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Donnerstag, 1950
180. Jahrgang
Nr. \I\ Erstes Blatt
GietzeimAnzeiger
General-Anzeiger für Oberheffen
t>ntd und Verlag: vrühl'fche Univerfitäts-Vuch' und Stetnörudcrei B. Lange in Sietzen. Zchriftleitung und Sefchäftrstelle: Zchulittatze 7.
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Dr. Friedr. Wilh. Gange. Derantwonlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Gange; für Feuilleton Dr H.Tbyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumfchein und für den Anzeigenteil Max Filte^ sämtlich in Gießen.
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Die Unglürfsftelle.
Köpfe zahlende Menschenmenge von dem dem Deutschen Eck gegenüberliegenden Ufer auf diese Brücke zu, die dem Massenandrang jedoch nicht gewachsen war. Die Brücke ruhte a uf zwei Pontons, auf denen je zwei Pfeiler angebracht waren, über die sich der Bohlenbelag von einem zum anderen Ufer erstreckte. Dadurch, daß die Brücke eine einseitige B e l a st u n g erfuhr, senkte sie sich nach W e st e n, als der Menschenandrang sich noch mehr verstärkte, stürzte die Brücke vollends um. Schätzungsweise sind 120 bis 150 Menschen ins Wasser fesallen, von denen allerdings die m e i st e n sich eiber retten konnten Die Brücke, die abseits des Hauptoerkchrs lag, hatte keine Beleuchtung auszuweisen, so daß eine allgemeine Verwirrung und entsetzliche Panik entstanden. Die Hilfeschreie waren weithin in der Nacht zu hören und wurden selbst auf dem gegenüberliegenden. Ufer des Rheins und der Moel vernommen. Die Feuerwehr war innerhalb acht Minuten zur Stelle, zu gleicher Zeit erschien auch ein größeres Polizeiaufgebot. Technische Rotfrilfe stellte sich ebenfalls zur Verfügung, sowie eine große Anzahl von Schiffern, die in ihren Kähnen und Motorbooten an die Aln- fallstelle eilten. Zunächst wurden etwa 50 Menschen gerettet, die mit dem Tode rangen. Die Böschungen an beiden Alfern sind sämtlich steil, so daß diejenigen, die sich durch Schwimmen retten konnten, ebenfalls in höchster Gefahr waren. Rach Rettung der im Wasser treibenden Menschen wurde sofort mit der Suche nach den Opfern begonnen. 3n der Rächt weilten der Oberbürgermeister und der Oberpräsident der Rheinprovinz an der, Alnglücksstätte. Am Morgen erschien Ministerpräsident Braun.
Die Etrombauverwaltung hatte bei der Spezialfirma für Schiffshebe-, Taucher- und Sprengarbeiten Peter Jansen in Köln Taucher für die weitere Suche nach Verunglückten angefordert. Ein Taucher ging daraufhin in dem Eingang zum Sicherheitshasen von der Alnfallstclle aus eine Strecke von etwa 70 Meier hafeneinwärts ab. Die Suche blieb ergebnislos. Es wurden lediglich einige Kleidungsstücke gefunden. Da mit Sicherheit angenommen wird, daß in dem schlammigen Grund noch mehr Leichen stecken, werden die Laucherarbeiten fortgesetzt.
Oie Einsturzkatastrophe in Koblenz.
Ein Augenzeuge berichtet.
' Koblenz, 23.Juli. (WTB.) Ein Augenzeuge der grausigen Katastrophe schildert den Hergang des Unglücks wie folgt:XM) hatte mich mit Bekann- ten über die Unglücksbrücke zum Neuendorfer Eck begeben, um von dort aus das Feuerwerk besser beobachten zu können. Die letzten Leuchtkugeln waren am nächtlichen Himmel verglüht, als viele Beobachter des Feuerwerks heimwärts über die schmale Brücke am Eingang des Sicherheitshafens in Koblenz- Lützel drängten. Ich befand mich in einem Zuge freudig geHinunter Menschen aus der Drücke kurz vor dem Lützeler Ufer, als plötzlich mit lautem Krach und Getöse die Brücke unter den dicht gedrängt Kopf an Kops auf ihr befindlichen Menschen zusammenbrach und die aus ihr befindlichen Männer, Frauen und Kinder mit sich in die Tiefe ritz. Ich selbst stürzte mit in den an dieser Stelle befonders tiefen Flußhafen. Gellende Hilferufe schallten über die dunkle Wasserfläche. In der höchsten Not klammerten sich ins Wasser Gefallene aneinander. Daichnaheam Ufer war und einen Halt hatte, gelang es mir, verschiedenen in der Nähe befindlichen Leuten beizustehen und sie vor dem Tode zu retten. Indesien schlugen die unglücklichen, aus. und untertauchenden Menschen in ihrer höchsten Angst und Not wild um sich. Die Dunkelheit und die Todesangst behinderten naturgemäß die gegenseitige Hilfeleistung, und eine wilde Panik hatte alle ergriffen.
Die Bergungsarbeiten.
Ter Hergang detz Unglücks.
K o b 1 e n z, 23. Juli. (TU.) Bel der eingestürzten Brücke handelt es sich um eine Brücke, die über eine etwa 25 Meter breite Hafenein- fahrt von der Mosel in den sog. Floß - ^lcher- h e i t sh a f e n führt. Als die Festbeleuchtung gegen 23 Uhr zu Ende war, strömte eine mehrere tausend
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Ein tragisches Bild: Der Reichspräsident schaut in der Festfreude des Nachmittags auf das schöne Moseltal mit der Stelle, an der wenige Stunden später 35 Menschen einen furchtbaren Tod fanden.
Die Opfer.
Koblenz, 23.3uü. (Tel.-Aln.) Am Mittwochnachmittag pilgern viele Koblenzer über die alte Moselbrücke hinüber zum Vorort Lützel, um zu der Alnglücksstelle am Sicherheitshafen zu kommen. 3n der Turnhalle der Telegraphenkaserne liegen die Opfer alle in langer Reihe, Männer, Frauen, Mädchen. Mütter und in der Mitte vier Kinder. Draußen werden die Särge angefahren und drinnen weint und fleht ein« junge Frau, die ihren kleinen, sechsjährigen Jungen zum Vater mitnehmen toiH. Sie ist in Amerika verheiratet und wollte den Jungen, der in Koblenz bei den Großeltern gewesen war, wieder zu sich nehmen. Er war mit seinem Großvater zum Feuerwerk gegangen und beide fanden den Tod. Mit leeren Händen kehrt nun die Mutter zum Gatten zurück. Ein großer kräftiger Mann liegt in der Reihe. Er hat sich noch selbst am Rettungswerk beteiligt. Eine junge Diatonts- 11 n liegt neben einer ihrer Schülerinnen und weiter unten in der Reihe eine barmherzige Schwester. Racheinander kommen die Angehörigen und Verwandten der Koblenzer Toten in die Halle, um ihre Lieben zum letzten Mal« zu sehen.
Alnter den Opfern der Einsturzkatastrophe befinden sich 13 Männer, 18 Frauen und Mädchen und vier Kinder. Die bisher geborgenen Personen stammen fast ausschließlich aus dem Stadt- und Landkreis Koblenz. AIn- erfannt find noch zwei Männer und sechs Frauen und Mädchen. Don den Angehörigen eines Pensionats, die sich im Augenblick des Einsturzes auf der Brücke befanden, sind sechs junge Mädchen umgekommen. Die Schwester, die die jungen Mädchen führte, konnte aus dem Wasser gezogen werden. Bei den ertrunkenen Mädchen handelt es sich um Angehörige eines Pensionats in Rheinwaldheim bei Groth.
Bei den Rettungsarbeiten haben sich zwei Leute ganz besonders ausgezeichnet, nämlich der Schupowachtmeister Klein aus Metternich, der in voller Alniform ins Wasser sprang und zehn Personen rettete, und der Oberpostschaffner Kirch, der ebenfalls sein Leben immer wieder aufs Spiel setzte.
Die Trauerkundgebung.
Hindenburg spricht.
Im Koblenzer Stadtverordnetensihungssaal fand mittags die Trauerkundgebung _ für die Opfer des Hirchtbaren Koblenzer Alnglücks statt. Der Saal war schwarz verhängt, die Fenstervorhänge zugezogen, und nur die umflorten Leuchter verbreiteten ein schwaches, gedämpftes Licht. Schwarz umflort war ein großes Kruzifix, das auf beiden Seiten von Kandelabern umgeben war, im Saal aufgehängt. Als der Reichspräsident am Stadthaus vorfuhr, verharrte die Wenge, die ihm gestern zugejubelt hatte, in erstem Schweigen. An der Trauerkundgebung nahmen auch die in Koblenz anwesenden Minister des Reichs und von Preußen und die Begleitung des Reichspräsidenten teil. Zu Beginn der Trauerfeier berichtet«
Oberbürgermeister Russell
über das entsetzlich« Alnglüd, das etwa vierzig Merrschenleben gefordert hat. Aleber die Airsache des Brückeneinsturzes und die Verantwortlichkeit für ihn. führte er aus: Rach allem, was wir festgestellt haben, handelt es sich bei der Katastrophe um einen unglücklichen Zufall. Der Weg. der über die Brücke führt, ist kaum begangen und weist zu normalen Zeiten kei
nerlei Verkehr auf. Er ist diesmal begangen worden, weil die übrigen Wege durch Wagen zu sehr beansprucht waren. Die Brücke ist Eigentum der preußischen Wasserbauverwaltung, die stets mit aller bei der Alnter» Haltung derartiger Bauten gebotenen Vorsicht verfahren hat. Selbstverständlich ist, daß die Verantwortliches tsf rage aufgeworfen wird und mit allem Rachdruck zu verfolgen ist. Alles, was zur Hilfeleistung erreicht werden formte, ist unternommen worden. Di« Feuerwehr, die Sanitäter, Aerzte und vor allem auch di« Mannschaften der Rheinstrombauverwaltung bemühten
Rom, 24. 3uli. (WTB. Funkspruch.) Die Rachrichten aus dem Erdbeben gebt et lauten immer beängstigender. Der Umfang der Katastrophe ist trotz der vielen erschütternden Einzelheiten, wie die heutigen Morgenblätter bringen, auch jetzt noch nicht zu übersehen. Rach den letzten Rachrichten der Morgenblätter sind im Hauptbebengebiet allein m i n b e - st ens 700 Menschen ums Geben gekommen. Ls ist zu befürchten, daß diese Zahl unter
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Das Zentrum des süditalienischen Erdbebengebiets.
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Avellino
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Nocera Salerno
Berücksichtigung der Todesopfer in den weniger heimgesuchten Provinzen in Italien d 1 e Tausend erreichen ober gar überschreiten wirb. Die Zahl ber Derrounbeten, unter benen sich viele Schwerverletzte befinben, ist zweifellos ganz erheblich größer, ihre Bergung unb ihr Abtransport mit Lastkraftwagen unb Prioatautos ist schon feil gestern wirksam im Gange. Die Zahl ber Toten allein für Melfi, bas unmittelbar im Epizentrum bes Erbbebens liegt, wird heute früh mit 200 angegeben, 400 Personen sollen verletzt sein. Auch in dem zu dem Erdbeben- । gebiet gehörenden Lacedonia sollen mehrere I hundert Menschen umgekommen fein. Eine Anzahl kleiner Dörfer ist ebenso wie Melfi völlig z e t - ft ö r L Mit anderen Dörfern konnte überhaupt noch keine Verbindung hergestellt werden.
Dii Hilfsaktionen aus der Hauptstadt, aus Reapel. Potcnca, Foggia, Avellino sind in vollem Gange. Speisen, Kleider, Medikamente und Instrumente aller Art sind mit dem Hilfs- und 5anl- tätsperfonal mit Bahn und Auto in die am meisten heimgefuchten Gemeinden entsandt worden. THiniffer- präsident Mussolini hat sofort nach ber Mel-
sich tn rührender Weife um die Unglücklichen, um sie noch dem Leben zu erhalten. Heute ist die Hoffnung hinfällig.
Mit tiefernster Miene nahm dann
Reichspräsident von Hindenburg
als Ehrenbürger der Stadt Koblenz selbst back Wort.
Tief bewegt steh« Ich als ehemaliger Bürger von Koblenz und Ehrenbürger in Ihrer Mitte, um Ihnen mein innigstes Mitgefühl auszusprechen über das große Unglück, daS in so jäher Weise die gestrige Festesfreude abge- schloffen hat. Ich gedenke mit Wehmut der Verstorbenen und warmer Teilnahme ihrer Hinterbliebenen. Wo es nötig ist, werde ich in der Rot helfen. Ich habe gestern Freude mit Ihnen geteilt, freute empfinde : ch mit 3frnen den tiefen Schmerz, der Sie und das Land betroffen hat. Gott segne di« armen trauernden Hinterbliebenen in ihrem Leid« und segne die teueren Entschlafenen.
Oberbürgermeister Dr. Russell dankte dem Reichspräsidenten für diese aus ganzem Herzen kommenden Worte. Sie sollen uns Trost sein. Diesen Trost werde ich den Hinterbliebenen übermitteln. Aus die Bitte des Oberbürgermeisters erhob sich die Trauerversammluna zum Andenken der Verstorbenen und weihte ihnen ein stilles Gedenken. Als der Reichspräsident nach der Feier seinen Wagen bestieg, verharrte die Menge wieder in ehrfürchtigem Schweigen. Der Reichspräsident fuhr zum Bahnhof und verließ Koblenz mit seiner Begleitung mit dem fahrplanmäßigen Zug 12.24 Alfrr, um nach Berlin zurückzukehren.
Die Rückkehr des Reichspräsidenten.
Berlin, 23.Juli. Der Herr Reichspräsident ist heute abend, von Koblenz kommend, mit dem fahrplanmäßigen Schnellzug um 10.36 Uhr auf dem Bahnhof Friedrichstraße e i n g e t r o f f e n, wo er von dem Reichskanzler Dr. Brüning und dem Reichsminister für die besetzten Gebiete Trevira nu s-empfangen wurde. Der Herr Reichspräsi. dent, der von einer großen Menschenmenge achtungsvoll begrüßt wurde, begab sich vom Bahnhof unmittelbar in sein Palais.
düng über die Erdbebenkatastrophe persönlich die ersorderlichen Anweisungen für die von dem Erdbeben betroffenen Gebiete gegeben. Roch Im Lause der Rächt sind von Foggia hilss- z ü g e nach den Katastrophengebieten abgegangen, um für die Unterbringung der verletzten in die Krankenhäuser von Potenca zu sorgen. Der Präsident des italienischen Boten Kreuzes, Senator Lremonesi, und der Unterstaatssekretär im Ministerium für öffentliche Arbeiten, Lro11 alanza, sind sofort ins fiataffropfrengebiel abge- re 1 st. 3n den ersten Morgenstunden ist in den Garnisonen in der Rähe der Unglücksstationen Militär mit Hilfsgerät abgegangen.
Aus dem hauptbebengebiet werden furchtbare Schreckensfzenen berichtet. Rach diesen Meldungen war die Ducht des Bebens von Anfang an so stark, daß in unzähligen Fällen eine Flucht und ein Entkommen der schlaftrunkenen Bewohner aus kleinen Häusern gar nicht möglich war. 3n Rionoro, wo zahlreiche Kinder durch den L 1 n st u r z des Waisen- Hauses verletzt wurden, wurde eine Frau aus den Trümmern geborgen, die s i ch vergeblich schützend über drei Kinder gelegt halte, dabei aber selbst den Tod sand. 3n Melfi. das am stärksten gelitten hat, ist u. a. auch das historische Schloß Kaiser Friedrichs IL zu einem Teil eingestürzt. Außerdem sind in dem Crbbebengebiet zahlreiche Kirchen und Glockentürme vernichtet worden. 3m verlaufe des gestrigen Tages haben sich an verschiedenen Stellen noch Erdbeben ereignet. Sie haben jedoch keine neuen Schäden angerichtet und Kundige schtte- hen daraus, daß das Raturereignis feinen normalen Gang nimmt und ohne weitere Gefahren mit sich zu bringen, feinem Ende entgegengeht.
Die große Raturkatkkstrophe, von der ©üb* italiezt betroffen worden ist, und die nach der« bisher vorliegenden Meldungen an die taufend Todesopfer gefordert hat, steht in der Geschichte der Raturkatastropfren keineswegs einzigartig da« Gerade Italien ist von jeher ein Katastrophen- gebiet gewesen, in dem die Raturgewalten fast: alljährlich ihre Opfer an Menschenleben fordern. Die größte Erdbebenkatastrophe, von der Italien jemals heimgesucht worden ist, war das Erdbeben im Jahre 1908, bei dem die Stabte Reggio und Messina zerstört wurden, Der Ausbruch des Vesuvs im Jahre 1794, der ungeheuren Schaden anrichtete, forderte nahezu 25 000 Lote. An Todesopfern wird dieja
1000 Todesopfer der Erdbebenkatastrophe in Sirdiialien.


