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Nr. 225 Zweites Blatt

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderheffen)

Mittwoch, 24. September 1950

Blick auf Italien.

Don unserem römischen ^-Korrespondenten.

Nördlich der Alpen, September.

CS gibt Stunden in Nom, wo man nicht &er- stcht, warum die Welt Nom nicht nersteht^ können es nicht begreifen, wieso unter der Herr­schaft des rasenden Drahtes und des geschwahr- gen Funkens, der modernen Presse und lyter an der Quelle sitzenden Korrespondenten noch immer keine Klarheit über das neue Italien besteht, warum die Falschmeldungen sich folgen wie die Wolken und die Ding« verschleiern, die uns so offenkundig erscheinen wie die Sonne. Es kann doch nicht bloß an der Schnödigkeit einer Welt liegen, die es lieben soll, das Strah­lende zu schwarzen und das Erhabene in den Staub zu ziehen. Sehen sich vielleicht die guten Leutchen nördlich der Alpen eine Drille aus, wenn sie das Dolk der Schwarzhemden be­trachten wollen, eine je nach ihrer Partei, ge­färbte? Oder glauben sie die einzig richtige An- schauuna zu gewinnen, wenn sie, es soll auch solche Käuze geben, durch die Deine gucken? Offenbar kommt es auf den Standpunkt an. Ich zog ausr- diesen Standpunkt selber einmal ein­zunehmen, um so dem Nätsel auf die Spur zu kommen.

Schon hinter dem Gotthard wehte eine an­dere Lust. Die Gegend wurde Heller, denn die Menschen waren nicht mehr so dunkeläugig und so schwarz, daß selbst die sauberste Backe unrasiert scheint. Es ist ein Irrtum, zu glauben, die Quantität an Sonne bestimme den Licht­grad einer Landschaft. Auch war das Porzellan weiher und das Tuch auf dem Tisch. Es schickt sich wohl nicht, aber es ist bedeutsam, sestzu- stcllen, daß die blendende und geradezu luxuriöse Einrichtung des Toilettenraumes in einem nor­dischen Kaffeehaus den Unterschied zum Süden sinnfälliger machen kann als ein dickes Buch. Ein Beispiel, das man nur zu vermehren braucht, um zu erkennen, wie viel vom Gefühl, von Sym­pathien und Liebhabereien, von den Gewohnheiten des Alltags sich schon unbewußt in das Urteil über die Politik eines anderen Landes hinein­schmuggelt. Führt man die Unterbewußtseinslinie hinaus bis zum Typ des eingefleischten Demo­kraten, so ergibt sich ohne Zwang das Dor- urteil, mit dem er behaftet fein muß. Er wird also, ohne es zu wollen, geflissentlich das sehen und aufgreisen, was ihm an dem undemokra­tischen Mussolinien mißfällt und das übersehen, was sich mit seiner Einstellung nicht verträgt. Diese Fehlerquelle aufzudecken ist aber feine Kunst.

Näher an das Nätsel heran, tiefer hinein geriet ich an Bord des ersten Bodenseedampfers. Der letzte Mann, der einstieg, fuchtelte aufgeregt mit den Armen herum und im Nu ging es von Mund zu UlunD: Attentat auf Musso­lini! Eine Bombe hat ihn tödlich verletzt! Soeben wird ein Extrablatt angeschlagen.

Zuerst lächelte ich, denn ich wußte es besser. Das heißte wann war ich denn abgereist? Konnte nicht in letzter Stunde ? Und schon fühlte ich die Unsicherheit herankriechen wie einen Wurm. Und es war das letzte Schiss und ich konnte nicht mehr aussteigen. In der Nacht ringelte sich der Wurm eiskalt um meinen Hals und mit dem ersten Schiff war ich wieder in der Stadt, wo die Sacheangeschlagen" wurde. Es war nichts mehr angeschlagen. Es war überhaupt nichts angeschlagen gewesen. Seltsam. Eine Woche später las ich, daß der Duce schwer erkrankt sei und soeben eine Krebsoperation überstanden habe. Die überstcMd er nun, wenn man die Zei­tungen verfolgte, jeden Tag zweimal, ein Dutzend- mal hintereinander. Dann tarn der P a p st daran. Er liege hoffnungslos darnieder sein altes Hebel! Ich hatte den Papst vor kurzer Zeit bei einer intimeren Angelegenheit als den üb­

lichen Audienzen gesehen und lange beobachten können. Er sah geradezu blühend aus, man konnte ihn für einen frühen Sechziger halten oder noch jünger, er sprach mit einer Nahe, die nichts von geheimen Schmerzen ober leisester Unbehaglichkeit verriet. Ganz wie bei Musso­lini. Und doch, jetzt, in der veränderten Um­gebung in der mir auf einmal Nom, mein so vertrautes Rom unendlich weit entfernt vor­kam. nistete sich plötzlich, ich mochte ihn ab­wehren wie eine lästige Fliege, der Zweifel ein. Obwohl ich genau unterrichtet toar: Musso­lini hat vor Iahren ein Magengeschwür gehabt. Eine säst harmlose oder bedenkliche Sache, je nachdem ob man sich gehen läßt ober die Kraft zu einer rücksichtslosen Diät aufbringt. Der meist­genannte Mann unserer > e t, der meistbeschäftigte, Der meistgesuchte, er erwies sich dem Arzt ge­horsamer als ein Nentner, der sich's leisten könnte. Er brachte es fertig, fast nur von Milch zu leben, jahrelang. Dann war er wieder gesund.

Der Papst leibet an einer gewissen Drüsen­erkrankung, aber bamit kann man, wie Clemen- ceau zeigte, steinalt Werbern In den Tagen, wo ihn bie nörblicben Zeitungen als bettlägerig hinstellten, empfing er wie stets bie Pilger. Trotz­dem kann sich der Datikan noch immer nicht der aus allen Himmelsrichtungen einlaufenden drin­genden Anfragen, wie sie bas Sterbelager eines berühmten Mannes umschwirren, erwehren.

Es zeigte sich bald, baß meine Kontrolle, die Lektüre italienischer Zeitungen, unangenehm ver­sagte. Die Macht der Umgebung, der Gerüchte, war stärker, als diese Kompaßnadel, und am liebsten hätte ich mich selber ausgefragt: Oh, Sie kommen aus Nom na, wie sieht es denn eigentlich dort aus? Immerhin erfuhr ich auf diese Weise, baß auch Italien sein Teil Schuld zu der allgemeinen Unkenntnis der Lage beiträgt, baß es gerabe bie Unterdrückung der Oppositionspresse ist, die den Nähr­boden für Gerüchte und Schauermären bildet. Die Opposition ist notwendig, hat einmal Mussolini gesagt, und dec Faschismus hätte es leichter, seinem Niehschewort xu folgen undge­fährlich zu leben", wenn er, statt seine Stellung zu dekretieren, sie täglich erkämpfen würbe. Nur der Kampf ist Leben. Davoi^ weih aber weder bie italienische Presse etwas, noch bas Parlament, noch bie Tribüne. Da so bas Sicherheitsventil verstopft ist, drängen die unterirdischen Kräfte nach geheimen Ausgängen und jedes böse Wort wird vom Ausland aufgefischt, kolportiert und multipliziert, wo es sich andernfalls von selber totlaufen würde. Jedermann fühlt sich versucht, nach tragischen Ereignissen im Süden zu suchen, und wenn eines eintritt, wie das Erdbeben kürz­lich, dann erscheint es viel graufer als die Wirk­lichkeit, obwohl doch in diesem Falle die Negie­rung wirklich keine Ursache hatte, eine Kata­strophe zu beschönigen.

In manchen Ländern, wie in Italien und Frankreich, ist die Politik noch oder wieder das, was sie früher war, eine Realität, in anderen wurde sie zur Meinungssache. Man kann mit ihr handeln wie mit Backpslaumen. Sie wird nicht durch Lebensnotwendigkeiten bestimmt, sondern läßt sich bestimmen, durch Finanzgrößen, durch Parlamentarier, durch Interessengruppen und viele andere Gebilde. Cs ist dayer erklärlich, daß dort, wo viele solche Faktoren um die Macht ringen, Italien anders beurteilt wird, als in ausgesprochenen Charakterstaaten. So ist die Meinung der wirklich demokratischen Schweiz über den Faschismus im allgemeinen eine eindeutige, in Deutschland eine vieldeutige. Don England und Amerika kann man wohl sagen, daß sie das vierte Italien überhaupt nicht verstehen, viel­mehr ihm neugierig zuschauen wie einem inter­

essanten Experiment. In den nordischen Staaten begegnet man einer vollkommenen Gleichgültig­keit. Dieser Grundeinstellung entsprechend, habe ich jedermann und jedes Dolk nördlich der Alpen nach Rom blicken sehen, kühl, sachlich, leidenschaft­lich, haßverzerrt, hoffnungssrod, tadelnd oder schwärmerisch. Als ob alle nur in einen Spiegel blickten da kann es natürlich nicht wundernehmen, wenn jedes etwas an­deres sieht.

Auffälligerweise wird nun diese italienische Sphinx, und das ist eine weitere Fehlerquelle, in das innerpolitische Spiel mancher Nachbar­staaten einbezogen, am liebsten in Wahlzeiten, wo ja auch so manche Ausländer gerne ein bißchen mitmanooem. Seltsames kommt dabei heraus. Denn vom Wahlmanöverhügel ober von ber Parteizinne aus ein Derart geschlossenes Dolk wie bas italienische zu beobachten unb zu be­kritteln, geht nicht an. Daß viele nicht richtig sehen wollen, bas ist das eine. Daß man außerhalb Italiens nicht immer richtig sehen kann, weil der Kontakt fehlt und bas italie­nische Barometer, bie Presse, nicht cintoanbfrei funktioniert, sondern ausSchönwetter" einge­rostet scheint, bas ist das anbere. Wer sich ein unbestechliches Urteil hüben will, ber tut gut baran, selber nach Rom zu fahren aber jebe Brille zu Hause zu lassen.

Aus der Provinzialhauptstadt.

Gießen, ben 24. September 1930.

Obst und Gemüse.

Die moderne Haussrau hat schon lange gelernt, für die zweckmäßige Ernährung ihrer Familie nicht nur das Kochbuch, sondern auch den Arzt zu Rate zu ziehen. Denn nicht nur gut unb Billig, sondern vor allem auch nahrhaft- soll alles bas sein, was sie auf den Tisch bringt. Da ergibt es sich fast von selbst, daß man^ in erster Linie die Erzeugnisse derSaison" berück­sichtigt. In diesen Wochen wird ber Markt be­herrscht von Obst undGemüse. Dom letzteren sind besonders die Kohlarten, Weißkohl, Rot­kohl und Blumenkohl hervorzuheben, die reich sind an Ditaminen und Nährsalzen. Sie eignen sich auch zu verschiedenartigsten Zubereitungen, z. B. als Kohlrouladen, oder als Beilage zum Fleisch, das man aus gesundheitlichen Gründen keinesfalls zu sehr in den Vordergrund der Er­nährung stellen sollte. Aus gleichen Gründen wie bei Kohl unb Salat empfiehlt sich ber Genuß reifer Tomaten. Auch hier wirb bie Mannig­faltigkeit ber Zubereitung den Genuß noch er­höhen. Ferner stehen jetzt auch Dirnen, Aepfel und Pflaumen in allen Spielarten zur Ver­fügung, und vor allem Weintrauben. Sämtliche Obstsorten sind für unsere Ernährung außer­ordentlich wertvoll durch ihren Gehalt an be­sonderen Zuckerarten, Vitaminen und Nährsalzen und nicht zuletzt durch ihre verdauungsregelnde Einwirkung auf unseren Körper. Hiervon macht man bekanntlich in Gestalt von sog.Trauben­kuren" ausgiebigen Gebrauch. Eine solche, aber nur nach ärztlicher Dorschrist durchgeführte Trau­benkur erfordert allerdings einen täglichen Ver­zehr von drei bis vier Pfund Trauben, und ihm setzt der Geldbeutel manchmal einen Riegel vor. Glücklicherweise läßt sich aber eine Trauben­kur auch mit gleichem Erfolge und mit leicht erschwinglichen Mitteln durch den Genuß von Traubensüßmost durchführen, ber aus frisch ge­preßtem Traubensast hergestellt wird unb zu­gleich ein erfrischendes Getränk abgibt. Cs er­übrigt sich, noch darauf hinzuweisen, daß Obst und Gemüse in jedem Falle sorgfältig vor dem Genuß zu reinigen sind, um die der Oberfläche anhaftenden Schmutz-, Staub- und Krankheits­stoffe zu entfernen. Daß deutsches Gemüse und deutsches Obst der ausländischen Ware in keiner Weise nachstehen und daher von den

Die Einweihung des üürassierdenkmals in fiöln am Rhein: Das Standbild, das das ehemalige Kürassier- Regiment Graf Gehler Nr. 8 dem Gedächtnis seiner Gefallenen errichten ließ und das mit 10 Meter Höhe das größte Reiterdenkmal Deutschlands darstcllt, ist eine Schöpfung des Berliner Bildhauers Wielandt.

deutschen Frauen auch aus volkswirtschastlichen Gründen stets bevorzugt werden sollten, versteht sich von selbst. Dr. C. K.

Taten für Donnerstag, 25. Lcptcmber.

Sonnenaufgang 5.49 Uhr, (Sonnenuntergang 17.54 Uhr: Mondaufgang 9.47 Uhr, Mondunter­gang 18.56 Uhr.

1555: Abschluß des Augsburger Religions­friedens: 1849: ber Komponist Johann Strauß b. Ae. in Wien gestorben.

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** VHC. Gicß « n. In den nordöstlichen Teil des Taunus führte am Sonntag die 9. Vereins- Wanderung des DHC. Gießen. Dom Ausgangs­punkt H a s s e l b 0 r n ging es zunächst in fteilyn Anstieg hinaus zum Wald, vor dessen Eingang man einen entzückenden Rückblick auf das tief unten liegende Dörfchen und seine reizvolle Um­gebung genoß. Durch den ausgedehnten Heiligen­wald führte der Weg, vorbei am Schmitten- born, einer starken, abseits vom Wege liegenden Quelle und über das saubere Dörfchen Dieten­hausen. Rach ileberquerung des lieblichen Mettoachtales und einiger reizender Seitentäler führte ein nahezu alpin anmutender Waldpfad hinauf zur Frankfurter Landstraße, der bekannten Rennstrecke, wo im Gasthaus Einhaus Mittags­rast gehalten wurde. Hatte der Himmel am Vor­mittag eine heitere Miene gezeigt, so sollten ihn die Wanderer am Nachmittag auch von seiner Kehrseite kennenlernen. Unter strömendem Regen erfolgte der Weitermarsch, ein kurzes Stück die alte Hessenstraße entlang, durch das im Grunde gelegene Möttau und nach Ucberfteigung eines Bergsattels mit schönem Fernblick durch Alten­kirchen wiederum zum Wald, der ebenfalls

Kleine Momentaufnahmen.

Don Sigismund von Radecki

Ich habe mir einen wunderbaren photographi­schen Apparat angelegt: eine Spiegelreslex- Stereoskopkamera, Lichtstärke 1, mit Schlitzver­schluß. doppeltem Auszug unb ff. Lederbezug, eine Kamera vom TypusSie denkt für dich", mit der ich täglich durch die Straßen schlendere, unb die nur den einen Nachteil hat, daß ich sie mindestens jeden zweiten Tag rasieren muß. Die Bilder werden nach einem neuartigen Verfahren mit Tinte entwickelt und durch Druckerschwärze fixiert. Hier ein paar zur Auswahl.

Die rosa Zunge.

An so einem Regenvormittag trifft man im Zoo hauptsächlich Wassertropsen unb leere Stühle. Die abessinische Löwin liegt wie eine Sphinx starr im Wüstensanbe des Käfigs. Ihr Blick zwei fcllumtoalbctc Gebirgsseen sieht nichts unb ist auf Unenblichkeit eingestellt. Da läßt ber Wärter ihre Kinber. vier täppische kleine Löwen­jungen, in den Käsig hineinkullern. Die kleinen Löwen frieren unb kuscheln sich in einem köstlichen Knäuel an ihre Brust, zwischen ben gewaltigen Dorberpranken. Die Löwin schaut noch immer starr auf Unenblichkeit, aber ohne den Blick wegzuwenden, leckt sie jetzt bedächtjg ihre Kleinen über den Rücken streng unparteiisch, eins, zwei, drei, vier der Reihe nach, unb wieder von vom.

Doch jetzt ist ein Spatz in ben Käfig geflogen unb badet sich, frech unb vergnügt, in einer Portion Wüstensanb. Der vorderste kleine Löwe hat ihn bemerkt, duckt sich plötzlich zwischen den Mutterpranken und bekommt grüne Augen, ßang- fam, unbeschreiblich tolpatschig, will er auf ben Spatzen zuschleichen. Auch sein Bruder Nr. 2 schleicht jetzt los. Nur noch 3 unb 4 bleiben ber Cbtoin zum Lecken. Der Spatz macht, als ob er ni<$ bemerkt, unb babet zynisch weiter. Ietzt schleicht auch Nr. 3 los. Unb wie sich zuletzt auch Nummer 4 erhebt unb langsam auf bie Pürsch macht, so leckt ihm bie Löwin, vorgereckt, ganz schnell noch einmal zum Abschied über das ge­sträubte Fellchen. Sv wie eine Mama noch schnell auf bie Straße nachläuft und das Schulbutterbrot in den Ranzen schiebt. Da hast du, und jetzt geh. Unb erkält' bicht nicht.

Hier, genau im letzten Augenblick, fliegt ber Spay, wie nebenbei unb zufällig, durchs Gitter hinaus. Die vier Löwchen sehen sich dumm an. Die abessinische Löwin (emgefangen auf der Iagdexpedition 1904) liegt reglos wie eine Sphinx im Wüstensande. Ihr Blick, zwei feU-

umtoalbete eisklare Gebirgsseen, ist starr auf Unendlichkeit eingestellt. An so einem Regen­vormittag trifft man im Zoo hauptsächlich Wassertropfen und leere Stühle.

Die Freundinnen.

Wie könnte ich je über den Tiergarten schrei­ben! Das Thema ist zu groß: zu gewaltig, zu lieblich. Man mühte hoch über dem Kops die Dlätterlabyrinthe orgiastisch aufrauschen hören, hören müßte man das pfeifende Flattern der Cntenflaschen dicht übet den Baumkronen hin. wenn sie sich abends von Teich zu Teich be­suchen und planschend in den Wasserspiegel cin- fallcn, unb auch das Rennen ber Ratten über den Weg, und das Flüstern der -Liebesleute auf ben Bänken - er seht auseinander, was er eigentlich für ein Mensch ist, und sie klagt süß, wie sie heute wieder angeschrien wurde, und beide trösten sich mit den Lippen, man müßte das ferne Stiergebrüll ber Autos hören und das melancholische Tröpfeln von Blatt zu Blatt, und endlich "bie ungeheure Stille, mit der Stamm an Stamm die Nacht über sich er­gehen läßt.

Aber neulich habe ich etwas erlebt, was sich erzählen läßt. Die Allee war ein einziges Men­schengewimmel da gingen Couleurstudenten und debattierende Wandervögel, unb Akten­taschen mit Bureaumenschen unterm Arm, und Backfische, die zu laut lachten, unb ältere Pen­sions-Damen, die sich erzählen, warum sie nicht nach Abbazia gefahren sind, sorgsame Hundebc- sitzer. die immer wieder weltverloren stehenblie- ben, unb eheliche Paare und uneheliche Paare, und kurz bie gesamte West-Berliner Menschheit samt ben interessanten Herren mit bem braunen Teint. Unb in der Mitte von allen gingen zwei dicke Damen, gleichgekleibet: ach, dick ist gar kein Wort jede vom zitternden Umfang einer Konkursmasse. Eie gingen, die eine links am Aanbe, die andere rechts, und zankten sich laut über bie Wegbreite hinüber.

Anfangs konnte ich nicht ganz verstehen, worü­ber sie sich zankten. Aber endlich begriff ich, halb ungläubig: sie stritten darüber, welche von ihnen beiden dicker sei! Du replizierte die eine wiederum sei mal still! Hör mal zu. Ich hab' mich doch neulich auf der Post noch ge­wogen. Red du mir nicht! kreischte die andere hinüber, ich hab' doch heute dein Matinee angezogen ist mir ja gar nicht angegangen war ja viel zu weit--.

Immer wenn eine ihr Gift ausgespritzt hatte, kam eine kleine, stumme Dorbereitungspause, bis der Nachbarvulkan mit seinem Redeschwall über*

kochte. Cs war ein rhythmisch abgewogenes Hin und Her, wie ja auch Hunde in der Ekstase des Dellens ganz bestimmte Pausen innehalten, bis es sie wieder hinreiht: Hau, hau, hau!

So verloren sie sich, immerfort zankend, in den Tiergarten hinein, und wurden schließlich zwei ganz kleine Punkte, die noch mit den Re­genschirmen gestikulierten ... Wahrscheinlich zan­ken sie sich noch heute. Und wenn die eine stirbt, wird die andere ihr ganz schnell nach» sterben.

Der Verkäufer.

Cs gibt eine aktive Langeweile, die sich immer wieder zu langweilen sucht. Sie ist unersättlich, denn sie geht von ber trotzigen These aus, daß alles langweilig sei. So stand ich neulich vor einem Milchladen und starrte nun schon fünf Minuten die Buchstaben des Labenschildes an: Bolle. Genau so war die ganze Straße fade, banal bis zur Phantastik. Oben war der Him­mel, hinter dessen Grau immerhin der Orion und die Cassiopeia schweben, unten waren aller­hand geologische Epochen und der feuerflüssige Glutkern der Erde, also ungeheure und groß­artige Dinge, aber gerade hier in der Mitte, wo man als Mensch leben muß, hatte sich diese fade, graserstickende Straße hingepflanzt: häß­lich, selbsthewußt, als ob sie nicht nach paar tausend Iahren bloß noch zu Ausgrabungen zu brauchen fein würde!

Schnell schaute ich wieder nach dem Laden­schild in der geheimen, wahnwitzigen Hoffnung, daß sich vielleicht doch ein Buchstabe wenigstens geändert hätte...? Aber nein, da stand es un­erbittlich. wie vorhin: Bolle. Keine 'Rettung. Ich dachte an den Mann, der darin verkauft. Ob der sich auch langweilt? Acht Stunden Käse, Milch, Kleingeld, Backpflaumen,Bald wieder!" und wieder Käse. Das Iahr hat 364 Tage, 52 Wochen, 12 Monate. Das Leben hat, Wenns hoch kommt. Ich trat entschlossen ein und ver­langte ein Viertelpfund Tilsiter.

Mit Rinde? fragte er gespannt.

Iawvhl, mit Rinde, sagte ich und wunderte mich über fein Gespanntsein.

Mit konzentriertem Gesichtsausdruck, mit be­benden Nasenflügeln hob er die Glasglocke auf. Prüfend, vorsichtig, schnitt er das Stück ab. Als er es auf einem Blatt Papier zur Waage trug, hörte man fast sein Herz pochen. Mit an­gehaltenem Atem schob er es auf die Waage, d. h. das Stück Käse. Nun schaute er nach dem Gewichtsanzeiger wie nach einem Totalisator. Er strahlte auf. Ich habe selten solch ein Glück gesehen.

Genau ein Viertelpfund!" tief er trium­phierend.

Ah, so. Das war cs also. Sein Abenteuer: die Pfunde, die Viertel, die halben, die ganzen auf einen Messerstich zu treffen. Wie erfinde­risch die Menschen sind.

Kemal Pascha und die Süßigkeiten.

Ein rumänischer Schriftsteller, der eine längere Reise durch die Türkei unternommen hat, plaudert in einem Bukarester Blatte über seine Eindrücke, die er auf seinen Kreuz- und Querzügen durch das auf­strebende Land Mustapha Kemal Paschas gewonnen hat. Auch in die nächste Umgebung des Gazis ist er gekommen, und berichtet einige interessante per­sönliche Züge des türkischen Diktators, die bisher so gut wie gar nicht bekannt gewesen sind, u a. auch Die Tatsache, daß Kemal in seinen spärlich gesäten Mußestunden neuerdings-Goethe lieft, allerdings in Der ersten französischen Übersetzung Gerard de Nervals. Der rumänische Gewährsmann schildert Die täglichen Gewohnheiten Kemals, Die sich kaum von Denen anderer normaler Menschen unterscheiden, erwähnt dabei aber eine persönliche Eigentümlich­keit, Die Kemal Dann, wenn man Lombroso glauben Darf, mit verschieDenen Genies Der Weltgeschichte gemeinsam hat. Die Dicht an Der Grenze zum Dunklen Reiche Des Wahnsinns Dahingelebt haben: gemeint ist eine geraDezu fanatische Liebhaberei für Süßig­keiten. Kemal Pascha nimmt täglich Fruchtgelees eßlöffelweise unD im Übermaße zu sich, ja selbst in einer SchublaDe seines Arbeitstisches muh sich stets ein Glas mit Quittengelee befinDen, Dem er in regel­mäßigen Abständen zuleibe geht. Bei offiziellen Esten kann man beobachten, wie der starke Mann, der in Der Türkei Die unerhörtesten Neuerungen mit rücksichtslosester Energie eingesührt hat,sich dentzaupt- gängen Der Mahlzeit gegenüber sehr mäßig und zurückhaltenD verhält, beim Nachtische jeDoch manch­mal eine oft peinlich wirkenDe Gier entwickelt Man sagt sogar. Daß er sich selbst mit Der ErsinDung von Rezepten für Derartige Süßigkeiten beschäftigt hab« und einen seiner Köche, Der Durch verschiedene un* liebiame Liebesaffären unangenehm ausgefallen und Daher entlastungsreif sei, nur deshalb in seiner Stellung halte, weil dieser Don Juan des Kochtopfs es wie kein anderer verstehe, auf die naschhaften Intentionen und Leidenschaften seines Gebieters ein» zugehen.

_Der wahre Karpathenbär!', so schließt Der ru­mänische Schriftsteller seine Betrachtungen.Er nährt sich mit Vorliebe von süßem Honig, wehe aber Dem, Der ihm unversehens in Die gefährlichen Klauen gerät.