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Nr. C6 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)

Zreitag. 25. April MO

Stehende Miliz.

von unserem römischen ^.-Korrespondenten. Rom, Mitte April.

Die Spannung zwischen Frankreich und Italien, die durch die Londoner Abrüstungskulissen nicht getarnt" werden konnte, weil sie von den Völkern schon als schicksalhaft empfunden wird, entlädt sich zunächst nach dem alten, uns aus der Vorkriegszeit wohlvertrautem Gesetz: in R ü st u n g e n. Sie {tei­ger n sich von Konferenz zu Konferenz, von einem Frtedenspokt zum andern. Der Mensch Hot die vier Elemente nicht nur in seinen Dienst gestellt, er er­höht auch ihrdSchlagkraft" Von einer Begrenzung der Landstreitkräfte spricht niemand mehr, die Flammenwerfer werden in Verbindung mit Gas zu einer Vollkommenheit ausgebaut, die dem Stande unserer Technik mehr Ehre macht, als unserem Christentum-, die Unterseeboote haben sich zu Kreu­zern ausgewachsen, und wie es in der Luft aus- fieht, das öerrät die Tatsache, daß auch die Welt­kriegsoase der Schweiz ohne Flugzeuge nicht mehr auszukommen glaubt.

Italien blieb es vorbehalten, die Heeresbegrifse um einen zu vermehren: der Duce hat die stehende Miliz erfunden und damit zu dem stehenden Heer mit einem Schlage ein weiteres addiert, das größer ist als das erstere. Zu den rund 200 000 Mann königlicher Soldaten stoßen die 300000 der mussolinischen Kampftruppe.

Offiziere der alten preußischen Zucht schütteln zuweilen den Kopf, wenn sie nach Italien kommen und dort die militarisierten Schwarzhemden sehen. Mit ihrem betroddelten Fez und den (von Mussolini nicht gern gesehenen) Pluderhosen, mit ihrer sa­loppen oder gigerlhaften Haltung, unnütz herum- bummelnd und sich in Dinge einmischend, die einen Soldaten nichts angehen, machen sie, so sagen diese Beobachter, einen schlappen, unzuverlässigen, bal- kanhaften Eindruck. Ist diese Beurteilung richtig? Nein, denn schon der Betrachtungswinkel war falsch gewählt. Man darf nicht vergessen, daßdie Fas- zisten", wie gemeinhin auch die Milizsoldaten ge­nannt zu werden pflegen, nichts anderes find und sein wollen als Sturmhaufen, Revolutionstruppen, von denen man alles eher als Paradehaftigkeit ver­langen kann. Ihre Stärke ist nicht die Bügelfalte und das Glanzleder, sondern die Todesverachtung, ihre Tugend nicht die kasernenhaft gedrillte Erschei­nung sondern die Verwegenheit, ihr Gedanke nicht die Politik, sondern der blinde Gehorsam gegenüber dem Duce. Auch ihr Diensteid klingt anders als der übliche, denn sie schworen, die Revolution mit ihrem Blute zu verteidigen.

Außenpolitische Erwägungen haben nun ober ihren Abgott veranlaßt, diese innenpolitische Truppe, diese Prätorianergarde, oder Leibwache, oder wie immer sie bekrittelt wurde, nach und nach für das größere, das internationale Schlachtfeld vorzuberei» ten. Seit Jahren wird an ihr herumgeschliffen, »uch an ihrem äußerlichen Eindruck. Man hat sie in das königliche Heereingegliedert" und so lange reformiert, bis sie zu dem geworden ist, was sie werden mußte: eine heeresmäßig erfaßte, schlagkräftige Waffengattung, wie an­dere auch. Es galt, die Unterschiede gegenüber dem | stehenden Heere zu verwischen, um eine homogene Streitkraft au erreichen, die im Kriege ein­gesetzt werden konnte, nicht bloß im Bürger­kriege.

Der fafzistifche Großrat hat die Entscheidung , Mussolinis selbstverständlich gebilligt, und so wird binnen wenigen Wochen die ,M i l i z auf Dauer" Gesetz sein. Diepermanenten Freiwil­ligen", das ist der Kern dieser bedeutsamen Heeresreform, müssen sich auf zehn Jahre ver­pflichten. Dafür bekommen sie am Ende ihrer Dienstzeit eine größere Geldentschädigung und einen Berechtigungs- oder Borzugsschein, der allen staatlichen oder vom Staate abhängigen Betrieben ihre Einstellung zur Pflicht macht. Man könnte von einer Synthese zwischen deut­schem Berufsheer und Schweizer Miliz sprechen.

Wegleitend für diese eigenartige Truppe war der Gedanke der bewaffneten Nation.

Oie erste Sitzung der Internationalen ^eparationsbank.

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16 internationale Dankführer an einem DerhanblungStisch.

Don links (über den Tisch gebeugt), Kommerzienrat Dr. Reusch-Deutschland, anschließend nach linkS: Dr. Luther und Dr. Earl Melchior (Dizepräfident), beide Deutschland), Leon Fraser (Vizepräsident) und Mac Darrah (l- Präsident), beide Amerika, Minister Fran gut und Finanzminister Frank, Belgien, E. Addis und Gouverneur Montagu Norm an, England, LeBosquet (Dolmetscher), Tesusabuzo Tana ko und Aohara, beide Japan, Azzolini und Prof. Beneduce, Italien, MarquiS de D ogua, Dankpräsident Moreau, Baron Brincard, sämtlich Frankreich.

Das wehrhafte Volk wird ja schon durch die allgemeine faszistische Wehrorganisation heran- gebildet: Der Neugeborene bereits schlüpft in das schwarze Hemd, tritt, sowie er laufen kann, zu den Balilla über, wächst in den Dortrupp hinein und geht mit jungen Jahren zum Kampf- fascio über, der somit automatisch Fahr um Fahr um einen Ning von achtzig- bis hundert­tausend Männern anschwillt. In ähnlicher Weise werden die weiblichen Hilfskräfte geschult. Dem milite aber konnte es niemand verwehren, dem Dienst den Rücken zu kehren, sowie er ihm nicht mehr paßte. Durch die zehnjährige Verpflichtung kommt nun aber das Element der Stetigkeit in das locker gewesene Gefüge der Schwarzhemden. Lind eine solche Waffengattung, das war aus­schlaggebend für den Finanzminister, kostet nicht so viel wie das deutsche Berufsheer.

Unsere braven Milizleute, so meint der Gene­ralstabschef der Miliz, General T e r u z z i, re­krutieren sich aus Angestellten, Bauern und Ar­beitern, die nur den Sonntag haben, um sich militärisch vorzubereiten. Diesen Tag opfern sie der großen Idee mit Begeisterung und werden damit nicht ihrem Beruf entzogen. Fern der Ka­serne, erziehen wir so die Massen zur Dater- landsverteidigung.

Gegenwärtig zählt man bereits 78 Sturm­bataillone, die nun rasch vermehrt werden sollen. Ieder Division königlicher Truppen werden zu­nächst zwei solcherKohorten" zugeteilt. In Lybien kämpfen die Schwarzhemden schon feit

geraumer Zeit neben den Feldgrünen oder Sand­braunen, und schon mehr als ein Südtiroler hat, was Mussolini niemals verfehlte, rühmend her­vorzuheben, für den römischen Adler geblutet. Den germanischen Südtirolern, die im italieni­schen Heer gedient haben, ist nun auch erlaubt worden, sich in den Fascio einzuschreiben. Das war die erste Ausnahme von der Regel der ge­schlossenen Reihen, und eine zweite, nicht minder berechnete, kommt den Offizieren des Heeres zu­gute. Derabschiedet, können auch sie dieses Privi­leg verlangen.

Roch eine andere Neuerung verzeichnet der Faszismus. Bisher gab es für um die Revolution verdiente Leute soldatische Auszeichnungen. Sie führten hohe Offiziersgrade der Miliz, auch wenn sie vom Waffenhandwerk wenig verstanden. Diese Einrichtung, die verständlicherweise bei den Be­rufsoffizieren böses Blut machte, ist gefallen. Die Offiziersgrade in der Miliz werden jetzt nur noch nach Dienstzeit und Fähigkeit verliehen, wie die im Heere. DieEhrenoffiziere" müssen ihre Uniform ablegen und dürfen nur noch als einfache Schwarzhemden mitmachen.

Der faszistische Grohrat, so wurde amtlich ver­kündet, hat mit der Milizreform in das Heer­wesen eine neue, rein italienische Erscheinung hineingetragen, die kein Beispiel in der Ge­schichte weder unseres, noch eines anderen Landes findet.

Kann ich Armeen aus der Erde stampfen?" Der Duce scheint es fertigzubringen.

Oberheffen.

Landkreis Gietzerr.

Allendorf a. d. Lahn, 24. April. Wie verlautet, wird unserePfarr stelle in Kürze wieder besetzt. Diese Maßnahme der obersten Kirchenbehörde wird in unserer Gemeinde, die seit einem Iahre von Grohen-Linden und Klein- Linden aus mitversehen worden ist, sehr begrüßt werden. Die Gottesdienste waren an den beiden Osterfeiertagen gut besucht, trotzdem sie jedesmal nachmittags waren. Am ersten Osterfeiertag half der Kirchengesangverein, der sich eines ständigen Zuwachses erfreut, und gegenwärtig wohl der stärkste Derein unseres Dorfes ist, die Feier durch zwei schöne Lieder würdig ausgestalten.

X Wieseck, 23. April. Die golbeneHoch- zeit der Eheleute Ioh. Deibel VIII. und Christina geborene Sommerlad brachte demIu- belpaar eine reiche Fülle von Beweisen der Hoch- schähung von nah und fern. Pfarrer Sattler vollzog im Hause die goldene Trauung, über­reichte das Gedenkblatt des Landeskirchenamts, einen Wandspruch der Kirchengemeinde und ver­las die Glückwunschschreiben der Etaatsregierung und des Kreisdirektors. Von unseren 31 Konfirmanden wurden 30 am 2. Ostertag konfirmiert: eine Konfirmandin wird nach Be­endigung eines Kuraufenthalts an einem der Sonntage zwischen Ostern und Pfingsten nach­konfirmiert werden. Einen wertvollen

Naiven zum Erwachen der Manneswürde als Rächer und Wahrer seiner Ehre, mit allen den feinen Zwischenstufen, der Gekränktheit, des Zwie­spalts in feiner Stellung zu Martha, verwuchsen mit seinem stimmlichen Können zu einer macht­vollen überzeugenden Einheit: fein in der oberen Mittellage besonders ergiebiger Tenor war ihm dabei vom stärksten Akzent bis zur verinnerlichten Regung gefügig. Die darstellerisch größte Leistung bot Rose Landwehr lMartha). Eine reiche Skala der inneren Zustände von knechti­scher Ergebenheit, von Lebensüberdruß, Resigna­tion über die verlorene Unschuld bis zum Erwachen des Freiheitsahnen im gleichzeitigen Aufflammen einer, frei sich gebenden Liebe, zuerst als Eifersucht sich ankündend, dann aber nach der Entlastung des Gewissens durch die Beichte sich machtvoll ausstrahlend: es würde zu weit führen, alle die persönlichen Einzelzüge hier aufzudecken, immer gab sie sich persönlich, groß. Wie stark innerlich fundiert und erlebt ihre Darstellung war, das prägte sich in ihrem Stimmklang aus: erst von dem Augenblick an, wo sie ihr eigenes Ich wieder fand, ihr Inneres frei wurde, da entfaltete sich ihr Organ in freier Größe. Als Sebastiano war Carl Stralendorf charak­teristisch in feiner Haltung, im Spiel und Ge­sanglichen. Eine sehr ausgeglichene Leistung stellte Theo Herrmann als Tommaso dar; als Sänger stand er in einem vornehmen Gegen­satz zu Ernst Over lack lMoruccio), der zu Beginn des zweiten Aktes seine Verschlossenheit zum Grotesken übersteigerte: bei aller Realistik sind doch immer noch ästhetische Grenzen geboten. Die drei Klatschbasen Pepa, Antonia und Rosalie (Maria Kienzl, Anna I a c o b s, Martha Liebel) waren ebenso trefflich am Platze wie Regina Harre, die der Nuri typische Züge verlieh. Im Vorspiel war Hans Schuster als Nando eine ausgeprägte Kontrastfigur des Pedro.

Das Orchester, diesmal unter der Leitung von Carl Bamberger, war wie immer bedeutsam in den Einzelleistungen, geschlossen und aus­geglichen im Klang. Und so schlug das Werk durch die lebensstarke Wiedergabe die Hörer voll in seinen Dann und weckte bei jedem star­kes, tiefgehendes Miterleben. Da mit dieser Aufführung wohl die diesjährigen Darbietungen ihr Ende erreicht haben, muh es der Leitung des Theaters ganz besonders anerkannt werden, daß sie mit der gleichmäßigen Höhenleistung in den Opernaufführungen sich wieder als ein bedeut­samer Faktor und eine fördernde Instanz iiq Gießener Musikleben erwiesen hat.

Dr. H. 4

Gießener Gtadttheater.

Gastspiel des Hessischen Landestheaters: Tiefland."

Unter den Opern Eugen d'Alberts hat sich .Tiefland" eine bevorzugte Stellung be­hauptet: mit der Zahl ihrer Aufführungen hat sie zeitweilig führend tm Spielplan der deutschen Opernbühnen gestanden. Das mag wohl darin begründet fein, daß mit .Tiefland" die deutsche Opernproduktion endlich ein Werk aufweisen konnte, das der Vormachtstellung des italieni­schen Verismus (Mascagni, Leoncavallo, Puccini) auf der deutschen Bühne energisch und erfolgreich Einhalt zu gebieten vermochte; namentlich aber Var die Auswirkungssähigkeit dieser Oper durch Me textliche Grundlage gegeben.

Die Handlung der Oper folgt einer Vorlage des spanischen Schriftstellers A Guimera: Rudolf Lothar fällt das besondere Verdienst zu, nicht nur den Text ins Deutsche übertragen, sondern ihn in wesentlichen Teilen ergänzt und vertieft zu habssn. Gegenüber MascagnisCaval­leria rusticana*7, in der ja auch der Ehrbegriff des primitiven Volkes zum treibenden Motiv wird, erscheint im Tieflandtext das Handeln psycho­logisch tiefer begründet, die Ereignisse werden in einen zwingenden kausalen Zusammenhang gesetzt; die einzelnen handelnden Personen sind mehr als Individuen gefaßt, die mehr oder minder als Vertreter der beiden Sphären, die miteinander in Konflikt geraten, gelten können.

Der Titel der Oper .Tiefland" will nicht nur das Milieu bezeichnen, in dem sich das Geschehen abspielt, sondern er wird zum Symbol für eine sittliche Sphäre, wo die Menschen durch ihr enges Beieinandersein Sklaven ihrer Triebe und Be­gierden werden, wo der einzelne Machwolle durch brutale Gewalt sich die anderen zu Willen zu zwingen versucht. Dem tritt als Kontrast die Welt des Hochlandes mit ihrer Freiheit des einzelnen, mit der Reinheit, Ursprünglichkeit und Unverfälschtheit des Inneren gegenüber. So wird die Handlung zu einer Auseinandersetzung, ja zu einem Kampfe des Reinen, Unberührten mit dem Entarteten, von sinnlichen Trieben Be­herrschten.

So stehen sich zwei Gruppen gegenüber: Pedro, das Kind des Hochlandes, mißt alles nach den ihm von Natur aus eingegebenen unverfälschten sittlichen Maßstäben, und so muß er beim Eintritt in den Lebenskreis des Tieflandes unbedingt mit den sitt­lich entarteten, ja skrupellosen, zweckgerichteten

symbolhaft ausgeprägt wie die Wagnerschen, son­dern mehr von einem starken Gefühlsimpuls mit charakteristischer Stimmungskraft getragen, weniger mit dem Begrifflichen organisch verwachsen, als mehr dem Bühnengeschehen assoziativ zugefügt. Bei Wag­ner verschmelzen Handlung und musikalischer Vor­gang bei symphonisch-polyphoner Behandlung des Orchester partes zur organischen, unzertrennbaren Einheit: bei d'Albert stehen sich Geschehen und Musik in einem Parallelprozeß gegenüber, in dem sie einander stützen und in der Wirkung verstärken. Vielleicht würde sich aber auch eine vertiefende Auf­fassung im Wagnerschen Sinne mit den Erforder­nissen desTiesland"-Textes nicht vereinbaren las­sen: andererseits ist aber d'Alberts theatermusika­lische Befähigung so stark, daß sie jeder Situation die treffendste, wirksamste Einkleidung zu geben vermag.

Bei aller Eigenart und Farbigkeit seiner Musik verliert sich d'Albert nicht im Extremen, Artistisch- Sublimierten, und fo bewahrt er seiner Tonsprache eine eingehende Natürlichkeit und Unmittelbarkeit. Seine Lebhaftigkeit, sein fülliger Reichtum der Er­findung, die Flüssigkeit in der Handhabung der Mit­tel geben jeder Situationsschilderung ihr Recht, lassen jeder Gefühlsregung eine angemessene, charak­teristische Note zukommen; von dem Einfangen der Hochlandsstimmung im Musikalischen bis zum Erschließen letzten seelischen Aufwallens und tiefster innerer Wandlung. Treffend vermag er die vom Dichter beabsichtigte Eharakterzeichnung durch das Musikalische zu unterstreichen und deutlich herauszu- heben; so steigert er das Charakterbild Pedros, in­dem er ihn frei von jeder niedrigen Sinnlichkeit musikalisch abprägt.

Ganz besonders hoch sind die Anforderungen an die Darstellungs- und Gestaltungskraft der einzelnen Spieler; bei ihrem Versagen würde der Lebensnerv der dramatischen Handlung getroffen. Um so er­freulicher ist es, berichten zu können, daß in der Aufführung des Hessischen Landesthea­ters (Regie: Heinz Arnold) in keiner Hinsicht die Fähigkeiten der Darsteller irgendwelche berechtig­ten Wünsche unbefriebigt ließen. Treffend charakte­ristisch, mit ausgeprägten Einzelzügen waren die Massenszenen durchgestaltet, jeder Situation wurde im Einzelspiel wie im Ensemble das ihr Gemäße gegeben. Ebenso waren die Bühnenbilder (Franz Langer und Julius Richter) auf das Musi­kalische hin fein abgestimmt, zumal tm Vorspiel.

Hans Grahl gab den Pedro nicht nur als Naturburschen, sondern wußte ihn in die ihm zukommende ethische Sphäre zu heben. Die mannigfaltigen Wandlungen vorn Naturhaften.

Machtgelüsten des Sebastiano in allerstärksten Kon­flikt geraten, der zur entscheidenden Auseinander- setzugg durch den Kampf sittlicher, wie auch primi­tiver körperlicher Kräfte drängt, und in dem der reine Tor" obsiegt. Zwischen beiden Welten steht Martha. Durch rohe Gewalt des Sebastiano zur Preisgabe ihrer Frauenehre gezwungen, hat sie sich doch einen letzten, unauslöschlichen Kern weiblichen Reinheitsgesühles erhalten. Und so muß sie sich gegen eine Verbindung mit Pedro sträuben, solange sie annehmen kann, daß er von dem unsauberen Ehehandel mit all seinen widrigen Hintergründen weiß. Je mehr sie aber die Unschuld und damit die sittliche Größe Pedros erkennt, um so stärker er­scheint ihr ihre, wenn auch nur erzwungene, Ver­worfenheit, und mit dem Wachsen des Ekels gegen ihr bisheriges Dasein flammt die Liebe zu ihrem Retter auf.

Die Nebenfiguren scheiden sich je nach der Kraft, mit der sie der verderblichen Verkommenheit des Tieflandes zu widerstehen und sich aus ihrer Macht loszureißen vermögen oder nicht; so der Mühlknecht Moruccio, der in dem Augenblick zum Helden er­wächst, als der Mann gegen Mann seinem früheren Machthaber unabhängig gegenübertreten kann, so Nando, der Hirt, der sich zwar in renommierender Weise mit seiner Kenntnis der Tieflandwelt brüstet, aber dennoch, wo es um die Entscheidung für Pedro gilt, der Welt des Hochlandes den Vorzug gibt. Tommaso, der Aelteste der Gemeinde, kann sich erst dann von dem traditionell überkommenen Ab­hängigkeitsverhältnis gegenüber Sebastiano als dem Herrn frei machen, als er genauen Einblick in die gegebene Lage erlangt hat, und wird dann zum Wahrer der sittlichen Lebensordnung, die ihm als Hochlandskind eingefleischt ist. Nuri vermag wohl in ihrer Naivität und geistigen Befangenheit und vielleicht auch Beschränktheit primitiv mensch lich zu empfinden, aber nicht den Umkreis, in dem sie lebt, mit den Gründen seines Handelns zu ver­stehen. Alle andern, sowohl die Klatschbasen als auch die Volksvertreter, sind abgestumpft gegen edlere Regungen und fühlen sich innerlich der Welt Se- baftianos verbunden.

Da der Komponist der Oper durch feinen Bil­dungsgang der neudeutschen Schule verpflichtet ist, und zum andern ein angeborner romanischer Ein­schlag mit leichtsließender Erfindung, Schlagfertig­keit im Ausdruck und Treffsicherheit im musikalischen Erfaßen der Situation durchbricht, so lassen sich in Tiefland" sowohl die Einzelzüge des Verismus, als auch die Milieucharakteristik (etwa in Bizetscher Art) und des modernen musikdramatischen Stiles in wirksamer Vereinigung feststellen. Allerdings erschei- nen die Motive d'Alberts nicht so innerlich, geistig­