Ausgabe 
26.5.1930
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 122 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheflen)Montag, 26. Mai 1930

Neue Wege im Gießener Kreiseiai.

Ein interessanter Kommentar der Kreisverwaltung.

Don der Verwaltung des Kreises Sieben wird unS mitgeteilt: /

Der Voranschlag des Kreises Gie­ßen für das Rj. 1930 schliesst ohne Steuererhöhung ab. Gr enthält keine nen­nenswerten persönlichen Rlehrkosten gegenüber den Ansätzen des Voranschlagsjahrcs 1929, ab­gesehen von der Vorsehung des Desoldungs- ansaheS für einen

Krcisrcchnuugsrevisor.

Mit Rücksicht auf die trüben Grfahrungen, die im Kreise Gießen gemacht wurden und die einen Verlust von bis jetzt 78000 Mark zum. Rachtei'le der Kreiskasse im Gefolge hatten, ist an eine

ständige laufende Kontrolle der Kreiskasse gedacht. Die Kreiskasse soll jede Woche, min­destens aber alle 14 Tage einer Prüfung unter­zogen werden. Die Prüfung erstreckt sich auch auf die laufende Prüfung der Dankbuchungen, auf die Prüfung der periodisch vorzulcgenden Handbuchauszüge, auf die Aebcrwachung der Beitreibung und die Vornahme von Kassestürzen. Rach Ansicht der Krelsverwaltung und des Kreisausschusses ist eine derart eingehende Kon­trolle wesentlich zweckmäßiger, als die etwaige Versicherung des Kreises gegen unangenehme Aeberraschungen, wie sie beim Ableben des früheren Kreiskasserechners zutage traten. Vei Durchführung der geplanten Massnahme fft die denkbar beste Garantie für eine Aeberwachung gegeben.

Darüber hinaus soll der Kreisrechnungsrevisor auch die Kontrolle des Kreispf andmei- ft e r s und die

Kontrolle der Gemeindekaffen

ausüben. Die Prüfung der Gemeindctassen soll durch Kafserevision und Kassesturz, sowie durch Visitation an Ort und Stelle erfolgen. Aufgabe des Revisors ist auch, Aufklärung bezüglich ord­nungsmässiger Verbuchung der Kapitalwirtschaft, Verrechnung von Kreis- und Provinzialumlagen und Durchsicht der Vorlagen zu geben. Wün­schenswert erscheint die Belehrung der Rechner und ihre praktische Diensteinweisung, weiter die Vornahme der Aeberlieferung der Kassen an nachfolgende Rechner, Grstattung instruktiver Re­ferate bei Rechnerversammlungen u. a. m. Schliess­lich ist beabsichtigt, durch den Kreisrechnungs­revisor auch eine

Prüfung der Krankenkassen

durchführen zu lassen. Rach der RVO. obliegt es dem Versicherungsamt beim Kreisamt Giessen, die ihm unterstellten Kvankenkasfen zu revidieren. Rach Auffassung des Dersicherungsamts steht nichts entgegen, wenn der Kreiskontrolleur von dem Dersicherungsamt mit der Durchführung der Kontrolle der Krankenkassen beauftragt wird. Die Kontrolle soll sich auch auf die Rebenstellen der Krankenkassen erstrecken. Mit dem Herrn Minister für Arbeit und Wirtschaft schweben zur Zeit Verhandlungen wegen Bereitstellung der erforderlichen Mittel für die Durchführung dieser Krankenkassenrevision, da es sich hier um eine staatliche Aufgabe handelt, so dass dem Kreis für die Zurverfügungstellung seines Be­amten eine entsprechende Rückvergütung zu- fliehen würde. Auch im übrigen find aus der Tätigkeit des Kreisrechnungsreoisors Einnahmen durch Gebührenleistungen für Kontrolle der Ge­meindekassen zu erwarten.

Konstanze.

Vornan von Karl Heinz Doigt.

Urheber-Rechtsschutz Verlag Oskar Meister, Werdau.

21. Fortsetzung. Nachdruckoerboten.

3n der Tat war das kleine Easö Musarion ein amüsanter Ort. Konstanze erkannte: Dies war der Treffpunkt der Boheme.

Sie sanden noch Platz an einem kleinen Lisch nächst dem Fenster.

Diese Frauen! Diese Mädchen! Diese Jünglinge! Die Frauen sahen zum 'Teil den Männern täuschend ähnlich. Rur an der Klei­dung konnte man allenfalls noch einen Anhalts­punkt für das Geschlecht sinden. Dort saß ein Mädchen mit männlichen, groben Zügen und las in einem illustrierten Blatt. Sie trug eine mächtige schwarze Hornbrille und sah sehr ge­lehrt aus. Gin paar Malweiber mit strähni­gem schwarzen Haar erregten Konstanzes beson­dere Aufmerksamkeit. Sie sprachen laut und un­geniert. Man verstand jedes Wort. Ein blon­der Jüngling, der aussah, wie ein Wandervogel, mischte sich in das Gespräch. Run wurde ein Geschrei daraus.

Immer neue Gäste kamen. Kurt Helbing kannte fast jeden. Ein hinkender Kellner schleifte sich durch den Raum. Aeberall wurde »Ganymed" verlangt.

»Dieses Faktotum bedient hier schon seit zwan­zig Jahren den künstlerischen Rachwuchs Mün­chens", erklärte Kurt Helbing und deutete mit dem Kopf auf den riesengroßen schlanken Kell­ner.Cr sieht eher aus, wie ein mißvergnüg­ter, hinkender Mephisto, wird aber trotzdem »Ganymed" genannt. In Wirklichkeit heisst er Moritz Schulze. Kein Mensch hat ihn jemals ^chen sehen. Ich versichere Ihnen aber, Frau Konstanze, er ist der witzigste Mensch ganz Bayerns."

Ein paar sehr grell bemalte Mädchen kamen in das Cafs. Das eine der beiden hatte lüsterne Lippen, rauchte eine Zigarette und trug ein Monokel. Das andere sah solider aus und hatte so blondes Haar, dass es fast wie weih wirkte. Sie waren beide Tänzerinnen am Opern­ballett.

Reue Gäste kamen und gingen. Da starrte Konstanze zur Tür Sie tourbc weiss. Sie fühlte direkt, wie das Blut aus ihren Wangen wich Peter Ahlstädt trat ein

Kurt Helbing hatte ihn entdeckt, uni) schon kam Peter mit langen, festen Schritten auf ihren Tisch zu.

Der Bildhauer wollte Konstcrnze mit seinem Freunde belanntmacfccn, als er sah, daß das nicht nötig war. Sie kannten sich offenbar.

Ein um 400 Mk. höherer Ansatz ist in dem diesjährigen Etat für Zwecke der

Volkshochschule

vorgesehen. Die Volkshochschule im Kreise Gießen hat in den einzelnen Kreisorten außerhalb der Stadt Gießen im Winterhalbjahr 1929 30 sieb­zehn Kurse mit 63 Kursabenden abgehalten, an denen 563 Personen teilnahmen. Einschreibungen waren insgesamt 737 zu verzeichnen. Reben den siebzehn Kursen wurden zehn EittzelVeranstal­tungen in Landgemeinden des Kreises Gießen abgehalten. Die Arbeit der Volkshochschule wird auch von anderen Gemeindeverbänden ent­sprechend gewertet: so gibt der Kreis Darmstadt zur Volkshochschule Darmstadt jährlich 500 Ml., der preußische Kreis Wetzlar gewährt der Volks­hochschule Wetzlar eine Beihilfe von 1000 Mk. Die Erhöhung des seitherigen Kreisbeitrags für die Volkshochschule Gießen von 100 auf 500 Mk. dürfte in jeder Hinsicht gerechtfertigt erscheinen.

Ein besonders bemerkenswerter Ansatz ist in der Form eines einmaligen Beitrags von 3000 Mark zu Gunsten des

Sladtthcalers Gießen

in dem Voranschlag enthalten. Der Beschluss­fassung des Kreisausschusses liegt ein Gesuch des Oberbürgermeisters der Stadt Gießen zu­grunde, in tem darauf hingewiesen wird, daß der Stadttheaterbetrieb einen städtischen Zu­schuß von jährlich rund 100 000 Mark erfordert. Der Kreisausschuß teilte in seiner Mehrheit die Auffassung des Oberbürgermeisters, daß die Belastung der Stadt auf die Dauer nur getragen werden kann, wenn die an der Aufrechterhaltung des Theaters der Provinz Oberchessen inter­essierten Stellen eine Anterstühung gewähren. Die Provinz Oberhessen hat durch Provinzial­tagsbeschluss bekanntlich eine Summe von 3000 Mark zur Verfügung gestellt. Die Erhaltung des Stadttheaters durch Leistungen derjenigen Stel- fcrt, die neben der Stadt ein kulturelles Interesse an dem Fortbestehen des Theaters haben, ist angesichts der Gefährdung des Gießener Thea­ters von besonderer Bedeutung. Cs kommt hinzu, dass das berechtigte Bedürfnis besteht, die Wirk­samkeit des Theaters auf die Landorte des Krei­ses Giessen auszudehnen. Die Bespielung von Giessen-Land durch das Frankfurter Künstler­theater, die Hessische Landeswanderbühne, würde eine schwere Gefahr für das Gießener Stadt­theater bedeuten, das mehr als je auch als das Theater der Provinz Oberhessen und des Kreises Giessen anzusprechen sein dürfte. Für den Dor- anschlagansah war vor allen Dingen auch die Erwägung massgebend, daß es erwünscht er­scheint, auch dem flachen Canbc zum Genuß hochwertiger Kunst zu verhölfen Das Stadt- tfyeater Gießen besitzt die Möglichkeit, gute Kunst auch auf das Land zu tragen.

Im Hinblick auf die grosse Bedeutung der ilni- versität Giessen für die Bevölkerung der Lanv- gemeinben des Kreises Gießen entschloß sich der Kreisausschuß, dem Kreistag in dem Voran­schlag für Rj. 1930 die Bewilligung eines ein­maligen Beitrags von 2000 Mark für das

Gießener Ltudentenhautz

zu empfehlen. Das Haus soll bekanntlich unbe­mittelten. begabten Söhnen des HessenlandeSl die Möglichkeit geben, ohne allzugrohe Ent­behrungen zu studieren.

Eine Massnahme von weittragender Bedeu­tung ist die Bereitstellung von Mitteln zur

Sekundenlang ruhte Auge in Auge. Es lag ein gegenseitiges Erkennen, ein Fragen und ein ganz vorsichtiges Tasten in diesem Blick

..Peter", sagte Konstanze so leise, dass nur sie es hören konnte.

»Gnädige Stau?*1 fragte er unsicher, »sind Sie es wirklich, Frau Emmerstorfs?"

»Ja, ich bin es. Herr Ahlstädt."

Das waren die Worte, die zwei Menschen nach jahrelanger Trennung miteinander wech­selten, die einst geglaubt hatten, nie ohne einander leben zu können, die von Tod und heisser Liebe gestammelt hatten, wenn sie sich in die Augen geblickt und in den Armen gelegen.

Konstanze schloss sekundenlang die Augen. Alles war wieder da: Gin Beet roten Klatschmohns es duftete nach Blumen und Harz der Himmel war blau und die Sonne schmeichelte. Auch das andere war da. Eine weiße Fläche. Kalt schnitt die Lust. Flocken tanzten. Dämme­rung. Ein ferner leuchte tos Gehöft. --

»Ich wußte ja gar nicht, daß Sie sich kennen", sagte Kurt HeDing zu Konstanze gewandt.

»Wir kennen uns lange, lange, entgegnete an ihrer Stelle Peter Ahlstädt und streifte mit seinen grauen Augen Konstanzes Gesicht.

O, tote hatte sie diese Augen geliebt. Wie hatte sie voll Inbrunst einst diese Augen geküßt! And wie hatten die Blicke dieser Augen sie einst zärtlich umfangen! Run streiften sie nur noch ihr Gesicht.

Kurt Helbing erzählte, wie sie sich kennengelernt und daß sie unter einem Dache wohnten.

Konstanze prüfte Peter heimlich und es fiel ihr auf, daß etwas Fremdes an ihm war. Diele Jahre hatte fic ihn nicht mehr gesehen. Sie be­merkte deutlich, wie zerstreut er zuhörte, und mit großem Erstaunen gewahrte sie, daß diese kräftigen, etwas derben Hände, die aber doch in ihmen Formen Willensschwäche ausdrückten, zitterten. Eie zitterten nicht kraftlos, v nein, keinesfalls, aber sie waren unbeherrscht und hatten keinen Willen. Das fiel besonders auf, weil es einen seltsamen Kontrast bildete zu dem übrigen Aeußeren dieses Mannes- Sein Kör­perbau war mittelgross und kräftig. Die Schultern wölbten sich etwas nach vorn und hatten etwas Athletisches. »Er besitzt die Figur Lothars", dachte Konstanze plötzlich und erschrak darüber.

Sein Gesicht war scharf geschnitten. Die Rase sprang markant hervor. Rur zuweilen ver­stehe wohl zuweilen nur huschte ein Zuckm über seine Züge. Wäre dieses Zucken nicht ge­wesen. so hätte man sagen können, fein Gesicht sah aus, wie aus einem Block sehr hellen Gra­nits gehauen.

Je länger Konstanze in diesem Antlitz stu­dierte, desto mehr wurde ihr klar, daß da ein Zug war, den man nicht schön nennen konnte. Er war versteckt, dieser Zug, aber er war da.

Förderung der Bautätigkeit.

Im Kreise Giessen siird rund 700 000 Mark staat­liche Baudarlehen angefordert worden. Leider stehen bis jetzt nur 160 000 Mark zur Verteilung zur Verfügung. Auch in früheren Jahren war die Zuteilung entschieben zu gering. Hieraus erklärt sich, daß im Kreise Gießen nahezu hundert angesangene Bauten vorhanden sind, die aus Mangel an Mitteln nicht sertiggestellt werden fönnen. Sowohl die Bauherren, als auch die Bauhandwerksmeister sind in schwerer Sorge. Die Rohbauten konnten in zahlreichen Jällen nicht bezogen werden, für die Bauherren ent­steht durch gleichzeitige Aufbringung von Zinsen für den Reubau und Miete für die Altwohnung ein empfindlicher Verlust. Richt geringer sind die Schäden zum Rachteil des Bauhandwerks, das auf den endlichen Gingang der Daugelder wartet. Die Finanzierung dieser halbfertigen Rohbauten und die Finanzierung der angemel­deten Reubauten kann, wie erwähnt, aus Staatsmitteln nur zum geringsten Teil erfolgen. In Erwägung der Tatsache, dass die Belebung der Bautätigkeit den Schlüssel zur

Hebung des Wirtschaftsleben« im kreise bietet, hat sich der Kreisausschuß auf Vorschlag der ^Kreisverwoltung entschlossen, ein Kapital von 100 000 Mk. zu beschaffen und in Form von Gin- zeldarlehen toeiteraugeben. Die Beleihung der einzelnen Bauvorhaben erfolgt wie beim Staate gegen hypothekarische Sicherung. Die Darlehen sollen auf die Dauer von 3 Jahren gegeben werden in der Annahme, daß in der Zwi- schenAit ihre Ablösung durch eine Verbesserung der Geldverhältnisse oder durch Staatsdarlehen möglich wird. Die Zinsverbilligung verursacht eine Belastung des Kreises mit jährlich 4000 Mk. auf die Dauer von drei Jahren. Die Begrün­dung dieses Einsatzes öffentlicher Mittel dürste durch die vorstehenden (Srlauterungen gegeben fein.

Ein Kreisbetrieb, der schon seither nicht wenig Sorge verursacht hat, ist die

Kreisabdcckcrei Garbentcich.

Rach dem Ablauf des seitherigen Pachtverhält­nisses hat der Kreisausschuß den Abschluß eines Pachtvertrags auf die Dauer eines Probejahrs mit dem derzeitigen Pächter der Abdeckerei des Kreises Friedberg beschlossen. Innerhalb die­ses Probejahres will der Kreis eine zuverlässige Aebersicht über die Betriebsergebnisse gewinnen, da die seitherigen Unterlagen keine gewissenhafte Beurteilung ermöglichten. Im Etat des Jahres 1930 ist eine kleine Erhöhung der Einncrhme- und Mrsgäbeansätze enthalten.

Der Sozialetat des KreHeö

ist in dem Sondervoranschlag des KreisfürsorAr- amls und dsS Kreisjugendamts gegeben. Die Abschlussziffern dieses Sondervoranschlags erschei­nen unfer Kapitel VII des Hauptvoranschlags in Annahme und Ausgabe. Der Sozialetat des Kreises schließt mit einer Gesamtausgabe von 524 382 Mk. ab. Dieser Ausgabe steht eine Ein­nahme von 285 359 Mk. gegenüber, so daß ein Zuschuß Don 239 023 2Hf. erforderlich wird. Die Mitnahmen sind vielfach von den Ausgaben ab­gängig. da sie Grsatzleistungen des Staates, der Gemeinden und anderer Stellen, sowie der Fa- milienangebörigen Anterstützter darstellen. Eine 'Durchsicht des Etats unb die vergleichende Be­trachtung der gesetzlichen Bestimmungen zeigt die

Sie wusste es plötzlich klar und deutlich: Ein Zug unbeherrschter Leidenschaft verbarg sich in diesem Gesicht. »Er ist ein unglücklicher Mensch", hatte Helbing damals gesagt. Warum? Es waren Rätsel über Rätsel. »Vielleicht han­delt es sich um eine Frau", dachte Konstanze. Diese Möglichkeit enttäuschte sie plötzlich so sehr, daß sie gar nicht mehr daran denken wollte.

»Haben Sie Ihren Beruf beibehalten, Herr Ahlstädt?" fragte Konstanze ohne jede Erregung in der Stimme.

Er sah sie an und nickte.

»Ich bin Maler geblieben", antwortete er, und es war ihm, als müsse er rwch mehr sagen, als müsse er vor dieser Frau, deren Blick bis auf den Grund feiner Seele zu reichen schien, alles bekennen. Er wollte antworten: »Ich bin Maler. Im Hauptberuf bin ich Spieler." Er sagte es nicht.

Konstanz« bezwang ihre Erregung. Das Schwingen feiner Stimme brachte sie fast aus der Fassung. Er durfte ja nichts merken von ihren Empfindungen, durfte nicht ahnen, daß in all den Jahren, da sie sich nicht gesehen, in Kon­stanzes Seele em Ruf nach ihm gewesen war.

»Sie leben wisder dauernd in München, gnä­dige Frau?" fragte Peter schließlich.

Sie schlug die Augen zu ihm auf und entgeg­nete mit leichtem Smiszen:

-Seit einigen Monaten bin ich hier Ich werde wohl hier bleiben müssen bis zu meinem Tode."

Diese Worte klangen so gequält, daß sie wehe taten. Peter empfand, cr durfte nicht weiter fragen. Diese Frau, die seine erste und einzige große, wahre Liebe gewesen, schien zerbroch^u War dieser Falter zum Licht geflogen und hatte sich die Flügel verbrannt? Arme Konstanze! Gin Leidenszug hatte sich in ihr Gesicht ge­graben. Dieser Zug flöhte Achtung ein. Hatten diese Augen das Glück deS Lebens geschaut? - - Hatten sie sich vor dem Häßlichen der Welt verschlossen?

-Ich möchte so gern noch von früheren Zeiten mit Ihnen plaudern, Frau Emmerstorfs", sagte Peter Ahlstädt aus diesen Gedanken heraus. »Ich würde mich glücklich schätzen. Sie wieder- zusehen. Zeiten find vergangen, es hat sich vieles geändert. Man wird es mir nicht verargen, mit Ihnen zu plaudern."

»Ich bin einsam, ganz einsam", sagte Konstanze. ..Ich habe keinen Wann mehr, feine Eltern, keine Geschwister. Ich bin allein auf dieser Welt."

Er verstand nicht sogleich und fragte bestürzt: »Aber Ihr Gatte... Ich habe nie gewußt... Haben Sie Ihren Mann verloren?"

Sie nickte kaum merklich. Er respektterte ihre Trauer. An dem Tifch der Drei wurde es ganz still.

Da kam .Ganymed" herangehinkt.

Zwangsläufigkeit des weitaus grössten Teils der Ausgaöeansähe. Der Wohlfahrtsetat des Krei­ses ist

ein Spiegelbild der sozialen Rot.

Er schliesst für das Jahr 1930 mit einer Brutto- rnehrausgabe von 47 243 Mk ab Demgegenüber steht eine Mehreinnabme von 24 212 Mk. Die Mehreinnahme ergibt sich aus anteilmässigen Be­teiligungen deS Staates und der Gemeinden. Die rein den Kreis belastende Mehrausgabe des Fürsorgeetats beträgt mithin für das Jahr 1930 23061 Mk. Der geringste Teil dieser Mehr­ausgabe entfällt aus personelle Mehrkosten in­folge des stufenmähigen 2lufrückens der Beam- tcn. Es werden hierfür 1696 Mk. benötigt. Für Versicherungsbeiträge zur Versicherungsanstalt für gemeindliche Beamte sind weitere 3160 Mk. im Etat enthalten. Durch diese Zahlungen wer­den in späteren .Jahren Pensionslasten deS Kreises vermieden. Die übrigen Mehrausgaben entfallen saft ausschließlich aus Erhöhung sach­licher Ausgaben. Sie sind durchweg zwangs­läufiger Ratur. Die Ausgaben für So­zialrentner steigen um 3500 Mk. Die Aus­gaben für Unterbringung von Geisteskran­ke n. Schwachsinnigen usw. vermehrten sich um 5555 Mk. Die Ursache dieser Erhöhung ist einmal in dem Anwachsen der Zahl der Geistes­kranken und Schwachsinnigen, zum anderen in einer Steigerung der Pslegegeldsätze in den staat­lichen Heil- und Pflegeanstalten zu sehen. Der Voranschlag deS Kreises rechnet bereits positiv mit den vom Finanzausschuß deS Landtags be­schlossenen Erhöhungen der Pflegegeldfätze in den staatlichen Anstalten.

Für unvorhergesehene Maßnahmen sind 1800 Mark in Reserve gestellt. Im Hinblick auf die schlechte Wirtschaftslage dürfte dieser Ansatz nicht zu hoch befunden werden. Unter Titel 5

. Gesundheitswesen

ist eine Mehrausgabe von 1200 Mk. enthalten. Unter dieser Rubrik werden verrechnet Gehalt und Reisekosten des Schularztes, Beitrag für die Lungenfürsorgesterie in der Medizinischen Uni­versitätsklinik, kleinere Furforgemassnahmen für Lungenkranke und deren Familie, Anstaltspslege für Lungen- und LupuSkranke und für Bade- und Erholungskuren. Die Behandlung eineS ein­zigen Lupusfalles kann beispielsweise allein mehr als 1000 Mk. verschlingen. Es wird niemand sein, der den Standpunkt vertreten möchte, daß der­artige Ausgaben überflüssig seien.

Bei der Fürsorge siir hi 1 f s be d ü r s t i g e Minderjährige ist ein Mehraufwand von 750 Mk. entstanden. Die Begründung ist darin zu sehen, daß gegenüber dem Vorjahre die Zahl der anstaltsbedürftigen Kinder und die Zahl der unterstützten unehelichen Kinder gestiegen ist. Der im Vorjahre vorgesehene Kredit hat sich in der Praxis als zu gering erwiesen.

Bei der K rüpp-l s ür s org^r wird eine Mehrbelastung von 1000 Mk. ül Rechnung ge­stellt, da hie BMmdlung einer ÄeiHe von schwitz* riaen Krüppelfätten in Aussicht genommen ist. Mich hier ist feftzu-stgllen, daß die Kosten ein­zelner Krüpyetfknle oft me Summe von 1000 Mk. übersteigen.

Bei Der ErboluwgS- und Luherku- lo f e n f ü r.f o t-äe Beträgt die Mehrbelastung 3500 Mk. Diese Mehrausgabe ist veranlaßt durch Heilstättenkuren lungenkranker Kinder. Mn noch nicht aBgeftifoffener Bchandlungssall eines lupuS- kranken Kindes verursachte bis jetzt einen Auf­wand von über 4000 Wk.

So zeigt der Sozialetat deS KreiseS in seiner Gesamtheit eine Fülle von Ausgaben, die zum größten Teil auf der gesetzlichen Derpslichtung beruhen, die von der Dezirksfürsorgcstelle beim Kreisamt Gießen wahrzunehmen ist. Eine Ver-

»Herr Ahlstädt werden am Telephon ver­langt." »

Peter sprang fast unhöflich rasch auf. AIS er Konstanze die Hand reichte, fiel ihm noch et­was ein.

»Ich hoffe, ich sehe Sie wieder." Er kramte in seiner Tasche. »Warten Sie meine Telephon- nummer", und schon stürzte Peter davon. - Das letzte, was Konstanze beobachtete, als sich fein Gesicht abwandte, war jenes seltsame Zucken, das zuweilen über fein Antlitz huschte.

Sie trank nachdenklich ihre Teetasse aus. Sie hörte nicht, wie Kurt Helbing ihr erklärte, daß dieser Herr, der soeben eintrat, der Besitzer einer Kleinkunstbühne sei, der sich auf Agenten und Vermittler nicht einliehe, sich die Kräfte für fein Kabarett in den verschiedensten Künstlerkneipen Münchens selbst suchte und schon manchen »Stern" entdeckt habe. Sie hörte auch nicht, wie Helbing nun von zwei Herren, die soeben an einem hinte­ren Tische Platz nahmen, sagte, dass diese der letzte Hungerkünstler Münchens mit seinem Im­presario seien. Der Künstler habe feine Hunger­kur vorzeitig abgebrochen unb reife nun mit feinem Agenten umher, ein Engagement im Da riete zu finden, da er auch die Kunst besitze. Messer, Gabeln, Scheren, Rägel, ja sogar ein halbes Dutzend lebender Frösche zu verschlucken. -- Sie hörte wohl fein übermütiges Lachen, stimmte pflichtschuldigst mit ein, wußte aber nicht, weshalbfie eigentlich lache.

Kurt Helbing merkte Konstanzes Zerstreuung. Eine lächerliche, törichte Eifersucht glomm in ihm auf.

»Wir wollen aufbredjen, Herr Helbing", bat Konstanze. Sie dachte dabei an jene Worte Pe­ters: »Zeiten sind vergangen. Es hat sich vieles geändert."

21 ls sie daheim in ihrem Zimmer war, kam über sie plötzlich eine maßlose Sehnsucht, Peter wiederzusehen. Was hätte sie darum gegeben, toenn er in dieser Stunde bei ihr gewesen wäre! Sie hätte nichts anderes gewünscht, als ganz still in jenem Sessel zu sitzen. Peter musste ihr gegenübersitzen und sie wollte nur den Blick fei­ner grauen Augen fühlen. Ganz ssill wollte sie sein. Eie würde sich gar nicht rühren. In seinen Augen würde sie bann lesen, wie m einem auf- geschlagenen Buch von sorgenfreier Jugendluft, erstem Liebesglück und törichten, ganz törichten und dummen Küssen, die scheu, wie das zarte Streifen eines Schmetterlingsflügels ihre Lip- pen berührt hatten. Dann muhte er gehen, ohne ein Wort zu reden, ohne einen Händedmch ohne jedwede leiseste Berührung musste er da­vonschleichen, wie er gekommen. Sie träumte uni) sann und ein unbezwingliches Heimweh nach ihrer ersten, verrauschten Jugend nahm von ihr Besitz.

(Fortsetzung folgt.)