Hr. 146 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)Mittwoch, 25. Juni 1950
Oie Angestellten fordern Erfahkaffen.
Don He.mich Auerbach
Schon bei der im Herbst 1927 erfolgten Umgestaltung der Erroerbslosenfursorge in die Arbeitslosenversicherung sorderlen die Angestellten die Zulassung von Ersatzkosten, ähnlich wie in der Krankenversicherung, wo sich die Berusskasten der großen Angestelltenoerbönde bestens bewährt hoben. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo diese deruss- ständische Forderung und Selbsthilfe auch in der Arbeitslosenversicherung erfüllt werden muß. Denn immer deutlicher zeigt sich die Unholtbarkeit des jetzigen Ausbaues der rund 20 Millionen verschiedenste Arbeitnehmer ersassenden Arbeitslosenversiche- rung. Die Vorteile der Ersatzkosten liegen nicht nur auf Seiten der Angestellten, sondern ebenso sehr im Interesse der Gesamtheit. Der Staat, der heute ohnehin stark mit sozialen und anderen innerpolitischen Aufgaben überbürdet ist, würde entlastet und die Verantwortung in die Selbstverwaltung der davon Betroffenen gelegt. Im übrigen kann die staatliche Arbeitslosenversicherung den besonderen verufspolitischen Ansprüchen der Angestellten gar nicht gerecht werden, denn sie trägt den ausgesprochenen Charakter einer Arbeiteroersicherung. Das ist natürlich, da die Zahl der gewerblichen Arbeiter um ein mehrfaches höher ist, als die der Angestellten.
Als besonders hart empfinden jetzt die Angestellten, soweit sie durchschnittliches oder überdurchjchnitt. lichcs Einkommen beziehen, daß sie in den höheren Lohnklassen zwar höhere Beiträge bezahlen müssen, aber, gemessen am Einkommen, wesent - l i ch geringere Unterstützungssätze beziehen, als die unterdurchschnittlich bezahlten Arbeitnehmer. In der Ersatzkasse aber können Beitrage und Leistungen den besonderen Verhältnissen des Berufsstandes angepaßt werden; die Leistungen z. B. hinsichtlich der Auszahlungszeiten und Wartesristen Beim Weggang aus einer Stellung verfügt b?r Kaufmannsgehilse normalerweise noch über ein Monatsgehalt, während er nach einer Stellenlosigkeit beim Neuantritt einer Stellung erst einen Mo- nat warten muß, bis er wieder Geld in Händen hit. Auch kommen die für die gewerblichen Arbeiter durchgeflihrten Notstandsarbeitcn für die kaufmännischen Angestellten durchweg nicht in Frage, da- gegen könnte eine andere Art der Arbeitsverpflichtung erfolgen, vornehmlich die berufliche Weiterausbildung. Hier könnten jüngere Versicherte zur Teilnahme an Bildungskursen usw verpflichtet werden, unter Androhung des Verlustes von Sei- ftungsanspruch bei Nichtteilnahme usw.
Ferner betrifft die Stellenlosigkeit besonders die alteren kaufmännischen Angestellte viel länger, als durchschnittlich die aewerblichen Arbeiter. In einer Einheitskasse ist selbst beim Vorliegen triftiger sozialer und wirtschaftlicher Gründe eine besondere Bebandluna der Angestellten nicht möglich Die Nöte der nlt?ren stellenlosen Angestellten, die die deutsche Oeffentlichkeit schon längere Zeit beschäftigen. könnten durch die Ersatzkosten wenigstens gemildert werden.
Aus all diesen Gründen wehren sich die Angestellten sehr stark gegen die geplante Erhöhung der A r b e i t s l o se n v e r s i che r u n o s b e i- träge auf 4'/- v H. und das um so mehr, weil sie trotz dieser sehr bedeutenden Beitragserhöhung eine weitere Leistungskürzung erfahren würden Da na* einer Erhebung im Februar 1929 bei 165 000 männlichen Kaufmannsrehilfen das monatliche Durchschnittsgehalt einschließlich oller Zulooen Gratifikationen, einmaligen Bezügen usw 267,63 Mark befräot, andererseits fast fin Viertel oller befragten Koufmonnsgehilfen unter Tarif bezahlt wird, so erscheint auch noch dieser Seite hin
eine weitere finanzielle Belastung der Angestellten ohne Gegenleistung unerträglich.
Es handelt sich nun nicht darum, daß sich die Angestellten durch die Ersatzkaste aus der allgemeinen Gesahrengemeinschast mit den übrigen Arbeitnehmern völlig herauslösen wollen und sich etwa als Sutes Risiko unter den Arbeitnehmern in dieser rage betrachten. Die Stellenlosigkeit gerade der kaufmännischen Angestellten ist gewaltig gewachsen. Nach den Feststellungen der öffentlichen Arbeitsämter waren Ende April 1930: 190 259 kaufmännische und BureaiiangesteUle als Arbeitsuchende verfügbar. Die Zahl ist inzwischen erheblich höher geworden. Den meisten, selbst berufs^üchtigen An- gestellten ist es heute überhaupt unmöglich, eine
neue Stellung zu erhalten. Sogar die Ostern aus- gelernten Lehrlinge werden hiervon bereits betroffen. Um jedoch auch den Sä-ein einer bevorzugten Behandlung der Angestellten im Rahmen der Ar- beitskosenoersicherung zu vermeiden, würde es sicherlich genügen, die Ersatzkassen gegebenenfalls an den Kosten der Reichsanstalt zu beteiligen.
Der Ruf nach Selbstverwaltung der einzelnen Berufsstände ist gerade in den letzten Jahren sehr laut erhoben worden. Hier bietet sich einer aufstrebenden Berufsschicht die Gelegenheit, diese Forderung in einem wichtigen Zweig der Sozialversicherung zu verwirklichen. Die Angestellten hätten kein 'Verständnis dafür, wenn man ans der Nachkriegsidee heraus, olles zwangsweise durch
den Staat regeln und ordnen zu mollen, ihnen dieses Selbsir>erwalkungsrecht verweigern wurde. In der Krankenversicherung und auch beim Arbeitsnachweis Haden die großen Angestelllenveibände aus eigener Kraft mustergültig Selbsthilfe- cinrichtungen geschaffen. Sie Hoden also den Beweis geliefert, daß sie ohne Bevormundung des Staates ihre Berufsangelegenheiten auf wichtigen Gebieten selbst regeln können. Cs muß Deshalb erwartet werden, daß bei den bevorstehenden Beratungen im Reichstag über die Reform der Arbeitslosenversicherung den großen Angestelltenver- bänden die Denehmiguna erteilt wird, auch auf diesem Gebiet praktische Selbsthilfe zu üben.
Turnen, Sport und Spiel.
Wassersport-Verein Hellas Gießen.
Am 21. und 22. Juni fand in Frankfurt a. 1 das erste diesjährige Treften der Q3cr- bandsvereine des Eüdd. Ruderverbandes statt. Don den Gießener Derbondsvereinen beteiligte sich der Wassersportverein Hellas in drei Einer- und einem Vierer-Rennen an dieser Regatta. 3m Anfänger-Einer vertrat Karl Decker die Farben seines Vereins. Ein Sieg war ihm jedoch nicht beschieden, er mußte sich sogar von dem Mainzer Skuller Leicht mit 6 io Sekunden auf den dritten Platz verweisen lassen. 3m 3ungrnann-Einer startete K. D e ck e r ebenfalls und mußte auch hier den Sieg dem favorifierten Offenbacher Kümmel überlasfen. Er belegte jedoch den zweiten Platz und konnte den Mainzer Leicht, welcher ihn im Anfänger- Einer auf den dritten Platz verwies, so weit hinter sich lassen, daß dieser die Erfolglosigkeit des Ruderns einsah und das Rennen aufgab. Dei weiterem intensiven Training wird Decker noch ein nicht zu unterschätzender Gegner werden. Tie Mannschaft W. Staffel, K. Lipp, Fr. Loh, K. S t r a ck, Steuer: A. Sch ö n- d o r f, bestritt am Samstag das Vorrennen zum ersten 3ungmann-Vierer gegen Alemannia, Frankfurt a. M. und tonnte sich mit einem Vorsprung von vier Bootslängen die Teilnahme am Hauptrennen sichern. Das Hauptrennen am Sonntag brachte der Mannschaft jedoch nicht den erhoff ten Sieg, sondern sie mußte sich nach hartem Kampf gegen Amicitia Frankfurt mit einer Länge geschlagen bekennen. Andine Höchst gab das Rennen bei 1700 Meter auf. Den schönsten Erfolg errang Albert S ch ö n d o r f vom Wassersport- Verein Hellas, indem er den in den letzten 3ah- ren siegreichen Mannheimer Skuller A. Gut- fr u ch t im ersten Senior-Einer überlegen schlug und damit dem Wassersport-Verein Vorwärts Mannheim, welcher in nicht weniger als 10 Rennen Sieger blieb, die einzige Niederlage beibrachte. Durch diesen Sieg hat er sich die erste Anwartschaft auf die Meisterschaft erworben, welche im August in Mainz ausgctragen wird. Zum 3nnior-Einer hatte Hellas ebenfalls Schöndorf gemeldet. Leider mußte dieses Rennen ausfallen, da kein Gegner gegen ihn antrat.
Arbeiter-Turn- und Sportbund.
Vorrundenspiel um die Kreissestmeislerschasl.
3. Bezirk — 6. Bezirk 4:1.
In Heuchelheim standen sich am vergangenen Sonntag die besten Spieler genannter Nachbarbezirke gegenüber, um im ersten Vorrundenspiel zu ermitteln, welche Cif von Den weiteren Spielen zur Kreisfestmeisterschaft ausfcheiden sollte. In glühender Sonnenhitze stellten sich die Mannschaften 6. Bezirk
(Blauweiß) und 3. Bezirk (Schwarzweiß) dem Unparteiischen. Vom Anstoß ab setzte ein temperamentvolles Spiel ein. In der zwölften Minute wird eine Flanke vom Mittelstürmer der Schwarzweißen zum Führungstor eingedrückt. Wenige Minuten fpatcr schon steht das Resultat 2:0 für den 3 Bezirk. Wohl kommt Der Sturm Der Blauweißen öfters vor das Tor des Gegners, doch die Verteidigung im Verein mit Dem flinken Hüter lassen keinen Erfolg zu. Halbzeit 2:0. Nach der Pause leitet her 6 Bezirk wieder wuchtige Angriffe ein, und bereits in her 4. Minute gelingt es ihm, ein Tor zu erzielen Auch weiterhin bleiben hie Blauweißen im Angriff, hoch fcheitern sie alle an her guten Abwehr. Nun kommt auch her 3 Bezirk wieher in Schwung. Der Rechtsaußen her Schwarzweißen umspielt einige Gegner, und mit wuchtigem Schlag landet her Ball im Netz. Noch gibt sich Blauweiß nicht geschlagen, ha muß wenige Minuten später sein Hüter zum oicrtcnmal^hns Leder aus den Maschen holen. Nun ist das Spiel entschieden, und hie Elf des 3. Bezirks hat sich hie Teilnahme am Zwischenrunhenspiel, bas am 6. Juli ftattfinbet, sichergesteUt.
Staufenberg I — Dieseck Ib 0:8.
In Staufenberg ftanben sich diese Mannschaften am Sonntagoormittag in einem Freundschaftsspiel
gegenüber. Trotz aller Anstrengungen Der Einheimischen konnten sie den planvollen Angriffen her Gäste nur schwachen Widerstand leisten. Wieseck war im ganzen Spielverlauf überlegen und konnte bei Schluß mit obigem Resultat den Platz als Sieger verlassen.
Vorher spielten die Iugendmonschasten beider Vereine. Hier konnten die Gaste gegen die sich tapfer wehrenden Einheimischen nur einen knappen 2:3- Sieg mit nach Hause nehmen.
vodheim I — Kinzenbach 1 4:4.
In Faunsbach ftanben sich am Sonntagvormittag bie obigen Mannschaften in einem Propaganba- spiel gegenüber. Die brürfenbe Schwüle unb her etwas hohe Grasboden ließen kein gehaltvolles Spiel auflommcn. Nach Verlauf einer Viertelstunde ging Rohheim in Führung, konnte auch nach kurzer Zeit auf 2:0 erhöhen, hoch bis Halbzeit hatte Kinzenbach her Ausgleich bereits hergestellt. Nach Seitenwechsel liegt bann Kinzenbach mehr im Angriss unb stellte nach einiger Zeit bas Resultat auf 2:4. Nun kommt auch wieder Leben in Rohheim. Kinzenbach muß sich mächtig wehren, kann aber nicht verhinbern, bah hie fünfen Robheimer bis Schluß ben Ausgleich wieher Herstellen unb so bas Spiel mit einem hem Spielverlauf entfpredjenhen Resultat sein Enbe finbet.
Oie Erfolge des Turngaues Hessen beim Keldbergfest.
Hervorragendes Abschneiden der Gießener Vereine.
Rachstehend geben wir aus der sehr umfangreichen S i c g e r l i st e jeweils die ersten Sieger bekannt und anschließend die Preisträger aus unserem Heimatgau Hessen und einiger Vereine aus den Gauen Lahn-Dill und Kinzig. Der Gau Hessen war mit insgesamt 110 Meldungen zu den Einzelkämpsen und drei Staffeln stärker als in den Vorjahren bei der Veranstaltung vertreten. Er errang bei starker Konkurrenz der großen Vereine des Rhein-Maingebietes insgesamt 7 9 Siege, die sich wie folgt auf die beteiligten Vereine verteilen (M = Männer, 3 — 3ugendturner, A — Altersturner, Ti — Turnerinnen):
Tgm. F r i e d b e r g 14 Siege (8 M, 3 3, 3 Ti); Tv. 1846 Gießen 13 (6 M. 23, 5 Ti); Mtv. Gießen 12 (4 M, 3 3, 5 Ti); Tv. 1860 Dad- Rauheim 9 (5 M, 2 3, 1 A, 1 Ti); T. u. Spv. Duhbach9(5M, 23, 2 Ti); Tv. Gro- ßen-Linden 3 M; Tv. Kirchhain 3 (2 M, 1 3); Tv. Wetzlar 3 M; Tv. Heuchelheim 2 (1 M, 1 3); Tv. Riede r-Wöll stadt 2M;
Tv.Treis a. « Lda 2 (1 M, 1 3); Tv.Dorn- affenheim 1 M; Tv.Griedel IM; Tv. Kloster Haina 1 A; Tv. Hirzenhain 13; Tv. L i ch 1 Ti; Tv. Ridda 13; Tv. R a n - stadt 1 3.
Rächstehend äleberblick und AuSzug aus der S i e g e r l i st e:
Allersturner.
Klasse 1, 35 biS393ahre(67 Dewerber. 56 Sieger): 1. Sieg Heinr. Will, Tgm. Schwan» heim, 89 Punkte; 2. 3os. Deuter, Tgm. Fulda. 88 P.; 3. F. Trischler, T. u. Spv. Rieder-Erlenbach, 87 P.; 5. Karl Heß, Tv. Draunsels, 81 P.; 28. Emil Denker, Tv. 1860 Dad-Rauheim, 56 P.
Klasse 2, 40 3 ahre und älter (93 Dewerber, 80 Sieger): 1. Heinr. Koch, Tv Herborn. 92 P.; 2. H. Silbereis, Tgm. Unterliederbach. 90 P ; 3. 3. Drunner, Tv. Oggersheim, 88 P.; 12. Heinr. Koch, Tv. Herborn, 73 P.; 26. F. 3ünast, Tv. Herborn. 58 P.; 28. Ludwig Tusch, Tv. Haina, 56 P.
Oie Sünde
her Renale Mercandin.
Poman von Fred TleliuS.
1 3 Fortsetzung Nachdruck verboten
„Teufel ..." stöhnte Griebenow. Er erhob sich mühsam unter Aufgebot der letzten Kraft. Er fühlte qualvoll die Dedrängnis eines eng umstellten Tieres. Seine Augen wurden naß vor Scham und Wut. Seine Finger spreizten sich und zuckten nach der Kehle seines Gegenübers. Er fühlte, wie sich feine Kraft und jeder Wille löste, die Knie unter nickt zu widerstehender Gewalt der fremden Augen*sich beugten, der Körper in den weichen Sessel sackte.
Auf Den feinen, scharfen Zügen drüben, die der Lampenschein erhellte, lag der Abglanz eines amüsierten Lächelns.
„Wollten Sie denn jetzt schon gehen, mein Freund? Eie vergessen, daß Eie nicht mehr über sich verfügen können. 3ch werde 3hncn, wenn Eie wünschen, telephonisch eine Ehrenwache her- beordnen. Oder ... darf ich erst zu Ende reden? Eie gestatten ..." Er verneigte sich leicht. „Professor Doktor Mercandin. 3ch bin Rervenarzt. 3ch habe eine Rervenklinik in Derlin. Wie ...? Eie sagten? Richts? Eie gestatten also, daß ich weiterrede. Sehen Sie, Kollege, das Zusammensein zweier Menschen hat oft sonderbare Gründe. Manchmal baut sich eine Freundschasi für das Leben her Sympathie der Seelen. Manchmal ist es nur die Eigenart des Lächelns unb des Sprechens. Vielleicht auch nur der Schnitt des Anzugs und die Farbe der Krawatte. Tausend unsichtbare Fäden laufen über untere Sinne nach der Seele. Es besteht zum Deispiel eine feine Wechselwirkung zwischen Gehirn und Magen. Die Rede eines großen Staatsmannes kann die Welt in Drand setzen, nur weil ihm die Hummern am Abend vorher nicht bekommen sind. Genug. Warum sollen sich die Wege zweier Menschen nicht zusammenfinden, weil der eine die Pistole auf die 33ruft des andern richten wollte, um ihn zu berauben?"
Griebenow begann die Fingernägel in die Haut zu drücken, um auf diese Weise sestzustellen, ob er wache oder Träume. Er empfand den Druck als leisen Schmerz. Er war wach. Angst und lähmendes Entsetzen stiegen zu seinem Herzen. Er dachte: Dieser Rervendoktor und Professor ist verrückt. Ohne Zweifel. Dor dir sitzt der Wahnsinn.
„Sie wollten mich daran erinnern, daß ich zum Souper erwartet werde und Sie schlafen gehen möchten", sagte Mercandin verbindlich lächelnd.
„3ch bin gleich zu Ende. 3d> möchte nur noch sagen, daß ich eventuell bereit bin, Sie vor Schande und dem Zuchthaus zu bewahren und mich ihrer anzunehmen. 3ch würde Sie vielleicht als Assistent in meiner Klinik brauchen können. Aber das sind Dinge, die wir später in Derlin besprechen werden. Vorerst etwas andercs. Sie sind mittellos."
Griebenow hob seinen Kopf. Er schwieg.
„Eie bleiben im Hotel für eine Rächt. Das Zimmer nebst Verpflegung werde ich für Eie bestellen und bezahlen. Sie erhalten morgen beim Frühstück eine Fahrkarte von hier aus über Mailand -München nach v - Außerdem dreihundert Franken. Sie reifen dann sofort. 3n Derlin erhalten Sie Wohnung und Verpflegung in meiner Klinik. Sie werden von mir angemeldet. Hier ist meine Karte und Adresse. Das ist alles. Haben Sie noch eine Frage?"
Griebenow vernahm nur Worte, deren Sinn er nicht erfassen konnte. Alles Denken war verlöscht. Er gänte.
„Wir sind fertig“, sagte eine Stimme, die aus weiter Ferne kam. „Rur noch eine Kleinigkeit, Herr Kollege. Warten Eie."
Mercandin ging an den Schreibtisch. Setzte sich. Gr schrieb. Griebenow ergriff fein Glas unb stellte es mit starkem Anprall wieder duf den Tisch. Was um Gotteswillen soll das alles? dachte er mit letzter Kraft. Din ich denn verhext? 3d) habe nicht die Kraft, mich zu erheben und das Zimmer zu verlassen. 3rgend etwas lähmt mich. Stirn und Schläfen waren nah. Er faßte nach dem Rock, um ein Taschentuch zu suchen. Die 'Finger tasteten und fanden auf der linken 03ruft ein winzig kleines, dünnes Spitzen- etwas, dem unendlich süßer Duft entströmte. Griebenow bemühte sich, zu überlegen, wie dies kleine Tuch in seine Tasche kommen konnte. Es gelang ihm nicht. Eine Dame muhte es verloren haben. Ratlos drehte er es zwischen seinen Fingern. Endlich-steckte er es wieder in die Tasche.
Da kam Mercandin.
Mercandin hielt einen Federhalter in der einen eine Mappe in der andern Hand. Er schlug sie auf und schob sie auf den Tisch zur Rechten Er sagte ohnhin als ob es sich um eine Kleinigkeit handle: „Eie werden mir durch ihre Ramens- unterschrift bestätigen, daß ich das Hotel für heute nacht sowie die Reife nach Derlin, außer- dem dreihundert Franken in bar für Sie verauslagt habe. Ditte."
Er reichte Griebenow den Federhalter. Griebe- rww ergriff ihn, um ihn wieder auf den Tisch zu legen
„Rein 3ch werde nicht."
QEercanbin fing an zu lachen. Dieses Lachen schnitt durch alle Rerven und erdrosselte in Griebenow den Atem.
.Mercandin ging nach der Tür. Er legte seinen
Finger auf den Klingelknopf und drückte ... Einmal ... zweimal ... dreimal ... Sturm!
„Zweierlei geschieht jetzt in den nächsten fünf Minuten. 3ch habe eben, wie Sie sehen, nach dem Personal geklingelt. Man wird Sie. wenn ich es befehle, unverzüglich auf die Straße sehen. 3n- zwischen lasse ich mich telephonisch mit der Polizei verbinden. Sie haben mich im Park bedroht und mit der Waffe angegriffen. 3n einer unverzeihlich milden Regung meines Herzens habe ich gestattet, daß Sie mich hierher begleiten, um die Deichte 3hres Lebens anzuhören. 3ch wollte 3hnen helfen und Sie unterstützen Sie benutzten die Gelegenheit, um nochmals aggressiv zu werden. Schluß. Es ist genug. Sobald Eie das Hotel verlassen, wird man Sie verhaften. Guten Abend, Doktor Griebenow."
Mercandin ging nach der Tür. Es klopfte.
„Zum letztenmal also ... Soll ich Sie verhaften lassen ober ...?"
Schattenhastes Lächeln, wilbes Zucken zerrte an den Lippen Griebenows.
„Rein. Warten Sie."
Der andere öffnete die Tür. Draußen stand der Kellner unb bet Page.
„Die Angelegenheit hat sich erledigt", sagte Mercandin. 3ch spreche später mit dem Direktor persönlich. 3ch werde klingeln, wenn ich Sie noch einmal brauchen sollte. Danke."
Mercandin ging an den Tisch zurück.
„Eie haben sich dem Anschein nach darauf besonnen. daß es in den Zuchthauszellen weder Daunenpfühle gibt noch Dad unb eingebaute Waschtoiletten. Gut. 3d) bin ein Engel an ®e- bulb unb Langmut. 3ch rechne Darauf, daß Sie mich bereinft für meine Güte mit ber Friedens- Palme, an Dem weißen Dand zu tragen, dekorieren werden. Aber wenn Eie endlich unterschreiben wollten, Doktor Griebenow. Meine Zeit ist um.“
Griebenow ergriff den Federhalter und bemühte sich, die krausen winzig kleinen Hieroglyphen die vor seinen Augen tanzten zu entziffern Es gelang ihm nicht. Sein Gehirn war leer.
„Vorwärts ...!“ sagte Mercandin
Griebenow strich krampfhaft über Stirn und Augen, um bie Schleier wegzuwischen, bie den Blick umwölkten. Langsam wichen diese so weit, baß es ihm gelang, den Sinn der Sähe zu erfassen
„Herr Professor Doktor Mercandin hat mir heute die Pistole aus ber Hanb geschlagen um ein Verbrechen zu verhüten
3d) bekenne ferner, daß ich meinen letzten Franken im Spiel verloren habe unb bah Professor Mercanbin in meiner schwersten Lebensnot bas Hotel für eine Rächt, das Fahrgeld nach Derlin außerdem dreihundert Franken in bar für mich bezahlt hat.
Monte Corlo, 3. März 1929.“
Ein Chaos von Gedanken, das er nicht mehr ordnen konnte, überstürzte Griebenow. Er bemühte sich zu denken. Bezahlt nicht die Dank jedem, ber sein Gelb im Spiel bei ihr verlor, die Rückfahrt in die Heimat? Aber das ist jetzt zu spät. Unb bie blöde Sache, daß er mir die Waffe aus der Hand geschlagen habe, weil er ein Verbrechen ... Puh ... die Romanze schluckt kein Mensch. Auch das ist völlig gleich. 3ch werde diesem Kerl alsbald sein Geld mit Zins und Zinseszins zurückbezahlen, dafür den blöden Schein von ihm zurückverlangen. Damit sind wir quitt. Schluß.
Kurz entschloßen schrieb er seinen Ramen auf den Schein: Gottfried Griebenow. •
„Danke", sagte Mercandin. „3ch werde jetzt das Zimmer für Sie richten lassen. Sie finden den Fahrschein und die versprochene Summe morgen auf dem Frühstückstisch. Gute Rocht. Eie können gehen."
Griebenow stand auf. Er fühlte, wie sich langsam die Gebundenheit der Muskin löste, wie Die Kette, die die Glieder an den Sih gefesselt hatte, abficl.
Er verbeugte sich. Gerade so, daß er den Rak- ken senkte, keine Linie mehr. Er ging zur Tür.
„Herr Doktor Griebenow!"
Er hielt, wandte sich zurück, fühlte, wie die Dlicke Mercandis ihn wiederum umfaßten, hielten, banden.
„3ch werde Sie zu finden wissen, falls Eie — etwa — mich nicht — finden — wollen."
Die Lippen Griebenows verzogen sich zum Lachen. Es war ein fürchterliches Lachen, das den unvcrhüllten Hohn und Haß in feinen Falten trug.
Er grüßte mit ber Hanb.
„Gott erhalte 3hre Menschenliebe, Herr Professor.,
Griebenow verlieh bas Zjmrner.
Er erwachte spät. Er blickte nach der Armbanduhr. Es war nach acht. Er sprang mit beiden Beinen aus dem Dett.
3n dem „stummen Diener" entdeckte er die Morgenzeitung. „Guten Morgen! Ties ist 3hre Zeitung" stand auf ihrem Kopf gedruckt. Darunter lag ein Kärtchen vom Hotel, das alle Frühstücksmöglichkeitcn verzeichneie. Tie Restaurants des Hauses waren Darin aufgezählt. Der Friseur empfahl sich, ilnb der Blumenhändler mahnte, seiner zu gedenken. „Sie sei Geliebte, Weib, Mutter. Rahe ihr mit Blumen. Der Blumenhändler befindet sich im Hause."
Sonderbarerweiie dachte Griebenow beim Lesen dieser Worte wieder an die blonde Frau vom Restaurant Paris. Er mußte lächeln. Sie sei Geliebte ... Weib ... Richtig, ja, sie war dem Anschein nach die Frau---Professor Doktor
Merccmdins. (Fortsetzung folgt)


