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Nr. 175 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Samstag, 26. Juli 1950

paneurova und WeltwillschaMnsis.

Außenpolitische Umschau.

Don Dr. Otto Hoehsch, o. ö. Pros, der Geschichte an der Universität Berlin, M. d. 3V

Manche Pariser 'Blätter regen sich über die ReichStagSauflos ung inDeutschland aus. malen, ebenso übrige n6 wie ein liberale- londoner Blatt, die Dittatur an die Wand, sind aber ziemlich hilsloS gegenüber dem Wirr­warr. in dem Deutschland ist und aus dem es nach einem AuSweg sucht. Die italienische Presse beurteilt die Lage in Deutschland sehr ruhig, die Moskauer in der bekannten Weise und Hoff­nung auf den Sieg des Sozialismus. Aber nicht nur Deutschland allein ist ja in unsicheren Regie - rungSverhältnissen und in einer Krise des par­lamentarischen Systems. Liest man, was Lloyd George ettoa dazu sagt, oder wie Tardieu seinem Unmut gegen seine Kammer Luft macht, so sieht man. daß ähnliche Fragen wie in Deutschland, wenn auch nicht in der gleichen Schärfe, viel­leicht weniger vor dem Regierungssystem, jeden­falls aber vor dem Parteiwesen dieser West­staaten stehen. Das ist auch eine interna­tionale Krise, über die mancherlei auf der eben abgehaltenen Konferenz der interparlamen- tarischen Union in London gesagt worden ist, ohne daß dabei viel herauSkam.

3n jedem Falle beeinträchtigt die große Un­sicherheit in der Innenpolitik die Aufmerksamkeit gegenüber der Paneuropafrage und den Antworten, die nunmehr alle bei Briand einge­laufen sind. Die wichtigsten sind die Antworten Deutschlands, Italiens und Englands. Eng­land äußert sich sehr kritisch und beantragt sehr formell, daS französische Memorandum i n der DölkerbundSversommlung zur 'Be­ratung zu stellen, womit die auch für Deutschland wesentliche Frage in den Vordergrund gerückt wird, wie Briands Vorschlag und die bisherige Dölkerbundsorganisation sich zueinander verhal­ten sollen, worin sie sich stören könnten und die Gefahr der Doppelorganisation und Doppel­arbeit wäre.

Italien hat ja sehr energisch das gleiche Recht für alle, die Gleichberechtigung zwi­schen Sieger und 'Besiegten, gefordert und tritt, wenn es auch in feiner Antwort von einer Re­vision der Pariser Verträge nicht spricht, der französischen Grundanschauuna, bah eine solche besondere europäische Organisation der Völker- bundSgenossen vorerst dieSicherheit" zu garantieren habe, scharf entgegen. Diesem fran­zösischen Grundsatz hat sich in den Antworten am schärfsten und uneingeschränkt, wie sich von selbst versteht. Polen angeschlossen. Wenn der Gegensatz auch in den höflichen Roten, die außer­dem ja eine jede vom Standpunkte des betreffen­den Staate« entworfen ist, nicht mit voller Schärfe zum Ausdruck kommt, so kann man doch sagen, daß er besteht und seine Diskussion gerade durch den Vriandschen Vorstoß belebt worden ift Wir meinen natürlich den Gegensatz zwischen der fran­zösischen SicherheitSpolitik, die die bestehenden Verträge unter allen Umständen als unveränder­liche Grundlage auch des neu zu gründen­den europäischen Verbände- ansehen will, und einer Auffassung, die von der Forderung der unbedingten Gleichberechtigung ohne weiteres und, wie es nun schon längst geläufig ist. zur Abrüstung und zu der Frage der Revision der Pariser Verträge führen muß. Danach wird sich auch im Herbst in Genf die Erörterung gruppieren.

Die deutsche Rote nimmt durchaus nicht die Stellung in der Mitte. Gewiß ist sie in der Form maßvoll, aber in der Sache, im Inhalt, nähert sie sich doch sehr der italienischen. Sie ist in aller Höflichkeit sowohl sehr vollständig in bezug auf die deutschen Einwände und Forde­rungen, wie auch sehr bestimmt. Mit ihr nimmt Deutschland sehr klar feinen Standpunkt an der Seite der antifranzösischen Staaten, aber durchaus selbständig, so daß seine Handlung«-

Oie Macht des Groschens.

Don Waldemar Keller.

.Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert", lautet ein altes deutsches Sprich­wort, und das hat für die ganze Welt Geltung, ganz besonder- aber für Amerika. Nirgends tritt Die kleine Münze im alltäglichen Verkehr so in den Vordergrund wie gerade hier. Das Fünf- Ccnt-Ltück, sozusagen der amerikanische Groschen, wird in unheimlichen Mengen verbraucht, nicht nur die Straßenbahnen und Llntergrundbahnen und Dutebusse sowie die Hunderttausende von Automaten verschlingen Riesenmassen dieser klei­nen Geldsorte, sondern auch die .billigen Laden". Um einenBegriff von dem Fünf-Cent-Konsum zu geben, seien hier einige Zahlen angeführt, die sich lediglich auf Reuyork beziehen: Jeden Tag teilt die Federal Reserve 'Bant acht Tons dieser R.ckclmünze an die verschiedenen Banken der Stadt aus, das sind 1 Million 500 OC3 Stück. Etwa 20 Tons laufen täglich an den ilntcr- grundbahnstationen zusammen. Sieben Tons wer­den täglich in die Telephonautomaten geworfen, und dazu kommt dann, wie gesagt, der Verbrauch in den Läden, die einen Einheitspreis von fünf und zehn Cent haben. Im Iahre 1928 betrug allein der Umsatz der Woolworthgeschäste in den Vereinigten Staaten und Kanada 272 75-1045 Dollar, eine Summe, die ausschließlich in kleiner Münze einging. Aber diele kleine Münze hat eine ungeheuer zeugende Kraft, das Reuyorker Woolworthgebäude mit seinen 8Q000 elektrischen Lichtern ist ein beredtes Beispiel dafür. Das <zünf-Cent°Stück hat königliche Kaufleute ge­macht: Woolworth, der 1919 gestorben ist, war der größte unter ihnen. Seine Geschichte klingt wie ein Roman.

®in Reisender in Michigan erhielt von seiner Firma ein Telegramm, das ihn beauftragte, eine gewisse Partie Waren zu jedem erdenklichen Preis abzusehen. Er verkaufte die Masse für ein Spottgeld an einen Freund, und dieser Mann machte den ersten Fünf-Cent-Laden auf. Das Geschäft ging gut, doch als der Unternehmer nach Absatz des Bestandes neue Kauf- und Ver­kaufsmöglichkeiten suchte, geriet er in Schwierig­keiten und mutzte den Laden schließen. Der Rei­sende, der ihn ?zu dem Experiment veranlaßt hatte, kam ettva ein Iahr später nach der Stadt

freiheit nicht beeinträchtigt wird. Auch ist ja Deutschland in einer besonderen Lage, die es eben veranlaßt, auch besondere Vorbe­halte zu machen. Und das Wesentliche ist aber­mals die Betonung der deutschen 'These, daß man den Krieg nur verhindert, wenn man die Ur­sachen zu beseitigen weih, die zum Kriege führen. WaS das bedeutetet für Deusichlands Anspruch, hat ja wohl allmählich auch die Welt begriffen.

Der bekannte Publizist IuliuS Säuer­te e i n zieht die Bilanz des Briand-PakteS, indem er damit, teohl gegen seine Absicht, eine sehr scharfe Kritik an dem Projekt übt. Denn er stellt eS natürlich als eine der großen Zu- kunstSideen hin, stellt aber weiter a& Ergebnis einer großen Reise durch Europa fest, daß der g a nze Kontinent wirtschaftlichkrank sei. Was er dazu sagt, ist bekannt, und was er fordert: eine bessere Organisation der Produktion und des Konsums, das ist auch daS Gegebene. Aber das wäre ja nun gerade das Vordringliche, das Wichtigste in Briands Projekt gewesen, wenn es wirklich eine Zusammenarbeit der europäischen Staaten herbeiführen wollte. Für die politischen Fragen, die Frankreich erörtern will, ist wirk­lich das Forum in Gens zur Genüge vorhanden. Was aber bei jeder Erwägung über Paneuropa oder europäische Zusammenarbeit sich einstellt, ist doch di« Frage, wie dieses Europa an seinem Teile durch Zusammenarbeit die Wirt­schaftskrise eindämmen könnte, die über­all hindurchgeht. Was so Sauerwein über die Wirtschaftskrankheit des Kontinents und die Bi­lanz des Briand-Paktes sagt, klappt nicht zu­einander. Damit ist nicht nur Kritik an Driands Plan ausgesprochen, sondern im Grunde auch schon ein Urteil über das, was aus ihm prak­tisch werden kann. Man wird viel darüber reden, sehr vorsichtig und mißtrauisch gegen die französischen Hintergedanken, aber es wird praktisch wenig oder nichts herauskommen.

^Jedenfalls nichts für die Behebung der Wirtschaftskrise, die jetzt überall immer mehr den Völkern auch ins Bwußtsein tritt. Man hat bisher unter ihr gelitten, unter Arbeitslosigkeit, Absatzstockung, staatlichen Ft- nanzschwierigkeiten. Allmählich erst wird den weiteren Kreisen klar, wo die Ursachen lie­gen, warum die deutsche Finanzkrise so ungemein verschärft wird durch einen Zusammenhang mit der Weltwirtschaftskrise. Die Reihe der Gründe wird deutlicher und deutlicher. Zunächst die land­wirtschaftliche und die industrielle Ueberpro- d u k t i o n. Man hat geglaubt, die Verluste und Schäden des Weltkrieges am besten dadurch zu überwinden, daß man alle Kräfte der Produktion anspannte, den Produktionsapparat moderni­sierte, um wieder einzuholen, was durch den Krieg zerstört war oder während des Krieges wegen anderer Beschäftigung des Produktions­apparates nicht hergestellt werden konnte. Ieder- mann kennt diese Bemühungen eine ganze Reihe von Iahren nach dem Kriegsende hindurch. Da­bei hat man übersehen, daß der Krieg eine gewaltige Zerstörung auch des Kapi­tals mit sich gebracht hatte, ein Sinken der Ä auf traft, eine Verarmung des euro­päischen Marktes, die für die Weltwirtschaft noch durch den beinahe vollständigen Ausfall des russischen und des chinesischen Marktes verschärft wurde. Daß selbstverständlich diese Fragen noch verwickelter und schwieriger wurden dadurch, daß Iahre und Iahre hindurch in einer volks­wirtschaftlich sinnlosen Weise den Besiegten Kriegskontributionen herausgepreht wurden, daß erst recht heute die wirtschafts- widrige Iahresbelastung Deutschlands mit zwei Milliarden Goldmark auch die Weltwirtschaft und ihre Gesundung schädigt, sei nur nebenbei als selbstverständlich unterstrichen.

Run ist in diese Anarchie der Weltwirtschaft, in der man auf der einen Seite vor einem Hebenlufe nicht verkäuflicher landwirtschaftlicher

Watertvwn und erzählte in dem Geschäft von Moore & Smith von seinen Erfahrungen. Die Inhaber der Firma legten ihnen keine 'Bedeutung bei, aber einer der jungen Angestellten, der zu­fällig zugehört hatte, nahm die Idee auf und verarbeitete sie in schlaflosen Rächten. Das war Frank W. Woolworth. Er verdiente damals nur 10 Dollar die Woche und war überdies ver­heiratet, es ging ihm also gar nicht gut. Er wollte vorwärtskommen, lieh sich Geld von seinem Vater und erstand von seinen bisherigen Brotgebern eine kleine Partie Waren. Damit verzog er nach Altica und machte hier seinen ersten Fünf-Cent-Laden auf. Man schrieb Fe­bruar 1879.

Der Versuch schlug fehl. Woolworth befand sich bald in derselben Lage wie jener Kaufmann, der das Fünf-Cent-Experiment al8 Grr :r riskiert hatte. Er lieh sich aber nicht abschrecken, kaufte neue Waren und eröffnete einen anderen Laden in Lancaster (Pennsylvania). Die Basis wurde verbreitert: die Ware wurde zu fünf und zehn Cent an das Publikum abgegeben. Run kam die Lache in Schwung. Andere ahmten sie nach, und bald war ein großer Handel daraus gewor­den. Das Kapital der Firma F. W. Woolworth & Co., wie sie heute besteht, beträgt 200 Mild Dollar. Woolworth selbst hinterließ neben meh­reren Palästen ein Barvermögen von 65 Mill. Dollar. Alles ein Resultat der verwirklichten Füns-Cent-Idee.

Einer der Rachahmer, Sebastian S. Kresge, besitzt heute in den Vereinigten Staaten 364 Fünf- und Zehn-Cent-Läden, ferner 142 Läden, in denen die Waren für 25 Cent bis zu einem Dollar verkauft werden. Sein Privatvermögen wird auf 100 Millionen Dollar geschätzt.

Aehnlich wie Woolworth kam Tyomas Adams zu Besitz und Reichtum. Eines Tages sandte ihm ein Freund aus den Tropen ein Stückchen Gummi. Adams kam auf die blendende Idee, dah man, nach gewisser Verarbeitung, dieses Gummi lauen könne. Er rechnete dabei mit der Leidenschaft feiner Landsleute, die Kinnbacken zu betoegen. So kam die Kaugummi-Industrie in die Welt, und als Adams 1928 starb, hinterlieh er ein Vermögen von immerhin zwei Millionen Dollar. Die American Chicle Company, in welcher der Adams-Betrieb aufgegangen ist, hatte im letzten Iahr einen Bruttogewinn von 4 197 467 Dollar, ein Beweis dafür, wie sehr diese Industrie im Blühen ist.

Produkte steht und aut der anderen vor Millio­nen hungernder Menschen, der Zusammen­bruch der Rohftoffpreise gekommen und die Steigerung des Goldwertes, die sinkende Geldsätze bedeutet. Kenner versichern, daß die Preisstürze auf dem Gebiet der Roh­stoffe in der ganzen Geschichte des Kapitalismus ohne Beispiel dastehen. Sie betreffen sowohl Getreide wie Zucker, Kaffee, Tee. wie Silber, Kupfer, Blei, Zink, Zinn, wie schlietzlich Wolle. Baumwolle, Iute, wie Petroleum und Gummi, und erreichen zum Teil, wie bei Kaffee und Kupfer, die Hälfte deS Höchstpreises, der im Fahre 1928 erreicht worden war.

DaS sind die großen Zusammenhänge, die etwa- scheinbar Elementares und darum schein­bar Unvermeidliches haben. In seiner letzten großen Rede sprach Darum der Reichskanzler von der internationalen PreiSrevo- l u t i o n, mit der schon eine ganze Anzahl von Produkten unter dem DorkriegspreiSstande an­gekommen sei. Gr sprach von einem völligen, Strukturwandel der Weltwirtschaft, der die heutige Krise verschulde, aber damit auch trotz der ungeheuer schweren Lage deS Augen­blicks einen Weg heraus und eine Hoffnung heraus erwecke. Wir glauben, daß das Wort Pom völligen Strukturwandel ter Weltwirtschaft nicht ganz richtig ist. Die Weltwirtschaft bleibt heute, was sie war, nämlich kapitalistisch. Sie wandelt ihre Struktur nicht, wenn auf Zei­ten einer günstigen Konjunktur eine Zeit der Depression, der Krise folgt. Unb gerade auS diesem regelmäßigen Wechsel wi«d ja leicht die Meinung abgezogen, daß sich allmählich oder schneller,ganj von selb st ' die Dinge wieder ins Gleise brächten. Man meint, dah die Wirt­schaft nur möglichst frei sich betätigen solle, bann würde sie aus sich heraus den Krankheits- Prozeß überwinden, wieder zur Gesundung und« zur Konjunktur fommen, wie daS früher immer Der Fall gewesen sei.

Wir glauben unter den heutigen Verhältnissen nicht, dah sich diese Weltwirtschaftskriseganz von selbst" wieder richtigstellt und hilft. Dazu ist sie viel zu tiefgehend und zu fchwer, so schwer, dah sie ja auch dieBereinigten Staa­ten, so sehr man sich drüben gegen diese Ein­sicht sträubte, unweigerlich hereingezogen hat. Die Großhandelspreise sinken dort, die Arbeits­losigkeit steigt außerordentlich. Schon merkt man daraus den Rückgang der Steuereinnahmen und den Beginn von Finanzauseinandersehungen, die dann auch an die unseren erinnern werden. Man ist auch mitten drin in der Steigerung deS Goldwertes, der Rückkehr der Preise nach dem Vorkriegsstand zu und beginnt mit dem Abbau der Preise und der Löhne. Wie gesagt, wir glauben nicht, daß diese Weltwirtschaftskrise sich so ganz von selbst hilft, dah aus ben in ber Wirtschaft selbst schlummemben Kräften die Ge­sundung herbeteesührt wird. Aber darüber kann man streiten. Richt streiten kann man aber dar­über, dah bei der gewaltigen Ausdehnung der Krise, die durch die noch nicht überwundenen unmittelbaren Kriegsschäden nur verschärft wird, die der Krise entsprechenden sozialen 6pan^ nungen ein außerordentliches Mah annehmen muffen. Das ist es ja, worauf der russische Bolschewismus in Hoffnung bleibt; nach diesem Gesichtspunkt behandelt er alles, was er in Wirtschaft und Politik draußen verfolgt. Hier sieht er einen Bundesgenossen entstehen, ber ihm helfen soll, die Weltrevolution weiter zu tragen, die trotz des Sieges der Revolution bei Kriegsende ber europäische Kapitalismus sich hat femhalten können.

Mit anderen Worten: was vom rein wirt­schaftlichen Gesichtspunkte vielleicht berechtigt wäre: die Krise sich selbst ausheilen zu lassen, das ist es vom sozialen Standpunkt, vom Standpunkt des Gegensatzes ber Klassen unb habet ber Innenpolitik nicht. Eo sehen wir auch, bah nicht nur Deutschland sondern auch England, die Bereinigten Staaten und selbst Frankreich (Tardieus Fünfjahrplan!) nicht nur die Wirtschaft sich mit diesem Problem yerum- schlagen lassen, sondern auch als Staaten mit ihnen sich beschäftigen. Das tut Hoover so gut

William Wrigley jr. war zuerst Zeilungsver- käufer, bann hanbelte er mit Seife. Als Adams mit feinem Kaugummi auf ber Bildfläche erschien, ahmte er ihm nach, und bald hatte er 100 0C0 Dollar zusammen. Wrigley aber verschmähte es, dieses Geld auf die .hohe Kante" zu legen, er unternahm damit einen großen Inseraten-Feld- zug in RerHork, doch bezeigten die Reuyorker kein rechtes Verständnis, und das Geld war ver­tan. Der energische Wrigley lieh sich indessen keineswegs kopfscheu machen. Kaum hatte er wie­der 100 000 Dollar verdient, als er von neuem zu inferioren xbegann, diesmal nicht in Reuyork, sondern in den 'Blättern der amerikanischen Pro- vinzstäbte. Er hatte Erfolg. Im Iahre 1907 bezifferte sich sein Vermögen auf 250 000 Dollar, aber auch jetzt gab er sich noch nicht Aufrieben, fonbern setzte bie ganze Summe in Inseraten um. Von nun an beherrschte er ben Markt. Wrigley soll insgesamt etwa 25 Millionen Dollar in Zeitungsinseraten angelegt haben. Dafür be­trug aber auch ber Bruttogewinn seiner Firma hn letzten Iahre 22 781 640 Dollar.

Große Vermögen sind auch aus bem alten Füns-Cent-Kino erftanbtn. Die amerikanisch«Film- inbustrie, heute die fünstgröhte Industrie der 'Bereinigten Staaten, verfügt über ein Kapital von einer Milliarde 750 Millionen Dollar. MarcuS Loew, der mit einem Füns-Cent-Kino angefangen hatte, hinterlieh, als er 1927 starb, ein Vermögen, das zwischen 35 unb 50 Millionen Dollar geschäht würbe. Der Groschen hat zwar nur Wenigen die Macht des Besitzes verschafft, aber diesen Wenigen in einem märchenhaften Ausmaß.

Die Katastrophe bei der Zarenkrönung.

Der tragische Abschluß der Desreiungsfeiem am Rhein zeigt wieder einmal, tote nahe Freud und Leid, Iubel und Entsetzen beieinandertoohnen. Da ja die Gefahren bei großen Menschenansamm­lungen und auhergetoöhnlichen Gelegenheiten zahl­reicher lauem als im gewöhnlichen Alltag, so ist es begreiflich, daß der Festesjubel so manchmal in Klagen und 3ammcr umschlägt. Die alten Chroniken berichten uns von solchen Unglücks- fällcn. die sich bei den Festlichkeiten ereigneten, aber die gewaltigste Katastrophe dieser Art ge­hört der jüngsten Vergangenheit an; sie vollzog sich 1896 bei Der Krönung des Zaren Rikolaus II. auf dem Chodinjkojefeld bei Moskau.

wie Macdonald. tote e«Brüning tun muh.

Unb da- wieder kommt auf daS hinaus, WaS jener französisch« Publizist fordert: eine bef- f e re Organisation ni ch t nur derPro­duktion, lonbcm au ch deS Konsum«, d. h. ber Verteilung. Ie mehr überall ber Ka­pitalismus selbst mit seinen Führern die darin liegenden sozialen Ausgaben erkennt unb löst, um so weniger wirb ber Staat genötigt sein, sich ihnen zuzuwenden. Wenn nicht, wird überall ber Staat einfach von ber anderen Klasse, bet arbcitncßmcnbcn Schicht, dem Proletariat, dazu gezwungen, daS )a zahlenmäßig, vor allen in Deutschland und England, Durch den Krieg fo ungeheuer vergrößert worden ist.

Diese Ucbctlcgung über Weltwirtschaftskrise unb Weltpolltik. über Wirtschaft unb Politik im einzelnen Staate selbst, über bie gemein­same Krankheitssituation fast aller wesentlichen Staaten in ber Welt, baS sinb die eigent­lich brängenben Probleme, namentlich für daS von ihnen besonders gefährlich be­drängte Europa. Darum erscheinen die Briand* schon Gedankengänge mit ihrer einseitigen mili­tärisch-politischen Einstellung unb mit ihrer ein­seitig sranzösischen 3ntcreffenbetonung in dieser heutigen Situation getoistermahen weltfremd» DaS merkt man allen den Antworten auch an» Jeder ber befragten Staatsmänner hat sich ha­bet gesagt, daß er daS, waS er auf Briands militärisch-politische Gedankengänge zu sagen habe, so und so oft schon in Genf gesagt bat, und dah er daS im Schlaf hersagen kann ohne besondere Anstrengung. Aber jeder sagt sich sogleich, daß daS unmittelbar drängende Gegen­wartsproblem ist, wie man auS ber Wirtschafts­depression herauSkomme und die daraus ent­springenden sozialen Gefahren, die überall drohen, beschwöre. Daran, an die Zusammen­arbeit der europäischen Staaten unter f o l n chem Gesichtspunkte, dachte jeder Staatsmann Europas zuerst, als er von Arland mit diesem Panouropa-Proiekt befragt wurde. Er hat dar­auf eine höflich« Antwort gegeben, in dem» Bewußtsein, daß für diese drängende Gegen­wartsnot einer europäischen Gemeinschaft bie Brianbfche Anregung Steine statt Brot bietet unb bcShalb unfruchtbar bleiben muß.

Bahnhof Gießen-Ost.

Schon seit Iahren besitzt bie Stadt Dießen neben ihrem immer stärter belasteten Bahnhof noch die Haltestelle an der Licher Straße im Zuge ber Streck« DiestenFulda, Diese Haltestelle, bie man wohl als ben Drunb- stock zu einem Bahnhof Gießen-Ost be­zeichnen kann, entstaub vor bem Kriege in erster Linie zu bem Zweck, ben im östlichen Slabtteiv unb ben angrenzenden Bezirken beschäftigten Ar­beitern von auswärts Gelegenheit zum AuS- fteigen zu geben, um ihnen den weiten Weg vom Bahnhof zu ihren Arbeitsstellen zu ersparen. Für ben allgemeinen Verkehr hatte bie Anlage da­mals keinerlei CBe Deutung, weil jene Stadtgegenb seinerzeit in der Bebauung noch nicht genügend erschlossen war.

Die rege Bautätigkeit nach dem Kriege, ins* befonüete in ben letzten Iahren, ist namentlich in der GegendAm Kugelberg" stark wirksam geworden, und damit hat sich auch die Derkehrs- fad)läge für die Reichsbahn-Haltestelle der Licher Straße sehr bedeutsam geändert. Wo früher keine Bebauung vorhanden war, ist im Laufe der letzten Iahre ein ganzer Stadtteil emporge- wachsen. Dazu kommt das noch im Entstehen be­griffene, für die Bebauung beliebte Wohnviertel an ber Grünberger Strafte, bas sog. Professoren- Eck, ferner finb als lebhaft interessiert an bieser Reichsbahn-Haltestelle anzuschen alle östlich voin Lubwigsplatz gelegenen Straßenzüge, weiter bie Ostanlage, Moltkostraße unb nicht zuletzt die Kasernen, dis Provinzial-Dflegeanstalt, sowie die Hessische Heilstätte mit ihren starken VerkehrS- beziehungen. Man geht wohl nicht fehl, wenn man die Devölkerungsbasis für diesen Bahnhalte­punkt auf mehrere tausend Personen schätzt. An den Sonntagen würden auch die Sportplätze auf

Zum KrönungSfest des Herrschers waren int Mai dieses Jahres aus allen Tellen des Riesen- reiches große Menschenmassen zusammengeströmt. Sie versammelten sich, da sie in der Stadt keine Unterfunft fanden, - auf dem Chodinskojefeld, auf dem das Volksfest stattfinden sollte. In der milden Mainacht vor der Feier waren hier etwa eine halbe Million Männer, Frauen unb Kinder vereinigt. Die Teilnehmer sollten jeder ein Geschenk von dem Kaiserpaar erhalten, einen Becher und ein Tuch, dazu Speisen und Süßig­keiten. Zur Verabreichung dieser Gaben war ein großer Teil des Riesenfeldes abgefperrt; auf ihm befand sich auch der eigentliche Äergnügungs- platz. Aber als der große Tag herangekommen war, wurde die harrende Menge ungeduldig, zerriß die Selle der Absperrung, verjagte die ganz ungenügende Schuymannschast, stürmte bie Buden und drängte sich zu ben Geschenkbündeln. Dabei brach eine Panik aus; bie Rachdrängenden wurden immer ungebärdiger, und in dem furcht­baren Gedränge wurden viele zerdrückt und zer­trampelt. Dazu kam noch eine schwere Unter* lassungssünde der Polizei. Man hatte von dem Felde den Kies genommen, mit dem die Straßen für den Einzug deS Zaren bestreut waren. Die dadurch entstandenen Gruben und Gräben waren nicht eingeebnet. Sodann war ein 20 Meter: tiefer Brunnen mitten auf dem Feld nur mit dünnen 'Brettern zugedeckt. Diese 'Bretter brachen sofort unter der Last der Massen, der Brunnen­schacht füllte sich mit Menschenleibern, auf bie wieder andere stürzten, die sie noch tiefer in ben 'Brunnen hineinstopften, Uebcrall fielen Men­schen in die Gruben und wurden von den über sie Hlnstürmenden zertreten. Das ganze Chaos dauerte nur eine halbe Stunde. Aber als daS Feld von dem Menschenstrom befreit war, da lagen überall zu Tode Verwundete und zerfetzte Tote,ein Schlachtfeld mitten im Frieden", wie es ein Augenzeuge schildert.Männer, Greife, Frauen und Kinder lagen da in ihrem Blul^ jur Unkenntlichkeit zermalmt. Hier lag ein Zopf, dort ein abgetretener Arm, ein Schuh, ein Dein, Fetzen von Kleidern. Es war ein fo grauen* erregender Anblick, dah viele in Ohnmacht fielen unb Schreikrämpfe bekamen. " Die Zahl der Toten wurde in den offiziellen Berichten mit 1138 an­gegeben; tatsächlich aber sind mehr a l s 3000 Menschen dieser Panikkatastrophe zum Opfer gefallen.