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Nr. 250 Dritter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Samstag, 25. Oktober 1950

Geschichten aus aller Welt.

ZwölsArtLis'Polizistengehen in ihrRcvier

(r) Montreal.

Wo sonst nur noch die Polarfüchse Hausen und einzelne Eskimos ihr Schneehaus bauen, da suhlt sich England (in Ieinem kanadischen Dominion) verpflichtet, auf Ruhe und Ordnung zu sehen. Ruhe herrscht zwar und die Ordnung wird nur selten gestört: aber es ist ein Prinzrp, daß im Britischen Reich kein Gebiet exrstrert, das nicht irgendwie auch in den Ueberwachungsplan ein» gegliedert ist. So sind jetzt von Rorth Sidney aus zwölf Polizisten gestartet, die gar nicht mehr wie Polizisten aussehen, sondern wie Po­larfahrer, die am Rordpol zu Hausen gedenken. Zwölf Policemen mit Schneeschuhen und Schlit­ten, mit großen Rationen an Tee und Kaffee und Spiritus sind aufgebrochen, um ihre aller­nördlichsten Polizeiposten im kanadischen Gebiet einzunehmen.

Die Reise dauert einige Wochen. Lind erst in zwei Jahren werden sie zurückkehren. Bis zur letzten festen Poljzeistation gehen sie gemein­sam. Dann aber trennen sie sich in sechs Grup­pen und ziehen je zu zwei in ihrer Richtung wetier. Rur mit dem Kompaß und dem »Son­nenmesser" bewaffnet.

Irgendwo dort droben treffen sie Atoci Kol­legen, die seit zwei Jahren da gewohnt haben in der Einsamkeit. Die lösen sie ab. Oft finden sie auch nur noch einen vor, wenn der andere vielleicht im Laufe der beiden Jahre umge­kommen ist. 2a, manchesmal hat man nur noch die Schneehütte gesunden, in der sich kein Leben mehr rührte. Aber von diesen stillen Opfern der Arktis spricht man nicht gern. Sie sind die anderen Helden des hohen Rordens, wenn auch für die Rotwcndiakeit ihres Opfers nichts anderes vorliegt als die Pflichttreue und ein englisches Prinzip.

Die beiden Policemen im Eise schneiden das wird ihre erste Arveit sein aus dem Eis große Blöcke heraus, die sie zu einem Hause, zu einem runden Gebilde formen, wie die Es­kimos es bauen und in denen man vor den iln- billen des Wetters geschützt ist. Die Eskimo­stämme, die in der Rähe leben, werden besucht. Man sieht auf Ruhe und Ordnung bei ihnen und nimmt je nach der 2lotwendigkeit die Uebeltäter gefangen und bringt sie nach zwei Jahren also erst zum nächsten Richter, so­fern nicht vorher die Eskirnomstiz den Poli­cemen einen Strich durch die Rechnung machte.

Man behauptet, daß diese nördlichsten aller Polizisten alle als Sonderlinge wieder zurück­kehrten, aber nach ihrer Heimkehr immer nur einen Wunsch äußern: wieder umkehren zu dür­fen in die Stille des ewigen Eises auf die nördlichsten Polizeistationen dieser Erde.

Terlebende Leichnam".

(k) Reval.

Die Verfassung der jungen Republik Estland geht selbst mit Schwerverbrechern überaus hu­man um; sie schreibt zwar die Todesstrafe vor, überläßt aber dem Deliquenlen die freie Wahl zwischen Galgen und Giftbecher. Der Mörder Sergej Vasilevsko hoffte nun, ein Gläschen Gift (womöglich mit Wodta gemischt) würde ihn schneller und vor allem schmerzloser ins unvermeidliche Jenseits befördern. Man reichte ihm wunschgemäß den Becher, er leerte ihn mit einem kräftigen Zuge, bekam Magen-, Bauch- und anderweitige Krämpfe und blieb am Leben. Die Aerzte schüttelten ihre greifen Häupter, beteuerten, solch ein Raturwunder noch niemals erlebt zu haben, bewunderten den bei­

spiellos widerstandsfähigen Organismus von Sergej, konnten aber auch nichts an der höchst unangenehmen Tatsache ändern, daß derHin­gerichtete" ganz vorschristsmäßig lebte. Sein Un­wohlsein war bald überwunden und derle­bende Leichnam" sitzt jetzt quietschvergnügt in feiner Zelle. Die Dollzugsbehörde wartet aus den weisen Salomo, der ihr ben richtigen Weg weise, was mit dem Mann geschehen soll?? Wie kommt sie schließlich dazu, einen Toten za verpflegen? ...

Eine zeitgemäße Einsiedlerin.

(g) Rom.

Die Gräfin BitaleSci, ein bekanntes Mitglied der ersten Gesellschaft von Rom, faßte auS un­bekannten Gründen den ehrenwerten Entschluß, sich von der lärmenden Welt zunächst auf ein halbes Jahrzehnt zurückzuziehen. Um recht ge­mütlich und vor allemstandesgemäß" Einkehr halten zu können, ließ sich die Dame eine ein­fache Einsiedlerhütte in 2400 Meter Höhe er­bauen. Auf dem Monte Generoso, an der schwei­zerisch-italienischen Grenze. Eine Drahtseilbahn verbindet die Hütte mit dem Lurushoiel im Tale, um die Gräfin Ditalesci mit Speise und Trank zu versorgen. Zentralheizung, Warm­wasser, elektrische Anlagen und sonstige _ Be­standteile des ..zivilisierten Komfort" ergänzen die schlichte Ausstattung. Die Spesen verschlangen 56 000 Live. Eine Weltabgeschiedenheit in sol­chem Milieu muh eigentlich ganz erträglich fein...

Harun al Raschid in Losia.

B. Sofia.

So wie der sagenhafte Sultan Harun al Ra­schid in der Verkleidung des einfachen Last­trägers die Stimmung des Volkes von Stambul zu erkunden versuchte, versuchte der bulgarische Poftminister die Höflichkeit und Dienstbeflissen- heit des Postpersonals sozusagen am eigenen Leibe auszuprobieren. Diel Freude hat cr_ bei dieser Arbeit nicht erlebt. An einem frühen Morgen begab er sich, gerade als die Schalter des Sofioter Postamtes geöffnet wurden, mit einem Einschreibbrief zum Schalterbeamten. Der sah hinter seinem Guckloch, studierte eifrig die Morgenzeitung, schlürfte seinen türkischen Kaffee und zog an der Zigarette. (An der Außenseite des Schalters hängt ein SchildRauchen ver­boten" dem Publikum natürlich.) DerPost- kunde" stand geduldig am Schalter, bescheiden sein Drieflein in den Händen drehend, zog den Duft des Kaffees und der Zigarette ein und fragte schließlich demütig, wann er auf Ab­fertigung rechnen könne. O weh, da tarn er schön an: ein Mann Publikum, in aller Herrgotts- srühe, geschlagene drei Minuten nach acht und gleich solche Prätentionen, ob er's denn sooo eilig habe, daß er dem armen Beamten nicht mal seinentürkischen" vergönne? Ein Wort gab das andere: der Beamte vertrat den Standpunkt der berechtigten Beamtengemächlichkeit, xumal bei dem mageren Gehalt, der Kunde am Schalter er­läuterte, daß die Behörde für das Publikum da sei und nicht umgekehrt und gab sich schließlich als Postminister zu erkennen. Ergebnis: strenges Verbot für Beamte im Dienst, türkischen Kaffee zu trinken, Zigaretten zu rauchen und das Pu­blikum anzuschnauzen. Der Minister scheint auf dem neuen Wege fortschreiten zu wollen. Bos­hafte Zungen erzählen in Sosia^ seit Jahren, daß es nur einige bevorzugte Briefkästen in knr Stadt gäbe, die regelmäßig geleert würden, bei den anderen käme die Leerung allerdings auch ab und zu vor, aber durchaus nicht regelmäßig.

Der Postminister schrieb daher einige Postkarten an sich selbst, aber unter vorsichtiger Weg­lassung des Ministertitels und warf die Karten zur fdben Stunde in verschiedene Briefkästen. Einige Karten erhielt er schon am nächsten Tag, dann folgten im Verlauf der folgenden zwei Tage die übrigen, und die letzte Karte kam mit drei Tagen Laufzeit an. Die darauf erfolgende Kontrolle in den Revieren und der Bestellgänge ergab den Beweis, daß die Zweifel der Sofioter über die regelmäßige Abholung und Zustellung der Driefsachen nicht ganz unberechtigt sind.

Lalomonü Hasen wird wieder berühmt.

(b) Jerusalem.

Der moderne Mensch beschränkt sich nicht darauf, nur die Lieder Salomons des großen .Königs zu be­wundern. Auch seine oft erstaunlich großartigen tcch- Nischen Ideen, denen er mit großen Bauten zum Leben verhalf, erregen heute unsere Achtung, auch wenn manches von diesen Dingen längst den Bieg alles Zeitlichen gegangen ist. In diesen lagen wird der berühmte Hafen Salomons, das biblische Elath, der alte Hafen im Toten Meer, wieder zu Ruhm gelangen. Einst fuhr Salomons Goldflotte von die­sem Hafen aus, heute werden andere Goldwerte über diesen Hafen wandern: chemische Produkte, die die moderne Zeit aus dem Bereich des Toten Meeres geerntet hat.

Elath heißt längst nicht mehr Elath, sondern die

Araber haben es Akaba genannt. Dieses Akaba, ein bis jetzt ober und toter Platz, wird über Rocht ge- wisfermaßen zum Leben erweckt. Eine Eisenbahn­linie wird die Verbindung mit ber großen Welt schaffen. Die Konzessionäre, die die Erlaubnis zur Ausbeutung der Mineralfchätze in einem verzwickten Vertrag von der Regierung errangen, lassen bis jetzt ihre Ware mit Autokolonnen nach Jaffa oder Haifa bringen. Eine regelmäßige Zuglinie fall sie erfetzen. Diese Linie wird eines Tages auch bis nach Jcru- falem führen. Genau jener Straße folgend, dis einst König oalomon aussuchte. Die modernen In­genieure und Techniker treten in seine Spuren. Salomons Hafen wird wieder berühmt.

Magere Herren bevorzugt.

(g) Madrid.

Mit drakonischen Maßregeln will man in Spanien die Männerwelt dazu zwingen, auf dieschlanke Linie" zu achten. In Toledo wurden vor kurzem Flugzeugdroschken in Dienst gestellt. Für Damen beträgt der Rundflug anderthalb Peso. Im Gegen­satz zu diesem Einheitspreis müssen die Kronen der Schöpfung ein Centavo pro PfundLebendgewicht" bezahlen. Die Männer der schönen Stadt mit den allmaurischen Bauwerken und den berühmten To­ledoklingen protestierten öffentlich gegen diese Be­vorzugung berleichten" Damen. Woraus hervor­geht, baß bic meisten Herren über hundertfünfzig Pfund wiegen bürfen.

SeiiWaM Mies und modernstes Zureauhaus

Das Verwaltungsgebäude der I.-S.-Zarben in Frankfurt.

WSR. Frankfurt a. M., 24. OIL Deutsch­lands größtes und modernstes Bureauhaus, das Verwaltungsgebäude der I.-G.-Far- b e n i n d u st r i e, ist fertiggestellL Der Riesen­bau, der dem Beschauer einen überwältigeirden Eindruck aufzwingt, ist in der letzten Woche zum Teil bezogen worden.

Auf einer kleinen Anhöhe errichtet, ist daö neue Heim der 2.-G. mit seinen

neun Stockwerken

ein beredtes Zeichen deutschen Schaffensgeistes und deutscher Technik. Es ist ganz als Stahl­skelett ausgeführt und besteht aus sechs ein­zelnen Flügeln, die durchschnittlich 15 Meter breit sind. Insgesamt beträgt der Umfang des Baues 900 Meter, während der Flur, der auf der Rordseite sämtliche Flügelbauten durchläuft, allein schon die stattliche Länge von rund 250 Meter hat.

Den modernen Anschauungen der I.-G.-Der- toaltung entsprechend, ist auch dieses Werk des Berliner Architekten Professor Dr. Poelzig nach modernen Gesichtspunkten zur Ausführung gekommen. Licht, Luft und Sonne haben zu den

Mrbeitßräumen der 2000 Beamten,

die künftig die Burcauräume beleben, ungehin­dert Zutritt, während die rund 2000 großen, lichten Fenster der Gebäudeansicht ein eigenes Gepräge verleihen. Auf irgendwelche schmückende Architektur ist vollkommen verzichtet worden, wie auch das Flachdach bis zur letzten Konsequenz zur Durchführung gekommen ist. Auch die Innen­räume gipfeln in streng sachlicher Architektur.

Das kubische Ausmaß des Gebäudes beträgt rund 240 000 Kubikmeter. Für die Herstellung des Stahlskeletts waren allein 5000 Tonnen Stahl notwendig und nahezu 5 Millionen Steine für Mauerwerk und Decken wurden verwendet. Für die äußere Verkleidung des Mauerwerks wurde Cannstatter Travertin, ein hellglänzendes Ma­

terial, verwandt, das dem Gebäude ein vor­nehmes und doch schlichtes Aussehen verleiht.

Insgesamt weist da» Gebäude eine nutzbare Bureaufläche von 25 000 Quadratmeter auf.

150 Kilometer elektrische Lichtleitung und 40 Kilo­meter Heizungsleitung durchziehen daS Haus.

Das neue Verwaltungsgebäude wurde in der Zeit von Rovember 1928 dis Oktober 1930 mit einer viermonatigen Unterbrechung erbaut. Der Reu bau gab etwa 1000 Arbeitern pro Tag Ar­beitsmöglichkeit. Die technische Oberleitung und örtliche Bauleitung lag in den Händen der Frankfurter Architekten Platner und Jack.

Mit dem Verwaltungsgebäude in direkter Ver­bindung steht ein Laboratorium, in dem die Schaufärberei

untergebracht ist, die den Zweck hat, Kundendienst zu verrichten. Hinter dem Hauptgebäude steht das Wirtschaftsgebäude mit dem Fernheiz­werk, während weiter nördlich, hinter der Miquel-Allee, die neuen Wohnungen der I. -G. -Beamten erstanden sind. Interessant ist noch, daß die weite Vorhalle, zu deren Seiten zwei Freitreppen zum ersten Stock führen, sowie die große Empfangshalle künftig zur Ausnahme der Vitrinen und Schaukasten dienen, in denen sämtliche Erzeugnisse der I.-G.-Farbenindustrie zur Ausstellung gelangen sollen.

Kapiialbilduna in der Hauswirtschaft.

Weltspartaggedanken.

Die Kapitalbildung in der Volkswirtschaft voll- ziebt sich zu einem ansehnlichen Teil in einer meist wenig beachteten Sphäre, nämlich im pri­vaten Haushalt, im Bereich der Hausfrau. Die Hausfrau hat nicht nur für daS Wohl ihrer Familie zu sorgen, sondern ihr kommt auch im allgemeinen Wirtschaftsleben eine viel größere Bedeutung zu, als man gewöhnlich annimmt. Sie ist bic Verwalterin des Wirtschaftsgeldes

WUM-rinNm

Zfioman von Hans Friedrich.

Urheber-Rcchtsj- uy durch Verlag Oskar Meister. Werdau L Sa.

14 Fortsetzung Nachdruck verboten

Richt so hitzig I" kommandierte Gutenberg.

Sie glaubte die Hänge derHohen Oed" Im Sturm nehmen zu kennen, etwa so, als ob es sich um die Loschwitzer Höhe handelte.

Wenn cs nur nicht so heiß wäre! klagte sie. Die Zunge klebte ihr am Gaumen, und das Haar hing ihr wirr ins Gesicht. Wirklich, diese Hoch­tour war alles andere, als angenehm!

In einer Senke fanden sie Schnee. Sie kühlten sich damit Gericht und de.

Weiteri" drängte Gutenberg.

Es ging bereits auf Mittag. Unglaublich, tote sich die Zeit hier oben verlief! Eine Stunde nach der andern und kein Dorwärtskommen. 5>te Felsengipfel standen greifbar nahe: immer wieder lebte Hoffnung auf: In einer halben Stunde sind wir oben - und dann war es in zwei oder drer Stunden noch nicht geschafft.

Die Malerin kletterte in einem verbcsfenen ^rvtz. Ich muh den Rettenbachferner heute noch auf die Leinwand bekommen!"

Ihr Begleiter sagte nichts dazu, aber an ein künstlerisches Arbeiten nach dieser halsbrecheri­schen Kletterei wagte er nicht mehr zu benfen. Sie hatten eine steile, fast senkrechte Lehne be­zwungen und hielten nun für eine Minute Rund­schau.

Tief, tief unter ihnen duckten sich die Sennhütten der Haimrachalp als schwarze Punkte in die grü­nen Matten. Das rote Schlänglein im Winde war die Fahne der WirtschafL Und weiter rechts zim­merten die Handwerker am Dach des Wintersport- hanses, das Riml mit erheblichen Geldvpfern er­richten ließ.

..Hier oben find wir auf verlorenem Posten. Hierher verirrt sich kaum einmal eine Gemse..

Mute hörte die Worte Gutenbergs wie aus weiter Ferne. Ihr Auge hing an dem Panorama der gegenüberliegenden Kogel und Ferner, Und sie dachte, daß sie zu einer Skizze dieser Schönheit nur drei Farben benötigen würde: Weiß, Blau und BioletL Sie hätte scch getraut, einen Schim­mer von dieser titanischen unbeschreiblichen Ratur einzufangen. Stur einen Sch.mmer: denn cs gab keinen Menschen, keinen Künstler, der diese Groß­artigkeit auch nur annähernd nachbilden konnte.

Der ungeduldige Gutenberg mahnte zum Auf­bruch.

Kommen Sie, liebe Mute, wir haben noch viel vor uns!"

mit

als

nach Sölden bringen.

Sie kletterten weiter. Manchmal schien es. wären die Felsen in ihrer lotrechten Aufgetürmt- heit unüberwindlich Aber nach einigem Suchen fand sich immer wieder ein Riß, eine verwitterte Kante, wo die Hand oder der Ragelschuh an­

greifen konnten.

Einmal stöhnte Mute auf.

Wir.ten doch einen Führer nehmen sollen.

Ja, das sah Gutenberg auch em. Ihre Aus­rüstung entsprach ganz und gar nicht einer sol­chen gewagten Sour. Aber nun war es zu spät. Ein Zurück gab es nicht, also vorwärts! Sie konn­ten sich jetzt nicht einmal mehr gegenseitig helfen. Ein jedes war auf die eigene Kraft angewiesen.

Gutenberg dachte fluch.ig daran, daß dies sein erstes Erlebnis seit der Trennung von Trude war, ein Erlebnis, das sich seinem Gedächtnis für immer einprägen würde!

Plötzlich ein Schrei hinter, unter ihm.

Der Mann wandte sich entsetzt um, alles Blut gefror ihm in den Adem.

"Ich kann nicht mehr..." weinte das Mädchen. Es halte den Kopf an den toten Fels gepreßt, wagte sich nicht mehr vor- noch rückwärts.

Mute - liebe Mute ruh dich aus. halt dich fest!" schrie ihr Gutenberg zu. Ohne Wissen und Willen gebrauchte er das vertrauteDu. In höchster Rot entschlüpft der Mensch der Reifen Förmlichkeit des Alltags und findet sich selbst 8 Das ^Mädchen zeigte ein Gesicht so weiß wie der Wildkaarfemer. Gutenberg wußte, daß es das

Richt hinabsehen!' gebot Gutenberg, der selber nicht völlig schwindelfrei und die Strapazen solcher Gewalt touren nicht gewöhnt war.

Er hielt das Mädchen im Arm, fest an sich ge­preßt. Für diese gefährliche Partie fühlte er sich verantwortlich Es durfte nichts paifieren. Er mußte Mute wieder fjeil an allen Gliedern mit

gefährlichste Stadium der Entkräftung war. Run hieß es handeln.

Patz auf, Mute: Ich reiche dir meinen Stock. An der Krücke hältst du dich fest. Mit dem rechten Fuß steigst du hier in diese Scharte. Ich ziehe dich herauf."

Alle unnütze Zärtlichkeit war aus seiner Stimme gewichen. Die Rot der Stunde machte den Mann hart. Das riesige Trümmerfeld amSchwarzen See" hatten sie überwunden und nun zehn Me'er vom Grat - wo'l e Mute schlapp machen? Das durfte nicht sein!

Es ging. Das Mädchen gewann nach einem Schluck Rotwein n?ue Kraft. Aber da m kaum fünf Meter vom Ziel, kam das Aergste: eine tiefe Fel- senspalte mußte umgangen toeroenl Da2 war selbst für den Mann zu Diel. Und doch blieb nichts weiter übrig, als auch dieses Wagnis in Angriff zu nehmen. Sie a jen den letzten Rest d^s Pro­viants auf und opferten dann die Ruasäcke.

Cs hilft nichts, Mute, wir müifen Bewegungs­freiheit haben, um das Leben zu retten... drängte Gutenberg.

Sie barg das Gesicht in den Händen, klagte: Meine Farben ich wollte doch den Retten­bachferner --"

Ihr Begleiter lachte rauh auf.

Schlag dir diesen Gedanken aus dem Kops! Wir werden uns beeilen müssen, wenn wir bis »um Einbruch der Dunkelheit wieder im Gasthof sein wollen."

Und so geschah es. Schweren Herzens trennte sich die Malerin von ihren Farben, von Pinsel und Palette.

Das alles ist für wenig Geld zu ersehen", tröstete Gutenberg.

Schritt um Schritt tarnen sie vorwärts. Einmal glitt Mute mit den Füßen ab. Da packte Guten­bergs Hand derb zu, riß sie am linken Arm zurück auf den Felsspalt. Er ging jetzt hinter dem Mäd­chen, um notfalls mit raschem Griff das Schlimmste zu verhüten. Zweimal tarn er selber in ernste Ge­fahr. Aber noch immer hielten feine Hände, wenn die Füße rutschten. Was tat es, daß die Finger bluteten, daß der Gesteinstaub in den Hautritzen und unter den Fingernägeln brannte? Was mach­ten die paar Strammen an den Knien?

Hauptsache blieb, daß man mit heilen Knochen zu seinen Mitmenschen ins Tal zurückkehrteI Diese gefährliche Kletterpartie war lehr- und heilsam zugleich. Wie ein Menetekel würde sie in der Er­innerung haften bleiben...

Die beiden Menschen in Bergnot hatten kein Auge mehr für die Umwelt, vergessen waren die matarischen Motive, und nur das nackte Leben blieb Trumpf.

Sie sahen nicht tief unten im Trümmerfeld das winzige wandernde Pünktchen. Das war Schwai- hofer. Bon Zeit zu Zeit blieb er stehen und hob

Bis hierher war die Wanderung Anstrengung. Run begann das Risiko, der Kampf mit dem Berg, das Ringen mit dem Tode. Ein einziger Fehltritt, eine Sekunde Schwindel und Straucheln jenfeits des Felsgrates gähnte die Tiefe. Mit den Berg­stöcken war hier nich s mehr a.:zusangen. Man hatte sie auf die Rucksäcke gebunden. Mit Händen und Füßen ins Gestein oder ins lockere Erdreich ver­krampft, schoben und zogen sich die beiden Men­schen vorwärts, aufwärts, jeden winzigen Dor- sprung, jede Rarbe im Gestein als Hal. benützend.

Warten Sie - Mute nicht weiter ich reiche Ihnen die Hard!"

Er zog sie mit zusa nmengebissenen Zähnen her­auf zu sich auf eine Platte, die ihnen kaum Raum zum Stehen bot.

Mute schloß die Augen als sie einen Blick in die grausige Tiefe wagte. Ihr war, als ob da unten der Tod riefe, sehnsüchtig die knochigen Arme nach den beiden Menschlein da oben am Fels streckte.

(Fortsetzung folgt.)

das Iagdglas an die Augen. Dann schüttelte er regelmäßig den Kopf, fluchte laut vor sich hin.

Max und Joseph sind die beiden nit recht g'scheit, daß sie diese verflixte Selbstmordkletterung machen müssen?!"

Auch ihm ging die Wanderung viel zu langsam vonstatten. Er mußte hinauf, er wollte den beiden helfen: denn er war ein erfahrener Alpinist, der die Riesen der Schweiz bezwungen hatte.

Und sein einziges Gebet war:Herrgott, laß mich nicht zu spät kommen!"

Nun war er so froh, daß er allen Skrupeln zum Trotz diese Wanderung unternommen hatte. Vielleicht sollte er zum Retter für die beiden Menschen da oben werden?

Rein, er sollte es nicht.

Rach einer weiteren Stunde hatten Mute und Gutenberg den Grat erreicht. Run war die größte Gefahr überwunden. Wie hingefällt sank das Mädel an die Brust ihres Begleiters.

»Heinz hundertmal verdank ich dir heute mein Leven!"

Er streichelte wortlos ihr wirres Haar. Und als ihm Mute den Mund bot, küßte er sie un­befangen. Es war ein Dank. Weiter nichts. Ge­geben und genommen von zwei Menschen, die dem Tod ganz nahe ins Auge geblickt hatten.

Allein wär ich von der Sour nimmer zurück- gekommen..

Gutenberg streichelte ihre Hände. Alle Wan­neszärtlichkeit war in der Geste und nichts vom Egoismus der Liebe. Aach solchen Stunden und in diesen Höhen schweigt alles Riedrige und Un­lautere.

Rur der Beobachter am Felsmasfiv färbte diese Szene nach seiner Art um.

Ah dieser Art ist die Freundschast zwischen ihnen!" sagte er zynisch und brachte das Glas nicht mehr von den Augen.

Rach einer Pause fuhr ec in seiner erkünstelten Entrüstung fort:2llso me nen alten Herrn brauche ich deswegen nicht zu belästigen... Eine Erdmute Hansen heiratet man nicht..."

Richtig hochdeutsch sprach er jetzt mit sich selber.

Das hätten die beiden einfacher und bequemer haben können. Da bin ich gestern gemütlicher zu meiner Serie von Busseln gekommen."

Mit einer unwirschen Geste wandte er sich um, trat den Rückweg an, knurrte:Und für so was steigt man auf die Berge, riskiert beinahe den Hals!"

Mute und Gutenberg sahen jetzt den Retten­bachferner im Glanze der Rachmittagssonne. Wie ein Lamettafaden schlängelte sich der Rettenbach durch die tiefe Runzel, die er im Laufe der Jahr­tausende ins Gebirge gegraben hatte, hinab ins Tal.