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Konsianze.

Vornan von Karl Heinz Voigt. Urheber-Rechtsschutz Verlag Oskar Meister, Werdau. 19. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Sie hatte Tränen in den Augen, und ihre Worte waren gairz leise geworden.

Ihr Besitztum würde in gute Hände kommen, gnädige Frau, wenn ich es kaufen sollte. Ich habe von außen mit dem Objekt gelicbäugelt. Ich zweifle keinen Moment daran, daß das Innere genau so meinen Beifall findet."

Wissen Sie, was der Besitz kosten soll?" frag­te die alte Same vorsichtig.

»Was verlangen Sie, gnädige Frau?"

Zweihundertsiebzigtausend Mark." Er machte ein Gesicht wie eine Göhensigur, deren Ausdruck unbestimmbar ist.

Er besichtigte die Zimmer und war entzückt von den Räumlichkeiten dieses kleinen Schlosses. Bieles freilich würde nach seinem und Julias Geschmack geändert werden müssen! O ja, diese Billa war geeignet, eine Julia zu beherbergen. Hier würde sie residieren wie eine kleine Fürstin. Hier konnten Feste gefeiert werden. Gr träumte davon, daß er hier bei Julia Entspannung und Erholung von seinen Geschäften finden könnte. O, vielleicht war cs doch noch möglich, ein einigermaßen begehrenswertes Leben zu führen!

Plötzlich mußte er an Konstanze denken. Wenn er ihr dieses Heim zuin Geschenk machen dürfte! Er erkannte, dah diese Möglichkeit ein Ziel, einen Zweck für sein Leben bedeuten würde und ganz klar und unzweideutig wußte er, daß Kon- stanze die beste Frau der Welt war, die Frau, die in sein Dasein gehörte. Wie würde ihre strenge, hohe Figur in diesen Räumen einer Königin gleich umhergehen! Wie würde dieses ein wenig herbe Gesicht zu der ehrwürdigen Pracht dieser Umgebung passen! Run, das war vorbei für immer, siehst du!

Emmerstorff muhte sich sagen, dah der Erlös aus diesen Einrichtungen dieser Frau Rittmeister Sartorius allem Millionen einbringen konnte. Hiervon konnte sie sich also offenbar nicht trennen! Lieber verkaufte sie das Haus.

In einem dunkclgehaltenen Gemach saß eine alte Dame in einem Fahrstuhl und schaute taten­los zum Fenster hinaus.

Als Frau Rittmeister Sartorius und Ernrner- storff eintraten, wandte sie den Kopf. Crnrner- ftorff erschrak. Eine eingetrocknete Mumie mit lederartiger gelber Haut blickte ihn feindselig an. Die riesengrohe Rase, die aus dem knochigen Gesicht sprang, gab dem ganzen Antlitz einen boshaften Ausdruck. Wie ein Koüdor, der nach Raub ausspäht, sah sie aus. Die Augen

f tagen tief und FTeht ln den Hohlen und mute- I tert grün und trübe an. Das Haar dieser Mumie war dünn und besaß eine Farbe die man nicht bestimmen konnte. Es mochte vielleicht früher einmal blond gewesen sein, jetzt schimmerte es in rosa und grünen Tönen. Die Ohren dieser Grei­sin waren unmäßig lang und groß. Dieser Ein­druck mochte noch durch ein paar haselnußgrohe Brillantohrringe verstärkt werden. Diese Ohr­ringe waren der einzige Schmuck, den sie trug.

Frau Rittmeister Sartarius ging auf die Mu­mie zu, die sogleich ein altmodisches Höhrrohr an das Ohr legte.

Dieser Herr hat Interesse für das Haus", schrie sie mit heller Stimme in das Höhrrohr. Herr Emmerstorff aus Berlin", erklärte sie weiter und zu Lothar gewandt:Meine Schwe­ster Fräulein von Rampnitz."

Emmerstorff verbeugte sich gemessen.

Die Augen der alten Dame weiteten sich und bekamen einen fragenden Ausdruck. Emmer­storff empfand Abscheu vor diesem Gespenst.

Weiß der Herr, was wir verlangen?" fragte mit einer ungewöhnlich schallenden Stimme das Gespenst. Fräulein von Rampnitz sprach jetzt nur noch mit ihrer Schwester. Don Lothar selbst nahm sic keine Rotiz mehr. Ihre Stimme klang schnarrend wie eine Quäke und da auch ihre Schwester in das Höhrrohr trompetete, so wurde die Konversation zu einem Geschrei.

Richt mit dir handeln lassen!" schnarrte sie ermahnend und hob drohend den Finger.

Emmerstorff überging die Taktlosigkeit, die in dieser Aeußerung lag, mit eisigem Schweigen. Er gewahrte, daß ihre Hände klauenartig verkrümmt waren. Die Fingernägel waren lang und schmal. Das Auffallendste und Groteskeste an dieser gan­zen Erscheinung aber war, daß die langen Nägel äußerst gepflegt und sogar poliert waren. Sie kann ihre Häßlichkeit Darin spiegeln", dachte Lothar belustigt.

Als sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, atmete er auf. Ein Geruch von welken Blumen und trostlosem Altern sah ihm noch hinter der Rase.

Sie besichtigten das letzte Zimmer, dessen große Flügeltüren nctch der Terrasse des Parkes zu gingen. Sie wollten gerade hinaustreten, als Emmerftorffs Blicke an einem Bild haften blie­ben. Es war das lebensgroße Pastellgemälde eines überaus schönen und edlen Mädchens. Das Anziehendste an diesem Gesicht waren die gro­ßen, strahlenden Augen und die hauchzarten weihen Hände. Die Gestalt war schlank und sehr formedel. Frau Rittmeister Sartorius gewahrte den Blick ihres Gastes und bot die Erklärung:

Dieses Bild stellt meine Schwester dar", sagte sic und hatte dabei ein trübes Lächeln auf den Lippen.

Emmerstorff fühlte ein Grauen vor der Zer­störungswut der Zeit.

Ser Park übertraf alle Erwartungen Lothars. Hier liehen sich mit ein wenig Phantasie und Verständnis die herrlichsten, märchenhaftesten An­lagen schaffen. In ganz Berlin sollte diese Besitzung berühmt werden. Sie erste Gesellschaft würde sich hier treffen. Bon allen umgeben aber, als strahlender Mittelpunkt, würde Julia Trium­phe ihrer Schönheit feiern, Julia, die ihn zu diesen unerhörten Plänen trieb.

Ich kaufe das Besitztum."

Frau Rittmeister Sartorius kam dieser Ent­schluß reichlich überraschend.

Im allgemeinen wären wir uns wohl über das Hauptsächlichste Har.

Sie nickte wieder und Emmerstorff sah, dah sie Tränen in den Augen hatte.

Mit welchem Rechtsvertreter darf ich mich in Verbindung sehen?"

Iustizrat Manzmann.

Bis wann gedachten Sie wohnen zu bleiben, gnädige Frau?" fragte er zartfühlend.Ich ge­denke verschiedene Umbauten vorzunehmen."

Erst jetzt schien die alte Same zu begreifen, daß sie bald nicht mehr die Besitzerin dieses Hauses sein würde. Sie weinte unbeherrscht und laut.

Emmerstorff war aufs höchste peinlich berührt. Richts war ihm unangenehmer, als Frauen wei­nen zu sehen. Er respektierte ihre Tränen und lieh sie allein.

Seine Kaufwut schien immer maßloser zu wer­den. Kaum war der Vertrag mit Frau Ritt­meister Sartorius unterschrieben, so wandte er sich dem Ankauf der Glasfabrik von Fischer 8- Co. zu. Seine Bankberater schüttelten die Köpfe und ließen vorsichtig Warnrufe ertönen. Er kümmerte sich nicht darum. Was er in letzter Zeit begon­nen, brachte ihm Glück. Durch den Verkauf des kürzlich erworbenen Waldbestandes, den er erst schlagen lassen wollte, hatte er eine Riesensumme verdient. Dieser Warburg war wirklich ein ge­schickter Bursche! Er hatte seine Rase scheinbar überall, horchte herum und war zweifelsohne geschäftstüchtig. Durch ihn hatte er den Kunden bekommen, der ihm den Wald abkaufte. Selbst­verständlich machte Warburg fein gutes Geschäft dabei. Mochte er! Auch die Glasfabrik, auf die ihn dieser Warburg aufmerksam gemacht, war sicherlich ein gutes Objekt.

Als Lothar Emmerstorff aber mit Iustizrat Pranders über seine neue Pläne sprach, schüttelte der mißbilligend den Kopf.

Sie sollten sich mit öiejem Warburg nicht ein­lassen, Herr Emmerstorff. Er ist nicht einwand­frei. Man spricht verschiedene seltsame Dinge über ihn. Wissen Sie, daß er die Absicht hat, ein Wettbüro aufzumdchen?"

Das Gerücht von dem Wettbüro ist mir neu. Das andere glaube ich nicht und interessiert mich nicht. Ich kaufe die Glasfabrik."

Ser Iustizrat zuckte Ile Achseln.Emmerstorff weiß kaum mehr, was er tut. Er hat den Halt unter den Füßen verloren. Sehr bald wird et am Boden liegen, hatte Siegfried Marschner einmal zu Pranders gesagt. Der Iustizrat wußte nun, Marschner hatte recht gehabt.

Lothar lag sehr viel daran, den Kauf der Glasfabrik recht bald abzufchließen. Die Ver­käufer hatten einen riefenlangen Vertrag aufge- fetzt. Emmerstorff las ihn durch. Er war zerstreut und dachte an die Herrichtungsarbeiten in dem neuen Palais auf der Babelsberger Straße. Lud­wig Warburg stand dabei und betrachtete ihn erwartungsvoll.

Ich kaufe die Fabrik", sagte Lothar gedanken­los und griff zur Feder.

Ludwig Warburg grinste in sich hinein.

Emmerftorffs Gedanken schweiften zu Julia.

Er unterzeichnete.

6. **

Eines Sonntags mittags klopfte es an Äon» stanzes Zimmer.

Konstanze hob den über das Buch geneigten Scheitel und schaute zur Tür. Schon reichte ihr Frau Bürger eine Karte. Felix, ihr Bruder! Im ersten Moment war Konstanze verwirrt und überrascht. Sie konstatierte schnell vor dem Spie­gel, daß sie ihren Bruder empfangen könne.

Dann kam Felix. Etwas schüchtern und mit den rosig überhauchten Wangen, die dem jungen Gesicht etwas Knabenhaftes verliehen, stand et vor seiner Schwester.

Ich bin gekommen, Konstanze", sagte er nach kurzem Händedruck,dich um Verzeihung zu bittert.

Sie sah ihm klar ins Auge.Ich wüßte nicht, Felix, was ich dir zu verzeihen hätte." Es klang etwas beklommen, als sie das sagte.

Es ist nämlich", er hüstelte verlegen,daß wir uns nun öffentlich verlobt haben hast du viel­leicht gelesen. Ja, Josephine und ich, wir haben uns nun also verlobt."

Ich lebe in der Verbannung, Felix."

Er senkte den Kypf und suchte nach Worten. In vierzehn Tagen ist die Hochzeit und da wollte ich ..."

Konstanze begriff augenblicklich. Sie sah ihres Bruders Befangenheit.

Da wolltest du dich entschuldigen, daß du mich nicht einladen kannst, nicht wahr?"

Er nickte und sah sie nicht an.

Das war nicht nötig, Felix. Ich weiß auch, daß du der einzige meiner Brüder bist, der es ehrlich mit mir meint. Ich bin dir dankbar da­für", sagte sie einfach.Ein Hochzeitsgescherck freilich werde ich dir nicht machen können. Ich bin eine ganz arme Frau." Sie lächelte trübe und blickte zu Boden.

(Fortsetzung folgt)

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