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Nr. 249 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Freitag, 24. Oktober 1930

Korn und Politik.

Don Dr. Paul Rohrbach.

Es gibt kaum ein Ding in der unter Umständen zu einem großen politi chen Fak­tor werden konnte. Dabei spielen auch die ulatur- Verhältnisse oft eine merkwürdige 2toUe. 3eOr- mann weiß, daß wir eine Welt-Getretde- krisis haben. Cs wird zuviel Getreide erzeug, jedenfalls zuviel im Verhältnis zum Verbrauchs Woher aber kommt der gegenwärtige Ucberfluft? Vor dem Kriege waren Erzeugung und Verbrauch im ganzen im Gleichgewicht. Die einzige künstliche Regulierung bestand barin, daß in entwickelten Ländern, in denen Getreide nicht so billig gebaut werden konnte, wie in den Gebieten extensiver Produktion, Getreidezölle eingeführt wa­ren: so z. D. in Deutschland Hätte aber jemand vor zwanzig Iahren gefragt, ob noch große neue Getreideflächen irgendwo auf der Welt in Kultur kommen würden, so hätte die Antwort ver­neinend gelautet. Ein größerer Spielraum bestand nur noch in Argentinien, wo. je nach der Kon­junktur. ein sehr umfangreiches Areal zum Kör­nerbau oder als Weideland benutzt wurde.

Jetzt, nach dem Kriege, hat ein früherer Haupt­produzent von Exportgetreide, Rußland, in seiner Aussuhrkraft sehr nachgelassen, und trotzdem ist der Weltgetreidemarkt überfüllt. Maßnahmen, wie z. V. die Komschlacht im heu­tigen Italien, das sich bemüht, von fremder Ein­fuhr unabhängig zu werden, können diese Wirkung nicht haben: dazu ist die in Betracht kommende Tetreidemenge zu klein. Die Ursache liegt auch in der Tat wo anders. Sie besteht darin, daß erstens die zuchtmähige Anpassung gewisser Weizen­sorten an eine verkürzte Vegetations­periode immer weitere Fortschritte macht, und daß zweitens durch eine neue Ackerbau­tech n i t Gebiete in Kultur genommen werden können, die nach früheren Begriffen nicht genug Regen, namentlich für den Weizenbau, be­kamen.

Die klimatische Anpassung des WeizenS an einen kurzen Sommer ist namentlich in Ka­nada geglückt. Man hat das schon in früherer Zeit in Sibirien beobachtet, wo die Bauern, mehr oder weniger planlos und unbewußt, all­mählich eine Weizensorte herauszüchteten, die we° niger Eommertage zur Reife brauchte, als in der Hauptgetreideregion des europäischen Rußland. In Kanada wurde diese Züchtung systematisch ausgenommen, und es gelang, die Vegetations­periode des Winterweizens um zehn bis fünfzehn Tage zu verkürzen. Das bedeutet die Möglich­keit, den Weizenbau um mehrere Breitengrade nach Rorden vorzuschieben, und bei der großen Ausdehnung der Getreideböden im mittleren Ka­nada gibt das eine starke Produktionsvermehrung.

Der zweite neue Produktionsfaktor ist die Trockenkultur. Sie besteht darin, daß durch sehr tiefgreifende Pflüge, sogenannte Untcrgrunb- packer, die meist mit Motorkraft arbeiten, der Boden auf eine außerordentliche Tiefe, bis zu 70 Zentimeter, aufgelockert wird. In­folgedessen können die Frühjahrsregen ebenso tief cinoringcn und den Boden durchfeuchten. Dann wird gesät, und die Oberfläche wird leicht an­gewalzt, wodurch sich eine Schuhkruste gegen die Verdunstung bildet. Auf diese Weise ist jetzt in den Vereinigten Staaten der Weizen­bau in stetem Vordringen über die von früher her berüchtigte Scheidelinie des 101. Längen­grades, westlich vom Mississippi, hinaus. Ein besonders merkwürdiges Beispiel dafür, was mit Trockenlultur möglich ist, sind die Erfolge einiger deutscher Landwirte auf dem niederschlagsarmen mexikanischen Hochland. Es gibt dort eine Hacienda in der Nahe von Puebla, Ame- lucan, wo es gelungen ist, Weizen, zu ganz fabel­haften Ernteerträgen zu bringen, ohne daß ec von der Aussaat bis zur Ernte, fünf Monate lang, überhaupt einen Tropfen Regen bekommen hätte! Die Mexikaner nennen ihn darum trigo maravilla, den Wunderweizen. Es ist aber wei­ter nichts Wunderbares dabei, außer der vor­züglich betriebenen Trockenkultur.

Der gegenwärtige Getreideüberfluh greift an verschiedenen Stellen der Welt schon in die politische Lage ein. 3n den Vereinigten Staaten wird durch die zunehmende Rotlage und Unzufriedenheit der Farmer, deren Konsum­kraft für Industriewaren aufs äußerste reduziert ist, die Lage der regierenden Republikanischen Partei gesährdet. Räherliegend für uns sind die seit kurzem energisch gewordenen Bemühun­gen der südosteuropäischen Staaten, namentlich Rumäniens und Iugoslawiens, die ihnen drohende Wirtschaftskatastrophe dadurch abzuwenden, daß sie ein Getreidekartell schließen und den Bezug von Fabrikaten aus den mittel­europäischen Industrieländern davon abhängig machen wollen, daß ihnen Sondervorteile für ihren Getreideexport zugestanden werden. Dies ist ein Keim, aus dem sich, wenn auch das Prinzip vorläufig noch sehr umstritten wird, große und grundsätzliche wirtschaftspolitische Fol­gen ergeben können. Die deutsche Regie­rung hat jüngst schon erfiärt, daß sie zur Aus­sprache über die rumänisch-jugoslawische Idee gerne bereit ist, und Polen hat nichts Eiligeres zu tun gehabt, als sich, vor einigen Wochen, durch die Warschauer Agrarkonferenz dazwischen zu schieben. Man weiß, daß es auf Veran­lassung Frankreichs geschah, dem es eine unangenehme Vorstellung ist, auf diese Weise könnten friedliche Erleichterungen und Bindungen zwischen Deutschland und den südosteuropäischen Staaten sich bilden, die Frankreich als seine Vasallen betrachtet. Rumänien und Iugoslawien, und fast im selben Maße auch Bulgarien und Ungarn, können unter den heutigen Verhält­nissen überhaupt nur dann ihr Budget und ihr ganzes Finanzsystem aufrechterhalten, wenn sie ihre Agrarprodukte zu solchen Preisen expor­tieren, daß ihre Landwirtschaft dabei besteht. Diese Grenze ist aber in allen vier Ländern schon unterschritten. Am schlimmsten liegen die Dinge in Rumänien. Daher sind die Regierungen gezwungen, auf irgendeine Art einen Ausweg zu suchen, und sie suchen ihn zunächst auf die Weise, das sie z. D. Deutschland zurufen: Ame­rika (Vereinigte Staaten, Kanada, Argentinien) kauft von dir nur für die Hälf te beffen, was du ihm für Lebensmittel und Rohstoffe be­zahlst. Iugoslawien aber kauft von dir für mehr als 1 50 Millionen und verkauft dir nur für 61 Millionen! Aehnlich steht es bei Bulgarien und Ungarn.

Ein recht dunkles Kapitel, gleichfalls auf dem Gebiet des Weltgetreidehandels, ist die russi­sche Schleuderkonkurrenz, das soge­nannte Dumping, das sich übrigens keineswegs auf Getreide beschränkt. Die Russen wollen damit die Weltwirtschaftskrise in der Richtung auf die Weltrevolution verstärken. Auf der Getreide­börse von Chicago hat man sich zu der höchst energischen Maßregel entschlossen, Angebote und Aufträge von fremden Regierungen (gemeint ist natürlich nur Rußland) überhaupt nicht zu notieren!

Oderheffen.

Sängeriagung des Gaues Vogelsberg Aord.

Lauterbach, 21. Oft. Am Sonntagnach­mittag hielt der Gau Vogelsberg-Rord im Hessischen Sängerbund seine Der - tretert agung hier ab, in der das Arbeits­programm für das kommende Iahr beraten wurde. Der MännergesangvereinLiederkranz", Lau­terbach, eröffnete die Tagung mit dem ChorDie Himmel rühmen" und fand herzlichen Beifall. Zu Beginn der Tagung ehrte man die verstorbenen Mitglieder des Gaues in üblicher Weise. Der Gauvorsitzende Fe i k, Schlitz, begrüßte sodann die Erschienenen und betonte, daß in der heutigen Notzeit das deutsche Lied als eine Stütze sittlicher und ethischer Kräfte besonders hochzuhalten fei. Das Lied fei geeignet, die Gegensätze in unserem Volke zu überbrücken, und nicht zuletzt deshalb fei die Pflege des deutschen Liedes eine edle 2hifgabe.

Aus dem Geschäftsbericht ging hervor, daß trotz wirtschaftlicher Rot im Gau ein Fort­schritt in der Entwicklung zu verzeichnen sei. Dem Gau gehören zur Zeit 29 Vereine mit 936 aktiven Sängern an. Ter vom Rechner Aha gegebene Kassenbericht wurde in Ordnung befunden und dem Rechner Enllastung erteilt Um für die Folge den nach auswärts zu Tagungen entsandten Vertretern die Auslagen vergüten zu können, wurde beschlossen, einen Extrabeitrag von 10 Pf. zu erheben.

Zu dem am 26. Oktober in Offenbach stattfinden­den Hess ischen Sängerbundestag soll der Vorsitzende als Vertreter entsandt werden. Den einzelnen Vereinen wurde anheimgestellt, ebenfalls Vertreter zu entsenden, so weit sie dazu finanziell in der Lage sind.

Der Hessische Sängerbund veranstaltet auch in diesem Iah re wieder einen Dirigentenkur­sus in Darmstadt, zu dem der Gau den Gau­chormeister R ö n i ck und einige noch zu bestim­mende Dirigenten entsenden wird. In diesem Winter soll außerdem im Gebiete des Vogels­berger noch ein kleiner Dirigentenkur- s u s stattfinden. Ende Iuni 1931 wird wieder ein allgemeiner ßiebertag durchgesührt. Don dem Männergesangverein Maar und demHar­monischen Kränzchen" Schlitz lagen Anträge vor, den Gauliedertag (mit dem ein Wertungs­singen verbunden sein soll) mit dem 75. (Jubiläum, das beide Vereine feiern können, zu verbinden. Es wurde beschlossen, den Gauliebertag in Maar abzuhalten und dem dortigen Verein die Vorbereitungen zu übertragen. Ein Antrag des Gesangvereinscängerluft', Frischborn, auf Ab- hal ung des Gauwertungsiingens 1932 in Frischborn wurde zurückgereilt.

Als Tagungsort für den im Frühjahr 1931 ftatt- findenden außerordentlichen Gautag wurde Ulrichstein bestimmt.

UnterVerschiedenes' verlas der Vorsitzende noch eine von Herrn Mattern aus Mainz, dem Vertreter des Hessischen Sängerbundes beim dies­jährigen Wertungssingen in Lauterbach, eingegan­gene Kritik über den Verlauf dieser Veran­staltung. Er spricht hierin dem Gau seine volle Anerkennung, vor allem auch hinsichtlich der ge­sanglichen Leistungen, aus.

Zum Schluß dankte der Vorsitzende den Teil­nehmern für die rege Mitarbeit und schloß die Tagung mit dem Appell, auch weiterhin treu zur Sache des deutschen Liedes zu stehen.

Landkreis Bietzen.

J Lollar, 22.Oft. Dieser Tage fand hier durch den Vorsitzenden des Gesellenprüfungsausschusses des Gewerbevereins Lollar und Umgegend im Beisein der Meister, Eltern und Mitglieder des Ortsgewerbevereins die Ueb er re i ung der Gesellenbriefe statt. Die Zahl der Prüf­linge war diesmal sehr klein: es hatten sich der Gesellenprüfung nur vier Lehrlinge unterzogen, und zwar zwei Schlosser, ein Schreiner und ein Spengler und Installateur. Sämtliche Prüflinge bestanden, davon einer mit der Rotesehr gut bestanden", die übrigen mit der Rotegut be­standen" Der Vorsitzende des Prüfungsausschus­ses, Spenglermeister Gerhard Fuchs, ernannte die Prüflinge im Auftrage der Handwerkskammer mit feierlichem Handschlag zu Gesellen und über­reichte ihnen die Gesellenbriefe. Bei dieser Ge­legenheit richtete er ernste, eindrucksvolle Worte der 'Ermahnung an die jungen Gesellen. Berufs­schullehrer Eberle wies in seiner Ansprache noch besonders auf die Wichtigkeit der Berufs­schule für die Ausbildung des Handwerkers hin. Siegfried Kuhn sprach dem Prüfungsausschuß und den Meistem den Dank der jungen Gesellen aus.

$ Lollar, 22. Oft. Die nge r ve re i ni - gung Lollar veranstaltet am Sonntag, 2.Ro- vember, unter ihrem Chorleiter Rohde (Mar­burg- einen Konzertabend. Für die Ver­anstaltung hat auch das Musikkorps des 1. Batt. 15. Inf.-Regts., Gießen, unter persönlicher Lei­tung von Obennufifmcijter Loder, seine Mit­wirkung zugesagt.

* Staufenberg, 23. Oft. Der Sport­verein Staufenberg hielt während der

letzten Sonntage sein diesjähriges Preis- schießen (Kleinkaliberschießen) auf dem Echei- benstand der Burg ab. Die 'Beteiligung der Schützen aus der ganzen Umgebung war sehr rege: die erzielten Ergebnisse ließen nichts zu wünschen übrig. Ansehnliche Preise standen für die Schützen zur Verfügung. Als Preisträger gingen aus dem Wettkampf hervor: 1. Ludwig Dierau jr., Staufenberg, 35 Ringe: 2. Wilh. Kern, Mainzlar. 34; 3. Fritz Klehm, Staufenberg. 34; 4. Hch. Sauer, Mainzlar, 34; 5. Fritz Braun, Saubringen, 34; 6. Hch. Dierau, Saubringen, £3: 7. Karl Schlapp, Mainzlar. 33; 8. Ludwig Schwarz, Mainzlar, 33; 9. Ludwig Dierau fern, Staufenberg. 33; 10. Karl Keller, Saubnngen, 33 Ringe.

ch Lana-Göns 20. Oft. Kommenden Sonntag hält der Kreisverein Gießen des Ver­bandes evang. -kirchlicher Stauen- vereine für Hessen in unserer Gemeinde ferne Kreisverfammlung ab. Pfarrer Becker (Gießen) wird einen Vortrag halten.

T Hungen, 23. Oft. Gin großer Eisenbahn­wagen mit Liebesgaben an Kartoffeln für das Elisabethen st ist in Sarmstadt ist hier auch dieses Iahr wieder verladen worden. Fol­gende Gemeinden haben hierzu beigetragen: Langsdorf mit Bettenhausen drei Fuhren, Rod­heim eine Fuhre, Ronnenroth eine, Dillingen eine, Langd zwei, Inheiden eine. Utphe eine, Hungen drei Fuhren. Ein Teil der Gaben von Langd ging an das Evang. Schwesternhaus inGie - ßen. Steinheim belieferte wieder das hiesige K r a n f e n h a u s. Die bei dieser Gelegenheit hier eingegangenen Geldspenden von 100 Mark, dazu noch einige kleinere Beträge von den auswärtigen Gemeinden, können zum Teil bar ab geliefert wer­den. Ein großer Teil jedoch ist für die Bezahlung der Fracht verbraucht, da die Reichsbahn die frü­her einmal bestehende Frachtfreiheit für Liebes­gaben aufgehoben hat. Vielen wohltätigen und fleißigen Händen ist für das Zustandekommen der schonen Sammlung zu danken.

Kreis Büdingen.

Ridda, 21. Oft. Am Sonntag sand hier die Schluhübung der freiwilligen Feuerwehr statt, wobei ein Drandangrisf unter Mitwirkung der Pslichtseuerwehr ausge­führt wurde. Bürgermeister R u 11 m a n n, Kreis- feuerwehrinspektor Göcke 1, Büdingen, Brand- biretor Braubach, Gießen, Kommandant Hugo Schneider, Büdingen, und Kommandant Reinhardt, Geiß-Nidda, sprachen dem hie­sigen Leiter der Uebungen, Bankvorstand ©cum, und der Riddaer Wehr volle Anerkennung aus.

ä.rcls ed)DttciL

G Eichelsachsen, 22.,Ott. Das hiesige Krie - gerben final für bie 17 im Weltkrieg gefallenen und vermißten Sohne unserer Gemeinde, über dessen feierliche Weihe wir am Dienstag berichteten, ist nach einem Entwurf von Negierungsbaurat Götz, früher in Budingem jetzt in Worms, von dem Bild- Hauer M e i f t i Schotten mit Rücksicht auf die Umgebung in Sandstein ausgeführt worben und hat reiche bildhauerische Verzierungen erhalten. Auf zwei Seitenflügeln stehen bie Namen der Gefalle' nen. Der Mittelpfeiler trägt als Symbol des Krie­ges ein Schwert, darüber einen Kriegerkopf mit Stahlhelm. Auf der Rückseite des Mittelstücks ist der hessische Löwe zu sehen. Bekrönt wird das Ganze von einer aus Stein modellierten Flamme als Symbol für das heilige Opfer der Hingabe. Dio .Kosten des Denkmals einschl. der gärtnerischen Um­gebung belaufen sich auf nicht mehr als 1500 Mark. Im alten Friedhof hat es, etwas abgerückt, aber doch von der Straße her gut sichtbar, einen sehr geeigneten, schönen Platz gefunden. Es ist eine Zierde des Dorfes und ein Denkmal bürgerlichen Gemeinsinnes.

Kreis rttSscld.

ch Schadenbach, 23.Oft. Infolge der Finanz- Talamität des Staates wird die hiesige Fort­bildungsschule aufgehoben und den be­nachbarten Gemeinden zugeteilt. Sie Knaben gehen nach dem vier Kilometer entfernten Seifen­bad), bie Mädchen nach dem drei Kllometer ent­fernten Büß seid.

E>. M. e.Caligula" fahrt!

Von Dr. Gustav W. Eberlein,

Rach einem unfreiwilligen Aufenthalt von 691 675 Tagen, bas haben die Hafrnbehörden fest- gestellt, hat das Prunkschiff Seiner Majestät des Kaisers Caligula wieder die Anker gelichtet. Ob es nun unsere ausgeklärte Iugend glauben will oder nicht, das Sagenschiff bewegt sich doch. Cs fährt.

Cs fährt sogar über Land.

Sein Hafen war ein Kraterschlund. Sein Wasser nichts anderes als die Zeit, die sich in Form von Wassertropfen darin ansammelte, als das Feuer erlosch. Die Ingenieure rechneten die angehäufte Zeit nach Kubikmetern aus und ließen sie, um den Hafen trockenzulegen, durch das an­tike Emissarium, den unterirdischen, durch den Bauch des Berges laufenden Stollen abfliehen, in die Ebene von Ariccia hinunter und von bortj ins Meer. Da wurde die Zeit wieder Kreislauf und Ewigkeit.

Das schlafende Orgienschiff aber schickt sich an, durch den blauen römischen Herbst, dieser strah­lenden Sonnenverheißung, in einen anderen Ha­fen zu fahren, in eine jener Totenkammem, in denen wir Kunstwerke und Zeitdokumente beizu­sehen pflegen: in ein Museum. Der sterbende Gallier wie die kapitolinische Venus ruhen int einem Mausoleum, warum soll Caligulas schwim­mendes Sommerhaus eine Ausnahme machen? Sie Ingenieure, der Herr Kultusminister, die Archäologen sanden das ganz in der Ordnung, nur der Himmel hat geweint in dieser Stunde und der Remisee, derSpiegel der Diana", erblindete.

Die Fischer sagten: Ietzt bleiben wenigstens un­sere Netze nicht mehr an dem Gerümpel hängen.

Es ging sehr sachlich zu. Ein sicherlich bedeu­tender Mann drückte auf einen Knopf, unter dem einspringenden elektrischen Strom strafften sich bie Drahtseile, ein Ruck, unb das Schiff bewegte sich aus seiner Halle heraus. Rur um 5 Zentimeter zunächst, aber das sind die wichtigsten. Der Rest ist nichts anderes als Elektrizität, Zug und Ge­duld. Das Schiff hat auf einem Schienenweg drei­hundert Meter zurückzulegen, am Ende noch die allerdings nicht unbedenkliche Uferfieigung zu überwinden, dann ist es am Bestimmungsort un­serer Bequemlichkeit angelangi. Man wird ein Museum herumbauen und jedermann kann um

das Geheimnis des Remisees, das die Phan­tasien von fünfzig ober sechzig Generationen be­schäftigte, herumschlenbem wie um ein Golb- fischglas. In Vitrinen liegt die Aussteuer, bie an Dorb unb im Schlamm ringsum gefundenen Gegenstände, die natürlich dazu gehören wie die Werkzeuge zu einem Automobil. Iede Miß farm das parfümierte Händchen in den bronzenen Wolfsrachen des Balkenkopfes legen und Bubi seht sich gewiß, wenn der Wärter mal gerade nicht herschaut, auf die Ruderbank, auf der ein Germanenfklave sah. Vielleicht war der sein Ur- Uuuuuurgroßvater.

Un det is nu alles? wird Herr Schulze fragen. Es soll Leute geben, die erwarteten, das Schiff ordentlich und appetitlich auftauchen zu sehen, wie men cs von eingemachten Sachen erwarten darf. Wasser konserviert bekanntlich. Wie man ja auch Andree schneewittchenhast in einem Kristallsarg gefunden zu haben glaubte. Es sollten sich die Tempel präsentieren und die Lotterbetten, mög­lichst mit einer pikanten Tänzerin darinnen. Wir sind ja von Pompeji her verwöhnt. Daß statt dessen nur das erste Schiff der Menschheit, das wir kennen, ans Licht kam, daß die Techniker endlich die Bauart jener Riesenkähne studieren können, das ist ein Fiasko.

Um wenigstens die Raturfreunde zu beruhi­gen, die über die nie mit eigenen Augen ge­sehene Verschandelung und Vernichtung des Remisees zeterten: es ist nicht ein Hundertstel so schlimm. Denn da die Alfer, die Kraterwände also, steil abfallen, verschlammten nur geringe- Telle. Schon sickert die Zeit wieder herein, Trop­fen für Tropfen, bald wird sie das zweite Schiff, das man nicht mehr heben wird, wieder über­flutet haben und in zwei oder drei Iahren ist von dem kühnen Unternehmen des Duce, von dem Geschenk der Hebungsfirmen an die Ration, nichts mehr übrig als das Museum.

Das ist freilich noch immer traurig genug. Am schönsten bleibt die Sehnsucht, so lange sie nicht erfüllt wird. Einmal mit Händen greifbar, ver­liert bie Erfüllung ihren Schmelz. Unb eine kon­servierte Erfüllung gar, das ist wie eine mumi­fizierte Liebe, wie ein grammophonieries Liebes­lied. Run kann niemand mehr vom Rachen aus in benunergründlichen" See hinunterträumen, der Schleier ist gefallen unb Katalognummern grinsen dich an.

Mitgenommen in eine Modenschau Son Franz Heffel.

Hier bin ich nur geduldet, nur mitgenommen, well ich von der Sache nichts verstehe und nicht eine einzige van denKreationen" richtig beschrei­ben unb verraten könnte. Zu meiner Rechten unb zu meiner Linken und mir gegenüber sitzen Kenne­rinnen. Sie haben den Katalog auf ben Knien unb machen mit bem silbernen Bleistift, der baran hängt, Notizen. Sie sehen streng unb unbeeinfluß­bar aus wie Kritiker im Theater. Sie Mäbchen, bie sich unb bie Kleider vorführen, wiederholen auf Wunsch den Namen der schönen Puppe, die sie jedesmal finb: Petale Perdue, Heure Exquise, Enigme, Valse Rose, Jeune Abbe, Pourquoi Pas, Vagabondc... Manche wissen sogar auf englisch ihre Katalognummer. Sie kommen ganz nahe heran und lassen von ben Richterinnen ihre Stoffe anfassen. Sazu fühle ich mich nicht berufen. Ich habe anderes zu erleben. Mir weht unb spaziert ber Frühling vorüber. Fest und elastisch hat er seine Lenden gegürtet Leicht unb locker finb seine Schleifen gewunden. Ein Griff, ein Windstoß könnte sie lösen. Züchtig kokett wie Schulmädchen sind seine dunklen Pelerinenmäntelchen, aber wenn er sie öffnet, flimmern erblühende Farben. Unb der Sommer naht in Strandkleid unb Badekostüm und trägt breitkrempige Hüte gegen Sonnen, bie nicht mehr scheinen. Bald ist er vorbei mit straffen unb flattemben Seiden und Leinen auf eilig be­wegten Gliedern. Unb nun wirb Licht gemacht langsamer kommen die Mädchen wieder daher und sind in langen Gewändern, Winter, Abend und Fest. Und da gibt es Ueberraschung. Sa ist etwas anders geworden! Mit einmal ist Ueber» fluß da, ein flutendes Zuviel, eine reizende Ver­schwendung, eine sanfte Pracht. In ben letzten Iahren war un8 bie wahre ober falsche Knaben- ftrenge unb Knappheit ber Frauenerscheinung ein großer Sinbruck gewesen unb hat, wie alle Mobe, einer Mannessehnsucht entsprochen. Ob mit ben neuen Kleidern eine neue Schönheit und Ver­lockung sichtbar wird oder ob, was wir da sehen, nur Wiederaufnahme, Erinnerung, Heimweh nach früheren Zeiten ist und vorübergeyn wird, wer kann das beurteilen ? Genießen, begreifen können wir nur ben Augenblick, ben Anblick lang gleiten­der Gewänder.

Sie find uns noch mehr als fchöner Ueberfluß, mehr als neue Linie, Form und Farbe. Wenn

sie gar nicht mehr gefch-ürzt und gerafft sind, wenn sie reifenrund kreisen, bann streift ihr Saum burch ben Rasen bes Märchens. Sann geht bie Königs­tochter durch ihren ©arten, sie kommt bis an den Brunnen, und wir Bewunderer sind wie ber auf- schau enbe Froschkönig, zu bem sie sich in reicher Hülle herabbeugt. Wenn bisweilen Schleppen bem Schritt nachschlängeln, erwachen in uns ganz ver­gessene Pagenzaghaftigkeiten unb Pagen gelüste. Unb mit ben verbergenben, änbernben, wechseln­den Falten umspielt bie Gestalten Ahnung unb Ungewißheit, wir werben toieber Kinber, bie noch nicht viel wissen vom anbem Geschlecht. Cs wirb noch einmal Geheimnis.

Geheimnis, ob als bannendes Rätsel ober als neckendes Dersteckspiel, gehört trotz all unferm Lernen unb Erfahren nun einmal zum Wesen ber Frau. Wir wollen immer toieber in bie Irre geführt werden unb langsam erraten. Darum ist es hübsch von ber Mode und weise von ihren Meistem, verhüllend bas Geheimnis zu betonen.

3tn park von Versailles.

Karl (Sitlinger, ber aus Wien nach Berlin aus- getoanberte, einzigartige Darsteller schrulliger, ver­schrobener Querkopfe, tarn nach Paris. Besuchte mit seiner Frau Versailles. Beide finb gelehrte Öster­reicher unb geprüfte Deutfche,werteten bemnach wohl bie Pracht der Bauten, die Vielfalt der Wasserspiele, die Riesenhaftigkeit der Ausmaße gebührend, standen aber fassungslos vor ber leibhaftigen Tatsache: Auf den Wiesen standen keine Verbotstafeln! Menschen gingen - bitte, mitten im Schlohpark! - quer über bie Wiesen! Saßen unglaublich aber wahr, - im Rasen! Drinnen I Lagen ausgestreckt im Gras unb schliefen! Unb die wenigen Wächter sahen es!! Unb duldeten es!!!

Richt genug an bem, Frau Ettling er stieß plötz­lich einen Hellen Schrei aus:Karl! Ich bitt Dich, Karl, schau dort hin!" Unb wies auf einen Mann, der seelenruhig auf ber marmornen Einfassung eines Bassins sah unb eine Angel ausgeworfen hatte.

Aber Karl war schon über bie erste Betäubung hinweg, zur inneren Abwehr bereit. In Wien lernt man raunzen, in Berlin zwelleln. War alles wieder da. Er sah nach bem Fischer, kühl bis ans Herz hinan unb sagte, sehr bestimmt:Fall doch nicht auf jeden Schwindel herein. Ist ja immer derselbe Fisch; den schmeißt er hinein, zieht er heraus, schmeißt er hinein, zieht er heraus - den ganzen Sonntag" A.SL