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Montag, 27. Januar 1950
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Nr. 22 Zweites Blatt
Oberhessen grundsätzlich für die Hekoga- Verträge.
Einige Verbesserungen der Verträge werden aber noch gefordert.-Provinzialstraßenstrecken vor den Toren Gießens gehen an die Stadt Gießen über.
Am Samstagvormittag trat im Regierungsgebäude zu Gießen der neugewählte Provinzial- t^ig der Provinz Oberhessen unter dem Vorsitz des Prooinzialdirektors Graef zur ersten Sitzung zusammen. Reben den Provinzialtagsabgeordneten waren die Kreisdirektoren der oberhessischen Kreisämter, außerdem eine staatliche Anzahl Zuhörer erschienen.
Kurz nach 10.30 Uhr eröffnete Provinzialdlrektor Graes die Sitzung mit der Feststellung der Anwesenheitsliste der Prooinzialtagsmitglieder. Dabei ergab sich, daß von 35 Abgeordneten 34 erschienen waren: es fehlte nur der nationalsozialistische Lehrer Klo st ermann (Vockenrode).
Anschließend nahm Provinzialdirektor Graef die Diensteinführung und Verpflichtung der Prooinzialtagsmitglieder im üblicher Weise vor. Sodann widmete er dem verstorbenen Studienrat Dr. Lenz (Gießen) einen Nachruf, den das Haus stehend anhörte.
Oie Festsetzung der Tagegelder und Reisekosten
als nächster Punkt der Tagesordnung brachte eine längere Aussprache. Prooinzialdirektor Graef teilte zunächst mit, daß bisher an die Provinzialtagsmitglieder gezahlt worden seien: an Abgeordnete aus Gießen 8 Mark, an Auswärtige 12 Mark Tagegeld, ferner Reisekosten 3. Klasse und erforderlichenfalls ein Uebernachtungsgeld von 10 Mark. Weiter gab er ein Schreiben des Kreisamts Gießen bekannt, das den Wunsch des Gießener Kreistages nach Herabsetzung der Tagegelder und die Angleichung der Tagegeldsätze der Gießener Kreistagsabgeordneten an die Tagegeldsätze der Provinz betraf.
Abg. Landgerichtsdirektor S ch m a h l (Gießen) (Landbund) regte an, es bei den bisherigen Sätzen zu belassen.
Provinzialdirektor Graef wies darauf hin, daß die bisherigen Sätze schon auf Beschluß des vorigen Provinzialtags um ein'Drittel gegenüber den Tage- geldsätzen der Landtagsmitglieder gekürzt worden seien und daß die bisherigen Sätze gerechtfertigt und vertretbar erschienen, wenn man bedenke, daß viele Mitglieder des Hauses weite Wege nach Gießen zurückzulegen und infolgedessen auch allerlei Verdießst- aussall hätten. Aus diesen Erwägungen heraus erscheine es ihm auch angemessen, wenn die Provinzsätze etwas über die Sätze des Gießener Kreistages hinausgingen.
Abg. Bürgermeister M o o s d o r f, Vilbel (S>oz.). sprach sich für einen Sah von 5 Mk. für Gießener und 8 Mk. für Auswärtige' aus, wenn außerdem den Dlltgliedem des Hauses, die Lohnausfall hätten, dieser Betrag noch besonders vergütet werde. Er stellte einen entsprechenden Antrag.
Abg. Bürgermeister Dr. Riepoth, Schlitz (Deutsche Volksp.), stimmte einem Sah von 5 bzw. 8 Mk. Tagegeld zu, lehnte aber die besondere Lohnausfall-Dergütung ab, da man bei Landwirten, Handwerkern und Gewerbetreibenden, die dem Hause angehören, einen während ihrer Mandatsausübung entstehenden Derdienstausfall nicht errechnen, sie aber auch nicht ungünstiger stellen könne, als die lohnempfangenden Mitglieder des Hauses.
Vach weiterer Debatte wurde der Antrag M o o s d o r f auf Zahlung von 5 bzw. 8 Mk. Tagegeld und Vergütung des Lohnausfalls mit
19 bürgerlichen Stimmen gegen 15 Stimmen von links abgelehnt.
Abg. Sch mahl beantragte hierauf, die bisherigen Sähe von 8 bzw. 12 Mk Tagegeld Reisekosten und evtl. LIebemachtungsgeld, aber ohne Erstattung eines Lohnausfalles, auch künftig zu zahlen. Dieser Antrag wurde einstimmig angenommen.
Oie Wahl
der Provinzialausschußmitglieder.
Runmehr nahm das Haus die Wahl der P r ov i nz ia l a us s ch uh m itgli e d e r und deren Stellvertreter vor. Hierzu lagen drei Wahlvorschläge vor: Vorschlag 1 „Sozialdemokratische Partei": Vorschlag 2 „Morhenn" (Deutsche Volkspartei. Zentrum, Demokraten, Wirtschastspartei): Vorschlag 3 „Schneider" (Landbund. Wirtschastspartei. Evangelische Volksgemeinschaft). Die Vorschläge 2 und 3 waren einfach verbunden.
Es wurden abgegeben 33 gültige Stimmen und eine ungültige (offensichtlich die Stimme des Kommunisten, da sämtliche Listen durchstrichen waren). Davon erhielten Stimmen: Liste 3 „Sneider" (Landbund, Wirtschaftspartei, Evang. Volksgem.) 14, Liste 2 „Morhenn" (Volksp.), Ztr., Dem., Wirtschpt.) 6, Liste 1 „Sozialdemokratische Partei" 13.
Gewählt sind hiernach als Provinzialausschuhmitglieder: die Abg. Landwirt Schneider L, Utphe, Bürgermeister Diehl, Rieder-Weisel. Landwirt Stein, Stumpertenrod und Landgerichtsdirektor S ch m a h l. Gießen (sämtlich vom Landbund): Fabrikdirektor Morhenn, Hirzenhain (Deutsche Volkspartei): Bürgermeister Moosdorf, Vilbel, Rechtsanwalt Dr. Aaron, Gießen und Bürgermeister Walz, Lauterbach (Sozialdemokratische Partei).
Als Stellvertreter sind gewählt: Rechtsanwalt Dr. Wamse r, Gießen (Wirtschaftspartei), Bürgermeister Dr. Jansen, Butzbach (Evang. Volksgem.), Steuersekretär Wilhelm L e m p, Gießen (Evang. Volksgem.), Architekt Philipp R i c o l a u s, Gießen (Wirtschastspartei), Landgerichtspräs'.dent Reuen Hagen, Gießen (Deutsche Volksp.), Parteisekretär Wittich, Butzbach (Soz.), Parteisekretär Häuser, Gießen (Soz.). Bildhauer Rößler, Bad-Rauheim (Soz.).
Die Gültigkeit der Wahlhandlung wurde an» schließend vom Provinzialtag bestätigt.
Llebertraguug vonprovinzialstraßenstrecken an Gießen
Zu der Vorlage des Provinzialausschusses bett, die Uebertragung von Provinzial- st raßen st recken und Drücken in das Eigentum der Stadt Gießen beantragten die Vertreter des Landbundes, der Deutschen Volkspartei, des Zentrums, der Demokraten und der Wirtschaftspartei, die Beratung dieser Vorlage bis zu der in Kürze ftattfinöenben Beratung des Voranschlags für 1930 zurückzuftellen.
Rach der Vorlage sollen auf Antrag der Stadt Gießen in deren Eigentum und Unterhaltung folgende Straßenstreckcn von der Provinz übertragen werden: 2.141 Kilometer von den Straßen Gießen—Wieseck, Gießen—Hau
sen, Gießen Krofdorf, Gießen—Leihgestern: 4.211 Kilometer von den Straßen Gießen—Wieseck (bis Gemarkungsgrenze), Gießen—Hersfeld (bis Kilometer 2.131 am Trieb, Gießen—Gelnhausen (bis Bahnübergang Kilometer 0,92), Gießen -Hausen (bei Kilometer 1.430), Gießen—Leihgestern (bis etwa 100 Meter hinter der Strahenwartei), Gießen—Marburg (bis Kilometer 1.955), Gießen— Frankfurt (bis Gemarkungsgrenze), ferner noch 2.717 Kilometer von folgenden Strecken: Marburger Straße (bis Karlsruhe), Grünberger Straße (bis Kleinpflaster am Heyerweg), Straße nach Rödgen (bis Heyerweg), Licher Straße (bis Kleinpflaster vor der Heil- und Pflegeanstalt), Schiffenberger Weg (bis Sandkauterweg), Leih- gefterner Weg (bis zum Weg nach dem Unterhof), Rodheimer Straße (alter Weg nach den Hardthofen), Krofdorfer Straße (bis Gleiberger Straße), sowie die Wieseckbrücken in der Garten- strahe, Frankfurter Straße, die Lahnbrücke und die Brücke über den Lohmühlsbach im Zuge der Rodheimer Straße, sowie zwei Durchlässe im Zuge der Rodheimer Straße. Insgesamt sind es hiernach 9.0 6 9 K i l o m e t e r P r o v i n z i a l- st raßen, 4 Brücken und 2 Durchlässe. Die Provinz Oberhessen zahlt als einmalige Abfindungssumme für die der Stadt Gießen aus dieser llebereignung entstehenden Dauer-
belaftung den Betrag von 1 50545,40 Mk. an Gießen. Die Stadt Gießen hat sich mit dieser Regelung bereits einverstanden erklärt.
Provinzialdirektor Graef wies daraus hin, daß hinter den beiden Anträgen die Mehrheit des Hauses stehe. Er - bedauerte diese Anträge außerordentlich, da durch eine Verzögerung der Entscheidung die Provinz mancherlei Rachteile erleiden könne, die er im einzelnen auseinandersetzte. Die Provinz habe ein großes Interesse daran, daß über diese Angelegenheit schnell entschieden werde.
Abg. Bürgermeister Dr. R i e p o t h, Schlitz, (D. Vp.) erklärte, bevor man den neuen Voranschlag nicht kenne, werde über diese Vorlage nicht zu entscheiden sein, da man doch gar nicht wisse, ob der Voranschlag die aus dieser Vorlage entspringende Belastung tragen könne.
Provinzialdirektor Graef erwiderte, daß die Zahlung an die Stadt Gießen aus den Mehreinnahmen von der Kraftfahrzeugsteuer für 1929 gedeckt werden könne, der neue Voranschlag also nicht belastet werde. Er glaube, daß das Haus dem Antrag ohne finanzielle Besorgnis zustimmen könne.
In der folgenden Abstimmung wird die Vorlage mit 17 gegen 14 Stimmen angenommen.
Oie Gasfernversorgung.
Zur Beratung dieser Angelegenheit war der Vorsitzende des Hekoga-Vorstandes, Bürgermeister R i tz e r t, Darmstadt, auf Einladung des Provinzialdirektors zwecks Beantwortung von Fragen und sonstiger Aufklärung erschienen.
Oie Anträge
Der Provinzialausschuh beantragte folgende Beschlußfassung: „1. Der Provinzialtag möge seine Zustimmung zu dem Abschluß der anliegenden Verträge geben. Dabei wird bemerkt, daß möglicherweise noch der Dertragstext im Wege der Verhandlungen unwesentliche Aende? rungen erfahren kann, die auf eine Verdeutlichung oder Ergänzung hinzielen, ohne daß jedoch dadurch an den wesentlichen Grundgedanken des Vertrags etwas geändert werden dürste. 2. Die Provinzialverwaltung zu ermächtigen, in der Generalversammlung der Hekoga für den Abschluß der Verträge zu stimmen. 3. Den Provinzialausschuß zu ermächtigen, die für die Ausführung der Verträge, insbesondere die Beschaffung der Kapitalien, erforderlichen Beschlüsse zu faßen, sei es in der Form, daß das Gefellschaftskapital erhöht wird, sei es, daß die Hekoga durch ihre Mitglieder Kapitalien für Gesellschastszwecke aufnehmen lassen wird, oder sei es, daß die Mitglieder der Hekoga Bürgschaft für die von ihr selbst aufzunehmenden Kapitalien übernehmen müssen."
Ferner hatten Deutsche Volkspartei. Zentrum und Demokraten gemeinsam und der Landbund für sich je einen Antrag ein- ^ereichr, deren Wortlaute übereinstimmend folgende Fassung hatten:
„Der Provinziallag der Provinz Oberhessen möge beschließen:
1. Dem Ferngasbezug der hekoga von der Ruhr- Saar wird grundsätzlich zugeskimml. Für die Provinz Oberhessen wird eine eigene Kokerei oder der Bezug von anderen Erzeugern abgelebt
2. Die Vertreter der Provinz Oberhessen in der Generalversammlung werden beauftragt den Vorstand der hekoga zu veranlassen:
a) in weiteren Verhandlungen mit der Ruhr- Saar die erhobenen und begründeten Einwände zu beseitigen und Zweifelsfragen zu klären;
b) die Verträge alsdann einer erneut einzuberufenden Generalversammlung vorzulegen.
3. Diese neuen Verträge sind vor der Generalversammlung dem Prooinzialtag zur endgültigen Beschlußfassung vorzulegen."
Im Verlause der Aussprache wurde von der sozialdemokratischen Fraktion folgender Antrag eingebracht: „Wir beantragen, der Provinzialtag wolle beschließen: Die vorliegenden Vertrage weisen eine Reihe von Mängeln auf, die im einzelnen heute in der Debatte erwähnt worden sind und deren Beseitigung Voraussetzung für die endgültige Stellungnahme zu den gesamten Verträgen ist. Den von der Provinz in den Vorstand der Hekoga entsandten Vertretern wird aufgegeben, dahin zu wirken, daß diese Mängel der Verträge beseitigt werden. Ueber das Ergebnis ist demnächst dem Pro- oinHialtag Vorlage zum Zwecke der endgültigen Entscheidung zu machen."
Oie Aussprache.
Provinzialrat Wolf als Vertreter der Provinzialverwaltung gab zunächst einen Ueberlstick über die
Der Traum vom Glück.
Vornan von E Lovett und M. v. Weißenthurn.
Copyright by Marie Brügmann, München.
21 Fortsetzung. Na..-druck verboten.
Bevor der Rechtsanwalt beginnen konnte, legte sich eine Hand auf seine Schulter und Kurts Vater stand plötzlich zwischen den beiden Freunden.
„Sie kommen jetzt mit mir, Herr Rechtsanwalt, und du, Kurt, gehst mit Herrn Bertram junior, der ein Reuling im Jagen ist, bis zum Ende des ersten Feldes. Du nimmst den Waldrand auf dieser Seite bis nach dem Ackerfeld: während ich mit den anderen Herren bis zur Mühle und von da durch die neuen Anpflanzungen zurückgehe. Am Abhang des Krähenhügels treffen toir dann wieder zusammen. Kommen Sie, Herr Rechtsanwalt, und auch Sie, Herr Bankier, bitte, hierher I"
Als die Herren sich trennten, bedauerte Hagenau aufrichtig, von Kurt geschieden zu sein. Denn er war damit jede Aussicht auf eine Fortsetzung ihres Gesprächs geschwunden.
„Was das für tolle, selbstquälerische Verdächtigungen find," dachte der Rechtsanwalt, als er jetzt auf dem gefrorenen, nur teilweise aufgetauten Feldweg dahinschritt. „Arme Sabinel Sie hat freilich manches zu verbergen, was nicht ihre Schuld ist; aber derartige Dinge gewiß nicht. Wie schnell doch ein solcher Heißsporn mit der Verurteilung bei der Hand ist! Ich muß ihn auf dem Rückweg zu sprechen suchen. Ratürlich werde ich mich hüten, ihm die ganze unglückliche Geschichte zu erzählen. Rur soll er wissen, wie unrecht er an dem jungen Mädchen handelt. Dann erkennt die kleine Doris Harter zur Genüge, wie sehr ich mich bemühe, in ihrem Sinne zu handeln."
Daß die Damen sich heute abermals zum Frühstück in das Jagdrevier begeben würden, war bei dem schlechten Wetter ausgeschlossen. Bald nach dem Ausbruch der Herren begann ein seiner Sprühregen zu falten, und es sah aus, als würde er den ganzen Tag anhalten.
Frau von Rechten erschien mit Sabine sehr spät zum Frühstück, erst lange, nachdem die Schloßherrin das ihrige beendet und sich in ihr Wohnzimmer zurückgezogen hatte. Cs war bereits elf Uhr. Mutter und Tochter waren ganz allein und sahen sich schweigsam einander gegenüber.
Sabine hatte der Mutter mitgeteilt, daß sie es abgelehnt habe, Kurt von Wildhofens Gattin zu werden, aber von ihrem Zusammentreffen mit ihm am gestrigen Abend nichts erwähnt. Auch
hatte sie sich nicht entschließen können, von der unerwarteten Begegnung mit ihrem Vater sowie von dessen Geldforderungen und Drohungen zu berichten. Sie war noch nicht imstande, ihre Gefühle darüber in Worte zu kleiden. Auch ahnte sic instinktiv, daß ihre Mutter außer sich sein würde, sobald sie erfuhr, in welcher Weise sich Sabine des schändlichen Auftrags ihres Vaters entledigt hatte.
Sie würde das sicherlich nur von dem Gesichtspunkt aus betrachten, daß Sabine durch ihr übereiltes Handeln jede Aussicht auf die gute Partie für immer zerstört hätte. Ja, freilich, die Mutter würde schlauer gehandelt haben.
Sie hätte den elenden Vater hinzuhalten verstanden, alles versprochen, was er verlangte, nur, um Zeit zu gewinnen. Sie hätte Hoffnungen in ihm erweckt, die ihn viel mehr als zweitausend Mark erwarten ließen und dadurch sein Stillschweigen noch für eine Weile erkauft.
Anderseits wäre es ihre Hauptaufgabe gewesen, auf den jungen Erben von Schloß Wlldhofen einzuwirken. Sie hätte in ihm die Meinung wachgehalten, daß sie vor Liebe zu ihm fast zugrunde ging, trotzdem oder gerade weil sie seine Hand ausschlagen muhte. Ja, ja, sie war bedeutend klüger als ihre Tochter, aber auch nicht im entferntesten so feinfühlend wie diese.
Sabine wußte recht gut, däß ihre Mutter Wort für Wort aus ihr herausgezogen hätte, falls ihr auch nur die geringste Andeutung über die späteren Ereignisse des gestrigen Tages entschlüpft wäre. Rur die zornigsten Vorwürfe und Strafpredigten konnten die Folge davon sein, und deshalb beschloß sie, nichts als die Zurückweisung von Kurts Antrag verlauten zu lassen.
„Es handelt sich ja ohnehin nur noch um einen Tag!" dachte sie mit tiefem Weh im Herzen. „Morgen wird er mir das Geld geben, das ich meinem unglücklichen Vater aushändigen muß; dabei will ich versuchen, diesen zum Auswandern zu überreden. Oh, wenn mir das gelingen könnte! Üebermorgen gehen wir, Mutter und ich, dann fort von hier — zurück in unser kleines Logis, in der Stadt, wo ich mich mit allen Kräften bemühen werde, einen Gelderwerb zu finden, um Kurt meine Schulden nach und nach abzahlen zu können, aber — Wiedersehen werde ich ihn nie, niemals. Er verachtet und verabscheut mich jetzt, und deshalb muß ich jetzt für immer aus seinem Leben verschwinden! Oh, wie bald wird er mich vergessen und eine andere heiraten — vielleicht Doris Harter! Wer weih!"
„Es ist wirklich zum Rasendwerden, wenn man deinem kläglich-erbärmlichen Gesicht noch länger gegenübersihen soll!" kam es jetzt in Hellem Zorn über Frau von Rechtens Lippen, so dah Sabines trauriges Grübeln jäh unterbrochen wurde. ..Was für eine komplette Rärrin du doch aus dir gemacht hast!"
Sabine versuchte keine Erwiderung.
,.Roch einen einzigen Abend hast du zu deiner Verfügung!" fuhr ihre Mutter fort. „Rutze ihn aus mit allem, was dir zu Gebote steht. Ich werde dir nicht gestatten, heute abend wieder in deinem Schlafzimmer zu bleiben, sondern verlange, dah du dein fliederfarbenes Kleid anziehst und an der Tafel erscheinst. Auch würdest du gut tun, etwas Rot aufzulegen: denn nach all deinen überflüssigen und unklugen Selbstquälereien siehst du aus, daß man vor dir erschrecken kann. Ein wahres G'ück. daß dich augenblicklich wenigstens niemand sieht! Du bist doch eine ausgemachte Törin, meine Liebe, aber - ich flehe dich an. benutze diesen einen Abend, um deine Dummheit wieder gut zu machen!"
„Ich muß dir wiederholen, Mama, daß ich Kurt von Wildhofen nicht heiraten kann: auch ist er nicht im entferntesten gesonnen, seinen Antrag zu wiederholen. Die Versicherung gebe ich dir!"
„Dann muht du ihn eben veranlassen, es zu tun! Schwatze mir doch nicht so Dumm! Jedes Mädchen ist imstande, den Mann, der ihm schon einmal seine Liebe erklärt hak. aufs neue dahin -u bringen. Fordere ihn nach dem Souper zu einer Partie Schach auf, oder gehe mit ihm in das Gewächshaus. Dabei kannst du dich recht gefühlvoll zeigen, ihm vorseufzen, was für unvergeßlich schöne Tage du hier verlebt hättest, wie namenlos schwer dir die Trennung fiele und so weiter. Oh, es ist ja nichts leichter als das, und wenn du nur willst, kannst Du es sehr gut machen; das weiß ich!"
„Ich kann und werde es nicht tun, Mama, und ich gebe dir mein Wort, daß es ganz nutzlos wäre; zwischen Kurt und mir ist alles, alles aus — da kann nichts mehr angeknüpft werden."
„So bist du wirklich imstande, alle weiteren Versuche aufzugeben, du Einfältige. Wahnsinnige! Eine Partie wie diese? Ein derartiges Besitztum! Juwelen, wie seine Mutter sie besitzt! Alles um eines lächerlichen, kindischen Eigensinns willen! Es ist unklug, wahnsinnig! Du bist ein völlig überspanntes Geschöpf!"
Bei den immer heftiger hervorgestohenen Worten erhob sich die vor Zorn bebende Frau, schob ihren Sessel beiseite und schritt dem Ausgang zu; doch bevor sie die Tür hinter sich schloß, rief sie ihrer Tochter zornig zu: „Du bist ein böses, undankbares Geschöpf! Ich werde mich gänzlich von dir lossagen!"
Sabine blieb regungslos am Tisch sitzen und lieh ihren Tränen freien Lauf, bis der Diener erschien, um das Frühstück abzuräumen.
Dann verlieh sie das Zimmer.
Auf ihrem Wege in die oberen Räume war sie froh, nicht mit Doris zusammenzutreffen; denn sie hegte den unbestimmten Verdacht, daß diese
durch den Rechtsanwalt aufgeklärt worden sei, ihr somit nicht länger freundlich gesinnt fein konnte. Wahrscheinlich betrachtete Doris sie und ihre Mutter nur noch als Abenteuerinnen und würde um ihrer Verwandten willen Gott danken, wenn sie das Schloß verlassen hätten. 6ic mochte sich wundern, warum sie nicht schon heute abgereift waren, und konnte sich den Aufschub gewiß nicht erklären.
Sabine blieb auf ihrem Zimmer, und jedes der jungen Mädchen verlebte den Tag. Der ihnen endlos zu sein schien, also für sich, während die beiden älteren Damen beieinander saßen und sich unendlich viel anzuvertrauen hatten, so daß sie die Gegenwart der Jugend gar nicht zu wünschen schienen.
Frau von Rechten entfaltete dabei ihre Talente in einer wirklich staunenswerten Art.
Sie begann mit gelinden Selbstvorwürfen darüber, daß sie das Herzensgeheimnis ihrer Tochter betraten hätte.
,..2ch weiß wirklich nicht, was mein armes Kind dazu sagen würde, wenn es ahnte, wie tief ich Sie in alles eingeweiht habe; doch zu meiner Beruhigung sehe ich. daß Sie voller Verständnis und Teilnahme sind," sagte sie mit lauerndem Blick.
„Qlber das ist doch ganz selbstverständlich, beste Frau von Rechten!" war die Antwort. „Ich hege ja für meinen Sohn dieselben Gefühle wie Sie für Ihre Tochter."
„3a, ja, und somit begegnen sich unsere Interessen auf halbem Wege, nicht wahr? Oh, wie beglückt es mich, dieses Bewußtsein zu haben. Kennen wir doch beide keinen höheren Wunsch, als unsere Lieblinge froh und zufrieden zu sehen!"
„Gewiß, gewiß! Das ist ganz zweifellos; nur will ich noch einmal erwähnen, daß wir mit unserem Sohne eigentlich -- Verzeihung! — andere Pläne hatten. Er ist eben unser einziger Erbe. ... Sie begreifen! Aber wenn sein Herz nun einmal so sehr für Sabine spricht. ...“
..Oh, auch wir haben vorzügliche verwandtschaftliche Beziehungen!" warf Frau von Rechten ein; sie richtete sich unwillkürlich höher auf. „Mein verstorbener Gemahl war ein leiblicher Vetter des Grafen Anton B..., und fein Onkel, der Majoratsherr von Z..., hatte eine Schwester des Herzogs von R. zur Gemahlin. Sie finden das alles im Gothaer Kalender, wenn Sie sich die Mühe nehmen wollen," fügte sie beiläufig hinzu, und in diesem Augenblick sprach sie die volle Wahrheit; denn ein Aristokrat namens von Rechten figurierte wirklich dort, auch in Beziehung zu den angeführten Familien, nur mit dem kleinen älnterschied, daß dieser mit ihr nicht im allergeringsten verwandt war.
(Fortsetzung folgt.)


