Nr. <21 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Samstag, 24. Mai 1950
Der Sozialist als Anwalt des Militarismus.
Paul-Boncour
Dieser Tage erschien in der Hanseatischen Deriagsanstalt, Hamburg das Buch „13 Männer regieren Europa", Umriss« der europäischen Zukunftspolitik von Dr. Fritz Klein, Chefredakteur der Deutschen Allgemeinen Zeitung. Wir sind in der Lage, aus der bemerkenswerten Neuerscheinung einen Abschnitt wiederzugeben.
Paul-Boncour, mit dem Vornamen Josef, war zum letzten und einzigen Male vor 20 Jahren Minister. Während der letzten französischen Regierungskrisen wurde er vorübergehend als Minister- firäsident genannt, und vielleicht bildet er, wenn eine Partei einen grundsätzlichen Stellungswechsel vollzogen hat, wirklich noch einmal die Regierung. Im Ähre 1909 verwaltete er das Arbeitsministerium in Frankreich und schuf damals «in Gesetz für die Altersversorgung der Arbeiter. Seither ist er nicht Mitglied der Regierung gewesen, und man kann wohl davon sprechen, daß gerade aus diesem Grunde bei dem heutigen 57jährigen eine gewisse Torschlußpanik eingesetzt hat, die ihn zu verfehlten politischen Kombinationen verleitete. Seine Rolle für Frankreich aber ist außerordentlich bedeutsam. Einmal weil dieser Sozialist, der es bis heute abgelehnt hat, die Sozialdemokratie zu verlassen und als eine Art „nationaler Märtyrer" wie Briand und Mil- lcrand bürgerlicher Minister zu werden, ein genialer Militärorganisator ist. Von ihm stammt die neue Heeresoorlage Frankreichs, er hat das französische „Volk in Waffen" nach dem Kriege geschaffen. Wenn auch bei weitem nicht olles von seinen Plänen durchgedrungen ist, so u. u. nicht die militärische Erfassung der Frauen und Kinder und der Industrieorganisationen, so hat er doch dem französischen Generalstab unermeßlich wertvolle Dienste im Innern geleistet. Er ist Vizepräsident des Studienkomitees beim Obersten Na- tionalvertcidigungsrat und einer der besten französischen Militärspezialisten, der sicher manchen Gene- ral in die Tasche steckt, der zum Beispiel in Genf den ihm zugeteilten aktiven Offizieren durch großzügig« Sachkenntnis bei weitem überlegen ist.
In Genf ist nun bis vor kurzem das Hauptfeld seiner Tätigkeit gewesen. Paul-Boncour ist Advokat und Journalist. Sein Werdegang ist einfach. Zum erstenmal tritt er als Sekretär der spanisch-amerikanischen Friedenskonferenz im Jahre 1898 als 25jähriger l)ervor. Im folgenden Jahre wird er Privatsekretär von Waldeck-Rousseau, dann 1909 Abgeordneter der Deputiertenkammer. 1914 verliert er sein Mandat und kann erst 1919 wieder in die Kammer einziehen, der er seitdem ständig angehört. Im Kriege war er zum Schlüsse Landsturmhauptmann und Führer einer Grenzschutzkom- pagnie an der Schweizer Grenze. In dem Kammer- ausschuß für die Armee spielte er bald eine führende Rolle. Don September 1925 bis November 1928 war er Frankreichs Delegierter beim Völkerbund in Genf und hat als solcher an drei Vollversammlungen, etwa zwölf Ratssitzungen und einer Anzahl von Tagungen der Vorbereitenden Abrüstungskom- missiyn teilgcnommen. Ende 1928 legte er dieses Amt nieder, iveil es ihm als Sozialisten nicht mehr politisch nützlich erschien, eine Regierung Poincars weiter in Genf zu vertreten. Die sozialistische Partei Frankreichs hat mit ihm wegen seiner .Haltung in Genf und in den innerfranzösischen Militärfragen häufig Meinungsverschiedenheiten gehabt. Bekannt ist der große Zeitungsaufsatz des offiziellen Führers der französischen Sozialdemokratie. LLon Blum, der im Oktober 1928 in der Zeitung „Oeuvre" gegen Paul-Boncour den Vorwurf erhob, daß er in Genf sich selbst verraten und die Bestimmungen der Friedensdiktate über die Abrüstung ausgehöhlt habe. Immer wieder aber ge- lang es, diese Meinungsverschiedenheiten zu überbrücken, und Paul-Boncour blieb Mitglied der Partei, wobl nicht zuletzt wegen des hervorragenden Rednertalents, das er besitzt, und wegen seines internationalen Rufes.
Man kommt dem Verständnis dieses extraoagan- ten und hochbegabten Menschen näher, wenn man davon ausgeht, daß er Anwalt ist. Vor einiger Zeit hot er bekanntlich den Prozeß der Prinzessin Jutta von Mecklenburg-Montenegro gegen das Deutsche Reich geführt. Die zwei berühmtesten Sensationsprozesse, in denen er hervorgetreten ist, wo- ren die Verteidigung eines exotischen Prinzen und später eines bekannten Millionärs gegen ihre Geliebten, die aus dem einfachen Volke stammten. Auch her frühere Kronprinz Karl von Rumänien, der des Thronfolgerechts verlustig gegangen ist, hat sich Paul-Boncour zum Rechtsanwalt gewählt. Vielleicht kann man aus diesen Tatsachen einen gewissen Rückschluß auch auf seine politische Betätigung ziehen. Wenn ich ihn richtig beurteile, so ist er weniger ein schöpferischer Staatsmann, der für eine als richtig erkannte Idee kämpft und in ihr seine Lebensaufgabe erblickt, als vielmehr ein glänzender und kaum übertrefflicher Anwalt der staatsmännischen Ideen anderer. Er ist imstande, seine persönliche Aufassung der Sache des Klienten so sehr zu substituieren, daß er an die Uebereinstim- mung der beiden glaubt. Ein anderes tritt hinzu: er ist gewöhnt, auch „faule Prozesse" zu übernehmen und eventuell zu gewinnen.
Paul-Boncour ist der „schöne Mann" von Genf. Mittelgroße, breite, aber doch nicht plump wirkende Gestalt, charakteristisch die heute schon fast völlig weiße, mächtige Künstlermähne, blaue Augen, Bewegungen und Eitelkeiten einer Primadonna, die fast an den großen Aristide Briand heranreichen. Wenn Paul-Boncour in Genf spricht, füllen sich die Tribünen. Ein elegantes Publikum bevölkert die Ränge, und mit dem Schmelz und dem Pathos des berühmten Sensationsverteidigers legt er dann los. Ein wundervoller Anwalt, auch für eine schlechte Sache. Der Fuchs predigt den Gänsen Pazifismus. Aber es ist möglich, daß der vortreffliche Advokat kein gleich vortrefflicher Jurist ist. Bei den Verhandlungen über das (Senfe r Protokoll und ebenso bei den bekannten Verhandlungen des Sicherheitskomitees, die zur Der- zögerung der Abrüstung dienten, trat Paul-Boncour hinter dem griechischen Delegierten Po litis, der Advokat und Völkerrechtslehrer ist, zurück. Die subtilen Wortspaltereien des Professors Politis, die selbst Paul-Boncour zu hoch waren, entlockten ihm
den Ausruf: C’est mortel — das tft mörderisch. Ts war j e I b st ihm zu viel.
Aus seinen zwei größten Erfolgen ist der Staatsmann Paul-Boncour am besten zu erkennen: es gelang ihm als Vertreter Frankreichs in der foge- nannten Abrüstungskommifsion durchzusetzen, daß die ausgebildeten Reservisten und das angesammelte Kriegsmaterial in die Abrüstung nicht einbezogen werden sollen. Man könne, so sagte er, nur abrüsten, was „meßbar" ist. Das treffe aber aus die Reservisten nicht zu, denn möglicherweise seien einige verstorben oder ausgewandert (!). Dann machte er noch von einem anderen ebenso phantastischen Kunstgriff Gebrauch. Er forderte eine internationale Kontrolle der Abrüstung, ein Verlangen, das durchaus im Sinne des Völkerbundsgedankens liegt. Da aber die Abrüstung sich nur auf die aktiven und ausgebildeten Soldaten in der Kaserne erstreckt, könnten natürlich auch nur diese kontrolliert werden, nicht aber die Reserven, Kriegsoorräte und die ganze Mobilmachung. Nun leuchtet ein, daß di« Reservisten der w i ch t i g st e Teil einer Armee sind und nicht der Aktivbestand der Soldaten. Da außerdem Deutschland bekanntlich Reserven und Landsturm nicht besitzt, sondern nur aktive Soldaten, so Hing Paul-Boncours Vorschlag darauf hinaus, zwar Deutschland eine effektive Kontrolle aufzuerlegen, aber all den Staaten mit allgemeiner Wehrpflicht nicht.
So überschlau und geschickt diese Taktik auch sein mag, so ist sie doch für Frankreich nicht ohne Gefahr. Denn es liegt für den ruhig Denkenden auf der Hand, daß es wohl andere Staaten sind als Deutschland, die eine so militaristische Denkweise, wie die Paul-Boncours, als mögliche Gegener in erster Linie berücksichtigen sollten. Jedenfalls be- herrscht Paul-Boncour mit einer fulminanten Beredsamkeit alle Einzelheiten des sogenannten Abrüstungsproblems und ist ein Meister der Kunst, fortscbrittliche und dialektisch ausgeezichnet begründete Abrüstungsthesen vorzutragen, die in Wirklich- keit nur eine Verschleierung der Ziele der französischen Militärs sind. Ein großes Talent, ein unschätzbarer Soldat der französischen Politik, dessen vorübergehendes Ausscheiden aus den Genfer Ver- Handlungen vom französischen Standpunkte aus sicher noch sehr beklagt werden wird.
Oie deutsche Flotte besucht Sizilien.
Briefe von der Auslandausbildungsreise des Linienschiffs^Hessen".
Don H. Wittig, Leutnant zur See an Bord Linienschiff „Hessen"*.
Eigene Sonderberichterstattung für den.Gießener Anzeiger".
Wir befinden uns im Golf von Palermo. Cs ist nicht etwa schönstes sonniges Wetter mit klarem blauem Himmel, sondern Nebel, dicker Nebel, wie wir ihn nur oben in der Nordsee gewohnt sind. Dumps heulen die Dampfpfeifen beider Schiffe. Als wir nach unserem Besteck dicht unter Land sein müssen und kaum noch den Vordermann erkennen können, entschließt sich der Flottenches an Bord des Linienschiffes .Schleswig- Holstein" zu ankern, um das Auf klaren des Wetters abzuwarten. „Alle Maschinen stopp" rasselt der Maschinentelegraph. „Anker langsam aus J5 Meter fieren" befiehlt der Kommandant: denn es ist hier dicht unter der Küste noch sehr tief, und wir können einen 5 Tonnen schweren Anker mit dazugehöriger schwerer eiserner Kette nicht aus 75 Meter Höhe wegwerfen, dann würde er uns das ganze Spill und das Deck zerschlagen. Sofort mit dem Ankern werden Nebclsi- gnale mit der Schiffsglocke gegeben. An Oberdeck muß strengste Ruhe herrschen, damit ein sich näherndes Schiss schon von weitem bemerkt werden kann. 3n der Ferne hören wir das Geratter der Niethämmer einer Werft: es scheint uns, als lägen wir in unserm heimischen Kiel an der
• Vgl. auch Nr. 99 des „Gießener Anzeigers" vom 29. April und Nr. 115 des „Gießener Anzeigers" vom 17. Mai.
Boje, und hörten das Arbeiten der benachbarten Werften. —
3m kleinen Lotsenboot kommen zwei italienische Lotsen zu uns an Bord. Sie sind erstaunt über unser pünktliches Eintreffen und erzählen, daß sie seit mehr als 30 Jahren nicht mehr solch dicken Nebel hier unten gehabt hätten. Mit ihrer Hilfe gelangt erst „Hessen" und danach die „Schleswig-Holstein" durch die enge Einfahrt in den 3nnenhafen von Palermo. Genau an derselben Stelle, wo ich vor drei 3ah- ren mit der „Hamburg" gelegen hatte, sollte auch diesmal die „Hessen" wieder festmachen.
Palermo.
Palermo hat in den letzten 3ahren einen mächtigen Aufschwung genommen. Es zählt fast eine halbe Million Einwohner, ist Sih eines Erzbischofs, hat Universität und eine starke Garnison. Der Hafen ist weiter ausgebaut, so daß der lebhafte Schnelldampserverkehr zwischen Sizilien und dem Festland sich in ihm reibungslos abspielen kann. Flugverbindung mit großen doppelrumpfigen Flugbooten besteht von hier täglich nach Genua, Neapel und Tunis. — Die Stadt selbst liegt in einer grünen sehr fruchtbaren Ebene, der Conca d’oro (Goldmuschel), die in merklichem Gegensatz zu den sie umgeben-
JRaj Aeinhaidt zweimal Ehrendoktor.
Professor Max Reinhardt, Leiter des Deutschen Theaters und der Kammerspiele in Berlin, wurde anläßlich seines 25. Direktionsiubiläums von den philosophischen Fakultäten der Universität Frankfurt am Main und der Universität Kiel in Anerkennung seiner außerordentlichen künstlerischen Verdienste zum Dr. phil. h. c. ernannt.
den kahlen steinigen Bergen steht. LIeberall trifft man an Land Bauten, die an den Normannen- stil auS deren Herrschaft um 1100 herum erinnern. Die gewöhnlichen Wohnhäuser zeigen einen Anflug von Barockstil, der überall an den sonst kahlen Wänden und Hausfronten ein kleines Portal oder einen vergitterten Balkon 5er- vortreten läßt. Zwei große Hauptstraßen schneiden sich rechtwinklig in der Stadtmitte in einem Platz, dem Quattro Canti (vier Seiten) und bilden vier große Stadtteile. Die vier Eckhäuser an diesem Platz tragen als Schmuck die Heiligenfiguren eines jeden Stadtteiles und darunter noch die Figur einer 3ahreszeit. 3nnerhalb dieser Stadtteile gibt es nur wenig größere Straßen. Man bewegt sich auf kleinen engen Gassen, die sich kreuz und quer erstrecken, in denen man jedoch recht gut das Leben und Treiben des Volkes kennenlernen kann. Offene Geschäfte, die ihre Waren bis auf die Straße hinaus darbieten, vorwiegend Gemüse und Blumen, dann Händler mit Süßigkeiten und Eis, und vor allem sehr viel Fisch, bilden den Haupthandel. Die eigentliche Wohnstadt, das vornehmere Viertel, schließt sich im Norden an. 3n ihm gibt es prächtige breite Straßen, von denen eigentlich jede eine Allee für sich ist. Der Garten eines jeden Hauses gleicht hier kleinen Parks, so daß man nicht den Eindruck hat, daß man in einer Großstadt, sondern in einer Blumen- oder Gartenstadt sei. —
Der erste Tag unseres Ausenthaltes ist der Kohlenübernahme gewidmet. Wie oft haben wir diese Allemannsmanöver schon gemacht! Hier unten ist es mit erheblichen Schwierigkeiten verknüpft. Die brennende Hitze, das starke Stauben der Kohle und die unhandlichen Prähme machen den Seeleuten das Kohlen nicht leicht. Trotzdem arbeiten unter den Klängen der Dordkapelle die einzelnen Divisionen im Wettstreit miteinander und begrüßen die stündliche Bekanntgabe der Leistung. Während „Hessen" kohlt, empfängt der Flottenchef die offiziellen Besuche der militärischen und zivilen Behörden auf seinem Flaggschiff. Am nächsten Tage ist es umgekehrt. „Schleswig-Holstein" kohlt und „Hessen", auf der inzwischen großes Reinschiff gemacht ist, ist klar für offizielle Besuche. —
3n mehreren Abteilungen wird der gesamten Besatzung auf einer großen A u t o r u n d f a h r t Palermo und seine Ämgegend gezeigt. Dor der Kathedrale machen wir halt, einige Herren der deutschen Kolonie haben sich unser angenom-
Oie silberne Dose.
Don Hermann Eris Buffe.
Philander, der junge Verliebte, hatte von seinem Großvater, der noch den Puderzopf getragen, eine zierlich ziselierte Schnupftabakdose geerbt, die er mit großer Sorgfalt und geheimer Zärtlichkeit benützte.
Geheim schon wegen seiner Braut Bettina, von der er nicht wußte, ob sie das Schnupfen ertrage; denn kein flotter Bursche seines Alters nahm mehr eine Prise, sie rauchten nur mit Wichtigkeit entweder lange Pfeifen, um würdig auszusehen, oder die neumodischen hielten ganz verwöhnt die feine Zigarette zwischen den schön gepflegten Fingern. Bisher gelang es dem Verliebten, feine Gewohnheit vor Bettina zu verbergen, doch das gütig um das Heil der Tochter wachende Auge der Schwiegermutter entdeckte die Sünde und redete dem Mädchen ernstlich zu, nicht eher mit dem wüsten Menschen vor den Altar zu treten, bis er sich ein für allemal das Schnupfen abgewöhnt.
Bettina aber hatte Philander lieb und wollte nicht schon vor der Hochzeit das Pantöffelchen über den blonden Schwabenkopf schwingen. Deshalb sagte sie eines Tages beim Hemdennähen zur Mutter: „Philander schnupft nicht mehr!"
„Unb das Döschen?" fragte die prüfend und doch bestimmt, „das Döschen hätte ich verwahrt!"
-Ist wohl nicht nötig", meinte Tina kurz.
Am Polterabend jedoch entfiel die silberne Kostbarkeit durch Mißgeschick der Hand des Bräutigams, gerade als er Linchen im Pfänderspiel hätte fangen sollen. Sie hob es heiter auf und mit einem schelmischen Blick zur lieben Mutter steckte sie es in den Blusenausschnitt, wo es kühl an die zarte MLdchenhaut kam und ein wenig Unbehagen schuf; doch lag es dort wohlverwahrt, und Philander, sehr verlegen, sagte kein Wort.
Die Trauung war vorüber. Philander hätte, um der Rührung Herr zu werden, gern geschnupft und fuhr gewohnheitsmäßig in den Rocksack, das Kleinod schnell herauszuholen. Erst als er es zwischen den Fingern fühlte, wunderte er sich, wie es hineingekommen war; denn er wußte ja, daß Tina es geraubt hatte. Gewiß! Sie schob es ihm, wohl im Gedränge der Gratulanten, jählings zu, und um dessentwillen liebte er die Süße mehr denn je.
Sie begaben sich auf die Hochzeitsreise an das schwäbische Meer, unterwegs Stationen machend an sehenswerten Stätten. Bettina merkte auch jetzt noch nicht, daß Philander das Döschen, dessen Kostbarkeit sie liebreich im stillen Kämmerlein ihrer letzten Mädchennacht bewundert hatte, daß er das reizende Ding zog, um eine Prise vom häßlichen, braunen Inhalt zu nehmen.
Obwohl der Augusthimmel in tiefster, wolkenloser Bläue stand über dem jungen Paar, blieb es nicht wolkenlos in seinem Gemüt. Vielleicht genossen sie zu sehr den Honigmond, kurzum: es kam Verstimmung zwischen ihnen auf, wer weiß woher und auch weshalb. Sie stritten sich sogar um eine Kleinigkeit und machten Schmollgesichter schon am Abend, noch am kommenden Morgen im Zug, der sie nach einer schönen Seestadt bringen sollte, von wo es bann zu Schiff hinüber in die Schweiz zu reisen galt. Wie sie schweigsam nicht eben nahe beisammen saßen, weil es ihr Trotz gebot, vergaß der wactere Ehemann im Zorn, sein Schnupfgeheimnis weiter zu wahren. Er zog das Döschen aus dem Sack, auf dessen blankem Deckel sich noch zum ileber- sluh des Verrats die Sonne spiegelte, so daß ein kecker Strahl Bettina heftig in die Augen fuhr, die ganz erstaunt nun sah, wie wollüstig und mit anmutig gespitzten Fingern der Mann die braune Prise nahm. Unb da der Strahl sie allsort blendete, weil Philander geraume Zeit in seine Lust vertieft war, geriet Bettina in Hellen Aerger und brach mit heftigen Worten das zähe Schweigen. .
Ph'.lanber schloß das Döschen in die Faust. Obschon ihm starke Röte des Unwillens ins Gesicht sprang, gab er keinen Widerspruch, sondern blickte steif in die fliehende Landschaft hinaus. Bettina, noch der ehelichen Streitbarkeit ungeübt, verlor recht schnell die Stimme, und auch sie starrte verstummt aus dem Fenster.
Plötzlich sprang aber Philander auf, öffnete Fenster und Faust und schleuderte ein Etwas hinaus.
„O weh, das herzige Döschen", dachte Bettina erschrocken, und schon fuhr der Zug in die Station ein. Die junge Frau, rasch mit dem Ehemann ausgestiegen, eilte von dannen in der Richtung, aus welcher der Zug gekommen war. kaum daß der verblüffte Gatte sie einzuholen vermochte.
„Wo willst denn hin?" keuschte er heraus. „Das Döschen holen, das du weggeworfen hast. Er lächelle still.
„Hier ist es doch, ich leerte ja nur den Tabak aus."
Beschämt senkte sie den Kops. Sie versuchte, da sie des Dampfers harrend in schattenloser Som- mersonntagshitze am Hasen sahen, eine Plauderei anzuknüpfen. Doch Philander schwieg beharrlich. Zweimal ertappte sie ihn, wie er gewohnheitsmäßig in die Tasche langte, um verstohlen zu schnupfen und jedesmal ftnfter wurde, wenn er seinen 3rrtum merkte. Sie Halle plötzlich glühendes Mitleid mit dem armen Menschen, dem sie die einzige Liebhaberei mißgönnte, die auch zugleich sein allereinzigster Fehler war. Sie sehnte sich nach Frieden und nach seinem heiteren Gesicht. So sprang sie entschlossen von der Bank auf und sagte ihm kurz: sie wolle noch ein wenig die Stadt ansehen und wurde in ihrer jungen Frauenschönheit über und über rot, da sie sich mit raschen Schritten entfernte. Durch die unerträgliche Hitze der Straßen lief sie bann auf der Suche nach einem Laden, wo es Schnupftabak gab. Doch an einem Sonntag ist alles geschlossen. Sie wollte schon mutlos umkehren, da sah sie im Türrahmen eines Kramladens einen Alten stehen, der gerade eine Prise behaglich zur Rase führte. Sie eilte zu ihm hin und brachte scheu ihren Wunsch vor. Bereitwillig schloß er den Laden auf und brachte ihr ein Päckchen Lotzbeck, mit dem sie beglückt, als trage sie von neuem den Brautkranz, zu dem schmollenden Liebsten zurückeilte.
Wie Tau perlte ihr der Schweiß von der Stirne, als sie Philander den Lotzbeck in den Schoß legte.
Wiederum sagte er nichts, aber um seinen Mund spielte ein verstohlenes Lächeln, da er bas Päckchen ungeöffnet in die Tasche steckte.
Der Dampfer kam; sie stiegen ein. Er führte sie behutsam über den Steg und suchte einen schattigen Platz, von wo aus sie Seeweite und Uferschönheit bewundern konnten. Sie wurden fröhlich, und im Gemüt, bas noch vom Zwiespalt her verschleiert blieb, verliebt just wie am ersten Tag.
3n der Nacht, als das Zimmer ins Dunkel fiel, tastete Philanders Hand zu Bettina hinüber, die schon halb im Traume lag und drückte ihr das Döschen in die Finger.
„Nimm's", meinte er. „ich hab' dich doch lieb.“ Wie auch Fama weiß, soll der wackere Ehemann sehr ritterlich den Sieg über sein junges Weib ausgenützt haben; denn das Päckchen b lieb unangebrochen. Bettina merkte auch für- dechin nie, ob er schnupfte, und keines von
beiden verlor je wieder ein Wort über diesen köstlichen, ersten Streit. Erst im Alter, da sie weit über kleine Aergernisse und Schwächen hinausgereift waren, gedachken sie, einander schalkhaft neckend, des silbernen Döschens, bas eigentlich in ihren schönen Lebenskreis den heimlich festen und glückhaften Pol gespielt hatte.
Briefmarken und Lustschiffahri.
Dom 6.—16. November wird in Paris die Erste 3nternationate Luftpostausstellung ftattfinben. Sie wirb nicht nur bie Techniker unb Flugsach- verstänbigen interessieren, bie bie Entwicklung der Langstreckenflüge unb ihre Ausnutzung für Wirtschafts- unb Hanbelszwecke mit CBetounberung verfolgt haben, sie wirb baneben auch bie Aufmerksamkeit bes Postsachmannes (Briefkästen, Entleerung bet Kästen unb Verteilung an bie Empfänger, Spezialpostsäcke, Postfallschirme usw.) und schließlich des Briefmarkenfreunbes auf sich lenken. Für bie letzteren hat bie Pochluftfahrt in nben hinter uns Üegenben zehn 3ahren ein außerobentlich interessantes unb lehrreiches Sam- melfelb geboten. Spezialflugpostmarken wurden in einer Reihe von ßänbem herausgegeben: in den Vereinigten Staaten feit 1918, in Deutschen b unb Columbien seit 1919, in Schweben seit 1920, in Rußland feit 1923, unb bann folgten bie vielen anderen Länder wie Ungarn, die Schweiz, Holland unb anbere. Eine Anzahl dieser Marken hat bereits einen bedeutenden Wert erreicht. Beispielsweise wurde für eine amerikanische himmelblaue 24-cents-2Harte von 1918 im letzten Dezember der ansehnliche Betrag von fast 10 000 Mark angelegt. Die graue „Hawker“- Neufunblanb-Marke brachte es auf über 3000 Mark. 3n Frankreich existieren unseres Wissens weder Spezialbriefmarken noch Spezialstempel für Luftpost. Dagegen will der Aeroklub von Frankreich anläßlich der bevorstehenden Ausstellung Erinnerungsmarken herausgeben, bie bereits vom Mai an im Verkehr sein werben. Ferner wird gelegentlich bet bevorstehenben Briesmarken-Aus- stellung in Algier im Mai bieses 3ahres eine Erinnerungsmarke mit einem Flugzeug gedruckt werden. Bereits vor drei Jahren hatten übrigens die Studienkommission der Weltpostunion, die 3ntemationale Handelskammer und die Haager Postkonferenz die Frage einer internattonaler, Flugpostmarke angeschnitten.


