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Nr. 48 Zweites Blatt Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen) Mittwoch, 76. §ebruar 1950

reiche Skala subjektiver Ausdruckswerte; der Aka­demische Gesangverein vermochte diesen Anforderungen restlos zu entsprechen. Klangliche Realistik imDies irae",Rex tremendae" und Domine Jesu Christe"; im letzteren aber auch eine scharf profilierte Bildhaftigkeit. Innere Gespanntheit, stärkste, wuchtigste Akzente, ungemein plastische Durcharbeit des Thematischen charakterisierten die Durchführung der yugen, besonders aber die Ein­gangs- und Schlußfuge erwuchs ihrem inneren Auf­bau konform, voll gespannter Kraft, sich türmend und wölbend wie ein gotischer Dom und, bei aller Verflochtenheit der Stimmen, kontrastreich in den Gegenthemen, fließend als eine in sich geschlossene organische Entwicklung. ImQuam olim Abrahae" hätten sich die Tenöre in ihrem Bestreben um mög­lichst scharfe Akzentuierung etwas zurückhalten können. Den homophonen Stellen entsprach eine ideale Geschlossenheit des Klanges, die sich zumal in den Sequenzen desOro supplex" am Schluß des Confutatis" überaus stimmungsvoll und rein aus­wirkte; imLacrymosa" ein Aufwallen und Er­heben 3U höchster Kraft (homo reus") und klang­liches Absinken; ein Verklingen in verklärter, fast überirdischer Weichheit imSalva me" am Schluß desRex tremendae"; ein durchgeistigtes Einhalten beiet semini ejus" in derQuam olim Abrahae"' Fuge; entrückte Klänge von bezaubernder Weichheit dersotto voce" in den Frauenstimmen desCon­futatis". Ganz besonders aber verdient der Sopran hervorgehobeu zu werden mit seiner wohligen Fülle und Weichheit des Klanges, die selbst im stärk­sten dynamischen Ausmaß nicht überschritten wurde.

Der Jnstrumentalkörper (das verstärkte Frankfur- ter Kammerorchester) stellte sich namentlich durch seine Streicherbesetzung dem Chor würdig zur Seite, mit starken Akzenten und seiner dem Ganzen charakteristisch sich einfügenden Begleitung; nur für den Posaunenpart hätte man einen prominenten Vertreter heranziehen sollen, angesichts der überaus schwierigen Solostelle inTuba mirum". Mit be­währter Sicherheit waltete an der Orgel Johannes Rebeling (Gießen), mit seinem Instrument dem Ganzen an den Höhepunkten eine besondere Weihe verleihend. So konnte diese Aufführung die Höhen­linie der vorjährigenMissa"-Darbietung fortsetzen, dank der eminenten musikalischen Arbeitskraft, die Universitätsmusikdirektor Dr. Stefan Temesvary auf die Vorbereitung des Werkes verwandt hatte und dank seines alle Kräfte zur einheitlichen Höchst­leistung mit sich fortreißenden, impulsiven musika­lischen Wollens. Dr. H.

Parteieninflation in England.

Lord Beaverbrook als Führer der Vereinigten Weltreichspartei.

Von unserem E. ^.-Berichterstatter.

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Gießens Konzertverein.

VIII. KonzO t: MozartsRequiem.

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:e hat, der vorsichtig genug war er 90 Prozent der Gedanken ->ehaltlos billige. Die restlichen i sich sehr leicht als entscheidend

Irmgard Heetz Meili (£ew

i» aus München und Erich kh a n (Vaß) aus Frankfurt am

ntsstimmunq desBenedictus.

itil im Requiem verlangt trotz fei­

nte re an ber 6e zu erklären, daß Deaverbrovks vo

erweisen Die gri^dsähliche Richtung dieser neuen ~ ä '^ung hoher Zollmauern gegen das Asjusland, bringt zwangsläufig mit sich, daß sics weder von arbeiterparteilicher

juiHiuvitouiun.u, ; durch Errichtung hoher Zoll­mauern geqcnüb t allen nichtbritischen Ländern ' iL Vorläufig haben sich 200 000 Lord Deaverbrook gestellt, der

Dachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! London, Februar 1930.

Die Zeit ist längst vorüber, zu dqr England das klassische Land des Zweipar­teiensystems war. Seit die Arbeiter­partei etwa um die Jahrhundertwende ihre Lebensfähigkeit als dritte unabhängige Partei anzumelden begann, war die abwechselnde Herr­schaft der Liberalen und Konservativen gefährdet. Der große Aufschwung der Arbeiter­partei begann jedoch erst in der Rachkriegszeit, war dann aber so rapide, daß der alte Grundsatz der wechselnden Herrschaft zwischen den beiden bürgerlichen Parteien innerhalb weniger Jahre endgültig begraben wurde. Die Entwicklung ging sogar soweit, daß das Anwachsen der Arbeiter­partei die Existenz der Liberalen ernsthaft ge­fährdete. Den Führern der Arbeiterpartei schwebt zugegebenermaßen so etwas ähnliches vor wie ein Aussaugen der Liberalen Partei zum größeren Teil durch die Arbeiterpartei, zum kleineren durch die Konservativen, um auf diese Weise wieder zu dem logischen und bequemen Zweiparteiensystem zurückzukehren. Ob sich dieses Ziel verwirklichen lassen wird, ist vorläufig zum mindesten noch sehr fraglich, wenn auch unver­kennbar ist, daß dir Zersehungstendenzen inner­halb der Liberalen sehr erheblich gefördert wer­den durch den auch heute noch in weitesten Kreisen Englands lebendigen Gedanken, daß zwei Parteien nicht nur für die Staatsverwaltung ausreichen, sondern > auch allen Bedürf nissetz der Gesinnungsteilung genügen.

Lord Deaverbrook ist mit der kürzlich durch ihn Dor genommenen Gründung derVer­einigten Weltceichspartei" über diese grundsätzlichen Strömungen hinweggegangen und hat sich auch durch das nicht sehr ermutigende Schauspiel einer langsamen Zerreibung der Libe­ralen durch die stärkeren Bataillone öe/ konser­vativen und Arbeiterpartei von seiner Partei­gründung nicht abhjlten lassen. An Stelle des Jdealzustandes von zwei Parteien gibt es nun vier, oder wenn man will, auch fünf und sogar sechs Parteien, nämlich Konservative, Liberale, Arbeiterpartei und Vereinigte Weltreichspartei. Daneben erheben sowohl die Kommunisten wie die Unabhängige Arbeiterpartei entschieden Anspruch darauf, als eigene Partei­organisationen gewertet zu werden. Heber die 6000 Kommunisten kann man ohne Diel Feder­lesens Hinweggeher und sie einfach zu dem radi­kalen Flügel der unabhängigen Arbeiterpartei schlagen. Damit Decbleiben aber wenigstens nomi­nell fünf, tatsächlich Dier Parteien.

Prüft man die Zusammenhänge etwas naher,

dann ergibt sich allerdings, daß sich gesinnungs- gemäß nur Öre Gruppen unterscheiden lassen. Die neue Partei 5Lord BeaDerbrooks ist, obwohl gegen die Konsavativen gerichtet, diesen zuzu­rechnen, die Um Sbängige Arbeiterpartei wenig­stens für absehb "e Zeit noch der Arbeiterpartei anzugliedern. D neue Partei ist unter dem Schlagwort gegr 'ndet worden, die Derschiedenen Teile des britifdrn Weltreiches zu einer frei* händlerische'* ivHzfcnf Hptnhfi t 111»

Gab die Cho^ufführung des Vorjahres mit BeethoDenS Misf* solemnis den Höhepunkt sub- jektiv erweitertes kirchlichen Stils so gewahrte Las diesjährig-^ Chorkonzert mit Mozarts Requiem den^"blick in einen wichtigen Mark­stein auf dem Cj)c9c der Entwicklung zur Missa bin. Bei BeethZven stärkste persönliche Durch- setzuna und Du 'chdringung mit Dorherrschendem Anteil des Ordert; fei Mozart im Gegensatz au der fast in.rumental geführten menschlichen Stimme Deetbc^n^ ein Dorwalten des gefang- - i> 'ich der Instrument-,., pari mit öemJ&rc eigenen Charakterisierungs- Dermöaen au a oßtem Ausdruckswert eint.

Die Solod? '"en des Requiems gaben der menschlichen S fotme in Dollster Ausdrucksgel- tuna Raum v. langen aber Don den einzelnen StimmDertreter^ ein hohes Maß Don stimm­licher Schönhei?. und Edel lang; besonders aber ist für das Sr^ftencnfemble neben individueller Ausgeprägtheil^. Ausgeglichenheit und WohlabgcwooeA^t unumgänglich nolwenoig. Diele Grundfo gerungen waren auf das Treff-

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bindert sowst ihr sicherlich die Ausprä-

i J J ( 'etlichen Linie imRecordare S9einhn.^r « möglich gewesen. im Benedic- h?s^fnnaÖrHed1n 8ausdrucksvoller Hingabe. Jrrn- mT"n« Alt hat sich sehr Dorteil-

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> Bo^>°nnen, und so verlieh sie ihrem <1Cnteü innerlich warmdurchlebte Max W-ili und Erich ßÖ!>an' beide in Gießen keine Nnb^onnl^^^ehr, gaben durch die vornehme, Unbekannten ie.re8 Zingens im Ensemble und statten in den charakteristischen sgezeichnetes. Seinen Höhepunkt rtett in dem klangschönen Er-

Mnraria (rhr<-Wni Requiem uenunyi uug n°^°itMilig-n^"di,i°n°ll-kirchlich°n Bindung

noch liberaler Seite auf irgendwelchen Zuwachs rechnen kann, da beide uneingeschränkte Geg­ner dieser Idee sind. Ihre Lebensfähigkeit kann die neue Partei also nur durch Zuzug aus den konservativen Kreisen erhallen, mit anderen Wor­ten, die Festigung der Stellung des neuen Partei­führers Deaverbrook wird abhängig sein von dem Ausmaß, in dem die Stellung D a 1 d w i n s als Führer der Konservativen geschwächt wird.

Baldwin war bisher vorsichtig genug, auf der einen Seite ein gewisses Entgegenkommen an die von Deaverbrook und Rothermere vertretene Richtung erkennen zu lassen, auf der anderen Seite aber zu versichern, daß Rahrungsmittel- steuern für die konservative Partei nicht in Frage kommen können. Die Durchführung der Gedanken Teaverbrooks ist aber ohne die Ein­führung solcher Rahrungsmittelsteuern und da­mit einer Verteuerung des Lebens- Haushalts unmöglich. Aeberdies hat das Deaverbrooksche Programm auch sonst erhebliche logische Mängel, da es trotz des an sich sehr wirksamen und mit riesiger Energie betriebenen FeldzugesKaufe britische Waren" weite Kreise in England gibt, die billig und gut kau­fen wollen und andere, die billig kaufen müs - f e n. Wenn ein Teil dieser Kreise durch die Verwirklichung der Deaverbrookschen Ideen ge­zwungen würde, mehr Geld als bisher für die Defriedigung ihrer Bedürfnisse aufzuwenden, dann würde auf der anderen Seite die Steuerleistungs­fähigkeit in gleichem Umfange sinken.

Das aber schließlich haben die Engländer mit sich selbst abzumachen. Worüber sie nicht allein entscheiden können, ist erstens die Haltung des Auslandes und zweitens die der Do­minions. Lord Deaverbrook meint zwar, daß es sich das britische Weltreich leisten könne, den mit der Errichtung hoher Zollmauern unver­meidlichen Verlust der ausländischen Absatzmärkte hinzunehmen, da dieser Verlust nach seiner An­sicht durch die Erstarkung der inneren Wirtschafts­einheit mehr als wett gemacht wird. Das aber ist nicht nur zweifelhaft, sondern sehr unwahr­scheinlich, da die Dominions von der Schutzmarke british made allein nicht befriedigt werden. Siewollenbillig kaufen und gut ver­kaufen. Canadas Handel mit den Vereinig­ten Staaten ist fast so groß oder zeitweilig sogar etwas größer als der mit Grvß-Dritannien, Südafrika hat sehr eigene Ideen Don der zweckmäßigen Wahrnehmung seiner Wirtschafts­interessen, Australien schließlich wird mit seinen fünf Millionen Einwohnern und einer vorläufig völlig öerangierten Wirtschaft keinen sehr zugkräftigen Ersah für etwa verloren- gehende europäische und, wenn Canada in diese Theorien einbezogen würde, auch amerikanische Märkte bieten können. Anders liegen die Dinge naturgemäß in Indien und den direkt von London kontrollierten oder abhängigen Kolonie-, Kron- und Mandatsgebieten. In allen diesen Gebieten kann die britische Wirtschaftsmacht sehr wesentlich verstärkt und ausgebaut werden, und in dieser Tatsache liegt der eigentlich gesunde Kern eines sonst sehr verlockend aussehenden, aber in der Durchführbarkeit zweifelhaften Pro­gramms.

Deutschland mit seinem beträchtlichen Han­del sowohl mit Groß-Britannien, wie den wich­tigsten britischen Dominien und auch einigen der englischen Kolonien ist an der Weiterentwicklung der Frage besonders interessiert. Wahr­scheinlich wird weder die Arbeiterpartei, die ge­genwärtig in Genf durch den Handelsminister Graham für einen internationalen Tariffrieden eintritt, noch Lord Deaverbrook, der genau das Gegenteil anstrebt, auf längere Sicht durchdringen können. Die stärkste äleberzeugungskraft werden

schließlich doch die Vertreter des Rationali­sierungsgedankens behalten, Hand in Hand mit der dann ohne weiteres möglichen Verstärkung der britischen Reichswirtschaftseinheit. Vorläufig hat der Canadier und Presselord Deaverbrook jedenfalls noch einen weiten Weg, bis er Dald- wins Anwartschaft auf einen Wiedereinzug in der Downingstreet Rr. 10 zu seinen Gunsten be­seitigen kann.

Fast zu gleicher Zeit mit der Deaverbrook- schen Parteigründung hat Ministerpräsident Macdonald seinen Austritt aus der Unabhängigen Arbeiterpartei er­klärt. Er ist damit einem von Schahkanzler Snowden bereits vor drei Jahren gegebenen Beispiel gefolgt. Die Haltung der unabhängigen Arbeiterpartei seit Bildung be'r zweiten arbeiter- parteilichen Regierung hat Macdonald kaum noch eine andere Wahl gelassen. Macdonald ist als Regierungschef fortwährend auf das schärfste durch die unabhängige Arbeiterpartei bekämpft worden, ein Zustand, der eben auf die Dauer unmöglich ist. Rach und nach verliert so die un­abhängige Arbeiterpartei alle ihre Gründungs­

mitglieder, die sich mittlerweile in bedeutenden Staatsstellungen befinden. Mit dem bloßen Aus­tritt aus der Partei ist aber die grundsätzliche Frage der versteckten oder offenen Gegner­schaft zwischen der unabhängigen Arbeiter­partei und der Arbeiterpartei nicht ge­löst. An einem Trennungsstrich sind vorläufig allerdings beide nicht interessiert, da Macdonald hierdurch seine parlamentarische Basis untergraben würde, während die unab-, hängige Arbeiterpartei als selbständige Organi­sation und im Kampf gegen die Mehrheit leine allzu rosigen Aussichten hätte. Bevor die Frage einer Trennung akut wird, werden auch sicher­lich die größten Anstrengungen gemacht, um eine Spaltung der englischen Linksbewegung unter allen ilmftänben zu verhindern. Vorläufig muß man also die Tatsache hinnehmen, daß die Konservativen durch die neue Partei Lord Dea- verbrooks, die Arbeiterpartei al er durch ihren linken Flügel ernstlich bedroht wird. Statt der erhofften Vereinfachung wird die nächste Parla­mentswahl Dcrmutl.d) auf eine Bereicherung deS Parteiwettkampfes sehen.

Exzellenz macht Visite.

Linier der Herrschaft des diplomatischen Protokolls. Der Aufstieg der Balkan- diplomaten.GeschnitteneSowjetbotschafter. - Oie Etikette muß gewahr» werden!

Von Legatus.

Es ist ein internationaler B-auch, baß in den Außenm ni er en fast a er Staaten der Men- archien svwoyl wie der ^c^umen eine besondere Abteilung für Etikette be­steht, deren Leitung einem Diplomaten anDer- traut ist, der alle Feinheiten des gesellschaft­lichen Verkehrs beherrscht, alle Paragraphen des diplomatischen Protokolls im Kypf hat und über große Personenkenntnis verfügt. Zu Öen Ausgaben dieses Zeremon.enmeisters gehören u. a. alle Fragen, die Sicherheit und Wohl­ergehen des gesamten Diplomatischen Korps be­treffen. Ist unter den Diplomaten ein Reuling. dem die gesellfchastlichen Kreise noch verschlossen sind, dann ist es die Sache dieses Zeremoniars, ihm verschlossene Türen zu öffnen. Wie fast jedes Außenministerium eine solche Abteilung besitzt, so verfügt auch jede diplomatische Vertre­tung über einen Protokollführer des diploma­tischen Zeremoniells. Dieses Amt bekleidet ge­wöhnlich ein Legationsselretär, der alle Schat­tierungen der gesellschaftlichen Sitten kennt und darüber zu wachen hat, daß, angefangen Dom Missionschef bis hinunter zum jüngsten Attache, alle Regeln des KartenauZtauschs eingehalten werden. Cs gibt da Abstufungen, Don deren Feinheit ein gewöhnlicher Sterblicher nur un­klare Vorstellungen hat. Ist ein neuakkredidier- ter Diplomat eingetroffen, dann wird er Don einem Kollegen, der schon längere Zeit amtiert, im Außenministerium eingeführt, zuerst beim Chef dcs Protokolls, dann beim Leiter des be­treffenden politischen Referats, worauf die Rund­fahrt bei Öen Missionschefs zur Abgabe der Visitenkarte beginnt.

Damit ist die offizielle Einführung des Reu- lings im Diplomatischen Korps beendet. Schwie­riger ist es, in den Salons der Geburts- oder Finanzaristokratie Eintritt zu finden. Denn der Zugang zu diesen hängt nicht nur Don den per­sönlichen Eigenschaften des Diplomaten ab, son­dern auch öaoen, welcher diplomatischen Mission er angehört. Gewisse Vorurteile im diplomalischen Verkehr haben sich noch aus jenen Tagen erhal­ten, in denen ein Diplomat nur dann für Doll genommen wurde, wenn er sich zur Botschaft einer Großmacht rechnen öurjte. Konnte doch die Gattin eines Don Wilhelm II. geadelten mil­lionenschweren Großindustriellen ten Die.bespöt- telten Ausspruch tun, daß sie ihre Visitenkarte nur bei Botschaftern abzugeben pflege. D a l k an d i p l o m a t e n kenne sie nichll

Diese Geringschätzung ist für die damals inner­halb des Diplomatischen K.rps herrschende An­sicht bezeichnend. Welcher Diplomat hatte eine so befestigte Position, daß ihm alle Türen der Geburts» und Finanzaristokratie offen standen? Dor allem die Botschastsmitglieder der europäi­schen Großmächte, denen, in gewissem Abstande, die diplomatischen Vertreter der Vereinigten Staaten folgten. Damit war aber auch die Reihe der priDilegierten Diplomaten zu Ende. Hin und wieder wurde in diesen exklusiven Kreis vielleicht auch einmal der Vertreter eines skandinavischen Staates ausgenommen. Was sonst noch im Chiffrefrack amtierte, galt schlechtweg als Exot e", öcr sich schon sehr geehrt sühlte. wenn ihn d:r Militärattache einer Großmacht mit zwei Fingerspitzen begrüßte.

Tonangebend in der diplomatischen Atmosphäre vor 1914 war allerorts der Geburtiiadel, der der Finanzaristolratie nur soweit Anerkennung ge­währte, als es die Vergoldung eines start ver­blichenen Adclswappens durch eine Heirat er­forderlich machte. Diplomatische Vertreter vom Balkan oder von älebersee erschienen nur bei ganz offiziellen Veranstaltungen auf dem höfi­schen oder diplomatischen Parlett, sozusagen als Statisten, und es war durchaus keine Selten­heit, daß ein solcher Gesandter gesellschaftlich prüskiert wurde, wenn zwischen Wien, Peters­burg und Berlin irgendeine politische Intrige, gesponnen wurde. Man braucht bloß an die Tage zu denken, als der Battenberger Wil­helms II. Schwester Viktoria heiraten sollte. Alexander III., der mit allen Mitteln die Regent­schaft des Dattenbergers in Sofia zu unter­minieren suchte, ließ seinen Zorn auch an dem Vertreter Bulgariens am Zarenhofe aus, den er so ostentativ brüskierte, daß der Gesandte auf einen Wink des Hofmarschalkamtes in aller Stille Petersburg verlassen mußte. Die Art. wie Dalkandiplomaten damals an den kaiser­lichen Höfen empfangen wurden, war für be­sonders scharfsichtige Politiker nicht selten ein Gradmesser der jeweiligen politischen Druckver­teilung. Als der Einfluß der Donaumonarchie in Belgrad dominierte, und König Milan bei Franz Joseph in seinen ewigen Geldnöten stets Verständnis fand, reagierte Alexander III. auf diese llntertoürfigleit dadurch, daß er dem Ver­treter Serbiens am Zarenhof kurzerhand das Agrement verweigerte.

Nachwinter.

Von Karl Ziffer.

Tagelang stürmten die Wolken vergebens gegen die Bergketten und tarnen endlich in Fetzen west­lich derGrinde" durch. Die fernen E.e.nente am Horizont waren in Bewegung, während die Rähe stumpfer und stumpfer wurde. Aber Reuschnee war nicht gefallen. Durch den Harsch kam die wilde Bodenkälle. Es waren in öcr Luft10 Grad. Die Skier kratzten über die eisige, neblige Fläche, und bei dem Aufstieg zerriß man die dumpfe, abgeschleierte Luft. Trotz der harten Kälte roch es irgendwo nach Schmelze und Tau und modriger Erde. Welke Tannennadeln wehten zu Tausenden über die verschneiten Wege. Das Riesengerüst des hohen Fichtenwaldes umftäubte eine zimtbraune Farbe und als später die Sonne darauf schien, standen die Stämme in einem glanzmatten, ab ged unk eiten Kupferrot. Dieser Metallglanz steigerte sich und ging über auf das Grün der Aeste und das Weih der Schneefläche zu goldener Glasur. Auf den Bäu­men war nur noch wenig Schnee aufgeftreut, und es zeigte sich schon die kräftige Grundfarbe des Vorfrühlings.

Mein Begleiter war ein Arzt aus Tübingen: Ein 38jähriger, er war neben mir aufgetaucht, wie eben beim Sport einer dazu kommt. Man soll die Ratur nicht immer literarisch sehen wollen. Raturgenuß entsteht nicht nur aus monomaner Einsamkeit, sondern auch aus dem Austausch der Gedanken. Eine gewisse Trefflichkeit beider Cha­raktere ist Grundbedingung. Der Doktor war ein guter, sicherer Fahrer. Bei der Abfahrt blinzelte er die Kurven nur so ab und riß den Christiania beinahe auf Öen Zentimeter. Sein Sportsanatis- mus trieb ihn durch Eis, Schnee und Sonne. Trotzdem ist er ein ruhiger Späher mit fein­geschnittenem Gesicht. Der Skigeist der Jung- mannschaft hat sich gelodert. Mit dem grüßenden Skiheil" und demHüttenbetrieb" ist noch keine sportliche Gemeinschaftsdisziplin bekundet. Die Generation der Schneider, Luther, Fang hat ge­schulten Pioniergeist und ist nicht nur skiläuferisch begabt, sondern auch sportklug. Sie hatten das Recht der gesellschaftlichen älmschichtung im Ski­gelände, wo ein Stadtsekretär erste Skiläufer­klasse eben mehr war als ein Geheimrat, der auf den Brettern öilettierte. Bei den alten Meistem weckte der Sport fast Expeditionsgelüste. Ihnen spann sich auf der herrlichen Schneefläche

wie ganz -großen Abenteurern die Vision der Sahara und des Rordpols in Gold zu­sammen. Denn die Sonne hat hier oben eminente Kraft und drückt einen fast aus der Gegenwart.

Das glitzernde Weih des verschneiten Gelän­des scheint in Feuer überzugehen. Man gleitet über hohen, scholligen Schnee ... Tellerbruch, älnd an den Mächten wirft's den Schnee und zackt ihn, wie in alpinem Gebiet. Die höchsten Kuppen sind von Stürmen gefegt und dort krallt sich der Schnee zu Eis, damit ihm die Sonne nicht zu Leibe kann. Wie Gesteinsadem ziehen sich Ornamente durch die körnige, schmirgelscharfe Fläche. Wir schließen die Augen. Es blitzt hinein Eine riesige Tanne trägt wie einen Brillante die Sonnen kugel. Die fernen Gebirgsketten li gen alle im spitzen Winkel übereinander. -V verschwommenen Perspektiven bedeuten Wetter. Der Schnee hat intensive Reflexkraf; tiefsten Wald fällt die Sonne in die Schn ein. An den Rvrdhängen sticht der Wind Reißnägel ins Gesicht. Man muh achtgeben, i einem der Sturm nicht den Stand lockert. Er I Tannen bis auf tiefsten Wurzelgrund hochgerisf und mancher Baum splittert über Öen Weg ein Gewühl Don Schnee, Grund, Felsen und balkendick wirres Geäste.

Wie Brücken und Dogen hängen Bäume über die Abfahrtsstraßen. Bei Mondnacht sind die Schneisen und Wiesen ausgewaschen vom Mond- licht und leuchten tief in die Wälder. Das nackte Holz foppt die Fahrer. Ein Fest der aus- gestirnte Himmel. Der Horizont ohne Schwin­gungen, trotz des violetten Tons in der blau- grauen Rächt. Zu den höchsten Sternen hin über» wiegt das Blau. Die Wälder sind Kar und los­gelöst Don den Umfdjleierungen des Morgens.

Rachmittags ist die Sonne wannenwarm. An äilebungshängen sieht man farbige Figuren. Frauen in Sweatern ... rot, gelb, blau. An den Hängen unterhalten sich die Menschen bloh Don den Muskeln aus. Die Luft ist satter und äther- arm. Im Fenster des Hotels bei der Wiese sieht man eine Kochmütze, so weih wie der Schnee. Lauter Keine Amoretten rutschen die Schnee­halden hinunter. Der Wald hat den Frühling in sich. Ein kleines Mädel mit roter Mühe ich nenne es das Zündhütchen weil die ganze älebungswiese närrisch nach ihr ist, sporielt ent­zückend und schwingt famos. Der Himmel ist von ausgelassener Tollheit. Breit und wohlig spürt man den Frühling aus dem Tal. Die Erde dehnt sich dem Horizont entgegen ...