Ausgabe 
25.7.1930
 
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Nr. 172 Zweites Blatt Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Vderhefsen) Zreitag, 25. Zuli 1959

Reue Beweise für Englands Kriegsschuld.

Die Aufzeichnungen NicolsonS. Englands Einverständnis mit der Kriegs­politik poincar^S und GasonowS.

Ein« wertvolle und wesentliche Ergänzung der amtlichen britischen Dokumente über die Vorge­schichte de« Weltkriege« und der bisherigen Memoirenliteratur auf englischer Seit« bilden die Aufzeichnungen Sir Arthur Ricolson«, de« bekannten britischen Diplomaten und Staat«, manne«, die kürzlich in London erschienen sind und nun auch in deutscher Hebersetzung Dorfie» gen (Harold Ricolson: Die Verschwörung der Diplomaten. Aus Sir Arthur Ricolson« Le- den. Frankfurter Sozietäts-Druckerei. Frank- surt a. M.). Der Verfasser deS Buche«, das zur Beurteilung der Kriegsschuld Grohbritan- nienS und zur Aufhellung der Kriegsschuld- frage überhaupt geradezu unschätzbares Ma­terie enthält, ist sein Sohn Harold' Ricolson, bis vor kurzem Dotschastsrat bei der englischen Votschast in Berlin, der jetzt den diplomatischen Dienst verlassen und sich der Schriftstellerei ge­widmet hat.

Fast ein halbes Jahrhundert hat Sir Arthur Ricolson im britischen diplomatischen Dienst ge­standen, von 1870 biS 1916; er war, wie sein Sohn im Vorwort schreibt, Zeugedes Auf­stiegs und Riedergangs des Deutschen Reiches", aber auchdes Verlustes der Weltmachtstellung seines eigenen Vaterlandes",persönlich betei­ligt an beinahe jeder Phase des langsamen Prozesse-, durch den England und Deutschland nach und nach zu ihrer gegenseitigen Vernich­tung gebracht wurden". Seine diplomatische Laufbahn führte Ricolson unter anderem nach Berlin, Peking, Konstantinopel, Athen, Sofia, Teheran und Tanger. Kurze Zeit war Ricol­son Botschafter in Madrid, barm, von 1906 biS 1910, Botschafter in Petersburg und schließlich von 1910 bis 1916 ständiger Unter ft aat«- sekretär im Foreign Office. 3n der Persönlichkeit Ricolsons spiegelt sich gewisser­maßen der Umschwung, der sich von der Jahr- Hundertwende an in der Politik Englands voll- zog. Von 1870 bis 1900 ist Ricolson An­hänger dersplendid Isolation"; er teilt die Auffassung der Mitte des viktoriani­schen Zeitalters, ..daß der Kontinent ziemlich belanglos, Deutschland sympathisch, Frankreich und Rußland hingegen die Länder seien, di« man bekämpfen und verachten müsse"! Seine Er- sahrungen im Orient, die Schwierigkeiten mit Frankreich und Rußland und die gereizte Stim­mung deS Kontinents gegen England zur Zeit des Burenkriegeszerstörten seinen Glauben an die Isolation und erweckten in ihm daS Gefühl, daß England aufhören müsse, dec Feind der ge­samten Welt zu sein". Von 1906 abwar er bereits von der deutschen Gefahr über­zeugt", und von 1910 anging sein ganze- Bestreben darauf aus, Englands Derstän- digung mit Frankreich und Rußland nicht nur passiv, sondern auch aktiv zu gestalten".

Diedeutsche Gefahr" erolickt Ricolson nicht in der wirtschaftlichen und kolonialen Expansion Deutschlands, sondern in der deutschen Flöl­ten p o l i t i k,in bcr Tatsache, daß Deutsch­land. das bereits das größte Heer der Welt besah, von 1900 an eine Flotte zu bauen be­gann, die bewußt eine Herausforderung unserer Oberherrschaft auf dem Meere darstellte". Er war in dem Gedanken befangen, Deutschland wolle gemeinsam mit Oesterreich und Italienden Kontinent beherrschen, Frankreich und Rußland zur Neutralität, wenn nicht gar zu einem Bünd­nis zwingen", um England im Mittelmeer zu schwächen und in Zentralasien zu bedrohen. Ri­colsons Alpdruck war eine kontinentale Koalition gegen England, die es in eine Lage versetzen würde, in der es entweder einen unheilvollen Krieg führen oder sich dem Diktat Deutschlands würde unterwerfen müssen, dergestalt etwa, daß Deutschland England zwin­

gen würde, Churchill zu entlassen, ihm Britisch- Ostafrika abzutreten oder Japan im Stich zu lassen. Wenn Harold Ricolson in seinem Vor­wort von der von seinem Vater aufgestellten Diagnose von der deutschen Gefahr" behauptet, man könne nicht mit Bestimmtheit sagen, daß sie falsch war, so wird man hinter diese Behaup­tung doch ein großes Fragezeichen sehen müs­sen. In Wirklichkeit liegen die Dinge ganz we­sentlich anders.

AuS der Fülle des Materials, die das Buch bringt, können hier nur einige besonder- wich­tige Punkte herausgegriffen werden. In der Einleitung erklärt Harold Ricolson, er halte Deutschland nicht für schuldig an dem Krieg, noch fühle et für dentörichten und schmählichen Paragraphen, der versucht, die ganze Verant­wortung auf Deutschland abzuwälzen", etwas anderes als Verachtung; für den Verlauf der Iulilris« falle die Hauptschuld auf Serbien, Rußland und Oesterreich, währendEngland und Deutschland der Entschlußkraft ermangel­ten". Wenn er andererseits an der Haltung Frankreichs kaum etwas zu tadeln findet, so muß diese Ansicht um so seltsamer anmuten, als an anderer Stelle zugegeben wird, daßim Januar 1912 mit dem Sturze Caillaux' P o i n - c ar 6 und d i e Revanchepolitik ihren Einzug hielten". Und was Sir Arthur Ricol­son selbst anbetrifft, so war erentsetzt über den Vertrag von Versailles", vor allem empör.e ihn der Paragraph, durch den Deutschland gezwungen wurde, zuzugeben, daß cs allein die Schuld am Kriege trage; er fand ihnsowohl würdelos als auch sinn­los". Das sind immerhin bemerkenswerte Ein­geständnisse.

Auf der anderen Seite aber muß man ein großes Fragezeichen sehen hinter die Darstel­lung der Ziele der Entente, di« Sir Ar­thur Ricolson gibt, und in denen es unter an­derem heißt:Es kann mit Bestimmtheit behaup­tet werden, daß weder Frankreich noch Ruß­land noch Groß-Britannien den entferntesten Wunsch hatten, den Frieden zu stören oder die Beziehungen zwischen ihnen und Deutschland, Oesterreich und Italien zu verschlechtern. Cs kann mit absoluter Wahrheit behauptet wer­den, daß in dem, was man Dreiverband nannte, kein agressives oder feindliches Gefühl oder Ziel verborgen lag. Die drei Mächte der Entente wünschten nichts mehr, als ihre respektiven Schicksale auf friedlichem Wege auszubauen ohne irgendeinem Teil des Dreibundes ein Unrecht ober eine CBeleibigung zuzufügen."

Wir haben uns hier nur mit ber englischen Politik zu befassen unb zu prüfen, ob sie tat­sächlich bestrebt war, ben Frieben aufrechlzu- crbalten unb zu sichern, ohne, um es kurz zu fassen, Deutsch.anb ben ihm gebührenden Platz an der Sonne zu mißgönnen. Unb das wirb man schon an einigen Beispielen erkennen kön­nen, bah von englischer Seite in den Borkriegs- jahren nur wenig geschehen unb f a ft alles unterlassen ist, was geeignet war, sriedens- ftörenb ober kriegsverhinbernb zu wirken, auf bcr anberen Seite aber besto mehr, um Deutsch - lanb zu schäbigen. Man benfe einmal an bie englisch-französische Entente vom 8. April 1904 unb im Zusammenhang mit ihr an die Maroiko- Frage, sowie die Konferenz von Algeciras.Un­sere Entente mit Frankreich brachte uns wegen Marolko an ben Ranb bes Krieges", so urteilt bcr junge Ricolson. Unb warum? Die eng­lische Politik gebärdete sich hier französischer als bie französische. ObgleichDeutschlanb in ber Marolkofrage bas unbestreitbare Recht ber In­tervention" hatte, unb doch nur auf ®runb ber bestehenben Verträge gleiche Rechte für alle Rationen zu sichern suchte, sowie bie Errichtung

Zehn Rezepte für die Sommerfrische.

Don Rudolf Jeremias Kreutz.

Erstens: Rege dich nicht auf, wenn es in dei­ner Sommerfrische, an deinem Badeort wieder etwas teurer geworden ist als im Vorjahr. Was hast du davon, wenn du die Hände ringst und deinen Gefährten dein Leid klagst? Jene, bie die Preise bilden, werden ob deiner Klagen weder bedrückt sein noch die Preise drücken. Die Bauern samt ihrem vierbeinigen Zubehör wol­len auch leben, die Gasthöfe sich aufschwingen, damit es dir wohlergehc. Wären sie billiger, du kämst mit ihnen herunter. Wärst du bann aufrieben? Debenke: Kreislauf ist alles. Richts geht verloren. Das Geld, bas bu ausgibst, bleibt in ber Aähe, es setzt sich sogar in eine Fülle von Annehmlichkeiten für bich um: bu barfft essen, schlafen, rubern, schwimmen, bergfteigen. Ganz umsonst hast bu Luftschnappen, Aussicht- anschauen. Flirt wirb bir erst in Rechnung ge­stellt, wenn er in Liebe ausartet. Dann zahlst bu natürlich drauf, so weit aber lasse es als vernünftiger Mensch nicht kommen.

Zweitens: Meide politische Ge­

spräche. In jedem landschaftlich gesegneten Ort gibt es Unglückliche, bie dir schwere Ge­fahren für das Vaterland von rechts, von links ober aus bcr Mitte voraussagen. Halte dir vor Augen, baß diese Leute vom Teufel eigens da­zu geschaffen sind, bir bi« Galle aufzuregen. Du sollst bich erholen, also gehe ihnen aus dem Weg. Erfreue dich lieber an Dirndln unb Buam ohne Unterschieb der Konfession. Gott ber Allmächtige hält sie in bester Auswahl unb Aus­stattung eigens für bich auf Lager.

Drittens: Pflege eble Geselligkeit, ohne dich in Drängelei einzulassen. Hast bu es nötig, schlecht zu schlafen, weil bich ein tieferer Eindruck reizt? Abstand halten, mein Lieber! Auf entsprechende Entfernung sind alle Menschen genau so nett wie du. Bei großer Rähe ver­lieren fie, fallen am Ende gar auf jene 21er- ven, bie bu erfrischen willst, bamit sie dir im Alltag, wenn du Schulter an Schulter ober Brust an Brust mit unlieben Rächst en ringen mußt, nicht versagen.

Viertens: Bist bu verheiratet, so be- hanble deine Frau, wenigstens so lange ber ©ommerurlaub währt, als fei sie dir das Liebste

auf ber Welt. Dieser egoistische Trick wirb nicht verfehlen, auf beinen Kontraktgegner Einbruck zu machen, unb er wirb sichzusammenneh­men". Mehr können Ehepaare in ber Regel Doneinanbcr nicht verlangen als eine Harmonie, bebingt durch gegenseitige Duldung und Takt. Dieses Opfer mußt du schon bringen. Sei zu ihm ober zu ihr ungefähr so nett wie in ben Honig- Wochen. Den Honig könnt ihr in gegenseitigem Einvernehmen sparen, auf basals ob kommt es an. Darauf achte streng! Es verringert ben Krachkoeffizienten".

Fünftens: Lasse bas Geschäft zu Hause. Je intellektueller bu in ber Stabt lebst, um so primitiver gebärbe dich auf dem Land. Die Dirndlkleider, bie ßcbernen, nackte Knie unb Janker machen es nicht allein, bu mußt auch vom Geist her in bas Kostüm bet bicbcrn Landbewohner schlüpfen. Sinniere viel, meditiere nach innen, ruhe in Gott nach Art der Pfeifenrauchenden Holzknechte und Jäger, deren Rebe2o jo, Ra na, Söll woll" ober Oan Ding" ist, obwohl sie unenblich mehr wissen. Hast bu noch keine Pfeife, schaffe bir so­fort eine an; bist bu weiblichen Geschlechts, bann stricke Söckeln ober häkle Zackenspiyen für orts­übliche Unterrede. Dank biefen Behelfen wirst bu alsbald in einen wunderbaren Zustand see­lischer Ausgeglichenheit geraten, in ein stumpf­sinniges Behagen, das den Stoffwechsel fördert und dich befähigt, buddhistisch mild und wahr­haft heiter zu wachen, zu schlafen und zu ver­dauen.

Sechstens: Meide möglichst die Stätten, wo nur Intellektuelle" hausen... Das sind Bmctstätten der Reurasthenie. Vom Frühstüd an gibt es da geistige Reivungsflächen, Entzündungserscheinun­gen, explosive Synthesen. Rein! Rein! Ziehe lieber mit Angelus Silesius und einer Zahn­bürste auf die Alm zur Zwiesprache mit stumm- beredten Bäumen, Wolken und Wind. Du willst auf dem Land doch den Gegenpol deines städti­schen Wesens finden. Hat Ländlichkeit sonst einen Sinn? Ra also.

©lebten«: Wo es eine Jazz gibt, angle! Das Klagen des Sarophons kannst du überall billi­ger genießen, Forellen kaum. Der Rhythmus kanzender Füße wiegt die Stimmung nicht auf, die dir bas Brausen des Wildbachs schenkt, in dem zwischen Felsblöden silberne Fische mit bernsteingelben Augen stehen. Kein künstliches Beleuchtung-wunder einer Dar zaubert im ent­ferntesten die Spiegelung io gründunkel fluten­

einer internationalen und nicht einer französi­schen Kontrolle, unterstützte England restlos die französischen Forderungen. Ricolson. damals bri­tischer Botschafter in Madrid, war ber englische Delegierte auf ber AlgeciraS-Konferenz. Diel ge­schäftiger unb energischer al« fein franzöfischer Mitspieler Rövoil, ben er als schwach, schwan­kend. kindisch und nur auf Redaktionsformeln verseifen bezeichnet, sehen wir ibn unermüdlich die Spanier. Italiener. Russen. Portugiesen und Amerikaner bearbeiten, indem ec ihnen ankün­digt, daß England mit Frankreich Hand in Hand gehen werde. Unb in einem Briefe an feine Frau beklagt sich Sir Arthur Ricolson bitter über die Unentschiedenheit de« französischen Ver­treters:Zum dritten Male (in bcr Polizei­frage) habe ich fein Danner hochgehalten. Je­desmal hat er sich hinter einem Dusch verkrochen und kam erst wieder hervor, alS der Kampf aufr- getragen war. Er ist so schrecklich schwach und unentschlossen, daß er mich in eine schiefe Lage brachte und Grund zu dem von den Deutschen gegen mich gehegten Verdacht legte, daß ich französischer sei als die Franzosen."

Zu gleicher Zeit aber finden zwischen Paul Eambon und Sir Edward Grey jene berüchtig­ten Desprechungen über di« britisch« ®a- r a n t ie f ü r Frankreich statt. Harold Ri- colson berichtet darüber unter anderem:Der englische Außenminister hatte bei dieser Gelegen­

heit sein Einverständnis zunur provisorischen unb unverbindlichen" Desprechungen »wischen dem englischen GeneralstabSches unb dem französischen Militär-Attache erklärt. Dies« Desprechungen sollten militärische Zusammenarbeit für ben Fall eines deutschen An­griff- vorsehen. Aehnliche ..Untersuchungen'* erfolgten zwischen dem belgischen GencralstabS- ches und dem britischen Militär-Attache in Brüssel. Maritime Besprechungen wurden gleich­falls eingeleitet. Eambon. der da« Zögern sei­ner Regierung kannte und ihr Mißtrauen in die britische Treue, forderte etwas mehr. Darauf­hin erwiderte ihm Grey, daß er bereit« dem deutschen Botschafter erklärt habe, ein deutscher Angriff auf Frankreich würde England nicht neutral finden, aber irgendeine Versicherung, Frankreich unter allen Umständen zu unterstützen, würde einem Defensiv-Dündni« gleich kommen, das nur mit Zustimmung des Parlament« ge­schlossen werden könnte. Die Deutschen, di« al« ein Volk mit militärischen Traditionen dem Generalstab große Bedeutung bcimeHen, beschul­digten. als sie von diesen Dingen hörten. Grey einer zynischen Doppelzüngigkeit. Sic verstan­den nicht, daß dieser vollkommen« Typ eine­britischen Parlamentariers solche Besprechungen zwischen Soldaten unb Seeleuten nur tech­nische Bebeutung beilegte.

Daß diese Besprechungen nicht so harmloS

Geschichten ans aller Welt.

Ein stier erschüttert den Broadway

(a) Reuy ork.

Aus dem Broadway in Reuyort herrschten schon mancherlei Sensationen, wenn irgendein ,Star" seinen Einzug Hielt, wenn ein berühmter Mann ankam ober ein Börsenrun alle kopsstehen ließ. Aber dies war bie größte Sensation der letzten Jahre; bcr Stier auf bem Droabway. Die Bör­sianer ftanben still unb glaubten ein Wunder zu sehen; aber dann eilten sie beschwingten Schrittes weiter, denn der Stier bedeutet ®lüd an der Börse. Auch sonst hätte man ihnen raten können, das Weit« zu suchen, denn mit dem Stier, der auf ber 39. Straße einem Viehtransport ent­sprungen war, ließ sich absolut nicht spaßen. Dieser Ansicht waren auch alle anberen Passan­ten. bie in bie Tore flüchteten, währenb der Stier in wildem Galopp durch bie Straßen lief.

Die Verkehrspolizisten behaupten, bie Auto­mobilisten wären nie so sicher gefahren, trotz gefahrvollem hohem Tempo, als in bem Augen­lid. wo ber Stier burch bie Wagenreihen lief. Frauen schrien, mutig aussehende Amerikaner würben angstvoll bleich. An ber 33. Straße jüdte ein Polizeiveamter feine Pistole, um dem Stier mit einer Kugel beizukommen. Aber ber schien sein Geschick zu ahnen unb trollte sich schleunigst toieber in das rettende Derkehrschaos.

Schließlich traf eine Polizeistreife mit einem Auto ein. Zwei riesenstarke baumlange Police» men gingen mutig an den Stier heran und nah­men ihn bei den Hörnern. Er lieh sich scheinbar auch ruhig abfüfiren. Schon wollte das Pu­blikum Beifall jubelnda machte der Stier einen kleinen, nur ganz kleinen Ruck. und die Police- men flogen im Bogen einige Meter weit zur Seite. Die Jagd Begann von neuem. Schon über eine Stunde beunruhigte die »Bestie" den Broadway. Da kam Mrs. Dodge, von Beruf Limonadenverkäuferin, in ihrem Auto daher. Sie war ein wenig kurzsichtig und bemerkte den Stier erst in dem Moment, als sie ihm in die Hinterbeine fuhr ... Der Stier erschrak, blidte sich um und als er Mrs. Dodge erblickte, die weder jung noch schön war, raste er sinnlos geradeaus in eine Riesenschaufensterscheibe hinein.

Die Geschichte ist hiermit zu Ende. Der Stier vom Broadway brach sich einen Fuß und kam nicht mehr hoch. Man hat ihn erschossen. Man versteht nicht viel von Tieren in Reuyork. Drei

Policemen schossen ihre Kammern leer. Auch als der Stier schon längst tot war, schossen sie noch auf ihn. Der Sch red war zu stark in ihr« Glieder gefahren. Wann hat man auch je «inen Stier auf dem Broadway kennengelernt?

Ter Herr der Lüfte

(g) Rom.

Vor etwas über Jahresfrist erregte in Rom das Verhalten eine« Adlers beträchtliches Auf­sehen. Diesen Adler hatten italienische Alpenjäger anläßlich ihrer großen Zusammenkunft in Rom mitgebracht und dann im Sinne einer Huldigung für Mussolini über dem Kapitol auffliegen lassen. Mächtig erhob sich der Herrscher der Lüfte in den blauen Himmel über der Ewigen Stadt und zog zwei Tage lang seine geruhigen, königlichen Kreise über sie hinweg. So, als ob er unschlüssig und sich nicht im klaren darüber sei, ob er in seine heimatlichen Gebirge zurüdkchren solle. Und siehe da; er tat etwas, was man von ihm. dem uralten Symbol der Macht und der Freiheit, nie erwartet hätte: er hatte das große Vogel­haus im römischen Zoologischen Garten und darin einige dickgefressene Kollegen entdeckt, ließ sich auf die Stäbe ihres Gefängnisses nieder und war einfach nicht mehr wegzubringen. Der Direktion des Zoo blieb schließlich nichts anderes übrig, als diesen merkwürdigen Kauz hereinzulassen, der freiwillig die Gefangenschaft der Freiheit vorzog.

Während des ganzen Jahres hat sich dieser Adler sehr sittsam benommen und mit seinen Ge­nossen ziemlich artig betragen. Kürzlich jedoch kam ein Trupp jener Alpenjäger, die ihn im vorigen Jahr mitgebracht hatten, wieder nach Rom, und der erste Weg führte sie selbstverständlich zum Vogelhaus des Zoo, wo sie ihren alten Freund begrüßen wollten. Kaum wurde er ihrer ansichtig, brach in ihm das so lange verhaltene Heimweh nach den luftigen Höhen und Weiten de« Ge­birges auf und er bekam gleich, temperament­voll wie Adler eben sind, einen wahren Tob- suchtsanfall, so daß seine gefiederten Kollegen sich angstvoll in die Eden drückten. Er vollführte einen derartigen Lärm, daß man aus dem Direk­tionsgebäude herzueilte und ihm angesichts be­gangen Sachverhalts die freiwillig aufgegebene Freiheit wiedergebcn muhte. Fromm wie ein Lamm setzte er sich auf die Schulter eine« der Alpenjäger und fuhr mit ihm in die Heimat zurück.

dem Wasser. Kein Reflektor, und sei er tausend- kerzig, erseht dir den kleinsten Sonnenstrahl, der aus Tannenwipfeln niedersällt und mit Schmet­terlingen und Libellen spielt. Und wenn auch gar nichts anbeifit, weder Forelle noch Grun­del noch Weißfisch hier kommt es weniger auf das Fangen an: die Deute ist nicht das Wesentliche wie sonst im Erwerbsleben. Der Angelstod sei dir. gleich wie dem rechten Weid­mann das Gewehr. Behelf zu größerer Ratur- näfie, Krücke zu tieferem Eindringen in ihr geheimnisvolles Weben, das zwischen den Stein­mauern der Stadt «rstidt. Weiße Reger, die ihre Hüften und Deine ausrenken und dies« Betätigung tanzen nennen, siehst du das ganze Jahr, Forellenbäche nur im Sommer. Also angle, statt zu jazzen.

Achtens: Wenn es immerzu regnet, dein Vor­rat an Büchern erschöpft ist und du wirklich gar nichts Gescheiteres anzufangen weißt, bann darfst du meinetwegen Skat spielen. Aber nur bann! Das Kartenbreschen als Epibemie, gar bei Sonnenschein unb Vogelsang, ist ein geistiges Armutszeugnis für bich unb beine Rächsten. Es ist erwiesen, baß leidenschaftliche Spieler ungefähr mit bem gleichen Wortschatz ihr Aus­langen finben wie Rjam-Rjam-Zwerge. Willst bu mit ihnen konkurrieren?

Heuntcnd: Lerne bie Einsamkeit lieben. Suche bi« rauschenbe Ruhe ber Hochwälber, bas gott- nahe Schweigen ber Latschenregion auf. Je höher unb menschenferner. besto reiner unb rei­cher strömt bir bas zu, was ber Dichter Wil­helm von Scholz so auSgebrüdt hat:

Werbe bir bie Welt bas stille, Schweigende ®egebenlein!

Und es geht erlöst dein Wille Zeugend in dein Schauen ein.

Was kannst bu nicht alles sehen, wenn bu zu schauen weiht! Auf akademische Grabe kommt es dabei nicht an. Ein Doktor kann darin ein Stümper, ein Analphabet ein Meister fein. Denn nur die innere Spieglung des Geschauten schafft jene panische Stimmung, die der Dichter meint. Die Stadt ist immer einsamkeitsfeinblich. Unb sperrst bu dich auch in bein stillstes Zimmer, bas mehlenbe unb mahnenbe Treiben unstet hasten - ber Masse wirb boch zu bir bringen, bich zwin­gen, mitzuvibrieren in ber Monotonie ber Un­rast, bie außen lauert. Rur auf bem natur­belassenen Land kannst bu bir Einsamkeit schaffen unb lieben.

Zehntens: Sei Tierfreunb! Die Stadt schenkt Menagerien, Tiere hinter Gittern. Selbst dein Hund ist dort ein eingesperrter armer Wicht, be­mitleidenswerter Häftling an der Leine. Drau­ßen aber im Wald, auf Wiesen und Feldern ist deine ganze Fernverwandtschaft ursprüng­lich und frei. Du kannst, wgS da kriecht und fliegt, von der Waldschnede bis zum Adler, beoBachten, und wenn du Geduld hast, tiefe Bilde in das Heim und die Werkstatt unzähli­ger Geschöpfe tun. Zwar wird sich dexBru­der" Adler ganz gewiß nicht auf deine Schulter setzen undSchwester" Gemse keineswegs auS deiner Hand fressen, wie dies nach frommem Be­richt dem heiligen Franz von Assisi widerfuhr. All« Kreatur kennt deinesgleichen als unhei­lig und höchst gefährlich. Das ist dein Fluch. Bann« ihn wenigstens dadurch, daß du die Tiere nichtansiehst, ihrer zu begehren", son­dern, um dich an ihnen zu freuen.

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Das sind meine zehn Rezepte für dich, bamit es bir wohl ergebe zwischen Berg unb See.

,6r hätte Waterloo verhüten können.. /

Die Lonboner Rationalgalerie hat jetzt ein interessantes Gemälde erworben: ein 1812 ent­standenes Wellington-Porträt von Goya. Der berühmte spanische Maler verewigte den späteren Sieger von Waterloo nach dessen Sieg bei Sala­manca am 22. Juli 1812. Der damals sechsund­sechzigjährige Künstler war überaus nervös unb bärüber hinaus in höchstem Grade schwerhörig. Als nun der Feldherr-Staatsmann das soeben fertiggeworbene Dilb kritisierte, verstaub ber Meister nicht genau, was er meinte unb nahm an, Wellington fei mit bem Werk unzufrieden. Da geriet Goya in Wut. griff nach einer auf bem Tische liegenben Pistole seines Besuchers unb hielt ihm bie Waffe gegen bie Brust. Wellington wurde leichenblaß ob dieses uner­warteten Angriffs. Glüdlicherweise sprang im letzten OIugenBlid Goyas anwesender Sohn (der den Vorfall auch aufzeichnete) hinzu und riß die Pistole aus der Hand des vor Aufregung zittern­den Meisters.Wäre der junge Goya eine halb« Minute später gekommen", bemerken jetzt die französischen Blätter anläßlich des Londoner Bil­derkaufes.hätte er Waterloo verhüten können und so vielleicht die ganze Weltgeschichte ent- 1 scheidend beeinflußt....