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Nr. 224 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Donnerstag, 25. September (930

Was die Mütter vom neuen Reichstag fordern!

Don Dr. Marga Job.

Aus den vorliegenden Wahlergebnissen muh die Lehre gezogen werden, daß der Kampf um Verstärkung des weiblichen Einflüsse- mit ganz anderen Mitteln als bisher ausgefochten werden nruh. Aber auch bei einer vorwiegend männ­lichen Zufammenlchung deS neuen Reichstags kann nicht über die dringendsten Frauenforderun­gen einfach hinweggcgongen werden, ohne zu riskieren, dah die Empörung der weiblichen Wählerschaft weiter anfchwillt. Voran die der Mütter.

Auch kinderlose Frauen sind Mütter, weil in jedem echten Weibe Mütterlichkeit ist. Die Müt­terlichkeit äuhert sich nicht nur im tiefen Mit­gefühl mit der leidenden Kreatur, sondern auch in dem Verlangen, unwürdige Zustände zu be­seitigen. Wahre Mütterlichkeit ist nie passiv. Unhaltbar ist in erster Linie die Lage der unehelichen Kinder. Schon lange liegt ein Gesetzentwurf vor, der die dem modernen Emp­finden entsprechende Vesserung der rechtlichen und sozialen Lage der unehelichen Kinder herbei­führen-soll. Schon längst trägt die unglückselige Formulierung des BGB., nach der das unehe­liche Kind mit seinem Vater nicht verwandt ist, den Stempel der Lächerlichkeit für jeden vernüns- tigen Menschen, doch sind die Konsequenzen immer noch nicht gezogen worden. An dem neuen Reichstag wird es liegen, ob und wie lange noch auf diesem Gebiete die bestehenden un­würdigen Verhältnisse fortbestehen. Höchste Zeit ist es, dah eine Abänderung eintritt, nicht nur im Interesse der Kinder, sondern auch im Inter- esse der Gesellschaft, deren Sicherheit durch die starke Beteiligung der Hnehevichen an der Krimi­nalität bedroht ist.

Gerade vom Standpunkt wahrer Mütterlichkeit müssen Forderungen bei der bevorstehenden Re­form des Strafgesetzbuches geltend gemacht wer­den. Die vorhandenen Bestimmungen über den Kinderschuh reichen nicht aus, um Kinder- mihhandlungen zu verhüten. Die Strafen, die über grausame Eltern verhängt werden, lösen wegen ihrer Geringfügigkeit allgemeine Empö­rung aus. Die strafrechtlichen Bestimmungen ste­hen im schärfsten Widerspruch zu dem gesunden Rechtsempfinden des Volkes, nach dem Delikte fiegenüber wehrlosen Geschöpfen, wie Kinder es ind, fühlbare Strafen verdienen. Es ist auch bekannt, welche Schwierigkeiten es macht. Kinder rohen Eltern zu entreißen, solange diese noch nicht zu Tode geprügelt worden sind. Das Gesetz wird immer noch von der überlebten Vorstellung bestimmt, nach welcher der Familienvater das Bestimmungsrecht über seine Angehörigen besitzt und durch weitergehende Schuhbestimmungen in diesem geheiligten Vorrecht bedroht fein würde. Darauf kommt es aber nicht an, es handelt sich einzig und allein darum, die Rechtspersönlich­keit des Kindes in einem modernen Anschauun­gen entsprechenden Umfange zu schützen.

Verschärfung der Strafbestimmungen ist überall dort notwendig, wo Frauen Opfer gewissenloser Ausbeutung sind: so beim Mädchenhandel und bei Sexualverbrechen. Die Be­kämpfung des international organisierten Mäd­chenhandels ist eine Aufgabe, die einen großen Aufwand an Intelligenz und Lebenserfahrung erfordert, sicherlich des Schweißes der Edelsten wert ist.

Dem neuen Reichstag liegt auch ob, die er­leichterte Ehescheidung durchzuführen. Roch wichtiger ist es jedoch, daß die weiblichen Ab­geordneten für befsereEhegesetze eintreten. Richt oft, nicht eindringlich genug kann darauf hingewiesen werden, daß die in der Verfassung verbürgte Gleichberechtigung der Frauen in der Ehe immer noch nicht durchgeführt worden ist. Die notwendigen Aenderungen im ehelichen

Befehlstechnik.

Don Hans Hajet.

Diese Betrachtung kommt leider um einige Iahrzehnte zu spät. Das Dienstmädchen, dem die Hausfrau befahl, gehört auch trenn es noch in einigen Tausend Exemplaren lebt einer vergangenen Zeit an. Mit den Haus­frauen, die sich noch ein Dienstmädchen leisten können, ist es ebenso. Die Gründe für das Aus- fterben jenes einst wichtigen Standes kann ich hier nicht im einzelnen erörtern, es sind ihrer aber mehrere: nicht nur die Verarmung tocitcr Kreise, die ehedem alsHerrschaft" in Frage famen; mindestens in gleichem Maße die Berufstätigkeit vieler Frauen, die früher nur Hausfrauen waren, und damit die un­aufhaltsame Rationalisierung und Modernisie­rung des Haushalts; nicht ganz zuletzt die eben­falls unaufhaltsame Abwanderung der ehe­maligen Dienstmädchenkontingente in die besser zahlende Industrie. Aber je mehr das Dienst­mädchen alten Schlages an Bedeutung verliert, desto deutlicher treten seine Rachfolgerinnen in unseren Gesichtskreis: die.Haustochter" und .H a u s g e n o s s i n", die mit zur Familie ge­rechnet wird, Kinderpflegerinnen in ge­wissen Iahren. Aufwartefrauen und ähn­liche Etundenhilfen, wieder nicht zuletzt die eigenen Kinder der Hausfrau (nicht nur die Tochters, die der Gemeinschaft eingegliedert wer­den sollen.

Auch heute noch hat also die Hausfrau Wei­sungen zu erteilen, meinetwegen auch Befehle, und so darf ich hoffen, daß ich doch noch nicht ganz zu spät komme, und daß ich nicht vergeblich rede. Vielleicht nämlich haben die Hausfrauen schon gemerkt, wie schlecht ihre Weisungen, wie noch viel schlechter ihre Befehle in die Tat umgesetzt werden; und ich bin überzeugt, sie haben ebensooft über Indolenz, Trotz und Ungeschick ihrer Mitarbeiter, wie über ihre eigene .allzugroße Geduld" oder (bie Hausfrauen mit den Minderwertigkeitsgefühlen) über ihre voll­kommene Unbegabtheit, mit anderen Menschen umzugchen, Klage geführt. Tatsächlich aber ist die schlechte Leitung vom Impuls des einen zur Ausführung durch den anderen viel öfter eine Wirkung unzulänglicher Technik des Anweisens und Befehlens.

Befehlen ist eine Kunst. Aber eine, deren wenigstens.handwerkliche" Ausübung Sie lernen können; die Vollendung bleibt freilich wie über­all Sache der besonderen Begabung.

Güterrecht zur Beseitigung der bestehenden Rechtsungleichheit müssen den Frauen Anteil an der Errungenschaft, an der Vermehrung des Habes und Gutes, gewährleisten, ferner einen Anspruch auf des Ehemannes Einkommen. Die Durchsetzung dieser Forderungen liegt nicht nur im Interesse der Frauen, fonbem auch in dem der Kinder; wird doch erst dann die Grundlage für ein geordnetes Familienleben geschossen, wenn die Frau die Verantwortung für die wirtschaft­lichen und kulturellen Ausgaben und die finan­zielle Möglichkeit der praktischen Durchführung

Der Unterricht im Befehlen, liebe Hausfrau und Herrin, beginnt mit einer kleinen Besinnung. Wie geht Befehl und Ausführung vor sich? Zu­erst stellst du dir vor, was deine Gehilfin jetzt tun soll, dann formst du aus dieser Vorstellung deines geistigen Auges einen Sah mit einem ! dahinter und sprichst ihn aus. Die Schallwellen die dein Mund mehr oder weniger sanft erzeugt hat, geraten an das Trommelfell deiner Gehilfin und werden von dort nach deren Gehirnrinde weitergeleitet, immer vorausgesetzt, daß ihre Ohren in Ordnung sind und sie auch von der Rinde ein brauchbares Stück besitzt. Wie der kleine Schubs im Gehirn zum Bewußtsein deiner Gehilfin kommt, kann dir kein Weiser sagen; aber wenn es nicht geschieht, hast du in den Wind gesprochen. Don ihrem Gehirnkastcl aus muß deine Gehilfin (und wenns dein Mann ist, wär's gar nicht anders) eine freundliche Auf­forderung an ihre Dein- und Arm- und vielleicht noch andere Muskeln erlassen, und zwar an bic richtigen! Sonst ist s auch wieder gefehlt. Dann erst kann die Gehilfin deinen lichtvollen Wunsch erfüllen und (beispielsweise) die Kar­toffeln schälen oder die Fenster putzen. Du siehst, verehrte liebe Hausfrau, der Weg ist nicht gerade sehr weit, aber ziemlich kompliziert. Wenn es so lange dauerte, wie ich s dir mit Worten erklärt habe, wärst du derweil vor Un­geduld geplatzt. Es geht, Gott sei Dank, viel schneller. Aber eben deswegen geht es oft schief. Bedenke doch: was kann auf diesem umständ­lichen Wege nicht alles dazwischen kommen! Hast du nicht ein Interesse, dem befiederten Pfeil deines Wunsches seine Ankunft am Ziel, so gut du kannst, zu erleichtern? Lohnt es sich nicht, darüber nachzudenken, was alles ihm unterwegs passieren kann, und wie du das Hnheil verhüten konntest? Sag nicht: gegen die Dummheit kämpfen selbst die Gotter vergebens und gegen die Faul­heit, die Interesselosigkeit erst recht! Cs kommt, glaube mir, viel (vielleicht alles) auf deine Geschicklichkeit an.

Soll ich dir sagen, welche Fehler ich an dir beobachtet habe? Einen ganz schlimmen zuerst, den machst du immer: du gibst zwei, drei, auch mehr Anweisungen auf einmal! Oder: du gibst zuerst eine, ganz vernünftige, aber kaum steht deine kleine Gehilfin am Abwaschfaß. da teilst du ihr schon mit, was sie nachher für dich einkaufen soll. Ich habe mich lange ge­wundert, daß kluge und praktische Frauen so was tun. Die Erklärung dafür hab' ich erst neu­lich gefunden, Hebrigens in einem Buche, das ich sehr empfehlen kann: Erna MeyerDer neue

besitzt Der Anteil an der elterlichen Gewalt, der jetzt noch den Frauen vorenthalten ist. auch nach der Ehescheidung, in welcher der Ehemann als schuldiger Teil erkannt worden, gehört gleich­falls zu den Forderungen, welche zugunsten der Kinder zu verfechten sind.

Mütter kennen keine Parteipoll- t i f; der Wunsch, für ihre Kinder eine frohere, schönere, glücklichere Zukunft herbeizuführen, ver­einigt die Mütter aller Parteien, entwickelt in ihnen das starke Gemeinschaftsgefühl, das unser Dolk braucht.

Haushalt". Dort zitiert die Derfasserin ein an­deres Buch, das ich nicht kenne: Scheurmann Los vom Haushalt!" Hnb dieses Buch sagt: jedes Haushalten fordert vom weiblichen Ge­hirne. daß es sich jederzeit Vielteile ... Hausfrauenberuf ist aufgelöste Arbeit ... Die Hausfrau und Mutter muß sich anpassen und umwandeln können in jedem Augenblicke. Eben noch Rur-Mutter, soll sie in nächster Minute vielleicht ausschließlich Köchin sein, oder Pflege­rin, Räherin oder Wäscherin ... Roch in einer Tätigkeit verhaftet, soll sic sich bereits für die nächste oorbcrcitc n. Hnb so weiter. Ietzt war mir alles klar. Ihr seht, es hat manchmal seine Schwierigkeiten, zum rechten Dcr- ständnis zu kommen.

Ihr findet, daß eure Gehilfin ja ebenso wandlungsfähig werden muß wie ihr, wenn sie's (®ott sei s geklagt) nicht schon ist; also gebt ihr ihr frisch-fröhlich drei Anweisungen hintereinander, durcheinander, widereinander, und es ist ihre Schuld, wenn sie aus der Haut fährt. Aber. aber. Verehrte, nur die erste Hälfte eurer Meinung ist richtig, die Folgerung ist grund­falsch! Eure eigene Dielseitigkeit ist nämlich doch auch nur so möglich, daß ihr immer auf eine Sache eure Aufmerksamkeit richtet, während frei­lich das Denken an drei, vier andere nebenher schwimmt, an der Grenze des Unbewußten, von dem ihr alle schon gehört habt. Ihr könnt nur s o mehrere Dinge sozusagen gleichzeitig übersehen, weil sich der rechte Gedanke von selbst in den Mittelpunkt eures Bewußtseins schiebt, wenn es notwendig ist. Was bisher dort war, schiebt sich oder das schiebt ihr bei Seite, bis es wieder an die Reihe kommt. Euer Denken hat (leider!) nur einen Mittelpunkt, wie ein Herd, der halt nur einen Koch ring hat. Wär ja schöner, er hätte zwei, aber was kannst du machen? Also bei dir. der geübten Hausfrau, schieben sich die Gedanken ganz von selbst zur rechten Zeit auf den Kochring ich wollte sagen: in den Kreis der Aufmerksamkeit. Lind deine Gehilfin muß das freilich auch lernen. Aber sie lernt es nicht, niemals im Leben, wenn du alle die Gedanken, die du kurz nacheinander und beinahe gleichzeitig zum Kochen bringst, auch miteinander und durch­einander und wirklich auf einmal als Befehle aussprichst. Dadurch verwirrst du nur die Lei­stungen der Bahn, von der ich dir eben erzählt habe, und machst das Mädel verrückt im Kopf. Ie ungeduldiger du wirst, desto verdrehter wird sie. Hnd von der Hebung zur geschickten Haus­frau ist überhaupt gar keine Rede.

Gib nur einen Befehl, den aber richtig und

3d) hast' einen Kameraden---

Ein Bild aus dem nordfranzösischen Kampfgebiet.

Don Wilhelm Neufer.

Bei den Kämpfen im Walde von DillerS Co- teretts fiel unser guter Richard Kittel. Wir waren damals vor dem Dorfe Chouy ange­kommen und suchten gerade Schutz vor einem großen französischen Fliegergeschwader, als plötzlich der Befehl zum Schwärmen kam. Roch sehe ich den baumlangen Kittel von Maschinen­gewehr zu Maschinengewehr eilen. Denn pein­lichste Ordnung wahrte er selbst im Gefecht. Heber das Feld von Roroy gingen die Linien vor. Gruppenweise fegten die französischen Gra­naten hinein. Diele blieben auf dem Felde. Kinder los, daß wir in den Wald kommen", ruft Dizefeldwcbel Kittel.

Der Wald sollte fein Blut trinken. Dort empfängt die Schützenlinien ein rasendes Feuer. Einen Augenblick sehe ich Kittels Gestalt durch das Hnterholz, dann sinkt er plötzlich zusammen. Herzschläge lang verloren die einschlagenden Granaten ihren Schrecken. Wir umstanden den Stöhnenden. 3m Ru riß jeder seine Ver­bandpäckchen heraus. Dann trugen sie ihn hinweg.

Wir aber mußten weiter. Viermal stürmten wir Dorf und Hohe Troesnes. Der Feind war stärker. Immer wieder warf er uns in den Wald zurück. Drei Tage lagen wir in der Holle des Waldes. Schutzlos dem feindlichen Feuer preisgegeben. Zerrüttet zermürbt. Hnd doch als wir nach diesen dreien Ta­gen in die Refervestellung zurückgenommen wur­den, galt unsere erste Sorge unserem Kittel.

In Billy war ein Feldlazarett. Dorthin war Kittel verbracht worden. Dorthin wanderten wir, ihn zu suchen. Endlich stehen wir vor dem Gehöft, in dessen Herrenhaus wir die Aerzte ar­beiten sehen. Wir fragen einen Sanitätsfeld­webel des Lazaretts. Der nickt nur und zeigt stumm mit der Hand nach dem Garten hinaus, auf den Friedhof. Im ersten Grabe ruhte un­ser Kittel. Lange standen wir vor seinem Grabe.

Run, nach 12 Iahren. trägt mich das Schicksal wieder in jene Gegend. Das zerstörte Chouy, auch Roroy sind wieder aufgebaut und in Troesnes blühen die Rosen um die neuen Häuser. In Billy suche ich Kittels Grab, nachdem ich im Walde ungefaßt an jener Stelle gestanden habe, wo er die tödliche Wunde emp­fing. Der Friedhof war nicht mehr. Auf der Mairie nannte man mir einige Sammelfried- hofe, wohin die in Billy Exhuminierten gekom­men sein könnten. Zuerst geht es nach Lu­pe i g n c. Hier befindet sich ein gemischter Fried­hof: Zur Rechten liegen die Deutschen, links Franzosen. Ein wunderbarer Friedhof, tief in schweigender Einsamkeit versteckt. Prachtvoll ge­pflegt, nur die deutschen Gräber mangeln des Blumenschmuckes, den die französischen in Fülle haben. Ein großes Denkmal überragt den Fried- Hos. Seine Spitze trägt das Eiserne Kreuz. Doch ich suche Kittel vergebens.

Also weiter zum nächsten Friedhof, nach Pargny-Tignh. Schon von weitem sehen

wir das Meer von schwarzen Kreuzen, und zwei Minuten später stehen wir auf dem Friedhof. Tausende von Deutschen ruhen hier in langen Grabreihen und in drei mächtigen Sammel- gräbem. Ich wandere einige Grabreihen ent­lang. Fremde Rainen bis ich vor dem Grabe unseres Kittel stehe.

Rümmer 710, Dizeseldwebel Richard Kittel 2. M. G. K. Regt. Franz.

so steht es auf dem Holzkreuz.

Hier also finde ich ihn wieder, den guten Ka­merad. Ich sah ihn wieder, wie damals ander Somme, furchtlos durch das dichteste Trom­melfeuer seiner Gewehrbesatzung vorangehen. Ich sah ihn auf dem Winterberg beim An­griff am 5 Mai 1917 im ersten Graben mit seinem Maschinengewehr in die französischen Sturmhaufen feuern. Hnd als das glühend­heiße Gewehr nicht mehr schoß, da stieg Kittel aus dem Graben und warf mit Seelenruhe Handgranate nach Handgranate in die fran­zösischen Reihen. Man reichte sie ihm aus dem Graben, er zog ab und warf. Ihm war es zu verdanken, daß der Winterbcrg nicht vollends verloren ging. Hier kam der Feind nicht heran. Denn so oft der Sturm erneuert wurde Kittel stand an seinem Platze. Damals ward er zum Feldwebel befördert und bekam das Eiserne Kreuz l. Klasse.

Hnd dann sah ich Kittel im Quartier in Mons a. d. Chaussee. Eines Rachts krepierte eine schwere Granate vor unserer Haustür. Die schweren Brocken klatschten bis in unser Schlaf- gemach. In Hemd und Unterboten rannten wir in den Unterstand im Hose. Als alle unten waren, fehlte einer Kittel. Als die Schießerei zu Ende war und wir hinauf eilten, lag er friedlich schlafend auf seiner alten Ma­tratze.

Das war Kittel, der letzt im Grabe 710 auf dem Friedhof von Pargny Tignh ruht. Ihm fangen wir das Lied vom guten Kameraden.

Von Heye zu Hammerstein.

Der Wechsel in der Obersten Hee­resleitung hat sich diesmal unter etwas merkwürdigen Umständen vollzogen. Aus dem nachgerade bei uns üblichen Wege der Indis­kretion war von den Rücktritt sabsich » t e n Heyes vorzeitig etwas durchgesickert, und da setzte dann ein reichlich peinliches Intri­genspiel ein, das offensichtlich nur den Zweck verfolgte, den General von Hammer st ein aus Sem Kreise der Bewerber um die Rach­folge auszuschalten. Cs ist ersreulich, daß diese Quertreiberei erfolglos geblieben ist. Reichspräsident von Hindenburg hat als Oberbefehlshaber der Reichswehr denjenigen General zum Chef der Heeresleitung ernannt, den er für den geeignetsten gehalten hat und damit zu > erkennen gegeben, daß er die tieferen Absichten,

die mit dieser ganzen Pressecampagne verbun­den waren, erkannt und richtig einzuschätzen ge­wußt bat. Zweifellos in innerem Zusammen­hang damit bat Reichswehrminister Gröner in Kissingen in einer Rede, mit der er die Manöver die letzten unter Heve ab­schloß, den Sah geprägt, daß eS in der Reichs­wehr keine putschlüsternen Generale gebe, daß von einer besonderen Außenpoli- t i f der Reichswehr nicht die Rede sein könne, weil die Reichswehr nichts Anderes sei alS e i n zuverlässiges Instrument der Reichsgewalt in der Hand des Reichspräsidenten. Das ist an sich eine Selbstverständlichkeit. Aber diese Selbstverständ­lichkeit müßte öffentlich ausgesprochen werden, um zu verhindern, daß der neue Ches der Hee­resleitung bei der Hebemahme seines Amtes von vornherein mit Widerständen und Schwierig­keiten zu kämpfen hat. die ihm feine ohnehin nicht leichte Aufgabe unnötig erschweren.

Die Zeit hat heute eine gewisse Aehnlichkeit mit den kritischsten Monaten deS Iahres 1923. Wir ft eben auch jetzt wieder vor Möglichkeiten der Erschütterung unseres StaatsgesügeS, bic in den kommenden Monaten der Reichswehr eine entscheidende Rolle als Trägerin der Staats- autorität zuweilen können. Da darf eS kein Miß­trauen geben, denn das Vertrauen in die absolute Zuverläss igkeit derReichs- wehr ist die erste Doraussetzung dafür, daß sie ihre Pflichten in vollem Umfange erfüllen kann. Cs ist deshalb aber auch kein Fehler, wenn gerade jetzt ein Aufsatz ausgegraben wird, den General von Hammer st ein vor einigen Mo­naten anonym veröffentlicht hat, damals, alS noch niemand wußte, daß er der kommende Mann war. Cr geht davon aus, daß die Führer der Reichswehr 1923 trotz mancher Lockungen nicht den Weg gewählt hätten, die Staatsleitung unter den Druck der bewaffneten Macht zu stellen und etwa als Staat im Staate die Politik maßgebend zu beeinflussen, und proklamiert als Programm, daß die Wehrmacht nicht Leiter, sondernWerkzeug der Staatsgewalt sein soll; sie soll im Staate nicht herrschen, sondern dienen. Das ist ein gutes Wort. "Niemand verkennt die Versuchungen, die in labilen Verhältnissen an den Chef der Wehrmacht heranr treten können. Es ist das geschichtliche Verdienst des Generals von Seeckt, daß er im entschei­denden Augenblick allen solchen Lockungen wider­stand und damit da^u beitrug, daß daS Reich überraschend schnell über die schwere Krise von 1923 hinwegkam. Rach dem Bekenntnis des Gene­rals von Hammerstein wird man das Ver­trauen zu ihm haben dürfen, daß er, wenn eS soweit kommen sollte, ebenso wie Seeckt die Machtmittel, die hinter ihm stehen, nur a IS Diener des Staates einsehen wird.

Aus der provinzialhauptstavt.

Gießen, den 25. September 1930.

Oanndressur.

Don Dr. meb. Hans Kraus.

Ieder Mensch weiß, daß er die in der Rahrung dem Körper cintxrleibien Stoffe nicht restlos ver­werten kann, sondern daß stets ein bedeutenber Teil als Schlacke wieder ausgeschieben werden muß. Diese Rahrungssch lacke ist nicht etwa eine leblose, unveränderliche Masse, wie die Schlacke der Steinkohle, sondern ein Gebilde, das weit­gehenden Veränderungen und Zersetzungen unter­worfen ist. Verursacht werden diese Zersetzungen von einer Hnzahl von Bakterien, die im Darm jedes Lebewesens vorhanden sind.

Die Zersetzung der Kotmassen im Darm ist für den Menschen eine durchaus nicht gleichgültige Sache. Das wissen die Aerzte leiber nur zu gut. Wie oft werden sie zu einem Kranken gerufen, der einige Tage keinen Stuhl gehabt hat und bei dem sie einen eingeklemmten Bruch ober eine

verständlich! Mußt du doch mehrere Anweisungen auf einmal geben, weil du etwa selbst fortgehst oder deine Gehilfin einholen schickst, dann gib die Anordnungen wenigstens nicht im letzten Augenblicke. Wenn du diese Anordnungen in einer ruhigen Besprechung gibst, schon in einem gewissen Zusammenhänge und nicht kunterbunt durcheinander, wenn deine Gehilfin Zeit gewinnt, dieses Programm mit sich selbst in einen Zu­sammenhang z u bringen; dann darfst du begründete Hoffnung haben, daß die Anordnun­gen auch richtig ausgeführt werden. Schüttest du aber deiner Mitarbeiterin im letzten Augenblicke einen ungeordneten Haufen von Weisungen hin. die du schon nervös gibst und die deine Helferin nur noch mit halbem Ohre hört, dann wundere dich nicht, wenn es mit der Ausführung hapert. Also mit einem Worte: laß dir Zeit beim Be­fehlen, und je wichtiger es ist, desto mehr!

Roch ein anderes: gib deine Weisungen klar und verständlich! Dazu gehört weniger ein schneidiger Ton, der dich unbeliebt machen kann, als baß b u selbst weißt, was b u willst, unb daß du auch sagen kannst, warum bu's willst. Das Zeitalter der unbesehenen Auto­ritäten ist vorüber: btiner Laune wirb man Wi- berftänbe entgegensetzen, beiner Pedanterie auch, deiner besseren Einsicht wird sich selten jemand verschließen. Zu deiner Einsicht gehört aber auch, baß du deine Helferin recht erkennst. Du kannst nicht gleichzeitig von ihr Selbständig- teit und die gleiche Beweglichkeit der Gedanken verlangen, wie du selbst sie hast, dann aber wieder alles bis ins einzelne selbst bestimmen und das Mädel nur als Instrument behandeln wollen. Wenn du eine Mitarbeiterin haben willst, mußt du ertragen, daß sie manches anders macht als du. Rur wenn du Freiheit und Selbst­verantwortung gibst, wirst du verstehende Mitarbeit ernten. Wenn du dir nur eine Maschine abrichtest, wirst du dich bescheiden müssen, immer nur auf einen Knopf zu drücken, und du solltest nicht erstaunt fein, wenn das Hhrwerk auch bann gelegentlich versagt.

Hochschulnachnchien.

Professor Dr. Heinrich Eymer, Vorstand der Hniversitäts- Frauenklinik in Innsbruck, ist vom 1. Oktober 1930 an zum ordentlichen Professor der Geburtshilfe und Gynäkologie an der Hniversität Heidelberg und zum Direk­tor der HniversUäts-Frauenklinik daselbst als Rachfolger des Geh. Hofrats K. Menge ernannt worden.