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I

Donnerstag, 1950

180. Jahrgang

Nr. \I\ Erstes Blatt

GietzeimAnzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

t>ntd und Verlag: vrühl'fche Univerfitäts-Vuch' und Stetnörudcrei B. Lange in Sietzen. Zchriftleitung und Sefchäftrstelle: Zchulittatze 7.

Annahme von Anzeige, für die lagcsnummer bis zum Nachmittag vorha.

Preis für \ mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig; für Re» klomeanzelgen von 70 mm Breite 35 Reichspfennig, Platzvorfchrifl 20* , mehr.

Chefredakteur

Dr. Friedr. Wilh. Gange. Derantwonlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Gange; für Feuilleton Dr H.Tbyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumfchein und für den Anzeigenteil Max Filte^ sämtlich in Gießen.

Erscheint täglich,außer Sonntags und Feteriags.

Beilagen:

Die Illustrierte Gießener FamilienblLtter

Heimat im Bill» Die Scholle.

Monats-Sezugspreis: 2.20 Reichsmark und 30 Reichspfennig für Träger­lohn, auch bei Richter» Beinen einzelnerRummern folge höherer (Bemalt

KentsprechanschlSsse nn terS am me Inummer2251. Anschrift für Drahtnach­richten: Anzeiger Gießen.

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Die Unglürfsftelle.

Köpfe zahlende Menschenmenge von dem dem Deut­schen Eck gegenüberliegenden Ufer auf diese Brücke zu, die dem Massenandrang jedoch nicht gewachsen war. Die Brücke ruhte a uf zwei Pontons, auf denen je zwei Pfeiler an­gebracht waren, über die sich der Bohlenbelag von einem zum anderen Ufer erstreckte. Dadurch, daß die Brücke eine einseitige B e l a st u n g erfuhr, senkte sie sich nach W e st e n, als der Menschenandrang sich noch mehr verstärkte, stürzte die Brücke vollends um. Schät­zungsweise sind 120 bis 150 Menschen ins Wasser fesallen, von denen allerdings die m e i st e n sich eiber retten konnten Die Brücke, die abseits des Hauptoerkchrs lag, hatte keine Beleuch­tung auszuweisen, so daß eine allgemeine Ver­wirrung und entsetzliche Panik entstanden. Die Hilfeschreie waren weithin in der Nacht zu hören und wurden selbst auf dem gegenüberliegenden. Ufer des Rheins und der Moel vernommen. Die Feuerwehr war innerhalb acht Minu­ten zur Stelle, zu gleicher Zeit erschien auch ein größeres Polizeiaufgebot. Technische Rotfrilfe stellte sich ebenfalls zur Verfügung, sowie eine große Anzahl von Schiffern, die in ihren Kähnen und Motorbooten an die Aln- fallstelle eilten. Zunächst wurden etwa 50 Men­schen gerettet, die mit dem Tode rangen. Die Böschungen an beiden Alfern sind sämtlich steil, so daß diejenigen, die sich durch Schwim­men retten konnten, ebenfalls in höchster Gefahr waren. Rach Rettung der im Wasser treibenden Menschen wurde sofort mit der Suche nach den Opfern begonnen. 3n der Rächt weilten der Oberbürgermeister und der Oberpräsident der Rheinprovinz an der, Alnglücksstätte. Am Morgen erschien Ministerpräsident Braun.

Die Etrombauverwaltung hatte bei der Spe­zialfirma für Schiffshebe-, Taucher- und Spreng­arbeiten Peter Jansen in Köln Taucher für die weitere Suche nach Verunglückten angefor­dert. Ein Taucher ging daraufhin in dem Eingang zum Sicherheitshasen von der Alnfallstclle aus eine Strecke von etwa 70 Meier hafeneinwärts ab. Die Suche blieb ergebnislos. Es wur­den lediglich einige Kleidungsstücke gefunden. Da mit Sicherheit angenommen wird, daß in dem schlammigen Grund noch mehr Leichen stecken, werden die Laucherarbeiten fortgesetzt.

Oie Einsturzkatastrophe in Koblenz.

Ein Augenzeuge berichtet.

' Koblenz, 23.Juli. (WTB.) Ein Augenzeuge der grausigen Katastrophe schildert den Hergang des Unglücks wie folgt:XM) hatte mich mit Bekann- ten über die Unglücksbrücke zum Neuendorfer Eck begeben, um von dort aus das Feuerwerk besser beobachten zu können. Die letzten Leuchtkugeln waren am nächtlichen Himmel verglüht, als viele Beobachter des Feuerwerks heimwärts über die schmale Brücke am Eingang des Sicherheitshafens in Koblenz- Lützel drängten. Ich befand mich in einem Zuge freudig geHinunter Menschen aus der Drücke kurz vor dem Lützeler Ufer, als plötzlich mit lautem Krach und Getöse die Brücke unter den dicht gedrängt Kopf an Kops auf ihr befindlichen Men­schen zusammenbrach und die aus ihr befind­lichen Männer, Frauen und Kinder mit sich in die Tiefe ritz. Ich selbst stürzte mit in den an dieser Stelle befonders tiefen Flußhafen. Gel­lende Hilferufe schallten über die dunkle Wasserfläche. In der höchsten Not klammerten sich ins Wasser Gefallene aneinander. Daichnaheam Ufer war und einen Halt hatte, gelang es mir, verschiedenen in der Nähe befindlichen Leuten bei­zustehen und sie vor dem Tode zu retten. Indesien schlugen die unglücklichen, aus. und untertauchenden Menschen in ihrer höchsten Angst und Not wild um sich. Die Dunkelheit und die Todesangst behin­derten naturgemäß die gegenseitige Hilfeleistung, und eine wilde Panik hatte alle ergriffen.

Die Bergungsarbeiten.

Ter Hergang detz Unglücks.

K o b 1 e n z, 23. Juli. (TU.) Bel der eingestürzten Brücke handelt es sich um eine Brücke, die über eine etwa 25 Meter breite Hafenein- fahrt von der Mosel in den sog. Floß - ^lcher- h e i t sh a f e n führt. Als die Festbeleuchtung gegen 23 Uhr zu Ende war, strömte eine mehrere tausend

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Ein tragisches Bild: Der Reichspräsident schaut in der Festfreude des Nachmittags auf das schöne Moseltal mit der Stelle, an der wenige Stunden später 35 Menschen einen furchtbaren Tod fanden.

Die Opfer.

Koblenz, 23.3uü. (Tel.-Aln.) Am Mitt­wochnachmittag pilgern viele Koblenzer über die alte Moselbrücke hinüber zum Vorort Lützel, um zu der Alnglücksstelle am Sicherheitshafen zu kommen. 3n der Turnhalle der Telegraphen­kaserne liegen die Opfer alle in langer Reihe, Männer, Frauen, Mädchen. Mütter und in der Mitte vier Kinder. Draußen werden die Särge angefahren und drinnen weint und fleht ein« junge Frau, die ihren kleinen, sechsjährigen Jungen zum Vater mitnehmen toiH. Sie ist in Amerika verheiratet und wollte den Jungen, der in Koblenz bei den Großeltern ge­wesen war, wieder zu sich nehmen. Er war mit seinem Großvater zum Feuerwerk ge­gangen und beide fanden den Tod. Mit leeren Händen kehrt nun die Mutter zum Gat­ten zurück. Ein großer kräftiger Mann liegt in der Reihe. Er hat sich noch selbst am Ret­tungswerk beteiligt. Eine junge Diatonts- 11 n liegt neben einer ihrer Schülerinnen und weiter unten in der Reihe eine barmher­zige Schwester. Racheinander kommen die Angehörigen und Verwandten der Koblenzer To­ten in die Halle, um ihre Lieben zum letzten Mal« zu sehen.

Alnter den Opfern der Einsturzkatastrophe be­finden sich 13 Männer, 18 Frauen und Mädchen und vier Kinder. Die bisher geborgenen Personen stammen fast ausschließlich aus dem Stadt- und Landkreis Koblenz. AIn- erfannt find noch zwei Männer und sechs Frauen und Mädchen. Don den Angehö­rigen eines Pensionats, die sich im Augen­blick des Einsturzes auf der Brücke befanden, sind sechs junge Mädchen umgekom­men. Die Schwester, die die jungen Mädchen führte, konnte aus dem Wasser gezogen werden. Bei den ertrunkenen Mädchen handelt es sich um Angehörige eines Pensionats in Rhein­waldheim bei Groth.

Bei den Rettungsarbeiten haben sich zwei Leute ganz besonders ausgezeichnet, näm­lich der Schupowachtmeister Klein aus Metter­nich, der in voller Alniform ins Wasser sprang und zehn Personen rettete, und der Oberpostschaffner Kirch, der ebenfalls sein Leben immer wieder aufs Spiel setzte.

Die Trauerkundgebung.

Hindenburg spricht.

Im Koblenzer Stadtverordnetensihungssaal fand mittags die Trauerkundgebung _ für die Opfer des Hirchtbaren Koblenzer Alnglücks statt. Der Saal war schwarz verhängt, die Fenster­vorhänge zugezogen, und nur die umflorten Leuchter verbreiteten ein schwaches, gedämpftes Licht. Schwarz umflort war ein großes Kruzifix, das auf beiden Seiten von Kandelabern umgeben war, im Saal aufgehängt. Als der Reichs­präsident am Stadthaus vorfuhr, ver­harrte die Wenge, die ihm gestern zugejubelt hatte, in erstem Schweigen. An der Trauerkund­gebung nahmen auch die in Koblenz anwesenden Minister des Reichs und von Preußen und die Begleitung des Reichspräsidenten teil. Zu Beginn der Trauerfeier berichtet«

Oberbürgermeister Russell

über das entsetzlich« Alnglüd, das etwa vierzig Merrschenleben gefordert hat. Aleber die Airsache des Brückeneinsturzes und die Verantwortlich­keit für ihn. führte er aus: Rach allem, was wir festgestellt haben, handelt es sich bei der Katastrophe um einen unglücklichen Zufall. Der Weg. der über die Brücke führt, ist kaum be­gangen und weist zu normalen Zeiten kei­

nerlei Verkehr auf. Er ist diesmal be­gangen worden, weil die übrigen Wege durch Wagen zu sehr beansprucht waren. Die Brücke ist Eigentum der preußischen Wasser­bauverwaltung, die stets mit aller bei der Alnter» Haltung derartiger Bauten gebotenen Vorsicht verfahren hat. Selbstverständlich ist, daß die Verantwortliches tsf rage aufgeworfen wird und mit allem Rachdruck zu verfolgen ist. Alles, was zur Hilfeleistung erreicht werden formte, ist unternommen worden. Di« Feuerwehr, die Sanitäter, Aerzte und vor allem auch di« Mann­schaften der Rheinstrombauverwaltung bemühten

Rom, 24. 3uli. (WTB. Funkspruch.) Die Rach­richten aus dem Erdbeben gebt et lauten immer be­ängstigender. Der Umfang der Katastrophe ist trotz der vielen erschütternden Einzelheiten, wie die heuti­gen Morgenblätter bringen, auch jetzt noch nicht zu übersehen. Rach den letzten Rachrichten der Morgen­blätter sind im Hauptbebengebiet allein m i n b e - st ens 700 Menschen ums Geben gekom­men. Ls ist zu befürchten, daß diese Zahl unter

von

Das Zentrum des süditalienischen Erdbebengebiets.

vovr Sa\fcrno

Note . e

Avellino

Vesuv

Striano

Nocera Salerno

Berücksichtigung der Todesopfer in den weniger heimgesuchten Provinzen in Italien d 1 e Tausend erreichen ober gar überschreiten wirb. Die Zahl ber Derrounbeten, unter benen sich viele Schwerverletzte befinben, ist zweifellos ganz erheblich größer, ihre Bergung unb ihr Abtransport mit Lastkraftwagen unb Prioatautos ist schon feil gestern wirksam im Gange. Die Zahl ber Toten allein für Melfi, bas unmittelbar im Epizentrum bes Erbbebens liegt, wird heute früh mit 200 angegeben, 400 Personen sollen verletzt sein. Auch in dem zu dem Erdbeben- gebiet gehörenden Lacedonia sollen mehrere I hundert Menschen umgekommen fein. Eine Anzahl kleiner Dörfer ist ebenso wie Melfi völlig z e t - ft ö r L Mit anderen Dörfern konnte über­haupt noch keine Verbindung her­gestellt werden.

Dii Hilfsaktionen aus der Hauptstadt, aus Reapel. Potcnca, Foggia, Avellino sind in vollem Gange. Speisen, Kleider, Medikamente und In­strumente aller Art sind mit dem Hilfs- und 5anl- tätsperfonal mit Bahn und Auto in die am meisten heimgefuchten Gemeinden entsandt worden. THiniffer- präsident Mussolini hat sofort nach ber Mel-

sich tn rührender Weife um die Unglücklichen, um sie noch dem Leben zu erhalten. Heute ist die Hoffnung hinfällig.

Mit tiefernster Miene nahm dann

Reichspräsident von Hindenburg

als Ehrenbürger der Stadt Koblenz selbst back Wort.

Tief bewegt steh« Ich als ehemaliger Bürger von Koblenz und Ehrenbürger in Ihrer Mitte, um Ihnen mein innigstes Mitgefühl auszusprechen über das große Unglück, daS in so jäher Weise die gestrige Festesfreude abge- schloffen hat. Ich gedenke mit Wehmut der Ver­storbenen und warmer Teilnahme ihrer Hinter­bliebenen. Wo es nötig ist, werde ich in der Rot helfen. Ich habe gestern Freude mit Ihnen geteilt, freute empfinde : ch mit 3frnen den tiefen Schmerz, der Sie und das Land betroffen hat. Gott segne di« armen trauernden Hinterbliebenen in ihrem Leid« und segne die teueren Entschlafenen.

Oberbürgermeister Dr. Russell dankte dem Reichspräsidenten für diese aus ganzem Herzen kommenden Worte. Sie sollen uns Trost sein. Diesen Trost werde ich den Hinterbliebenen über­mitteln. Aus die Bitte des Oberbürgermeisters erhob sich die Trauerversammluna zum Andenken der Verstorbenen und weihte ihnen ein stilles Gedenken. Als der Reichspräsident nach der Feier seinen Wagen bestieg, verharrte die Menge wieder in ehrfürchtigem Schweigen. Der Reichs­präsident fuhr zum Bahnhof und verließ Koblenz mit seiner Begleitung mit dem fahrplan­mäßigen Zug 12.24 Alfrr, um nach Berlin zurück­zukehren.

Die Rückkehr des Reichspräsidenten.

Berlin, 23.Juli. Der Herr Reichspräsi­dent ist heute abend, von Koblenz kommend, mit dem fahrplanmäßigen Schnellzug um 10.36 Uhr auf dem Bahnhof Friedrichstraße e i n g e t r o f f e n, wo er von dem Reichskanzler Dr. Brüning und dem Reichsminister für die besetzten Gebiete Trevi­ra nu s-empfangen wurde. Der Herr Reichspräsi. dent, der von einer großen Menschenmenge achtungs­voll begrüßt wurde, begab sich vom Bahnhof un­mittelbar in sein Palais.

düng über die Erdbebenkatastrophe persönlich die ersorderlichen Anweisungen für die von dem Erdbeben betroffenen Gebiete gegeben. Roch Im Lause der Rächt sind von Foggia hilss- z ü g e nach den Katastrophengebieten abgegangen, um für die Unterbringung der verletzten in die Krankenhäuser von Potenca zu sorgen. Der Präsi­dent des italienischen Boten Kreuzes, Senator Lremonesi, und der Unterstaatssekretär im Mi­nisterium für öffentliche Arbeiten, Lro11 alanza, sind sofort ins fiataffropfrengebiel abge- re 1 st. 3n den ersten Morgenstunden ist in den Garnisonen in der Rähe der Unglücksstationen Militär mit Hilfsgerät abgegangen.

Aus dem hauptbebengebiet werden furcht­bare Schreckensfzenen berichtet. Rach die­sen Meldungen war die Ducht des Bebens von Anfang an so stark, daß in unzähligen Fällen eine Flucht und ein Entkommen der schlaf­trunkenen Bewohner aus kleinen Häusern gar nicht möglich war. 3n Rionoro, wo zahl­reiche Kinder durch den L 1 n st u r z des Waisen- Hauses verletzt wurden, wurde eine Frau aus den Trümmern geborgen, die s i ch vergeblich schützend über drei Kinder gelegt halte, dabei aber selbst den Tod sand. 3n Melfi. das am stärksten gelitten hat, ist u. a. auch das historische Schloß Kaiser Friedrichs IL zu einem Teil eingestürzt. Außerdem sind in dem Crbbebengebiet zahlreiche Kirchen und Glockentürme vernichtet worden. 3m verlaufe des gestrigen Tages haben sich an verschiedenen Stellen noch Erdbeben ereignet. Sie haben jedoch keine neuen Schäden angerichtet und Kundige schtte- hen daraus, daß das Raturereignis feinen nor­malen Gang nimmt und ohne weitere Ge­fahren mit sich zu bringen, feinem Ende ent­gegengeht.

Die große Raturkatkkstrophe, von der ©üb* italiezt betroffen worden ist, und die nach der« bisher vorliegenden Meldungen an die taufend Todesopfer gefordert hat, steht in der Geschichte der Raturkatastropfren keineswegs einzigartig da« Gerade Italien ist von jeher ein Katastrophen- gebiet gewesen, in dem die Raturgewalten fast: alljährlich ihre Opfer an Menschenleben fordern. Die größte Erdbebenkatastrophe, von der Italien jemals heimgesucht worden ist, war das Erd­beben im Jahre 1908, bei dem die Stabte Reggio und Messina zerstört wurden, Der Ausbruch des Vesuvs im Jahre 1794, der ungeheuren Schaden anrichtete, forderte nahezu 25 000 Lote. An Todesopfern wird dieja

1000 Todesopfer der Erdbeben­katastrophe in Sirdiialien.