Wortes. In den Gärten sind es besonders die Kohl- flicgen, Drahtwürmer und Engerlinge, die den letzt- gesetzten Kohlpflanzen gehörig zusetzen. Schnecken und Raupen schädigen Gurken und Bohnen. Es ist kaum eine Pflanze oder Strauch zu sehen, der nicht von Blattläusen geradezu wimmelt. Besonders an den Obstbäumen machen sie sich auch sehr uh= angenehm bemerkbar. Massenhaft treten auch die Blutläuse, eine der gefährlichsten Obstbaumfetnde, auf und richten an den Stämmen und dem jungen Holze empfindlichen Schaden an. In fast allen Dörfern ist man eben daran, diese Blutlauskolonien zu vertilgen. In der gleichen Weise wird das Stein- obst, wie Zwetschen und Mirabellen, von den Schildläusen sehr heimgesucht. Die örtlichen Obstbauvereine sind gegenwärtig bemüht, die ungezählten Raupennester der Apfelbaumgespinstmotte mit allen zu Gebote stehenden Mitteln beseitigen zu lassen. Es ist höchste Zeit, daß in allen Baumanlagen unserer Gegend die Winterspritzung mit Obstbaumkarbo- lincum in weitest gehendem Maße durchgeführt wird, damit wir nicht wieder ein solches Ungezieferjahr erleben.
tz Saasen, 24. Juni. Das Dasaltwerk am Deitsberg, früher eine Erwerbsquelle für viele Leute unserer Gemeinde, steht seit Jahr und Tag still. Auch eine Kunststeinfabrik, die vorhergehend in den Gebäulichkeiten bestand, wurde wieder ausgegeben. Es besteht aber immer noch der Gleisanschluß, der für unsere Gemeinde insofern von großer Bedeutung ist, als er eine Ein- und Auslademöglichkeit für Waggonladungen bietet, die auf der Station nicht besteht. Nach schwierigen Verhandlungen hat nun der Gemeindevorstand in Anbetracht der Sachlage die Gleisanlage für einen verhältnismäßig Wohlfeilen Preis angekauft und damit die Möglichkeit, Waggons zu beziehen und zu versenden, ab unserer Station erhalten.
j Wirberg, 24. Juni. Die Heugrasversteigerung der Pfarrei Wirberg ergab nur etwa 60 Prozent des Durchschnittserlöses der letzten 6 Jahre. Das Heugras war wohl gerade auf den Dergwiesen gut geraten, aber bei der guten Heuernte gab es wenig Liebhaber bei der Versteigerung. Da ein besserer Erlös nicht zu erwarten war, hat der Kirchenvorstand die Genehmigung der Versteigerung befürwortet. — In diesem Vorsommer wurde ein alter Mißstand, der schon seit Generationen bestand, durch die Beteiligten beseitigt. Der Weg nach Reinhardshain, zugleich der einzige Zufahrtsweg zum Wirberg ohne große Steigung, war bis zirka 350 Meter vor dem Wirberg chauffiert und gerade das anschließende Stück, das besonders schlecht passierbar bei Regenwetter war, war nicht chaussiert. Die Akten über diese Wegsache, an der alle Pfarrer gearbeitet haben, füllen einen Faszikel der Pfarrregistratur. Nachdem nun vor zirka 30 Jahren das letztemal ein Stück chaussiert worden war, wurde dieses Jahr durch die beteiligte Gemeinde Reinhardshain das schwierigste Stück weiterchaussiert. Damit ist erreicht, daß auch bei schlechtem Wetter die Fahrt zum Wirberg von Reinhardshain her möglich ist.
— 'Grünberg, 25. 3uni. Die Pfingst - konferenz der Pfarrer des Dekanats Grünberg fand unter Leitung des Dekans Schmidt (Grünberg) gestern hier statt. Zu der Konferenz war auch der Superintendent Oberkirchenrat Wagner, Gießen, erschienen. Die Andacht hielt Pfarrer König, Großen-Linden. Es wurden zunächst die geschäftlichen Angelegenheiten erledigt. Dann hielt Pfarrer Lic. theoi. Dr. Stumpf sein Referat über: Wert und Verwertung des evangelischen Chorales. Der Vorträgen!^, der eine Autorität auf dem Gebiete ist, verstand es, in seinem Vortrage das Interesse und die Anerkennung der Konferenz zu gewinnen. Rach dem Dank des Vorsitzenden für den Vortrag schloß sich noch eine Aussprache an, in der besonders Superintendent Wagner
wertvolle Ergänzungen bot. Jedem der Teilnehmer der Konferenz bot der Vortrag eine Steigerung der Wertschätzung des köstlichen Gutes, das wir in unserem hessischen evangelischen Gesangbuch haben.
! Hungen, 24. Juni. Zu dem Nachlaß des hier vor einigen Monaten verstorbenen Bergwerkdirektors Wilhelm S ch i f f m a n n gehörte auch eine wertvolle Sammlung, die der Verstorbene während seines längeren Aufenthaltes im Auslande angelegt und mit feinem Verständnis geordnet hat. Die in neun Kasten untergebrachte Schmetterlingssammlung enthält zum größten Teile tropische Tag- und Nachtfalter von verschiedenster Gröhe und Gestaltung. Die Farbenpracht dieser fremdländischen Insekten ist einzigartig und erfreut das Auge des Beschauers. Die Käfersammlung ist nicht minder interessant. Zeigt sie doch Käfer mit dreiteiligen Freßzangen, eine Eigentümlichkeit, die europäische Käser nicht besitzen. Nebenbei erblicken wir verschiedenartige Heuschrecken, darunter die eigenartig gebaute Stabheuschrecke, die so sehr gefürchteten Plagegeister südlicher Länder. Herrliche Korallen und unzählige Muscheln von verschiedener Größe, Farbe und Gestaltung bilden einen weiteren Teil der herrlichen Sammlung. Die Mineraliensammlung ist ebenfalls sehr reichhaltig. Ferner enthält die Sammlung ausländische Früchte, Schmuck- und Gebrauchsgegenstände fremder Erdenbewohner, Bogen , und Pfeile der Wilden, Dolche und Säbel japanischer Herkunft geben einen Einblick in die kunstvolle Arbeitsweise fremder Völker. Bei der reichen Fülle der Sammlung ist eine Einzelaufzählung unmöglich. Sie ist so reichhaltig, daß sie in vier großen Schränken untergebracht ist. Prokurist Karl Schiffmann zu Berlin, der Bruder des Obengenannten, hat die ganze Sammlung in anerkennenswerter Weise der hiesigen Volksschule geschenkt. Hierdurch ist die Schule mit einem Anschauungsmaterial versehen worden, wie es wohl keine Schule einer Großstadt aufzuweisen hat und wofür dem hochherzigen Spender nicht genug gedankt werden kann. Nächsten Sonntagnachmittag ist die Sammlung durch die Schulleitung der allgemeinen Besichtigung freigegeben worden und es steht zu erwarten, daß viele Naturfreunde sich zum Besuche einfinden werden.
1 Hungen, E4. Juni. Der Gesangverein „Liederkranz" feiert am Sonntag, 6. Juni, das Fest seiner 2. Fahnenweihe. Gleichzeitig ist damit das Bundesfest des Horloff- Wettertalsängerbundes verbunden. Nach den Vorbereitungen, die bis jetzt getroffen wurden, steht uns ein herrliches Fest bevor, das von zahlreichen Vereinen der näheren und weiteren Umgegend besucht werden dürfte, zumal Hungen von allen Seiten leicht erreicht werden kann. Der rührige Verein, der neben dem Gesang auch die Gemütlichkeit zu pflegen versteht, gibt sich die größte Mühe, den erwarteten Gästen ihr Erscheinen durch einige angenehme Stunden zu vergelten. Das Fest wird auf dem neuen Fest- plahe veranstaltet.
0 Holzheim, 24. Juni. Im vorigen Herbst wurde die Provinzial st raße von Grü- ntngen nach Holzheim und darüber hinaus bis zur Gambacher Grenze durch Walzen erneuert. Dabei wurde zur Probe das neue Mittel „Traßkalk" verwandt: das sich jedoch nicht bewährte. Infolge des imn^er mehr zunehmenden Omnibus-, Lastkraftwagen- und Pferdefuhrwerkverkehrs zeigten sich bereits gegen Ende des Vorjahres schadhafte Stellen. Diese sind jetzt so zahlreich und ausgedehnt, daß sich die Provinzialstraßenverwaltung Oberhessen entschließen mußte, die Straße in Kürze mit einer Teerschicht zu überziehen.
Kreis ^ricvberg.
pb. Butzbach, 24. Juni. Der Männergesang- verein „Eintracht" beging am Samstag und Sonntag das Fest seines 25jährigen Be-
stehens, mit welchem ein Gesangswettstreit verbunden war. Das Fest begann mit einer Ehrung der verstorbenen und im Weltkrieg gefallenen Mitglieder, die am Samstagnachmittag auf dem Friedhof stattfand. Ihr folgte am Abend in der Festhalle am Wetzlarer Tor ein Festkommers, bei welchem Cinzelchöre des festgebenden Vereins, des Gesangvereins Orpheus, sowie auch Gemeinschaftschöre der vorgenannten Vereine zum Vortrag gebracht wurden. Weiter wirkten hierbei mit der Turn- und Sportv. 1846 sowie der Radsportverein Solidarität, die sportliche Vorführungen darboten. Umrahmt wurden die Darbietungen durch Musikvorträge der Feuerwehrkapelle. Auch der Gesangverein Cäcilia von Lich war zu diesem Abend erschienen, und half durch einige formvollendete Chöre den Festabend verschönern. Ansprachen hielten der Vorsitzende des Vereins, Adolf Bender, Bürgermeister Dr. Jansen, der Vorsitzende des Gesangvereins Orpheus unter gleichzeitiger AleE>er- reichung eines Bildes von Beethoven, der Vorsitzende des Vereins Liederkranz von Pohl-Göns unter Ueberreichung eines Fahnennagels. Von den Frauen und Jungfrauen des Vereins anläßlich des Jubiläums wurde eine Fahnenschleife gestiftet. Am Samstagvormittag begann im großen Saal des Hessischen Hofes das Wett- singen, an welchem sich neun Vereine beteiligten. Hierbei sind folgende Preisergebnisse zu verzeichnen: 1. Klasse: Gesangverein Germania Großen-Linden im Klassen-, Ehren- und Hauptehrensingen mit 214,5, 106 und 320,5 Punkten je den 1. Preis: den 2. Preis erhielt der Chorgesangverein Herbornseelbach im Klassen- und Hauptehrensingen mit 213 bzw. 319 Punkten, während ihm im Ehrensingen mit 106 Punkten der 1. Preis zufiel: den 3. Preis erhielt Gesangverein Sängerlust Aßlar im Klassensingen mit 193,5, Hauptehrensingen 297,5 und im Ehrensingen mit 104 Punkten.den 2. Preis. In der 2. Klasse erhielt der Männerchor Ober-Rosbach den 1. Preis im Klassen- und Hauptehrensingen mit 190 bzw. 288 Punkten, im Chrensingen den 2. Preis mit 98 Punkten. Den 2. Preis erhielt der Gesangv. Harmonie Eubach im Klassen- und Hauptehrensingen mit 168 bzw. 280 Punkten, im Ehrensingen den 3. Preis mit 94 Punkten. Den 3. Preis erhielt der Gesangverein Dorf-Güll im Klassen- und Hauptehrensingen mit 178 b;w. 278 Punkten, während ihm im Ehrensingen der 1. Preis mit 100 Punkten zufiel. In der 3. Klasse erhielt Konkordia Staffel den 1. Preis im Klassen- und Hauptehrensingen mit 184 bzw. 280 Punkten, im Chrensingen den 2. Preis mit 96 Punkten, ber Gesangverein Germania Ilbenstadt den 2. Preis im Klassen- und Hauptehrensingen mit 183 bzw. 277 Punkten, im Ehrensingen den 3. Preis mit 94 Punkten, der Gesangverein Loreley Oberlemp den 3. Preis im Klassen- und Hauptehrensingen mit 177 bzw. 275 Punkten, im Ehrensingen den 1. Preis mit 98 Punkten. Dirigenten-Preise erhielten in der 1. Klasse Gesangverein Gemania Großen-Linden mit 108 P. den ersten, Gesangverein Herbornseelbach mit 105 P. den zweiten und Sängerlust Aßlar mit 94 Punkten den dritten Preis. In der 2. Klasse erhielt der Männerchor Ober-Rosbach den Diri- genten-Preis mit 98 Punkten: in der 3. Klasse Konkordia Staffel denselben mit 93 Punkten. Am Sonntagnachmittag bewegte sich ein großer 5 e ft3 u g , an welchem sich etwa 40 auswärtige und hiesige Vereine beteiligten, durch die mit Fahnen und Girlanden geschmückten Straßen der Stadt nach dem Festplatz am Wetzlarer Tor, wo nach Eintreffen des Festzugs Pfarrer Linde n st r u t h von hier die Festrede hielt.
frtrcie ^nMiißcn
△ Ql i b ö a, 25. Juni. Am letzten Samstag und Sonntag veranstaltete die hiesige SchüHengesel lschaft ihr Haupt- und Königsschi e h e n, verbunden mit Kleinkaliberpreisschießen, das eine sehr starke Beteiligung von hiesigen und auswärtigen Schützen aufwies. Die Gießener
Reichswehrkapelle begleitete die Aufzüge mit flotten Märschen und füllte am Schiehstand die Pausen mit Konzertstücken aus. Der Wettbewerb um die einzelnen Preise war sehr stark. Als besonderer Erfolg muß anerkannt werden, daß dle sämtlichen Preise für die schwierigste Scheibe. 75 Meter Fr ei Hand, von hiesigen Schützen errungen wurden. Als Sieger im Königsschießen ging Gastwirt Anton Stahlhofen hier mit 56 Ringen und als Sieger für Kleinkaliber W. QI a u m a n n aus Gettenau hervor. Sie wurden vom Vorsitzenden des Vereins, Steinbruchbesitzer Nickel (Ober-Widdersheim), herzlichst beglückwünscht. Die Preisverteilung fand abends in der Turnhalle statt, wobei Schühenmeister Vermes- sungsinspektor Wenzel von hier eine vortreffliche Ansprache über oie Bedeutrmg der Schützeir- sache hielt. Von den Siegern gebökk'wir nur je die fünf ersten bekannt, im ganzen wurden 75 Preise zuerkannt. Es errangen I. bei 175 Meter aufgelegt: 1. Preis Hahn (Lich) 56/20; 2. Gondner (Gießen) 55/20; 3. Wallenfels (Nidda) 55/17; 4. Nickel (Ober-Widdersheim) 54/18; 5. Dewald (Gießen) 52/15. II. 175 Meter, Festscheibe, Freihand: 1. Heinrich Struck (Nidda) 20 Ringe; 2. Karl Nickel (Ober-Widdersheim) 19 Ringe; 3. Ioh. Pfeiffer (Nidda) 19 Ringe; 4. Apotheker Schuster (Nidda) 19 Ringe; 5. Theodor Spanier (Nidda) 19 Ringe. HI. Glücksscheibe, 100 Meter: 1. und 2. Preis A. Listmann (Nidda); 3. K. Nickel (Ober- Widdersheim); 4. Jakob Weiß (Berlin); 5. Heinrich Struck (Nidda). IV. 100-Meter- Meisterscheibe: 1. A. Stahlhofen (Nidda) 58/20; 2. Diehl (Gedern) 58/20; 3. Nicket (Ober-Widdersheim) 58/19; 4. A. Listmann (Nidda) 58/19; 5. Hahn (Lich) 58/19. V. 'Festscheibe: 1. Gondner (Gießen) 40/39; 2. Nickel (Ober-Widdersheim) 40/38 ; 3. Pfeiffer
(Nidda) 40/35; 4. Meier (Nidda) 40/32; 5. Diehl (Gedern) 40/32. VI. Kleinkaliber A, Freihand, 50 Meter: 1. Müller (Unter-Schmit- ten) 36; 2. Heulheck (Fauerbach) 35; 2. Apotheker Schuster (Nidda) 34/12; 4. Eckhardt (Unter-Schmitten) 34/11; 5. Leins (Nidda) 34/10. VII. Kleinkaliber B, aufgelegt, 50 Meter: 1. Theodor Spamer (Nidda) 34; 2. Hermann Kammer (Nidda) 34; 3. Diehl (Gedern) 34; 4. Frau Nickel (Ober-Widdersheim) 33; 5. Heinz Pfeiffer (Nidda) 33. Die ganze Veran- staltung hat gezeigt, daß der hiesigen Schützen- gesellschaft hier und in der ganzen Umgegend großes Interesse entgegengebracht wird, und daß der erst wenige Jahre bestehende Verein schon eine recht stattliche Zahl von Mitgliedern umfaßt.
# Aus der mittleren Wetterau. 25. Juni. Die Aussichten für die diesjährige O b st e r n t e lassen sich nunmehr übersehen. Die Apfelbäume haben durchschnittlich recht knapp angesetzt, nur einzelne Lokalsorten, wie Herrn- apfel und Rotapfel, machen eine Ausnahme. Keinerlei Behang zeigen Goldrenette von Blenheim und Gelber Edelapfel. Die Maifrvste haben keinen Schaden angerichtet, wohl aber die Obstbaumschädlinge, vor allem der Apfelblütenstecher. Jetzt ist auch der Apfelwickler an der Arbeit und sticht die in Entwicklung begriffenen Früchte an. Auch tritt wieder die im Vorjahre allgemein bekämpfte Blutlaus an den Apfelbäumen auf. Gemeindeweise Bekämpfung wäre auch heuer das Beste. Obgleich die Birnbäume schon zwei Jahre hintereinander eine gute, teilweise sogar eine Rekordernte brachten, haben sie auch in diesem Jahre wieder gut angesetzt, besonders die Wirtschaftssorten. Leider wird infolge der Trockenheit bereits ein Teil der haselnußgrohen Früchte ab- gestotzen. Den besten Früchtensatz zeigt das Steinobst. Süß- und Sauerkirschen zeigen einen großen Behang, so daß die Früchte verhältnismäßig klein bleiben. Auch Mirabellen, Reineklauden, Aprikosen und Pfirsiche hängen gut voll, während Zwetschen einen ganz unterschiedlichen Fruchtansatz zeigen. — Infolge des heißen Wetters haben sich die Bienenvölker gut entwickelt. Leider wird der gute Honigertrag durch das
Die Sünde
der Renate Mercandin.
Roman von Fred Nelins.
4 Fortsetzung. Nachdruck verboten
Im gleichen Herzschlag war das Lächeln von den Lippen Griebenows verschwunden. Wie ein Blitz schlug des Erinnern Bresche in die Mauer des Vergessens.
Mercandin!
Der Teufel ...
Llnd wieder lachte Griebenow. In der Tat, man würde diesen Engel an Geduld und Men- schengüte mit der Friedenspalme, an dem Weißen Band zu tragen, dekorieren müssen.
Er badete. Er zog sich an. Er klingelte. Der Kellner kam.
„Das Früstück", sagte Griebenow.
Ein wenig später war der Tisch gedeckt. Blumen leuchteten vom Weißen Damast. In den Silberkännchen dampfte heißer Tee und Kaffee. Wiesenbutter, Jam und goldener Honig lockten neben frischem Backwerk. Der Kellner brachte kaltes Fleisch und weichgekochte Eier.
Griebenow erbrach den Brief, den ihm der Kellner übergeben hatte. Er enthielt das Fahrscheinheft sowie dreihundert Franken.
Griebenow fuhr über Genua nach Mailand und erreichte mit der Gotthardbahn Chiasso. An einem grauen Regenmorgen lief der Zug in Zürich em. Das Münster und das Stadtbild waren in den Schleier regenfeuchter Luft gehüllt. Traurigkeit und Schwermut lasteten auf allen Gassen. Kalte Winde mahnten an den Norden.
Hagelschauer prasselten vom Himmel, als er abends spät in München eintraf. Die Straßen waren menschenleer. Nur die Autos surrten und der Sturmwind fauchte. Es war ein ilebergang, der Mark und Dein erschauern machte. Am nächsten Morgen war er in Berlin.
Als er diese menschenangefüllten, grauen und versteinten Straßen wiedersah, als der Fieberatem des Erraffens und Verdienens und Ge- nießens aus ihn eindang, überfiel ihn ein Würgen, das den Atem stocken machte, die Erkenntnis seiner hoffnungslosen Lage.
Wohin gehörte er?
Er besaß noch etwa vierzig Mark in deutschem Geld.
Er rechnete: fünf Tage leben. In diesem Zeitraum mußte er Verdienst und Stellung haben. Das war nicht leicht. Griebenow verschloß sich nicht den Schwierigkeiten, die sich der Erreichung dieses Zieles entgegenstellten.
Trotzdem, ich muß vorwärts, sagte er sich
selbst. Den Nacken steifen, nicht verzweifeln ... nicht den Mut verlieren! Erst den Hunger im Magen stillen und dann weitersehen.
Er frühstückte in einem Cafö und versank in schwere Lethargie. Endlich nahm er eine Zeitung in die Hand und suchte. Stellenangebote. Es gab dies und das. Akquisiteure, Reisende, Chauffeure, Diener, Kutscher, Kohlentrimmer und so weiter. Alles Dinge, die für Griebenow fernlagen. Danach aber fiel fein Blick auf etwas, das vielleicht geeignet war, Interefse zu erwecken. Es war eine Anzeige.
„Gesucht Herren besserer Stände für Dertrauen- stellung. Zu erfragen durch Müller, Oderberg- strahe 5, 4 Treppen."
Griebenow beschloß, Müller, Oderbergstraße, sofort aufzusuchen. Er bezahlte und verließ das Caf6, um sich draußen auf den ersten besten Autobus zu schwingen.
Er durchfuhr die Stadt und kam in Prole- tarstrstraßen. Griebenow sah schmutzige, geduckte Häuser, blasse Strahenkinder, freche Mädel, Höhlen von Destillen.
An der Zionskirche stieg er aus. Hinten lag der Humboldthain. Griebenow ging bis zur Schwedter Straße, bog in die Choriner ein, endlich war er da.
Das Haus, in dem Herr Müller wohnte, war ein alter, sinsterer Kasten. Es machte einen schmutzigen und ungepflegten Eindruck. Die Mauern sahen grau und abgeschunden aus. Die Fenster schienen nicht geputzt. Fetzen von Gardinen hingen vor den Scheiben. Das große Tor am Eingang war geöffnet. Don dem Hofraum her erklang das Surren von Maschinen. Vorne tag das Wettbüro des Alfons Sennewald. Der Laden war verqualmt und dicht gefüllt.
Griebenow schritt durch den engen, finsteren Treppenflur und kletterte die Treppen aufwärts. Höher, immer höher. Türen, die vor Alter morsch und dürftig waren, mündeten auf einen schmierigen Podest. An der einen Tür hing ein Schild: Friedrich Müller.
Eine Falle ... dachte Griebenow. Der sucht wahrscheinlich abgetragene Herrenkleider, aber keine Herren besserer Stände für Vertrauen- ftellung. Immerhin, er war nun da. Er drückte also auf den Klingelknopf.
Nach einer Weile ging die Tür auf. Ein junges Mädchen, das sehr leicht gekleidet war, lächelte ihm zu.
„Herr Müller?" fragte Griebenow.
Jene in der leichtfertigen Kleidung wies auf eine Tür. „Bitte. Herr Müller ist zu Haufe."
Griebenow ging also durch den Flur und klopfte. Niemand rief „Herein!". Die Tür war unverschlossen. Griebenow trat in ein Zimmer, das mit hohen Schränken ausgestattet war. Man vernahm das Klappern einer Schreibmaschine.
Ein sehr junges, schlecht ernährtes und sehr ärmlich angezogenes Mädchen saß vor dieser.
„Kann ich Herrn Müller sprechen?" fragte Griebenow zum anderen Male.
„Wenn Sie, bitte, klopfen wollen."
Griebenow trat in ein Zimmer, das mit dicken Tabakswolken eingenebelt war. Dor einem primitiven Schreibtisch saß ein Herr mit schwarzem Haar, mit Hakennase und glattrasierten Lippen. Dieser Herr nahm die Zigarre aus dem Mund, sah Griebenow aus großen, seltsam tränenschweren Augen an und wies auf einen Stuhl, „Bitte, nehmen Sie doch Platz, mein Herr."
Behutsam ließ sich Griebenow auf einen Sessel nieder, unter dessen abgenutztem und zerschlissenem Stoff die Füllung vorquoll.
„Sie suchen Herren der besseren Stände für Dertraucnstellung."
Mit dem Rücken seines Zeigefingers rieb Herr Müller sich den Kummer von den glatten Lippen. Es schien, als ob er weinen wolle.
„Na, suchen ... Ach, mein (Sott! Suchen ist vielleicht zuviel gesagt, verehrter Herr. Ich bin auf Wunsch bereit und in der Lage, eine solche Stellung nachzuweifen."
„Also bitte.
Müller sagte, daß er zwanzig Mark sofort und bei Antritt einer durch ihn nachgewiesenen Stellung zehn Prozent des ersten Monatslohnes als Provision verlange. Er bäte Griebenow, dies Formular zu unterschreiben.
„So, so ..Griebenow verzog den Mund. Vierzig weniger zwanzig, blieben zwanzig. Er überlegte, ob er fich nicht lieber gleich erheben und den Tränenschweren seinem Schicksal überlassen solle. Mit einem Restbestand von zwanzig Mark in bar war Griebenow vielleicht dem Hunger und in einer von den nächsten Nächten dem Asyl für' Obdachlose ausgeliefert — falls er keine Stellung finden sollte. Er war schon wieder mal va banquc ... ähnlich wie in Monte Carlo. Immerhin, man hatte keine Wahl. Griebenow entschloß sich also, auf Müller zwanzig Mark zu sehen.
„Wer bürgt mir aber dafür — wenn ich wirklich unterschreibe —, daß ich eine Stellung finde?" fragte Griebenow. Dumme Frage, sagte er sich selbst, nachdem er diese Worte ausgesprochen hatte.
Und Müller kniff in der Tat die Augen zu und schüttelte den Kopf. Cs schien, als ob er seine Tränen nicht mehr länger hemmen könne. Er zog sein Taschentuch hervor und schneuzte sich.
„Niemand selbstverständlich — niemand kann für Dinge bürgen, die sich vorher nicht mit Sicherheit erwägen lassen. Sie verpflichten mich durch Ihre Unterschrift und Vorschußzahlung, offene Stellen für Sie nachzuweisen. Das ist alles. Ich übergebe Ihnen eine Liste solcher Stellen,
die für Sie in Frage kommen. Der Erfolg, das Angenommenwerden ist dann Ihre Sache. Leben Sie wohl, mein Herr!"
„Erledigt" sagte Griebenow. Er unterschrieb. Er bezahlte zwanzig Mark und erhielt dafür eine Liste offener Stellen. Eine bunte Liste war das. Cs schien, als ob Berlin allein auf Griebenow gewartet hätte. Es gab alles, was man wünschte, vom Fabrikdirektor bis zum Flaschenspüler. Man brauchte nur das Beste für sich auszusuchen und sich anzumelden.
Griebenow stand auf. Er bedankte sich und verließ Herrn Müller mit den Augen, die von ungeweinten Tränen glänzten.
Griebenow fuhr nach der Friedrichstraße, wo das Baugeschäft von Kleusch & Neugereuth einen studierten Herrn — möglichst Doktorgrad — für P v ts kr tar a.Korres v lenken. Korn issionen usw. fuuyte. Der Name Neugereuth klang irgendwie vertraut. Gr erinnerte an ferne Freundschaft und an längst verklungene Zeiten.
Griebenow stieg an der Ecke der Linden aus und ging die Fri edrichstraße aufwärts. Dor einem Haus, das breit und hoch mit der Berliner Renaissance der achtziger Jahre protzte, blieb er stehen. Er war zur Stelle. Rechts unten vor dem Eingang stand auf emailliertem Glasschild: Kleusch & Neugereuth.
Auf fein Klingeln kam ein grünlivrierter Page, nahm die Karte Griebenows und ging zum Chef. Ein wenig später war er wieder da, führte Griebenow in einen kühlen Warteraum mit dünnen Möbeln und bestellte, der Herr Doktor möge sich gedulden.
Griebenow ging hin und her. Die Tür zum Nebenraum war halb geöffnet. Man vernahm von dort aus abgerissene Sähe: „Bei mir Gedächtniskirche weeßte. Ick nehm' am Ersten meen Gehalt und sonst---“
„Kleusch hat gestern mit dem Alten wieder wegen der Stettiner Schauburg Krach gehabt. Die Sache ist zum fünftenmal kopiert. Ich mach' da nicht mehr mit. 2n Fragen des Ce^is ens---"
„ Au. Was ist das wieder für ’ne Petite. Uebrigens das Neueste. Neugereuth hat jetzt in Dresden das Terrain bei Plauen---“
Eine Tür ging auf. Der Page kam herein.
„Der Chef läßt bitten."
Der Page führte Griebenow durch jenen Nebenraum, aus dem die Unterhaltung herkam in dem die Zeichner waren. In andern Zimmern sahen Schreiber über ihren Pulten. Er ging weiter über einen breiten G^kNg und klopfte. Jemand rief „Herein!". In einem hohem weiten Raum stand Griebenow. Er bemerkte den roten Perser- teppich, breite Sessel und ein großes Ledersofa. An dem schräggestellten Diplomatenschreibtisch sah ein Herr — blasser, schwerer Kopf, weißes Haar, Monokel in dem linken Auge.
(Fortsetzung folgt.)
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