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Nr. 120 Zweites Blatt Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhesfen)Zreitag, 23. Mai 1950
Weder Revolution noch Staatsstreich.
Don 6. von Ungern-Sternberg.
Oie Vorgänge in Gpanien.
5>er weißbärtige Barde der spanischen Wunsch- republlk, Professor Unamuno, hat in den letzten Wochen viel von sich reden gemacht und manche- Unfall angestiftet. Professor Unamuno ist bekanntlich der intellektuelle Führer gewisser republikanischer Kreise Spanien-, die sich wenig um die politisch gegebenen Möglichkeiten kümmern, aber die bereit sind, ihr Steckenpferd durch Dick und Dünn -u reiten. Gr hat es im besonderen aus die Person des Königs Don AlfonsoXlll. abgescfan, den er mit seinem Hah verfolgt. Er macht ihn allein für die Der- bänguhg und für die Fehler der Diktatur Primo de Riveras verantwortlich, die ihn seinerzeit zwangen, ein unfreiwilliges Asyl in Paris zu suchen. Don dort aus versandte er gemeinsam mit dem Dichter Dlasco Ibanez, dem berüchtigten Autor der antideutschen Hetzschrift »Die drei apokalyptischen Reiter", beleidigende Flugschriften gegen die Monarchie und gegen die Diktatur, die zwar dem Throne nicht schadeten, die aber dafür dem streitbaren Professor Ruhm und Ansehen in den weniger zahlreichen als lauten republikanischen Gruppen seines Vaterlandes einbrachten. Ramentlich die in Spanien ganz besonders „grüne" akademische Jugend geriet unter seinen Ginsluh.
Nachdem ihm die Amnestie die Rückkehr in seine Heimat ermöglicht hatte, und nachdem Professor Unamuno von seinen Gesinnungsgenossen bei seinem Grenzübertritt an der Bidasoa- brücke, in Vilbao und Salamanca gefeiert worden war, stattete er auch der Hauptstadt Madrid einen Besuch ab und hielt im Athenäum, dem Zentrum der radikalen spanischen Intelligenz, einen politischen Vortrag, in dem er wieder die schärfsten Angriffe gegen die Person des König- richtete, die Behauptung aufstellte, daß auf dem regierenden Hause der Bourbon-Habsburg ein Fluch laste, und seine Rede mit der Forderung schloß. der König möge abdanken. Professor Unamuno dankte den Studenten für die Verdienste, die sie um den Sturz der Diktatur erworben hätten, erklärte, daß Spanien ineinerPeriode offenerRevolution lebe und daß sogar die Steine sich gegen die Monarchie erheben würden.
Die Etudenlcn faßten die Rede des fanatischen Professors allzu wörtlich auf, sie versuchten in der Tat mit Steinwürfen den Thron zu stürzen. Gruppen der akademischen Jugend beschlossen „Revolution" zu machen. Sie griffen die Polizei an, zogen mit einer roten Fahne in die Hörsäle der Univerfität, verbarrikadierten sich schließlich auf dem Dach der Hochschule unb schleuderten Dachpfannen auf die Gendarmen. Gleichzeitig entstand in den Straßen der Stadt ein Getümmel, da die königstreuen Hochschüler ihre revolutionären Kommilitonen zu verprügeln begannen. Leider ließ sich die bedrohte Polizei dazu verleiten, anstatt mit Feuerspritzen gegen die meuternden Jungen vorzugefan, von ihren Waffen Gebrauch zu machen, ein Toter und mehrere Verwundete sind zu bellagen.
Die „Studentenrevolution" ist an sich für den Staat kein gefährlicher, sondern nur ein sehr bedauerlicher Vorfall, denn die normale Entwicklung in Spanien ist dadurch vorläufig in Frage gestellt. Cs darf aber nicht übersehen werden, daß weder die Arbeiterschaft, noch die breiten Volksmassen an der Studentenrevolte teilnahmen. Von den ungefähr 24 Millionen Spaniern dürften nicht viel mehr als eine Million politische Interessen haben. Die große Menge lebt ruhig dahin, fügt sich den Geboten der Kirche und der Tradition und nimmt alle Regierungsveränderungen wie Bestimmungen des Schicksals entgegen, ohne sich dagegen aufzulehnen. Gs sind ja immer noch etwa
70 Prozent aller Spanier Analphabeten 1 Das Bestreben der spanischen Intellektuellen, mit Professor Unamuno an der Spitze, auch in ihr Land den Geist von 1789 zu tragen und eS mit dem demokratischen Materialismus zu beglücken, hat deshalb einen vorgestrigen Beigeschmack. In Spanien sind noch die Kräfte des Mittelalters und der Gegenrevolution eine lebendige Macht.
Man stößt dort nicht auf den Klassenhaß mit seiner Zerstörungswut, mit seiner Mißgunst und Glaubenslosigkeit. Die Bestrebungen der Professoren Unamuno, Ortegan y Gasset, Gaston Lerroux, Prieto, Marcelino Domingo usw. bringen nicht in die Tiefen des spa- niscfan Volksempfindens. Ihr Eifern gegen die Monarchie und gegen die Kirche (die spanischen Republikaner bekämpfen noch schärfer als den Einfluß der Krone die katholische Kirche), bleibt deshalb mehr oder weniger eine Obersflächenerscheinung, wenigstens solange die Armee sich nicht auf ihre Seite schlägt.
Pronunciamentos haben nur zu oft_ die Geschicke Spaniens geformt. Das Militär stürzte den Thron Isabellas II., General Martinez Campos proklamierte ihren Sohn Alfonso Xll. wieder zum König, Primo de Rivera trieb 1923 durch fernen Staatsstreich die verrotteten Cortes auseinander, bis er vom Oberkomman- dicrenden des königlichen Hauptquartiers, General, Berenguer, abgelöst wurde. Es ist deshalb verständlich, wenn es wieder Generäle sind, die nach der grotesken Studenten- revolution sich als Daterlandsretter melden wollen Es nimmt in der Tat wunder, daß die Regierung des Generals Berenguer, die über alle Machtmittel verfügt, den Studentenunruhen nicht vorgebeugt hat und Professor Unamuno mit seinen aufhetzerischen Reden gewähren ließ. Kurz, die sehr bekannten Generäle MartinezAni- d o und B a r t e r a , die ihre Lrrbeeren weniger auf dem Schlachtfelde als in der politischen Ver
waltung geerntet haben, hatten anscheinend den Plan gefaßt, General Berenguer in den Arm zu fallen und eine strenge Militärdiktatur zu errichten. Martinez Anido war Innenminister unter Primo de Rivera gewesen und hatte stets sehr wenig Verständnis siir die bürgerlichen Freiheiten gezeigt, er schätzte die polittfierenden Professoren und die CorteSpolitikcr sehr niedrig ein und galt im Gegensatz zu dem wohlwollenden Diktatur Primo de Rivera alS der rücksichtslos« Mann. General Darrera war General kapitän von Barcelona, gegen den noch vor dem Staatsstreich zahlreiche Attentate verübt worden waren. Es ist verständlich, daß diesen an strenge Zucht
gewöhnten Generälen die schwankende, nachsichtige Haltung des Ministerpräsidenten nicht zusagte und daß sie mit den Studentenunrufan und dem republikanischen Spuk aufräumen wollten. Run, die Generäle konnten oder wollten den von ihnen geplanten Staatsstreich nicht ins Werk setzen, er war unnötig geworden. Der Studentenputsch verebbte, Madrid blieb vollkommen ruhig und die allgemeine Stimmung richtete sich gegen die gewissenlosen republikanischen Professoren, die die Jugend sinnlos auf die Straße gehetzt haben und die den Beweis lieferten, daß ihnen jede Qualität zur politi- schen Führerschaft fehlt.
General Berenguer hat der Zeitung „Gl De- bate" eine Erklärung gegeben, daß dre Studen- tenrevolten und republikanischen Umtriebe politisch bedeutungslos seien, daß die Regierung ihren vorgezeichneten Weg gehe und daß die Wahlen eine erdrückende Mehrheit für die Monarchie ergeben würden In der Tat ist der Stern der Republikaner, der nach dem Sturze Primo de Riveras aufleuchtete, stark int Verblassen. Es ist keine politische Ruhmestat, sondern politischer Leichtsinn und Eitelkeit, halbwüchsige Knaben zur Revolution gegen die Staatsgewalt anzustacheln und gefährliche Dummejungenstreiche als Heldentaten zu bezeichnen. Professor Unamuno hat, ohne es zu wollen, der ihm verhaßten Monarchie einen großen Dienst erwiesen
Miguel de Unamuno (X), der bekannte spanische Dichter und frühere Rektor der Univerfität Salamanca, im Kreise seiner Anhänger, zumeist Studenten, vor denen er nach seiner Rückkehr aus der Verbannung nun leidenschaftliche Anklagereden gegen den König hielt, die in dem Rus nach der Republik gipfeltet
Rudolf von Laban, der bekannte Tanzpädagoge, wurde alS Ballettmeister an die Berliner StaatSoper berufen
Gandhi und die Kaste.
Don Hermann Orauvt, Stistspfarrer in Lich.
Mit gespannter Ausmerkfamkeit verfolgt man in Europa das große Geschehen in Indien und beobachtet den Kampf, der gegen England von Gandhi und seinen Anhängern — nicht vom indischen Volkl — geführt wird. In dieser letzten Einschränkung liegt eine Kritik an mancher falschen Beurteilung der indischen Vorgänge. Bei jeder Beurteilung der Verhältnisse in Indien muß man sich das eine immer wieder klar machen, daß wir vor einem indischen Volke im demokratischen Sinne des Wortes nicht sprechen dürfen, denn es gibt keine indische Volksgemeinschaf tl /w.„.
3n dem riesigen Reiche mit seinen 320 Millionen Einwohnern ist zunächst einmal eine ungeheure Verschiedenheit und Mannigfaltigkeit der kulturellen, wirtschaftlichen, völkischen und religiösen Verhältnisse^festzustellen. Wir haben auf der einen Seite große Stämme. Bergvölker, die in jahrtausendelanger Abgeschlossenheit vom gewaltigen Geistesleben Indiens kaum je berührt wurden. Hier gab es noch vor Jahrzehnten niemand, der schreiben und lesen konnte. Dicht daneben, in krassem Gegensatz dazu, die Städte. Kulturzentren, Heimat hohen indischen Geistes,' hier ragen die mächtigen Tempel mit ihren wuchtigen Pagoden, hier leben die indischen Dichter und Sänger, die Gelehrten und Priester, hier herrscht indische Pracht und indischer Reichtum. Selbst bei diesem flüchtigen Rebeneinanderstellen wird es klar, daß tiefgehende Unterschiede herrschen und daß man von einer inneren Verbundenheit wahrer Volksgemeinschaft nicht redc.t kann. Freifaitskamps eines Volkes aber seht solch tiefstes Gefühl innerster Volksverbundenheit voraus. Das aber ist zur Zeit in Indien nicht Vorhände nl Denn die eben erwähnten Mannigfaltigkeiten find klein zu nennen im Verhältnis zu den Unterschieden und Unterscheidungen, au den Zerklüftungen und Abgrenzungen, die in dem einen indischen Begriffe enthalten find' die Kastel
Das Kastenwesen ist arischen Ursprunges, das arische Kastensystem kennt vier Kasten. Drahma- nen, Kschatrijas, Waisias und Sudras. Letztere waren die nichtarischen unterworfenen Ureinwohner des Landes Allerdings sind diese Kasten nicht in ganz Indien verbreitet. Rach dem Süden des Landes scheinen nur die Brah manen gekommen zu sein, die von ihnen auch hier unterworfenen Sudras rückten in die leergelaffen« Lücke der Kfchatriias und Waisias ein, fo daß wir also im Süden (Tamulenland) nur diese beiden Kasten Brahmanen und Sudras faben. Doch gliedern sich diese Hauptkasten in viele Unterkasten, von deren strenger Abgeschlossenheit
Wie hört der musikalische Mensch?
Don Artur Holde.
Keine künstlerische Anlage beruht so stark auf Vererbung wie die musikalische. Während sich schriftstellertzfche Begabung nur sehr selten durch mehrere Generationen fortfeht, während auch das Talent für die bildenden Künste nur vereinzelt auf eine zweite Generation übergeht, und zwar dann meistens auf ein einziges Familienglied, finden sich in der Tonkunst Geschlechter, die über weite Zweige ein solches Maß an Musiksinn aus- schütten, daß der Berufswahl von Anbeginn an die Wege gewiesen sind. Ihren höchsten Triumvh hat die Vererbung musikalischen Gehörs in der Familie Bach gefeiert, die 21/» Jahrhundert einschließlich aller Rebenlinien eine tatsächlich unübersehbare Reihe von Musikern hervorbrachte.
Es gibt überhaupt kaum einen Fall, in dem geniale musikalische Anlage nicht Erbgut gewesen ist. Und zwar überwiegt bei dieser Mitgabe ganz auffällig die väterliche Seite, wie die Bachs, wie Beethoven, Mozart, Weber, Brahms, Richard Strauß und andere Großmeister beweisen. Zu der ererbten Fähigkeit kam der Umstand hinzu, daß das Gehör durch den Berus des Vaters von frühester Jugend an systematisch hochgezüchtet wurde. Und jene Sicherheit der Tonbestimmung, die gewöhnlich — wenn vuch nicht ganz exakt mit dem Begriff „absolutes Gehör'' belegt wird, trifft man besonders ßäu- ftg bei Menschenkindern an, bei denen kein Sinnesorgan so zeitig und nachdrücklich geweckt worden ist, wie gerade der Gehörkomplex.
Don einem „absoluten" Gehör zu sprechen, muß dem wissenschaftlich Denkenden widerstreben, da in Wirklichkeit nur ein zuverläsfigesTon- bewußtsein vorhanden ist. Die Gabe, einen Ton auf der Grundlage unseres temperierten, das heißt: ausgeglichenen Tonsystems sofort nach dem Erklingen zu benennen, bedeutet immer nur eine meistens in früher Jugend gewonnene sichere Anpassung an vorhandene, aber stets der Beeinflussung zugängliche, also auch wieder für das Gehör variable Tonhöhen. Dieses also „absolut" genannte Gehör ist also eine teils auf Anlage, teils auf Pflege des akustischen Aufnghmeappara- tes beruhende Treffsicherheit, deren künstlerischen Wert man nicht so überschätzen soll.
wie es gerade in den Kreisen der Musikfreunde und Laien geschieht. Auch Eltern und musikalische Erzieher glauben oft, hierdurch einen Wertmesser für die Begabung des Kindes gefunden zu haben. Daß das „absolute Gehör" sehr „relativ" ist, sieht man daran, daß es bei den meisten einer ernsthaften Prüfung Unterzogenen ins Schwanken gerät, wenn schnelle jmb komplizierte Harmoniewechsel eintreten. Ferner zeigt sich die Bedingtheit stark in der Rahe der Höhen- und Tiefengrenze der für die Musik in Anspruch genommenen Skala. Bei dem tiefen Brummen von Maschinen, bei schrillen Signalpfeifen versagt so manches als „absolut" gepriesene Ohr.
Der Besitz eines über den Durchschnitt präzise arbeitenden Gehörmechanismus bietet noch keineswegs Gewähr für ein großes musikalisches Talent. Cs gibt mäßig faanlagtc Mufiker und Dilettanten, die sich des „absoluten Gehörs" rühmen können, und es gibt Meister erster Ordnung wie Richard Wagner und Meyerbeer, die diese Zuverlässigkeit des Gehörs nicht besessen haben.
Wen kann man nun überhaupt als musikalisch, als einen mit „gutem Gehör" begabten Wenfchen bezeichnen? Doch wohl denjenigen, der, natürlich gleichgültig mit welchen Stimmitteln, imstande ist. angegebene Intervalle rein zu treffen und eine kurze Melodie einfachen Schnitts nachzusingen. Auch die Fähigkeit — nach 2lufUärung über die Besonderheiten — Dur und Moll zu unterscheiden. ist ein wichtiger Anhaltspunkt zur Beantwortung der Frage. Zu dieser TrefssichlEheit muß sich noch eine über das kurzfristige Behalten Heiner Motive hinausgehende Gedächtnisleistung gesellen. Wir sind geneigt, gerade die als „hoch- musikalisch" anzusprechen, denen das Gedächtnis wichtigste Stütze des musikalischen Ohrs ist. Allerdings ist das Gedächtnis in der Musikausübung den gleichen Schwankungen wie bei einer anderen Geistestätigkeit unterworfen. Auch die Funktionen des musikalischen Gedächtnisses lassen nach, sobald der körperliche Höhepuntt des Lebens überschritten ist.
Bei gründlicheren Untersuchungen des Gehörs ist vor allem festzustellen, ob der den Klang Aufnehmende geringere Tonhöhenunterschiede erkennen kann, als sie die in unserer temperierten (z. B dem Klavier eigenen) Stimmung als kleinste Einheiten geltenden halben Töne besitzen. Das die Töne ins Gehirn leitende vielsträhnige Rervenbündel, das für jede unterscheidbare Ton
höhe ein einzelnes Fädchen bereithält, ist bei einem musikalisch stark reagierenden Menschen weit sensibler als bei' einem musikalisch indifferenten. Wer sich nie mit Dingen des musikalischen Ohres beschäftigt hat. besitzt oftmals eine so geringe Feinheit und Reizempfindlichkeit der Gehörorgane, daß der Abstand von einem halben Ton überhaupt nicht erfaßt wird, und bei dem Versuch, ihn wiederzugeben, kommt ein Intervall zustande, das sich einem ganzen Ton nähert.
Daß das Ohr ohne Schwierigkeit kleinere Abstände als halbe Töne aufnimmt und verarbeitet, sehen wir an den indischen und arabisch-persischen Tonsystemen, die auf Viertel- und Dritteltönen aufgebaut sind. Vierteltöne zu treffen, kann jedem geschulten Sänger gelingen, da er durchaus zwischen den eben nur aus unteren Tasteninstrumenten gleichlautenden Tönen Cis und Des zu unterscheiden vermag. Aber selbst für ein empfindliches Ohr ist diese bei sorgsamer Ausführung und Aufnahme wohl wahrnehmbare. aber beim Zusammenklingen temperierter und nicht temperierter Töne sofort verwischte Differenz nicht fo gewichtig, daß sich ein neues „Tonshstem". das das bisherige unserer Kunst- musik ablöst, rechtfertigen ließe, wie es von dem Prager Komponisten Alois Haba propagiert wird.
Es ist eine jedem Musiker vertraute Tatsache, daß das Singen und das Spiel der Streich, und Blasinstrumente durch den Zwang, den gewünschten Ton erst hervorzubringen, das Gehör weit mehr schärft, als die Beschästtgung mit einem auf fixierten Tonhöhen beruhenden Tasteninstrument Der durch das Uebergewicht des Klaviers eingeriffenen Vernachlässigung des Gehörs begegnen jetzt mit Erfolg die modernen musikalischen Erziehungsmethoden, unter denen sich die von D a 1 c r o z e geistvoll und zweckmäßig aufgebaute und die Tonika D o - L e h r e als anregendsten und förderlichsten gezeigt haben. Den Wert des systematisch erzogenen Gehörs haben in neuerer Zeit auch die Schulen erkannt. Durch pllegliche Behandlung des Ohres wird gerade von ihnen der Beweis erbracht, daß unrettbare musikalische Analphabeten zu den größten Seltenheiten gehören. Das musikalische Gehör zählt gewiß nicht zu den lebensnotwendigen Singen unserer sinnlich-seelischen Existenz. Doch, wer möchte wohl auf die Steigerung des Lebensgefühls verzichten, die ihm durch ein musikalisches Ohr beschieden fein kann.
Maschnek fliegt nach London.
Don Hans Ttiebou
Maschnek ist unter die Erfinder gegangen. Gr hat ein Flugzeug konstruiert, das hat keinen Motor, dafür aber eiserne Streben, einen stählernen Rumpf, Tragflächen aus fingerdickem Blech und Räder, die aussefan, als wären sie aus maffinem Blei.
„Mit diesem Flugzeug wollen Sie fliegen?" fragt der Mann, der die Sache finanzieren soll. „Wie stellen Sie sich das eigentlich vor? Wie wollen Sie einen solchen Metallkoloß überhaupt vom Boden bekommen? Und ohne Motor? Soll das etwa ein Segelflugzeug sein?"
„Natürlich", sagt Maschnek, „das ist ein Segelflugzeug"
„Haha!" lacht der Mann mit dem Geld, „ein guter Witz! Ich zahle 10 000 Mark, wenn Sie das Ding nur hundert Meter weiter bekommen "
„Was heißt hundert Meter?" zuckt Maschnek verächtlich die Achseln, „ich fliege mit dem Flugzeug bis London."
Der Finanzier krümmt sich vor Lachen. „Also los", schnauft er. „50 000 Mark, wenn Sie mit dieser Kiste da nach London fliegen.“
„In Ordnung", nickt Maschnek. Sie rufen ein paar Zeugen, und die Wette wird zum Vertrag erhoben.
Am nächsten Abend ruft Maschnek den Finanzier von London aus an. „Glücklich gelandet!" ruft et.
„Schwindel!" ruft der Finanzier zurück und reift nach London
3m Hotel treffen sie sich. „Sie behaupten also", fragt der Mann mit dem Geld, „Sie behaupten also allen Ernstes, mit Ihrem Bleikloh nach London geflogen zu sein?"
.Aber sicher", sagt Maschnek. „Ehrenwort."
„Und wie haben Sie das gemacht?"
„Furchtbar einfach", erklärt Maschnek. „Ich habe das Segelflugzeug abmontiert, in zwei große Kisten verpackt, bin damit nach Bremen gefahren und von da aus — immer mit den beiden Kisten natürlich — mit dem fahrplanmäßigen Flugzeug der Luft-Hansa nach London geflogen."
„Und da", schlägt der Finanzier mit der Faust auf den Tisch, „da behaupten Sie —"
„Richts weiter", hebt Maschnek kühl die Hand, „nichts weiter, als weine Wette gewonnen zu haben."


