Nr. 171 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheflen) Donnerstag, 24. Juli 1950
Hundert Jahre freies Südamerika
1830-1930.
Don Dr. tt $. Panhorst, (3bero«ameri(anifd)C3 jnflitut Berlin.
Das Jahr 1930 Hot für die sübamerikanischen Länder eine besondere Bedeutung. 3n vielen Städten werden Vorbereitungen zu großen Feiern und Kundgebungen getroffen und besonders in diesen Tagen gellen bereits viele seierliche Reden dem Gedenken von Ereignissen und Vorgängen im Jahre 1830. Uruguay begeht die Zentenarfeier seiner Unabhängigkeit, Ecuador kann in diesem Jahre auf eine hundertjährige selbständige Entwicklung als Freistaat zurückblicken, und nur noch ganz kurze Zeil trennt uns von dem Tag, an dem vor hundert Jahren der Freiheitsheld Südamerikas, Simon Bolivar, aus dem Leben schied. Die Republiken Bolivien, Kolumbien, Ecuador, Panama, Peru und Venezuela verehren Simon Bolivar als den Monn, dem ihr Land die Dosis zu der freien, selbständigen staatlichen Entwicklung verdankt. Daneben stehen noch ahbere Gedenktage, die der eigentlichen nationalen ober engeren LandesgeschiHte zuyehören, aber ebenfalls der großen Zeit der Unabhangigkeitskämpfe Südamerikas angehören.
Richt nur in Nordamerika, sondern auch in fast allen größeren Städten Europas finden die süd- amerikanischen Hundertjahrfeiern und Gedenktage weitgehende Beachtung. Deutschland ist mit den südamerikanischen Ländern durch unzählige wirtschaftliche und kulturelle Fäden eng verbunden und in der Geschichte der einzelnen Länder haben so manche deutschen Kräfte mitgewirkt, daß cs selbstverständlich erscheint, daß in diesem Jahr auch unsere Blicke sich mit dem Ausdruck freudiger Anteilnahme auf die ibero-amerikanische Welt und ihre historischen Feiern richten.
Südamerika ist auch heute dotf) als geschlossener Kulturkreis aufzufassen, obwohl die einzelnen Länder bereits ihre Eigenheiten und ihre nationalen Sonderheiten stärker in den Vordergrund stellen. Die gleiche Sprache und mit ihr viele andere Kulturgüter verbinden die südamerikanischen Länder nach wie vor zu einer großen Einheit. Die wirtschaftliche Machtentfaltung, die von den meisten von uns immer noch übersehen wird, aber in einigen der zwanzig ibero-amerikanischen Länder schon riesige Formen angenommen hat, wirkt auf diese Einheit keineswegs störend. Viele der alten politischen Gegensätze sind als überwunden anzusehen. Obwohl Uruguay seine Unabhängigkeit vor hundert Jahren nicht von dem Mutterlande Spanien forderte, sondern Don den bereits selbständig gewordenen Nachbarländern Brasilien und Argentinien, werden beide Länder, sowohl Brasilien wie auch Argentinien, ihrem an Gebiet und Einwohnerzahl bedeutend schwächeren Nachbarland in aufrichtiger Sympathie ihre Glückwünsche barbringen. Unb obgleich Ecuabor vor hunbert Jahren aus ber von Simon Bolivar für ben norbwestlichen Teil Süb- amerifas geschaffenen Zentralrepublik Groß - Kolumbien hervorging, so ift heute dennoch in seinen Beziehungen zu ben Nachbarlänbern nichts mehr von jenen Gegensätzen, die vor hunbert Jahren ausschlaggebend waren, vorhanden. Gewisse Unstimmigkeiten, die noch heute in der Grenzführung bzw. -geschichte der einzelnen Länder bestehen, werden auf die starke Kulturverbundenheit und deshalb auch auf das Zusammengehörigkeitsgefühl, das in diesem Jahre besonders stark zum Ausdruck kommen wird, ebenfalls keinen störenden Einfluß ausüben. Jedenfalls tun w i r gut, diese Zusammenhänge nicht zu berühren, sondern über die von uns selbst bzw. von drüben erbauten Brücken hinweg den südameri- kanischen Ländern in herzlicher Freundschaft unsere Hand zu reichen. Es wird als Ausdruck Der gegenwärtigen wie ber alten unb engen kulturellen unb wirtschaftlichen Beziehungen erwartet.
Wir Deutschen find erst vor hunbert Jahren burch Alexonber von Humboldt mit ben hier im Dorbergrunb stehenben fiänbern in stärkerem Maße Dcrbunbcn worben. Er war es, ber ber alten Welt bie Kenntnis eines großen Teiles Amerikas erschloß, ijumbolbt ist als bas stärkste historische Binbeglieb zwischen Deutschlanb und jenen Ländern anzusehen und deshalb besonders heroorzuheden. Er wird in vielen ber amerikanischen Cänber als ber Gelehrte
gefeiert, ber „ihrem Kontinent einen größeren Dienst erwies als alle Äonquiftaboren“. Dieses Wort, bas kein Geringerer als Simon Bolivar selbst geprägt hat ist in Amerika seit seinen Tagen niemals ver- gessen worben. In mehrjährigen Forschungsexpebi- tionen sammelte Humboldt bie wichtigsten geographi- schen, ethnographischen unb wir bürfen auch sagen staatspolitischen Erkenntnisse. Die moberne Forschung hat erkannt, bah Alexander von Humboldt nach seiner Rückkehr von Amerika bem Gedanken ber Befreiung Sübamerikas von ber spanischen Herrschaft burchaus halb war. Die Beachtung, bie man in Amerika seinem Zusammentreffen mit Simon Bolivar unb seinem Anteil an ber Gestaltung ber jungen Staatswesen zumißt, hat erst in jüngster Zeit aus Grunb eines Briefes, ben ber spätere Präsident von Ecuabor, Rocafue rte, an Humbolbt geschrieben hat, unb ber heute in ber Dokumentenabteilung ber Preußischen Staatsbibliothek in Berlin kinzusehen ist, in rechtem Maße geroürbigt werben können.
Um so mehr wirb von Deutschlanb erwartet, baß es in diesem Jahre ben großen Vorgängen, bie vor hunbert Jahren ben sübamerikanischen ßänbern bie Möglichkeit zu einem selbstänbigen staatlichen Dasein gaben, eine roürbige Beachtung schenkt unb ben Helden ber bamaligen Zeit — für ben Narben Sub- ameritas bem siegreichen Simon Bolivar unb für ben ©üben bem eblen San Martin — ein gutes Gebenken zeigt.
Viele taufenbe beutsche Auswanberer finb im Lause bes vergangenen Jahrhunderts unb in ben letzten Jahrzehnten in bie sübamerikanischen Cänber gezogen. So mancher stolze Name im gegenwärtigen Südamerika ist deutschen Ursprungs. Unb verfolgen wir bie Geschichte ber kulturellen Einrichtungen, ber
Schulen unb Hochschulen so finben wir, baß her deutsche Einfluß auf bie Gestaltung bie,er Bilbungs- statten fein geringer gewesen ist. Viele kaufmännische Unternehmungen verbanken ihre Existenz deutscher Initiative. An bieser Stelle ist jedoch eine anbere Anteilnahme beutscher Kräfte an ber Gestaltung ber heutigen Cänber Sübamerikas von größerer Be- beutung: ber beutsche Anteil an ben Unabhängigkeitskämpfen. In ben schwersten Tagen ber im Nord- westen von Simon Bolivar aeführten Unabhängig- keitskämpse gegen bie soanische Herrschaft, kam ber beutsche General von Uslar mit seiner Trupoe beutscher Solbaten bem Freiheitshelben zu Hilfe, um an ber Vollenbung ber staatlichen Derselbstän- bigung ber Cänber teilzunehmen. Im mittleren Westen Sübamerikas war es ein anbercr Deutscher, ber an ben Unabhängiakeitskämpfen hervorragenden Anteil nahm: Otto Philipp Braun. Seine Verbienste gaben Simon Bolivar Veranlassung, Braun mit großen Ehren auszustatten. Holmberg, Cützow unb viele anbere bekannte Namen könnten aufgezählt werben, beren Träger ben sübamerikanischen Boben betraten, bort kämpften unb nicht wieder zurückkehrten.
Es wirb angenommen, baß bie Zahl ber gegenwärtig in Sübamerika lebenben Deutschen etwa eine Million beträgt. Sie finb in Sübamerika angesehen, ganz gleich, ob sie als Kaufleute, Pflanzer, Siedler, Gelehrte, Cehrer oder als Handwerker und Angestellte ihren Lebensunterhalt suchen. Hoffen wir, daß mit ihnen weite Kreise in Deutschland die notwendige Pflege ber deutsch-ibero-amerikanischen Beziehungen beachten unb mit ber Erinnerung an bie Vorgänge vor hunbert Jahren ben aufrichtigen Wunsch für eine erfolgreiche Weiterentwicklung ber uns befreundeten Cänber oerbinben.
Hessen unb bie Reichsreform.
Archivbirektor Prof. Dr. Dieterich, Darmstadt, hielt vor der Historischen Fachschaft der Landesuniversität und dem Oberhessischen Geschichtsverein in Gießen einen Dortrag über „Die Reichsreform unb Hessen, mit besonderer Be- rücksichtigung der historischen Doraussetzungen". Die GHG. Gießen, d. h. die Bezirksgruppe der Vereinigten G r o ß d e u t s ch - H e s s i- schen Gemeinschaft für das oberhessische Lahn, und Wetteraugebiet nahm in ihrer letzten Versammlung, wie man uns mitzuteilen bittet, in folgender Entschließung zu diesem Vortrag Stellung.
Auch die Vereinigte Grohdeutsch-Hessische Gemeinschaft, insbesondere ihr Ausschuß für Iustiz- und Verwaltungsfragen, hat bisher niemals den Rahmen des Reichslandes Rheinfranken, wie ihn der Frankfurter Plan vorsieht, verfochten. Sie hat ihre theoretischen und praktischen Arbeiten vielmehr immer auf den Raum zwischen Rhön- Spessart und Hunsrück-Westerwald, d. h. im wesentlichen auf Hessen und Hessen-Nassau beschränkt, welche Gebiete sie nach kulturellen, geschichtlichen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten als zusammengehörig erachtet. Der VGHG.-Aus- schuh für Wirtschaftsfragen hat wohl auch fest- gestellt, daß bezüglich des Mosel- und Saargebietes wirtschaftliche Fäden, auch solche engerer Art, nach Frankfurt bestehen, diese aber niemals für sich als ausreichend erachtet, sondern vielmehr immer betont, daß diese Auffassung der Revision nach geschichtlichen^ und kulturellen Gründen bedürfe. Das hat die VGHG. aber nicht gehindert, die Frankfurter Pläne zu unterstützen innerhalb des oben des Näheren bezeichneten Raumes. Auch das tatsächlich bestehende Sonder- dasein von Nordhessen hat die Vereinigte Großdeutsch-Hessische Gemeinschaft in ihrer praktischen Arbeit dadurch berücksichtigt, daß sie die Werbearbeit in Nieder- und Kurhessisch Ober- Hessen dem dort bestehenden Hessischen Volksbund überließ und sich auf das Rhein-Maingebiet beschränkte. Die gemeinsame Arbeit zwischen beiden Vereinigungen wurde genügend gewährleistet durch die bestehende Landesarbeitsgemeinschaft.
Trotz der bestehenden sprachlichen Verschiedenheiten zwischen Nordhessen und dem Rhein- Maingebiet, trotz der größeren geschichtlichen Ab
geschlossenheit Nordhessens, das durch Iahr- hunderte außer wenigen Enklaven zu der einen Landgrafschaft Hessen-Kassel gehörte, während alle anderen Einzellandschaften zu ihren Terri- torialherren die vornehmlichsten des Gefamt- gebiets zwischen Rhön-Spessart und Hunsrück- Westerwald zählten, u. a. die Kurfürsten von Mainz und von der Pfalz, die Landgrafen von Hessen-Darmstadt, die verschiedenen Linien des Hauses Nassau und die Fürsten von Vsenburg, trotz dieser geschichtlichen Abgeschlossenheit Nordhessens ist sich die Großdeutsch-Hessische Gemeinschaft Gießen und mit ihr die gesamte Vereinigte Grohdeutsch-Hessische Gemeinschaft einig mit Herrn Archivdirektor Prof. Dr. Dieterich, daß sowohl wirtschaftsgeographische wie kulturelle Gründe den Zusammenschluß von Nordhessen mit dem Rhein-Maingebiet zu einem Reichsland erfordern. Innerhalb des Rhein-Maingebiets hat sich, wie Herr Archivdirektor Dieterich mit Recht betont hat, eine zusammengehörige rheinfränkische Bevölkerung gebildet, die durch die Mattiaker chattisch beeinflußt worden ist. Auch die chattisch- hessische Bevölkerung Rvrdhessens ist kulturell fränkisch nach dem Jahre 500 beeinflußt worden. Beide Bevölkerungen umschlingt aber außerdem ein wirtschaftliches Zusammengehörigkeitsgefühl, bedingt durch das Großfrankfurt-Kafseler Wirtschaftsgebiet innerhalb der obengenannten Grenzen.
Mit Rocht hat Herr Archivdirektor Dr. Dieterich das geschichtliche Recht des Dolksstaates Hessen gegenüber dem geschichtlichen Recht der hessischen Landschaft, wie es von Professor Dr. Stengel, Marburg, betont wird, verfochten und an die heffen-darmstädtische Staatsgefinnung appelliert.
Wir find der Auffassung, daß der Volksstaat Hessen nicht nur ein geschichtliches Recht hat, sondern sogar eine geschichtliche Pflicht, sich als letzter Teil des hessifch-fränkischen Landes reichsunmittelbar zu halten, bis ihn das Reichsland Hessen oder Hessen-Nassau ablöst, das dem Gesamtgebiet die ihm zukommende Gestalt mit den wahrer Volksfreiheit entsprechenden Rechten gibt. Der Volksstaat Hessen hat die Pflicht, der treue Wächter des Reichs an der Mainbrücke zu fein, bis die Reichsreform durchgeführt ist und das
Katastrophe.
Von Larry Brachvogel.
Wie an vorhergehenden Tagen schritt auch heute Mrs. Lucy Fawcett, die schöne Amerikanerin, der großen, traurigen Stalle entgegen, in der man die Toten barg, die das Meer von dem zerborstenen Dampfer wegholte und sanft auf den Strand niederlegte. Immer wieder brachte es solch verstummte Menschenfracht, doch auch immer wieder Kunde von märchenhaften Rettungen aus der furchtbaren Schiffskatastrophe, die zwei Kontinente mit Entsetzen und Trauer erfüllt hatte. Passagiere, die man tot geglaubt, trafen, zwar völlig erschöpft, aber dennoch heil und gesund ein und von fernen Küsten meldeten sich immer wieder Verschlagene.
-ewuhtlos war Shict) Fawcett von ihrem Mann in eines der überfüllten Rettungsboote getragen worden — seitdem wußte sie nichts mehr von ihm. Doch Unglücks- und Boots- gefährten hatten ihr später erzählt, daß Fred Fawcett auf den sinkenden Dampfer zurückgekehrt war, um sich an weiterem Rettungswerk zu beteiligen... Auch hatten sie noch gesehen, daß irgend jemand ihm einen Rettungsgürtel zugeworfen hatte. Mrs. Luch brauchte also, wie sie sagten, keineswegs alle Hoffnung aufzugeben. Es war durchaus möglich, daß Fred Fawcett gleich anderen ein wundersames Schicksal erleben durfte...
Mrs. Lucy hörte zu, glaubte die Worte und glaubte sie nicht. Glaubte, weil sie ihren Mann wieder haben wollte, glaubte nicht, weil sie kühl und vernünftig war. So hatte sie sich mit dem Gedanken, daß er tot fei, schon ziemlich abgefunden, aber da war etwas anderes, was sie peinigte: die Vorstellung, daß er weit draußen vom Ozean verschlungen worden, als wäre er irgendein armseliger Matrose oder Fischer gewesen und nicht der vielbeneidete Gatte Luch Harrisons...
Nein, an diesen Gedanken vermochte sie sich nicht zu gewöhnen. Alles in ihr sträubte sich dagegen. Das Meer durfte ihn nicht behalten. Es muhte ihn herausgeben — lebendig oder tot. Sie toar nicht gewöhnt, auf Widerstände zu stoßen, ©emeinfam mit dem Schicksal hatte ihr Vater,
ein überseeischer Industriekönig, sie allzu sehr verwöhnt. Sie wußte nichts von versagten Wünschen. Hätte sie eines Tages zu ihrem Vater gesagt: Pa', ich möchte beim nächsten Ball der Astors den EuNinandiamanten als Halsschmuck tragen!, so wäre gewiß zwei Tage später der amerikanische Gesandte im Londoner Foreign Office erschienen und hätte gefragt, um welchen Preis der Riefendiamant zu kaufen fei... Was sie begehrte, erreichte sie, auch wenn es Opfer aller Art kostete. Ihre Heirat mit Fred hatte ein großes Opfer gekostet; das Herz Edith Normanns, an der Fred hing, und die er trotz des Widerstandes seiner vornehmen Familie hatte heiraten wollen. Doch Edith war nur eine kleine Sängerin, die mit einem deutschen Gastspielensemble gekommen war, und Lucy Harrison hatte sichs nun einmal in den Kopf gesetzt, Fred Fawcetts Frau zu werden. Zuerst hatte er ihr nur darum gefallen, weil er hübsch, elegant und Sportsmann war, als sie aber hörte, daß eine andere zwischen ihm und ihr stand, wurde es für sie Ehrensache, Siegerin in diesem Wettkampf zu bleiben. Weil sie alles erreichte, was sie sich fest, so recht fest vornahm, blieb sie Siegerin. Edith selbst gab Fred frei, legte sich bann, tot- müde vor Lieberanstrengung und Herzeleid in irgendein Hospital und war verschollen. Lucy aber feierte ein Hochzeitsfest, über dessen Pracht unb Herrlichkeit die Zeitungen spaltenlange Berichte brachten.
So hatte Fred ihr gehört, nur ihr, unb alles andere war vergessen unb versunken. War es wirklich vergesien? Nein, so kühl und vernünftig unb selbstbewußt Lucy auch war, so fühlte sie boch, daß sie ihrem Mann nicht alles war. bah trotz aller Zärtlichkeit, d.e sie gab und empfing, etwas in ihm stumm und dunkel blieb — dunkel unb stumm für sie. Trotzdem ihr Sentimentalität ferne lag. begriff sie doch, daß vor Ediths zartem Blondgeficht diese dunkle stumme Seite in Freds Wesen hell unb beredt werden würde und alsbald sagte ihre Vernunft: »Reisen ist ber beste Dergessenheitstrank! Wie wäre es mit einer kleinen Europafahrt?"
Kaum war der Gedanke ausgesprochen, so wurden auch schon die Luxuskabinen auf bem gigantischen Dampfer bestellt und das junge Paar schiffte sich ein. Lucy fühlte sich erleichtert, als sie die Küste verschwinden sah. Trotz aller Kühle
unb Vernunft war sie in letzter Zeit rechtschaffen eifersüchtig gewesen. So eifersüchtig, daß sie überall in-Freds Leben Ediths Spur suchte und witterte. Sogar als sie den Dampfer bestieg, war's ihr eine Minute lang gewesen, als hätte sie das Blondgesicht Ediths auftauchen sehen. Gleich aber hatte sie über sich selbst gelächelt. Wie sollte Edith Normann, sofern sie überhaupt heimkehren wollte, just diesen Dampfer wählen? Lind wenn sie ihn durch einen seltsamen Zufall gewählt hätte, so würde Fräulein Normann sicherlich in ber dritten Kabine kampieren, käme also nie, gar nie, mit den Insassen der Lupus- kabinen in Berührung ... Aber gewiß war alles nur Einbildung gewesen, Neckspiel einer eifersüchtigen Phantasie...
Dann lag der Dampfer mit aufgeschlitztem Leib da unb wie Jagdhunde gierig ben Aufdruck verschlingen, so verschlangen die Wogen gierig die lebenden und toten Köstlichkeiten, die ihm entströmten. Lucy, bie von ihrem Mann Gerettete, fanb sich jeden Tag in ber großen, traurigen Halle ein, um den Gatten zu suchen unb in Gebanken dem Meer zu gebieten, daß es ihn zurückgeben solle...
Als sie heute bie Halle betrat, sah sie in einer Ecke einen Menschenknäuel, der sich um eine neue Aufbahrung drängte. Luch wußte alsbald, wer da lag — unb wußte es doch nicht. Bahnte sich schnell einen Weg durch bie Menschen, bie erschüttert aussahen. Einige Frauen weinten. Männer murmelten von stillem Helden- mut. Luch ftanb an ber Bahre. Sah... erfannte ... starrte...
Ja, es war Fred Fawcett, ber ba lag, ihr Freb, doch an seiner Schulter lag in zarter Hingebung ein blasses Mondgesicht, als wisse es sich nun geborgen vor aller Not. Stark unb zärtlich hielt ber Mann bas Mädchen umfangen, bas er wegtragen wollte aus Schrecknis und Tob. Sanft waren bie beiben aneinanberge- schmiegt, unb doch schon so erstarrt, bah man bie verschlungenen Arme nicht mehr hatte lösen können. Mit bem marmornen Frieben bes Todes um bie bleichen Stirnen glichen sie bem ergreifenden Grabmal einer tragischen Liebe...
Immer noch ftanb Lucy, sah... starrte... schrie auf... sank zu Böden...
Das Meer hatte ihr gehorcht.^
kommende Reichsland die Mittlerfunktion -wische» des Reiches Nord und Süd übernommen hat. Fällt Hessen, so wird die preußische zentralistische Front an den Neckar verlegt, und Nord unb Süd prallen unvermittelter denn je auseinander. Dann ist auch eine Ausrottung der ReichSreform- unb Neugliederungsfrage im Rhein-Maingebiet auf ewig unmöglich geworden, unb mit ihr eine gesamtdeutsche Reform überhaupt.
Lim des Reiches willen muß der VolkSstaat Hessen reichsunmittelbar bleiben, um des Reiches willen gilt es. e i n Reichsland um Rhein unb Main, zwischcm Diemel und Neckar, Rhon- Spessart und Hunsrück-Westerwald zu schassen auf geschichtlicher, kultureller und Wirtschaf tSgeo- graphischer Grundlage.
Die Großdeutsch-Hessische Gemeinschaft Gießen dankt dem Herrn Archivdirektor Prof. 5>r. Dieterich bestens hierfür, daß er diese Grundgedanken aufS neue in aller Oefsentlichkeit klargestellt und von der historischen Seite aus beleuchtet hat.
Im Kanrpse um dieses Gedankengut wird er di« Vereinigte Großdeutsch-Hesiische Gemeinschaft stets an seiner Seite wissen dürfen.
Aus ver Provinzialhauptstadi.
Gießen, den 24. Juli 1930.
Oer Blumenschmuck-Wettbewerb.
Die erste vorläufige Besichtigung in dem vom Verkehrs, und Verschönerungsverein Gießen veranstalteten Blumenschmuck« Wettbewerb- zur Prämiierung der besten Leistungen, bei welcher rund 120 Preise zuerkannt werden konnten, Hot vor einigen Ingen stattgesunden. Sie ergab im allgemeinen eine Wendung zum Besseren gegen bas Vorjahr und gegen bas von früher her bekannte Bild, nämlich, daß bie Besitzer um so mehr Interesse an ben lag legen, je mehr man sich ber Peripherie ber Stabt nähert, währenb umgekehrt bas Straßenbild der Altstadt um so ober wirkt, je nötiger im Mittelpunkte bes Verkehrs ber Blumenschmuck wäre. Bei näherer Prüfung ber Anmclbeliste ergibt sich, baß der Mit- telftanb am eifrigsten wirkt, um bie Fassade seines Wohnhauses nebst Vorgarten sreunblich zu gestalten. Dieser Gemeinsinn für bas Schöne ergibt sich auch aus ber Nennung ber Straßen, bie als besonbcrs ftcroorragenb bezeichnet werben können. Es finb bies: Am Kugelberg, Am Nahrungsberg, Kaiserallee, mit ber überaus geschmackvoll bepflanzten Kaserne ber Maschinengewehr-Kompanie, Gnauth- unb Goethestraße, besonbcrs am oberen Teil, während weiter unten bie Vogt'sche Handelsschule an ber Wicseck trotz ihrer ungünstigen, bem Westwinb preisgegebenen Lage Vorbilblichcs geschaffen hat. Weitere hervorragcnbe schöne Leistungen bemerkt man an ber stäbtischen Alten Bürgermeisterei, an ben beiben Schwesternhäusern, nicht zu vergessen bas Schwesternheim im Asterweg unb ber musterhaft gehaltene, reich ausgestattete Garten von Schaff- ftaebt an ber Ostanlage. Damit ist bie Zahl ber her- oorragenben Leistungen auch außerhalb ber Preisbewertung keineswegs erschöpft. Eine ganze Reihe anderer sollen später hervorgehoben werben, da noch eine zweite Bewertung vorgesehen ift. Diese ist notwendig geworden einerseits durch bie ungünstige Witterung mit Sturm unb Platzregen, bie namentlich ben Petunien arg zugesetzt hat unb auch ben ©eranicnflor stark schädigte, anderseits aber auch um denjenigen Besitzern gerecht zu werden, die infolge verspäteten Erscheinens bes Aufrufs bes Verkehrs- unb Verschönerungsoereins erst nachträglich Folge leisteten unb beren Pflanzenwuchs zur Zeit noch nicht auf ber Höhe der Entwicklung sieht. Alle Beteiligten werben gebeten, es nicht an ber Nachdüngung ihrer Vorgärten unb Fensterblumen fehlen zu lassen, bamit nicht nur eine Verbesserung ber zuerkannten Noten bei ber Bewertung möglich ist, sonbern vor allem auch, baß unsere Stabt trotz ber trüben Aussichten in Han bei und Gewerbe wenigstens äußerlich ein blühendes Gesicht freudigen Wachsens unb Gedeihens zeige.
Landwehrtag ehemaliger 116er.
Der Landwehrtag der ehemaligen 116er führte am vorigen Sonntag etwa 500 Kameraden mit Angehörigen in unsere Garnisonstadt, aus der
Eine Schwalbe fliegt Rekord.
Die ganze Welt streitet sich mit Rekorden herum — in der Lust, im Wasser, auf dem Lande, mit Menschen und Maschinen. Ob jemand daran gedacht hat, daß auch eines Tages eine Schwalbe kommen könnte, um einen der Rekorde zu brechen, die die Menschlein für sich in Anspruch nehmen? In diesen Tagen wurde zwischen Metz und Saint Avold ein Experiment gemacht, das nicht gerade tierfreundlich ist, das aber ein interessantes Ergebnis aufwies. Eine Schwalbe wurde in Saint Avold aus ihrem Nest genommen und nach Metz gebracht. Dort ließ man das Tierlein auf dem Bahnhof fliegen. Durch genaue Zeitregistrierun- gen stellte man fest, daß der Vogel bie Stmcke von 45 Kilometer in 13 Minuten und 45 Sekunden durchflog. Das bedeutet eine durchschnittliche Stundengeschwindigkeit von 210 Kilometer.
Wie lange brauchten die Menschen dazu, um Motoren zu bauen, die die Geschwindigkeit eines Vogels zustande brachten, den man vom wichtigen Geschäft des Brütens hinwegriß!
Oer polizeisalomo von Prag.
Vollbesetzte Straßenbahn. Herr Hudlihka studiert die wohlwollende Mahnung der Polizeidirektion: »Dor Taschendieben wird gewarnt!" Da merkt er, daß ein anderer Fahrgast sich an feinem Anzug in verdächtiger Weise zu schaffen macht. Herr Hudlihka läßt den Burschen gewähren und faßt ihn erst in dem Augenblick ab, wo dieser die Brieftasche in feiner Hose verschwinden läßt. Die Straßenbahn hält, der Schupo erscheint, und die Gesellschaft begibt sich nach dem Revier. Leugnen ift zwecklos. Die gestohlene Brieftasche spricht für sich. Der Polizeirichter ist gerade anwesend und macht kurzen Prozeß. Er verurteilt den Dieb zu 200 Kronen Geldstrafe und acht Tagen Einzelhaft. Entnimmt der Brieftasche diese Summe. Läßt den Dieb abführen. Lind überreicht dem Geschädigten fein Eigentum mit dem r e st l i ch e n Inhalt. In der Brieftasche waren insgesamt — 270 Kronen. Herr Hudlihka schwor, sich nie wieder vor Taschen- trieben warnen zu lassen...


