und dadurch Scheiterhaufen zur Vorbereitung des Krieges gegen die Völker der Sowjet-Union in Brand steaen. Seine Botschaft sei überflüssig, da die griechisch-orthodoxe Kirche sich selbst schützen werde. Ebenso verdächtig seien die plöh.ichen Sympathie-Empfindungen der anglikani­schen Kirche.Das werktätige London be- trachtet die Rede des Erzbischofs von Canter» bury als eine Aktion, die nach Petroleum riecht."

Dies ist etwa der Tenor der Erklärung, die die Unglück.ichen Oberhäupter der russisch-ortho­doxen Kirche in dem offiziösen Blatt der Mos­kauer Regierung haben abgeben müssen. Diese russischen Kirchcnfürsten werden sich ver­mutlich sehr schnell darüber klar geworden sein, daß eine Verweigerung der Unterschrift s i e denselben Tor turcn ausgesetzt hätte, über die jetzt die ganze Welt entrüstet ist. Da­bei ist die Stilisierung dieser Erklärung so un­

geschickt, dah man ihr die Herkunft aus einem kommunistischenPropaganda- b u r e a u kilometerweit ansieht. Alle die Bos­heiten gegen die anderen Kirchen, die die russische Regierung in ihrer Wut jetzt gern zur Kenntnis der Oessentlichkeit bringen wollte, leg. sie zwangs- weise den Führern der russisch-orthodoxen Kirche in den Mund. Dabei weiß man aus früheren Zeiten, daß die Führer der russischen Kirche durchaus die Anlehnung an die übrigen Kirchen gesucht haben und dah es ihnen ein Bedürfnis

war, die christliche Oessentlichkeit der ganzen Welt für die Verfolgungen zu interessieren, denen das Christentum in Ruhland heute ausgesetzt ist. Eine plumpere Agilationsmache als dieses Interview, das angeblich die russischen Kirchenfürsten gegeben haben sollen, ist lange nicht dagewelen. Man wird in der ganzen Welt diese Kundgebung in ihrer wahren Bedeutung richtig einschähcn, das heißt man wird sie bewerten als ein Dokument russi­scher Fälschungskunst und sowjetistischen Kirchen- Hasses.

Llnser Gast Mussolini.

Don unserem römischen ^.-Korrespondenten.

Rom. Februar 1930.

Mein Rachbar Mussolini kann die Einla­dungen nicht leiden. Wenn ich abends an seinem Hause vorbeigehe, bann sind die Fenster niemals so festlich beleuchtet, wie das die Gesell- schoftsromane so mottenanziehend schildern, und wenn ich über die stillen Wipfel hinüberhorche, die meinen Garten von seinem Park trennen, die Steineichen und die Pinien, den Lorbeer nicht zu vergessen, dann ist keine Ballmusik zu hören. Rur ab und zu betritt ein Mann mit einem Geigenkasten unter dem Arm die Villa Torlonia. nur selten deckt Frau Rachele den Tisch für mehr Personen, als die Familie zählt. Der Duce gibt keine Empfänge und kommt zu keinem Empfang.

Letzthin hat er sich abends einen wissenschaft­lichen Expeditionsfilm vorführen lassen, da war niemand anders zugegen als seine Kinder. Wenn er einmal aus Staatsinteresse ausgehen muh. zum Bankett für einen illustren Mann aus der Fremde, dann berichtet die Weltpresse darüber. Sonst aber hält er es mit Einladungen fast wie der Papst.

Er kennt nur eines: Arbeit. Und'daneben seine Familie. Er lebt nur für Volk und Heim. Er ist ein Volkstribun im modernen Sinne nnt> er ist ein trefflicher Familienvater vom alten Schlag. Muß man auf einen solchen Gast nicht stolz fein? Sollten wir uns nicht freuen, daß er doch einmal von seiner Regel abwich und unserer Abcndeinladung folgte und bis Mitter­nacht blieb? Es war sogar für die alte Roma ein Ereignis.

Wir haben ja manches Mal große Männer zu Gast und dann ist das Haus immer voll von Geladenen, die kommen, den Besuch zu sehen. Es kommen gegen sechzig Leute, wenn der alte Haudegen, Quadrumvir und Kolonialsoldat De Bono bei uns den Tee nimmt. Es umringen den im Verhältnis blutjungen Außenminister G r a n d i wohl fünf Dutzend Herren und Damen, besonders Damen. Dem Gouverneur der Stadt, dem Fürsten Ludovisi Boncompagni. gehörte die Zuneigung von über einem halben Hundert Menschen, und wenn dieser Tage Scho­ber die Häupter seiner Lieben gezählt hätte, wäre er auf die gleiche Summe gekommen. Sechzig Personen faßt unser Haus, und wenn es hoch- kommt, so sind es siebzig. Als aber Mussolini tarn, da waren es über dreihundert. Und es ist doch köstlich gewesen.

Minister und Bundeskanzler, der Sekretär des Völkerbundes und der neue amerikanische Bot­schafter haben viel zu tun, sie können ihren Be­such unmöglich über eine halbe Stunde, wenn es ihnen besonders gut gefällt, über eine Stunde ausdehnen. Der Duce dagegen blieb und blieb... Er fühlte sich, ja, so sagte er, unterKollegen.

Und nun werden Sie wohl, falls Sie nicht überhaupt schon selber, einmal in Rom an dieser gastlichen Stätte weilten, ahnen, welches Haus gemeint ist. Der Klub der ausländischen Presse nämlich. Irre ich nicht, so haben doch auch Sie. Exzellenz, und Sie, Herr General­direktor, Herr Verleger. Herr Bankier, Ihr Scherflein zur Verschönerung dieses Hauses bei­getragen. von dem unser Präsident in seiner Be­grüßungsansprache an Mussolini sagte, es sei ein

Unikum auf der Welt? Sie sind vielleicht socio. Ehrenmitglied, auch wenn Sie keine Artikel schrei­ben, und dann hätten auch Sie das Recht gehabt, mit Ihrer Signora diese mit der Laterne zu suchende Gelegenheit wahrzunehmen: Mussolini zu sehen und zu sprechen.

Wir ausländischen Iournalisten, die Gründer des Circolo della Stampa estera, vertreten fünf­undzwanzig Rationen und vertragen uns. Wir find der Völkerbund der Presse. In un­serer Derufsvereinigung, der Associazione della Stampa estera, der Urzelle des Klubs, haben wir einen Schweizer an die Spitze gestellt und einen anderen Schweizer zum Vizepräsidenten gemacht. Run, ich bin nicht dazu oa. unsere Verdienste zu preisen, nachdem es schon Mussolini damit getan hat, daß er eines schönen Tages sagte, die ausländische Presse müsse in Rom ein würdiges Haus haben. Das sagte er dann auch zum Gou­verneur und der Gouverneur lieh seine Blicke über die Aemter des Landes schweifen, bis sie auf dem alten Steueramt haften blieben. Das liegt mitten in' der Stadt und hat sogar ein Fenster auf den Corso hinaus. Da quartierte er uns ein. Mussolini schenkte uns das Haus und wir, wir empfangen ihn nun dort als Gastgeber.

Es war rührend.

Die Wohnung mußte ausgeräumt werden, Tische und Stühle verschwanden, wir machten uns aus ein vollzähliges Erscheinen der Mitglieder gefaßt und, kaum glaublich, sie kamen tatsächlich alle, dreihundert und mehr. Lind die Damen holten das ganz große Abendkleid hervor und machten ebensolche Augen und rüsteten sich mit Mussolinibildem aus. Cs erschienen die Bot­schafter und Gesandten von ich weiß nicht wie vielen Rationen, es leuchtete der Scharlach der Prälaten und es warteten im Ehrensaal auch be­scheidene Iournalisten, die sich ihr Brot sauer genug verdienen müssen. Mussolini weiß, wie das ist, er macht da feinen Hnterschied.

Er kam. mit feinem gewinnenden Lächeln, er lieh sich willig in die Presse pressen und zuckte nicht einmal, als die Photographen die Schein­werfer auf ihn richteten, die rücksichtslos abtaften und grell festhalten. So, meinte er, nun ist der Geschichte Genüge getan, Hnb hörte sich die Rede an und erwiderte mit solchen Worten, wie sie dann im Sperrdruck in den Zeitungen erscheinen. Riemand solle glauben, dah er von uns verlange, die Wahrheit zu retuschieren. Rein, wir sollten sie nur so darstellen, wie sie unseren Augen und unserem Verstand erscheine. Wir hätten ja das Glück, in einer ziemlich interessanten Periode der italienischen Geschichte zu leben...

An diesem Manne, das sah man wieder ein­mal deutlich, ist kein Falsch, und wenn er, wie man hören kann, der größte Schauspieler Italiens wäre, so liegt ihm doch nichts schlechter als die Pose. Dor uns gab er jedenfalls keine Vor­stellung und keine Verstellung. Er war wiederMussolini, der Iournalist". Rach der Begrüßung des Diplomatischen Korps lieh er sich als höflicher Gast sämtliche Räume der Wohnung zeigen und vernahm den leisen Unterton, dah wir sie gerne größer hätten. Er betrachtete die mehr oder minder witzigen Fresken an den Wänden und blieb vor unserem Ferien­

Beim Raketenflieger von Prag

Von Bruno Frei.

In der Wassergasse in Prag, die jetzt Vo- dickova heiht, befindet sich zwischen Prunkhaften Geschäftsportalen eingekeilt ein unschnnbarer Laden mit Taschenlampen, Dctcktorenapparaten und Spiclzeuglolomotiven im Schaufenster. Kein Geschäft ein Geschäftchen. Hinter dem Pult lächelt eine Verkäuferin. Ein großes Bild Ma- saryks und die farbigen Embleme der Republik an der Wand. Durch eine schmale Glastür quetscht man sich in einen Hinteren Raum, der so unverschämt klein ist, dah der Schreibtisch, der anzeigt, dah wir im Chefzimmer sind, ihn fast ganz ausfüllt. DerChef" ist ein Mann von ungefähr 50 Iahren, mit einem grau­melierten Spihbart, mit stillen, zurückhaltenden, man muh schon sagen, verträumten Augen, die beim Gespräch die Steigung zeigen, über das unmittelbar vor ihnen Stehende hinweg in ferne Hnendlichkciten zu schweifen. Das ist Ingenieur Oeenasek, was auf deutsch soviel heiht wie Vaterunscrchen".

Ingenieur Oeenasek gibt bereitwillig Auskunft. Vor 14 Tagen hat er sein neuartiges Modell einer fliegenden Rakete einigen Prager Zei­tungsleuten vorgeführt. Das Experiment ist selbstverständlich gelungen, hat er es doch vor­her nicht wenig oft selbst ausgeprobt. Er, zu­sammen mit seinem Sohn, der Ingenieur bei den Skodawerken ist. Draußen in Smichow haben sie ein kleines Haus, dort arbeiten sie mit Kopf und Bleistift und in der eigenen Fabrik, in einer feinmechanischen Werkstätte, in der 60 Arbeiter beschäftigt sind, wird alles, was sie erdacht haben, sorgfältig ausgeführt und aus papiernen Berechnungen in hartes Metall um- gesetzt.

Denn Ingenieur Oeenasek ist Erfinder. Richt erst seit gestern und heute, sondern seit 25 Jah­ren: und das Geheimnis seiner Flugrakete ist nicht sein erstes Erfindergeheimnis. Aber seit diesen 14 Tagen, seitdem er vor Prager 3our- nalisten seine erste Rakete in den Raum ge­schossen hatte, ist das Leben in dem kleinen Laden in der Vodickova schier unerträglich ge­worden. Denn aus der Prager Zeitung ist die Rachricht von der Weltraumrakete des Inge­nieurs Oeenasek bald durch die tausendfältigen Kanäle der internationalen Presfeinformation in die Welt hinausgegangen und seither ist das

Leben wie verhext. Täglich bringt der Postbote Stöße von Briefen aus allen Ländern der Erde, von Arbeitslosen und Abenteurern, von Ge­lehrten und von Phantasten. Richts ist gefähr­licher als die Phantasie der Menschen zu er­regen. Es ist, als ob unsichtbare Mächte den kleinen Laden in der Wassergasse zum Zielpunkt der fiebernden Menschheitsfehnsucht nach dem Wunderbaren erhoben hätte.

Auf dem ausgebreiteten Schreibtisch liegen un­eröffnete Briefe. Man liest:An die Leitung des Weltraumschiffes, Prag",An die Leitung der Mondexpedition, Prag". Der Ingenieur öffnet mit zitternder Hand einen Brief und wir lesen:

Konstanz, den 26. 1. 1930.

An die

Leitung des Weltraumschiffes Prag.

Detf.: Stellenwerbung.

Auf' einen Artickle in der Konstanzer Zeitung haben feier ersehen, daß das Weltraumschiff steigen soll, so möchten feier anfragen, ob viel­leicht zwei junge Deutsche als Arbeitskraft.

Am Bord des Weltraumschiffes notig wären.

Hnterzeichnet Hnterzeichnet

Ergebenst Ergebenst

Ahlaber Bernhard Hans Bähr

Konstanz Konstanz in Baden

Riedenburggasse Rr. 2 Hussenstr. 60

> (Germany).

Solche Briese", erzählt der Erfinder,kom­men täglich in Massen und vor allem aus Deutschland. Es scheint, es gibt dort besonders viel unbeschäftigte Hände. Einer schreibt, er wolle mitsahren, wohin ich ihn führe, wenn nicht zum Himmel, dann in die Hölle. Den Falschmeldungen, die diesen Briefsturm hervorgerufen haben, möchte ich entgegentreten. Ich bitte Sie vor allem, nachdrücklich zu erklären: Ich baue kein Welt­raumschiff, ich rüste zu keiner Mondexpedition, ich studiere einfach mit wissenschaftlichen Mitteln das interessante Problem der Flug-Rakete und Ich glaube sagen zu können, daß ich Ergebnisse gesunden habe, die viel versprechen. Aber ich denke nicht daran, zum Mond zu fliegen."

Das wäre ja utopisch!" bestätigte ich.

Die verträumten Augen werden noch ver­träumter, der in die Ferne gerichtete Blick noch ferner.Rein, utopisch ist das nicht. Aber dort halten toir noch nicht. Jetzt sind wir bei den ersten Proben. Wir studieren drei Probleme:

den Start, den atmosphärischen Widerstand und den Raketenbau."

Sind Ihre Versuche mit denen Professor Oberths gleichzusehen?"

Ich glaube, daß Professor Oberth sich große Verdienste um die Erforschung der Rakete er­worben hat. Sein Platz in der Geschichte ist ge­sichert. Aber meine Versuche sind grundverschie­den. Dor allem durch Dcrwendung anderer An- tricbsstoffe. Doch darüber kann ich nicht sprechen."

Was halten Sie von den Dersuchrn, die in Deutschland mit Raketenautos und Raketen­motorrädern gemacht worden sind."

Richts! Denn es ist die Eigenart der Rakete, daß sie nur in der Atmosphäre, also beim Fliegen ökonomischarbeitet. Der Reibungs- Widerstand fester ilntcrtagen macht ihren Effekt unökonomisch."

Was ist Ihr weiterer Plan?"

Die Rakete, die ich vorgeführt habe, fliegt jetzt 1000 Meter. Man muh erreichen, daß sie 50 Kilometer fliegt, und sie muh so gebaut wer­den, daß sie wissenschaftliche Ap arate mitühren kann für Messungen und Registrierungen.

So verträumt dieser Mann aussieht, so real und präzis ist das, was er sagt. Offenbar macht diese Mischung von Phantasie und Rüchternheit das Wesen des Erfinders aus.

Der Herr Ingenieur wird in den Laden ge­rufen. Aus dem Erfinder, dessen kühne Pläne die Grenzen des Weltraumes streifen, wird der kleine Ladeninhaber in der Wassergafse. der für 6,50 Kronen eine Taschenlampenbatterie verkauft!

Inzwischen schwärmt die Angestellte, die die Hebersehung des Gesprächs vermittelt hat, von demHerrn Chef". Sie zeigt eine große dicke Mappe, in der Zeitungsausschnitte aus 25 Iah­ren eingeklebt sind. Das Erfinderbuch ihres Herrn Chefs: angelegt im Iahre 1904; über ver­schollene Weltausstellungen, über vermoderte Fachzeitungen führt der Weg; da gibt es einen Explosionsmotor aus der allerersten Zeit des Motorenbaus, System Oeenasek; vorgeführt auf der Jubiläumsausstellung in Prag. 1910 hat, so unglaublich dies klingt, Herr Oeenasek aus der Prager Wassergasse, Aeropfan-Modelle gebaut; kürze Zeit nach den ersten Versuchen der welt­berühmten Brüder Wright (1908). Er ist immer dabei: bei den ersten Anfängen einer neuen Sache. Beim Explosionsmotor, beim Aeroplan, bei der Rakete. Don keiner Behörde unter­stützt, von der offiziellen Gelehrtenwelt totge»

tier, der Seeschlange, ergriffen stehen. Lind schließ­lich, hm, schließlich setzte er sich in eine Ecke und ließ mit unfaßbarer Geduld über sich ergehen das. was so viele Menschen heute in der Welt vor­haben: Mussolini sehen wollen, ihm vorgestellt werden, seine Hand drücken...

Wie kann man doch gelegentlich im Ausland lesen? Er lebe nur deshalb wie der Dalai Lama, weil er von einer schrecklichen Attentatsfurcht gepeinigt werde. Wirllich, ganz so sieht er aus, toie sich jetzt die großen Abendkleider an ihn herandrängen und die großen Augen ihn ver­schlingen, wie er seinen Ramen auf die hinge­reichten Ducebilder wirft, und während die ge­wöhnlichen Sterblichen vor Hitze und Eifer da­zwischen mal ans Bufett eilen müssen, unermüd­lich liebenswürdig ist. Liebenswürdig, so haben wir alle, fünfundzwanzig Rationen und Gott welß wie viele Parteien, unseren Gast Mussolini gefunden.

Oberheffen.

Pfarrer Th. Nebel-Laubach f.

Am vorigen Sonntag ist der langjährige Seel­sorger der Stadt Laubach, Pfarrer Th.Re­bel, verstorben, nachdem er etwa 14 Tage vorher einen Schlaganfall erlitten hatte. Mit ihm ist eine markante Persönlichkeit aus der Laubacher Einwohnerschaft dahingegangen, die auf ein ar­beitsreiches und erfolggekröntes Leben zurück- blicken konnte.

Pfarrer Rebel war am 30. Oktober 1855 als Sohn des Kirchenrats Rebel geboren worden. Seinen theologischen Studien oblag er in Leip­zig und Gießen. Rach seiner Dikarzeit war er 12 Jahre lang Pfarrer in der arbeitsreichen großen Pfarrei Höchst i. O., wo er sich mit Magdalene Moser verheiratete. 3m Jahre 1894 kam er nach Laubach, wo er bis zu seinem Lieber­tritt in den Ruhestand mit vorbildlicher Treue und Hingebung seines Seelsorgeramtes waltete. Reben feinen geistlichen Pflichten widmete sich der Heimgegangene auch der Erforschung der Heimatgeschichte, vor allem der von Dreieichen­hain, seinem Geburtsort, und von Laubach. In geschichtlichen Schilderungen und kleinen Schau­spielen, die mit Erfolg aufgeführt wurden, gab der poetisch begabte Mann Bilder aus der Ver­gangenheit. Ferner wirkte er nach besten Kräften mit zum Wohle der Allgemeinheit im Vorstand des Johann-Friedrich-Stiftes zu Laubach, dem er bis in die letzten Tage seines Lebens in eifriger Fürsorge diente. Weiter gehörte er als geschätztes Dor st andsmi tglied dem Elisabethen- Stist in Darmstadt an, er war Vorsitzender der alljährlich in Grünberg tagenden Lutherischen Konferenz für Oberheffen und einer der ersten und tätigsten Angehörigen des Evangelischen Pfarrvereins, zu dessen erweitertem Vorstand er gehörte. Seiner Tätigkeit verdankt der Pfarr- verein auch die Gründung der Sterbekasse, die in der Inflationszeit fast völlig unterging, von ihm aber wieder zu neuem Wirken aufgebaut wurde. Daneben war der rastlos schaffende Mann ein eifriger Mitarbeiter auf dem Gebiete der Wohlfahrtspflege.

Pfarrer Rebel war eine starke, echtdeutsche Persönlichkeit von offnem und ehrlichem Cha­rakter. Er halte etwa- von lutherischer Heber» zeugung und Kraft in sich, welche alle hoch schätzten, die ihm nahestanden. Hnverbrüchliche Treue gegen seine Freunde und Mitarbeiter, aber auch gegenüber seiner Lebensarbeit und Lebensarschauung ze chneten ihn au3. Dazu kam unermüdliche Tatkraft bei der Verkündung des Gotteswortes, die ihn auch veranlaßte, trotz feiner vor einigen Jahren erfolgten Pensionie­rung immer wieder zu predigen, sobald man ihn dazu begehrte.

Ein gesegnetes Leben hat mit dem Heimgang Rebels seinen Abschluß gesunden. Möchten Kirche und Vaterland immer solche Männer finden.wie Rebel, dann kann unser Volt der Zukunft getrost entgegensehen.

schwiegen, wenn nicht verlacht; auf seinen eige­nen zähen Willen, auf die Funktion seines Ge­hirns allein gestellt, arbeitet er mit den finan­ziellen Mitteln, die ihm fein Laden und feine kleine Fabrik "bieten.

Das Erfinden und Grübeln gehört zu Prag. Auf dem Hradschin lebte jener finstere Kaiser Rudolf, der der Alchimie ergeben war. Der hohe Rabbi Löw würde heute den Jngenieurtitel führen und sich, statt mit der Erschaffung des Golem, mit der Konstruktion des Raketenflug­zeugs beschäftigen.

Der Nervenschock des Elefanten.

Mary heißt ein Elefant, der früher in den Zirkussen von Europa und Amerika einen großen und berechtigten Ruf genoß. Hnd weil er diesen Ruf durch einen Eifenbahnunfall verloren hat, klagt nun fein Eigentümer Rossi vor einem Pariser Gericht auf einen Schadeneriah von 60 000 Franks. Mary war sehr musikalisch. Die Mundharmonika, das Glockenspiel und das Jagd­horn boten ihr keine Geheimnisse; ja Mary sang sogar auf ihre Weise und tanzte gelegentlich mit einem Partner. Befand sich Mary nicht auf der Tournee, um ihre Künste dem staunenden Publi­kum vorzuführen, dann lebte sie bei ihrem Herrn zu Bois de Colombes in der Rähe von Paris. So verfloß das Leben dieses begabten Elefanten glücklich und harmonisch bis zum 14. Oktober des vergangenen Jahres. An diesem Tage befand sich Mary auf der Eisenbahn zwischen La Garenne und Aulnay und hatte das Hnglück, heftig gegen das Dach des Güterwagens geschleulect zu wer­den infolge einer plötzlichen Erschütterung, die der Zug erlitt. Don diesem Augenblick ging mit Mary eine vollständige Veränderung vor sich. Sie, die vorher so sanft und gelehrig gewesen war, wurde nun launisch, wütend, zeigte alle Formen der Reurasthenie. Ihr Besitzer machte diese für ihn so traurige Entdeckung, als Mary im Zirkus auftreten sollte. Sie weigerte sich, zu erscheinen, Musik bedeutete nichts mehr für sie, sie wollte nicht tanzen und stieß sowohl die Mundharmonika wie das Jagdhorn mit ihrem Rüssel heftig von sich. Der Rervenschock des Ele­fanten bedeutet für seinen Besitzer einen empfind­lichen Verlust, und es erscheint nicht unberechtigt, dah er vor der dritten Kammer des Seine- Gerichts gegen die Bahngesellschaft auf Scha­densersatz geklagt hat.